Führerkinder: Alma Deutscher

Die 13-jährige Britin Alma Deutscher gilt als Wunderkind der klassischen Musik. Und sie ist Jüdin. Im Mai trat sie vor Russlands Autokrat Wladimir Putin auf – und widmete ihm ein Stück. Die Kreml-Presse jubelte.

Süß die Kleine. Nein, wirklich! Und Talent hat die auch noch! Solche Kinder werden früher oder später alle den Mächtigen dieser Welt zur kulturellen Erbauung vorgesetzt. Mal schüchtern, mal selbstbewusst lächelnd. Mit wem sie es zu tun haben, erfahren sie meist erst als Greise, wenn die Weltgeschichte ein neues unrühmliches Kapitel geschrieben und ihre Teufel benannt hat. Dann holt sie die Vergangenheit ein – auf Fotos, die um die Welt gehen, in Dokumentationen, die danach fragen, warum sie vor Diktatoren und (Massen-)Mördern artig und perfekt gescheitelt über Stöckchen sprangen.

In Nazi-Deutschland sangen sogar jüdische Goldkehlchen für den Gröfaz, wie bei den Regensburger Domspatzen, – ehe sie von ihm ins KZ gesteckt oder ins Exil getrieben wurden. Die Goebbels-Kinder wurden regelmäßig zum Vorsingen bei Onkel Hitler verdonnert – ehe ihre Mama sie dem Onkel und dessen zig Millionen Leichen im Keller hinterherschickte, weil sie für sie entschieden hatte, dass sie ohne den Onkel Hitler nicht leben können. Das jüdisch-russische Geigenwunderkind Boris Goldstein spielte in den 30er-Jahren vor Stalin – und floh 1974 wie viele andere vor dem neuen Antisemitismus in der Sowjetunion nach Europa, in die BRD. Kluger Mann. Das Beste, was er machen konnte. Denk ich auch oft drüber nach. Meine Großmutter hatte bis zu ihrem Tod immer eine Schallplatte mit seinen Mendelssohn-Variationen im Schrank stehen.

Nun also diese Alma Deutscher. Wunderkinder und Diktatoren – beide scheinen über die Epochen hinweg eine starke Anziehungskraft füreinander zu entwickeln. Doch was treibt nun ein englisch-jüdisches Mädel dazu, einem russischen Diktator die Hand zu schütteln und ein komplettes Klavierstück zu komponieren – nur für ihn? Einem Mann, der sich ungeniert antisemitischer Stereotype bedient und in dessen Land das Wort „Jude“ synonym verwendet wird zu Staatsfeinden, Kriminellen und Untermenschen? Nicht, dass das in unserer Sowjetunion anders gewesen wäre. Und Putin ist ja immerhin von dort, durchlief dieselbe Schule wie meine Generation.

Vermutlich war es für die kleine Deutscher nur ein weiterer Auftritt, ein „Job“, bei dem sie ablieferte. Denn Auftritte en masse ist das kleine Wunderkind von klein auf gewohnt – ihren ehrgeizigen Eltern sei dank. Und genau die waren es wohl auch, die ihre Tochter für den Empfang des rechtsgerichteten ÖVP-Bundeskanzlers Kurz für unseren Wowa im Bundeskanzleramt buchen ließen. Wenn man nun bedenkt, dass der Chef der rechtsextremen FPÖ, die Kurz in die Regierung geholt hat, ein bekennender Antisemit ist und unser Wowa die jüdische Weltverschwörung bemüht – dann stellt sich die Frage, was jüdische Eltern bewegen kann, ihr begabtes Kind einem Menschen wie Wowa anzudienen, der zudem eine gewaltige Aktie am Erstarken rechtsextremer, antisemitischer Parteien in ganz Europa hat. Der in halb Osteuropa verdeckt Krieg führt, fremdes Territorium annektiert und in der Ostukraine den Tod von mehr als 7 000 ukrainischen Männern, Frauen und Kindern zu verantworten hat. Und der im eigenen Land Menschen einsperrt oder ermorden lässt, die sich weigern, ihr Hirn auszuschalten und traurige Wahrheiten offen aussprechen. Tjaha – schon ein ganz schön ausgebufftes Schlitzohr, dieser Wowa…

