Führerkinder: Alma Deutscher

Die 13-jährige Britin Alma Deutscher gilt als Wunderkind der klassischen Musik. Und sie ist Jüdin. Im Mai trat sie vor Russlands Autokrat Wladimir Putin auf – und widmete ihm ein Stück. Die Kreml-Presse jubelte.

Süß die Kleine. Nein, wirklich! Und Talent hat die auch noch! Solche Kinder werden früher oder später alle den Mächtigen dieser Welt zur kulturellen Erbauung vorgesetzt. Mal schüchtern, mal selbstbewusst lächelnd. Mit wem sie es zu tun haben, erfahren sie meist erst als Greise, wenn die Weltgeschichte ein neues unrühmliches Kapitel geschrieben und ihre Teufel benannt hat. Dann holt sie die Vergangenheit ein – auf Fotos, die um die Welt gehen, in Dokumentationen, die danach fragen, warum sie vor Diktatoren und (Massen-)Mördern artig und perfekt gescheitelt über Stöckchen sprangen.

In Nazi-Deutschland sangen sogar jüdische Goldkehlchen für den Gröfaz, wie bei den Regensburger Domspatzen, – ehe sie von ihm ins KZ gesteckt oder ins Exil getrieben wurden. Die Goebbels-Kinder wurden regelmäßig zum Vorsingen bei Onkel Hitler verdonnert – ehe ihre Mama sie dem Onkel und dessen zig Millionen Leichen im Keller hinterherschickte, weil sie für sie entschieden hatte, dass sie ohne den Onkel Hitler nicht leben können. Das jüdisch-russische Geigenwunderkind Boris Goldstein spielte in den 30er-Jahren vor Stalin – und floh 1974 wie viele andere vor dem neuen Antisemitismus in der Sowjetunion nach Europa, in die BRD. Kluger Mann. Das Beste, was er machen konnte. Denk ich auch oft drüber nach. Meine Großmutter hatte bis zu ihrem Tod immer eine Schallplatte mit seinen Mendelssohn-Variationen im Schrank stehen.

Nun also diese Alma Deutscher. Wunderkinder und Diktatoren – beide scheinen über die Epochen hinweg eine starke Anziehungskraft füreinander zu entwickeln. Doch was treibt nun ein englisch-jüdisches Mädel dazu, einem russischen Diktator die Hand zu schütteln und ein komplettes Klavierstück zu komponieren – nur für ihn? Einem Mann, der sich ungeniert antisemitischer Stereotype bedient und in dessen Land das Wort „Jude“ synonym verwendet wird zu Staatsfeinden, Kriminellen und Untermenschen? Nicht, dass das in unserer Sowjetunion anders gewesen wäre. Und Putin ist ja immerhin von dort, durchlief dieselbe Schule wie meine Generation.

Vermutlich war es für die kleine Deutscher nur ein weiterer Auftritt, ein „Job“, bei dem sie ablieferte. Denn Auftritte en masse ist das kleine Wunderkind von klein auf gewohnt – ihren ehrgeizigen Eltern sei dank. Und genau die waren es wohl auch, die ihre Tochter für den Empfang des rechtsgerichteten ÖVP-Bundeskanzlers Kurz für unseren Wowa im Bundeskanzleramt buchen ließen. Wenn man nun bedenkt, dass der Chef der rechtsextremen FPÖ, die Kurz in die Regierung geholt hat, ein bekennender Antisemit ist und unser Wowa die jüdische Weltverschwörung bemüht – dann stellt sich die Frage, was jüdische Eltern bewegen kann, ihr begabtes Kind einem Menschen wie Wowa anzudienen, der zudem eine gewaltige Aktie am Erstarken rechtsextremer, antisemitischer Parteien in ganz Europa hat. Der in halb Osteuropa verdeckt Krieg führt, fremdes Territorium annektiert und in der Ostukraine den Tod von mehr als 7 000 ukrainischen Männern, Frauen und Kindern zu verantworten hat. Und der im eigenen Land Menschen einsperrt oder ermorden lässt, die sich weigern, ihr Hirn auszuschalten und traurige Wahrheiten offen aussprechen. Tjaha – schon ein ganz schön ausgebufftes Schlitzohr, dieser Wowa…

Eventuell hängt das Verhalten der Eltern ja auch mit der Tatsache zusammen, dass die Deutschers ihre Tochter seit deren 9. Lebensjahr daheim unterrichten und von öffentlichen Schulen, die an staatliche Lehrpläne gekoppelt sind, fernhalten. Ich stelle mir das gerade beim kleinen Wowa vor – Brezhnew geht wieder auf Stalin-Kurs – und die Mama nimmt den jungen Wowka aus der staatlichen Schule, wo doch gerade dort der Nachwuchs zu guten Sowjetbürgern zurechtgestutzt werden sollte. Doch scheint es mir da einen entscheidenden Unterschied zu geben: Aus Kindern, die bei uns so weit wie möglich vom staatlichen Schulsystem ferngehalten werden, werden kluge, selbständig denkende und weltoffene Menschen. Aus Kindern, die in eurer liberalen, demokratischen und globalen Welt von der Schule ferngehalten werden, werden Opfer.

