Vom Hoffnungsträger zum Zeitzeugnis – Ein Apfelbaum erzählt

Da stand es mit einem Male vor mir, inmitten der savannenartigen, verlassenen Gegend. Ein eindeutiges Zeugnis des regen menschlichen Lebens, das hier einst herrschte, von dem aber heute nur noch ein paar Ruinen inmitten unberührtester Natur geblieben sind: ein Apfelbaum, umgeben von nichts als endlosen blühenden Wiesen, Büschen und uralten Bäumen.
Das ehemalige Stabsgebäude ist eines der wenigen erhaltenen Gebäude in der Garnisonsstadt Zeithain. Links der Apfelbaum in voller Blüte.

Der ehemalige Truppenübungsplatz in der Gohrischheide bei Zeithain ist keine Kulturlandschaft. Und doch lebten hier einst viele Menschen, Zigtausende bevölkerten die hiesige Garnison, die schon vom königlich-sächsischen Heer genutzt wurde. Lustlager Augusts des Starken sind ebenso überliefert wie kaiserliche Paraden auf dem riesigen Exerzierplatz hinter dem prächtigen Stabsgebäude. Der Platz – bis 1992 noch wie der Rest der Garnison von der Sowjetarmee genutzt – ist längst verschwunden, abgerissen, wie die meisten Gebäude und Baracken, die hier einst standen. Das Stabsgebäude hingegen steht bis heute an seinem Platz. Wie ein Relikt erinnert es an andere Zeiten, unwirklich, mit seinem neu eingedeckten roten Dach über grauen, bröckelnden Fassaden und dem Türmchen, inmitten von Weite und Natur. Ein örtlicher Heimatgeschichtsverein hat das Haus irgendwann als eine Art Museum genutzt. Andernorts vergammeln solche prachtvollen alten Bauten. Hier zeigt sich, wie man sie mit wenig finanziellem Aufwand zumindest vor dem rasanten Verfall schützen kann, bis sich vielleicht ein Investor findet: Ein dichtes Dach ist die halbe Miete im Kampf gegen den Schwamm.

Aufwendig gestaltete Gänge im Inneren des Stabsgebäudes.
Das frühere Stabsgebäude ist daher in erstaunlich gutem Zustand. Zwar blättert auch hier der Putz, Türen stehen offen und Fenster sind zerborsten; durch die Gänge pfeift der Heidewind und spielt mit den Plakaten und Wandzeitungen, die man hier noch wie in alten Tagen finden kann. Doch von Einsturzgefahr kann keine Rede sein – Im Gegenteil: läuft man durch das Haus, staunt man über den guten Erhaltungsgrad von Parkett, Wandfliesen und Sanitäreinrichtungen. Nirgendwo hängen Tapeten in Fetzen von den Wänden. Bis unters Dach ist das Haus top in Schuss – und scheinbar in Nutzung.
Unbeaufsichtigte "Dauerausstellung" im ehemaligen Stabsgebäude zur Geschichte der Garnison Zeithain.
Hier scheinen Menschen akribisch gesammelt und aufbewahrt zu haben, was in den zum Abriss bestimmten Bauten ringsum zurückgelassen worden war: alte Hinweisschilder, Türbeschriftungen, Wandtafeln mit kommunistischen Kampfparolen, aber auch Werkzeug, eine Kohlenlore und altes Aktenmaterial. Jeder kann sich auf diese Reise durch 200 Jahre Militärgschichte in Zeithain begeben, die Türen des Hauses stehen offen. Besonders aus der sowjetischen Epoche sind viele Original-Zeitzeugnisse erhalten. Jedoch sollte man diese einmalige Gelegenheit auch mit der dazugehörigen Portion Anstand quittieren: Die vielen Fundstücke, die dort zu sehen sind, gehören in die Garnison, in dieses Haus, nicht in private Archive!

Heute hat sich die Natur große Teile der ehemaligen Garnisonsstadt zurückerobert, ein einzigartiges Refugium, wo im Minutentakt Rehe aus den Büschen hervorbrechen und Falken ihren Schrei erschallen lassen. Im Mai meinte ich sogar, dort einen Luchs gesehen zu haben und war daraufhin so schnell wie nie zuvor auf mein Rad gesprungen und in Richtung Zivilisation entfleucht.

Äpfel inmitten endloser Heidelandschaft.
Und dann dies Bäumchen, geduckt und knorrig, uralt wahrscheinlich, mit Zweigen die bis zum Boden reichen. Über und über mit herrlichen, rotbäckigen Äpfeln behangen. Und keiner, der diese Pracht erntet. Ich habe mich erbarmt und mitgenommen, soviel die Fahrradtaschen tragen konnten. Leider war ich so hingerissen von diesem Anblick (und zu beschäftigt mit Pflücken), dass ich vergaß dieses kleine Bäumchen zu fotografieren, das vor Jahren noch eine ganze Kleinstadt voll Menschen mit Vitaminen versorgte, die sich sonst hauptsächlich von Büchsenfleisch und Kascha ernährten. Beim Blick in mein Archiv die Entdeckung: Es gibt schon ein Foto. Es zeigt den Baum im Frühjahr in voller Blüte (1. Foto oben auf der Seite, der Baum am linken Bildrand).
Typisches Landschaftsbild des früheren Truppenübungsplatzes in der Gohrisch-Heide.
Es ist ein atemberaubender Kontrast: All diese urwüchsige Landschaft rings umher, darin dieses fremd wirkende Gebäude – und dann ein Baum voller roter Äpfel. Keine der heute im Supermarkt erhältlichen, auf Konsumfreundlichkeit getrimmten Zuchtprodukte, sondern herb-aromatische, feste Früchte. Welche Freude wirst du jahrzehnte-, vielleicht sogar über ein Jahrhundert lang so vielen jungen Burschen gebracht haben, die vermutlich voller Sehnsucht dem Spätsommer zufieberten – bis du endlich Früchte trugst. Frisches Obst – ein Luxus, den es in der Sowjetarmee allerhöchstens an Feiertagen und selbst dann oft nur für Offiziere gab.
Lenin wacht über den Ruhmespfad.
Die Spuren ihrer Existenz hier lassen sich bis heute tausendfach lesen – als Autografen und Inschriften in den Bäumen, auf Mauerresten und in den Wänden der wenigen verbliebenen Gebäude. Im alten Ehrenhain der Garnison legt sich der bedrückende Geist ritualisierter Geschichtsdeutung auf die Schultern. Lenin wacht über den langsam zerblätternden Ruhmespfad der 9. Panzerdivision während des Zweiten Weltkrieges. „Wir dienen der Sowjetunion“ steht da in schwarzen kyrillischen Lettern, daneben die Reliefs zweier Soldaten. Und doch ist man irgendwie dankbar, dass dieses Zeitdokument bislang den Abrissbaggern zu trotzen vermochte.

Sowjetische Soldaten während ihres Dienstes in der Garnison Zeithain (80er-Jahre).
Wenn man langsam die alte Heerstraße im Herzen der früheren Garnison entlanggeht, wird es greifbar, das Gefühl des Eingesperrtseins, das viele der hier einst stationierten jungen Männer in stillen Nächten mitten im Wald gepeinigt haben dürfte. Denn unmerklich läuft man in eine Sackgasse. Da vorne, am südlichen Ausgang, versperrt ein eisernes, verschlossenes Tor den schnellen Weg zurück in die Zivilisation, daneben die Überreste eines Checkpoints, in dem wohl unter der Woche ein kettenrauchender Pförtner der Verwertungsgesellschaft residiert. Auch alle anderen Wege, die man nimmt, enden unweigerlich an einem verrammelten Tor. Zurück gelangt man nur auf dem Weg, den man gekommen ist, über die offene Heide nach Osten, hin zur B169.

Dresden mit den Augen Sergej Rachmaninows.

Sergej Rachmaninow bei der Arbeit im Garten des Familienlandsitzes im russischen Iwanowka. Foto: Carl Rönisch Pianofortemanufaktur
Sergej Rachmaninow bei der Arbeit im Garten des Familienlandsitzes im russischen Iwanowka. Foto: Carl Rönisch Pianofortemanufaktur

Er galt als der letzte Romantiker der klassischen Musikszene und wusste wie kaum ein Zweiter seiner Zeit die Kritiker zu spalten. In diesem Jahr wäre der Pianist, Komponist und Dirigent Sergej Rachmaninow 140 Jahre alt geworden, vor 70 Jahren starb der Künstler, der auf vielfältige Weise mit der Stadt Dresden verbunden war. Nur einige Winter seines Lebens verbrachte Rachmaninow in Dresden. Doch die reichten, um sich im Gedächtnis der Stadt zu verewigen und selbst sein Herz zu verlieren. Rachmaninow und die Elbmetropole – eine Liebesgeschichte mit tragischem Ausgang.

