Kleine Geschichte der Gentrifizierung – oder wie ein Stadtteil sein menschliches Antlitz verlor.

Februar 1987. Dresden, ach Dresden. Einem jeden von uns blutet das Herz beim Gedanken daran, dass wir die Stadt vielleicht schon in wenigen Wochen wieder verlassen müssen. Wann hat man je einen Ort von solch erhabener Schönheit gesehen? Das heißt, eigentlich ist die Stadt ja weniger schön mit all ihren noch immer sichtbaren Kriegswunden und -narben, als dass man ihre einstige Schönheit noch immer erahnen kann, und an manchen Stellen schwingt sie sich zu voller Blüte auf. Im Zwinger zum Beispiel, ja, ich erinnere mich noch gut an unseren Besuch dort im letzten Juni. Tschemuschin, unser damaliger Alter und ein echter Schlächter, hatte uns – damals noch blutige Grünschnäbel kurz nach dem Grundwehrdienst – die halbe Nacht lang traktiert: antreten, Liegestütze, die Nationalhymne singen, hinlegen, wieder antreten… und so weiter. Und dazwischen mit Schlägen und Tritten nicht gespart. Der Teufel soll in holen, den alten Drecksack. Am nächsten Tag sind wir jedenfalls völlig ramponiert zu dem Ausflug aufgebrochen, auf den wir uns alle so gefreut hatten – fest entschlossen, uns das von keinem verfluchten Tschemuschin der Welt verderben zu lassen. Der Zwinger war beeindruckend, besonders die Inschrift dieses Teufelskerls Hanutin, des Minenräumers, die auch über 40 Jahre später noch in der Zwinger- und auch an der Schlossmauer erkennbar ist.
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Doch auf dem Weg dorthin offenbarten sich uns in einem Anflug von grausamem Realismus die Schattenseiten der Stadt. Ein Viertel unweit unseres Städtchens, fast scheint es von Gott und aller Welt vergessen: dreckig, die Häuser schwarz von Ruß und Abgasen, manche kriegsversehrt, vor sich hinmodernd oder bereits ruinös, nur teilweise noch bewohnt. Tschemuschin lachte grimmig, als er unsere betroffenen Blicke angesichts all des Verfalls sah, an dem wir mit der Straßenbahn vorbeiholperten. Es war unser erster richtiger Ausflug aus der Kaserne gewesen und irgendwie hatten wir mit so viel offensichtlichem Elend in einem Land, das bei uns daheim für seine Fortschrittlichkeit bewundert wurde, nicht gerechnet. „Soll eh alles bald weg“, hatte Tschemuschin, der verwitterte Mittdreißiger, abfällig hinter seiner Zigarette hervorgenuschelt. „Wird mal ein echtes Sternenstädtchen, alles neu und sauber. Aber nicht für so kleine Verlierer wie euch. Da kommen die Anständigen hin, die Fleißigen, die, die dem Vaterland Ehre machen.“

Was Tschemuschin, die anderen und auch ich damals nicht wussten: Das Viertel, die Neustadt, am nördlichen Elbufer gelegen, wird nicht fallen zumindest nicht sofort. Und es gibt auch noch Menschen, die dort wohnen. Sie wird nicht fallen, weil sich viele dieser Bewohner dagegen organisieren werden. Sie werden auf die Barrikaden gehen, um ihre Heimat vor dem Abriss zu retten – und damit auch ein Stück Kultur- und Lebensraum. Die Neustadt ist für sie ein Refugium, in dem sie sich vergleichsweise frei bewegen können, wo in verfallenen Hinterhöfen kreative Impulse Raum finden, sich zu entfalten, wo sich verräucherte Kneipen, Ateliers und Wohnungen auf wundersame Weise in abrissreifen Häusern halten. Viele junge Familien wohnen dort, Studenten, Künstler, die junge Intelligenz, aber auch gesellschaftlich Ausgestoßene, Penner. Omelnitschenko, Unterleutnant und der Zugführer unseres achten Panzerausbildungszuges unserer vierten Kompanie des ersten Bataillons, hat mir nach einem seiner mehr oder weniger legalen Ausflüge in eine bei sowjetischen Offizieren beliebte Bar im besagten Viertel in lebendigen Farben davon erzählt. Omelnitschenko ist in Ordnung, man kann im vertrauen. Einer der wenigen hier aus dem Offizierskorps. Hat mir sogar versprochen, mich mal dorthin mitzunehmen, sollte ich nach der Ausbildung in Dresden stationiert werden und meine Balken erhalten. In der Neustadt, so schilderte nun Omelnitschenko, herrsche quasi Anarchie. Dort lebe jeder, wie es ihm gefiel, und ein allseits bekannter Wirt weise jedem, der nachfragte, den Weg in eine Kommunalka in einem besonders verfallenen Haus, in der freie Liebe praktiziert werde – jeder mit jedem. Der gute Jaschka Omelnitschenko, kaum zwei Jahre älter als ich, hat mich geneckt und ausgelacht, weil ich ganz rote Ohren bekommen hatte. Nun ja, ich gestehe, wir Kursanten haben hier nach einem halben Jahr auf dem Trockenen alle ein ziemliches Defizit in Sachen Liebe entwickelt – und anderthalb weitere Jahre noch vor uns!

So ist das also mit dem hässlichen Dresden: Die Neustadt, eine Enklave wie aus einer anderen Welt. Und deren Bewohner, deren harter Kern der Kampf um Wohn- und Lebensraum und um freie Entfaltung zusammengeschweißt hat. Wahrscheinlich wissen sie ganz genau, dass die sozialistisch-futuristischen Neubauten, die hier geplant sind, nicht für sie gedacht sind. Aber vielleicht können sie sich auch einfach gar nicht vorstellen, in solch beengten Verhältnissen, in einem mit dem Lineal gezogenen, tristen Trabanten, zu hausen? 10000 Menschen leben noch in der ausblutenden Neustadt. Immer mehr ziehen weg. Würden die Neubaupläne verwirklicht, würden es plötzlich Zigtausende sein, die sich dieselbe Fläche teilen müssten, zu teureren, für viele unerschwinglichen Mieten. Der Kampf dieser Menschen um ihr Stückchen Heimat und sei sie auch in einem noch so desolaten Zustand, und die vielen Geschichten und Mythen, die sich in unseren Reihen um das angeblich freizügige Leben dort ranken, faszinieren mich auf eine Weise, die schwer zu erklären ist. Bei uns daheim kenne ich niemanden, der mit derartigem Verve um ein paar alte Bauten kämpfen und sich dafür auch noch mit der Staatsmacht anlegen würde. Denn das werden sie. Zunächst mit Erfolg.

Jahre später.

Die Neustadt wurde nicht abgerissen, stattdessen kam die Wiedervereinigung. Unsere Truppen jagten die Deutschen zum Teufel, gut, dass ich das nicht mehr miterleben musste. Aber im Prinzip fand ich es richtig so. Fast 50 Jahre waren doch wirklich genug. Zumal ich von Jaschka wusste, dass wir einfachen Jungs vielen Deutschen einfach nur leidtaten. Und nichts könnte schlimmer sein als bemitleidet zu werden. Dabei konnten einem eigentlich die Deutschen leidtun: zu Befehlsempfängern degradiert im eigenen Lande und der Willkür einer fremden Macht vollends ausgeliefert. Das änderte sich nun schlagartig. Und die logische Konsequenz für uns konnte nur lauten: Abzug. Und überhaupt hatten wir ja alsbald bei uns daheim mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen.

Aber was wurde aus der modrigen Neustadt, die mich so fasziniert hatte? Sie wurde zum Sanierungsgebiet. Es gab also erst mal kaum neue Häuser, sondern die alten, eigentlich so herrlichen Gründerzeitbauten wurden aufwendig saniert, manche abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Die Neustadt füllte sich langsam wieder mit Leben. In den folgenden 30 Jahren wird sich die Zahl ihrer Bewohner fast verdoppeln. Doch die Menschen, die damals so gekämpft haben, haben den Kampf trotzdem verloren. Sie kämpften ja nicht nur um den Erhalt der Bausubstanz, sondern vorrangig um ihre Lebensphilosophien und Träume, um das, was sie in all den Jahren der Nichtbeachtung durch den Staat mit eigenen Händen geschaffen hatten. Das waren vor allem soziale Errungenschaften: Arbeitslosentreffs, trockene Wohnungen für Familien und alte Menschen, Räume für Kunstschaffende, Kinderspielplätze, Straßenfeste – alles Dinge, die der Gemeinschaft dienten, nicht dem Einzelnen. Von alledem ist heute kaum etwas geblieben. Die Häuser sind neu und schick – aber sie gehören nicht mehr den Menschen, sondern raffgierigen Kapitalisten – so wie fast alles andere auch. Raum für freie Entfaltung gibt es kaum noch. Die Menschen treten sich gegenseitig auf die Füße, und der einstige Geist von Freiheitlichkeit, Aufmüpfigkeit und Solidargedanke ist im Grunde hinweggeblasen, niedergewalzt von der Planierraupe des Kapitalismus. Längst ist sich in der Neustadt jeder selbst der Nächste. Anders als damals hat das Viertel heute den Ruf eines Party- und Amüsierviertels weg. Die Straßen sind gesäumt von Kneipen, ein Club reiht sich an den nächsten, schließt der eine, öffnet ein anderer. Und die Betreiber rühmen sich gar des Monsters, das da erschaffen wurde, ja sie wetteifern förmlich um den Status des Wegbereiters dieser „neuen Neustadt“. Und sie sehen sich – und das ist das eigentlich Groteske dabei – in der Tradition ausgerechnet jener, für deren Träume sie im Grunde zum Totengräber wurden. Es ist ein seltsames Klima, wenn man durch die Straßen geht: ein Viertel, das in sich selbst verliebt ist für etwas, das es längst nicht mehr ist, das nur noch als Tagebucheintrag in den Aufzeichnungen der Altvorderen existiert, als gerahmtes Kalenderblatt in der Stadtteilchronik des hiesigen Museums.

Bei uns daheim gibt es ein schönes Sprichwort: „Alle sind Leute, doch längst nicht alle auch Menschen.“ Damals, als ich kurz vor meiner Entlassung aus der Armee im Herbst 1988 mit Jaschka durch die Neustadt lief, traf ich fast ausschließlich Menschen. Gute, herzliche Menschen, denen die Gemeinschaft am Herzen lag. Die meisten waren arme Künstler, Querdenker oder hart arbeitende Leute, aber alle anständig und ehrlich und tief mit ihrem Viertel verwurzelt. Mit dem wenigen, was sie hatten, versuchten sie es zu verschönern, bunt zu machen. Sie halfen einander gegenseitig dabei und versetzten auf diese Weise ganze Häuser wieder in einen bewohnbaren Zustand. Manchmal versteckten sie auch Unsere, wenn manche sich unerlaubt aus der Kaserne gestohlen hatten, um ein wenig Spaß zu haben, und ihnen die Schasskommandos auf den Fersen waren. Sie haben mein Bild von den Deutschen tiefgreifend verändert. Zum Positiven.

Wenn ich heute durch die Straßen der Neustadt gehe, ist nichts von der alten Faszination geblieben. Ich sehe ein Viertel wie so viele andere: protzig, geschäftig, übervölkert, eng, schmutzig und nur ganz vereinzelt noch trotzig – und wenn, dann an den falschen Stellen. Aufmüpfigkeit äußert sich allenfalls noch im Herumgelunger auf Straßen und Gehwegen, in den Grafitti an den Hauswänden, weniger in geistiger Beweglichkeit und solidarischer Initiative. Stattdessen hat der Profit das Ruder übernommen. Längst ist es wichtiger geworden, dass der eigene Laden läuft, sich selbst darzustellen, als dass die Nachbarn in ihren Wohnungen ruhig schlafen können. Schmutz und Lärm aus unzähligen Clubs und Restaurants verlangen den Bewohnern immer mehr Nervenstärke und Kompromissbereitschaft ab. Viele der Menschen, die damals für den Erhalt eines Gemeinwesens kämpften, sind lange schon fort. Geflohen vor dem Moloch, den die Entourage der Modernisierung und Erneuerung erschuf – auch gern als Gentrifizierung bezeichnet. Die alten Idealisten von damals – sie waren machtlos gegen die gewaltige Sogkraft des Geldes und gegen das Besitzdenken, sie passten sich an oder warfen schließlich ernüchtert das Handtuch.

