Der zweite Streich der Amira Willighagen – wenig überzeugender Reality Check.

Mit „Merry Christmas“ legt Klassik-Prinzessin Amira Willighagen aus den Niederlanden bereits ihr zweites Album vor. Nach dem Debüt „Amira“ von 2014, mit dem die damals knapp Zehnjährige nach ihrem Talentshow-Sieg vom Dezember 2013 mit Gold durchstartete, wirkt der Zweitling deutlich gereifter – sowohl stimmlich als auch, was die Songauswahl betrifft. Letztere ist durchweg als wirklich gelungen zu loben: Herrschten auf dem Erstling noch vorrangig leichtere Kost in Gestalt häufig interpretierter und beinahe schon abgegriffener Arien wie „O Mio Babbino Caro“ oder „Nella Fantasia“ vor, wechseln sich auf „Merry Christmas“ Perlen klassischer Musik wie „Ave Verum Corpus“ (Mozart), „Panis Angelicus“ (Cesar Franck) oder „Nulla in Mundo Pax (sincere)“ (Vivaldi) mit selten zu Ehren gelangenden Stücken wie dem wunderschönen „Bist du bei mir“ von Gottfried Stölzel oder Pietro Mascagnis „Sancta Maria“ sowie internationalen Weihnachtsklassikern („O Holy Night“, Silent Night“) ab. Diese durchaus anspruchsvolle Mischung überraschte, und sie macht „Merry Christmas“ zu einer Platte, die zumindest vom Hörgefühl her tatsächlich gut in die besinnliche Jahreszeit passt. Dazu kommt, dass die Instrumentalisierung der Stücke durchweg ansprechend realisiert wurde. Die Tonqualität ist auch sehr gut. Volle Punktzahl gibt es deshalb für Liedauswahl und Arrangement von mir.

Bei allem Lob kommt nun aber das große Aber. So schön die Liedauswahl aufs Hören auch ist – sie hat auch ihre Tücken. So sind mir persönlich zu viele Stücke dabei, in denen es um Tod und Abschied geht – dabei ist Weihnachten ja eigentlich das Fest einer Geburt, also neuen Lebens. Und gerade solch schwermütiges Liedgut wie die Requiems oder Ave Verum Corpus möchte ich zudem eigentlich nicht aus dem Munde eines elfjährigen Kindes hören. Bestes Beispiel: der Stölzel. Text:

„Bist du bei mir, geh‘ ich mit Freuden zum Sterben und zu meiner Ruh‘. Ach, wie vergnügt wär so mein Ende, es drückten deine lieben Hände mir die getreuen Augen zu!“.

Man nenne mich altmodisch – aber ich wüsste einfach Besseres, über das Kinder singen könnten, als über das Sterben und „ihr Ende“.

Allzu oft überfordert zudem die anspruchsvolle Literatur die Fähigkeiten Willighagens spürbar. Und das ist auch der Grund, warum es keine Lobesarien mehr von mir gibt, so wie noch beim Debüt. Hat man einer Neunjährigen den einen oder anderen Wackler oder Defizite in Ausdruck und Aussprache noch augenzwinkernd verziehen und das tatsächlich enorme Talent des Kindes gepriesen, sind die Vorschusslorbeeren nun schlicht und ergreifend aufgebraucht. Dass sich diese Auffassung nun zunehmend auch im Laien-Publikum durchsetzt, zeigen die Verkaufswerte des Albums. Während das Debüt „Amira“ im vergangenen Jahr mit dem Sensationsgeheische der Talentshow direkt von null auf eins in den holländischen Albumcharts schoss, landete der Zweitling gerade mal auf Platz 69 und fiel schon in der zweiten Woche wieder komplett aus den Top 100 heraus.

Zweifellos ist Amira Willighagen knapp zwei Jahre später für ihr Alter immer noch ein großes Talent, das vielversprechende stimmliche Ansätze mitbringt. Dabei bleibt es dann aber vorerst auch. Hier wird dann doch sehr deutlich, dass die Opernbühnen dieser Welt nicht umsonst von wahrhaftigen Persönlichkeiten bevölkert werden. Um etwa eine Arie wie „Panis Angelicus“ so zu singen, dass sie eben nicht wie ein Kinderlied klingt, sondern wie die ergreifende Hymne, als die sie von Cesar Franck einst konzipiert wurde, braucht es Reife – sowohl stimmlich als auch persönlich. Es macht einen großen Unterschied, ob ich ein Lied in wenigen Wochen vor der Studioaufnahme auswendig lerne, oder ob ich in der Lage bin, mich voll und ganz darauf einzulassen, hineinzudenken und -zufühlen. Wenn ich an „Panis Angelicus“ denke, dann habe ich Elisabeth Schwarzkopf oder – jüngeren Datums – Elina Garanca im Ohr. Und dagegen muss Amira Willighagens zwar durchaus hübsch anzuhörende, aber eben doch sehr glanzlose Version einfach verblassen.