Kalter Krieg mit Russland: Aussöhnen durch Ausblenden?

Margot Käßmann auf dem Reformationskongress 2013. Quelle: flickr/sekfeps
Margot Käßmann auf dem Reformationskongress 2013. Quelle: flickr/sekfeps cc

Margot Käßmann wirkt sympathisch. Jung und dynamisch für ihr Alter. Und sie steht gern im Mittelpunkt – nicht nur auf der Kirchenkanzel, umgeben von ihren Schäfchen. Wenn man sie so hört, denkt man, dass sie eigentlich auch gerne Politikerin geworden wäre oder Politikwissenschaftlerin oder beides. Sie redet gern und liebt das Gefühl, „gegen den Strom“ zu schwimmen. Schon deshalb mag ich sie. Bei uns in der Sowjetunion gibt es solche Frauen nicht. Kalter Krieg mit Russland: Aussöhnen durch Ausblenden? weiterlesen

Raoul Wallenberg – Wer tötete den Judenretter von Ungarn?

Der Tod des schwedischen Diplomaten vor rund 70 Jahren ist bis heute ein Mysterium. 1912 als Sohn eines Marineoffiziers und einer Mutter mit jüdischen Vorfahren geboren, nutzte der junge Legationsrat Wallenberg während des Zweiten Weltkrieges ab Sommer 1944 in Ungarn seine Stellung, um Tausende jüdische Bürger vor der Ermordung in NS-Vernichtungslagern zu retten. Zwischen Österreich und  Ungarn – während des Krieges mit Deutschland verbündet – verlief später die Grenze zwischen sowjetischem und westalliiertem Einflussgebiet. Ungarn geriet noch vor dem Kriegsende 1945 unter sowjetische Kontrolle und wurde später Teil des Ostblocks. Der aus höchsten Kreisen der schwedischen Gesellschaft stammende Wallenberg und dessen Tun in einem Gebiet, das der sowjetische Diktator Josef Stalin nach dem Beginn der Besatzung am 16. Januar 1945 für sich beanspruchte, gerieten alsbald ins Visier des NKWD – des Kommissariats für innere Angelegenheit der SU, einem Vorläufer des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Raoul Wallenberg – Wer tötete den Judenretter von Ungarn? weiterlesen

Zum Tod von Boris Nemzow.

Clipboard01-swEs ist zu früh, mehr zu schreiben. Ich bin einfach noch zu sehr von Wut und Traurigkeit erfüllt, um mich mit den brutalen Fakten und den möglichen Hintergründen herumzuschlagen. Noch bin ich zu sehr damit beschäftigt, die Bilder zu verdauen, die mich vor zwei Tagen mitten in der Nacht völlig unerwartet und plötzlich von meinem Laptop her anschrien. Ich war aus unerklärlichen Gründen nachts gegen 3 Uhr aufgewacht, ging etwas trinken und stellte fest, dass die facebook-Seite noch offen, mein Profil noch online war. Ich wollte mich lediglich ausloggen. Und dann stand es da: Boris Nemzow ist tot, erschossen auf offener Straße. Im ersten Moment glaubte ich noch, ich albträumte vielleicht. Doch die Zeilen ließen sich weiterscrollen, und darunter diese Bilder. Nemzows Leichnam auf der Straße, von Polizei umringt, nicht abgedeckt. Und da merkte ich, wie mir übel wurde.

Sie haben ihn hingerichtet. Vier Schüsse brauchte es, um Wladimir Putins schlechtes Gewissen niederzustrecken und auszuschalten. Nemzow, der Jude war und den Bezug zum westlich-modernen Deutschland im Namen trug, war mir immer angenehm gewesen. Egal, wo er auftrat, was er sagte: Es sprachen eine Menschlichkeit, eine Klugheit und gleichzeitig eine Entschlossenheit und Ernsthaftigkeit aus seinen Worten, die ungewöhnlich waren für einen russischen Politiker. Noch mehr war außergewöhnlich an ihm: Anders als andere stellte er nicht die eigene Machtposition über alles andere und den Willen des eigenen Volkes: Als er in den 90er-Jahren im Zuge der wirtschaftlichen und politischen Krise der Jelzin-Regierung in Ungnade fiel, tat er etwas, das kein russischer oder sowjetischer Politiker in solch hoher Position (Nemzow war damals Vize-Premier) zuvor je getan hatte: Er trat von seinem Amt freiwillig zurück. Sicher war auch Nemzow kein lupenreiner Demokrat. Aber er war wohltuend modern, weltoffen und fürchtete sich nicht, dem respressiven und rückschrittlichen Regime Putin die Krallen zu zeigen, indem er dessen Schandtaten in Tschetschenien oder in der Ukraine, dessen manipulative, gegen jedwede Art von Opposition gerichtete Medien- und Informationspolitik offen anprangerte. Er war nicht der Erste, der dies mit dem Leben bezahlte. Ich denke, so viel kann man wohl auch jetzt schon sagen.