Am 1. April 1873 als viertes von sechs Kindern auf dem elterlichen Landgut Semjonowo nahe der russischen Kleinstadt Staraja Russa geboren, wird bereits früh das enorme Talent des kleinen Serjoscha offenbar. Alsbald trennen sich die Eltern, und so fördert ihn vor allem die Mutter nach Kräften. Doch erst die Lehrjahre bei Nikolai Swerew in Moskau lassen den Künstler und Komponisten reifen, der es verstand, seine große Sensibilität in ebensolche Werke zu übersetzen. In Swerews Künstlerpension, von Rachmaninow einst als „musikalisches Paradies“ geadelt, entstehen Kontakte zu Größen der russischen Musikszene wie Pjotr Tschaikowski und Sergej Tanejew.

Als Rachmaninow im November 1906 nach Dresden kommt, hat er auf dem internationalen Parkett gerade mit seinem Klavierkonzert Nr. 2 für Aufsehen gesorgt. In Russland jedoch ist sein Stern am Sinken. Er leidet unter der Häme der Kritiker und stürzt in eine tiefe Lebenskrise.
Mit seiner Cousine Natalia Satina, die ihn auffängt und unterstützt und die er 1902 heiratet, und der dreijährigen Tochter Irina bezieht er ein Haus in der Sidonienstraße, einer Querstraße der Prager Straße, die damals noch ihr historisches Gesicht trägt. Vermutlich über Franz Koppel-Ellfeld, dem damaligen Intendanten des in der Semperoper beheimateten Dresdner Hoftheaters, der es zuvor bewohnt hatte, mietet der Komponist ein Haus im hinteren Teil des Grundstückes Nummer 6, unweit des Hauptbahnhofes. Denkbar günstig für die Künstlerfamilie, die in ständigem Reisen begriffen ist und so schnell zum Bahnhof, aber auch zur Semperoper gelangen kann.
Im beschaulichen Dresden kommt der Virtuose zur Ruhe, sucht in anfänglicher Zurückgezogenheit Kraft:

„Wir leben hier still und bescheiden […] wir sehen keinen und kennen niemanden. Und auch selbst lassen wir uns nirgends sehen und wollen auch niemanden kennenlernen. Alle Russen, scheint es, leben jenseits der Grenze. […] Die Stadt selbst gefällt mir sehr: sehr sauber, sympathisch und viel Grün in den Gärten. […]“

schreibt er kurz nach seiner Ankunft 1906 an einen Freund in der Heimat.

Das Bürgerhaus in der Trachenberger Straße 23 war bis 1990 im Besitz der Familie Rachmaninow. Foto: J. Jannke
Das Bürgerhaus in der Trachenberger Straße 23 war bis 1990 im Besitz der Familie Rachmaninow. Foto: J. Jannke

Die junge Familie wird der Barockmetropole zwei weitere Winter treu bleiben. Die 1907 geborene Tochter Tatjana macht ihre ersten Schritte an der Elbe. Vater Sergej erwirbt währenddessen zwei weitere Immobilien in Dresden. Das Bürgerhaus Trachenberger Straße 23 erstrahlt heute in neuem Glanz, erst mit der Wende 1990 verschwindet ein gewisser Eigentümer Sergej Rachmaninow mit Wohnsitz New York aus den Grundbüchern. Die Villa Fürstenstraße 28 in der heutigen Fetscherstraße hingegen verbrennt ebenso wie der Familiensitz in der Sidonienstraße beim Bombenangriff am 13. Februar 1945.

Langsam wird der Künstler in Dresden heimisch. Er erkundet seine barocken Schönheiten, besucht die Generalproben in der Semperoper und ist fasziniert von der Vielfalt des kulturellen Lebens in der Stadt. Auch künstlerisch ist Dresden ein fruchtbares Pflaster. Zahlreiche neue Werke entstehen, darunter die Zweite Sinfonie e-moll op.27, die Erste Sonate für Klavier d-moll op.28 sowie die sinfonische Dichtung „Die Toteninsel“ op. 29 nach einem Gemälde Arnold Böcklins.

Carl Rönisch gründete 1845 in Dresden die Königlich-Sächsische Hofpianofabrik. Foto: Carl Rönisch Pianofortemanufaktur
Carl Rönisch gründete 1845 in Dresden die Königlich-Sächsische Hofpianofabrik. Foto: Carl Rönisch Pianofortemanufaktur
Die Reste der Königlich-Sächsischen Hofpianofabrik im Wallgässchen in der Inneren Neustadt. Foto: J. Jannke
Die Reste der Königlich-Sächsischen Hofpianofabrik im Wallgässchen in der Inneren Neustadt. Foto: J. Jannke
Enge Kontakte pflegt er zur in der Dresdner Neustadt ansässigen Königlich-Sächsischen Hof-Pianofabrik von Albert und Hermann Rönisch – damals einer der namhaftesten Klavierproduzenten der Welt. Zahlreiche bekannte Musiker spielten auf Instrumenten Dresdner Provenienz, die seinerzeit zum Besten unter dem Modernen zählten. Bis heute ist jener Rönisch-Flügel Nr. 59183, auf dem unter anderem auf Rachmaninows Landsitz in Iwanowka sein berühmtes 3. Klavierkonzert entsteht, im dort befindlichen Museum zu besichtigen.

„Leider können wir heute nicht mehr sagen, wann genau er den Flügel erwarb oder was er kostete, da alle Dokumente und Unterlagen im Bombenangriff 1945 verloren gingen“, erklärt Rönisch-Geschäftsführer Frank Kattein. Die Manufaktur im Dresdner Wallgässchen, in der Rachmaninows Flügel entstand, wird am 13. Februar 1945 ein Raub der Flammen, seither produziert Rönisch in Großpösna bei Leipzig. Noch heute ist man hier auf den berühmten Kunden stolz. Reste des alten Fabrikgebäudes im Wallgässchen sind bis heute erhalten und beherbergen unter anderem das Museum Körnigreich zu Ehren des Künstlers Hans Körnig.

Im Frühjahr 1909 findet die unbeschwerte Zeit in Dresden zunächst ein Ende. Seiner Frau Natalia hat Rachmaninow versprochen, nie länger als drei Jahre im Ausland zu leben. Er hält Wort, obgleich er die Stadt ins Herz geschlossen hat. Wie schwer ihm der Abschied aus Dresden fällt, offenbart er in einem Brief in die Heimat:

„Wie schön ist es hier in Dresden, Sergej Iwanowitsch! Und wenn Sie wüssten, wie traurig ich bin, dass ich hier den letzten Winter verbringe!“,

schreibt er im März kurz vor seinem Abschied an seinen Freund und früheren Lehrer Sergej Tanejew. Doch es ist kein Abschied von Dauer. Konzerttourneen führen ihn schon bald wieder an die Elbe. Am 2. Dezember 1910 und am 15. März 1912 gibt er umjubelte Gastspiele in der Semperoper.

Auf einem Dresdner Flügel zum Erfolg: Das Rönisch-Exemplar Sergej Rachmaninows in Iwanowka. Foto: Carl Rönisch Pianofortemanufaktur.
Auf einem Dresdner Flügel zum Erfolg: Das Rönisch-Exemplar Sergej Rachmaninows in Iwanowka. Foto: Carl Rönisch Pianofortemanufaktur.
Die Oktoberrevolution in Russland und der Erste Weltkrieg, in dem sich Russland und Deutschland als Gegner gegenüberstehen, bilden eine schmerzliche Zäsur. Aus Furcht vor Pogromen flieht der aus begüterten Verhältnissen stammende Rachmaninow 1917 mit seiner Familie vor den Bolschewisten aus Russland in die USA, wo er bis zu seinem Tod leben wird. Die Beziehung zu Dresden aber reißt noch lange nicht ab.

