Die Tücken der Trauer – oder warum Emotionen nie zu unterschätzen sind.

Deshalb bin ich froh, in Deutschland zu leben. Eine solch pluralistische, unabhängige und kritische Medienlandschaft sucht selbst in Europa bisweilen ihresgleichen. Auch wenn ich den Standpunkt des Marc Felix Serrao heute in der Süddeutschen Zeitung von Herzen nicht teile – er muss doch gesagt werden dürfen.

Wie darf um die Opfer von Paris getrauert werden? Und darf man gar Kritik an der Art und Weise üben, wie dies geschieht? Dieser Frage widmete sich Serrao in einem Kommentar. Dabei wird überdeutlich, dass der Kommentator die gerade in sozialen Netzwerken immer sichtbarer werdende Kritik am nationalistisch-kulturkämpferisch angehauchten offiziellen Trauerkanon missbilligt. Das sei ihm zugestanden. Doch selbstverständlich ist auch die Kritik nicht über die Kritik erhaben.

Auch Trauer – soweit sie öffentlich bekundet wird – nimmt in nicht unerheblichem Maße Einfluss auf gesellschaftliche Stimmungen. Diese Erkenntnis ist deshalb so wichtig, weil Trauer eben nicht nur Liebe und Zuneigung in sich birgt, sondern auch nahe bei Wut und Hass liegt. Sie birgt in ihrer betäubenden Funktion auch eine gewisse Unberechenbarkeit. Und sie ist umgekehrt ein wichtiger Spiegel der Moral und des Zustandes einer Gesellschaft. Trauern kann man still und herzlich, zum Beispiel wenn es sich um einen sehr persönlichen, tief empfundenen Verlust handelt. Da wird es kaum jemanden raus in die Öffentlichkeit ziehen. Aber Trauer geht auch laut, öffentlich und demonstrativ – und zwar meist dann, wenn sie Einfluss nehmen, Massen erfassen, politische Botschaften tragen soll. Ich erinnere zur Veranschaulichung nur (als negatives Extrembeispiel, das in keiner Weise mit der aktuellen Situation gleichgesetzt werden soll!) an die bestellten und demonstrativ propagierten Trauerzeremonielle anlässlich des Todes großer Diktatoren. Oder während des Nationalsozialismus – etwa, als im November 1938 die Ermordung eines deutschen Botschaftsattachés in Paris zum Anlass genommen wurde, unter dem Deckmantel der Trauer und des Protests gegen den „feigen Judenmord“ in Vorbereitung der Judenvernichtung die „richtige Stimmung“ in der Gesellschaft zu erzeugen. Das Ganze mündete in die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938.

Die Beispiele zeigen – es reicht einfach nicht, derart weltumspannende und zudem von außen organisierte Trauerrituale unter dem Aspekt der Betroffenheit und Emotionalität und Kritik daran ziemlich großspurig als „Besserwisserei“ abzutun. So schreibt Serrao in seinem Artikel:

Frankreichs Opfer sind noch nicht beerdigt, und schon tippen Leute Trauerregeln ab. Das erinnert an die Online-Aufpasser, die direkt nach dem Massaker nichts Besseres zu tun hatten, als Facebook und Twitter nach unpassenden Kommentaren zu durchforsten. Beide haben in der Sache irgendwie recht und sind mit ihrem Zeigefingergewedel doch unsympathisch.

Und weiter:

Wofür steht Frankreichs Tricolore? Da ist zuerst die Freiheit – auch die, im Affekt etwas Dummes zu schreiben. Dann die Gleichheit, die auch alle Nicht-Franzosen meint. Und schließlich die Idee der weltumspannenden Bruderliebe. Letztere ist das wohl schönste Geschenk der großen, alten Republik an die Welt.

Und genau hier liegt für viele Kritiker das Problem. Warum ist es denn so wichtig, dass es „Frankreichs Opfer“ sind? Wer so denkt, denkt – ob nun bewusst oder unbewusst – in nationalen Kategorien. Nicht in europäischen, nicht in „weltumspannenden“ – und schon gar nicht in menschlichen. Wer um die Menschen trauert, dem ist deren Nationalität oder der Ort, an dem ihnen dieses Unheil widerfuhr, völlig zweitrangig. Es ist aber just jene politisch aufgeladene Trauerrhetorik dieser Tage vom „Angriff auf die freie Welt“ und damit gegen „uns alle“, die aufhorchen und Sorgenfalten tiefer werden lässt.
Längst nicht alle Opfer von Paris sind zudem Franzosen. Wie mittlerweile bekannt ist, gehörten die bislang 132 bestätigen Toten mindestens 15 verschiedenen Nationalitäten an, darunter mindestens zwei Deutsche, aber auch US-Amerikaner, Mexikaner und Iren. Hinzu kommt, dass das Verwenden nationaler Symbole vor allem der Fraktion Rechtspopulisten und Islamophoben in die Hände spielt, die derzeit ohnehin bereits genügend Aufwind spüren. Schon weil man sich von diesen Leuten möglichst abheben sollte, statt ihnen weiter das Gefühl zu geben, dass ihre Nationalismen langsam mehrheitsfähig werden, empfiehlt sich ein bedachterer Umgang mit der Katastrophe. Und nur, weil das jemand so sieht und auch öffentlich kundtut, stellt er noch lange keine „Trauerregeln“ auf. Nun will ich nicht sagen, Serrao sei ein glühender Nationalist. Aber seinem Kommentar ist schon ein gewisser Unwille zur sachlichen Reflektion zu entnehmen, wenn es darum geht, echte empfundene Trauer von politisierter, demonstrativer Trauer zu entkoppeln.

Wer von all denen, die heute ihr Facebook-Profil mit der Tricolore hinterlegt haben, spürte denn etwa beim sehr wahrscheinlich durch einen IS-Anschlag verursachten Absturz einer russischen Antonow vor zwei Wochen über Ägypten dieselbe Trauer und dasselbe Bedürfnis, sie öffentlich zu zeigen? 224 unschuldige Menschen kamen dabei ums Leben – doch von Betroffenheit in der Weltgemeinschaft kaum eine Spur. Kann es sein, dass russische Opfer momentan einfach nicht ins Konzept des „wir, die freiheitlich-fortschrittliche Welt“ passen? Oder ein anderes Beispiel – der Terroranschlag an der Harissa-Universität in Kenia vor einem halben Jahr. Fast 150 Menschen starben damals durch islamistische Terroristen – doch es gab keine markigen Brandreden westlicher Politiker, keine Facebook-Aktionen oder kenianische Flaggen zum Zeichen der Solidarität – geschweige denn eine tagelange 24-7-Dauerberichterstattung in den Medien. Tatsächlich sind diese Opfer längst vergessen im freiheitlichen Europa. Es sind die Double-Standards in der Trauerkultur, in der Gewichtung von Opfern, die – gottseidank muss man sagen – vielen Menschen übel aufstößt.
Ich würde noch weiter gehen: Wer die Tragödie von Paris ausschließlich als „französische“ bzw. Tragödie „der freiheitlichen Welt“ begreift, der politisiert und instrumentalisiert sie. Und genau dieses Gefühl beschleicht einen dieser Tage immer mehr, wenn man den französischen Präsidenten Francois Hollande von „Krieg“ und „Kampf“ predigen hört, den man nun „mit aller Kraft“ weiterführen müsse – und damit die neuerlichen Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien meint, die längst in Ausführung begriffen sind. Die Angriffe werden erneut forciert – obwohl die bisherige aggressive Strategie der Großmächte im Mittleren Osten überhaupt erst zu der Situation eines erstarkten, radikalen und gewaltbereiten Islamismus geführt hat.

Bei Lektüre des Kommentars fragt man sich zudem so ein wenig, ob der gute Marc Felix Serrao – ohne ihm damit zu nahe treten zu wollen – nicht vielleicht in den Topf mit dem Gloriole-Serum gefallen ist. Wie weit ist es denn her mit der von ihm beschworenen „weltumspannende Bruderliebe“ Frankreichs? Die macht sich natürlich in der Vita eines jeden Landes ganz gut. Ob sie auch gelebt wird und somit tatsächlich überschwänglich als „Geschenk an die Welt“ gefeiert werden darf, steht wieder auf einem ganz anderen Blatt. Ich erinnere nur an den „Tugendterroristen“ Robespierre, einem der geistigen Väter der Tricolore und der Losung „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, der reihenweise seiner in Ungnade gefallenen revolutionären Brüder in den Jahren des Terrors in einem Akt von Brudermord über die Klinge springen ließ. „Weltumspannend“, wie Serrao schreibt, war diese Brüderlichkeit zudem zumindest in Robespierres Zeiten nie gemeint, und sie wurde vor allem während der Kolonialzeit mehrfach auf grausige Weise ad absurdum geführt. Und auch heute wird vor allem die stets benachteiligte muslimische Minderheit in Frankreich wenig über Brüderlichkeit oder Gleichheit berichten können.

Ja, die Opfer sind noch nicht beerdigt. Ja, es darf getrauert werden. Aber das darf nicht bedeuten, dass die Welt für einige Tage oder Wochen kollektiv das Denken an den Nagel hängt und sich von Emotionen treiben lässt. Welche furchtbaren Auswirkungen Schock und Trauer haben können, die auf politische Motive treffen, hat der 11. September 2001 gezeigt. Damals wurde mit der beinahe unhinterfragt einsetzenden und seitens der westlichen Politiker massiv beförderten antiislamischen und antiarabischen Stimmung der Boden bereitet für viele Probleme, die wir heute haben – z.B. den islamistischen Terrorismus, der nicht mehr explizit auf bestimmte politische Ziele, sondern direkt gegen den Westen als Wertegemeinschaft gerichtet ist. Immer wieder haben Wissenschaftler und Experten in der Vergangenheit auf diesen unheilvollen Zusammenhang zwischen westlicher Politik und dem Entstehen neuer Bedrohungslagen – auch für uns – hingewiesen. Zuletzt etwa der US-Historiker und Journalist Gwynne Dyer. Der radikale Islam im Mittleren Osten lege es regelrecht darauf an, westliche Truppen in der Region zu halten – um die dortige Bevölkerung durch die permanenten Kampfhandlungen zu radikalisieren und gegen den Westen aufzubringen, so Dyer. Bislang hat diese Strategie glänzend funktioniert. Zuhören will diesen Stimmen bislang trotzdem niemand. Stattdessen wird weiter vom Sieg über den Terrorismus geträumt.

