Was ist noch da, was schon vergessen?

Im 20. Jahr des Mauerfalls findet ja ein förmlicher Gedenktourismus zur Thematik statt. Da ist es gar nicht so leicht, sich für das eine oder andere Event oder eine der vielen Ausstellungen zu entscheiden.

Am Freitag habe ich der Ausstellung „Keine Gewalt! – Revolution in Dresden 1989“ im Dresdner Stadtmuseum einen Besuch abgestattet und war einigermaßen fasziniert.
Klein, aber fein ist die Ausstellung im 2. OG des Museumsbaus am Pirnaischen Platz; abwechslungsreich und originell gestaltet. Das Interieur – eine Reminiszenz an das Instabile, Fragile, das der untergegangenen Diktatur wie auch dem Staat als solchem innewohnte: Es besteht nämlich zu einem großen Teil aus Pappmaché – von den Wänden, über die Aufbauten für die Exponate bis hin zu den Hockern vor den Audio- und Videoinstallationen. Schummrige Beleuchtung macht das Wandeln durch die Austellung angenehm und unangestrengt.
Viele Originaldokumente, Videoaufnahmen von Veranstaltungen wie Jugendweihen, Pioniergeburtstagen oder der Einweihung der Prager Straße lassen Erinnerungen wach werden und wirken dennoch seltsam surreal und komisch.

Am beeindruckendsten war jedoch ein Videofilm u.a. des Filmemachers Volker Karp, aufgenommen im Dresden der Wendezeit kurz vor der Wiedervereinigung 1990. Der Film besteht aus 3 Teilstücken unterschiedlicher Autoren, wobei Karps Part den Verfall insbesondere der Friedrich- und der Äußeren Neustadt zu DDR-Zeiten zeigt.
Ich musste feststellen, dass die Zeit auch bei mir so einiges an Erinnerung verfärbt und ausgelöscht hatte – SO SCHLIMM hatte ich es in der Tat nicht in Erinnerung.
Und spätestens, als der Videofilm mit einem Male die Fensterfront unserer alten Wohnung am Bischofsweg ins Visir nahm, war das ostalgische Moment perfekt:
Alles sah im Film noch genauso aus, wie wir es seinerzeit ein halbes Jahr zuvor verlassen hatten: Die knallgelben Kunststoffverkleidungen, die mein Vater damals als Sichtschutz und Schutz gegen die Taubenplage angebracht hatte, stießen sofort ins Auge.

Es wird unter anderem über die Entstehung der Gruppe der 20 referiert, unterfüttert mit viel originalem Foto- und Schriftmaterial, und es wird gezeigt, dass die eigentliche Entscheidung, den Dialog zu suchen, also eine explizit *friedliche* Wende herbeizuführen, in Dresden fiel. Dennoch, finde ich, sollte die friedliche Wende nicht ausschließlich mit Kirche und Gruppe der 20 assoziiert werden. Es waren Hunderttausende Dresdner, die in jenen Tagen mit Rufen wie „Keine Gewalt!“ durch die Straßen zogen, und Millionen im ganzen Land, und es waren die Volkspolizisten, die irgendwann ihre Helme abnahmen und sich weigerten, auf ihre MitbürgerInnen zu schießen bzw. Gewalt anzuwenden.
Es war die Gemeinschaft der Entschlossenen, die die Wende zustande brachte, keine Clique weniger.

Insgesamt aber ist die Ausstellung eine gelungene Mischung aus Präsentation der realen Lebensumstände in der DDR, über die Instrumente der Machtausübung und Unterdrückung bis hin zur Organisation des Umsturzes. Alles in Allem kann ich die Ausstellung wärmstens empfehlen -allerdings nur als Ergänzung zu weitergehender Auseinandersetzung mit der Thematik. Trotz quantitativer Überschaubarkeit war ich immerhin fast 2 Stunden dort unterwegs.

Übrigens: Freitags ist der Eintritt immer frei 😉

Backstein-Harmonie hinter Wäldern aus Schilf

Eine Studienfahrt führte mich am gestrigen Samstag nach Leipzig, der Schönen. Seltsamerweise drängte sich mir diese Attributierung auf der Rückfahrt permanent auf, obgleich ich Leipzig eigentlich immer als unaufgeräumte, anstrengende Stadt empfunden hatte.