In den Goldenen Zwanzigern gastiert er wieder regelmäßig mit seiner Familie in der Barockmetropole. Überliefert sind seine Aufenthalte in der Villa Fliederhof in der Emser Allee 5 (heute Goetheallee 26), einem bekannten Künstlertreff der Familie Schuncke. Hier feiert auch Sergejs Tochter Irina ihre Hochzeit mit dem Fürsten Pjotr Wolkonskij, mit dem sie am 24. September 1924 feierlich in der russisch-orthodoxen Kirche des Heiligen Simeon vom wunderbaren Berge in der Südvorstadt getraut worden war, die bis heute fortbesteht. Porträts der Dresdner Fotografin Ursula Richter, die in Blasewitz eine „Werkstätte für Lichtbildkunst“ betreibt, dokumentieren Treffen mit Sergej Zharow, der einst die Don-Kosaken-Chöre weltberühmt machte.
Viele Jahrzehnte später – zwei Weltkriege nahezu unversehrt überstanden – wird auch die Villa Fliederhof ein Raub der Flammen: Bei einem Brand infolge einer Familientragödie, bei der zwei Menschen ums Leben kommen, wird sie 1979 völlig zerstört. Bis heute erinnert eine Tafel an das Haus und seinen berühmten Gast.

Mit der Machtergreifung der Nazis 1933 findet Sergej Rachmaninows enge Beziehung zu Dresden ein jähes Ende. Ausländische Künstler werden bis auf wenige Ausnahmen von den Bühnen verbannt. Mit dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 verschärft sich die Lage weiter: Russische Interpreten werden nun gar nicht mehr gespielt.
Das Leben Sergej Wassiljewitsch Rachmaninows endet am 28. März 1943 mit der gleichen Dramatik, die ihn Zeit Lebens begleitete und sich auch in vielen seiner Werke widerspiegelt. Viel zu früh, mit nur 69 Jahren, stirbt der Komponist vier Tage vor seinem 70. Geburtstag in New York an Krebs. Sein inniger Wunsch, in der Heimat bestattet zu werden, bleibt ihm aufgrund des in Russland tobenden Krieges verwehrt. Seine letzte Ruhe findet er auf dem Kensico-Friedhof bei New York.

Dieser Beitrag ist die leicht modifizierte Fassung eines Artikels, der am 17. Juni 2013 auf dem Dresden-Portal Dresden-Kompakt erschien. Alle Rechte: Jane Jannke

A lost place? – Truppenübungsplatz Königsbrück: Zwischen Lebensgefahr und Lebensraum

Manchmal gibt die Natur Rätsel auf. Das sogenannte Neue Lager bei Königsbrück ist solch ein Rätsel. Rund 50 Jahre lang war der 70 Quadratkilometer große Truppenstandort mit Übungsplatz westlich des 3000-Einwohner-Städtchens, rund 30 Kilometer nördlich von Dresden, nichts als ein halbtoter Acker: durchfurcht von Panzerketten und Geschosskratern, durchtränkt mit Kettenöl und Benzin, durchwirkt mit allen nur denkbaren Arten von scharfer Munition.

Bis heute sind großte Teile des Areals nur unter Gefahr für Leib und Leben zu betreten, überall entlang der wenigen gesicherten Wege starren einem die Warnschilder des Landkreises entgegen, die vor „kampfmittelbelastetem Gebiet“ warnen.

Ein Schwanenpaar hat sich einen Teich inmitten des Truppenübungsplatzes als Domizil auserkoren. Ringsum verseuchtes Gebiet.
Ein Schwanenpaar hat sich einen Teich inmitten des Truppenübungsplatzes als Domizil auserkoren. Ringsum verseuchtes Gebiet.
In den letzten beiden Jahrzehnten nach dem Abzug der Truppen der 11. Gardepanzerdivision im Jahr 1992 hat sich Schorf auf den Wunden gebildet. Wo früher Ödland war, hat sich dichter Heidewuchs das Feld zurückerobert. Und an manchen Flecken zeichnet die zurückkehrende Natur schaurig-schöne Kontraste: Tümpel und Moraste wechseln sich mit staubtrockenem, sandigem Heideboden ab. Und auf einem solchen kleinen Tümpel, unweit des in den 80er-Jahren künstlich angelegten Freundschaftssees, schwamm neulich sogar unbekümmert ein einsames Schwanenpaar – ein Tupfen unschuldsweißen Ebenmaßes inmitten einer noch immer versehrt wirkenden Umgebung.

Das ehemalige Offizierscasino im Neuen Lager mit gut erhaltener sowjetischer Siegesikone.
Das ehemalige Offizierscasino im Neuen Lager mit gut erhaltener sowjetischer Siegesikone.
Auf dem Gelände der ehemaligen Kasernen des 40. und 44. Gardepanzerregimentes der sowjetischen Armee an der Hoyerswerdaer Straße erinnern noch immer zahlreiche Gebäude an das militärische Leben einer Garnison, die nicht erst mit dem Einzug der Russen zu existieren begann. Es diente sowohl Truppen der kaiserlichen Armee als auch der Wehrmacht als Standort. Als Relikte vergangener Zeiten stehen sie in einer Umgebung, die längst nicht mehr aussieht wie ein Militärstandort, sondern so, als wäre hier schon immer dieser wahrhaftige Urwald aus dichtem Baum- und Strauchbewuchs gewesen: Überwuchert, vom Schwamm durchzogen – wie einer anderen Welt entsprungen.

Ehemaliges Depot für Raketensprengköpfe der sowjetischen Armee in der Königsbrücker Heide.
Ehemaliges Depot für Raketensprengköpfe der sowjetischen Armee in der Königsbrücker Heide.

Das ehemalige Militärgelände bei Königsbrück übt eine seltsame Anziehungskraft auf eine Vielzahl von Menschen aus. Als eine der ganz wenigen Plätze der Dresdner Region kann hier die Geschichte der Besatzungszeit noch beinahe hautnah nachempfunden werden. Hunderte Hobbyhistoriker und Abenteuerlustige zieht die geheimnisumwitterte Kulisse jährlich an, aber auch ehemals hier stationierte Soldaten, die es zurück an ihre alten Wirkungsstätten zieht. Länst sind die Ruinen bis auf den letzten Winkel durchstöbert, nur unter ortskundiger und militärerfahrener Führung gibt das Gelände noch das eine oder andere Geheimnis preis. Und dennoch: Der Kontrast zwischen wiedererstarkender Natur, die mit sattem Grün und vielfältigem Gestimm zu betören weiß, und den überall sichtbaren Altlasten der Geschichte erzeugt eine unbedingt außergewöhnliche Faszination, die diesen Ort einzigartig in der Dresdner Region macht. Wo sonst steht schon die Wanderhütte (übrigens ein ehemaliger Checkpoint) direkt neben dem Hochsicherheitsdepot für Atomraketen? Hier hatten bis vor 20 Jahren die 23. und 119. Raketenbrigade der Sowjetarmee ihr Refugium, die Hinterlassenschaften rosten hinter morschen Zäunen und Toren mit Sowjetstern vor sich hin und wirken unwirklich fremd zu Zeiten eines seit 70 Jahren währenden Friedens.

Zeitreise mit Hindernissen.

Es ist der 50. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer. Was macht man an einem solchen Tag, an dem sich mal wieder Ausstellungen, Gedenkrunden und Vorträge die Klinke in die Hand geben? Jane, dacht ich mir, machst du mal wieder eine „Zeitreise“ in die gute alte DDR, die du (im Großen und Ganzen gottseidank) gegen die tolle BRD eintauschen durftest, als du 12 Jahre alt warst.
Also auf nach Radebeul in das DDR-Museum „Zeitreise“, das ich das letzte Mal im September 2007 besucht hatte, als es noch so ziemlich im Aufbau war. Einfach mal sehen, was sich so getan hat, wie viele Exponate dazugekommen sind und sich mal ganz bewusst wieder erinnern und mit der heutigen Realität abgleichen. Ich gebe zu: Ganz uneigennützig war der Besuch nicht, arbeite ich doch gerade an einem Schrieb, der ziemlich viel mit dieser Zeit zu tun hat. So ganz nebenbei wollte ich auch ein paar ganz natürlich bedingte, der Gnade der späten Geburt geschuldete Wissenslücken schließen.

Bildzeitung vom 15. August 1961.
Bildzeitung vom 15. August 1961.

