Geburt einer Idee?

Gestern war bundesweiter Tag des (offenen) Friedhofs. Auch in Dresden gab es anlässlich dieses Tages Friedhofsführungen bzw. Vorträge, so etwa auf dem Jüdischen Friedhof in der Pulsnitzer Straße, Dresden-Neustadt, dem Tolkewitzer Friedhof, oder auch auf dem Trinitatisfriedhof in der Johannstadt. Auf dem Nordfriedhof am Kannenhenkelweg konnten Besucher in Führungen die Ruhestätten von Größen des preußischen Militärs, wie etwa die der sächsischen Kriegsminister von Carlowitz oder von der Planitz, sowie die Gedenkstätte für den Mitverschwörer des 20. Juli 1944, Friedrich Olbricht, besichtigen.
Ganz großer Bahnhof dagegen auf dem Heidefriedhof: Malgorzata Chodakowskas Skulptur „Trauerndes Mädchen am Tränenmeer“ zum Gedenken der Opfer des alliierten Bombardements vom 13. Februar wurde der Öffentlichkeit übergeben.

Man mag nun geteilter Ansicht sein, ob etwa der Heidefriedhof mit seiner ohnehin schlicht monumental zu nennenden Gedenkinfrastruktur, was die Opfer des 2. Weltkrieges ingesamt anbelangt, ein weiteres Mahnmal gebraucht hätte, oder ob der Jüdische Friedhof in der Pulsnitzer Straße auch zum Tag des (offenen) Friedhofes 4 Euro Eintritt verlangen muss (so stand es zumindest in der Zeitung und am Tor). Eine positive Geschichte ist dieser Tag des (offenen) Friedhofs allemal, bedeutet er doch eine wichtige Annäherung an Themen wie Tod und die Endlichkeit allen Seins, aber auch die Geschichte der jeweiligen Region.

Was ich sehr schade finde, ist die Tatsache, dass weder Stadt noch Freistaat, noch Vereine oder Institutionen diesen Tag jemals genutzt hätten, auch Führungen auf dem Garnisonfriedhof der Sowjetischen Armee an der Marienallee anzubieten. Gerade hier, auf einer Anlage, die eine Zeit berührt, die die meisten von uns noch unmittebar miterlebt haben, gäbe es so viel zu erzählen, so viel Möglichkeit zu Aufklärung, Enttabuisierung und Austausch.
Doch wie in jedem Jahr, waren für den Garnisonfriedhof auch in diesem Jahr keinerlei Veranstaltungen geplant.

Daher hatte ich beschlossen, dies einfach selbst in die Hand zu nehmen und mich als Gedenkstättenführer zu versuchen. Vorab sei vielleicht darauf hingewiesen, dass ich mich nicht aus politisch-ideologischen Gründen um eine bessere Wahrnehmung des Friedhofes bemühe, sondern vor allem aus historischen, aufklärerischen und kulturellen. Es geht darum, zu zeigen, dass auf dem Friedhof Licht und Schatten nah beieinander liegen. Dass die Helden, die hier im Befreiungskampf starben, zugleich auch grausame Besatzer waren, dass das Regime, das sie hier verteidigten, ein grausames war, das sich auch gegen die eigenen Leute richtete – junge Menschen, deren Gräber zu Dutzenden auf dem Friedhof zu finden sind. Letztendlich, dass es allemal lohnt, diese Stätte in ihrer Gesamtheit und vor allem in ihrer Ursrpünglichkeit als zeitgeschichtlich relevantes Kulturgut zu erhalten und der Öffentlichkeit nahezubringen.