Den Unterschied machte wohl diesmal, dass ich mich nicht einfach, wie sonst, auf der Durchreise vom Bahnhof durch die Innenstadt zur Uni und wieder zurück befand, sondern mich im Anschluss an mein Uni-Programm kurzerhand in die Straßenbahn setzte und in jene Winkel der Stadt eintauchte, in denen das Leben wirklich pulsiert – und zwar jenseits von Konsumwut und Sight Seeing der Altstadt.
Ohne zu wissen, wo ich landen würde, bestieg ich am Hauptbahnhof die Linie 15 in Richtung Miltitz. Bei schönstem Sonnenwetter ging es aus der aufgemotzten Innenstadt in die vorgelagerten Wohngebiete.

Die Bahn windet sich hier wie ein Lindwurm durch enge, kurvenreiche Sträßchen, zu deren Seiten sich links und rechts in erdrückender Reihenbauweise hohe Altbauten türmen – erstaunlich häufig noch im modrigen Gewand der Vorwendezeit. Aber irgendwie machte mir das die Stadt sympatischer.
Hier wurde gelebt, und der etwas gammelige Vorstadtcharme erinnerte mich doch recht stark an alte Neustadt-Zeiten oder etwa eine Atmosphäre, wie man sie heute in Dresden nur noch in Teilen von Pieschen oder Cotta/Friedrichstadt vorfindet.
Irgendwann nach ca. 20 Minuten Bahnfahrt weicht die muffige Vorstadt Neubauten, Autohäusern und dem Grün einer Flussaue, die das Erreichen das Stadtrandes ankündigen.

Weil an der Haltestelle Saarländer Straße ein McDonalds-Schnellrestaurant am Straßenrand auftauchte, stieg ich aus, um das Mahl der Armen und Reisenden zu mir zu nehmen. Und wie ich so bei Hamburger Royal TS und Gartensalat saß und aus dem Fenster schaute, fiel mein Blick in der Ferne auf eine alte, monströse Backstein-Esse, eine, wie es sie seinerzeit etwa im Hof des Nordbades auf der Louisenstraße noch gab, bevor sie in den 80ern abgetragen worden war.

Ich schnappte mir meinen Stadtplan und schaute nach, wo ich eigentlich gelandet war: „Lindenau/Plagwitz“ stand da, und als ich weiterschaute, entdeckte ich eine große graue Fläche, und es traf mich fast der Schlag, als ich da las: „Alte Baumwollspinnerei“.
Ohne es beabsichtigt zu haben, war ich in die unmittelbare Nähe von Leipzigs künstlerischer Pulsader geraten, wohl einer der größten Kreativschmieden des Landes – die Alte Baumwollspinnerei an der Spinnereistraße zu Plagwitz.

Einer der größten Künstler unserer Zeit und zudem einer meiner Lieblingsmaler hat hier (s)ein Atelier: Neo Rauch!
Sofort brach ich auf. Ich musste dorthin und mir den Flecken Erde anschauen, an dem so große Kunst entstand, zumal nicht nur Maestro Rauch hier schafft und ausstellt, sondern auch zahlreiche andere aufstrebende Künstler in über 100 Ateliers und Schmieden.
Nach etwa 10 Minuten Fußmarsch tauchten die ersten Backsteingebäude vor mir auf. An mir vorbei radelte ein Mann um die 50 im schwarzen Wollmantel, mit hagerem Gesicht und kurzem grauem Haar – und ohne dass ich es wollte, stellte sich bei mir eine Art Wallfahrts-Feeling ein. Ich musste über mich selbst lachen.

(Das obige Foto von Wolfgang Stahr aus dem Jahr 2006 zeigt Neo Rauch vor seinem Atelier in der Baumwollspinnerei.)