Die erste Überraschung gab’s bereits an der Kasse: Nee, keine Journalistenkonditionen, ok, meinetwegen. Wieso auch Extrawürste für die Journaille braten? Auch die zweite gab’s an der Kasse: Der ermäßigten-Obolus, den Kinder, Schüler, Studenten und Rentner für das Visum berappen müssen, das zum eintägigen Aufenthalt in der DDR berechtigt, kostet mittlerweile sechs Euro, statt wie früher 5 (normal 7,50 Euro). Von „Ermäßigung“ kann somit kaum noch eine Rede sein. Tja, auch in der DDR wird anscheinend langsam alles teurer…

Die zweite Überraschung war dann durchaus positiver Natur. Die Zahl der Exponate hatte sich im Vergleich zu vor vier Jahren vor allem um ein paar sehr informative Schautafeln erweitert. Das Problem daran war nur: Gerade im Erdgeschoss waren viele Tafeln offensichtlich einfach nur dort aufgehängt worden, wo gerade noch ein freier Platz war. So fanden sich Zeitungsausschnitte und Originaldokumente zum Todesstreifen zwischen Trabis und Wartburgs. Der Zeitstrahl durch die Geschichte der DDR, der von 1945 bis 1990 mittels beschrifteter Pfeile durch das gesamte Haus (vier Etagen) führt, ist zwar gut gemeint, aber in seiner Überdimensioniertheit ziemlich unübersichtlich. Immer wieder verliert man während des Beschauens der vielen anderen Objekte auf den Etagen den Faden. Besser wäre es gewesen, hätte man dem Zeitstrahl einen eigenen Bereich im Haus zugedacht und ihn kleiner, aber dafür übersichtlicher gestaltet, sodass er in einem Aufwasch einsehbar wäre.

Die Vielfalt der Ausstellungsobjekte ist ein absolutes Plus des Museums. Ich glaube nicht, dass es eine ähnlich umfangreiche Sammlung irgendwo anders gibt. Allerdings stellt speziell im Fall der „Zeitreise“ diese Vielfalt die Betreiber vor Probleme, die anscheinend nicht zu bewältigen sind. So wirken viele Ausstellungsbereiche total überladen, indem einfach alles, was man zu greifen bekam, auch ausgestellt wurde – um den Preis der Übersichtlichkeit und vor allem der Informativität. Infotafeln, die den ausgestellten Gegenstand erklären, sucht man an den allermeisten Exponaten vergebens. Das betrifft vor allem die Themenbereiche wie Sport, Musik, Wohnen, Spielen usw. Bei so vielen Ausstellungsobjekten hätte man auch ein ganzes Unternehmen nur damit beschäftigen können, alles mit Erklärschildern zu versehen. Und so erinnert die Ausstellung an vielen Stellen eher an das Großlager des Rumpelmännchens, denn an ein Museum. Es wäre insgesamt wohl ratsamer gewesen, die Ausstellung nicht mit all zu vielen Exemplaren zu überfrachten, stattdessen sorgsam auszuwählen und dafür größeres Augenmerk auf Erklärungen zu legen. Man rühmt sich auf seiner Homepage, die größte Ausstellung zum Leben in der DDR zu sein, doch eine Ausstellung lässt sich nicht nur an der Masse der Exponate, sondern auch an Qualität, Umfang und Präsentation der vermittelten Informationen bemessen. Eine Puppe oder ein Plastik-Teller erzählen mir noch nichts über das Leben in der DDR. Schön wären zu solch persönlichen, da gebrauchten, Exponanten kleine Anekdoten aus dem Alltag gewesen.

Auch in Punkto Arrangement der Ausstellungsobjekte gibt es noch ziemlich viel Nachholebedarf. Das meiste wurde einfach nur ziemlich lieblos auf den Boden gelegt. Und oft (z.B. in der Kaufhalle) waren die Absperrungen so ungünstig angebracht, dass man viele kleinere Exponate nur aus ziemlicher Entfernung mit der Lupe suchen muss. Es fehlt des Öfteren die Möglichkeit, nahe heranzugehen.
Im Gegensatz dazu wiederum sehr hübsch und zum Teil ziemlich realistisch sind die originalgetreu nachgebildeten Kaderbüros, Werkstatträume und Wohnstuben, die einen beim Eintreten schlagartig wieder im alten Wohnzimmer oder Büro von damals stehen lassen. Die „Zeitreise“-Kaufhalle protzt mit einem Überfluss an (Original-!)Waren, über den sich früher wahrscheinlich jeder Kunde unbändig gefreut hätte.

Besonders herauszuheben aber ist die beachtliche Sammlung an Originaldokumenten wie Urkunden, Briefwechsel, „Verschlusssachen“, Zeitungsartikel, klassische DDR-Literatur und dergleichen mehr. So kann man sich in einen alten Sessel (natürlich aus DDR-Produktion) setzen und endlich einmal in jenem „Der Sinn meines Lebens“-Buch schmökern, das jungen FDJler bei ihrer – na ich nenns einfach mal Vereidigung – mit auf den weiteren Lebensweg gegeben wurde, was mir ja knapp erspart blieb. Da sträuben sich einem die Haare, wenn man liest, was man damals 14-Jährigen alles eingetrichtert und als Fakt verkauft hat. Was der Quellensammlung für meinen Geschmack noch ein wenig fehlt, ist ein größeres Angebot an alten Originalzeitungen, die man noch lesen kann. Ein paar wenige (darunter auch eine „Union“ vom Oktober 1980) lagen da verführerisch hinter der Absperrung.

Und weil beim Lesen die Zeit so schnell vergeht, wird man in der 3. Etage auch schon mal vom Schließkommando überrascht. Das kam allerdings schon um 25 vor sechs in Gestalt eines sehr jungen Mannes daher, der einfach anfing, die Lichter auszuschalten. Als ich ihn daraufhin ansprach und meinte, dass ich für mein Eintrittsgeld schon auch bis sechs Uhr die Ausstellung besichtigen möchte, wie es die offiziellen Öffnungszeiten versprechen, meinte er etwas verwirrt, er könne ja das Ganglicht noch mal einschalten. Statt mich aber wenigstens noch bis sechs in Ruhe durch den Gang schlendern zu lassen, verfolgte er mich nun auf Schritt und Tritt: Machte ich einen Schritt, machte er auch einen. Und während der ganzen Prozedur hatte ich seinen bohrenden Blick im Rücken.
Sorry, aber so was geht einfach mal gar nicht. Wenn bis sechs Uhr offen ist, muss der Besucher auch bis sechs Uhr besichtigen können. Auch wenn Samstag ist, kann ich nicht einfach um 17.35 Uhr das Licht ausmachen und noch anwesende Gäste rausekeln. Überhaupt ist das Personal für mich ein Kritikpunkt. Statt sich wie in herkömmlichen Museen dezent im Hintergrund zu halten, sind die zudem recht ungepflegt wirkenden Herrschaften in der „Zeitreise“ omnipräsent und quasi auch kaum zu übersehen und zu überhören. So stehen sie mal hier, mal da rum, fletzen sich auf Ausstellungsobjekte, die eigentlich hinter der Absperrung liegen, gießen zwischendurch die Blumen und unterhalten sich lautstark in platter Art und Weise, sodass es beim Lesen von Dokumenten und Literatur unheimlich stört – oder sie stellen einem eben quasi den Stuhl vor die Tür.

Fazit: Empfehlenswert, wenn man möglichst viele Dinge des täglichen Gebrauchs aus der DDR sehen will und sich nebenbei noch ein wenig Hintergrundwissen zu politischen und historischen Themen anlesen will und dabei nicht allzu viel Wert auf Ambiente und Übersichtlichkeit legt. Kritik: zu wenig Detailinformation zu den Exponaten und teilweise chaotisches Arrangement. Ungepflegtes Personal und überpünktliche Schließzeiten.

Bild des Monats.

Nach langer Zeit mal wieder ein „Bild des Monats“:

Christopher Haley Simpson, Herbst 1991, 61x84,3 cm
Christopher Haley Simpson, Herbst 1991, 61x84,3 cm

Dieses Aquarell des britischen Künstlers Christopher Haley Simpson aus dem Jahr 1991 hat einen festen Platz in der Reihe meiner absoluten Lieblingsbilder. Ein Werk, das die unruhigen Jahre der Wende in Dresden von 1989 bis 1991 und ihre oft skurrilen Auswüchse wie kaum ein zweites festhielt, was man übrigens über viele Werke des Künstlers aus jener Zeit sagen kann.
Wo das Bild entstand, dürfte wohl allen Neustädtern klar sein, oder?