Es ist bitter, solch einen guten Mann leb- und würdelos auf einem Bürgersteig liegen zu sehen und zu wissen: Die Demokratie hat in Russland einen ihrer wichtigsten Fürstreiter verloren. Wer wird diese Lücke füllen? Mir fällt spontan niemand ein. Zumal den wenigen, die bisher ähnlich furchtlos agierten – etwa der Nationalliberale Alexej Nawalny -, nun deutlich gemacht wurde, wohin ein offensiv-oppositioneller, prowestlicher Kurs in Russland früher oder später führen wird: direkt unter die Erde.

Noch mehr weh tut aber gerade in diesen ersten Tagen nach seinem Tod die ekelerregende Welle des Hasses und der Menschenverachtung, die gerade durch die sozialen Netzwerke und Internetforen rollt und das Andenken des Toten beschmutzt. Sie nennen ihn einen Verräter, einen Schwulen, einen Spion, der sein Volk hintergangen habe. Ihn, der es aus der Diktatur des Chauvinismus und der Korruption heraus in eine demokratische, freiheitliche Zukunft führen wollte. Was mögen seine Mutter, seine Frau, seine Kinder in diesen Augenblicken fühlen? Es ist beschämend, zu sehen, wozu Wladimir Putin zwei Generationen von Menschen in seinem Lande erzogen hat. In etwas mehr als 15 Jahren hat er es geschafft, großen Teilen davon jedwede Menschlichkeit erfolgreich abzutrainieren und gegen einen stumpfsinnigen, sowjetnostalgischen, unterwürfigen Patriotismus auszutauschen. Ein Gutes hat das Ganze vielleicht: Boris Nemzow kann nun ausruhen. Er muss das alles nicht mehr ertragen.

Назад в Сталинград? – Zurück zu Stalingrad?

Ob Wowka weiß, wo er sich da reinmanövriert hat? In den letzten Monaten hat Russlands Präsident Wladimir Putin Nägel mit Köpfen gemacht. Den Kampf um die Ukraine hatte er gegen die EU verloren, die Umfragewerte seiner Partei bröckelten und so wirklich beliebt war der Vater der russischen Marktwirtschaft nie im Volk. Doch dann haute der, der sich so gern nackt reitend oder mit hübschen Frauen in der Presse porträtiert sieht, den entscheidenden Satz raus: „Der Zusammenbruch der Sowjetunion war die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts.“ Was Putin auch gesagt haben soll, aber von westlichen Medien meist vernachlässigt wird: Man solle möglichst viel davon wieder aufbauen. Damit traf der Präsident einen Nerv im Volk, den er eigentlich lange Zeit mühsam und gegen seine eigene Überzeugung abgeklemmt hatte: Die weit verbreitete Sowjetnostalgie durfte viele Jahre nicht zu hoch kochen, denn das hätte die florierenden wirtschaftlichen Beziehungen mit dem Westen womöglich gefährdet, mit denen Putin in den letzten 20 Jahren nach dem Kollaps des sowjetischen Planwirtschaftssystems die russische Wirtschaft sanierte und  seine neue Mittelschicht aus der Taufe hob.

Jener Ausspruch jedenfalls löste einen Erdrutsch im Lande aus, der das Volk mit einem Schlag zu großen Teilen hinter seinen eigentlich verhassten – da als zu prowestlich verschrieenen – Präsidenten brachte. Endlich haute er mal auf den Tisch! Die Ukraine, dieses undankbare, seit 20 Jahren abspenstige Kind, wurde endlich gebührlich gemaßregelt, mit der Inaussichtstellung von „Novorossija“ – dem Neurussland – stehen endlich mal wieder Landgewinne auf dem Fünfjahresplan, und mit dem ständigen kritischen Rumgebohre in der eigenen Vergangenheit ist nun auch endlich Schluss. Im Gegenteil: Tscheka und KGB erleben ein nie geahntes Revival als heldenhafte Schutzpatronen des Vaterlandes und Väterchen Stalin – den Wowkas Opa einst bekochte – darf das Büßergewand nun offiziell ablegen. Und das Volk – es seufzt erleichtert auf: Endlich Schluss mit der nationalen Lethargie! Endlich gelten die alten Helden wieder was! Dass in Russland ein Kapitalismus herrscht, der selbst die Wirtschaftssysteme in den USA und in Europa wie ein laues Lüftchen aussehen lässt, dass weite Teile der Wirtschaft vollkommen abhängig von der Kooperation mit dem so verhassten Westen sind, dass der Computer, mit dem man den lieben langen Tag lang antiwestliche Propaganda ins westlichen Thinktanks entsprungene Internet hackt, aus amerikanischer und europäischer Produktion stammt, ebenso wie das Autor vor der Tür, das Mobiltelefon, die Kreditkarte und sogar das Leuchten aus der Lampe  – darüber sieht man dann schon mal getrost hinweg. Was sind elektrisches Licht und Skype gegen die Wiedergeburt der national-bolschewistischen Identität eines geschundenen Weltreiches?

