Geschichten vom Treppenrand. Teil I: Ein jeder ist seines Durstes Schmied.

Seit etwa  zwei Monaten gibt es in meinem Leben ein neues Ritual. Rituale sind eigentlich was für schwache Menschen. Ich könnte jetzt unnötigerweise zu meiner Verteidigung sagen, dass ich meinem neuen Spleen viel zu unregelmäßig fröne, als dass man es wirklich ein Ritual nennen könnte. Aber  egal. Das ist es wirklich, denn eigentlich würde ich sehr gern ein echtes Ritual draus machen. Die Rede ist von meinen abendlichen Ausflügen zur Radebeuler Spitzhaustreppe. 365 Stufen sollen es angeblich vom Goldenen Wagen bis hoch zum Spitzhaus sein. Nachgezählt hab ich das noch nie. Ich vertraue den Treppenbeschilderern einfach. Joggen ist nicht gut für meine Hüfte. In der Grundschule hatte ich jahrelang eine Teilsportbefreiung deswegen: Laufverbot.

Also grübelte ich angestrengt über einer Alternative, die zwar weniger gelenkbelastend, aber dennoch ähnlich effektiv ist. Fitnessstudio kam nicht infrage, an der frischen Luft wollte ich sein. Und so fiel mir während meines dreimonatigen Engagements für die Dresdner Neuesten Nachrichten in Radebeul die Spitzhaustreppe ins Auge. Die ist ohnehin mehr Laufsportspot als alles andere. Jedes Jahr quälen sich dort die ganz Fitten beim Spitzhaustreppenlauf den lieben langen Tag hoch und runter. Gut, so ambitioniert sind meine Ziele nicht. Aber immerhin: Treppensteigen ist nicht Joggen, man bewegt den ganzen Körper trotzdem – und das mit Abstand Beste am Treppensteigen an der Spitzhaustreppe ist:  der Blick zurück! Zumindest beim Aufstieg. Wenn man endlich keuchend oben steht (zumindest geht mir das so) kommt man ganz schnell wieder zu Atem – weil man das Atmen schlicht vergisst ob des atemberaubenden Anblickes, der sich einem von hier oben aus bietet: Das ganze Elbtal liegt einem zu Füßen, ringsum die Girlanden der Rebstöcke, die sich wellenartig den Hang hinaufwickeln.IMG_4210

IMG_4190IMG_4200Heute war ich zum vierten Mal an der Spitzhaustreppe. Die Aufstiege dauern bei mir in der Regel entspannte fünf Minuten. Heute allerdings schaffte ich ihn auf ziemlich denkwürdige Weise in nicht mal vier Minuten. Wie das? Im ersten Anlauf brauchte ich noch 5.36 Minuten, im zweiten 5.17 Minuten. Nachdem ich wieder unten angekommen war, stellte ich allerdings fest, dass ich das Handy (meine Stoppuhr) oben am Weinbergshäuschen liegen gelassen hatte – und am Spitzhaus war ziemlich viel Betrieb. Es ist erstaunlich, welche Kräfte der alarmierende Gedanke daran auszulösen in der Lage ist, dass der flache, ständig pfeifende, klingelnde oder klimpernde Kasten plötzlich nicht mehr da sein könnte. Ein Szenario zum Nachdenklichwerden.

Der Sprint nach oben führte jedenfalls zu ausgesprochenen Erschöpfungszuständen. Immerhin: Das Handy lag noch dort, wo ich es hatte liegen lassen. Trotz der Erleichterung war ich fix und fertig. Hier machte sich nun der Flüssigkeitsmangel bemerkbar. Die Flasche Volvic CocoCabana, die ich dabei hatte, hätte ja eigentlich reichen sollen. Eigentlich. Wie so viele andere Läufer an der Treppe hatte ich die fast volle Flasche auf einer Sitzbank an einem der Rastplätze in der Mitte der Treppe deponiert. Als ich allerdings nach dem ersten Abstieg wieder nach oben trabte und nach meiner Flasche greifen wollte, hatte sich ihr Inhalt auf denkwürdige Weise auf etwa 1/6 des Inhaltes reduziert. Auf der steinernden Bank saß ein Pärchen.

Ich starrte erst auf die fast leere Flasche, dann auf das Pärchen, dann auf den Hund – eine mopsige, schnarchende französische Bulldogge – und dann wieder das Mädel an. Die beiden hatten den Inhalt meiner Flasche auf den Boden befördert, damit das gute Hundchen seine Erfrischung bekommt. Und so schlabberte die Dogge mein Volvic CocoCabana, das eigentlich meinen und nicht ihren Durst hätte löschen sollen. Nachdem ich Luft geholt hatte, schnarrte ich die beiden an: „Sagt mal, geht’s noch? Das war meine Flasche!“ Der Kerl – Typ California Surfer Boy – reichte mir die Flasche mit dem Wasserrest und meinte, als wäre es das normalste von der Welt: „Oh, das war deine Flasche? Soarrri. Aber es hat nur der Hund getrunken, und er war auch nicht an der Flasche.“

Fassungslos schaute ich ihn an, als wäre er nicht ganz bei Trost. Was ich denn jetzt trinken solle, fragte ich ihn entgeistert. Man könne doch sehen, dass hier Leute Sport machen, und man könne sich doch nicht einfach eine fremde, volle Trinkflasche schnappen und sie dem Hund hinschütten. Stocksauer schnappte ich mir die Flasche und stapfte mit einem Affenzahn an den beiden vorbei nach oben. Dankend lehnte ich den halbherzigen Versuch der Wiedergutmachung ab, als der Typ seine Börse zückte, um mir den „Schaden“ zu ersetzen. Von seinem Geld konnte ich mir auf der Spitzhaustreppe buchstäblich nichts kaufen.

Ein denkwürdiger Tag. Was lernt man daraus? Ein jeder ist seines eigenen Durstes Schmied. Flasche nicht mehr stehen lassen, Handy nicht mehr liegen lassen. Spart Kräfte und Nerven.