Kirchentag – eine Geschichte voller Missverständnisse.

Lange hatte sich Dresden vorbereitet auf DAS Großereignis des Jahres, den 33. Evangelischen Kirchentag. Der liegt nun bereits längst wieder in der Vergangenheit – Gott sei dank, kann man fast sagen. Den meisten Kirchentags-Fans dürften die fünf Tage wie im Fluge vergangen sein, aus der Perspektive einer schwer arbeitenden Dresdnerin und Nichtchristin zogen sie sich hingegen wie Gummilitze.
Als bei einer Dresdner Tageszeitung Tätige war ich wie viele meiner Kollegen auch natürlich im Großeinsatz – alle fünf Tage, und das auch noch krank. Das hieß, man war vorzugsweise dort, wo gerade am meisten los war und stürzte sich mitten ins Getümmel – und davon gab es zum Kirchentag reichlich bei 300000 Gästen, die die Einwohnerzahl Dresdens mal schlagartig um 50% erhöhten.
Wenn man nun von Termin zu Termin muss, findet man freilich wenig Gefallen an glückstrunkenen Leuten, die Straßen und öffentliche Verkehrsmittel blockieren und die schon bei der leisesten Bitte um Rücksichtnahme eine Spaßbremse wittern. Denn das war die andere Seite des Kirchentages, die dunkle, sozusagen: Nächstenliebe – von den Kanzeln der zahlreichen Gottesdienste und Bibelarbeiten so häufig gepredigt – war etwas, das man mit Gleichgesinnten teilte. Wer ausscherte oder es gar wagte, als Einwohner und Berufstätiger ein Stück weit Normalität und Rücksichtnahme für sich einzufordern, der stieß schon mal auf Verständnislosigkeit und Renitenz.

Richard David Precht brachte dieses Verhaltensmuster am Kirchentagssonnabend in der Frauenkirche pointiert auf den Punkt: Nächstenliebe sei etwas, das den gemeinen menschlichen Verstand überfordere, der Mensch könne danach gar nicht handeln, wenn die Forderung allgemein im Raum stünde, so wie es die christliche Lehre ja formuliert. Im Grunde leben Christen also in einer Scheinwelt, in der sie Ziele formulieren, die so nicht umsetzbar sind, Precht nannte es die „Uneigentlichkeit“ aufgestellter Erwartungshaltungen. Der menschlichen Natur entspreche es vielmehr, seinen Nächsten zu lieben, wenn der mich auch liebt – und deshalb liebt am Ende kaum einer irgendwen. Aber keine Angst, nicht nur Christen erliegen der Uneigentlichkeit, auch alle anderen sind nicht frei davon.

Als Nichtchrist und somit Kirchen-Laie erstaunt hat mich, dass es in den Kirchen und Gemeinden anscheinend nichts als Blasmusik gibt, so gut wie nie traf man bei Veranstaltungen Streicher oder Piano. Da ich keine Blasmusik mag, war also leider bereits das musikalische Erlebnis megamäßig abtörnend, zumal wenn im Prinzip überall dieselben Lieder erschallen – hier hauptsächlich der dreifache Bläserruf des Kirchentages, der bis zum Erbrechen hingeschmettert wurde.

Als Nichtchrist und Kirchen-Laie regelrecht erschrocken hat mich, dass ich den Kirchentag zu mehr als 50% mit meinen Steuern mitfinanzieren muss. Wenn man sich vor Augen hält, dass die Kirchen ohnehin bereits mit Mitteln aus dem Steuersäckel vom Staat unterstützt werden (außerhalb der Kirchensteuer), dann fragt man sich wirklich, wie das sein kann. Keine andere Großveranstaltung privater Akteuere erhält staatliche Zuschüsse, die meisten Vereine und Verbände müssen ohnehin zumeist um jeden Cent staatlicher Förderung kämpfen. Aber hier richtet ein Verein sein ganz eigenes Fest aus und bekommt das zu mehr als der Hälfte vom Staat bezahlt. Kein Wunder, dass sich die Kirche da sagt: Jo mei, klasse, da können wir doch richtig auf die Kacke hauen und feiern gleich fünf Tage lang! Frei nach dem Motto des Kirchentages: „Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein“ (Matth., Bergpredigt). Wenn man also nur genug Geld reingebuttert hat, liebt man den Kirchentag ganz automatisch.
Für meine Begriffe ist die Finanzierung dieses Spektakels in einem Land, das laut Grundgesetz weltanschaulich neutral ist, ein Skandal und nicht wirklich plausibel zu begründen. Künftig sollten solche Veranstaltungen von der Kirche getragen werden – oder wofür zahlen die Christen ihre Kirchensteuer? Wofür zahlt der Staat jährlich Millionen an die Kirchen?

Zusammenfassend bleibt festzuhalten: Auch Christsein macht noch lange keinen vernünftigen, umsichtigen Menschen, und Bescheidenheit, liebe Kirchen, sieht sowieso anders aus.

Ringen von Erfolg gekrönt: Nordflügel des Sowjetischen Garnisonfriedhofes nun Kulturdenkmal!

Es ist geschafft! Nach mehr als einem halben Jahr Ringen um den Erhalt des Nordflügels des Sowjetischen Garnisonfriedhofes, insgesamt drei Eingaben an das Landesamt für Denkmalpflege, das sächsische Innenministerium und das Sächsische Immobilien- und Baumanagement (SIB) und jeder Menge Öffentlichkeitsarbeit steht seit heute fest: Der Garnisonfriedhof wird von nun an als zusammenhängendes Ensemble von zeithistorischem Wert angesehen und steht vollständig unter Denkmalschutz – und zwar inklusive dem bislang von der Denkmalschutzwürde ausgeschlossenen Nordflügel, auf dem sich rund 600 Gräber von Soldaten, Zivilisten und Kindern befinden, die in der Zeit zwischen 1952 und 1987 in Dresden ums Leben kamen (art und wIEse berichtete). Dies ging heute aus einer Antwort der Sächsischen Staatsregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion im Landtag hervor, die hier zu einem späteren Zeitpunkt noch verlinkt wird. Damit haben sich viele Stunden Arbeit, in denen viele Menschen ihre Freizeit geopfert haben, letztlich gelohnt.

Inzwischen gibt es einen „Freundeskreis Sowjetischer Garnisonfriedhof in Dresden“, der von sechs engagierten Dresdner Bürgern am 14. Februar 2011 ins Leben gerufen wurde – ich selbst gehöre auch dazu. Gemeinsam haben wir in den letzten Monaten Gespräche geführt, zuständige Instanzen angeschrieben und um Unterstützung für unseren Standpunkt geworben, dass es keiner Radikalumgestaltung bedarf, die mindestens eine Viertelmillion Euro kosten würde und die Anlage ihres Friedhofscharakters vollständig berauben würde, um eine kostengünstige Pflege zu gewährleisten, wie vom Freistaat in Kooperation mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge geplant. Nicht nur aus dem Bürgerlager und von russischer Seite, sondern nun auch von denkmalschutztechnischer wehen den Plänen des unbelehrbaren Herrn Leroff vom Volksbund nun eisige Winde entgegen. Die Losung heißt ganz klar: Wir wollen kein seelenloses, dafür aber teures Denkmal – für wen denn auch? – wir wollen Ursprünglichkeit erhalten und den im Nordflügel beerdigten Toten nach Sitte ihres Heimatlandes eine würdige Totenruhe gestatten – ohne dass ihre Gräber für immer anonymisiert würden, was das Vorhaben des Herrn Leroff unweigerlich bedeutet hätte.