„Auf der Wiese der Hoffnung weiden viele Narren“… noch so ein altes russisches Sprichwort. Sie haben wirklich geglaubt, sie könnten die Neustadt retten und die weitere Entwicklung des Viertels dauerhaft im Sinne des Gemeinwesens gestalten. Und scheiterten, nachdem die DDR Geschichte war und andere den neuen Zeitgeist für sich arbeiten ließen. Sie brauchten gar nicht viel dafür zu tun. Fast schon ein – wenn auch trauriges – Musterbeispiel für die Systematik des Kapitalismus, das jedem sowjetischen Sachbuch über den Marxismus-Leninismus zur Ehre gereicht hätte.

So viel dazu, wie der Lauf der Dinge sich manchmal auf unschöne Weise verselbständigt. Wirklich schändlich aber ist der teils schmutzige Kampf um die verbliebenen Ressourcen im fast totgespielten Viertel. Mit dem Tempo, mit dem die letzten Freiflächen mit Wohnhäusern vollgestopft werden, wächst auch das Gerangel um Vorrechte, Besitzansprüche und Deutungshoheiten. Wer war zuerst da? Bewohner oder Kneipen? Es ist verlockend, auf den Neustadt-Express aufzuspringen, der mit so originell klingenden Attributen wie „alternativ“ und „Szeneviertel“ mit Werten für sich wirbt, die längst an den Rand gedrängt wurden vom routinierten Alltag eines Handels- und Geschäftsviertels. Wohnungen werden immer teurer – und die Clubs immer lauter, um sich gegen die wachsende Konkurrenz durchzusetzen. Was ironischerweise immer seltener gelingt. Ihre Gäste kommen oft von außerhalb und treiben die Einheimischen nachts mit Gegröhle und Gelächter und am nächsten Morgen durch ihre zahlreichen Hinterlassenschaften in Straßen und Höfen in den Wahnsinn. Die Clubs selbst wiederum rauben den Anwohnern mit allnächtlichem Bass-Gedröhn den Schlaf. Es ist mir ein Rätsel, warum so viele Leute das mehr oder weniger klaglos über sich ergehen lassen. Zu Zeiten unseres guten alten Leonid Iljitsch wären solche Chaoten im Arbeitslager gelandet. Doch wer sich in der Neustadt beschwert, der sieht sich sofortigen Überprüfungen auf „Stallgeruch“ ausgesetzt: Wieso ziehst DU hierher, wenn’s dir hier bei UNS nicht gefällt? Wenn DIR egal ist, was WIR hier geschaffen haben? Da wird von „Kulturschutz“ gefaselt, wo eigentlich der Schutz der eigenen Geschäftsinteressen gemeint ist, die möglichst unbehelligt bleiben sollen von den berechtigten Interessen der Anwohner. Und wenn wir schon dabei sind: Ja, die Bewohner waren zuerst da! Als ich in die Neustadt kam 1988, da gab es eine Handvoll Kneipen, die ohne die Menschen im Viertel aufgeschmissen gewesen wären, und ansonsten einfach Menschen, die hier lebten und versuchten, das Beste draus zu machen. MITEINANDER, nicht gegeneinander. Heute dagegen sind den Kneipiers die Anwohner meist herzlich egal, interessant ist vielmehr, dass die hauptsächlich auswärtigen Gäste genug Platz zum Parken haben und die Musik möglichst bis fünf Uhr morgens auf voller Lautstärke laufen kann, damit die Bude voll bleibt und der Rubel rollt.

 

Um ehrlich zu sein: Die Leute, die hier heute wohnen, haben mein Deutschen-Bild erneut nachhaltig erschüttert. Diesmal zum Negativen Ich dachte immer, die Deutschen wären ein kluges, kultiviertes Volk. Aber das Geld und der Profit haben sie zu willenlosen Sklaven gemacht, die fast ausschließlich an sich selbst und das eigene Fortkommen denken. Kaum irgendwo lässt sich das anschaulicher beobachten wie in der Dresdner Neustadt.

Drei Jahre nachdem ich aus Deutschland nach Hause zurückkehrte, putschten die Reformisten um Boris Jelzin gegen die Kommunisten. Eines ihrer Hautquartiere lag nur ein paar Hundert Kilometer südlich von Sewerouralsk, in Swerdlowsk, dem heutigen Jekaterinburg. Vor sechs Jahren bin ich mit der Frau in einen Vorort Jekaterinburgs gezogen, um im Alter doch etwas näher an den medizinischen Versorgungszentren und bei den Kindern zu sein, von denen zwei schon seit Langem in Jekaterinburg leben. Sadovny hat etwas mehr als 3000 Einwohner. Es gibt im Zentrum einen kleinen Boulevard mit einigen netten Geschäften, Cafés. Wenn ich mit meiner Frau abends ausgehe, dann kehren wir in Ninotschkas kleiner Wirtschaft an der Baltym ein. Im Grunde ist hier auch 25 Jahre nach dem Ende des Kommunismus noch alles wie eh und je, nur die neuen Häuser hinter dem Teich zeugen von der Veränderung. Viele neureiche Jekaterinburger bauen sich hier draußen im Grünen ihre Wochenendsitze. Aber das ist nicht vergleichbar mit den Eintwicklungen in Dresden, der Stadt, in der ich zwei Jahre meiner Jugend zubrachte. Als ich nun von einem Besuch, auf den ich mich gefreut hatte wie ein kleines Kind und den ich im Großen und Ganzen auch sehr genossen habe, wurde mir eines klar: wie glücklich ich in meiner kleinen, dörflichen Welt doch bin, wo sich die Menschen gegenseitig achten, einander helfen und sich vor allem als Menschen betrachten, nicht als Kaufkraftfaktor.

Kalter Krieg mit Russland: Aussöhnen durch Ausblenden?

Margot Käßmann auf dem Reformationskongress 2013. Quelle: flickr/sekfeps
Margot Käßmann auf dem Reformationskongress 2013. Quelle: flickr/sekfeps cc

Margot Käßmann wirkt sympathisch. Jung und dynamisch für ihr Alter. Und sie steht gern im Mittelpunkt – nicht nur auf der Kirchenkanzel, umgeben von ihren Schäfchen. Wenn man sie so hört, denkt man, dass sie eigentlich auch gerne Politikerin geworden wäre oder Politikwissenschaftlerin oder beides. Sie redet gern und liebt das Gefühl, „gegen den Strom“ zu schwimmen. Schon deshalb mag ich sie. Bei uns in der Sowjetunion gibt es solche Frauen nicht. Kalter Krieg mit Russland: Aussöhnen durch Ausblenden? weiterlesen

Raoul Wallenberg – Wer tötete den Judenretter von Ungarn?

Der Tod des schwedischen Diplomaten vor rund 70 Jahren ist bis heute ein Mysterium. 1912 als Sohn eines Marineoffiziers und einer Mutter mit jüdischen Vorfahren geboren, nutzte der junge Legationsrat Wallenberg während des Zweiten Weltkrieges ab Sommer 1944 in Ungarn seine Stellung, um Tausende jüdische Bürger vor der Ermordung in NS-Vernichtungslagern zu retten. Zwischen Österreich und  Ungarn – während des Krieges mit Deutschland verbündet – verlief später die Grenze zwischen sowjetischem und westalliiertem Einflussgebiet. Ungarn geriet noch vor dem Kriegsende 1945 unter sowjetische Kontrolle und wurde später Teil des Ostblocks. Der aus höchsten Kreisen der schwedischen Gesellschaft stammende Wallenberg und dessen Tun in einem Gebiet, das der sowjetische Diktator Josef Stalin nach dem Beginn der Besatzung am 16. Januar 1945 für sich beanspruchte, gerieten alsbald ins Visier des NKWD – des Kommissariats für innere Angelegenheit der SU, einem Vorläufer des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Raoul Wallenberg – Wer tötete den Judenretter von Ungarn? weiterlesen

Wenn Integration mehr Leid schafft als verhindert: Bleiberecht für Familie Nikonchuk?

Sollte Familie Nikonchuk in Deutschland bleiben dürfen? Vor Monaten setzten sich Sergej (40), seine Frau Jelena (35) und die Töchter Albina (16) und Ella (14) aus Donezk in ein Flugzeug nach Deutschland. Seit eineinhalb Jahren herrscht in einem kleinen Teil der Ostukraine ein mal mehr mal weniger intensiv geführter Krieg zwischen nationalistisch-pro-russischen Rebellen, die den Donbass von der Ukraine abspalten wollen, und der ukrainischen Regierung, die ihr Staatsgebiet nicht preisgeben will. Die Millionenstadt Donezk geriet seither immer wieder zwischen die Fronten. Insbesondere 2014 war die Stadt schwer umkämpft. Zahlreiche Menschen starben – Anhänger von Regierung und Rebellen gleichermaßen. Über Wochen mussten die Bewohner teils ohne Strom in Kellern hausen, das öffentliche Leben in der Stadt brach weitgehend zusammen. Dass hier das Weite sucht, wer immer kann – verständlich. Eine absolut menschliche Reaktion. Doch rechtfertigen ein regionaler Konflikt im flächenmäßig größten Land Europas und insbesondere die aktuelle Situation vor Ort Asyl in Deutschland?

Das Herz sagt ja, der Verstand zweifelt

Aus menschlicher Perspektive ist zumindest für mich persönlich die Sache klar: Ja, sie sollten bleiben dürfen. Weil jeder Mensch sein persönliches Glück und das seiner Familie suchen dürfen sollte. Und wenn die Familie dieses meint, in Deutschland zu finden, dann sollte man sie daran nicht hindern. So wäre meine Einstellung im Normalfall. Doch der Normalfall ist in Deutschland längst dem Ausnahmezustand gewichen. Zumindest muss man diesen Eindruck gewinnen, wenn man die 24/7-Berichterstattung in den Medien zur „Flüchtlingskrise“ und die wachsende allgemeine Hysterie in der Bevölkerung verfolgt. Doch selbst, wenn man all die Stimmungsmache ausblendet: Der Fall der Nikonchuks zeigt, wie schwer es ist, zwischen Recht und Mitgefühl abzuwägen. Denn rein vom asylrechtlichen Standpunkt her ist die drohende Abschiebung in die Ukraine absolut gerechtfertigt.

Mit dieser Petition auf Change.org wirbt eine Flüchtlingshelferin um Asyl für die ukrainische Familie Nikonchuk aus Donezk. Quelle: Change.org
Mit dieser Petition auf Change.org wirbt eine Flüchtlingshelferin um Asyl für die ukrainische Familie Nikonchuk aus Donezk. Quelle: Change.org

Nach Artikel 16a unseres Grundgesetzes genießt Asylrecht in Deutschland, wer politisch verfolgt ist. Politisch verfolgt aber sind die Nikonchuks in der Ukraine nicht. Deshalb sollen sie nun zurück. Dagegen wendet sich eine der derzeit wie Pilze aus dem Boden schießenden Online-Petitionen einer Flüchtlingshelferin in der unterfränkischen Gemeinde Rauhenebrach, die für das Bleiberecht der offenbar bereits bestens integrierten Familie kämpft. Fast 50.000 Menschen (Stand 4.11.2015) haben sie bereits unterzeichnet. Und doch lohnt ein genauer Blick nach Donezk, in die Ukraine und auf das bisherige Leben der Familie Nikonchuk.