Eventuell hängt das Verhalten der Eltern ja auch mit der Tatsache zusammen, dass die Deutschers ihre Tochter seit deren 9. Lebensjahr daheim unterrichten und von öffentlichen Schulen, die an staatliche Lehrpläne gekoppelt sind, fernhalten. Ich stelle mir das gerade beim kleinen Wowa vor – Brezhnew geht wieder auf Stalin-Kurs – und die Mama nimmt den jungen Wowka aus der staatlichen Schule, wo doch gerade dort der Nachwuchs zu guten Sowjetbürgern zurechtgestutzt werden sollte. Doch scheint es mir da einen entscheidenden Unterschied zu geben: Aus Kindern, die bei uns so weit wie möglich vom staatlichen Schulsystem ferngehalten werden, werden kluge, selbständig denkende und weltoffene Menschen. Aus Kindern, die in eurer liberalen, demokratischen und globalen Welt von der Schule ferngehalten werden, werden Opfer.

Raoul Wallenberg – Wer tötete den Judenretter von Ungarn?

Der Tod des schwedischen Diplomaten vor rund 70 Jahren ist bis heute ein Mysterium. 1912 als Sohn eines Marineoffiziers und einer Mutter mit jüdischen Vorfahren geboren, nutzte der junge Legationsrat Wallenberg während des Zweiten Weltkrieges ab Sommer 1944 in Ungarn seine Stellung, um Tausende jüdische Bürger vor der Ermordung in NS-Vernichtungslagern zu retten. Zwischen Österreich und  Ungarn – während des Krieges mit Deutschland verbündet – verlief später die Grenze zwischen sowjetischem und westalliiertem Einflussgebiet. Ungarn geriet noch vor dem Kriegsende 1945 unter sowjetische Kontrolle und wurde später Teil des Ostblocks. Der aus höchsten Kreisen der schwedischen Gesellschaft stammende Wallenberg und dessen Tun in einem Gebiet, das der sowjetische Diktator Josef Stalin nach dem Beginn der Besatzung am 16. Januar 1945 für sich beanspruchte, gerieten alsbald ins Visier des NKWD – des Kommissariats für innere Angelegenheit der SU, einem Vorläufer des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Raoul Wallenberg – Wer tötete den Judenretter von Ungarn? weiterlesen

In Russland verboten, im Westen gefloppt: „Kind 44“ zeigt die Stalin-Ära ungeschminkt, scheitert aber an der grandiosen Vorlage.

Am 22. Oktober kommt die Hollywood-Verfilmung von Tom Rob Smiths Bestseller „Kind 44“ in den deutschen Handel. Bereits im Juni enterte die millionenschwere Produktion die deutschen Kinos. Voll Erwartung, was Daniel Espinosa aus dem spannenden und äußerst authentischen Original über den Terror der Stalin-Ära in der Sowjetunion gemacht haben würde, tauschte ich die rustikale Holzbank der Kurilka gegen den weichen Sessel eines Multiplex-Kinos, um mir ein Bild zu machen. Im Ergebnis standen gemischte Eindrücke.

Ehe es ans Eingemachte geht, muss zur Einordnung des Films eines festgehalten werden: „Kind 44“ ist definitiv einer von nur wenigen Filmen, die den Finger derart in eine Wunde legen, die seit Jahrzehnten in der russischen Seele schwärt. Heilung hat sie bis heute nicht erfahren. Nach verschiedenen Schätzungen zehn bis 20 Millionen Menschen, eigene Landsleute, hat Josef Stalin in den fast 30 Jahren seiner Alleinherrschaft in der Sowjetunion liquidiert und in den Tod getrieben, bis zu 40 Millionen kehrten nach Jahren in der Knochenmühle der Gulags dauerhaft seelisch gemordet zurück. Allein während der Zeit des „Großen Terrors“ in den Jahren 1936 bis 1938 ließ der „Generalissimus“ fast 800000 Menschen erschießen. Dennoch hält die Hälfte der Russen Stalin noch heute für einen Helden, zumindest aber für einen großen Staatsmann. Das macht einen Film wie „Kind 44“ wichtig – auch wenn er gerade in jenem Land, das just in diesen Tagen mehr denn je diesen kleinen Realitätscheck hätte gut gebrauchen können, kaum jemanden erreicht haben dürfte: Wladimir Putin ließ den Streifen in Russland kurzerhand verbieten.