Der Freundeskreis setzt sich aber nun nicht zur Ruhe. Wir hoffen zwar, dass sich die unseligen Abrisspläne des Freistaates nun endgültig erledigt haben, denn ein Abriss von Grabsteinen auf einem unter Denkmalschutz stehenden Friedhof wäre so ohne Weiteres nicht möglich. Wir rechnen jedoch auch damit, dass SIB und Volksbund in irgendeiner Weise versuchen werden, ihre Pläne dennoch umzusetzen. Deshalb stehen in der nächsten Zeit eine Reihe weiterer Aktivitäten auf dem Programm. Unter anderem wird es am 30. April eine Aktion „Frühjahrsputz“ auf dem Nordflügel geben. Freiwillige sind aufgerufen, mit mitgebrachtem Gartengerät wie Spaten, Harken, Besen und Schaufeln den sich in einem katastrophalen Zustand befindlichen Nordflügel von den gröbsten Verwahrlosungserscheinungen zu befreien.
Dabei werden wir uns zunächst den schlimmsten Teil am Südwestende des Nordflügels vornehmen, wo die meisten Grabmale unter eine Schicht aus Unkraut und aufgewühlter Erde verschwunden sind. Die Erde soll gelockert, von Unkraut befreit und geebnet, die Grabmale freigelegt werden. Die Aktion soll ausloten, was das Ehrenamt künftig imstande ist, in Sachen Friedhofspflege zu leisten. 4000 Euro würde die Radikalumgestaltung dem Freistaat im Jahr Pflegekosten sparen – wir wollen zeigen, dass eine Kooperation mit Bürgern und Vereinen das ebenso abfangen kann. Es ist geplant, über das Deutsch-Russische Kulturinstitut dauerhaft Jugend- und Migrantenprojekte in die Friedhofspflege mit einzubeziehen.

Wer also Lust hat, am 30. April bei trockenem Wetter mitanzupacken, der finde sich zwischen 9 und 16 Uhr (jeder macht nur so lange mit, wie er will) am Garnisonfriedhof an der Marienallee ein (zum Nordflügel bitte vom Haupttor aus den Mittelweg rechter Hand zwischen den Grabreihen bis ganz hinter zum Denkmal für die Kinder gehen, dann die Stufen zwischen den hohen Lebensbaumhecken hinunter zum Nordflügel gehen). Für Verpflegung sorgt der Freundeskreis. Dringend benötigt werden für die Aktion Gartengeräte aller Art, Schubkarren, Besen, Eimer, aber auch Bürsten (zum reinigen der Grabsteine) und Wellblech oder Maschendraht (zum Stopfen der Löcher im Maschendrahtzaun, durch die ständig Schwarzwild einfällt) – ganz toll wäre auch ein benzingetriebener oder ein Handrasenmäher sowie eine Gartenfräse.
Falls sich ein Gartenbaubetrieb fände, der mit einer Art Spende oder aber einer dauerhaften Patenschaft die Pflege des zeithistorisch wertvollen Nordflügels unterstützen möchte, wäre das riesig. Wir benötigen jede Art von Geräten, aber auch ein- bis zwei kostengünstige Gehölzrückschnitte im Jahr. Bei Interesse bitte einfach mailen.

P.S.: Ich weiß, ich habe mein kleines Wiesen-Blog in den letzten Wochen arg vernachlässigt. Das liegt daran, dass mir mein Volontariat, das ich im März begonnen habe, einfach keiner Zeit mehr gelassen hat. Und die Zeit, die überblieb, hab ich meinem Privatleben und zum Beispiel dem Garnisonfriedhof geschenkt.

18 Jahre Verfall und Legendenbildung: Die Übigauer Kaserne.

Seit 18 Jahren ruht sie im Dornröschenschlaf, die Kasernenanlage in der Klingerstraße in Dresden-Übigau. Im Frühjahr 1993 verließen mit den seit 1945 hier stationierten sowjetischen Truppen die letzten Bewohner das Areal. Vermutlich waren hier das 68. Ponton-Brückenregiment und das 443. Pionierbataillon untergebracht – sicher weiß ich das jedoch nicht zu sagen. Selbst die ehemaligen Besatzungssoldaten wissen heute nicht mehr genau, welche Truppenteile in der fast schon idyllisch im malerischen Ortskern von Altübigau gelegenen Kaserne Station bezogen hatten. Doch anders als die Schöne im Märchen zeigt das fast 100 Jahre alte Gebäudeensemble sehr wohl Alterungs- um nicht zu sagen Auflösungserscheinungen.

Gesunkener Stern: Ruine der ehemaligen Sowjet-Kaserne Dresden-Übigau.
Gesunkener Stern: Ruine der ehemaligen Sowjet-Kaserne Dresden-Übigau.

Zur Genüge wurde bereits in der Vergangenheit geschimpft, die Russen hätten wie die Vandalen in den 1945 in gutem Zustand übernommenen Gebäuden gehaust, alles kolossal heruntergewirtschaftet. Doch solange sich die Kasernenanlagen in Nutzung durch die Sowjets befanden, waren die meisten von ihnen offensichtlich noch gut in Schuss, die Bundeswehr bei vielen Objekten sogar bei der Übernahme überrascht darüber, wie gut vieles noch intakt war. Davon weiß unter anderem Dieter Liebschner zu berichten, Mitglied des Arbeitskreises Sächsische Militärgeschichte in Dresden und seinerzeit bei der Übergabe der Albertstadt-Kasernenanlagen an die Bundeswehr im Jahre 1994 zugegen. Herr Liebschner ist wohlgemerkt weit davon entfernt, ein ausgesprochener „Freund“ der Sowjets zu sein und somit nicht gefährdet, den Himmel über den ehemaligen Besatzern voller Geigen zu malen.

Das beste Beispiel sind dafür wohl die Heilstätten Beelitz: Bis zuletzt das modernste Militärlazarett der Russen auf deutschem Boden, sah es hier bis 1994 noch so aus:

Beelitz Heilstätten (90er-Jahre). Foto: W. Borissow, Deutsch-Russisches Museum Berlin.
Beelitz Heilstätten (90er-Jahre). Foto: W. Borissow, Deutsch-Russisches Museum Berlin.

Beelitz Heilstätten, 1992. Quelle: Sowjetische Truppen in Deutschland, Burlakow.
Beelitz Heilstätten, 1992. Quelle: Sowjetische Truppen in Deutschland, Burlakow.

Beelitz Heilstätten (90er-Jahre). Foto: W. Borissow, Deutsch-Russisches Museum Berlin.
Beelitz Heilstätten (90er-Jahre). Foto: W. Borissow, Deutsch-Russisches Museum Berlin.

Von „heruntergewirtschaftet“ oder „verlumpt“ keine Spur. Keine bröckelnden Fassaden, kein herabblätternder Putz, gepflegte Außenanlagen, innen alles blitzsauber. Zwar war die Bausubstanz alt und marode, doch die Sowjets hielten die Klinik mit kleineren Reparaturen und Flickarbeiten und vor allem penibler Reinlichkeit nutzbar. Nur wenige Jahre nach dem Abzug der Truppen standen die Gebäude noch immer leer, zeigten sich die Spuren in der Hauptsache nicht der Vernachlässigung durch die Sowjets, sondern durch die Kommunen, die die denkmalgeschützten Bauten jahrelang verwahrlosen und verfallen ließen, bevor die ersten saniert wurden. Im Prinzip lässt sich sogar sagen, das die Nutzung durch die Sowjets die Anlage während der DDR-Zeit sogar vor dem Verfall rettete – denn die SED-Behörden hatten mit Denkmalschutz und Sanierung bekanntlich nicht viel am Hut.

Beelitz Heilstätten, Ende 90er-Jahre.
Beelitz Heilstätten, Ende 90er-Jahre.

Wie immer hat die Wahrheit zwei Medaillen. Die Sowjets erwiesen sich auch in Beelitz als Überlebenskünstler und Improvisateure, statt als Modernisierer. Moskau wollte so wenig Geld wie möglich in die hiesige Gebäudesubstanz investieren, wirkliche Instandsetzung gab es also auch in Beelitz in den 45 Jahren sowjetischer Präsenz nicht. Stattdessen wurde geflickt und gepflegt. Beim Abzug gingen die gedemütigten Truppen zudem oft alles andere als zimperlich mit Inventar und Einrichtung um, teilweise wurden sogar ganze Heizungsanlagen einfach ausgebaut und mit in die Heimat genommen. Dennoch: Die Gebäude befanden sich 1994 in einem nutzbaren Zustand. Mit vergleichsweise geringem Sanierungsaufwand machte man bis 1999 einige davon auch wieder flott – 2000 geriet der Erneuerungsprozess ins Stocken, die übrigen Gebäude verfielen immer mehr. Auch Vandalismus tat seins dazu: Zerschmissene Fensterscheiben und eingetretene Türen öffneten der Verwitterung Tür und Tor. Und eines ist wohl sicher: Je länger die Häuser verfallen, desto teurer wird eine eventuelle Sanierung. Von der gesetzlichen Verpflichtung, denkmalgeschützte Bauten zu erhalten, mal ganz zu schweigen.