Die Alte Spinnerei liegt gut versteckt in einer Art abgelegenem Industriegelände zwischen Lindenau und Plagwitz und ist doch eine festungsartige Anlage für sich. Auf 10 Hektar Fläche wurde im Jahr 1884 eine Baumwollfabrik errichtet; bis 1989 arbeiteten hier bis zu 4000 Menschen im baumwollverarbeitenden Gewerbe, bis die Fabrik schließlich ein Opfer der Wende wurde. In diesem Jahr feierte sie 125. Geburtstag.

Auf dem Gelände selbst war es mir oft, als wäre hier die Zeit irgendwann vor 100 Jahren stehen geblieben. Alte, rostige Schienenstränge ziehen sich durch die Hauptfahrstraße, zur Rechten und Linken Gebäude aus rohem, in der tief stehenden Herbstsonne feurig-rot leuchtendem Backstein, mal turmhoch und erdrückend, mal gebrechlich-klein und geduckt, mit halbblinden Fenstern und klapprigen Regenrinnen, an denen das Moos wuchert. Durch zerbrochene Glasscheiben fällt der Blick in dämmrig-dunkle Kellergewölbe, schmutzig und mit allerlei Gerümpel und altem Inventar voll gestellt.

Doch es ist gerade der Blick in diese alten, verliesartigen Gemäuer, der jene alte kribbelnde Abenteuerlust aus Kindertagen in mir aufsteigen lässt, die ich empfand, wenn wir die Neustädter Ruinen der Vorwendezeit in Abenteuerspielplätze verwandelten und mit allerlei „Schätzen“ und Fundstücken nach Hause gingen.

Die Fabrikhallen sind in unterschiedlichem Erhaltungszustand, der Zahn der Zeit nagt sichtlich an der Bausubstanz, und doch herrscht Leben hinter verwitterten Fensterrahmen und verrosteten Türangeln. Unzählige Künstler, Gastronomen und Alternative haben sich hier eingerichtet; die große Tafel auf dem Platz hinter dem Haupteingang zählt sie alle auf: Keramikstudios, Lithografie-Werkstätten, Fotostudios, Maler- und Bildhauerateliers, ein Großhandel für Künstlerbedarf, Weinlokale – und Neo Rauchs Hausgalerie „Eigen+Art“, die sich in Halle 5 befindet.
Türen stehen offen und laden zum Besuch von Töpferschmieden, Galerien und Lokalen ein, bei Eigen+Art blättere ich in einem Neo-Rauch-Katalog und nehme mir fest vor, dessen derzeit in Berlin laufende Ausstellung „Schilfland“ zu besuchen, die nächste Woche zu Ende geht.


Neo Rauch – „Schilfland“ – 2009 (Quelle: Galerie Eigen+Art Leizig/Berlin)

Zwischen den einzelnen Hallenblöcken immer wieder Grün: Bäume, Wiese, Blumenkästen, die von stilsicheren Hallen-Bewohnern an rostigen Geländern und Lüftungsgittern befestigt wurden.
An Backsteinwänden rankt rot-gelb-grün der Wein.

Mensch und Natur haben sich Seite an Seite ein Relikt aus vergangener Zeit zurückerobert und achten einander. Das war eines der Gefühle, die mich beim ausgedehnten Rundgang über das Gelände bisweilen völlig überwältigten, neben den Erinnerungen an ein kleines Mädchen, dessen bevorzugter Zeitvertreib es war, durch die Häuserruinen und Schuppen seines im Sterben begriffenen Stadtteils zu streifen.

Als ich mich zum Gehen wandte, war der Umstand, dass mein Lieblingsmaler hier sein Atelier hat, zur Nebensache geworden. Stattdessen ging ich mit dem Gefühl, ein Kleinod des Friedens, der Harmonie und des kreativen Schaffens im Einklang mit Mensch und Natur gefunden zu haben, zu dem ich gern zurückkehren werde.

Zum Fall Roman Polanski

Die Nachricht schlug ja wie ein Blitz aus dem heiteren Altweibersommerhimmel ein, als Starregisseur Roman Polanski („Rosemary’s Baby“, „Der Pianist“) am vergangenen Samstag am Züricher Flughafen verhaftet wurde.
Der Umstand, dass sich Polanski auf dem Weg zum Zürich Film Festival befand, wo ihm ein Ehrenpreis für sein Lebenswerk verliehen werden sollte, wozu es aufgrund seiner Verhaftung dann aber nicht mehr kam, war der eigentliche Gestaltungsrahmen für einen förmlichen Aufschrei der Empörung, der scharfe Kritik an der Festnahme Polanskis formulierte, und bisweilen sogar in Rufe nach seiner Freilassung ausartete.