Leiden fürs Reich – Russlands Kranke bezahlen für die Sache

Vor fast genau einem Jahr hatte ich hier über die Zustände im russischen Gesundheits- und Sozialwesen geschrieben, das seit Jahren restlos unterfinanziert ist und zuletzt weitere Kürzungen hinnehmen musste. Währenddessen fließen Billionen Rubel in teure Prestige-Projekte – etwa die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014, die Fußball-WM 2018 und nicht zuletzt der Krieg in der Ostukraine und die völkerrechtswidrige Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim im März 2014, die den russischen Steuerzahler in den nächsten Jahren Milliarden kosten wird. Damals hatte ich eine Reportage des ukrainischen Journalisten Oleg Leusenko (LiveJournal) verlinkt, die die erschütternden baulichen, ausstattungstechnischen und hygienischen Zustände in russischen Kinderkrankenhäusern aufzeigte. Angesichts ruinöser Gebäude mit Schimmel- und Schwammbefall, vorsintflutlichen oder ganz fehlenden Mobiliars und vor allem der maroden sanitären Anlagen, in denen es häufig sogar an funktionsfähigen Spülungen und selbst so etwas Banalem wie Seifenspendern fehlt, ist man als verwöhnter westlicher Wohlstandsbürger versucht, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen. Diese erschreckenden Realitäten wohlgemerkt in einem Land, das sich selbst als Weltmacht sieht und auch gern so wahrgenommen werden möchte.

Krankenhaus Nr. 1 in Sotschi, September 2015: Ein kleines Mädchen im Männer-Zimmer, Feldbetten wie in der Kaserne statt moderner Pflegebetten.
Krankenhaus Nr. 1 in Sotschi, September 2015: Ein kleines Mädchen im Männer-Zimmer, Feldbetten wie in der Kaserne statt moderner Pflegebetten.
Erst kürzlich hat nun der russische Oppositionelle und einer der bekanntesten Blogger des Landes, Rustem Adagamow, auf seiner Facebook-Seite abermals auf das Problem aufmerksam gemacht. Dort veröffentlichte er Bilder eines russischen Vaters aus der Region Krasnodar (Südrussland), der seine dreijährige Tochter mit 39,3 Grad Fieber in die Infektionsabteilung des Krankenhauses Nr. 1 in der Olympia-Stadt Sotschi gebracht hatte – die Verhältnisse, die sich ihm dort darboten, schockierten ihn so, dass er sie im Bild festhielt und die Dateien an Adagamow schickte. Auf der Kinderstation des Krankenhauses in der 350000-Einwohner-Stadt am Schwarzen Meer war kein Platz für die Dreijährige, sodass man sie notgedrungen in ein Zimmer auf der Männerabteilung legte, welches sie sich mit drei Männern teilen musste. Die Klinikgebäude selbst – nach den Fotos zu urteilen in einem erbarmungswürdigen Zustand, als sei dort die Zeit seit der Sowjet-Ära stehen geblieben: Feldbetten mit siffigen Matratzen statt steriler Sauberkeit und anständiger Pflegebetten. Nach Aussagen des Vaters kam bis zum Mittag des nächsten Tages kein Arzt, um nach dem kranken Kind zu sehen. Als endlich einer vorbeischaute, machte der Vater ihm deutlich, dass er mit seiner Tochter ins Krankenhaus nach Krasnodar fahren würde, worauf der Mediziner mit Verständnis reagiert haben soll.

Es entbehrt nicht eines besonderen Zynismus, ausgerechnet in Sotschi, wo in den letzten Jahren 40 Milliarden Euro in den Ausbau der olympischen Sportstätten für die Winterspiele 2014 geflossen waren, Kliniken vorzufinden, in denen es offenbar am Nötigsten fehlt – auch am Personal. Doch der Verfall der nationalen Gesundheitsinfrastruktur hat offenbar Methode. Seit etwa 2008 sinken die Gesundheitsausgaben in Russland stetig. Die Aufholjagd, die Wladimir Putin während seiner zweiten Amtsperiode ab 2005 gestartet hatte, erreichte Kliniken und Patienten kaum und verebbte schon kurz darauf zudem wieder. Selbst Mitte der 90er-Jahre gab Russland mehr für die öffentliche Gesundheit aus als heute, da die Ausgaben im aktuellen Jahr gerade noch 3,1 Prozent (2014: 3,4 Prozent) des Bruttoinlandsproduktes betragen.

Dustere Gänge, bröckelnder Putz und offene Leitungen - Alltag im Krankenhaus Nr. 1 in Sotschi.
Dustere Gänge, bröckelnder Putz und offene Leitungen – Alltag im Krankenhaus Nr. 1 in Sotschi.
Der Zynismus wird dann ins Unermessliche gesteigert, wenn man sich vor Augen hält, dass man vom Sotschier Krankenhausfenster aus praktisch auf die Krim hinüberspucken kann – wo in den nächsten Jahren weitere Milliarden in ein nationales Prestige- und Propagandaprojekt fließen werden. Putins Russland scheint jedes politische Augenmaß verloren zu haben. Statt das Land von innen auf eine solide soziale und wirtschaftliche Basis zu stellen, richtet der seit 15 Jahren autoritär herrschende Staatschef den Kurs seines Landes seit zwei Jahren hauptsächlich auf den Erhalt seiner Macht und die Steigerung des eigenen Einflusses aus. Der Rüstungsetat stieg 2015 gegenüber dem Vorjahr abermals um gut 15 Prozent – trotz schwerer Wirtschaftskrise. Gespart wird dagegen nicht nur bei der Gesundheit, sondern auch im Bildungswesen und beim kommunalen Wohnungsbau. Die Folgen bekommen die Russen zu spüren. Anders als der oben erwähnte Vater sind – und das ist für in hiesigen Kulturkreisen beheimatete Menschen umso unverständlicher – längst nicht alle Russen über solche Aussichten erbost. Viele sind bereit, für die Wiederherstellung alter militärischer und globaler Stärke den Preis sozialen Verfalls zu zahlen. Vor allem die ältere Generation beweist ausgesprochene Leidensfähigkeit: Sie verbrachte einen guten Teil ihres Lebens in der Sowjetunion, ist an Mangel und Rückständigkeit gewöhnt. Was in vielen russischen Krankenhäusern aber zwischenzeitlich an Mängeln und Missständen aufgelaufen ist, dürfte allerding teils sogar sowjetische Verhältnisse noch in den Schatten stellen. Bleibt nur, auf die Vernünftigen im Lande zu hoffen. Auf jene, die nicht bereit sind, für politische Macht, von der letztlich nichts beim Bürger ankommt, den hohen Preis des Verzichts auf Lebensqualität zu zahlen.

Oswiecim/Auschwitz.

Kaum war mein Bedürfnis in den letzten Jahren dringender, diesen Ort deutscher Schande, diese letzte große Hölle in Europa, zu besuchen, als in diesen Tagen. Wie stelle ich mir das Gefühl vor, dort zu stehen? Auf der Lagerstraße? Das Tor mit der zynischen Aufschrift “Arbeit macht frei” hinter mir, Die Baracken, in denen eine Million Menschen umkamen, vor Augen? Meine größte Angst ist es, dabei gar nichts zu empfinden. Nichts als das, was ich glaube, empfinden zu müssen, ohne es tatsächlich zu fühlen. Weil es vielleicht schon zu weit entfernt ist, der Hauch des Grauens vielleicht schon verflogen ist.

Die ersten Besucher Auschwitz’ nach dem Holocaust in den 60er-Jahren prägten den Satz: “In Auschwitz singen keine Vögel mehr”. Ich stelle mir also einen völlig stillen Ort vor, dem sich jede natürliche Schönheit aus Scham, aus Protest verweigert. Welche Würde. Doch ich ahne, dass es anders ist. Dass Auschwitz längst zum Wallfahrtsort geworden ist: aufgeräumt, drapiert, von Menschen wimmelnd. So zeigen es die Bilder im Internet.

Warum verstärkt sich der Drang, Auschwitz zu sehen, gerade jetzt? Es liegt nicht am 70. Jahrestag seiner Befreiung durch die Rote Armee, der heute begangen wird. Mit den üblichen Reden, den üblichen Kränzen, der üblichen Betroffenheit, die morgen früh schon wieder der alltäglichen Routine weichen wird. Vielleicht fühle ich einfach die Zeit immer weiter voranschreiten, eine Art Torschlusspanik sozusagen. Doch vor allem fühle ich, dass Auschwitz wieder nähergerückt ist. Nicht zeitlich, sondern räumlich. Überall dort, wo Menschen nach ihrer Herunft kategorisiert und mit bestimmten Negativeigenschaften versehen werden, wartet am Ende der Straße ein Auschwitz. Wie anders könnte man den neoliberalen Geist übersetzen, der seit Jahren durch unser Land weht, und der da sagt: Du bist nur dann etwas wert als Mensch, du bist nur dann anerkannt, wenn du etwas leistest und viele Steuern zahlst, wenn nicht mit: „Arbeit macht frei“? Die Straße mag lang sein und viele Abzweige haben, die man rechtzeitig nehmen kann. Doch wenn man die Chancen allesamt verpasst, dann wartet da am finsteren Ende eine Sackgasse ohne Wendemöglichkeit – ein neues Auschwitz.

„Baut keine Feindbilder auf!“

„Hört uns einfach zu, statt uns immer zu verurteilen! Baut keine neuen Feindbilder auf!“ Es hätten die Worte eines Flüchtlings aus Syrien oder Eritrea sein können, oder die eines Moslems, der seit 20 Jahren in Deutschland lebt. In einem Land, in dem sich hochrangige Politiker gegenseitig widersprechen dahingehend, ob denn sein Glaube nun dazugehört oder nicht. Glaubt man Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU), dann ist er als gläubiger Mensch zwar in unserem Land willkommen, sein Glaube aber, der ist und bleibt hier in Sachsen ein Fremdkörper.

IMG_8570Aber zurück zum Ausgangssatz. Es waren nicht die Worte eines Flüchtlings oder Moslems, die da am gestrigen Sonntag am Rande des sich zügig leerenden Theaterplatzes fielen. Es waren die Worte eines derjenigen, die sich da „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ – kurz PEGIDA – nennen. Also jene, die nicht müde werden, den Islam und ausländische Mitbürger generell zum Feindbild zu erheben, dazu aufrufen, zwischen „guten“ und „schlechten“ Zuwanderern zu unterscheiden und in chauvinistischer Manier Menschen aus anderen Kulturen als „Kriminelle“, „Terroristen“, „Bazillenschleudern“, „Schmarotzer“ und noch Schlimmeres zu diffamieren.

