Ouvertüre zu etwas Unvollendetem

… oder doch einfach nur für einen weiteren, lausigen Selbsterfahrungstrip einer vergangenheitsbewegten Schreiberin. Es sind tatsächlich die ersten Zeilen zu etwas, das irgendwann einmal ein Buch werden soll.

Die Daunen raschelten. Das Federbett lastete auf Martha wie die Schneemassen einer Lawine. Dick und schwer. Ja, so ähnlich musste das sein, wenn man beraben war. Nur, dass ihr jetzt in diesem Moment angenehm warm war. Jeder Atemzug verursachte jenes knirschende Rascheln der nachgebenden Federn im Ohr, als stapfe jemand direkt neben ihrem Kopf durch tiefen Schnee.
Der Schlaf hatte Martha soeben ausgespuckt wie einen sauren Kaugummi und in Wellen an den Strand des Erwachens gespült. Etwas hatte sie durch die durchlässiger werdende Membran erreicht, ein Laut. Kein menschlicher, eher tierischer Natur, wohlbekannt und doch schien er ihr selbst im Halbschlaf irgendwie surreal. Sie blinzelte in Erwartung von Sonnenlicht. Doch dort, wo sie das Fenster vermutete, war Dunkelheit. Müde tastete sie sich zurück in Richtung Schlaf, in Richtung Schwerelosigkeit.
Da war es schon wieder! Und diesmal war es eindeutig. Sie traute ihren Ohren kaum und lauschte über die stapfenden Schritte im Schnee hinaus. Mitten in der hochurbanen Dresdner Neustadt, wo sich Häuserschlucht an Häuserschlucht reihte, krähte im Dunkel des milden Dezembermorgens ein Hahn.

Sie brauchte einige Sekunden, um völlig wach zu werden und sich zu sortieren. Richtig. Das Fenster war jetzt links statt wie früher rechts neben ihrem Bett. Veränderungen gehörten wohl zu einem Neuanfang. Ausgerechnet hier aber vom morgendlichen Hahnenschrei geweckt zu werden, hatte etwas Skurriles, fast schon etwas Zynisches. Schließlich war sie hierher zurückgekehrt, weil sie dem spießbürgerlichen Korsett der gediegenen Münchner Vorort-Reihenhaussiedlung und der ländlichen Trägheit entkommen und endlich wieder Leben hatte spüren wollen.
Sie ließ den Kopf schwer zurück in die Kissen sinken. Der Rücken schmerzte vom vortäglichen Kistenschleppen und Schränke die Treppe Raufwuchten. Ihr neues Domizil verfügte über keinen Fahrstuhl, und mehr denn je wurde ihr klar, dass sie straff auf die 50 zu marschierte.

Eine halbe Stunde später stand sie gedankenverloren am Wohnzimmerfenster, die Hände empfangend um den warmen Bauch der Teetasse gelegt. Früher wäre es Kaffee gewesen. Heute hatte sie wie selbstverständlich zur Teedose gegriffen. Sie lächelte sinnend vor sich hin. Eine Frau Ende 40, schlank, fast schmal. Fältchen umspielten große, dunkle Augen, die wenig von jener Ferne verloren hatten, die so manchen Mann magisch angezogen hatte. Das dunkle Haar hatte sie gerade erst auf Kinnlänge gekürzt. Mittlerweile wusste sie die Vorteile einer guten Coloration zu schätzen. Sie warf den Schopf mit lässigem Schwung zurück – und liebte es, wie die Strähnen ihren natürlichen Anlagen folgend zurückfielen und ihr Gesicht streichelten.

Ihr Blick glitt über die verwaschenen Fronten des Vorderhauses und versickerte im winzigen, düsteren Innenhof. Ein trister Anblick, trotz der frischen Farbe an der Fassade, und nicht im Mindesten vergleichbar mit dem Panorama der freien Felder und des nahen Waldes, das jahrelang in Bayern vor dem Fenster gestanden hatte. Doch genau so hatte es Martha gewollt. Sie hatte die verwunschenen, verfallenen Ansichten der Kindheit wiederfinden wollen. Sie hatte sie verloren, damals, auf der Flucht aus einem Land, das plötzlich nur noch „der Osten“, wo alles nur noch unwahr, zweitklassig und trist war. Eine Heimat – gebraucht und abgelegt, von Menschen, die – vom furiosen Wende-Rausch erschöpft – von völlig neuen Sorgen gebeugt liefen und auf den ersten Blick von denen zu unterscheiden waren, die von „drüben“ herüberkamen, um sich anzueignen, was hier mangels konkurrenzfähiger Technik niemandem mehr nutzte. Grau und trostlos hatte sie das Damals empfunden. Wir hier und „die drüben“, so war das gewesen. Und manchmal war es noch heute so. […]

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