Dazu muss erwähnt werden, warum Polanski dieses Schicksal im Alter von 76 Jahren ereilte. Keine Verschwörung, keine falschen Verdächtigungen irrer Fans oder gescheiterter Konkurrenten brachten ihn ins Gefängnis, nein.
Polanski hatte 32 Jahre zuvor, immerhin im – so möchte man doch meinen – reifen und geläuterten Alter von 44 Jahren, ein Verbrechen begangen. Er hatte ein 13-jähriges Mädchen, ein Kind also, zunächst mit Alkohol, dann mit Drogen gefügig gemacht, es in schlüpfriger Pose fotografiert (oben ohne) und es anschließend vergewaltigt. Dieser Tatbestand ist eine Tatsache, darüber bestanden nie Zweifel und sie bestehen auch nach wie vor nicht.
Polanski baute damals zunächst auf einen „Deal“, der ihm ein halbwegs glimpfliches Davonkommen bescheren sollte, indem er sich zwar schuldig bekennen, aber für psychisch angeschlagen erklärt werden sollte.
Dieser Deal platzte jedoch, und statt sich seiner Verantwortung zu stellen und seine gerechte Strafe anzunehmen, floh Polanski nach Frankreich. Ein Verbrecher, ein Kinderschänder auf der Flucht. 32 Jahre lang, in denen ihm ein weitgehend von gezielter Strafverfolgung unbehelligtes Leben in Glanz und Gloria beschieden war, in denen er ungestört Filme drehen und dafür die Meriten einstreichen konnte, während sein damaliges Opfer die Folgen dieser Tat zu bewältigen hatte.

Schon allein diese Tatsache, dass ein allen als Vergewaltiger bekannter Regisseur 30 Jahre lang ungestraft ein Leben in aller Öffentlichkeit führen kann, ist meiner Ansicht nach ein Skandal. Und vor diesem Hintergrund erscheinen mir die Rufe nach seiner Freilassung und das damit einhergehende Herunterspielen der Tat in Form von Verweisen darauf, wie lange das alles schon her sei, und dass sein damaliges Opfer ihm doch „längst verziehen“ hätte, wie ein Schlag ins Gesicht all jener Vergewaltigungsopfer, die auch 30 Jahre nach der Tat noch kein normales Leben führen können. Und wie genau das Leben von Samantha Gailey (Polanskis Opfer) bis heute verlaufen ist, weiß kaum einer von denen, die nach Straffreihei für ihren Peiniger rufen, und es scheint diese Leute auch nicht wirklich zu interessieren.

Des Weiteren ringt mir schon der Umgang Polanskis höchst selbst mit der Tat nicht den Hauch von Mitgefühl mit dem Täter ab. Völlig uneinsichtig und scheinbar absolut nicht die Tragweite seiner Taten erfassend, stellte er sich als Opfer einer Kampagne der „stockpuritanischen amerikanischen Öffentlichkeit“ dar und forderte öffentlich „Vergebung“ von Opfer, Justiz und Menschheit. Da möchte man sich fragen, ob der Mann überhaupt begriffen hat, dass nicht er, sondern ein Kind Opfer eines Verbrechens wurde, begangen von ihm und niemand anderem. Auf Vergebung kann ein Mensch in seiner Situation allenfalls *hoffen*, nicht aber sie einfordern. Und Vergebung für eine Tat erfahren, die man ehrlich bereut und für die man auch bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, ist eine völlig andere Sache, als sich mit Verweis auf sein leidensreiches Leben als Opfer zu präsentieren und Vergebung mit Straffreiheit gleichzusetzen.
Auch eine schreckliche Kindheit und ein Leben voller Tragödien, die im Fall Polanski zweifellos unbestritten sind, rechtfertigen keine solche Tat und schon gar nicht rechtfertigen sie den Ruf nach Straffreiheit für einen Kinderschänder.