Gerichtet war der Satz übrigens an einen Mann, auf dessen Besucherstuhl ich noch vor rund sieben Jahren etwas nervös herumrutschte. Damals noch Fernstudentin an der FernUni Hagen, wollte ich damals zusätzlich Präsenzseminare an der TU besuchen – und kam so zu Herrn Prof. Dr. Werner Patzelt, Professor am Institut für Politikwissenschaften, eine Koryphäe. Deshalb auch meine anfängliche Nervosität. In den Präsenzseminaren kam ich dann mit den Theorien von Parsons, Luhmann oder Elias in Berührung. Mit Patzelt hatte ich nichts zu tun, Systemvergleiche – sein Spezialgebiet – kamen erst später dran.
So nah stand ich ihm am Sonntag seit Jahren das erste Mal wieder gegenüber. Und zu meinem großen Erstaunen empfand ich Enttäuschung. Ja, womöglich sogar Scham. Das war irritierend. Da stand ein solch hoch dekorierter Mann, ein Vorbild für so viele Studenten, umringt von Menschen, die eben noch gegen eine vermeintliche „Islamisierung“ demonstriert hatten – und hörte sich geduldig deren Wutreden an. Die Arme verschränkt, abwartend lächelnd. Patzelt gab sich als Volksversteher, als Mann, der auch den unpopulären Meinungen Raum geben will. Medienwirksam, umringt von Journalisten. Trotzdem konnte ich den Gedanken nicht abschütteln, dass Patzelts Platz eigentlich auf der anderen Seite gewesen wäre. Aufseiten der Demokraten, der Toleranten, derjenigen, die nicht mit Rechtsextremen mitlaufen und Systemkritik mit deren menschenfeindlichen Parolen vermischen, sondern sich genau gegen dieses Verwischen von Grenzen verwehren. Auch als der Mann, der kurz zuvor noch von „Überfremdung“ sprach, bei Patzelt dafür warb, „keine Feindbilder“ (bezüglich Pegida) aufzubauen, hat der Professor gelächelt. Er hat nichts gesagt, ihn nicht auf diese unerträgliche Ambivalenz hingewiesen. Der Mann, der aus dem Erzgebirge kam, ging mit dem Gefühl nach Hause, ein offenes Ohr gefunden zu haben. Jemanden, der ihn und seine abstrusen Überfremdungsängste versteht. Mag sein, das Werner Patzelt das gar nicht beabsichtigt hatte. Aber entscheidend ist, was beim Gegenüber ankommt.

Die Verzweiflung, die Leere und das Wasser – Wie Israel seine Politik erträgt

Dies ist die Wortmeldung eines vernünftigen Menschen und eines großen Literaten. Es ist ein nachdenkliches und beinahe pessimistisches Schlaglicht auf ein Land, das längst seinen Platz in der Geschichte hätte finden können. Nicht als Aggressor und Unterdrücker, sondern als Friedensstifter und vorwärtsgewandte Ankermacht in der Region. Stattdessen versinkt Israel in Verzweiflung und Opfergebaren. Dies sind nicht die Worte eines Antisemiten, eines Juden- oder Israelhassers. Dies sind die Worte eines enttäuschten, ernüchterten Staatsbürgers, der seine Regierung anklagt. Dies sind die Worte von David Grossmann, einem jüdischen Helden.

Der Artikel, erschienen bereits am 9. Juli 2014 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ist einer der besten, wortgewaltigsten und doch zurückhaltendsten, die ich zur Thematik in den letzten Jahren gelesen habe. Deshalb habe ich mir erlaubt, diesen hier in voller Länge abzudrucken. Ich tat das, weil ich glaube, dass er es wert ist, gelesen zu werden, von so vielen Menschen wie möglich.

 

So leben sie schon viele Jahre, 47 Jahre seit dem Sechstagekrieg und der folgenden Besetzung, und das nicht einmal schlecht, obwohl im Zentrum ihres Daseins im Grunde Leere herrscht. Leere an Taten, Leere an Bewusstsein, eine Leere, in der auf effiziente Weise jede moralische Beurteilung und Erkenntnis der Verzerrung, die der gesamten Situation zugrunde liegt, suspendiert wird. David Grossmann

 

Die Hoffnung und die Verzweiflung – es gab Jahre, da wurden wir in meinem Land zwischen beiden hin und her geworfen. Heutzutage scheint sich die Mehrheit der Israelis und der Palästinenser in düsterer, stumpfer Verfassung zu befinden, aussichtslos, in einer Apathie des Tiefschlafs oder selbstgewählter Benommenheit.

In Israel, das mit Enttäuschungen viel Erfahrung hat, tritt die Hoffnung heute (falls sie überhaupt noch jemand erwähnt) nur zögerlich auf, leicht beschämt, sich vorab schon entschuldigend. Die Verzweiflung hingegen kommt sicher und entscheidungsfreudig daher, als spräche sie im Namen eines Naturgesetzes oder eines Axioms, gemäß dem es niemals Frieden zwischen diesen beiden Völkern geben könne und der Krieg zwischen ihnen ein Dekret des Himmels wäre. Aus Sicht der Verzweiflung ist jeder, der noch hofft und an die Möglichkeit des Friedens glaubt, im besten Falle naiv oder ein Träumer, der sich in Illusionen wiegt, im schlechtesten Falle aber ein Verräter, der Israels Durchhaltevermögen schwächt, indem er es dazu ermutigt, sich falschen Visionen hinzugeben.

Leere als Zentrum des Daseins

In dieser Hinsicht hat die politische Rechte in Israel gesiegt. Die Rechte, die an dieser Weltanschauung festhält, hat es geschafft, sie der Mehrheit der Israelis erfolgreich beizubringen. Man kann sagen, dass die Rechte nicht nur die Linke bezwungen hat. Sie hat Israel bezwungen. Nicht allein, weil diese pessimistische Weltanschauung den Staat Israel in einer Frage, die für seinen Fortbestand ausschlaggebend ist, lähmt, obwohl gerade hier Mut, Beweglichkeit und Kreativität gefragt sind; die Rechte hat Israel besiegt, indem sie unterworfen hat, was man ehedem den „israelischen Geist“ hätte nennen können: jenen springenden Funken, unser Vermögen zur Wiedergeburt, den Geist des Trotzdem und des Muts. Der Hoffnung.

Gegenüber der für seine Existenz wichtigsten Frage verharrt Israel heute so gut wie reglos, man kann auch sagen, es sei untätig. Eigenartigerweise ist dieser Zustand für Israel aber nicht mit offensichtlichem Leiden verbunden: Den führenden Köpfen wie den meisten Bürgern gelingt es, ihre Situation zu verdrängen, Realität und Vorstellung voneinander zu trennen. So leben sie schon viele Jahre, 47 Jahre seit dem Sechstagekrieg und der folgenden Besetzung, und das nicht einmal schlecht, obwohl im Zentrum ihres Daseins im Grunde Leere herrscht. Leere an Taten, Leere an Bewusstsein, eine Leere, in der auf effiziente Weise jede moralische Beurteilung und Erkenntnis der Verzerrung, die der gesamten Situation zugrunde liegt, suspendiert wird.

Hört auf das Wasser

Der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace erzählte einmal eine Geschichte von zwei jungen Fischen, die sich im Wasser tummeln und einem älteren Fisch begegnen. „Hey, Leute“, meint der ältere Fisch zu ihnen, „wie geht’s?“ „Großartig“, sagen die beiden. „Wie ist das Wasser?“, erkundigt er sich. „Das Wasser ist super“, antworten die beiden Jüngeren. Sie verabschieden sich und schwimmen weiter. Kurze Zeit später fragt der eine den anderen: „Sag mal, was zum Teufel ist Wasser?“

Hört auf das Wasser! Das Wasser, in dem wir bereits 47 Jahre schwimmen und das wir ebenso lange trinken. Das wir so sehr gewohnt sind, dass wir es nicht mehr spüren. Dieses Wasser ist das Leben, das hier fließt. In ihm sprudeln zweifellos nach wie vor Vitalität und Schaffenskraft, aber mit seiner chaotischen Schlussverkaufsstimmung ist dieses Leben in gewissem Maße auch wahnsinnig; es herrscht eine Stimmung, in der Manie und Depression miteinander verflochten sind, gewaltige Stärke in abgrundtiefe Schwäche stürzt. Es ist ein Leben in einer selbstzufriedenen Demokratie mit angeblichem Liberalismus und Humanismus, die aber bereits seit Jahrzehnten die Besatzungsmacht eines anderen Volkes ist, das sie erniedrigt und zerdrückt.

Es ist ein Leben, das sich im schweren Geschützfeuer der Medien vollzieht, deren überwiegender Teil der Zerstreuung und gezielten Verdummung der Sinne dient. Denn in der Tat: Wie wäre es möglich, all das ohne ein wenig Zerstreuung und Selbstbetäubung zu ertragen? Wie könnte man, beispielsweise, den Resultaten des sogenannten „Siedlungsvorhabens“ ins Auge sehen? Der umfassenden Bedeutung dieser irrsinnigen Wette auf die Zukunft des Staates? Hört auf das Wasser: Gleich neben den seichten Stellen, in denen wir bereits 47 Jahre waten, fließt eine kalte Tiefenströmung. Es ist die immense Furcht vor dem historischen Unrecht und dem großen Fehler, vor alldem, was zusehends an Stärke gewinnt: in Gestalt eines Zwei-Völker-Staates oder eines Apartheid-Staates oder eines Staates all seiner Soldaten oder all seiner Rabbiner, all seiner Siedler, all seiner Erlöser.

Die Parteien der Verzweiflung

Vielleicht, vielleicht ist die Verzweiflung, die uns in den letzten Jahren regiert, auch ein wenig die Verzweiflung derer, die ihr Schicksal ereilt hat, die inzwischen durchschaut haben, dass die Strafe dafür, was sie an Missetaten begangen haben, was sie durch ihre Unterstützung oder ihr Stillschweigen oder ihre Gleichgültigkeit begünstigt haben, unumgänglich ist. „Lasset uns essen und trinken, denn morgen sterben wir.“

Nicht zuletzt schwingt in der israelischen Verzweiflung ein befremdliches Element mit: eine Art Freude im Unglück oder zumindest Freude in der Enttäuschung. Eine Art Schadenfreude gegenüber jedem, dessen Hoffnungen enttäuscht wurden. Es ist eine besonders abwegige Freude, entpuppt sie sich doch letztlich als Schadenfreude gegenüber uns selbst: Zuweilen macht es den Eindruck, dass die israelische Psyche noch immer nicht die Kränkung darüber verwunden hat, dass sie 1993, als die Oslo-Verträge unterzeichnet wurden, nicht nur an den Feind zu glauben wagte, der für einen Augenblick zum Partner wurde, sondern an die generelle Möglichkeit, dass es sich zum Guten wenden, es hier irgendwann gut werden könnte. Es uns hier irgendwann gut ergehen könnte.