Zunächst haben die Nikonchuks getan, was viele Flüchtlinge tun: Sie tricksen oder schummeln, weil sie sich in ihrer Not nicht anders zu helfen wissen. Soweit in meinen Augen durchaus verständlich. Doch lag bei den Nikonchuks nun wirklich eine solch große Notlage vor, dass sie ihr Land zwingend verlassen mussten? Abgesehen von dem Konflikt, der unbestreitbar in ihrer Heimatregion, dem Donbass, tobt, schien es der Familie in ihrer Heimat nicht allzu schlecht zu gehen. Das Touristenvisum für Deutschland (ohne das hätten sie nicht per Flugzeug hierher gelangen können) konnten sie sich – im Gegenzug zu vielen anderen Flüchtlingen aus Dritte-Welt-Staaten – offenbar leisten. Um ein solches zu bekommen, hätten die Nikonchuks normalerweise nachweisen müssen, dass sie für die Reise- und Aufenthaltskosten in Deutschland für vier Personen eigenständig aufkommen können. Oder aber sie hätten eine Einladung aus Deutschland vorweisen müssen, im Zuge derer die Einladenden eine Bürgschaft in Höhe von mehreren Tausend Euro hätten hinterlegen müssen – um sicherzustellen, dass die Familie sich keines Vergehens schuldig macht. Was aber noch wichtiger ist: Die Antragsteller müssen sich verpflichten, vor Ablauf des Visums (in der Regel 90 Tage) zurückzukehren und im Urlaubsland keinen Antrag auf eine Aufenthaltsgenehmigung zu stellen. Genau das taten die Nikonchuks aber anscheinend: Sie stellten in Deutschland einen Antrag auf Asyl – und der wurde nun offenbar abgelehnt. Die Petiteurin aber will das nicht akzeptieren.

„Unvorstellbare Zustände“ in Donezk?

Ist es wirklich so, dass die Menschen in Donezk täglich dem Tod ins Auge schauen, wie etwa die Menschen in Aleppo oder Damaskus, wo bis zu 80 Prozent der Bausubstanz zerstört sind und täglich mit Bombenangriffen zu rechnen ist, denen in den letzten vier Jahren allein in Aleppo 25000 Bewohner zum Opfer fielen? Nein, dem ist nicht so. Auch stimmt es schlichtweg nicht, dass – wie in der Petition beschrieben – alle Zufahrtswege in die Stadt vom ukrainischen Militär dauerhaft „blockiert“ werden oder die Kinder nicht mehr zur Schule gehen können, wie etwa dieses Video vom diesjährigen Abschlussjahrgang der 140. Donezker Schule zeigt. Das Leben in der Stadt mag noch immer nicht einfach sein, aber Gefechte, die die innerstädtischen Gebiete erreichen, gibt es dort seit dem neuerlichen Waffenstillstandsabkommen von Minsk vom Frühjahr dieses Jahres so gut wie gar nicht mehr. Getroffen werden allenfalls noch ab und an Vororte in einzelnen Scharmützeln und dann insbesondere der Flughafen von Donezk.

Werbung für Bustransfers von Donezk in verschiedene andere Städte der Region in einem russischen sozialen Netzwerk.
Werbung für Bustransfers von Donezk in verschiedene andere Städte der Region in einem russischen sozialen Netzwerk.

Auch können die Menschen die Stadt durchaus verlassen und wieder dahin zurückkehren. Reiseanbieter werben sehr plakativ mit Buspassagen zu allen möglichen Zielen innerhalb der Ukraine. Der Erfindungsgeist und Lebenswille der Menschen in der Stadt scheint unerschöpflich und man versucht, am ganz normalen Leben festzuhalten. Es ist also nicht so, dass in Donezk derzeit die Welt untergeht. Selbst die Rebellen-Propganda, die noch Anfang dieses Jahres auf Hochtouren lief und im Minuten takt (meist gefakte) Meldungen von angeblichen Kriegsverbrechen der „Kiewer Junta“ und weinenden Kindern auswarf, hat spürbar an Fahrt verloren, weil es vergleichsweise ruhig ist im Osten der Ukraine und so gut wie keine Opfer unter der Zivilbevölkerung mehr zu beklagen sind. Man müsste all diese Gräuel an der Zivilbevölkerung komplett erfinden, statt sie wie früher einfach nur aufzubauschen.

Keine Verfolgung russischer Muttersprachler in der Ukraine

Doch da ist noch etwas, das einen ins Nachdenken geraten lässt. Sowohl Sergej als auch Jelena Nikonchuk verfügen über Profile in einem sozialen Netzwerk. Dort eröffnet sich ein sorgloses Familienidyll in Fotos. Offenbar machte die Familie im extrem umkämpften Donezker Sommer 2014 noch mit Freunden Urlaub am Meer. Vermutlich auf der im März 2014 von Russland völkerrechtswidrig annektierten Halbinsel Krim, auf der sie schon früher Urlaub machten. Fluchtgedanken scheinen die Nikonchuks offenbar erst entwickelt zu haben, nachdem Kiew der Stadt und ihren Bewohnern nach der Ausrufung der Volksrepbulik Donezk durch prorussische Rebellen Ende November 2014 den Geldhahn abdrehte. Seither bleiben Banken und Geldautomaten geschlossen. Immer wieder haben Jelena und Sergej Nikonchuk zudem ihre Zustimmung zu Beiträgen abgegeben, die die Regierung in Kiew für den Krieg im Donbass verantwortlich machen. Diese – so glaubt offenbar auch Jelena Nikonchuk – habe der russischen Sprache den Krieg erklärt, statt der Korruption oder der Kriminalität. Dabei war die russische Sprache in der Ukraine zu keinem Zeitpunkt bedroht – weder durch die zeitlich von vorn herein begrenzte Übergangsregierung noch durch die im Herbst 2014 demokratisch gewählte neue Regierung Poroschenko.

Nun darf jeder seine Meinung zur Genese und zu den Verwantwortlichkeiten im Ukraine-Konflikt haben. Und sicher darf man und will ich die Familie auch nicht verurteilen dafür, dass sie sich in all diesen komplizierten und schwer zu überblickenden Wirren irgendwie eine solche bildet. Auch will ich nicht so verstanden werden, als würde ich die Familie und ihre Motive irgendwie in ein schlechtes Licht rücken wollen. Es geht mir darum, den doch sehr emotionalisierenden und teilweise regelrecht falschen Darstellungen im Petitionstext die realen Verhältnisse vor Ort gegenüberzustellen. Vielleicht sehen auch die Nikonchuks die Lage in ihrem Land mit etwas Abstand heute schon wieder ganz anders. Trotzdem stellt sich die Frage, warum man nach Europa flieht, zu dem die neue Regierung sich ja gerade hinwenden möchte, und nicht etwa ins weit näher gelegene Russland? Dort hätte man der Familie sicherlich Asyl gewährt, weil man die russischsprachigen Ukrainer als verfolgte Angehörige des eigenen Volkes betrachtet, die man schützen muss. Die deutsche Position dazu sieht bekanntlich anders aus – und genau aus diesem Grund wurde der Antrag der Nikonchuks offenbar auch abgelehnt.

Tatsächlich muss man nicht einmal das Land verlassen, wenn man der ständigen Instabilität in Donezk entkommen möchte. Die Nikonchuks hätten genauso gut nach Kiew oder in die Westukraine ausweichen können. Dort herrscht Frieden. Und es gibt auch keinen Islamischen Staat, der kopfabhauend und brandschatzend immer weiter durchs Land zieht wie in Syrien oder dem Irak. Aber aus irgendeinem Grunde wollten die Nikonchuks ihrem Land den Rücken kehren. Vielleicht wollte man einfach auch auf der aktuellen Flüchtlingswelle, die Richtung Europa treibt, mitschwimmen. Nun mag man argumentieren, dass ja auch Menschen vom Balkan aus ganz ähnlichen Gründen herkommen, und Asyl beantragen. Richtig – und aus genau denselben Gründen werden ihre Asylanträge derzeit auch fast alle abgelehnt. Und warum – so muss man vielleicht auch die 23-jährige Europastudentin Lena Schuster fragen – sollte es den Nikonchuks da anders ergehen als etwa einer Familie aus dem Kosovo? Weil sie wohlhabend sind? Gebildet? Sollte nach diesen Kriterien wirklich über Hilfe für Menschen entschieden werden, die alle gleichsam ihr Glück suchen?
Nein. Deutschland muss – und diese Ansicht unterstütze ich mittlerweile – in der Asylfrage konsequenter und gerechter sein, wenn es sein geltendes Asylrecht gerade angesichts der momentan angespannten Situation nicht vollends ad absurdum führen will.

Zuwanderung nach Proporz sorgt für steigende Asylzahlen

Warum aber ist die Situation angespannt? Weil gerade im Jahr 2014 und Anfang 2015 weit mehr Menschen wie die Nikonchuks Asyl bei uns beantragt haben, die gar kein Anrecht darauf haben, als solche, die es hätten. Auch wenn ihre Anträge bereits abgelehnt wurden, leben viele von ihnen noch immer in Deutschland in Heimen und Wohnungen und sitzen ein Widerspruchsverfahren aus. Rechtspopulisten und Rechtsextreme wie AfD oder NPD würden jetzt sofort wieder die Keule vom vermeintlichen „Asylmissbrauch“ und „Asyltourismus“ schwingen. Aber das ist eben genauso einfach gedacht, wie man es der klassischen Zielgruppe dieser Parteien maximal zumuten kann. Das eigentliche Problem liegt ganz woanders und ist ein zutiefst strukturelles. Tatsächlich ist es so, dass der Asylantrag für Menschen aus Armutsregionen und mit unterdurchschnittlicher Bildung der einzige Weg ist, überhaupt erst einmal in Deutschland „einen Fuß in die Tür“ zu bekommen. Und genau DAS ist der Systemfehler, der uns jetzt auf die Füße fällt. Nicht etwa, dass unser Zuwanderungssystem noch nicht restriktiv genug wäre – es ist vielmehr zu streng, zu exklusiv, zu selektiv, da von vorn herein Menschen ausschließend, die wir in unserer Überheblichkeit als „nutzlos“ für unser eigenes Fortkommen und damit als „wertlosen Ballast“ betrachten.

Wer aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland oder nach Europa kommen will, sollte dazu auf legalem Wege Gelegenheit bekommen – allerdings in einem gesonderten Verfahren und damit keinesfalls unkontrolliert, wie manche befürchten mögen. Und es müssen vor allem ALLE EU-Mitgliedsstaaten dabei mitziehen und entsprechende Strukturen aufbauen. Europa muss sich von seiner Vorstellung, eine elitär-exklusive Blase des Wohlstandes mit christlich-abendländischem Kulturprimat bleiben zu wollen, verabschieden. Sonst wird es sich früher oder später mit Waffengewalt gegen jene zur Wehr setzen müssen, auf deren Kosten es in anderen Regionen der Welt Interessenpolitik betreibt. Wer sich dem verweigert und einzelne Staaten die ganze Last tragen lassen will, der hat meines Erachtens nach kein Anrecht mehr auf Mitgliedschaft in einer Solidargemeinschaft und deren Privilegien.