Der eigentliche Skandal ist, dass Polanski erst heute, mit Mitte 70, seiner gerechten Strafe zugeführt wird. Das ändert jedoch nichts daran, dass seine Verhaftung, auch wenn sie spät kam, selbstverständlich gerecht und richtig ist. Niemand, auch kein Starregisseur, sollte ungestraft mit so einem schändlichen Verbrechen davonkommen können, auch dann nicht, wenn sein Opfer 30 Jahre danach mit dem Verbrechen abgeschlossen hat und sich aus mir persönlich schleierhaften Gründen sogar für ihn einsetzt.
Nicht jedes Vergewaltigungsopfer kommt mit einer solchen Tat so gut klar, dass es seinem Peiniger irgendwann verzeihen kann. Eine Strafverschonung Polanskis wäre also ein völlig falsches Zeichen und liefe zudem sämtlichen gängigen Rechtsauffassungen eines modernen Rechtsstaates zuwider.
Und ich bin mir überdies ziemlich sicher, dass es keine solche Kampagne des Mitgefühls und der emotionalen Appelle gegeben hätte, hätte der Täter nicht Roman Polanski, sondern Thomas Meier geheißen und wäre kein weltberühmter Künstler, sondern Gas-Wasser-Installateur aus Wanne-Eickel gewesen.

In Memoriam: Meine erste große Liebe.

Ich war gerade 11 Jahre alt, da verliebte ich mich zum allerersten Mal in meinem Leben in einen Mann. Dass der zu dem Zeitpunkt fast dreimal so alt war wie ich selbst, störte dabei keineswegs. Toll sah er aus, verwegen war er, und die Musik, die unsere erste Begegnung begleitete, tat ihr Übriges.
Zum ersten Mal huschte der heute nur allzu bekannte Schwarm Motten durch meinen Bauch, fing mein Herz an, Salti zu schlagen, flatterten meine Augenlider aufgeregt, und meine beste Freundin Cati und ich steckten hysterisch die Köpfe zusammen und konnten stundenlang nichts anderes tun, als verknallt zu tuscheln und zu gackern – denn Cati war natürlich auch in jenen Typen verliebt.

Nun zum traurigen Part der Geschicht‘.
Der „Typ“ hieß Johnny Castle, so Ende 20, Tanzlehrer. Begegnet waren wir uns zum ersten Mal im Wohnzimmer der Familie meiner Freundin – ich diesseits er jenseits der Mattscheibe eines Loewe-Fernsehgerätes.
Natürlich stand diese Liebe von Beginn an unter einem schlechten Stern – ich wurde älter, Johnny hingegen blieb zeitlos und tanzte in endlosen, kraftvoll-erotischen Pirouetten mit Baby über den Bildschirm.

Die Liebe war irgendwann fort, die Geschichte von Johnny und Baby mit dem unbefriedigenden Ende jedoch blieb Trostpflaster für die von Zeit zu Zeit durch Liebeskummer gepeinigte Seele.

Gestern nun ist der Mann, der Johnny ein Gesicht gab, der mir seinerzeit zum ersten Mal jenes schwindelig-überzuckerte Gefühl des Hoffnungslos-Verknallt-Seins bescherte, im Alter von nur 57 Jahren gestorben.
Sein Name war Patrick Swayze.

Kunstwerk des Monats – Neo Rauch: „Der Garten des Bildhauers“

Neo Rauch - Der Garten des Bildhauers (2008)
Neo Rauch - "Der Garten des Bildhauers" (2008)

Ich bin ja bekennender Neo-Rauch-Fan. Nicht nur, ich mag sehr viele Künstler, auch ganz verschiedener Stilrichtungen. Ich liebe Monet, aber auch Chagall, Franz Marc, de Chirico, Ernst Ludwig Kirchner, Alexei von Jawlensky sowie einige sehr junge, noch unbekannte Künstler.