Eine Informationstafel (bestehend aus einer Leinwand) mit allerlei Wissenswertem rund um Geschichte, Beschaffenheit und Zukunft des Garnisonfriedhofes war schnell zusammengestellt. Sie enthielt unter anderem einen mehr als provisorischen und gewiss nicht maßstabsgerechten Lageplan, um zu zeigen, dass der Friedhof am nördlichen Ende der Hauptanlage weitergeht. Die Tafel wurde gut einsehbar am Friedhofstor befestigt, das sonst immer fest verrammelte Tor selbst weit geöffnet.
Und die Sache wurde ein voller Erfolg.
Da zwischenzeitlich die Arbeit rief, war es mir lediglich möglich, zwischen 13:30 und 14:45 Uhr sowie zwischen 17:15 und 18:00 Uhr selbst vor Ort zu sein. In diesen zwei Stunden zählte ich mindestens 25 Gäste auf einer Anlage, die sonst mehr oder weniger einsam im Schatten der Heide liegt. Mit vielen davon ergaben sich sehr gute Gespräche.

Tag des Friedhofs - Leben auf dem Garnisonfriedhof.
Tag des Friedhofs - Leben auf dem Garnisonfriedhof.

Etwas unsicher war ich zunächst, wie ich mich verhalten sollte: die Leute gleich am Tor in Empfang nehmen? Sich eher im Hintergrund halten und sie kommen lassen? Es stellte sich heraus, dass viele einen freundlichen Empfang am Tor mit der Bemerkung, falls Fragen bestünden, könnte man sich gern an mich wenden, sehr schätzten. Auch die Auskunft, dass die Verfasserin der Zeitungsartikel, aufgrund derer man sich entschlossen hatte, mal wieder vorbeizuschauen, direkt vor Ort war, löste positive Reaktionen aus und stellte sofort ein ungezwungenes Klima her.
Bei meinen früheren Besuchen zu Recherchezwecken war ich meist über Stunden völlig allein auf der Anlage – trotz Wochenendes und schönen Wetters. Die Menschen liefen meist verschüchtert vorbei, blieben allenfalls mal kurz stehen, um durch die Gitterstäbe zu lugen. Nur selten verirrte sich mal jemand für einen kurzen verschämten Besuch oder schlimmstenfalls auf der Suche nach einem Ort fürs kleine Geschäft auf den Friedhof.

Gestern war das anders. Von Besuchern, die die Anlage bereits kannten, erfuhr ich, dass viele bis heute nicht wussten, dass es noch einen zivilen Anbau im Norden des Areals gibt. Diejenigen, die ich dort hinführte, zeigten sich bestürzt über den verwahrlosten Zustand. Ein Mann bestürmte mich mit Fragen, ob ich einen Verein wüsste, der sich um die Auffindung von in Russland oder Polen während des 2. Weltkriegs verstorbenen Wehrmachtsoldaten bemühe; ein weiterer in Begleitung seiner Frau war selbst vom Zustand der an sich gepflegten Hauptanlage wenig begeistert.
Es stellte sich heraus, dass der Radebeuler in der jüdischen Gemeinde engagiert ist. Auch von dort, so berichtete er, kenne man das, dass die Friedhöfe oft verwahrlosten, wenn sich nicht Vereine oder engagierte Bürger darum kümmerten. Er freute sich wie ein Kind, als ich ihn zu einem Grab führte, das ich vorsichtig als das eines jüdischen Sowjetsoldaten identifiziert hatte: Der 1947 verstorbene Oberleutnant der Sowjetischen Armee hieß mit Nachnamen Baum, und auf seinem Grabmal liegen zwei blankpolierte Steine.

Es muss dazugesagt werden, dass sich das Interesse erfreulicherweise nicht nur auf die ältere Generation beschränkte. Auch Jugendliche und junge Erwachsene sammelten sich am Tor vor der Tafel, die allermeisten statteten der Anlage draufhin einen mehr oder weniger ausgedehnten Besuch ab. Intensiverer Informationsbedarf zeichnete sich aber dann doch bei den Gästen jenseits der 55 ab.
Leider gab es auch die weniger sensiblen „Besucher“ – so etwa eine Frau um die 40 in lässig-modernem Outfit mit Knöpfen im Ohr, die Musik daraus konnte man noch auf 60 Meter Entfernung deutlich hören. Sie schlenderte mit desinteressiertem Gesicht über den Hauptweg – um dann schließlich an einem Vogelbeerenstrauch mit hübschen orangenen Früchten stehen zu bleiben, ein paar Zweige abzubrechen und wieder abzuziehen.