Indem wir uns dazu verleiten ließen – so argumentieren die Anhänger der Parteien der Verzweiflung -, an etwas zu glauben, das in derart großem Widerspruch zu unserer Lebenserfahrung, unserer tragischen Geschichte steht, haben wir Verrat an uns, an einem entscheidenden Erkennungsmerkmal für unser Schicksal begangen, und für diesen Glauben haben wir bezahlt und werden noch den Zinseszins zahlen. Zumindest wird man uns von nun an nicht mehr dabei ertappen, an irgendetwas zu glauben, an irgendein Versprechen, irgendeine Chance.

Keine zweite Chance?

Selbst wenn Mahmud Abbas, der Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, sich mit ganzer Kraft dafür einsetzt, den Terror gegen die Israelis zu unterbinden, und erklärt zu wissen, dass er seine Geburtsstadt Safed nur als Tourist betreten wird; selbst wenn er proklamiert, dass die Schoa das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte darstellt; und auch wenn er wutentbrannt die Entführer und Mörder der drei jugendlichen Talmud-Schüler angreift – selbst wenn er all das tut, wird ihm der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in Windeseile mit einer kalten Dusche antworten.

Selbst wenn die Staaten der Arabischen Liga Israel eine Initiative vorlegen, die einen Prozess in Gang setzen kann, der eine ausdrückliche Einladung zu einem jahrelang ersehnten, neuartigen und bisher ungekannten Dialog beinhaltet, wird die israelische Regierung ihn zwölf Jahre vollständig und demonstrativ zu ignorieren wissen. Denn: Keiner wird uns je wieder täuschen. Wir lassen uns nicht übers Ohr hauen. Nie wieder wird man uns dabei ertappen, dass wir einem Palästinenser oder irgendeinem Araber etwas glauben. Auch keinem amerikanischen Außenminister, der ohnehin nicht versteht, was das Leben wirklich ausmacht, und auch keiner Hoffnung, je ein besseres Leben zu haben. Oder irgendein Leben.

Interessant ist, dass wir den Weg des Friedens mit den Palästinensern ernsthaft nur einmal, 1993, beschritten haben. Der Versuch ist gescheitert, und es hat den Anschein, als hätte Israel daraufhin beschlossen, diese Option ein für alle Mal zu begraben. Auch hier ist die verzerrte Logik der Verzweiflung am Werk. Den Weg des Kriegs, der Besatzung, des Terrors, des Hasses haben wir Dutzende Male beschritten, ohne dessen müde zu werden oder daran verzweifelt zu sein. Was hat es damit auf sich, dass wir uns ausgerechnet vom Frieden überstürzt und endgültig trennen wollen, nachdem wir nur einmal gescheitert sind?

Angst vor dem Verfolgtwerden, dem Opfersein

Israel hat, selbstverständlich, vielerlei Gründe zu Angst und Sorge. Der Nahe Osten ist in Aufruhr, wird von fanatischen Strömungen in Mitleidenschaft gezogen, seine Mehrheit ist Israel gegenüber äußerst feindselig eingestellt und strebt offenkundig nach seiner Vernichtung. Aber gerade aufgrund dieser Gefahren und Bedrohungen können Verzweiflung und Nichthandeln als effiziente politische Strategie nicht taugen.

Die israelische Regierung, alle israelischen Regierungen legen und legten ein Verhalten an den Tag, als hielte die Verzweiflung sie gefangen. Ich kann mich nicht erinnern, je eine ernsthafte hoffnungsvolle Äußerung von Benjamin Netanjahu oder seinen Ministern und Beratern gehört zu haben. Auch nicht ein einziges visionäres Wort zu den Möglichkeiten, die ein Leben in Frieden in sich birgt, oder zu der Chance, dass Israel sich in ein neuartiges Gefüge aus Bündnissen und Interessen im Nahen Osten integrierte. Wie konnte es dazu kommen, dass die „Hoffnung“ zu einem groben, anklagenden Wort mutiert ist, nach dem Wort „Frieden“ schon das zweite mit gefährlicher Strahlung?

Es ist empörend, dass die gewaltige Militärkraft, die Israel angehäuft hat, ihm nicht den Mut verleiht, seine Angst und existentielle Verzweiflung zu überwinden und einen entscheidenden Schritt in Richtung Frieden zu unternehmen. Schließlich besteht die große Idee der Gründung des israelischen Staates darin, dass das jüdische Volk an seine Heimstätte zurückkehrt, wo es niemandem mehr zum Opfer fällt. Damit wir nie wieder von uns überlegenen Mächten handlungsunfähig gemacht und unterworfen werden. Und seht uns an: der stärkste Staat der Region, eine Großmacht im regionalen Maßstab, die die fast beispiellose Unterstützung der Vereinigten Staaten, die Sympathie und Verpflichtung Deutschlands, Großbritanniens, Frankreichs genießt. Doch tief im Inneren schaut Israel immer noch auf sich als hilfloses Opfer herab. Es verhält sich immer noch wie ein Opfer – seiner Ängste, der realen und eingebildeten, der Greuel seiner Geschichte, der Fehler seiner Nachbarn und Feinde.

Diese Weltanschauung drängt uns, die jüdische Öffentlichkeit Israels, dorthin, wo wir als Volk am verwundbarsten sind und die größten Wunden davongetragen haben. Abermals drücken sich in uns Israelis des Jahres 2014 die Ängste des jüdischen Schicksals aus, die Erfahrungen des Verfolgtwerdens, des Opferseins, das Gefühl einer starken, existentiellen Fremdheit des jüdischen Volkes unter den anderen Völkern.

Schwerkraft der Verzweiflung überwinden

Welche Hoffnung kann bei einem derart schwierigen Stand der Dinge aufkommen? Eine Hoffnung des Trotzdem. Eine Hoffnung, die die zahlreichen Gefahren und Hindernisse nicht ausblendet, sich aber auch nicht gänzlich von ihnen vereinnahmen lässt. Eine Hoffnung, die darauf gründet, dass nach Erlöschen der Flammen, die den Konflikt anfachen, sich allmählich wieder die gesunden und vernünftigen Züge zweier Völker abzeichnen können. Dann kann die heilende Kraft des Alltäglichen, der Weisheit des Lebens und der Weisheit des Kompromisses wirken. Des Gefühls der existentiellen Sicherheit. Der Möglichkeit, Kinder aufzuziehen, die nicht Todesängsten ausgesetzt sind, von einer Besatzungsmacht erniedrigt oder vom Terrorismus bedroht sind. Der grundlegenden Sehnsüchte eines menschlichen Lebens nach Familie, Arbeit und Lernen. Des Lebensgefüges.

David Grossman - Der israelische Schriftsteller spricht mit Prof. Giulio Busi, dem Leiter des Instituts für Judaistik an der FU Berlin über die heutige israelische Literatur in der Rost- und Silberlaube an der FU.

© Pein, Andreas. David Grossmann.

Derzeit sind in beiden Völkern fast ausschließlich die Propagandisten der Verzweiflung und der Feindseligkeit am Werk, daher fällt es wohl schwer zu glauben, dass die von mir beschriebene Realität möglich ist. Ein Zustand des Friedens wird jedoch Propagandisten der Hoffnung, der Nähe und des Optimismus hervorbringen, die – frei von Ideologie – ein tatsächliches Interesse haben, immer mehr Verbindungen zu den Angehörigen des jeweils anderen Volkes zu knüpfen. Vielleicht wird einst, nach Jahren, sich auch eine tiefgehende Annäherung vollziehen, sogar Freundschaft zwischen diesen beiden Völkern entstehen. Zwischen den Menschen. Das hat es schon immer gegeben.

Ich bin von dieser Hoffnung ergriffen und bewahre sie, da ich mein hiesiges Leben fortsetzen will und mir den Luxus und die Bequemlichkeit, die die Verzweiflung bietet, nicht leisten kann. Die Lage ist zu verzweifelt, um sie den Verzweifelten zu überlassen; fänden wir uns mit der Verzweiflung ab, gestünden wir im Grunde ein, dass wir besiegt worden sind. Nicht auf dem Schlachtfeld, sondern als Menschen. Etwas Tiefgreifendes, das unsere Vitalität als Menschen ausgemacht hat, ist uns in dem Moment genommen, ja geraubt worden, als wir zustimmten, uns von der Verzweiflung regieren zu lassen.

 

Wer eine Politik betreibt, die im Prinzip nur eine dünn verhüllte tiefsitzende Verzweiflung ist, setzt den Staat Israel existentieller Gefahr aus. Wer sich derart verhält, kann sich nicht anmaßen, von „einem freien Volk in unserem Land“ zu sprechen, wie es in unserer Hymne heißt. Er mag zwar diese „haTikwa“ singen, in der es heißt: „Solange ist unsere Hoffnung nicht verloren, die Hoffnung, zweitausend Jahre alt“, doch wir vernehmen nur: „Solange ist unsere Verzweiflung nicht verloren, die Verzweiflung, zweitausend Jahre alt.“

Wir, die wir schon sehr viele Jahre um Frieden bitten, werden aber auch weiterhin hartnäckig auf Hoffnung bestehen. Auf einer realistischen, nüchternen Hoffnung, die nicht aufgibt. Der bewusst ist, dass sie für uns – Israelis wie Palästinenser – die einzige Chance ist, um die Schwerkraft der Verzweiflung zu überwinden.

Menschen, vom falschen Himmel gefallen: Der Abschuss von Flug MH-17 der Malaysian Airlines über der Ostukraine und Flug KAL-007 der Korean Airlines vor 31 Jahren.

Manchmal ist es regelrecht beängstigend, mit welcher Präzision sich Geschichte wiederholt. Selten zeigt sich das Phänomen so deutlich wie im derzeitigen Konflikt in der Ostukraine, der längst kein innerukrainischer Konflikt mehr ist, sondern ein Stellvertreterkrieg Russlands im vermeintlichen Kampf um Macht und Einfluss auf dem eurasischen Festland. Der Hauptfeind ist gar nicht mal die „faschistoide Kiewer Junta“, wie russische Medien nicht müde werden, die am 25. Mai demokratisch gewählte neue Regierung Petro Poroschenkos zu diskreditieren. Für Moskau ist Poroschenko nichts anderes als ein von Washington aus gesteuerter verlängerter Arm der USA. Und so steht die Welt mal wieder dort, wo sie vor 30 Jahren schon stand: Auf einem dünnen Seil über einem Abgrund der Feindseligkeiten, das jeden Moment reißen kann.