Doch dies soll keineswegs ein Verriss werden. Angesichts ihres Alters ist die Leistung Willighagens immer noch außergewöhnlich zu nennen. Im Gegensatz zu manchen ihrer Live-Darbietungen ist auf „Merry Christmas“ zudem deutlich das Bemühen zu erkennen, die im letzten Jahr verstärkt zutage getretenen Defizite in Sachen Atemtechnik und Stimmsicherheit gerade in den sehr hohen und sehr tiefen Tonlagen zu minimieren. Dennoch bringt die Stückauswahl die junge Künstlerin an ihre (derzeitigen) Grenzen. Insbesondere in den Koloraturen (schnell aufeinanderfolgende Tonlagenwechsel), die häufig alles andere als sauber gesungen werden, werden ihre Schwächen offenbar. Besonders deutlich wird das in „Nulla in Mundo Pax (sincere)“. Auch fehlt es Willighagen noch immer an der Fähigkeit, die jeweiligen Stimmungslagen der Stücke zu transportieren. Hier ragt vor allem Vavilovs „Ave Maria“ negativ heraus, das viel zu schnell und ohne jede Regung durchgesungen wird, Willighagen zudem in den Höhen überfordert. Ebenfalls eher enttäuschend: ausgerechnet der Weihnachtsklassiker schlechtin, „Silent Night“. Hier hat man das Gefühl, dass der Interpretin die Bedeutung des Anlasses (Geburt des Heiland) entweder überhaupt nicht bewusst ist oder sie es aber nicht versteht, die damit für die Christenheit verbundene Gefühlswelt entsprechend in Gesang zu übersetzen. So hart es klingt – aber jede Version des Dresdner Kreuzchores würde ich mir lieber anhören.

Jetzt mag mancher sagen: Mein Gott, es ist halt noch ein Kind – mit Engelsstimme, die halt noch wachsen muss. Dem kann man jedoch ohne Weiteres entgegenhalten: Wenn das Kind dem gewählten Repertoire offensichtlich noch nicht gewachsen ist, muss man etwas am Repertoire ändern – so allerliebst beides auch ist. Genau an diesem Verständnis fehlt es dem Umfeld Willighagens aber offenbar. CD-Verkäufe und bezahlte Auftritte scheinen da wichtiger als diesem anspruchsvollen Repertoire und vor allem dem stetig wachsenden Auftrittspensum angepasster Gesangsunterricht. So wurde Willighagen lediglich im Zuge der Studioaufnahmen zum Album von einer professionellen Gesangslehrerin betreut, die auf klassischen Gesang spezialisiert ist – im Auftrag der Plattenfirma, die offenbar auf Nummer sicher gehen wollte. Sonst erhält die Elfjährige nach wie vor lediglich Unterstützung von einer Musikstudentin (23), die bereits die Studioaufnahmen zu Amiras erstem Album begleitete.

Und so hat man bei Willighagen ständig das Gefühl, als säße ein Traktorist am Steuer eines kostbaren Ferrari – sie weiß all ihr Potenzial ganz einfach noch immer nicht auszuschöpfen, weil ihr dazu das technische Rüstzeug, vor allem aber auch die Ausstrahlung fehlt. Eine schöne Stimme allein reicht eben nicht aus, man muss sie auch steuern und kontrollieren können. Und genau das erfordert jahrelanges Training. Klare Punktabzüge gibt es daher für die gesangliche Umsetzung der Stücke, ebenso wie für Ausdruck und Gefühl.
Es sind Defizite, die man ehrlicherweise anerkennen und würdigen muss, wenn man die darbgebotenen Stücke mit den Darbietungen der etablierten Klassikgrößen vergleicht. Wer sie leugnet, tut Amira Willighagen keinen Gefallen, sondern bedient stattdessen eigene Eitelkeiten. Und an diesem Vergleich wird sie auch in Zukunft nicht vorbeikommen: Wer sich mit dieser Art Repertoire in die Öffentlichkeit begibt, muss ihm standhalten können.

Dennoch tut die junge Künstlerin auf „Merry Christmas“ ihr Möglichstes und liefert am Ende auch ein durchaus schön anzuhörendes Werk ab, das für Entzücken unterm Weihnachtsbaum sorgen wird. Wer besonders schöne Kinderstimmen mag, wird hier glücklich werden. Nur von einer Vorstellung muss man sich wohl definitiv verabschieden: Amira Willighagen sei der kommende Opernstar oder gar schon die neue Maria Callas oder Anna Netrebko. Wer sich nicht sicher ist, ob er die CD kaufen möchte – auf Spotify (dort kann man sich z.B. über seinen facebook-Account ganz leicht anmelden) kann man sich das gesamte Album kostenfrei anhören und dann seine Entscheidung treffen, ob sich der Kauf lohnt.