Doch Rauchs „Garten des Bildhauers“ ist gleich in mehrerer Hinsicht faszinierend:
Wie bei den meisten Bildern des in bzw. bei Leipzig schaffenden und lebenden Künstlers findet sich nahezu auf den ersten Blick etwas, für das man zunächst keinen Namen findet, keinen Begriff, der es erklären könnte, und man fragt sich: „Was zum Teufel ist jetzt das?“ Hier sind es die seltsamen Gebilde im linken unteren Viertel des Bildes. Mechanische Teile? Skulpturen (mal ganz platt rekurrierend auf den Titel)? Die beiden vorderen muten aufgrund der abstehenden, dünnen weißen „Röhren“ gar regelrecht organisch, herzförmig an.
Dann das Spannungsmoment der Gegensätzlichkeit, die Dramatik, die das Gemälde ausstrahlt. Es fesselte mich eigentlich vom ersten Moment an. Da haben wir die düstere Szenerie im Hintergrund: Nachthimmel, ein hinter Bäumen verborgenes Haus, ein Garten, eine matt erleuchtete Scheune. Ein Mann mit Laterne leuchtet heranhastenden Ankömmlingen – im Hintergrund ist ein Lastwagen oder Transporter erkennbar; zwei weitere tragen einen Verletzten oder gar Toten hinein, vorbei an etwas beängstigend Rotem am Boden: Blut?
Im krassen Gegensatz dazu der scheinwerferartige Lichtstrahl, der im Vordergrund von links schräg in die Szene fällt, den Garten, die abstrakten Figuren, nicht aber die Menschen vor dem Haus beleuchtend. Das Bild wird dadurch auf fast schmerzende Art zerteilt – und bleibt doch homogen.
Die Gegensätze setzen sich fort: Ein modernes Fahrzeug, die Frau im kurzen Mini, während die den Verletzten Tragenden und auch der Mann mit der Laterne in ihrer Kleidung eher wirken, als wären sie direkt dem 19. Jahrhundert entnommen.
Neo Rauch ist bekannt für sein Spiel mit den Epochen, das Zusammenbringen von eigentlich nicht vereinbaren Komponenten, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres.

Ein fantastisches, atemberaubendes Werk, das ich mir bei nächster Gelegenheit mit Sicherheit aus der Nähe anschauen werde.

Trauer-Business wird zur Groteske.

Tausende von Menschen, die in ein Fußballstadion gekarrt werden. Cola- und Hotdog-Stände, an den Stadionflanken Werbebanden von Party-Veranstaltern. Verstreut über das gesamte Areal stehen Buden wie auf dem Jahrmarkt, wo der „echte Fan“ noch schnell seinen Vorrat an Memorabilia aller Art ergänzen kann – angefangen bei gerahmten Jacko-Postern mit passend schwarzem Trauer-Passepartout bis hin zum T-Shirt oder der verstaubten Thriller-CD, die aus Restbeständen hervorgekramt wurde. Allgemeine Volksfeststimmung, fröhliche Gesichter – und auf Knopfdruck: Trauerstimmung und kollektive Trance.
So wird dieser Tage in unzähligen Veranstaltungen ähnlicher Art in ganz Amerika der Tod eines Musik-Idols verarbeitet – man ist geneigt, zu sagen, ‚gefeiert‘.
Die Trauer um Michael Jackson ist vielerorts in ein regelrechtes Trauer-Business entartet, dessen Hauptziel es ist, mit den Emotionen der Menschen Geschäfte zu machen. Was den Gemeinden, die solche Festivitäten ausrichten, an Aufwendungen entsteht, kommt zigfach durch die Einnahmen der Händler und auch der Gemeinde selbst wieder rein, für die zigtausende spendierhosenbetuchte Jacko-Trauergäste gerne sorgen werden.
Eigentlich ja nichts Neues. Man kennt Ähnliches bereits etwa vom Tode Lady Dianas oder Papst Johannes Paul II., als ein ähnliches Trauer-Business zu verzeichnen war. Vom Porzellanteller mit Di-Bildnis bis hin zum Papst-Toast ließ sich plötzlich alles zu Geld machen.
Angesichts solch grotesken Rummels um den Tod eines

Menschen, fragt man sich, wie es so weit hatte kommen können mit der Menschheit. Der eigentliche Moment des Verlustes, der vor allem die nächsten Angehörigen betreffen dürfte, tritt dabei völlig in den Hintergrund.