Es wundert daher nicht, wenn Dinge geschehen, die aufgrund der frappierenden Ähnlichkeiten alte schreckliche Bilder heraufbeschwören, die man mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 überwunden glaubte. Die Rede ist vom Abschuss einer Boeing 777 der Malaysia Airlines am vergangenen Donnerstag. Alle 295 Passagiere und Crew-Mitglieder an Bord starben, als  eine Luftabwehrrakete russischer Bauart das Flugzeug, das von Amsterdam aus in Richtung Kuala Lumpur unterwegs war, in 10000 Metern Flughöhe abschoss. Unter den Toten: 23 Amerikaner, vier Deutsche und 189 Holländer. Rund 100 der Toten waren offenbar Mitglieder einer Forschungsgruppe, die das HI-Virus erforschte und auf dem Weg zu einem Kongress war, darunter der renommierte HIV-Forscher Joep Lange.

Noch sind Untersuchungen zur genauen Ursache der Tragödie nicht angelaufen, doch deutet vieles darauf hin, dass die Boeing versehentlich von prorussischen Separatisten abgeschossen wurde, die das Flugzeug offenbar für eines der ukrainischen Armee hielten. So hatte sich Rebellenführer Sergej Strelkow unmittelbar nach dem Absturz noch auf seinem Profil im russischen Netzwerk Vkonktje (ähnlich Facebook) mit dem Abschuss einer Antonow-26-Militärmaschine gebrüstet und sogar ein Video von der Tat veröffentlicht.

"Im Rajon Tores haben wir gerade eine Antonow-26 runtergeholt... Ich habe denen doch gesagt, sie sollen nicht durch unseren Himmel fliegen..." Sergej Strelkow nach dem Abschuss der Boeing 777 am 17. Juli.
„Im Rajon Tores haben wir gerade eine Antonow-26 runtergeholt… Ich habe denen doch gesagt, sie sollen nicht durch unseren Himmel fliegen…“ Sergej Strelkow nach dem Abschuss der Boeing 777 am 17. Juli.

Just nachdem kurz darauf klar geworden war, dass es sich gar nicht um eine Antonow, sondern um ein malaysisches Passagierflugzeug handelte, verschwanden diese lobpreisenden Hymnen an die eigene Tat wie von Geisterhand aus Strelkows Profil und übrigens auch aus vielen russischen Medien, die zuvor in dasselbe Horn gestoßen und den Abschuss einer ukrainischen Antonow-26 durch prorussische Volksmilizen vermeldet hatten. Mittlerweile leugnet man strikt, etwas mit dem Verbrechen zu tun zu haben. Unisono mit Russland macht man stattdessen die ukrainische Armee für den Abschuss verantwortlich. Das Argument: Die Separatisten verfügten über keinerlei Luftabwehr. Das ist nachweislich gelogen, denn erst vor wenigen Wochen eroberten sie eigenen und russischen Medienangaben zufolge den ukrainischen Luftwaffenstützpunkt A-1402 nahe Lugansk und kamen so offenbar auch in den Besitz dort stationierter BUK-Luftabwehrsysteme. Die ukrainische Regierung weist eine Verantwortlichkeit zurück mit dem Hinweis, dass derart schwere Luftabwehr in eigenen Reihen derzeit nicht im Einsatz sei, da die Separatisten über keinerlei Kampfflugzeuge verfügten, die es abzuwehren gelte.

Vieles spricht für die Separatisten als Täter. In den vergangenen Monaten hatten sie mithilfe russischer bzw. von ukrainischen Armeestützpunkten erbeuteter Waffen mehrere Transportflugzeuge und Hubschrauber der Armee abgeschossen, der gravierendste Vorfall kostete im Juni auf einen Schlag 49 ukrainische Soldaten das Leben. Und erst zu Wochenbeginn war – laut Angaben der ukrainischen Regierung von russischem Territorium aus – ein Transportflugzeug abgeschossen worden, wofür jedoch wiederum die Separatisten die Verantwortung übernahmen. Die Zusammenarbeit zwischen Separatisten und russischem Militär scheint reibungslos zu funktionieren. Nicht zuletzt ein Mitschnitt eines Telefongesprächs zwischen beiden Protagonisten unmittelbar nach dem Abschuss der Boeing, den der ukrainische Geheimdienst noch am selben Abend auf seiner Homepage veröffentlichte, deutet auf eine enge Abstimmung zwischen Militär und Separatisten hin.

Darin mitgeschnitten angeblich ein Gespräch zwischen dem Oberst des Generalstabs der russischen Streitkräfte, Wassilij Nikolajewitsch Geranin, und dem Rebellen-Führer Igor Bezler, der um 16.40 Uhr den Abschuss eines ukrainischen Militärflugzuges durch die Gruppe „Miner“ vermeldete. Bezler absolvierte die Militärakademie von Dzerdzinsk und soll jahrelang in der Hauptaufklärungsabteilung des russischen Generalstabes gedient und es dort bis in den Rang eines Oberstleutnants gebracht haben. Er war maßgeblich an der Erstürmung ukrainischer Polizei- und Militäreinrichtungen in Donezk, Horlivka und auf der Krim beteiligt. Im Verlauf des Gespräches wird deutlich, dass der Abschuss eindeutig das Werk der Separatisten war. Sollte sich der Mitschnitt als authentisch herausstellen (so was lässt sich heutzutage mittels Stimmanalyse relativ sicher feststellen), läge hier ein unumstößlicher Beweis vor. Dann brächte auch ein Leugnen nichts mehr.

Derzeit allerdings wird immer noch alles getan, um eigene Schuld zu vertuschen. Während man in Moskau pflichtbeflissen eine „unabhängige Untersuchung“ fordert, wird derweil unabhängigen Untersuchungsteams der OSZE der vollumfängliche Zutritt zur Absturzstelle verwehrt. Mindestens einer der Flugschreiber soll sich in Händen der Separatisten befinden. Offensichtlich wird hier versucht, Spuren zu verwischen und mögliche Hinweise auf den tatsächlichen Hergang zu beseitigen. Leichen werden unfachgemäß weggeschafft und sogar das Gepäck der Opfer geplündert, sodass man sich immer mehr fragt, was hier eigentlich für „Menschen“ am Werke sind.

Und so hat vermutlich die blanke Unfähigkeit von selbst ernannten militärischen Führern im Osten der Ukraine dazu geführt, dass 298 unschuldige Menschen ihr Leben verloren haben. Die Verantwortung dafür allerdings will sich derzeit keiner ans Bein heften. Erinnerungen an einen mehr als 30 Jahre zurückliegenden, ganz ähnlich gelagerten Fall werden wach. Aus einer Zeit, mitten im Kalten Krieg.

 

Rückblende. New York City, 30. August 1983, kurz vor Mitternacht.

Auf dem John F. Kennedy-Flughafen erhält Flugkapitän Chung Byung-In bei guten Wetterverhältnissen die Starterlaubnis für Flug KAL-007. Die elf Jahre alte Boeing 747-230B der Korean Airlines hebt gegen 23.50 Uhr Ortszeit mit 246 Passagieren und 22 Besatzungsmitgliedern an Bord ab. Das Flugziel: die südkoreanische Hautstadt Seoul. Der Weg, den die Maschine nimmt, ist zu dieser Zeit kein ungefährlicher. Die erste Hälfte des Fluges über das amerikanische Festland nach Anchorage in Alaska ist unproblematisch. Doch direkt hinter Alaska beginnt Feindesland. 1983 befinden sich die USA und die Sowjetunion mitten im gerade erst wieder eisiger gewordenen Kalten Krieg. Die Nordpazifikroute, die Flug 007 auf kürzestem Wege nach Südkorea bringen soll, führt nur wenige Kilometer an sowjetischem Luftraum vorbei. Spionageflüge durch Aufklärer in diesem Gebiet sind auf beiden Seiten an der Tagesordnung, das Nervenkostüm der beiden Großmächte ist in jener Phase, in der sich der Ton mit zunehmender Aufrüstung der Sowjetunion sowie der Stationierung von amerikanischen Pershing-II-Raketen in Europa wieder verschärft hat, dünn wie lange nicht. Beide gehen davon aus, dass ein Angriff der jeweils anderen Seite unmittelbar bevorstünde.

Am 31. August gegen Morgen erreicht Flug KAL-007 Anchorage, um dort aufzutanken. Gegen 13.30 Uhr Ortszeit verlässt die Maschine den Flughafen mit Kurs auf die Nordpazifikroute. Es ist die nördlichste (und damit gefährlichste) von fünf möglichen Routen über den Pazifik, aber die schnellste. Im Jahr 1978 war bereits eine Boeing 707 der gleichen Airline nach versehentlichem Eindringen in sowjetischen Luftraum von der sowjetischen Luftabwehr beschossen und zur Notlandung gezwungen worden – man hatte die Boeing irrtümlicherweise für ein amerikanisches Spionageflugzeug gehalten.

In den nächsten Stunden nimmt ein Verhängnis seinen Lauf. Die Crew von Flug 007 um Kapitän Byung-In kommt aus unklarer Ursache vom Kurs ab. Schon kurz nach dem Start fliegt sie 9 Kilometer zu weit nördlich, kurz darauf bereits 20 Kilometer. Satellitennavigation gibt es damals noch nicht, daher gehen sowohl die Crew als auch die Lotsen am Boden davon aus, dass alles seine Richtigkeit hat. Mittlerweile hält Flug 007 direkt auf Kamtschatka zu, durchfliegt die für Zivilmaschinen gesperrte US-Luftverteidigungszone und kreuzt den Weg einer US-Spionagemaschine. 130 Kilometer vor dem Eintritt in sowjetischen Luftraum wird das dortige Luftabwehrkommando langsam nervös, man vermutet ein amerikanisches Spionageflugzeug. Der Start von vier MiG-23-Abfangjägern wird befohlen, die ihr Ziel jedoch nicht rechtzeitig erreichen, Warnschüsse verpuffen von der koreanischen Crew unbemerkt.

Zweieinhalb Stunden nach dem Start in Alaska erreicht Flug KAL-007 sowjetischen Luftraum über Kamtschatka. Nichts geschieht, kurze Zeit später erreicht die Maschine wieder internationales Gebiet über dem ochotskischen Meer. Doch nun schießt sie geradewegs auf die größte russische Insel Sachalin zu. Mittlerweile fliegt die Maschine 500 Kilometer weiter nördlich als der ursprünglich geplante Kurs. Die Luftverteidigung am Boden gibt irgendwann in den Morgenstunden des 1. September (Ortszeit) den Befehl zum Abschuss. Am 31. August, 19.26 Uhr Mitteleuropäischer Zeit,  feuert Hauptmann Gennadij Nikolajewitsch Ossipowitsch von seinem SU-15-Abfangjäger aus zwei Luft-Luft-Raketen auf die Passagiermaschine ab. Eine davon trifft Sekunden später ihr Ziel. Zehn Minuten später verschwindet die schwer getroffene Boeing 747 vom Radarschirm. Tage später wird das Wrack in 174 Metern Tiefe im Pazifik nahe der Insel Moneron gefunden. Alle 269 Menschen an Bord sind tot.