Trotz (oder vielleicht gerade wegen?) seiner starken politischen Botschaft ist der Film an den Kinokassen ein absoluter Flop – auch in seiner US-Amerikanischen Heimat, wo er hohe zweistellige Millionenverluste einspielte. Als ich ihn im Juni im Kino sah, saß ich mit vier weiteren Leuten in dem riesigen Saal. Stalinismus und Kalter Krieg scheinen offenbar in den Köpfen weniger verankert als etwa Erster oder Zweiter Weltkrieg. Und das, obwohl Erstere – zusammengefasst als eigene Epoche – mit beinahe 70 Jahren weit länger währten und mit weltweit geschätzten 20 bis 30 Millionen Todesopfern (Vietnamkrieg und Koreakrieg als „heiße“ Stellvertreterkonflikte des Kalten Krieges mitgerechnet) sogar teilweise mehr Opfer forderten als etwa der lediglich vier Jahre dauernde Erste Weltrieg (17 Millionen Tote) oder der Zweite Weltkrieg (5,5 Jahre, 60 Millionen Tote).

Viel Feind, viel Ehr mochte man (wohl-)meinen. Doch bei genauem Betrachten enttäuscht „Kind 44“ zwar nicht auf der ganzen Linie, aber doch spürbar – was nicht heißt, dass er nicht auch seine starken Momente hat. Den gleichnamigen Bestseller von Tom Rob Smith zur Vorlage, nimmt Regisseur Daniel Espinosa den Zuschauer mit in die Sowjetunion der Stalinzeit, genau gesagt ins Jahr 1953: Angst regiert das Land. Die Angst davor, dem falschen Menschen zu vertrauen. Wer anders ist, macht sich potenziell verdächtigt. Wer nicht denunziert, läuft Gefahr, selbst denunziert und als Verräter hingerichtet zu werden. Schuld oder Unschuld sind Hülsen ohne jede Bedeutung. Schwer und düster lastet die Angst, fahl und finster zeichnet Espinosa die Gesichter der Menschen in ihrem Überlebenskampf. Es sind die besten Momente dieses Films: die Atmosphäre dieser furchtbaren Epoche der Gewalt und der Willkür, die dem Zuschauer in jede Pore kriecht – großartig! Auch, wenn der Höhepunkt des Stalin-Terrors sicherlich nicht gegen Ende seiner Herrschaft anzusiedeln ist, sondern im „großen Terror“ um die 15 Jahre eher – der Film erfindet nicht und übertreibt auch nicht: Er zeigt Stalins Russland so, wie es auch wirklich war.

Wer beim MGB – dem gefürchteten Ministerium für Staatssicherheit und Vorgänger des KGB – arbeitet, ist es gewohnt, zu foltern, ganze Familien ans Messer zu liefern. Mitleid gibt es nicht. So einer ist Leo Demidow. Im Film – wie auch im Buch, an dessen Plot sich Espinosa nicht durchweg hält – entspricht Leo Demidow jenem Mann, der nach dem Sieg über Deutschland in Berlin auf dem Reichstag fürs Propagandafoto die sowjetische Fahne hisst (tatsächlich wurde für diese Rolle damals eigens Meliton Kantaria ausgesucht – ein Sergeant der Roten Armee, ebenfalls wie Stalin aus Georgien stammend). Aus dem verstörten Waisenjungen, der während der von Stalin zur Ausrottung des ukrainischen Volkes herbeigeführten Hungersnot, dem Holodomor, zu Beginn der 30er-Jahre Schreckliches durchmachte, seine Familie verlor und selbst nur knapp überlebte, war ein hoch dekorierter Kriegsheld geworden. Aufgewachsen im respressiven Stalin-Regime, hat Demidow (gespielt von Tom Hardy) nie gelernt, zu hinterfragen. Er führt Befehle aus – bis eines Tages seine schöne Frau (Noomi Rapace) ins Fadenkreuz gerät – und Leo vor die Wahl gestellt wird: entweder sie denunzieren, oder ihrer beider und das Leben seiner Eltern aufs Spiel setzen.