Im selben Wortlaut am 21. November 2015 auf Amazon veröffentlicht.

5 Gedanken zu „Der zweite Streich der Amira Willighagen – wenig überzeugender Reality Check.“

  1. Haben sie die letzten Ausfuhringen von Amira gesehen?
    Und jetzt?
    Gib bitte ein glaubwurdiges Kommemtar mit einem Blick auf der Zukunft wenn Amira 18-20 Jahre alt ist.
    Thea van der Zwaag

    1. Hallo Thea,

      Um Ihnen zu antworten: Es geht nicht um einzelne Auftritte. Ich sprach in meinem Artikel über eine Gesamttendenz, die ich bei Amira seit ihrem Casting-Show-Sieg im Dezember 2013 bis heute beobachte. Und diese Gesamttendenz sehe ich im Übrigen nach wie vor. Wenn Sie den Artikel aufmerksam gelesen haben, werden Sie festgestellt haben, dass ich dem Kind keinesfalls Talent oder ausgesprochen großartige gesangliche Fähigkeiten abspreche. Ich kritisiere vielmehr den Umgang ihres Umfeldes (ihrer Familie, des Managements) damit. Amira könnte viel weiter sein, wenn sie ein adäquates Gesangstraining erhielte, statt scheinbar völlig unkoordiniert gegen Geld von einem Auftritt zum nächsten geschickt zu werden. Wie richtig ich wahrscheinlich damit liege, zeigte ihr letztes Konzert zu Weihnachten, wo sie für meine Begriffe eine äußerst gute Leistung ablieferte. Es zeigt, dass sie viel mehr kann, wenn echte Profis mit ihr arbeiten – so wie kurz zuvor während der Aufnahme ihres zweiten Albums geschehen.
      Ich kann die Haltung ihrer Eltern einfach nicht verstehen, dass man Amira vor allem aus Spaß singen lassen wolle. Wenn dem so wäre, würde man sie nicht förmlich an Veranstalter verkaufen. Hier geht es vorrangig um Geld, nicht um Spaß. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Die Eltern verstehen nicht, dass sie Amira viele Chancen zunichte machen, wenn sie sie jetzt mit einer zwar für ihr Alter unglaublich schönen, aber ungeschulten Stimme regelrecht verheizen. Spaß am Gesang hin oder her – man muss doch auch an Amiras Zukunft denken. Wenn sie so weitermacht, wie bislang, also nur sporadisch an ihrer Gesangstechnik arbeitet und stattdessen immer wieder mit anspruchsvoller Literatur auftritt, dann sehe ich sie mit 18 oder 20 überall, aber nicht auf den Opernbühnen dieser Welt.

  2. sorry you don’t know which singing teachers (there are 3) amira has.i know what i am talking about because i was a professional singer.you miss the autorithy and the discipline to put such a strong opinion as:““Wenn sie so weitermacht,wie bislang,also nur sporadisch(WIE WISSEN SIE DASS?)an ihrer Gesangstechnik arbeitet und stattdessen immer wieder mit anspruchsvoller Literatur auftritt,dann sehe ich sie mit 18 oder 20 uberall,aber nicht auf den Operbuhnen dieser Welt)“…….
    again sorry,you don“t know what is going on with the development of amira and her professional environment.a little bit more reserve will do

    1. Yes, sure. YOU know best, I don’t have a clue. How could I dare to disagree?

      I think we should end the debate at this point. Since I don’t see a chance that it could be lead without any personal offense from your side. Obviously it does not seem possible to you to accept the fact, that there are people out there who come to other conclusions about the same things than you do.

      When I do not see Amira Willighagen on an opera stage when she is 18 or 20 – this is a current assessment deduced from what I (closely linked to classical music and singing myself from childhood) see and hear. It was a snap-shot of the Situation as I witnessed it in November 2015, when the article was made. Of course things can change – and for the sake of Amira I strongly hope so. But that she DOES have to work on her singing and breathing technique must be obvious to everyone who is to a minimum acquainted to classical singing. That singing such a difficult repertoire when not physically and technically ready for it will very likely do some damage to your vocal chords is a physical fact and proven in practice multiple times. The best example for that being the great Maria Callas herself. As a professional singer yourself you should know about that best. The fact that you obviously don’t makes me highly doubt your claims. What causes me constant head shaking is how first of all Amiras biggest fans can be so heartcold about a child being sent to „work“ on a regular basis since she was 10.

      As for my position – it’s not necessary to know what’s going on „behind the scenes“. Important is only what I see and hear. The fact that there were worlds between her public appearences before and after she recorded her latest Album (and received professional vocal training while recording) tells a lot – and verifies my thoughts on her.

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