Die Parallelen dieser Tragödie zum Abschuss von Flug MH-17 der Malaysian Airlaines drängen sich förmlich ins Bewusstsein. Auch hier lag offenbar eine fatale Verwechslung vor, auch hier ging es um Fragen des Luftraumes, wenn auch in ganz anderer Dimension als 1983. Waren damals die Luftraumgrenzen von USA und Sowjetunion klar abgesteckt und international anerkannt, durchflog Flug MH-17 am vergangenen Donnerstag einen „Luftraum“, der weder anerkannt noch in den Handbüchern der Airlines verzeichnet ist: den Luftraum der  international nicht anerkannten „Volksrepublik Donezk“, ausgerufen von prorussischen Separatisten, die von Moskau aus mit Waffen und KnowHow unterstützt werden, um die Ukraine zu destabilisieren.

Wie heute löst der Abschuss der Passagiermaschine im Jahr 1983 einen weltweiten Aufschrei aus. In kürzester Zeit ist die Sowjetunion politisch isoliert. Die Führung in Moskau leugnet – wie auch heute Separatisten und Kreml – zunächst vehement, den Jet abgeschossen zu haben, nachdem sie ihren Irrtum erkannt hatte.  Die sowjetische Nachrichtenagentur Itar-Tass vermeldet damals lediglich das Abfangen eines feindlichen Flugzeugs, das aber habe entkommen können.Ähnlich wie heute wird internationalen Such- und Hilfstrupps der Zugang zur Absturzstelle verwehrt, nur sowjetische Militärs suchen zunächst die Gewässer ab. Es kommt zu ständigen Zwischenfällen an den Grenzen der Hoheitsgewässer zwischen sowjetischen und westlichen Aufklärern.

Auch damals bringt erst von amerikanischen und japanischen Geheimdienstlern gesammeltes Beweismaterial in Form des gesamten Funkverkehrs der Sowjets Licht ins Dunkel. Die mussten den Abschuss schließlich einräumen, behaupteten aber, es habe sich um ein für Spionageaktivitäten manipuliertes Flugzeug gehandelt und dass auf Funk- und Warnsprüche keinerlei Reaktion seitens der Piloten erfolgt sei.
Ähnliche Tendenzen sind auch heute erkennbar. So streuen russische Medien und auch Rebellenführer Strelkow unentwegt Gerüchte, Flug MH-17 sei bereits von vorn herein mit Leichen angefüllt gewesen. Der Abschuss solle provoziert worden sein, um ihn später Russland und den Separatisten in die Schuhe zu schieben. Verschwörungstheoretiker überbieten sich derweil mit haarsträubenden Räuberpistolen, die bis hin zu völlig verqueren Szenarien reichen, in denen die USA mittels aufwendigster Verschleierungstaktiken die am 18. März verschwundene und seither vermisste Malaysian Airlines-Maschine MH-320 entführte, auf einer US-Luftwaffenbasis umetikettierte und nun  voller Leichen auf den Weg in die Ostukraine schickte. Vermutlich hat die zentrale Kiewer Leichenhalle die „Statisten“ für diesen Sabotageakt beigesteuert…

Erst 1996, lange nach dem Zerfall der Sowjetunion, meldete sich der damalige Todespilot, Ossipowitsch, in der New York Times zu Wort. Flug KAL-007 sei demnach für ihn deutlich als Passagiermaschine erkennbar gewesen. Das allerdings habe für ihn damals „keinerlei Bedeutung“ gehabt. Es sei „zu einfach, einen zivilen Flugzeugtyp in einen militärischen umzuwandeln“. Ossipowitsch schoss, ohne die Bodencrew über seine Beobachtung informiert zu haben, und tötete 269 Menschen. Strafrechtliche Konsequenzen hatte das für ihn nie. Stattdessen zahlte ihm der Staat einen Bonus von 200 Rubel. Der Tod von mehr als 250 Menschen – für den standhaften Kommunisten vor allem eine gute Gelegenheit, das spärliche Saler aufzubessern und Ruhm zu ernten. Seine Tat hievte ihn auf der Karriereleiter immerhin auf einen Schlag bis in den Rang eines Oberstleutnants (später Oberst) und verschaffte ihm zudem die Auszeichnung mit dem Rotbannerorden. Bis heute ist Ossipowitsch davon überzeugt, dass die Maschine auf Spionagemission war und sich keinerlei Passagiere an Bord befanden. Allerdings müsste er dann etwa den  Verbleib des  konservativen US-Kongressabgeordneten Larry McDonald erklären, der sich unter den Passagieren befand und seit dem Abschuss der Maschine als vermisst gilt.

Stattdessen – Vorwürfe an den damaligen Kapitän Byung-In.  Eigentlich habe er die Boeing zur Landung auf der sowjetischen Militärbasis zwingen wollen, doch die Crew der KAL-007 habe nicht reagiert. Doch Ossipowitsch versuchte nachweislich nicht, via Funk mit dem Piloten der Boeing in Kontakt zu treten, ihn zu warnen. Grund: Es sei keine Zeit gewesen, und der Pilot habe ohnehin kein Russisch verstanden. Ein Hauptmann der Luftwaffe, der in internationaler Mission unterwegs ist, um Menschen in den Tod zu befördern, der nur Russisch spricht und schießt, ohne Funkkontakt aufzunehmen. Es sagt nicht alles, aber sehr viel über die Verhältnisse im sowjetischen Militär. Er holt die Maschine vom Himmel – 25 Sekunden, ehe sie wieder neutrales Gebiet erreicht hätte.

Krieg unter ungleichen Vorzeichen.

Was gerade im Nahen Osten passiert, ist eine Katastrophe. Aber nicht nur das: Es ist ein Kampf unter Vorzeichen, die ungleicher nicht sein könnten. Erstmals seit Langem spürt Israel den heißen Atem des Krieges, den es seit Langem nach Palästina gebracht hat. Millionen wurden durch Besatzung und Militärschläge vertrieben, Zigtausende getötet. In Israel dagegen kommt dank 700 Kilometer langer Sperranlagen und modernster Abwehrwaffen (u.a. made in Deutschland) kaum noch etwas an von der wütenden Gegenwehr der anderen gegen eine Besatzung mit zunehmender Enteignung und Unterdrückung, die nunmehr seit fast einem halben Jahrhundert anhält und deren Zangengriff Israel in den letzten Jahren nicht einen Zentimeter gelockert hat. Israel hat die Folgen der Besatzung, den Zorn, die Ohnmacht der Menschen in Palästina, einfach ausgesperrt.

Aber Israel sperrt nicht nur aus, es sperrt auch ein. Dank der umfassenden Seeblockade des Gazastreifens und die Abriegelung über Land haben die Menschen dort keine Möglichkeit, dem Schrecken zu entkommen. Sie können den winzigen Landstrich nicht verlassen. 5 Millionen Menschen eingeschlossen und wehrlos den israelischen Bomben ausgeliefert. Und auch bald den Panzern, die Präsident Benjamin Netanjahu derzeit für eine Bodenoffensive mobilisiert.

Zwei Mädchen suchen hinter Schutt eines ausgebombten Hauses in Gaza-Stadt Schutz.
Zwei Mädchen suchen hinter Schutt eines ausgebombten Hauses in Gaza-Stadt Schutz.

Natürlich darf auch die andere Seite nicht vergessen werden. Nach dem grausamen Rachemord an einem 16-jährigen Araber in Ostjerusalem – nein, er war kein Mitglied der Hamas, sondern Israeli – und den Dutzenden Toten, die weitere Vergeltungsoperationen des israelischen Militärs infolge des brutalen Mordes zweier mutmaßlicher Hamas-Mitglieder an drei israelischen Jugendlichen in einer jüdischen Siedlung nahe Hebron vor einem Monat forderten, erreichen erstmals auch wieder Raketen Tel Aviv. TV-Bilder zeigen angsterfüllte Menschen in der israelischen Hauptstadt, die sich in Bunker flüchten. Doch im Gegensatz zu den Menschen im Gazastreifen haben sie wenigstens welche. Hoch moderne, stabile Bunkeranlagen, die leben retten können. Und sie könnten die Stadt und auch das Land jederzeit verlassen, falls es die Sicherheitslage erforderte. Was kaum zu befürchten ist, da das einzige militärische Mittel der Hamas Kurzstreckenraketen, oft auch veralteter Bauart, sind, mit denen sie allenfalls die Grenzgebiete, nicht aber das Kernland erreichen können. Auch verfügt die Hamas weder über Panzer noch über andere strategisch einsetzbare Waffen, die geeignet wären, die Sicherheit der Menschen in weiten Teilen Israels ernsthaft zu gefährden.  Der Grund dafür ist einfach: Durch die Seeblockade des Gazastreifens können fast keine schweren Waffen in das Machtzentrum der Hamas gelangen. Auch der Schmuggel über die libanesische Grenze und das Westjordanland ist kaum möglich, da zwischen beiden Landesteilen israelisches Gebiet liegt, das diese passieren müssten. Einziges Schlupfloch: Einige Tunnel unter der ägyptisch-palästinensischen Grenze.

Neue unterirdische Bunkeranlage in Tel Aviv.
Neue unterirdische Bunkeranlage in Tel Aviv.

 

Im Gegenzug steht dieser begrenzten Kriegstechnik eine der modernsten und hochgerüstetsten Armeen der Welt gegenüber. Israel verfügt über eine Vielzahl an modernen Raketensystemen, Kernwaffen, rund 4000 moderne Panzer, großteils made in Germany, 450 Kampfjets, Hunderte Kampfhubschrauber, Drohnen und zahlreiche Luftabwehrsysteme. Während Israel sich bzw. seine Armee ganz selbstverständlich mit schweren Waffen versorgen kann, wird der Widerstand der Palästinenser gegen die Besatzung seit Jahrzehnten mit westlicher Untersützung unterbunden. Generell ist gegen den Versuch, den Einsatz schweren Kriegsgeräts im Sinne einer Vermeidung unnötigen Blutvergießens sogar zu begrüßen. Aber nicht in derart einseitiger Weise, wie dies seit Jahren geschieht: Während man einer Seite den Besitz der schlimmsten und grausamsten Waffen erlaubt und sogar selbst mit dem Verkauf solcher Waffen noch Geschäfte macht, wird der anderen Seite eine chronische Wehrlosigkeit auferlegt. Damit macht man sich mit schuldig am Los der Menschen dort.