Der Film hat ein Riesen-Problem: Es gelingt nicht, glaubwürdig die Handlungsantriebe herauszuarbeiten, die die Hauptfigur des Leo dazu bringen, plötzlich sein Herz für das Leid anderer Menschen zu entdecken. War er gerade noch hartherzig und skrupellos, schwingt er sich im Verlauf des Films zum wahren Frontreiter der Gerechtigkeit auf. Ein Mann, der den Anblick des Todes, auch toter Kinder, kennt, der den Geist des Systems wie kaum ein Zweiter verinnerlicht hat. Wie kann das möglich sein in einem System, in dem das Liquidieren von Gegnern und unbequemen Menschen ebenso wie unbedingter Gehorsam grundlegende Bedingung für den Aufstieg innerhalb der Nomenklatura war? Nicht dass es gänzlich gänzlich auszuschließen wäre. Allein, es fehlt ein schlüssiges Motiv für den plötzlichen Sinneswandel. Der Umstand, dass sein Freund unmittelbar von einer grausamen Tat betroffen ist, kann als alleiniger Auslöser nicht tragen, denn Tom Rob Smith erzählt uns über den Alltag im Stalinismus Folgendes: Selbst deine engsten Angehörigen konnten dich jederzeit denunzieren und in den Tod schicken, niemandem durfte man trauen. Und nun gilt es auch noch, eine Mordserie an 44 Kindern zu lösen – in einem Land, in dem es offiziell keine Verbrechen gibt. Ein ganz heißes Eisen also, denn Morde sind im Stalin’schen Mikrokosmos allein Produkt kapitalistischer Umtriebe. Und so finden sich denn Leo und seine Frau Raissa, die den Mörder trotz aller Risiken auf eigene Faust finden wollen, auch alsbald auf der Abschussliste des MGB wieder.

Noomi Rapace als Raissa war übrigens für mich die größte Enttäuschung am gesamten Film – und das, obwohl ich sie sonst wirklich gerne sehe. Blass und unscheinbar bleibt die Frau, die im Buch noch so bewundernswert energisch gegen ihren skrupellosen Mann aufbegehrte, den sie einst aus Angst, nicht etwa aus Liebe heiratete. Diesen Schlüsselkonflikt der beiden ertränkt der Film in einer Welle von Sentiment und flachen Dialogen, die völlig fehl am Platze wirken. Glaubte man dem Buch noch, dass Raissa es mit ihrer Mischung aus Schutzlosigkeit und innerer Stärke gewesen sein mochte, die Leo zu Verstand brachte, fehlt dem Film dieses Moment völlig. Dazu kommt, dass mir persönlich die deutsche Synchronstimme Rapaces einfach nur auf die Nerven ging. Passte die verbrauchte Reibeisen-Röhre von Sandra Schwittau in „Verblendung“ auf Rapaces Rolle noch wie die Faust aufs Auge, trägt sie in „Kind 44“ wesentlich mit dazu bei, dass der Charakter der Raissa, diese stille und doch so kluge, starke, aber eben auch feinfühlige Frau, die das Buch vorgibt, einfach nicht rüberkommen will. Schwittau gibt ihr stattdessen eine aufgekratzte, schräge Sprache, die einfach nicht passen will.
Ungewöhnlich und durchaus sympathisch gerade für einen Hollywood-Streifen ist hingegen, dass der gesamte Film fast völlig ohne Sex auskommt – eine absolute Rarität für eine Produktion der Glitzerschmiede, die gemeinhin dafür berühmt-berüchtigt ist, selbst in den grauenhaftesten Weltuntergangsszenarien noch eine heiße Bettszene einstreuen zu müssen. So bleibt „Kind 44“ in angenehmer Weise auf das Wesentliche reduziert: Angst. Angst und Grauen.

Ein Hauptkritikpunkt, den sich der Film allerdings gefallen lassen muss, ist, dass ausgerechnet er, der hier wahrlich grandios mit Bildern hätte arbeiten können, auf die historische Einordnung der Handlung fast völlig verzichtet. Die Szenen, die im Buch auf den Tod Stalins im März 1953 Bezug nehmen, lässt er vollends außen vor. Der Tod des Diktators – er findet im Film einfach nicht statt. Erst gegen Ende, als Demidow, der zwischenzeitlich mehrfach dem Tod von der Schippe gesprungen ist, quasi rehabilitiert wird, fällt endlich der erlösende Satz: „Jetzt herrschen andere Zeiten“. Dennoch muss sich der historisch unbedarfte Zuschauer selbst zusammenreimen, was denn damit nun genau gemeint ist.

Wenig Glaubwürdigkeit versprühen zudem die eklatanten Wissenslücken hinsichtlich der Besonderheiten russischer Namensgebung. Da wird aus Jura Alexejewitsch Andrejew (der Sohn von Leos bestem Freund Alexej Andrejew und „Kind 44“) Jura Alexej Andrejewitsch. Es scheint banal – und kann doch viel kaputt machen, weil es einfach offenbart, dass die Besonderheiten russischer Kultur nicht bis zu Ende recherchiert bzw. vernachlässigt wurden.