Beelitz ist nur eines von vielen Beispielen, die zeigen, wie nach der Wende vergammelnde Kasernen bevorzugt auf das Konto der „sowjetischen Horden“ geschrieben wurden, statt sich an die eigene Nase zu fassen. Wie viele DDR-Wohnhäuser (z.B. in der Neustdt) sahen genauso katastrophal aus, weil sie jahrzehntelang unbewohnt dem Verfall preisgegeben worden oder aber dringend notwendige Sanierungen immer auf das aller Notwendigste beschränkt waren?
Dass die Sowjets während der Besatzung alles andere als wie die Vandalen hausten, zeigen weitere Aufnahmen von Kasernengebäuden in ganz Ostdeutschland kurz vor dem Truppenabzug:

Kaserne der 34. Artillerie-Division in Potsdam, 1993. Quelle: Burlakow, Sowjetische Truppen in Deutschland.
Kaserne der 34. Artillerie-Division in Potsdam, 1993. Quelle: Burlakow, Sowjetische Truppen in Deutschland.
Schlafsaal Berlin-Brigade, Berlin Karlshorst (90er-Jahre). Foto: W. Borissow, Deutsch-Russisches Museum Berlin.
Schlafsaal Berlin-Brigade, Berlin Karlshorst (90er-Jahre). Foto: W. Borissow, Deutsch-Russisches Museum Berlin.

Auch hier zeigt sich ein vergleichsweise zivilisiertes Bild: Die Bausubstanz mag alt gewesen sein, doch sie zeigt sich sowohl von außen als auch von innen in annehmbarem Zustand. Die Schlafsäle seien auch in den Dresdner Kasernen bei der Übergabe an die Bundeswehr „blitzsauber“ gewesen, sodass „man vom Boden hätte essen können“, erinnert sich Dieter Liebschner. Die Exerzier- und Vorplätze zeigen sich aufgeräumt, akurat gepflastert und von Pflanzkübeln und Rasenrabatten, teils sogar Blumenbeeten, gesäumt. Weitere Fotos aus dem Fundus des letzten Oberkommandierenden der Westgruppe, Burlakow, zeigen Soldaten beim Rasenmähen und Putzen.

*

Sieht man sich nun die wenigen zugänglichen, unscharfen Bilder der 1913/14 errichteten ehemaligen Luftschifffahrts- und späteren Nachrichtenkaserne in Übigau an, die das Areal in sowjetischer Nutzung kurz vor dem Abzug der Truppen im Frühjahr 1993 zeigen, kann auch hier konstatiert werden: Die Kaserne befand sich vor Übergabe an die deutschen Behörden in einem vergleichsweise zivilisierten Zustand – bis die ersten Fensterscheiben in dem nur dürftig gesicherten Gebäudekomplex zu Bruch gingen und einheimische Abenteurer sich Zutritt verschafften.

Die letzten Truppen verlassen die Übigauer Kaserne, Frühjahr 1993. Quelle: www.dresden-übigau.de.
Die letzten Truppen verlassen die Übigauer Kaserne, Frühjahr 1993. Quelle: www.dresden-übigau.de.
Der Exerzierplatz auf dem Kasernenhof, Herbst/Winter 92/93. Quelle: www.dresden-übigau.de.
Der Exerzierplatz auf dem Kasernenhof, Herbst/Winter 92/93. Quelle: www.dresden-übigau.de.
Kaserne Dresden-Übigau, Unterkünfte.
Kaserne Dresden-Übigau, Unterkünfte.

Heute hingegen ist der gesamte Innenhof der Kaserne von Bauschutt und Trümmerresten, Pflastersteinen und Schrott übersäht. Wahrscheinlich großteils Rückstände des Abrisses einiger Gebäude in den Jahren 2004 und 2005. Die Häuserreihe im Hintergrund des rechten oberen Fotos mit dem Exerzierplatz steht heute nicht mehr. Früher befanden sich Ställe und Fuhrpark darin. Wind und Wetter setzten ihnen so zu, dass sie teilweise einstürzten und notdürftig abgerissen wurden.
An der Mauer entlang der Klingerstraße türmt sich achtlos von Anwohnern rübergeworfener Müll: Flaschen, Autoreifen und ganze Möbel- und Technikteile gammeln dort vor sich hin. Sowjetische Hinterlassenschaften hingegen sind trotz intensiver Suche kaum zu finden: Ein Soldatenstiefel hinter der Turnhalle ist eines der wenigen Originalsouvenire, die das Gelände heute hergibt. Auch der meiste Unrat in den Kasernengebäuden entpuppt sich als „deutsches Erbe“: haufenweise Zementsäcke und Werkzeug aus deutscher Produktion, herangeschleppte Möbel; verwanzte Schlafsäcke und Decken zeugen von gelegentlichen nächtlichen Gästen. Der Zutritt ist auch heute noch – trotz der augenscheinlichen Einsturz- und sogar Lebensgefahr in vielen Bereichen – kinderleicht. Nur ein Schild warnt direkt neben dem bequemen Einstiegsloch im Haupttor: „Betreten der Baustelle verboten“. Vermutlich muss erst ein neugieriges Kind durch das Loch in der Hauswand in den mehrere Meter tiefen Kohlenschacht (mehr dazu später im Text) stürzen und dabei umkommen, bis die Ruine (und mehr ist das heute einfach nicht mehr) besser gesichert wird. Dass Ruinen eine magische Anziehungskraft auf abenteuerlustige Kinder haben, wissen wir nicht erst, seit die 11-jährige Emma vorvergangene Woche im alten Sachsenbad in den Tod stürzte. Auch ich streifte als Kind bereits bevorzugt durch die Ruinen der Neustadt.

Kaserne Dresden-Übigau: Soldatenstiefel.
Kaserne Dresden-Übigau: Soldatenstiefel.
Kaserne Dresden-Übigau: rosa Wände?
Kaserne Dresden-Übigau: rosa Wände?

Auch heute, 17 Jahre nach dem Abzug, geben die Gebäude noch Aufschluss über so manche sowjetische Auffassung von Wohnlichkeit: So schienen die Sowjets trotz des tristen Graus der Außenfassaden eine Vorliebe für kräftige Farben im Innenbereich zu haben. Häufig stößt man im Inneren der Kasernenbauten auf knallige Blau- und Mintgrün-Töne, sonniges Gelb und sogar schreiendes Rosa – in einem Haus, das fast ausschließlich Männer beherbergte, wohlgemerkt. Die Latrinen erstrahlen sogar in einer gewagten Kombination aus Blau, Grün und Rot.

Kaserne Dresden-Übigau: Festsaal?
Kaserne Dresden-Übigau: Festsaal?
Kaserne Dresden-Übigau: Kellerloch.
Kaserne Dresden-Übigau: Kellerloch.

An der Westseite befinden sich die ehemalige Turnhalle und anscheinend so etwas wie der ehemalige Festsaal. Auf dem Bild (links) mag das nicht so ganz rüberkommen, aber die Bretterlandschafft im Vordergrund mutet wie eine Bühne an, von der rechter Hand Stufen in einen tiefer gelegenen Bereich führen. Betreten ist aber mittlerweile gerade bei dem momentanen Tauwetter nicht zu empfehlen, Dach und Bretterboden sind extrem morsch und akut einsturzgefährdet.
Auf dem rechten Bild ist etwas undeutlich ein ziemlich dunkles, mindestens sechs Meter tiefes Kellerloch zu sehen, das im mittleren Hauptgebäude an der Klingerstraße durch ein Loch in der Hauswand einsehbar ist. Vom Loch in der Wand führt eine Eisenstiege nach unten. Eventuell befand sich hier mal das Heizhaus, denn das Loch sieht ziemlich ausgeweidet aus, die Kessel und Geräte wurden anscheinend mitgenommen. Sogar die Treppe an der dem Einstiegsloch gegenüberliegenden Kellerwand, die von unten zu einer parterre liegenden Tür hinaufführte, wurde abgebaut. Anscheinend wurden früher Kohlen dort gelagert, denn alles ist irgendwie noch ziemlich schwarz da unten.

Kaserne Dresden-Übigau: mediale Tapete.
Kaserne Dresden-Übigau: mediale Tapete.
Kaserne Dresden-Übigau: farbenfrohes Treppenhaus.
Kaserne Dresden-Übigau: farbenfrohes Treppenhaus.