Nun, so beliebt Wowka nun endlich beim Volke ist, so schwer lastet die Bürde des Erwartungsdrucks auf ihm. Um die nationale Hysterie der Massen (–> vergleiche dazu auch Gustave LeBons „Psychologie der Massen“, die schon Adolf Hitler inspirierte) Köcheln zu halten braucht es immer neuen Lockstoff, damit die Flamme der nationalen Erneuerung nicht ausgeht. Wie gut er die geschürt hat, zeigte sich nun letzte Woche. Da erreichte ihn im Kreml ein Ruf. Ob man die südrussische Stadt Wolgograd  nicht wieder in Stalingrad rückbenennen sollte, schlug unter anderem Vizeministerpräsident Dmitri Rogozhin vor. Natürlich nicht zu Ehren des GröSoFaz – des Größten sowjetischen Führeres aller Zeiten!! Sondern zu Ehren der Bürger der Stadt. Ach sooo… die freuen sich bestimmt. Besonders die Waisen, deren Eltern in Stalins Folterknästen umkamen… und genau deshalb kam der Vorschlag auch nicht von Bürgern oder Politikern der Stadt, sondern von Veteranenverbänden (die derzeit massiven Zulauf erhalten) und eben von (dritt-)höchster Stelle. Dmitri Rogozhin war übrigens in den 80er-Jahren Kommandeur des 40. Gardepanzerregiments, das in Königsbrück bei Dresden disloziert war, und brachte es in den 90ern auch zum Chef der 11. Gardepanzerdivision (Dresden).

Der Vorschlag, ausgerechnet jenen Namen, der 1925 in einem Akt des Größenwahns des GröSoFaz den ursprünglichen Namen Zarizyn (nach dem dort in die Wolga mündenden Fluss Zariza) ablöste, wiedereinzuführen, überrascht niemanden, der abgehärtet genug von den Entwicklungen der letzten Zeit ist. Er scheint vielmehr als logische Konsequenz. Der große militärische Sieg im Großen Vaterländischen Krieg 1945 strahlte fast 50 Jahre lang in sämtliche Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens in der Sowjetunion. Doch mit dem Zusammenbruch des Systems 1991 sollte all das plötzlich nichts mehr wert sein – für viele Russen eine ungeheuerliche Demütigung, die nicht hinnehmbar war.  Und nun die Wende! Nun gilt all das wieder was.  Und die schrittweise Rehabilitierung eines der größten Massenmörder der letzten 1000 Jahre würde mit der Revitalisierung des Symbols seiner Macht und Herrlichkeit eine ultimative Krönung erfahren. Krönung deshalb, weil Wolgograd bereits seit dem letzten Jahr an einschlägigen Gedenktagen, wie etwa dem zum Gedenken für die Befreiung der Stadt im Februar 1943, wieder zu „Stalingrad“ wird.

Nu, Wowka, was kommt denn aber nach „Stalingrad“? Die Ausrufung der Einheitspartei? Die Verankerung des Putinismus in der Verfassung? Mal sehen wie lange die Taktik aufgeht und das Volk nicht stutzig wird, weil du doch seit Neuestem lieber Benz und Porsche fährst statt GAZ und ZIL, während du gleichzeitig den Westen als „Satansland“ verteufelst, in dem ein homosexuelles Paar einer kinderreichen Familie gleichgestellt sei. Aber vielleicht stehen deine Chancen gar nicht so schlecht, denn du arbeitest ja mit Hochdruck daran, die Schicht der Klugen und Intelligenten aus dem Land zu jagen. Wer braucht schon Leute, die des kritischen und selbständigen Denkens fähig sind? Die machen doch nur Ärger, stellen unbequeme Fragen. Heil den simpel Gestrickten und den Proleten. Die sind für dumpfe, leicht verständliche und durch ständige Wiederholung gut auswendig zu lernende Phrasen immer zu haben.