Im letzten Drittel des Filmes überstürzen sich zunehmend die Ereignisse. Teilweise hat man regelrecht Mühe, zu folgen, ohne den Faden zu verlieren. Trotzdem ist der Film durchaus sehenswert – schon wegen der politischen und menschlichen Botschaft, die er trägt. Bis zuletzt bleibt es zudem (für die, die das Buch nicht kennen) spannend, der Serienmörder ein Phantom. Das Ende sollte eigentlich ein Paukenschlag sein – so war es zumindest im Buch. Doch im Film verpufft der Umstand, dass der Mörder Leos seit der Hungersnot verschollener jüngerer Bruder Andrej ist. Denn im gesamten Film wurde sich nicht die Mühe gemacht, auf die Geschichte der beiden und die unmittelbar auslösenden traumatischen Erfahrungen Andrejs mit Hunger und Kanibalismus in Jugendtagen hinzuweisen – als selbst andere Menschen zu essen, um zu überleben, Alltag war.

Schade, muss man insgesamt konstatieren. Ein wichtiges und vor allem viel zu selten filmisch besprochenes Thema, toll inszeniert mit großartigen Bildern. Aber auch eine Vorlage, an der Daniel Espinosa spürbar verzweifelt ist. Und am Ende fragt man sich, warum Wladimir Putin eigentlich solche Angst vor diesem Film hatte, in dem der Massenmörder im Grunde nicht mal eine Nebenrolle innehat: Weder wird er überhaupt gezeigt noch zitiert oder sonst irgendwie in die Handlung einbezogen. Schon irgendwie ein Armutszeugnis – für den Film und auch für Putin.

Fazit: Sechs Sterne auf einer Skala von 1 bis 10 für die künstlerische Umsetzung, aufgrund des wichtigen Themas Kaufempfehlung.

Назад в Сталинград? – Zurück zu Stalingrad?

Ob Wowka weiß, wo er sich da reinmanövriert hat? In den letzten Monaten hat Russlands Präsident Wladimir Putin Nägel mit Köpfen gemacht. Den Kampf um die Ukraine hatte er gegen die EU verloren, die Umfragewerte seiner Partei bröckelten und so wirklich beliebt war der Vater der russischen Marktwirtschaft nie im Volk. Doch dann haute der, der sich so gern nackt reitend oder mit hübschen Frauen in der Presse porträtiert sieht, den entscheidenden Satz raus: „Der Zusammenbruch der Sowjetunion war die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts.“ Was Putin auch gesagt haben soll, aber von westlichen Medien meist vernachlässigt wird: Man solle möglichst viel davon wieder aufbauen. Damit traf der Präsident einen Nerv im Volk, den er eigentlich lange Zeit mühsam und gegen seine eigene Überzeugung abgeklemmt hatte: Die weit verbreitete Sowjetnostalgie durfte viele Jahre nicht zu hoch kochen, denn das hätte die florierenden wirtschaftlichen Beziehungen mit dem Westen womöglich gefährdet, mit denen Putin in den letzten 20 Jahren nach dem Kollaps des sowjetischen Planwirtschaftssystems die russische Wirtschaft sanierte und  seine neue Mittelschicht aus der Taufe hob.

Jener Ausspruch jedenfalls löste einen Erdrutsch im Lande aus, der das Volk mit einem Schlag zu großen Teilen hinter seinen eigentlich verhassten – da als zu prowestlich verschrieenen – Präsidenten brachte. Endlich haute er mal auf den Tisch! Die Ukraine, dieses undankbare, seit 20 Jahren abspenstige Kind, wurde endlich gebührlich gemaßregelt, mit der Inaussichtstellung von „Novorossija“ – dem Neurussland – stehen endlich mal wieder Landgewinne auf dem Fünfjahresplan, und mit dem ständigen kritischen Rumgebohre in der eigenen Vergangenheit ist nun auch endlich Schluss. Im Gegenteil: Tscheka und KGB erleben ein nie geahntes Revival als heldenhafte Schutzpatronen des Vaterlandes und Väterchen Stalin – den Wowkas Opa einst bekochte – darf das Büßergewand nun offiziell ablegen. Und das Volk – es seufzt erleichtert auf: Endlich Schluss mit der nationalen Lethargie! Endlich gelten die alten Helden wieder was! Dass in Russland ein Kapitalismus herrscht, der selbst die Wirtschaftssysteme in den USA und in Europa wie ein laues Lüftchen aussehen lässt, dass weite Teile der Wirtschaft vollkommen abhängig von der Kooperation mit dem so verhassten Westen sind, dass der Computer, mit dem man den lieben langen Tag lang antiwestliche Propaganda ins westlichen Thinktanks entsprungene Internet hackt, aus amerikanischer und europäischer Produktion stammt, ebenso wie das Autor vor der Tür, das Mobiltelefon, die Kreditkarte und sogar das Leuchten aus der Lampe  – darüber sieht man dann schon mal getrost hinweg. Was sind elektrisches Licht und Skype gegen die Wiedergeburt der national-bolschewistischen Identität eines geschundenen Weltreiches?