Jedenfalls war dieser Tag des (offenen) Friedhofes der Geburtstag einer Idee. Aufgrund des positiven Feedbacks durch Besucher, die sich erfreut zeigten, endlich einmal einen Ansprechpartner vor Ort zu haben, der ihnen mehr zur Anlage erzählen konnte, habe ich mir überlegt, dass man solche Führungen doch regelmäßiger veranstalten könnte, um einen größeren Bekanntheitsgrad des Friedhofes in der Bevölkerung zu etablieren. Da mehrere Besucher andeuteten, sich durchaus vorstellen zu können, ein-, zweimal im Quartal oder Halbjahr mit anzupacken und die gröbsten Witterungs- oder Vandalismusschäden auf dem Friedhof zu beseitigen, überlege ich sogar, demnächst (möglichst noch vor dem Winter) so etwas wie eine Art „Aktion Friedhofsputz“ für den Nordflügel zu organisieren, um diesen wenigstens ansatzweise wieder in einen würdigen Zustand zu versetzen.

Die Hoffnung, die ich mit diesem Engagement verbinde, ist die, dass der Freistaat so davon überzeugt werden kann, seine Pläne zum Abriss der originalen Grabanlagen im Nordflügel zugunsten einer Grünanlage mit lediglich noch zwei Stelen ad acta zu legen. Die Kosten, die bei einer gebührenden Pflege eines so großen Areals anfallen würden, waren (nach Aussage des Staatsbetriebes Sächsisches Immobilien- und Baumanagement) ein Hauptgrund für die jahrelange stiefmütterliche Behandlung durch den Freistaat und sie dürften auch ein Hauptgrund für die aktuellen Umgestaltungspläne sein. Doch würde die Umbaumaßnahe an sich Zigtausende wenn nicht gar über hunderttausend Euro kosten – Geld, das mittels bürgerlichen Engagements gespart und zum Beispiel für die sinnvolle Gestaltung des ehemaligen Russensportplatzes am Alaunplatz verwendet werden könnte.

Nur wenn die Anlage in ihrem Ursprungszustand erhalten bleibt, jedes einzelne der über 400 Soldatengräber des Nordflügels so wie seine Pendants, die das Glück hatten, auf der gepflegten Hauptanlage ihre letzte Ruhe zu finden, eingesehen werden kann, wird doch die Dimension sichtbar, in der ein totalitäres Regime ohne Rücksicht auf Menschenleben in den eigenen Reihen seinen Status quo aufrechterhalten wollte. Sie stehen hier in Dresden repräsentativ für die 2000-4000 sowjetischen Soldaten, die Schätzungen von Historikern und Menschenrechtsorganisationen zufolge während der Besatzungszeit JÄHRLICH IN DER DDR zu Friedenszeiten ihr Leben verloren.

P. S.: Wem es ein Bedürfnis ist, sich für den Erhalt des einzigen Friedhofes in Dresden in seinem ursprünglichen architektonischen Zustand zu engagieren, der ausschließlich nichtdeutsche Staatsangehörige beherbergt, kann sich gerne melden. Ich freue mich jederzeit über Mitstreiter. Hier geht es nicht um Spenden oder finanzielle Aufwendungen, sondern vor allem um Öffentlichkeitsarbeit und gegebenenfalls wenige Male im Jahr um tatkräftiges Anpacken. Die eine oder andere Heckenschere, Schaufel oder Harke könnte allerdings durchaus von Nutzen sein 😉