Hier wird schon sichtbar, wie ungleich die Voraussetzungen in diesem Krieg sind – sowohl bei den Kriegführenden als auch bei den Betroffenen. Seltsamerweise macht man diese Unterscheidung immer genau in die falsche Richtung, wo sie völlig unzutreffend ist. Wenn in Medienberichten wie so häufig  von „Israel gegen die radikale Hamas“ die Rede ist, lässt man unangenehme Realitäten außer Acht. Die Hamas ist radikal, weil sie den Zionismus (also das politisierte Judentum, das nach der Allmacht im Bereich des historischen Judäa und Galiläa strebt) in Palästina ablehnt und Palästina wieder arabisch sehen will. Doch wenn man sich die aktuelle israelische Regierung anschaut, wird man feststellen, dass dort in großer Zahl Leute vertreten sind, die genau das für den Staat Israel wollen: Einen rein oder mehrheitlich jüdischen Staat möglichst auf dem historischen Gebiet Palästinas. Der Siedlungsbau, die Unterdrückung des palästinensischen Widerstandes dagegen und die Beeinflussung der internationalen Gremien (z.B. UN) vor allem über die große zionistische Lobby in den USA sind wesentlicher Motor zur Erreichung dieses Ziels.

Es wäre also angebracht, entweder nur von Israel und der Hamas zu sprechen, oder aber die postulierte Radikalität auch auf der anderen, der israelischen Seite zu erkennen und auch entsprechend zu benennen.

D-Day. Der Anfang vom Ende.

Wait for me, Daddy! Männer werden 1940 nach der Kriegserklärung des Commonwealth an Deutschland in New Westminster, BC, Kanada, zum Kriegsdienst eingezogen. Quelle: unbekannt
Wait for me, Daddy! Männer werden 1940 nach der Kriegserklärung des Commonwealth an Deutschland in New Westminster, BC, Kanada, zum Kriegsdienst eingezogen. Quelle: unbekannt

Vor 70 Jahren landeten die Westalliierten in der Normandie. An den von den Nazis zum „Atlantikwall“ ausgebauten Stränden, die heute noch zu Ehren der Amerikaner Omaha- Juno- oder Utah-Beach genannt werden, ließen Tausende amerikanische, britische und kanadische Soldaten ihr Leben im Kampf gegen den nationalsozialistischen Größenwahn.

Den Tag der Landung, der Erstürmung jener mit Bunkern und Wehranlagen verplompten Strände am 6. Juni 1944, hat in anglo-amerikanischen Kulturkreisen bis heute eine ähnlich hohe Bedeutung wie der 9. Mai für die postsowjetischen Staaten. Insgesamt ließen während der blutigen Schlachten der Operation „Overlord“ rund 90000 alliierte und 200000 Wehrmachtssoldaten ihr Leben.

Ohne den D-Day wäre der Sieg im Osten durch die Sowjetunion undenkbar gewesen. Die Offensive der Westalliierten band wesentliche Kräfte von Hitlers Wehrmacht im Westen, die so nicht in den Osten geworfen werden konnten. In Russland allerdings spielt dieses Datum heute kaum eine Rolle in der nationalen Erinnerungskultur. Die Vermittlung der wesentlichen Meilensteine des Kriegsverlaufs war in der Sowjetunion stets eine andere. Dort reklamierte man den Sieg über den Faschismus allein mit dem Hissen der sowjetischen Fahne auf dem Berliner Reichstag am 8. Mai 1945 und der Verkündung des „großen, ruhmreichen Sieges der sowjetischen Armee über den Hitlerfaschismus“ einen Tag später allein für sich. Die großen Opfer der Westalliierten in der Normandie würdigend zu erwähnen, wäre zu viel Ehre für den Erzfeind im Kalten Krieg gewesen.

Dummheit oder Verschlagenheit? Russland im Propagandakrieg 2.0

Oh Russland, wohin gehst du… Diese Frage lässt mich seit Monaten nicht mehr los. So viel Hoffnung war in den letzten zehn Jahren erglommen, dass sich das Land endlich ein wenig öffnen würde – und zwar nicht nur gen Westen, sondern vor allem in Richtung einer Zukunft, die sich klar unterscheidet von der leidvollen Vergangenheit des Landes. Doch spätestens seit dem 16. März – dem Tag der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland – müssen selbst Menschen, die zuletzt alles daran setzten, die Beziehungen zwischen Deutschen und Russen zu intensivieren, Vertrauen zu schaffen, erkennen, dass die Zeit der Entspannung vorbei ist.

Hier steht die sowjetische Armee heute nicht mehr - leider, wie Igor Allachverdow in einer Gruppe für Veteranen der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) offen bedauert.
Hier steht die sowjetische Armee heute nicht mehr – leider, wie Igor Allachverdow in einer Gruppe für Veteranen der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) offen bedauert.
Unzählige Kommentatoren pflichten ihm bei. "Wir kommen bald zurück", hofft Andrej Krasikow. "Man hätte sie alle 45 hinter die Elbe verdrängen sollen", findet Jewgeny Grischin.
Unzählige Kommentatoren pflichten ihm bei. „Wir kommen bald zurück“, hofft Andrej Krasikow. „Man hätte sie alle 45 hinter die Elbe verdrängen sollen“, findet Jewgeny Grischin. Quelle: Odnoklassniki.

Und doch griffe es zu kurz, von einem „neuen Kalten Krieg“ zu sprechen. Denn Russland hat in den letzten Monaten etwas getan, das selbst das totalitäre Sowjetimperium seit dem Winterkrieg 1939/40 nicht mehr getan hatte: ein fremdes Land mit dem Ziel, sich Teile seines Territoriums anzueignen, anzugreifen. Somit haben wir es hier nicht nur mit einem neuen Kalten Krieg zwischen Ost und West zu tun, sondern auch mit einem heißen Krieg, den Russland von sogenannten Separatisten und Söldenern gegen die ukrainische Mehrheitsbevölkerung ausfechten lässt.

Nahezu hilflos schaut der Rest der Welt zu, wie sich Russland wie zu besten Sowjetzeiten nach außen immer mehr abschottet, während  innen ein ungeheurer Integrationsmotor die Menschen aufsaugt. Einen nach dem anderen. Ich habe in den vergangenen Wochen erleben müssen, dass Menschen mich beschimpften, mit denen ich noch vor wenigen Monaten ungezwungen über Politik und die ohne Zweifel

problematische deutsch-russische Geschichte sprechen konnte. Da werden „Die“ und „Wir“ beschworen, militärisch und verbal die Messer gewetzt. In Russland ist derzeit ein ideologisch bis zum Gehtnichtmehr aufgeladener Propagandakrieg gegen westliche Werte und Politik im Gange, der all jene sprachlos macht, in denen böse Erinnerungen wach werden an Zeiten, die sie längst überwunden glaubten. Das eigentlich Frappierende, Schockierende an dieser Erkenntis ist nicht einmal, dass sich die ehemaligen Blockstaaten in solch einer Windeseile wieder zu formieren vermochten. Als hätte es die letzten 23 Jahre nicht gegeben. Viel entsetzlicher ist es mit ansehen zu müssen, wie schnell die Mauern auch in den Herzen und Köpfen der Menschen in Russland wieder unüberwindbar aufgebaut wurden.

Mit Krim-Konfekt wollen russische Süßwarenproduzenten unter anderem Kindern die Annexion der Ukrainischen Halbinsel versüßen. " „Sogar in einer Zeit, in der das Land schwierige Entscheidungen trifft, hören wir nicht auf, zu lächeln. Weil wir Russen sind!“ steht auf dem Werbebild neben dem Riegel.
Mit Krim-Konfekt wollen russische Süßwarenproduzenten unter anderem Kindern die Annexion der Ukrainischen Halbinsel versüßen. “ „Sogar in einer Zeit, in der das Land schwierige Entscheidungen trifft, hören wir nicht auf, zu lächeln. Weil wir Russen sind!“ steht auf dem Werbebild neben dem Riegel.
Mit Krim-Konfekt wollen russische Süßwarenproduzenten unter anderem Kindern die Annexion der Ukrainischen Halbinsel versüßen. " „Sogar in einer Zeit, in der das Land schwierige Entscheidungen trifft, hören wir nicht auf, zu lächeln. Weil wir Russen sind!“ steht auf dem Werbebild neben dem Riegel.
Umrahmt wird das Ganze stilecht vom St.-Georgs-Band, das für den ruhmreichen Sieg über den Faschismus 1945 steht und derzeit in Russland den Status eines Kampfsymbols einnimmt. Quelle: Boris Reitschuster

Und so bahnt sich, möchte man fast meinen, abermals in der europäischen Geschichte ein Drama an. Wenn man in die hasserfüllten Gesichter vieler Menschen in Russland schaut, die wohl bekannte, von ideologischen Bildern nur so strotzende, versartige Kampfsprache hört, mit der dort Stimmung gegen alles gemacht wird, das nicht mit dem neuen nationalbolschewistischen Selbstverständnis vereinbar ist, krampft sich einem das Herz zusammen, und man möchte sich permanent fragen: WAS zur Hölle haben wir euch getan?? Europa, das sind noch nicht nur Regierungen und Politiker. Das sind doch in erster Linie mehr als 500 Millionen Menschen mit ungefähr genauso vielen unterschiedlichen Ansichten: Es gibt religiöse und nichtregligiöse unter ihnen, Homo- und Heterosexuelle, Männer und Frauen, dunkel- und hellhäutige, radikale und gemäßigte, linke und rechte… Wie kann man das alles ausblenden und nur noch die Ideologie sprechen lassen?