Weil es diese Möglichkeiten der legalen Zuwanderung von außerhalb der EU aber eben gerade in Deutschland kaum gibt, wird verstärkt das Asylrecht genutzt, um die Schranken zu umgehen. Mit „Missbrauch“ hat das imho in den wenigsten Fällen etwas zu tun, eher mit Perspektivlosigkeit und dem Gefühl, im reichen Europa vor verschlossenen Pforten zu stehen. Es spielt jenen in die Hände, die aus der Not der Menschen etwa auf dem Balkan Profit schlagen und gegen den letzten Pfennig der Hoffnungsvollen einen regelrechten Exodus aus diesen Ländern organisieren. Genau das hat zu der aktuellen prekären Lage geführt, in der eigentlich Asylberechtigte in der Kälte in Zelten hausen müssen, weil die Plätze in den Aufnahmeeinrichtungen von Menschen blockiert werden, die überhaupt keinen Anspruch auf Asyl haben. So gemein das klingen mag – aber die Nikonchuks gehören dazu. Wir brauchen die Plätze in Flüchtlingsunterkünften, Integrationsklassen und Deutschkursen dringend für jene, die derzeit zu Hunderttausenden vor Krieg und Elend in unser Land fliehen und sehr wahrscheinlich für lange Zeit hier bleiben werden. Menschen, die keine Möglichkeit haben, in ihrem eigenen oder dem Nachbarland in Frieden und Sicherheit zu leben. Die Nikonchuks aber hätten diese Möglichkeit in ihrem und auch in ihrem Nachbarland Russland (das zudem maßgeblich mitverantwortlich für die untragbare Situation im Donbass ist) durchaus – und das sogar in weit stärkerem Maße als etwa ein Roma aus dem Kosovo.
Was will ich damit sagen? Es DARF einfach nicht sein, dass in unserem so wohlhabenden Land Kriegs- und Armutsflüchtlinge derart schamlos gegeneinander ausgespielt werden, nur, weil unsere Zuwanderungsregelungen den Charakter einer Zweiklassengesellschaft haben, während man gleichzeitig beispielsweise Russlanddeutschen ohne große Bedingungen und Auflagen den deutschen Pass in die Hand drückt, sobald sie nach Deutschland einreisen. Zuwanderung sollte nicht nach sozialem Status oder Stammbaum erfolgen, sondern nach persönlichen Ambitionen, Einstellungen und Fähigkeiten.

Integrationschaos sorgt für Kräfteverschleiß und Abschiebeleid

Leute wie Lena Schuster, die die Online-Petition für die Nikonchuks gestartet hat, meinen es gut. Sie opfern sich auf, sie wollen helfen, wollen Leid verhindern. Sie haben monatelang darum gekämft, dass Menschen bei uns integriert werden, auch, um zu zeigen, dass Integration möglich ist. Ihre Arbeit ist richtig und von unschätzbarem Wert. Doch zeigen diese Petitionen auch, wo es in der derzeitigen Asylpolitik klemmt. Die Integrationsarbeit wird zu einem großen Teil von jenen Ehrenamtlichen und kommunalen Kräften bewerkstelligt, die sich oft mit Herzblut da reinhängen, aber (nach eigener Aussage) häufig auch hoffnungslos überfordert sind. Eine emotionale Einbindung bleibt da häufig nicht aus. Doch vielerorts fehlt eben auch ein Verständnis dafür, was unser Asylrecht besagt und dass Integration vor allem denen zuteil werden sollte, die ein dauerhaftes Bleiberecht zugebilligt bekommen haben. Eine zu frühe Integration insbesondere bei schlechten Aussichten auf eine Asylbewilligung schafft letztlich mehr Leid als sie verhindert, weil die betreffenden Menschen im Abschiebungsfall aus ihren neuen sozialen Bindungen herausgerissen werden – und das betrifft stets nicht nur die eigentlich Betroffenen, sondern auch das Umfeld. Trotzdem müssen auch Flüchtlingshelfer akzeptieren, dass nicht alle Asylbewerber dauerhaft hier bleiben können. Auch dann nicht, wenn sie noch so nett und noch so integrationswillig sind. Denn das Asylrecht DARF nicht nach Gefühl oder individuellen positiven Eigenschaften entscheiden, sondern objektiv und sachlich nach Bedrohungslage. Stattdessen müssen die Regelungen der regulären Zuwanderung in unserem Land neu definiert und vom Asylverfahren zuverlässig entkoppelt werden. Erst, wenn das gewährleistet ist, wird sich die Situation im Asylbereich auch unter dem derzeitigen Ansturm normalisieren. Eine Abschottung unseres Landes nach außen wird diesen Prozess nicht ersetzen können. Im Gegenteil – sie wird Unsummen Geld kosten und das Problem von Massenfluchten doch nicht lösen. Sie wird vielmehr in eine humanitäre Katastrophe ungeahnten Ausmaßes führen.

Leute wie die Nikonchuks, offenbar gut ausgebildet und keinesfalls Armutsmigranten, sollten hingegen die Chance bekommen, auf legalem Wege außerhalb des Asylrechts eine Zukunft in Deutschland anzustreben, wenn sie das denn unbedingt wollen. Wenn es gerade für Menschen außerhalb des Schengen-Raumes hierzu bessere Möglichkeiten gebe, dann hätten wir in Deutschland zwar noch immer einen hohen Grad an Zuwanderung, aber längst nicht mehr die aktuellen Probleme mit überquellenden Asylzahlen und Menschen, die man monatelang verwalten muss, während sie selbst zum Abwarten und Nichtstun verdammt sind, nur, um am Ende wieder zurückgeschickt zu werden.

In Russland verboten, im Westen gefloppt: „Kind 44“ zeigt die Stalin-Ära ungeschminkt, scheitert aber an der grandiosen Vorlage.

Am 22. Oktober kommt die Hollywood-Verfilmung von Tom Rob Smiths Bestseller „Kind 44“ in den deutschen Handel. Bereits im Juni enterte die millionenschwere Produktion die deutschen Kinos. Voll Erwartung, was Daniel Espinosa aus dem spannenden und äußerst authentischen Original über den Terror der Stalin-Ära in der Sowjetunion gemacht haben würde, tauschte ich die rustikale Holzbank der Kurilka gegen den weichen Sessel eines Multiplex-Kinos, um mir ein Bild zu machen. Im Ergebnis standen gemischte Eindrücke.

Ehe es ans Eingemachte geht, muss zur Einordnung des Films eines festgehalten werden: „Kind 44“ ist definitiv einer von nur wenigen Filmen, die den Finger derart in eine Wunde legen, die seit Jahrzehnten in der russischen Seele schwärt. Heilung hat sie bis heute nicht erfahren. Nach verschiedenen Schätzungen zehn bis 20 Millionen Menschen, eigene Landsleute, hat Josef Stalin in den fast 30 Jahren seiner Alleinherrschaft in der Sowjetunion liquidiert und in den Tod getrieben, bis zu 40 Millionen kehrten nach Jahren in der Knochenmühle der Gulags dauerhaft seelisch gemordet zurück. Allein während der Zeit des „Großen Terrors“ in den Jahren 1936 bis 1938 ließ der „Generalissimus“ fast 800000 Menschen erschießen. Dennoch hält die Hälfte der Russen Stalin noch heute für einen Helden, zumindest aber für einen großen Staatsmann. Das macht einen Film wie „Kind 44“ wichtig – auch wenn er gerade in jenem Land, das just in diesen Tagen mehr denn je diesen kleinen Realitätscheck hätte gut gebrauchen können, kaum jemanden erreicht haben dürfte: Wladimir Putin ließ den Streifen in Russland kurzerhand verbieten.

Trotz (oder vielleicht gerade wegen?) seiner starken politischen Botschaft ist der Film an den Kinokassen ein absoluter Flop – auch in seiner US-Amerikanischen Heimat, wo er hohe zweistellige Millionenverluste einspielte. Als ich ihn im Juni im Kino sah, saß ich mit vier weiteren Leuten in dem riesigen Saal. Stalinismus und Kalter Krieg scheinen offenbar in den Köpfen weniger verankert als etwa Erster oder Zweiter Weltkrieg. Und das, obwohl Erstere – zusammengefasst als eigene Epoche – mit beinahe 70 Jahren weit länger währten und mit weltweit geschätzten 20 bis 30 Millionen Todesopfern (Vietnamkrieg und Koreakrieg als „heiße“ Stellvertreterkonflikte des Kalten Krieges mitgerechnet) sogar teilweise mehr Opfer forderten als etwa der lediglich vier Jahre dauernde Erste Weltrieg (17 Millionen Tote) oder der Zweite Weltkrieg (5,5 Jahre, 60 Millionen Tote).

Viel Feind, viel Ehr mochte man (wohl-)meinen. Doch bei genauem Betrachten enttäuscht „Kind 44“ zwar nicht auf der ganzen Linie, aber doch spürbar – was nicht heißt, dass er nicht auch seine starken Momente hat. Den gleichnamigen Bestseller von Tom Rob Smith zur Vorlage, nimmt Regisseur Daniel Espinosa den Zuschauer mit in die Sowjetunion der Stalinzeit, genau gesagt ins Jahr 1953: Angst regiert das Land. Die Angst davor, dem falschen Menschen zu vertrauen. Wer anders ist, macht sich potenziell verdächtigt. Wer nicht denunziert, läuft Gefahr, selbst denunziert und als Verräter hingerichtet zu werden. Schuld oder Unschuld sind Hülsen ohne jede Bedeutung. Schwer und düster lastet die Angst, fahl und finster zeichnet Espinosa die Gesichter der Menschen in ihrem Überlebenskampf. Es sind die besten Momente dieses Films: die Atmosphäre dieser furchtbaren Epoche der Gewalt und der Willkür, die dem Zuschauer in jede Pore kriecht – großartig! Auch, wenn der Höhepunkt des Stalin-Terrors sicherlich nicht gegen Ende seiner Herrschaft anzusiedeln ist, sondern im „großen Terror“ um die 15 Jahre eher – der Film erfindet nicht und übertreibt auch nicht: Er zeigt Stalins Russland so, wie es auch wirklich war.

Wer beim MGB – dem gefürchteten Ministerium für Staatssicherheit und Vorgänger des KGB – arbeitet, ist es gewohnt, zu foltern, ganze Familien ans Messer zu liefern. Mitleid gibt es nicht. So einer ist Leo Demidow. Im Film – wie auch im Buch, an dessen Plot sich Espinosa nicht durchweg hält – entspricht Leo Demidow jenem Mann, der nach dem Sieg über Deutschland in Berlin auf dem Reichstag fürs Propagandafoto die sowjetische Fahne hisst (tatsächlich wurde für diese Rolle damals eigens Meliton Kantaria ausgesucht – ein Sergeant der Roten Armee, ebenfalls wie Stalin aus Georgien stammend). Aus dem verstörten Waisenjungen, der während der von Stalin zur Ausrottung des ukrainischen Volkes herbeigeführten Hungersnot, dem Holodomor, zu Beginn der 30er-Jahre Schreckliches durchmachte, seine Familie verlor und selbst nur knapp überlebte, war ein hoch dekorierter Kriegsheld geworden. Aufgewachsen im respressiven Stalin-Regime, hat Demidow (gespielt von Tom Hardy) nie gelernt, zu hinterfragen. Er führt Befehle aus – bis eines Tages seine schöne Frau (Noomi Rapace) ins Fadenkreuz gerät – und Leo vor die Wahl gestellt wird: entweder sie denunzieren, oder ihrer beider und das Leben seiner Eltern aufs Spiel setzen.

Der Film hat ein Riesen-Problem: Es gelingt nicht, glaubwürdig die Handlungsantriebe herauszuarbeiten, die die Hauptfigur des Leo dazu bringen, plötzlich sein Herz für das Leid anderer Menschen zu entdecken. War er gerade noch hartherzig und skrupellos, schwingt er sich im Verlauf des Films zum wahren Frontreiter der Gerechtigkeit auf. Ein Mann, der den Anblick des Todes, auch toter Kinder, kennt, der den Geist des Systems wie kaum ein Zweiter verinnerlicht hat. Wie kann das möglich sein in einem System, in dem das Liquidieren von Gegnern und unbequemen Menschen ebenso wie unbedingter Gehorsam grundlegende Bedingung für den Aufstieg innerhalb der Nomenklatura war? Nicht dass es gänzlich gänzlich auszuschließen wäre. Allein, es fehlt ein schlüssiges Motiv für den plötzlichen Sinneswandel. Der Umstand, dass sein Freund unmittelbar von einer grausamen Tat betroffen ist, kann als alleiniger Auslöser nicht tragen, denn Tom Rob Smith erzählt uns über den Alltag im Stalinismus Folgendes: Selbst deine engsten Angehörigen konnten dich jederzeit denunzieren und in den Tod schicken, niemandem durfte man trauen. Und nun gilt es auch noch, eine Mordserie an 44 Kindern zu lösen – in einem Land, in dem es offiziell keine Verbrechen gibt. Ein ganz heißes Eisen also, denn Morde sind im Stalin’schen Mikrokosmos allein Produkt kapitalistischer Umtriebe. Und so finden sich denn Leo und seine Frau Raissa, die den Mörder trotz aller Risiken auf eigene Faust finden wollen, auch alsbald auf der Abschussliste des MGB wieder.