Nun, so beliebt Wowka nun endlich beim Volke ist, so schwer lastet die Bürde des Erwartungsdrucks auf ihm. Um die nationale Hysterie der Massen (–> vergleiche dazu auch Gustave LeBons „Psychologie der Massen“, die schon Adolf Hitler inspirierte) Köcheln zu halten braucht es immer neuen Lockstoff, damit die Flamme der nationalen Erneuerung nicht ausgeht. Wie gut er die geschürt hat, zeigte sich nun letzte Woche. Da erreichte ihn im Kreml ein Ruf. Ob man die südrussische Stadt Wolgograd  nicht wieder in Stalingrad rückbenennen sollte, schlug unter anderem Vizeministerpräsident Dmitri Rogozhin vor. Natürlich nicht zu Ehren des GröSoFaz – des Größten sowjetischen Führeres aller Zeiten!! Sondern zu Ehren der Bürger der Stadt. Ach sooo… die freuen sich bestimmt. Besonders die Waisen, deren Eltern in Stalins Folterknästen umkamen… und genau deshalb kam der Vorschlag auch nicht von Bürgern oder Politikern der Stadt, sondern von Veteranenverbänden (die derzeit massiven Zulauf erhalten) und eben von (dritt-)höchster Stelle. Dmitri Rogozhin war übrigens in den 80er-Jahren Kommandeur des 40. Gardepanzerregiments, das in Königsbrück bei Dresden disloziert war, und brachte es in den 90ern auch zum Chef der 11. Gardepanzerdivision (Dresden).

Der Vorschlag, ausgerechnet jenen Namen, der 1925 in einem Akt des Größenwahns des GröSoFaz den ursprünglichen Namen Zarizyn (nach dem dort in die Wolga mündenden Fluss Zariza) ablöste, wiedereinzuführen, überrascht niemanden, der abgehärtet genug von den Entwicklungen der letzten Zeit ist. Er scheint vielmehr als logische Konsequenz. Der große militärische Sieg im Großen Vaterländischen Krieg 1945 strahlte fast 50 Jahre lang in sämtliche Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens in der Sowjetunion. Doch mit dem Zusammenbruch des Systems 1991 sollte all das plötzlich nichts mehr wert sein – für viele Russen eine ungeheuerliche Demütigung, die nicht hinnehmbar war.  Und nun die Wende! Nun gilt all das wieder was.  Und die schrittweise Rehabilitierung eines der größten Massenmörder der letzten 1000 Jahre würde mit der Revitalisierung des Symbols seiner Macht und Herrlichkeit eine ultimative Krönung erfahren. Krönung deshalb, weil Wolgograd bereits seit dem letzten Jahr an einschlägigen Gedenktagen, wie etwa dem zum Gedenken für die Befreiung der Stadt im Februar 1943, wieder zu „Stalingrad“ wird.

Nu, Wowka, was kommt denn aber nach „Stalingrad“? Die Ausrufung der Einheitspartei? Die Verankerung des Putinismus in der Verfassung? Mal sehen wie lange die Taktik aufgeht und das Volk nicht stutzig wird, weil du doch seit Neuestem lieber Benz und Porsche fährst statt GAZ und ZIL, während du gleichzeitig den Westen als „Satansland“ verteufelst, in dem ein homosexuelles Paar einer kinderreichen Familie gleichgestellt sei. Aber vielleicht stehen deine Chancen gar nicht so schlecht, denn du arbeitest ja mit Hochdruck daran, die Schicht der Klugen und Intelligenten aus dem Land zu jagen. Wer braucht schon Leute, die des kritischen und selbständigen Denkens fähig sind? Die machen doch nur Ärger, stellen unbequeme Fragen. Heil den simpel Gestrickten und den Proleten. Die sind für dumpfe, leicht verständliche und durch ständige Wiederholung gut auswendig zu lernende Phrasen immer zu haben.