Die Übigauer Kaserne steht zu 85% unter Denkmalschutz, doch der Verfall geht weiter. 2004 wurden einige Gebäude abgerissen, ein Dehner-Gartencenter entstand an der Washington-Straße. Eine vor Jahren geplante Seniorenwohnanlage wurde nie gebaut, seit 2003 gelten die Pläne als verworfen. Seither hat sich an dem schlechten Zustand der restlichen Gebäude nichts geändert. Sollte die einst schmucke Kaserne ihren 100. Geburtstag in 3 Jahren tatsächlich als Ruine feiern müssen?

Unterkünfte der Nachrichtenkaserne Klinger-/Ecke Kaditzer Straße um 1937.
Unterkünfte der Nachrichtenkaserne Klinger-/Ecke Kaditzer Straße um 1937.

Zeugnis alter kaiserlicher Herrlichkeit: Ornament an der Fassade Klingerstraße.
Zeugnis alter kaiserlicher Herrlichkeit: Ornament an der Fassade Klingerstraße.

Spurensuche am Festspielhaus Hellerau.

Vor einigen Wochen begab ich mich auf Spurensuche auf dem Gelände des Festspielhauses Hellerau, das von den 30er-Jahren an bis in die 90er-Jahre hinein Kasernengelände war. Von 1945 bis 1992 waren hier das 153. separate Fernmeldebatallion sowie ein Sanitätsbatallion der Sowjetarmee samt Lazarett ansässig. In der großen grauen Villa (erstes Foto), links des Eingangs zum Gelände, sollen früher Politoffiziere gewohnt haben, in den kleinen gelben Häuschen am Festplatz die Kommandeure, während das Festspielhaus selbst anscheinend als Lazarett gedient hat.

Neben den bereits gesondert zur Schau gestellten Wandmalereien aus der Zeit der sowjetischen Besatzung im Festspielhaus gab es noch eine Reihe anderer interessanter Zeugnisse aus vergangenen Zeiten, die im Bild festzuhalten mir lohnenswert schien.
Dabei herumgekommen ist u. a. dies (zum Vergrößern bitte auf die Bilder klicken):


DMB 86
DMB 86

    Das obige Bild – dessen marmorierte Optik mir übrigens irgendwie total gut gefällt – zeigt ein Stück rohverputzte Mauer im Bereich der ehemaligen Werk- bzw. Fuhrparkshallen. Links ist sehr verschwommen mit dunkler Farbe in Kyrillisch „DMB 86“ zu lesen. DMB steht dabei vermutlich für das Russische „Dembel“, abgeleitet von „Demobilisazia“, das im Prinzip die Entlassungskandidaten bezeichnete. Dazu steht meist das Jahr der Entlassung: oben 1986.
    Rechts daneben noch mal in Rot die Dienstzeit: 1984-86. Auf dem gesamten Gelände fanden sich solche Insignien von hier ihren Wehrdienst ableistenden Soldaten der Sowjetischen Armee. Siehe auch das nächste Bild: Entlassung Frühjahr („Wesna“) 1988.

Freundschaft.
Freundschaft.

Leningrad.
Leningrad.

Eingewecktes anno 1984.
Eingewecktes anno 1984.
    Damals wie heute beliebt, früher aber fast überlebenswichtig: eingekochtes Obst. Hier Kirschen, Pflaumen und Apfelmus. Das ganz links sah aus wie Blumenkohl. Auf dem Apfelmusglas klebt noch ein kleiner weißer Aufkleber mit der Aufschrift „84“. Fotografiert durch die fast blinde Scheibe eines noch nahezu im Originalzustand erhaltenen Schuppens hinter dem Festspielhaus. Daher auch die recht miese Qualität des Fotos. Das Obst sieht übrigens – wie man erkennen kann – noch richtig genießbar aus. Würde sicher auch eine tolle Requisite fürs Theater abgeben.

Altes Werbeschild des russischen Tanztheaters „Derevo“ – oder ein Teil einer Requisite? Toller Fund auf jeden Fall. Es stand ziemlich abseits des Festspielhauses im Bereich der Schuppen und Baracken.

Dieses verwitterte Bild ziert eine der nach wie vor erhaltenen Begrenzungsmauern hinter den ehemaligen Truppenunterkünften (auf dem Festspielgelände die langgezogene Ruine rechter Hand). Auch wenn Wind und Wetter ihm arg zugesetzt haben, hat es mich sofort aufgrund seiner erstaunlichen Perspektivik und Weite begeistert. Wenn man hinschaut, meint man, auf ein steiniges Meeresufer zu blicken: In den seichten Wogen liegen runde, schwarze Steine im Morgendunst, die am Horizont aufgehende Sonne spiegelt sich im Wasser… fantastisch. Wahrscheinlich kommt dieser Effekt gerade deshalb zustande, weil das Bild bereits so verwaschen ist.

An diesem Mauerstück finden sich noch weitere handgemalte Bilder, teilweise mit kindlichen Motiven (siehe die nächsten Bilder). Womöglich wurden in dem auf dem Gelände befindlichen Lazarett dann und wann auch Kinder von Offizieren behandelt, sodass man die Mauern auf der Innenseite mit Bildern verzierte, um den kleinen Patienten den Aufenthalt angenehmer zu gestalten.

Bilder eines Krieges – Ausdruck eines Selbstbildes.

Die folgenden Fotos zeigen Wandbilder aus dem Festspielhaus Hellerau. Bereits vor den Weltkriegen wurde das Ensemble als Spielstätte genutzt. Nach Ende des 2. Weltkrieges zog in die heutige Festhalle das Stabshauptquartier einer Einheit der Sowjetarmee ein, rings herum gruppierten sich die Mannschaftsunterkünfte sowie Werk- und Lagerhallen. Nach der Wende begann die Wiederbelebung der alten Festspiel-Tradition auf dem Areal.
Im Zuge der Sanierung stieß man auf umfangreiche, farbenprächtige Wandgemälde der Sowjets, vermutlich aus jener Zeit kurz nach Ende des Krieges. Sie zeigen die Geschichte des „heldenhaften Vorstoßes“ der Roten Armee über Russland, die Ukraine und Polen bis nach Berlin. Sie zeigen die Schrecken und das Grauen der Schlachten: brennende Panzer, Luftangriffe, Explosionen, Tote – und mittendrin eine junge Sanitäterin, die einen Verletzten birgt, um ihn zu retten. Bilder, die damals vermutlich in der Erinnerung des Künstlers noch sehr lebendig waren. Sein Name ist hingegen bis heute unbekannt.

Sie zeigen aber auch die bilderstürmerischen Ruhmessymbole vom siegreichen, mächten Rotarmisten mit wehendem Umhang, der ein angsterfülltes deutsches Kind in seinen Armen hält und mit einem überdimensionalen Schwert ein Hakenkreuz zerschmettert – die klassische Befreiungssymbolik. Eine Statue von ganz ähnlicher Gestalt steht noch heute am Ehrenmal in Berlin-Treptow. Dazu sieht man Landkarten mit den Marschrouten von damals. Dass von den ruhmreichen sowjetischen Kommandeuren schon mal eine Menschenmasse vergleichbar mit der Einwohnerzahl Leningrads binnen weniger Monate teils sinnlos verheizt wurde, darüber schweigen die Bilder.

Dass diese Kunstwerke im Zuge des Umbaus zum Festspielhaus erhalten wurden, ist ein wahrer Glücksfall und daher den Bauherren hoch anzurechnen. Denn zumeist werden die Zeugnisse jener Ära heute tunlichst übertüncht oder anderweitig zerstört. Nach Auskunft des Hauses wurden die Bilder einst mit einfacher Latex-Farbe auf die rohe Wand aufgebracht, an vielen Stellen bedürften sie dringend der Restaurierung. In de imposanten Eingangshalle, die nahezu ausschließlich in Weiß und anderen hellen Naturfarben gehalten ist, wirken die farbenfrohen Wandmalereien umso eindrucksvoller.

 Im Treppenhaus zum Obergeschoss: Der lange Weg nach Berlin und der heldenhafte, siegreiche Rotarmist, Retter deutscher Kinder.
Im Treppenhaus zum Obergeschoss: Der lange Weg nach Berlin und der heldenhafte, siegreiche Rotarmist, Retter deutscher Kinder.

Kommentare im Wandbild.