Noomi Rapace als Raissa war übrigens für mich die größte Enttäuschung am gesamten Film – und das, obwohl ich sie sonst wirklich gerne sehe. Blass und unscheinbar bleibt die Frau, die im Buch noch so bewundernswert energisch gegen ihren skrupellosen Mann aufbegehrte, den sie einst aus Angst, nicht etwa aus Liebe heiratete. Diesen Schlüsselkonflikt der beiden ertränkt der Film in einer Welle von Sentiment und flachen Dialogen, die völlig fehl am Platze wirken. Glaubte man dem Buch noch, dass Raissa es mit ihrer Mischung aus Schutzlosigkeit und innerer Stärke gewesen sein mochte, die Leo zu Verstand brachte, fehlt dem Film dieses Moment völlig. Dazu kommt, dass mir persönlich die deutsche Synchronstimme Rapaces einfach nur auf die Nerven ging. Passte die verbrauchte Reibeisen-Röhre von Sandra Schwittau in „Verblendung“ auf Rapaces Rolle noch wie die Faust aufs Auge, trägt sie in „Kind 44“ wesentlich mit dazu bei, dass der Charakter der Raissa, diese stille und doch so kluge, starke, aber eben auch feinfühlige Frau, die das Buch vorgibt, einfach nicht rüberkommen will. Schwittau gibt ihr stattdessen eine aufgekratzte, schräge Sprache, die einfach nicht passen will.
Ungewöhnlich und durchaus sympathisch gerade für einen Hollywood-Streifen ist hingegen, dass der gesamte Film fast völlig ohne Sex auskommt – eine absolute Rarität für eine Produktion der Glitzerschmiede, die gemeinhin dafür berühmt-berüchtigt ist, selbst in den grauenhaftesten Weltuntergangsszenarien noch eine heiße Bettszene einstreuen zu müssen. So bleibt „Kind 44“ in angenehmer Weise auf das Wesentliche reduziert: Angst. Angst und Grauen.

Ein Hauptkritikpunkt, den sich der Film allerdings gefallen lassen muss, ist, dass ausgerechnet er, der hier wahrlich grandios mit Bildern hätte arbeiten können, auf die historische Einordnung der Handlung fast völlig verzichtet. Die Szenen, die im Buch auf den Tod Stalins im März 1953 Bezug nehmen, lässt er vollends außen vor. Der Tod des Diktators – er findet im Film einfach nicht statt. Erst gegen Ende, als Demidow, der zwischenzeitlich mehrfach dem Tod von der Schippe gesprungen ist, quasi rehabilitiert wird, fällt endlich der erlösende Satz: „Jetzt herrschen andere Zeiten“. Dennoch muss sich der historisch unbedarfte Zuschauer selbst zusammenreimen, was denn damit nun genau gemeint ist.

Wenig Glaubwürdigkeit versprühen zudem die eklatanten Wissenslücken hinsichtlich der Besonderheiten russischer Namensgebung. Da wird aus Jura Alexejewitsch Andrejew (der Sohn von Leos bestem Freund Alexej Andrejew und „Kind 44“) Jura Alexej Andrejewitsch. Es scheint banal – und kann doch viel kaputt machen, weil es einfach offenbart, dass die Besonderheiten russischer Kultur nicht bis zu Ende recherchiert bzw. vernachlässigt wurden.

Im letzten Drittel des Filmes überstürzen sich zunehmend die Ereignisse. Teilweise hat man regelrecht Mühe, zu folgen, ohne den Faden zu verlieren. Trotzdem ist der Film durchaus sehenswert – schon wegen der politischen und menschlichen Botschaft, die er trägt. Bis zuletzt bleibt es zudem (für die, die das Buch nicht kennen) spannend, der Serienmörder ein Phantom. Das Ende sollte eigentlich ein Paukenschlag sein – so war es zumindest im Buch. Doch im Film verpufft der Umstand, dass der Mörder Leos seit der Hungersnot verschollener jüngerer Bruder Andrej ist. Denn im gesamten Film wurde sich nicht die Mühe gemacht, auf die Geschichte der beiden und die unmittelbar auslösenden traumatischen Erfahrungen Andrejs mit Hunger und Kanibalismus in Jugendtagen hinzuweisen – als selbst andere Menschen zu essen, um zu überleben, Alltag war.

Schade, muss man insgesamt konstatieren. Ein wichtiges und vor allem viel zu selten filmisch besprochenes Thema, toll inszeniert mit großartigen Bildern. Aber auch eine Vorlage, an der Daniel Espinosa spürbar verzweifelt ist. Und am Ende fragt man sich, warum Wladimir Putin eigentlich solche Angst vor diesem Film hatte, in dem der Massenmörder im Grunde nicht mal eine Nebenrolle innehat: Weder wird er überhaupt gezeigt noch zitiert oder sonst irgendwie in die Handlung einbezogen. Schon irgendwie ein Armutszeugnis – für den Film und auch für Putin.

Fazit: Sechs Sterne auf einer Skala von 1 bis 10 für die künstlerische Umsetzung, aufgrund des wichtigen Themas Kaufempfehlung.

Zum Tod von Boris Nemzow.

Clipboard01-swEs ist zu früh, mehr zu schreiben. Ich bin einfach noch zu sehr von Wut und Traurigkeit erfüllt, um mich mit den brutalen Fakten und den möglichen Hintergründen herumzuschlagen. Noch bin ich zu sehr damit beschäftigt, die Bilder zu verdauen, die mich vor zwei Tagen mitten in der Nacht völlig unerwartet und plötzlich von meinem Laptop her anschrien. Ich war aus unerklärlichen Gründen nachts gegen 3 Uhr aufgewacht, ging etwas trinken und stellte fest, dass die facebook-Seite noch offen, mein Profil noch online war. Ich wollte mich lediglich ausloggen. Und dann stand es da: Boris Nemzow ist tot, erschossen auf offener Straße. Im ersten Moment glaubte ich noch, ich albträumte vielleicht. Doch die Zeilen ließen sich weiterscrollen, und darunter diese Bilder. Nemzows Leichnam auf der Straße, von Polizei umringt, nicht abgedeckt. Und da merkte ich, wie mir übel wurde.

Sie haben ihn hingerichtet. Vier Schüsse brauchte es, um Wladimir Putins schlechtes Gewissen niederzustrecken und auszuschalten. Nemzow, der Jude war und den Bezug zum westlich-modernen Deutschland im Namen trug, war mir immer angenehm gewesen. Egal, wo er auftrat, was er sagte: Es sprachen eine Menschlichkeit, eine Klugheit und gleichzeitig eine Entschlossenheit und Ernsthaftigkeit aus seinen Worten, die ungewöhnlich waren für einen russischen Politiker. Noch mehr war außergewöhnlich an ihm: Anders als andere stellte er nicht die eigene Machtposition über alles andere und den Willen des eigenen Volkes: Als er in den 90er-Jahren im Zuge der wirtschaftlichen und politischen Krise der Jelzin-Regierung in Ungnade fiel, tat er etwas, das kein russischer oder sowjetischer Politiker in solch hoher Position (Nemzow war damals Vize-Premier) zuvor je getan hatte: Er trat von seinem Amt freiwillig zurück. Sicher war auch Nemzow kein lupenreiner Demokrat. Aber er war wohltuend modern, weltoffen und fürchtete sich nicht, dem respressiven und rückschrittlichen Regime Putin die Krallen zu zeigen, indem er dessen Schandtaten in Tschetschenien oder in der Ukraine, dessen manipulative, gegen jedwede Art von Opposition gerichtete Medien- und Informationspolitik offen anprangerte. Er war nicht der Erste, der dies mit dem Leben bezahlte. Ich denke, so viel kann man wohl auch jetzt schon sagen.

Es ist bitter, solch einen guten Mann leb- und würdelos auf einem Bürgersteig liegen zu sehen und zu wissen: Die Demokratie hat in Russland einen ihrer wichtigsten Fürstreiter verloren. Wer wird diese Lücke füllen? Mir fällt spontan niemand ein. Zumal den wenigen, die bisher ähnlich furchtlos agierten – etwa der Nationalliberale Alexej Nawalny -, nun deutlich gemacht wurde, wohin ein offensiv-oppositioneller, prowestlicher Kurs in Russland früher oder später führen wird: direkt unter die Erde.

Noch mehr weh tut aber gerade in diesen ersten Tagen nach seinem Tod die ekelerregende Welle des Hasses und der Menschenverachtung, die gerade durch die sozialen Netzwerke und Internetforen rollt und das Andenken des Toten beschmutzt. Sie nennen ihn einen Verräter, einen Schwulen, einen Spion, der sein Volk hintergangen habe. Ihn, der es aus der Diktatur des Chauvinismus und der Korruption heraus in eine demokratische, freiheitliche Zukunft führen wollte. Was mögen seine Mutter, seine Frau, seine Kinder in diesen Augenblicken fühlen? Es ist beschämend, zu sehen, wozu Wladimir Putin zwei Generationen von Menschen in seinem Lande erzogen hat. In etwas mehr als 15 Jahren hat er es geschafft, großen Teilen davon jedwede Menschlichkeit erfolgreich abzutrainieren und gegen einen stumpfsinnigen, sowjetnostalgischen, unterwürfigen Patriotismus auszutauschen. Ein Gutes hat das Ganze vielleicht: Boris Nemzow kann nun ausruhen. Er muss das alles nicht mehr ertragen.

Ostwindkinder – in den Weiten Russlands verschwunden, nach Europa verschleppt? Vermisst: Danil Beliy (12)

Kind sein in Russland ist nicht einfach. 25 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion sterben fast 1800 Mädchen und Jungen unter 18 Jahren jedes Jahr einen gewaltsamen Tod. Zum Vergleich: Bei mehr als halb so vielen Einwohnern sterben in Deutschland jährlich circa 150 Kinder infolge eines Verbrechens. Sie werden Opfer von häuslicher uns sexueller Gewalt mit Todesfolge oder einfach umgebracht. Jedes zweite in dem größten Land der Erde begangene Sexualverbrechen wurde 2009 gegen Kinder verübt. Dabei besonders erschreckend: Jeder dritte Fall bleibt ungeklärt. In einem Land, in dem die Aufklärungsrate von Verbrechen allgemein bei unter 30 Prozent liegt, wenig verwunderlich. 2008 waren zudem mehr als 120000 Kinder erwiesenermaßen Gewalt und Misshandlungen ausgesetzt – die Dunkelziffer dürfte erfahrungsgemäß weitaus höher liegen. Nach mehr als 12000 Minderjährigen wird in Russland ständigt gesucht,  oft gelten sie bereits seit Jahren als vermisst. Mangelnde Präventions- und Aufklärungsarbeit in den Schulen, kaum Wissen über Sexualität sowie die sich seit dem Niedergang der Sowjetunion stetig verschlechternde soziale Lage vieler russischer Kinder außerhalb der großen Entwicklungszentren sorgen dafür, dass sie häufig leichte Opfer sind.

Gleichzeitig blüht in Europa, vor allem in Italien und den Niederlanden, aber auch in Deutschland, der Kinderhandel, insbesondere zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung. Schätzungsweise 80 Prozent aller in Deutschland ausgebeuteten Kinder stammen aus Osteuropa und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Ihre Spur verliert sich zumeist im Niemandsland zwischen EU und Resteuropa. Derweil suchen ihre Eltern häufig immer noch über soziale Netzwerke nach ihren verschwundenen Kindern. In meinem Blog möchte ich diesen kleinen, gequälten Seelen einen Platz einräumen. In unregelmäßigen Abständen werden hier Suchmeldungen in Russland und anderen postsowjetischen Staaten vermisster Kinder veröffentlicht. Wer die abgebildeten Mädchen und Jungen gesehen hat, glaubt, gesehen zu haben, egal wie wenig realistisch dies scheinen mag – bitte melden Sie sich. Sie können mir eine E-Mail schreiben oder sich direkt an die betreffende Polizeidienststelle vor Ort wenden. Daten und Informationen werden streng vertraulich behandelt und nur im Einverständnis der Zeugen an Ermittlungsbehörden weitergereicht. Vielen Dank für Ihre Mithilfe.