Dieses vermutlich russische Blog mit ukrainischer Adresse vermeldet angebliche "Demonstrationen in der westukrainischen Stadt Ternopil für den Anschluss der Region an Polen". Tatsächlich wurde das Foto im Oktober 2012 aufgenommen und zeigt eine Demo in Warschau gegen Kürzungen im Bildungssektor.
Dieses vermutlich russische Blog vermeldet angebliche „Demonstrationen in der westukrainischen Stadt Ternopil für den Anschluss der Region an Polen“. Tatsächlich wurde das Foto im Oktober 2012 aufgenommen und zeigt eine Demo in Warschau gegen Kürzungen im Bildungssektor. Quelle: www.vakomi.livejournal.com

Ich tue mich schwer, von Hass zu sprechen. Hass ist ein solch endgültiges Wort, das kaum ein Zurück offeriert. In den letzten Wochen und Monaten, die ich – wie schon seit Langem – häufig in russischssprachigen sozialen Netzwerken unterwegs war, mich direkt hineinbegeben habe in ganze Gruppen, teils mehrere 10000 Mann stark, in denen den lieben langen Tag lang das Thema um nichts anderes kreist als die „faschistische Junta in Kiew“, „Gayropa“ oder die „Scheiß USA“, wurde mein Widerstand gebrochen. Man kann es nicht anders nennen: Es ist ein entfesselter Hass, immun gegen sachliche Argumentation und emotionale Appelle, dessen wahre Ursachen tief in der Geschichte des Landes wurzeln: einer Geschichte, die viele Jahrzehnte lang von einer völlig deformierten Selbstwahrnehmung als heldenhaftem Sieger und friedliebender Schutzmacht geprägt war, geschrieben von selbstherrlichen Diktatoren – und die binnen von nur zwei Jahren in eine nationale Katastrophe kippte und in tiefer Depression endete. Immer wieder finden sich in der sowohl über die russischen Massenmedien als auch über das Internet verbreiteten Propaganda historische Anleihen, etwa, in dem das Vorgehen der ukrainischen Armee in der Ostukraine mit dem Angriff der Nazis auf das Land 1941 verglichen wird, oder die Scharmützel in Slowjansk mit der Schlacht um Stalingrad. Die neuen Medien bieten schier unerschöpfliche Möglichkeiten des Infowars. Häufig zeigen die Fotomontagen nicht einmal reale Vorkommnisse im Zusammenhang mit der Krise in der Ukraine. Stattdessen wird tief in den youtube- und Medienarchiven gewühlt, zielgerichtet altes Material von Schlachtfeldern und Toten genutzt, um damit zielgerichtet die ukrainische Armee als „kaltblütige Mörder“ zu diskreditieren.

Ukrainische Kinder in Angst vor den Nazis 1941 und 2014? Quelle: Odnoklassniki
Ukrainische Kinder in Angst vor den Nazis 1941 und 2014? Quelle: Odnoklassniki

In das Entsetzen mischt sich immer öfter auch ein Gefühl des Fremdschämens, der peinlichen Berührtheit, der Enttäuschung. Sind die Russen denn wirklich so dumm – und man kann es einfach nicht anders nennen -, dass sie nicht mal bemerken, wie man sie von vorn bis hinten belügt und betrügt? Wie kann man zudem einerseits die „Faschisten in Kiew und Europa“ anprangern wollen und sich selbst andererseits einem regelrecht entfesselten Nationalismus hingeben, der allein auf die Dominanz der russischen Ethnie abstellt, gegen Juden, Homosexuelle und Muslime zielt und einen Führer verherrlicht, dass es jedem selbständig denkenden Menschen einen Stich geben muss?

Propaganda: Slowjansk = Stalingrad?
Propaganda: Slowjansk = Stalingrad? Quelle: Odnoklassniki

Es ist eine Sache, wenn Menschen im Dunkeln gelassen werden über bestimmte Vorgänge und vielleicht wirklich ahnungslos sind. Es ist aber eine andere, wenn ich bedingungslos den staatlich gelenkten Massenmedien ergeben bin, während die Wahrheit oft nur drei Klicks entfernt ist. Und es ist wieder eine ganz andere – verwerfliche – Sache, wenn ich um diesen Lug und Trug meiner Regierung weiß, und diese Lügen dann trotzdem als vermeintliche Wahrheiten in schwindelerregendem Tempo über das Internet weiterverbreite und so aktiv dazu beitrage, einen regelrechten Flächenbrand zu entzünden. Genau das trifft wohl am besten, was derzeit in Russland zu beobachten ist: ein nationaler geistiger Flächenbrand.

"Rettet das Donbass vor der ukrainischen Armee" steht in Russisch und Englisch auf den Schildern, die Separatisten diesen vielleicht 2- bis 4-jährigen Kindern in die Hand gedrückt haben.
„Rettet das Donbass vor der ukrainischen Armee“ steht in Russisch und Englisch auf den Schildern, die Separatisten diesen ca.  2- bis 4-jährigen Kindern in die Hand gedrückt haben. In sozialen Netzwerken wurde dieses Bild bereits hundertfach geteilt. Quelle: Odnoklassniki

Wie hoch ist der Preis, den Russen und prorussische Ukrainer bereits sind, für ein „schwulenreines“ Land zu zahlen? Für die Wiedergeburt der einst so schmachvoll gescheiterten Idee vom sowjetischen Großreich? 1000 Tote? 10000? Mehr? Fakt ist, dass viele nicht einmal davor zurückschrecken, ihre eigenen Kinder als propagandistische Schaufensterpuppen und Fähnchenträger zu missbrauchen. Und nichts anderes ist das als Kindesmissbrauch. Wie abgestumft und eiskalt muss man sein, seinen Kindern Plakate mit politischen Botschaften in die Händchen zu drücken, deren Inhalte sie nicht mal ansatzweise begreifen und die der Wahnwelt ihrer Eltern entspringen, sie so abzulichten und ihre Konterfeis für alle Welt sichtbar ins Internet zu stellen? Hieraus spricht eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Individuum, den Menschenrechten und der Unantastbarkeit der kindlichen Würde, die betroffen macht.

Geschichten vom Treppenrand. Teil I: Ein jeder ist seines Durstes Schmied.

Seit etwa  zwei Monaten gibt es in meinem Leben ein neues Ritual. Rituale sind eigentlich was für schwache Menschen. Ich könnte jetzt unnötigerweise zu meiner Verteidigung sagen, dass ich meinem neuen Spleen viel zu unregelmäßig fröne, als dass man es wirklich ein Ritual nennen könnte. Aber  egal. Das ist es wirklich, denn eigentlich würde ich sehr gern ein echtes Ritual draus machen. Die Rede ist von meinen abendlichen Ausflügen zur Radebeuler Spitzhaustreppe. 365 Stufen sollen es angeblich vom Goldenen Wagen bis hoch zum Spitzhaus sein. Nachgezählt hab ich das noch nie. Ich vertraue den Treppenbeschilderern einfach. Joggen ist nicht gut für meine Hüfte. In der Grundschule hatte ich jahrelang eine Teilsportbefreiung deswegen: Laufverbot.

Also grübelte ich angestrengt über einer Alternative, die zwar weniger gelenkbelastend, aber dennoch ähnlich effektiv ist. Fitnessstudio kam nicht infrage, an der frischen Luft wollte ich sein. Und so fiel mir während meines dreimonatigen Engagements für die Dresdner Neuesten Nachrichten in Radebeul die Spitzhaustreppe ins Auge. Die ist ohnehin mehr Laufsportspot als alles andere. Jedes Jahr quälen sich dort die ganz Fitten beim Spitzhaustreppenlauf den lieben langen Tag hoch und runter. Gut, so ambitioniert sind meine Ziele nicht. Aber immerhin: Treppensteigen ist nicht Joggen, man bewegt den ganzen Körper trotzdem – und das mit Abstand Beste am Treppensteigen an der Spitzhaustreppe ist:  der Blick zurück! Zumindest beim Aufstieg. Wenn man endlich keuchend oben steht (zumindest geht mir das so) kommt man ganz schnell wieder zu Atem – weil man das Atmen schlicht vergisst ob des atemberaubenden Anblickes, der sich einem von hier oben aus bietet: Das ganze Elbtal liegt einem zu Füßen, ringsum die Girlanden der Rebstöcke, die sich wellenartig den Hang hinaufwickeln.IMG_4210

IMG_4190IMG_4200Heute war ich zum vierten Mal an der Spitzhaustreppe. Die Aufstiege dauern bei mir in der Regel entspannte fünf Minuten. Heute allerdings schaffte ich ihn auf ziemlich denkwürdige Weise in nicht mal vier Minuten. Wie das? Im ersten Anlauf brauchte ich noch 5.36 Minuten, im zweiten 5.17 Minuten. Nachdem ich wieder unten angekommen war, stellte ich allerdings fest, dass ich das Handy (meine Stoppuhr) oben am Weinbergshäuschen liegen gelassen hatte – und am Spitzhaus war ziemlich viel Betrieb. Es ist erstaunlich, welche Kräfte der alarmierende Gedanke daran auszulösen in der Lage ist, dass der flache, ständig pfeifende, klingelnde oder klimpernde Kasten plötzlich nicht mehr da sein könnte. Ein Szenario zum Nachdenklichwerden.

Der Sprint nach oben führte jedenfalls zu ausgesprochenen Erschöpfungszuständen. Immerhin: Das Handy lag noch dort, wo ich es hatte liegen lassen. Trotz der Erleichterung war ich fix und fertig. Hier machte sich nun der Flüssigkeitsmangel bemerkbar. Die Flasche Volvic CocoCabana, die ich dabei hatte, hätte ja eigentlich reichen sollen. Eigentlich. Wie so viele andere Läufer an der Treppe hatte ich die fast volle Flasche auf einer Sitzbank an einem der Rastplätze in der Mitte der Treppe deponiert. Als ich allerdings nach dem ersten Abstieg wieder nach oben trabte und nach meiner Flasche greifen wollte, hatte sich ihr Inhalt auf denkwürdige Weise auf etwa 1/6 des Inhaltes reduziert. Auf der steinernden Bank saß ein Pärchen.

Ich starrte erst auf die fast leere Flasche, dann auf das Pärchen, dann auf den Hund – eine mopsige, schnarchende französische Bulldogge – und dann wieder das Mädel an. Die beiden hatten den Inhalt meiner Flasche auf den Boden befördert, damit das gute Hundchen seine Erfrischung bekommt. Und so schlabberte die Dogge mein Volvic CocoCabana, das eigentlich meinen und nicht ihren Durst hätte löschen sollen. Nachdem ich Luft geholt hatte, schnarrte ich die beiden an: „Sagt mal, geht’s noch? Das war meine Flasche!“ Der Kerl – Typ California Surfer Boy – reichte mir die Flasche mit dem Wasserrest und meinte, als wäre es das normalste von der Welt: „Oh, das war deine Flasche? Soarrri. Aber es hat nur der Hund getrunken, und er war auch nicht an der Flasche.“

Fassungslos schaute ich ihn an, als wäre er nicht ganz bei Trost. Was ich denn jetzt trinken solle, fragte ich ihn entgeistert. Man könne doch sehen, dass hier Leute Sport machen, und man könne sich doch nicht einfach eine fremde, volle Trinkflasche schnappen und sie dem Hund hinschütten. Stocksauer schnappte ich mir die Flasche und stapfte mit einem Affenzahn an den beiden vorbei nach oben. Dankend lehnte ich den halbherzigen Versuch der Wiedergutmachung ab, als der Typ seine Börse zückte, um mir den „Schaden“ zu ersetzen. Von seinem Geld konnte ich mir auf der Spitzhaustreppe buchstäblich nichts kaufen.

Ein denkwürdiger Tag. Was lernt man daraus? Ein jeder ist seines eigenen Durstes Schmied. Flasche nicht mehr stehen lassen, Handy nicht mehr liegen lassen. Spart Kräfte und Nerven.