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DANIL BELIY – geboren 14. Januar 2002 – heute 12/13 Jahre alt

Danil zu Hause vor seinem Verschwinden. Diese Jacke trug er auch, als er vermutlich gekidnappt wurde.
Danil zu Hause vor seinem Verschwinden. Diese Jacke trug er auch, als er vermutlich gekidnappt wurde.

Danil Beliy, genannt Danja, verschwand am 2. Mai 2012 auf dem Weg zum Schulbus in der Ortschaft Bolschaja Kusminka, Bezirk Lipezk, Lipezker Gebiet. Die Großstadt Lipezk liegt in Südwestrussland, rund 400 Kilometer südöstlich von Moskau. Damals war Danja zehn Jahre alt. Laut Aussage seiner Mutter ging der schlanke, etwa 1,40 Meter große Junge gegen 12 Uhr am Mittag aus dem Haus, um mit dem Schulbus zur Schule zu fahren – kam dort aber nie an. Seine Spur verliert sich an der Bushaltestelle. Zeugen haben den Jungen gesehen, wie er zur Haltestelle ging. Doch der Bus fuhr ohne Danja ab.

Danil Beliy zwei Monate bevor er verschwand.
Danil Beliy zwei Monate bevor er verschwand.

Danil hatte zum Zeitpunkt seines Verschwindens kurze mittelblonde Haare und trug ein blaues Hemd mit weißen Streifen, schwarze Hosen, eine schwarze Jacke mit dem weißen Schriftzug „Adidas“ darauf und eine Schirmmütze aus Jeansstoff. Das Kind trug zudem einen schwarzen Schulranzen mit Adidas-Aufschrift bei sich.
Danil hat braune Augen und auffällige Sommersprossen im Gesicht.

Danil ist heute knapp 13 Jahre alt.
Danil ist heute knapp 13 Jahre alt.

Der Junge wäre heute 12 (fast 13) Jahre alt und könnte 1,50 bis 1,60 Meter groß und schlank sein. Wahrscheinlich spricht er ausschließlich Russisch, eventuell gebrochen Deutsch oder eine andere Sprache. Seine Mutter, sein Vater, sein Großvater und seine kleine Schwester hoffen sehnsüchtig auf seine Rückkehr. Mit Stand 30. Oktober 2014 ist Danil noch immer vermisst. Danil ist ein hübsches Kind und kann leicht Opfer von Menschen- oder Kinderpornohändlern geworden sein, die ihn nach Europa verschleppt haben, um ihn sexuell auszubeuten. Womöglich hält er sich heute in Deutschland auf oder wurde hier zeitweise festgehalten. Wer Angaben zu seinem Verbleib machen kann, glaubt ihn gesehen zu haben – bitte melden Sie sich. Jeder Hinweis kann helfen, dieses Kind wieder zurück zu seinen Eltern zu bringen.

Назад в Сталинград? – Zurück zu Stalingrad?

Ob Wowka weiß, wo er sich da reinmanövriert hat? In den letzten Monaten hat Russlands Präsident Wladimir Putin Nägel mit Köpfen gemacht. Den Kampf um die Ukraine hatte er gegen die EU verloren, die Umfragewerte seiner Partei bröckelten und so wirklich beliebt war der Vater der russischen Marktwirtschaft nie im Volk. Doch dann haute der, der sich so gern nackt reitend oder mit hübschen Frauen in der Presse porträtiert sieht, den entscheidenden Satz raus: „Der Zusammenbruch der Sowjetunion war die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts.“ Was Putin auch gesagt haben soll, aber von westlichen Medien meist vernachlässigt wird: Man solle möglichst viel davon wieder aufbauen. Damit traf der Präsident einen Nerv im Volk, den er eigentlich lange Zeit mühsam und gegen seine eigene Überzeugung abgeklemmt hatte: Die weit verbreitete Sowjetnostalgie durfte viele Jahre nicht zu hoch kochen, denn das hätte die florierenden wirtschaftlichen Beziehungen mit dem Westen womöglich gefährdet, mit denen Putin in den letzten 20 Jahren nach dem Kollaps des sowjetischen Planwirtschaftssystems die russische Wirtschaft sanierte und  seine neue Mittelschicht aus der Taufe hob.

Jener Ausspruch jedenfalls löste einen Erdrutsch im Lande aus, der das Volk mit einem Schlag zu großen Teilen hinter seinen eigentlich verhassten – da als zu prowestlich verschrieenen – Präsidenten brachte. Endlich haute er mal auf den Tisch! Die Ukraine, dieses undankbare, seit 20 Jahren abspenstige Kind, wurde endlich gebührlich gemaßregelt, mit der Inaussichtstellung von „Novorossija“ – dem Neurussland – stehen endlich mal wieder Landgewinne auf dem Fünfjahresplan, und mit dem ständigen kritischen Rumgebohre in der eigenen Vergangenheit ist nun auch endlich Schluss. Im Gegenteil: Tscheka und KGB erleben ein nie geahntes Revival als heldenhafte Schutzpatronen des Vaterlandes und Väterchen Stalin – den Wowkas Opa einst bekochte – darf das Büßergewand nun offiziell ablegen. Und das Volk – es seufzt erleichtert auf: Endlich Schluss mit der nationalen Lethargie! Endlich gelten die alten Helden wieder was! Dass in Russland ein Kapitalismus herrscht, der selbst die Wirtschaftssysteme in den USA und in Europa wie ein laues Lüftchen aussehen lässt, dass weite Teile der Wirtschaft vollkommen abhängig von der Kooperation mit dem so verhassten Westen sind, dass der Computer, mit dem man den lieben langen Tag lang antiwestliche Propaganda ins westlichen Thinktanks entsprungene Internet hackt, aus amerikanischer und europäischer Produktion stammt, ebenso wie das Autor vor der Tür, das Mobiltelefon, die Kreditkarte und sogar das Leuchten aus der Lampe  – darüber sieht man dann schon mal getrost hinweg. Was sind elektrisches Licht und Skype gegen die Wiedergeburt der national-bolschewistischen Identität eines geschundenen Weltreiches?

Nun, so beliebt Wowka nun endlich beim Volke ist, so schwer lastet die Bürde des Erwartungsdrucks auf ihm. Um die nationale Hysterie der Massen (–> vergleiche dazu auch Gustave LeBons „Psychologie der Massen“, die schon Adolf Hitler inspirierte) Köcheln zu halten braucht es immer neuen Lockstoff, damit die Flamme der nationalen Erneuerung nicht ausgeht. Wie gut er die geschürt hat, zeigte sich nun letzte Woche. Da erreichte ihn im Kreml ein Ruf. Ob man die südrussische Stadt Wolgograd  nicht wieder in Stalingrad rückbenennen sollte, schlug unter anderem Vizeministerpräsident Dmitri Rogozhin vor. Natürlich nicht zu Ehren des GröSoFaz – des Größten sowjetischen Führeres aller Zeiten!! Sondern zu Ehren der Bürger der Stadt. Ach sooo… die freuen sich bestimmt. Besonders die Waisen, deren Eltern in Stalins Folterknästen umkamen… und genau deshalb kam der Vorschlag auch nicht von Bürgern oder Politikern der Stadt, sondern von Veteranenverbänden (die derzeit massiven Zulauf erhalten) und eben von (dritt-)höchster Stelle. Dmitri Rogozhin war übrigens in den 80er-Jahren Kommandeur des 40. Gardepanzerregiments, das in Königsbrück bei Dresden disloziert war, und brachte es in den 90ern auch zum Chef der 11. Gardepanzerdivision (Dresden).

Der Vorschlag, ausgerechnet jenen Namen, der 1925 in einem Akt des Größenwahns des GröSoFaz den ursprünglichen Namen Zarizyn (nach dem dort in die Wolga mündenden Fluss Zariza) ablöste, wiedereinzuführen, überrascht niemanden, der abgehärtet genug von den Entwicklungen der letzten Zeit ist. Er scheint vielmehr als logische Konsequenz. Der große militärische Sieg im Großen Vaterländischen Krieg 1945 strahlte fast 50 Jahre lang in sämtliche Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens in der Sowjetunion. Doch mit dem Zusammenbruch des Systems 1991 sollte all das plötzlich nichts mehr wert sein – für viele Russen eine ungeheuerliche Demütigung, die nicht hinnehmbar war.  Und nun die Wende! Nun gilt all das wieder was.  Und die schrittweise Rehabilitierung eines der größten Massenmörder der letzten 1000 Jahre würde mit der Revitalisierung des Symbols seiner Macht und Herrlichkeit eine ultimative Krönung erfahren. Krönung deshalb, weil Wolgograd bereits seit dem letzten Jahr an einschlägigen Gedenktagen, wie etwa dem zum Gedenken für die Befreiung der Stadt im Februar 1943, wieder zu „Stalingrad“ wird.

Nu, Wowka, was kommt denn aber nach „Stalingrad“? Die Ausrufung der Einheitspartei? Die Verankerung des Putinismus in der Verfassung? Mal sehen wie lange die Taktik aufgeht und das Volk nicht stutzig wird, weil du doch seit Neuestem lieber Benz und Porsche fährst statt GAZ und ZIL, während du gleichzeitig den Westen als „Satansland“ verteufelst, in dem ein homosexuelles Paar einer kinderreichen Familie gleichgestellt sei. Aber vielleicht stehen deine Chancen gar nicht so schlecht, denn du arbeitest ja mit Hochdruck daran, die Schicht der Klugen und Intelligenten aus dem Land zu jagen. Wer braucht schon Leute, die des kritischen und selbständigen Denkens fähig sind? Die machen doch nur Ärger, stellen unbequeme Fragen. Heil den simpel Gestrickten und den Proleten. Die sind für dumpfe, leicht verständliche und durch ständige Wiederholung gut auswendig zu lernende Phrasen immer zu haben.

 

Was zerreißt die Ukraine?

Darf man auf einen friedlichen Ausgang der Krise in der Ukraine hoffen? Gestern kamen die Konfliktparteien gemeinsam mit den USA und der EU in Genf zum Krisengipfel zusammen. Das Ergebnis überrascht – im positiven Sinne: Ein Friedensfahrplan wurde beschlossen mit dem Ziel eine Spaltung der Ukraine zu vermeiden. Überraschend ist das deshalb, als Russland über Wochen – seit der Eskalation des Konfliktes im Zuge der russischen Annexion der Krim im März – sich jedwede Einmischung durch EU und USA verbat, Gesprächsangebote Kiews kategorisch ablehnte und seine westlichen Amtskollegen regelrecht auflaufen ließ und gar öffentlich verhöhnte.

Doch wie sind die Beschlüsse von Genf wirklich zu bewerten? Hat Russland wirklich eingelenkt, oder ist die scheinbare Kompromissbereitschaft lediglich dem Wissen um die tatsächliche Lage geschuldet? Wer kann heute sagen, ob die Lawine, die Putin mit der Annexion der Krim und einer antiwestlichen Propagandamaschinerie in weitgehend gleichgeschalteten russischen Medien, die selbstverständlich auch in der Ukraine empfangen werden, in der Ostukraine losgetreten hat, nicht längst zum Selbstläufer geworden ist? Erstmals hat Russland zumindest indirekt die Bewertung westlicher und ukrainischer Vertreter bestätigt, dass es sich bei den Rebellen im Osten der Ukraine um „illegale Kräfte“ handelt. Zumindest wurde dieser im Beschluss gewählten Formulierung offenbar nicht widersprochen. Der Friedensfahrplan sieht die völlige Entwaffnung dieser Kräfte vor – im Gegenzug wird ihnen Straffreiheit gewährt. Ebenfalls eine Premiere: Wladimir Putin schlug parallel zur siebenstündigen Genfer Krisensitzung neue friedfertige Töne an: „Weder Flugzeuge noch Panzer können die Krise beenden“, so derselbe Mann gegenüber russischen Medien, der seit Wochen Truppen an der ukrainischen Grenze zusammenzieht und in „false-flag-operationen“ auch in der Ukraine selbst einsetzt. Die soll Putin nun laut dem Genfer Beschluss zurückziehen. Dass das aber alsbald der Fall sein wird, von der Vorstellung haben sich alle Beteiligten in Genf bereits jetzt verabschiedet. Russland macht den Rückzug der Truppen von der Umsetzung der Genfer Beschlüsse – und somit auch von einer tatsächlichen Beruhigung der Lage in der Ukraine abhängig.

Doch was, wenn die Rebellen ihre Waffen nicht abgeben wollen? Eine Befürchtung, die absolut real ist. Hinzu kommt, dass Russland weiterhin standhaft leugnet, selbst Truppen in der Ukraine einzusetzen. Und das, obwohl der ukrainische Vizepremier Vitali Jarema Name und Standort der in der Ukraine zum Einsatz kommenden russischen Einheiten benannt hat. Die Entsendung von Truppen ohne Nationalitätenkennzeichnung scheint wesentliches taktisches Moment russischer Militärstrategie in diesem Konflikt zu sein. Militärfahrzeuge, die von Bauart und Ausrüstungsgrad klar dem russischen Militär zuzuordnen sind, fahren mit entfernten Kennzeichen durch ostukrainisches Gebiet. Und selbst die 40000 Soldaten, die Putin an der Grenze zur Ukraine aufgestellt hat und diejenigen 15000, die noch auf der Krim weilen, tragen häufig keinerlei Nationalitätskennzeichnung.

Vor diesem Hintergrund sollten die Genfer Gespräche äußerst vorsichtig bewertet werden. Es ist derzeit nicht anzunehmen, dass Russland seinem Teil der Vereinbarungen – auf die bewaffneten Rebellen dahingehend einzuwirken, die besetzten Gebäude zu räumen, ihre Waffen abzugeben und ihre Aktivitäten zur Spaltung der Ukraine aufzugeben – tatsächlich nachkommen wird. Denn Bedingung hierfür wäre ja zu allererst der Rückzug der eigenen Truppen aus der Ukraine, die zu einem guten Teil die separatistischen Bemühungen unterstützen und ohne die die Rebellen nur halb so schlagkräftig wären.

Zerrüttung zwischen Moderne und Kommunismus

Ein weiteres großes Problem dürfte die Lage innerhalb der Ukraine selbst sein. Das Land ist bereits tief gespalten. Das Vertrauen eines erheblichen Teils der Bevölkerung in die Regierung insbesondere im Süden und Osten des Landes ist gleich null. Rechtsextremisten und Altkommunisten erleben über der wirtschaftlichen und politischen Krise einen nie geahnten Aufwind – Wladimir Putin kann das nur in die Hände spielen. Seine ganze Rhetorik im Zuge des heraufziehenden Konfliktes sprach dahingehend Bände. Gab sich der russische Staatschef sonst immer als moderner, weltoffener, fortschrittsorientierter Mann, der sein Land in den letzten Jahren mit westlichem Teufelszeug wie Mobilfunknetzen, Internettechnik, deutschen Autos und amerikanischer Ölfördertechnik ausstattete, so beschwor Putin nun den Zusammenbruch der Sowjetunion als „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ (und verharmlost darüber die raumgreifenden territorialen Verschiebungen, der der Erste und Zweite Weltkrieg sowie Auseinandersetzungen im Zuge der Oktoberrevolution insbesondere durch die Feldzüge Deutschlands und Russlands mit sich brachte und die viele der zuletzt zum Sowjetreich gehörenden Gebiete überhaupt erst diesem zutrugen).

Putin weiß genau wie es um die Gemütslage seines und um die großer Teile des ukrainischen Volkes bestellt ist. Der Oppositionelle Michail Chodorkowsky, der mehr als 10 Jahre seines Leben in Haft saß und erst letztes Jahr freikam, meinte einst, dass Putin liberaler sei als 80 Prozent seiner Landsleute. Genau deswegen war Putin bei vielen – insbesondere unter den Anhängern des alten Systems – nicht sonderlich beliebt. Man duldete ihn quasi als „kleineres Übel“, denn den wirtschaftlichen Fortschritt unter dem kleinen, verbiesterten Mann – den konnte man schlecht leugnen. Doch genau diese große, duldsame Masse brachte Putin nun mit diesem einen Satz, nach dem das nostalgisch verklärte Volk viele Jahre lächzte, fast geschlossen hinter sich. Diesen Satz hatte er das letzte Mal 2005 auf einer Pressekonferenz gesagt – und für Aufhorchen im Westen gesorgt.

Putin, der in fast 20 Jahren an der Spitze des riesigen Landes nichts unternahm, um die Sowjetära irgendwie zum Thema gesellschaftlicher Auseinandersetzung zu machen, weiß um die Wirkung solcher Worte. In höchsten russischen Ämtern sitzen bis heute ehemalige Leistungsträger der kommunistischen Partei wie Nikolai Haritonow. Der heute 65-Jährige tritt für die Wiedererrichtung der Sowjetunion ein und wurde bei den Präsidentschaftswahlen 2004 mit diesem Anliegen mit knapp 14 Prozent der Stimmen Zweiter hinter Wladimir Putin. Zu Sowjetzeiten war Haritonow wie Putin beim KGB, verehrte dessen Urvater Felix Dzerdzinsky wie einen Gott und wollte 2000 sogar dessen 1991 vom Platz vor dem berüchtigten Moskauer KGB-Gefängnis Lubjanka entfernte Statue wiedererrichten. Und Haritonow ist nur ein Beispiel, das berühmteste freilich bietet Putin selbst, der 1985 im Alter von nur 33 Jahren bereits Leiter der Dresdner Dependance des KGB im Range eines Majors war.

Ein weiteres ist Walentina Matwijenko – die mächtigste Frau Russlands. Auch sie hat die einschlägige Karriere in der KPdSU hinter sich. Sie verhalf der Tochter eines einfachen Soldaten und einer Schneiderin zum Studium an der Akademie der Sozialwissenschaften der Partei und schließlich zum Aufstieg zur Leiterin des Ausschusses für Kinder und Familien im Obersten Sowjet 1989. Der Zusammenbruch der UdSSR tat Matwijenkos Karriere keinen Abbruch – im Gegenteil. Als erste Frau überhaupt wurde sie 2011 zur Vorsitzenden des Föderationsrates der Russischen Föderation ernannt und bekleidet seither das dritthöchste Staatsamt in Russland. Ihre Inthronisierung erfolgte unter mehr als fragwürdigen Umständen. Die Wunschkandidatin von Wladimir Putin und Dmitrij Medwedjew ist gleichsam wie diese Mitglied der Partei „Einiges Russland“ – und sollte anscheinend aus St. Petersburg entfernt werden, wo ihre Tätigkeit als Gouverneurin die Werte der Partei in den Keller getrieben hatte. Solche Machtschiebereien, Umbesetzungen und dergleichen mehr sind Alltag in Russland. Zum Nachfolger von Walentina Matwijenko im Amt des Gouverneurs von St. Petersburg wurde übrigens mit Georgij Poltawtschenko – wen wundert’s? – ein Ex-KGB-Offizier ernannt. Ernannt wurde er bereits 1999 von Wladimir Putin – zum Stellvertreter des Präsidenten für die Oblast St. Petersburg sowie später zum Generalgouverneur für die Region Zentralrussland.

Stalin, Lenin, Rote Armee … seither kam nichts mehr

Putin weiß, die Masse ist ihm deshalb nicht gram, weil sie selbst nicht verstanden hat und zu Teilen auch nicht verstehen will, WARUM die Sowjetunion unterging. Für viele ist ihr Ende noch immer das Werk feindlicher Kräfte aus dem Westen. In unzähligen Forenbeiträgen in russigsprachigen sozialen Netzwerken wird der Tag der Abrechnung förmlich herbeigesehnt – und in der aktuellen Krise um die Ukraine erblicken nicht wenige sein Heraufdämmern. Hunderte von Gruppen mit teils mehreren Zehntausend Mitgliedern bevölkern die soziale Netzwerklandschaft in den beiden größten Plattformen „Vkontaktje“ und „Odnoklassniki“ Das Volk hat die Demütigung von 1991 nicht vergessen, und es braucht sein Imperium, um stolz sein zu können: militärische Stärke und territoriale Größe waren das, worüber sich Russland seit Katharina der Großen definierte, nicht sein unermesslicher kultureller Reichtum – den wusste man dagegen umso mehr im Ausland zu schätzen. Ein wenig ist es so, als hätte ein ganzes Volk Angst, in diesen 80 Jahre tiefen schwarzen Brunnen zu schauen und möglicherweise – wie zwei mal zuvor das deutsche Volk – zu erkennen, dass man sich durch seine Duldsamkeit und sein Augenverschließen vor den grausigen Wahrheiten der Sowjetära mitschuldig gemacht haben könnte, dass man an einem Gesellschaftsideal mitgefeilt hat, dessen Preis das Unglück und oft genug auch der Tod von Andersdenkenden war. Wenig galt dabei das berühmte Zitat Rosa Luxemburgs, dass Freiheit immer auch die Freiheit der Andersdenkenden sei. Es gilt bis heute wenig in Russland. Ob Homosexuelle, Oppositionelle oder behinderte Menschen – sie alle haben keine Lobby in Putins Russland. Der Westen ist schon deshalb vielen Menschen dort ein Graus, weil hier ein Mann öffentlich einen Mann küssen und ihn sogar ehelichen darf. Stattdessen klammert man sich trotzig an den alten Helden fest: Stalin, Lenin, die Rote Armee und ihr großer Sieg über den Faschismus 1945. Seither kam einfach nichts mehr.

Von dem Gefühl der nationalen Verlorenheit und Demütigung ist die Ukraine als SU-Nachfolgestaat keinesfalls ausgenommen. In die mit dem Zusammenbruch ausgelöste Identitätskrise platzte die Existenzangst. Die Armee war einst ein Hauptarbeitgeber in der SU. Für viele ehemalige ukrainische Offiziere und Berufssoldaten, aber auch Zivilangestellte war die Unabhängigkeitserklärung 1991 in der Tat eine Katastrophe, denn der kümmerliche Rest, der nun das Fundament der neuen ukrainischen Armee bilden sollte, bot für viele von ihnen keinen Platz mehr.

Rapport eines in Meißen stationierten ukrainischen Oberfähnrichs in der Armee der GUS vom Juli 1992. Darin bittet er seinen Kommandeur um Mitteilung hinsichtlich der Möglichkeit einer Weiterbeschäftigung in den ukrainischen Streitkräften. Quelle: Privat.

Stattdessen wartete Arbeits- und Wohnungslosigkeit, denn ihre einstigen zivilen Berufe, ebenso wie ihr Zuhause, hatten viele vor Jahren für die Armee aufgegeben. Die Selbstmordrate schnellte damals in die Höhe, und die Lebenserwartung der Männer sank auf ein Allzeittief von 61 Jahren, in Russland sogar auf 59 Jahre. Wer sich durchbiss, ist heute 50, 60 und dämmert im Regelfall einer kargen Rente entgegen. Nur wenige haben es zu echtem sozialem Aufstieg gebracht. Das funktionierte in Russland wesentlich besser, wo alte Parteistrukturen weitgehend erhalten blieben und man sich gegenseitig „half“. Geblieben ist häufig ein Groll auf alles Westliche und ein bewusster Rückzug in die Vergangenheit, die zum verlorenen Leben im Paradies der Gleichheit, des Glücks und der moralischen Anständigkeit verklärt wird, in der noch Recht und Ordnung herrschten und niemand um Lohn und Brot fürchten musste. Insbesondere diejenigen, die vor der Wende gut da standen und mit ihr tief fielen, ohne je wieder nach oben zu kommen, können das zeitlebens nicht verzeihen – und suchen Schuldige. Viele von ihnen haben nun die Uniformen wieder angezogen. Endlich kann man etwas tun, statt ohnmächtig im Sessel zu sitzen und alles stumm zu ertragen! Waffen und Uniformen – zwei Dinge, an denen es weder in Russland noch in der Ukraine einen Mangel gibt. Zu kaufen sind sie überall, fast jeder besitzt sie. Putins Satz von der größten Katastrophe des Jahrhunderts, dem Zusammenbruch der UdSSR, führt sie an. Denn er hat mal wieder ausgesprochen, was sie seit 23 Jahren dachten, und sie förmlich dazu aufgerufen, mit der Heimholung zumindest von Teilen des entrissenen „Brudervolkes“ die alten Strukturen wiederherzustellen.

Dass ihr Utopia zum größten Teil auf Pump und nicht zuletzt auf Kosten der Lebensqualität der Bürger errichtet wurde, die den ideologischen Wettstreit mit dem Westen und die damit verbundene absolute Konzentration der Ausgaben auf die Rüstung mit einem Größtmaß an Unfreiheit, absoluter Gleichschaltung und einer Mangelwirtschaft bezahlen mussten, die zu Versorgungsengpässen, völlig veralteten Technologien und Instrumenten im Sozial-, Medizin- und Agrarsektor und nicht zuletzt zum Kollaps der SU führte, ohne dass irgendwer von außen auch nur einen Schuss abgeben musste – man sieht es nicht, denn die SU brach zusammen, bevor die marode Technik in den Werken und Gruben es ihr gleichtun konnte. Die bescheidenen wirtschaftlichen Ausgangslagen in den SU-Nachfolgestaaten brachten viele Menschen dort nicht etwa mit fast einem Jahrhundert zentral gesteuerter Wirtschaft in Verbindung, die auf schnelles Wachstum, nicht aber auf Nachhaltigkeit und fortwährende Innovation ausgerichtet war, sondern mit einer schmählichen Niederlage im Kalten Krieg mit dem Westen.

In den 30er- und 40er-Jahren war das sowjetische System bestrebt, seine völlig veraltete Armee für eine Auseinandersetzung mit den westlichen Staaten zu rüsten. So wuchs der Fuhrpark an Panzern und Bombern innerhalb von nur 15 Jahren auf das x-fache der Ausgangslage an. In den sowjetischen Hangars und Panzerhallen stapelten sich Fuhrwerke, für die nach den Säuberungswellen des stalinistischen Terrors der 20er- und 30er-Jahre innerhalb der Armee kein adäquat ausgebildetes Personal mehr vorhanden war. Milliarden wurden dafür ausgegeben – für Technik, die nach wenigen Jahren veraltet war, bevor es überhaupt jemanden gab, der sie bedienen konnte. Natürlich brachte diese Massenproduktion vielen Menschen Lohn und Brot und kurbelte die Wirtschaft an – aber es sorgte auch dafür, dass nach 20 Jahren kein Geld mehr da war, die Produktionstechnik zu modernisieren. Hätte man dies ohne Schuldenaufnahme bewerkstelligen wollen, hätte man am Rüstungsetat sparen müssen, was nicht infrage kam. Das so viel gerühmte Sozial- und Gesundheitssystem der Sowjetunion – es hinkte schon in den 60er-Jahren weit hinter den westlichen Staaten zurück, weil versäumt wurde, in neue Technologien und Behandlungsverfahren zu investieren. Mehr als 10 Prozent des Bruttoinlandproduktes ballerte man stattdessen noch in den 70er-Jahren in Rüstung – zum Vergleich: Das war das Dreifache von dem, was Russland heute für Rüstung ausgibt (3,5 Prozent BIP). 1948 gab die Sowjetunion noch fast 20 Prozent ihres Etats für die Rüstung aus, da hatten die USA die Ausgaben bereits auf 3,5 Prozent zurückgefahren (siehe auch in „Krieg um Berlin“, Matthias Uhl). In der SU dagegen wurde die Armee als Hüterin der Heimat und des Imperiums zum Zentrum des gesellschaftlichen Lebens. Ihre Verehrung im Volk hält – trotz aller Skandale, die zwischenzeitlich ans Licht kamen – beinahe ungebrochen bis heute an.

So wundert es nicht, dass sich unter den Rebellen im Osten sowohl Russen aus den Grenzgebieten des Nachbarstaates als auch Ukrainer finden, die dem Nationalbolschewismus des Eduard Weniaminowitsch Limonow anhängen, der die Wiederherstellung der Sowjetunion anstrebt. Verstehen lässt sich das alles nur, wenn man berücksichtigt, dass sowohl seitens der Politik in Ukraine und Russland als auch in großen Teilen des Volkes 70 Jahre Sowjetherrschaft quasi in einer Zeitkapsel konserviert wurden. Wie schwer es ist, mit einer in der Stunde ihrer Geburt so großartig scheinenden Idee grandios zu scheitern, deren hässliches Gesicht voller Unmenschlichkeit, Zwang und Unfreiheit zu erkennen – keiner weiß es besser als die Deutschen. In Russland und auch in der Ukraine, die lange Jahre von Kreml-treuen und politisch unfähigen Leuten wie Leonid Kutschma und Viktor Janukowitsch autoritär regiert wurde, hat man sich diesen Albträumen der eigenen Vergangenheit und deren unzähligen Opfern nie wirklich gestellt. Die Folgen erntet die Welt heute. Nur wenn man der Annahme ist, dass die Ukraine nach wie vor Teil eines vor 23 Jahren in einem unrechtmäßigen Akt zerstörten Großreiches ist und ihre bzw. die Rückholung von Teilen von ihr legitimes Recht sei, kann man mit einer derartigen Selbstverständlichkeit von einem völkerrechtlich einwandfreien Anschluss der Krim sprechen, von „russischer Erde“ und dergleichen mehr.

Druschba bis zum bitteren Ende? Ohnmacht und schlechtes Gewissen verklären den Blick auf die Krise in der Ukraine..

Ein hervorragender Artikel zur Krise in der Ukraine, der einige unschöne Wahrheiten sowohl für Deutschland, den „Westen“ als auch den Autokraten in Moskau parat hält, erschien am Donnerstag in der ZEIT. Der Leitartikel „Wie Putin spaltet – Woran liegt es, dass so viele Bürger die Krimkrise ganz anders beurteilen als Politik und Medien?“ von Bernd Ulrich (Titel u. weiter auf S. 2) ist wahrlich beeindruckend. Keiner hat bislang so offen und ehrlich die Gründe für die derzeit scheinbar schwer zu fassenden Meinungsbildungsprozesse zum Thema in Deutschland und das Dilemma der Medien diesbezüglich benannt. Und mir – im Zug sitzend – entschlüpfte unvermittelt ein lautes „Endlich sagt’s mal einer!“, das prompt von einem jovialen „Genau!“ aus den Sitzreihen vor mir quittiert wurde.

„Hier wurden offenbar Erfahrungen von Ohnmacht und Anmaßung gemacht, die so fundamental sind, dass sie selbst einen Wladimir Putin als diskutable Figur erscheinen lassen“

Auslöser für den Artikel war im Vorfeld eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Forsa gewesen, die die Deutsch-Russische Außenhandelskammer (!) in Auftrag gegeben hatte. Darin hatten sich 69 Prozent der Deutschen gegen Wirtschaftssanktionen gegen Russland ausgesprochen. Doch auch wenn wirtschaftliche Ängste sicher eine bedeutende Rolle spielen, sich in der aktuellen Krise möglichst passiv und russlandfreundlich verhalten zu wollen, wie nicht zuletzt der anbiedernde Auftritt von Siemens-Chef Joe Kaeser in Moskau vor einigen Wochen zeigte – andere Gründe könnten von weit bedeutsamerer Tragweite sein.

Ulrich sieht die Anmaßung des Westens, insbesondere der USA und Brüssels, aber auch die deutsch-russische Geschichte als Hauptgründe dafür, dass die Deutschen in so großer Zahl die Frontbildung der westlichen Politik gegen Moskau skeptisch bis kritisch sehen. „Hier wurden offenbar Erfahrungen von Ohnmacht und Anmaßung gemacht, die so fundamental sind, dass sie selbst einen Wladimir Putin als diskutable Figur erscheinen lassen“, so Ulrich, der insbesondere Bezug auf die Kriege im Irak und in Afghanistan nimmt, aber auch die NSA-Spähaffaire, die von Deutschland alle mehr oder weniger mitgetragen wurden. Viele Menschen erkannten demzufolge in Putin endlich einen „starken Mann“, der nun den naseweisen Westen in seine Schranken weist, der „aufmuckt“ und den ganzen verhassten Trott nicht mehr mitmacht.

„Tatsächlich […] wird die Legitimität des Völkerrechts offensiv infrage gestellt, die von Putins nationalistisch-imperialer Ideologie aber ernstlich erwogen. Man übernimmt das Gerede von ‚russischer Erde‘, als wäre so etwas heute noch ein valides Argument. (Würde jemals wieder von deutscher Erde geredet – was Gott verhüten möge -, dann wäre hier – hoffentlich – die Hölle los).“

Doch Ulrich lässt das eben – anders als andere – nicht einfach so unkommentiert stehen, sondern er zeigt konsequenterwerweise die katastrophalen Folgen auf, zu denen dieses Ohnmachtsgefühl auch hierzulande führt: „Tatsächlich […] wird die Legitimität des Völkerrechts offensiv infrage gestellt, die von Putins nationalistisch-imperialer Ideologie aber ernstlich erwogen. Man übernimmt das Gerede von ‚russischer Erde‘, als wäre so etwas heute noch ein valides Argument. (Würde jemals wieder von deutscher Erde geredet – was Gott verhüten möge -, dann wäre hier – hoffentlich – die Hölle los).“ Und Ulrich hat recht. Es gibt keine bedrohlichere Triebfeder für Veränderungen als ein Gefühl von Ohnmacht. Dieses Gefühl war einst ausschlaggebend für den Aufstieg der Nationalsozialisten in den späten 20ern/frühen 30ern, als Deutschland am Tiefpunkt sowohl seiner moralischen als auch wirtschaftlichen Stärke angekommen und die für die innere Stabilität so wichtige Identität des Volkes durch die Niederlage von 1918 und die Antragung der alleinigen Schuld am Ersten Weltkrieg sowie die damit verbundenen Gebietsverluste und wirtschaftlichen Sanktionen in ihren Grundfesten erschüttert war. Und es war ausschlaggebend für zahlreiche schwerwiegende Umbrüche wie die französische oder die Oktoberrevolution. Es hält den Nahostkonflikt am Schwelen und es war verantwortlich für die politischen Unruhen in Nordafrika.

Auch viele Russen kennen das Gefühl. Nur übersetzen in Russland viele Menschen diese Ohnmacht erstaunlicherweise nicht in Energie, die gegen das eigene repressive System gerichtet ist, sondern in solche, die die Wiederherstellung der alten, noch weitaus repressiveren Machtverhältnisse zu Sowjetzeiten anstrebt.

Ulrich spricht auch harte Wahrheiten an: Viele Menschen in Europa waren nicht begeistert von den Bestrebungen der EU, mit der Ukraine „noch so ein Hungerleiderland voller primitiver Krimineller“ wie Griechenland, Bulgarien & Co. (Von MIR frei zitiert nach Hörensagen!) näher an sich zu binden, und fühlten sich von Brüssel bevormundet. Tatsächlich spricht daraus ein alter, ungesunder Geist von Überheblichkeit, Überlegenheit und Nationalismus, den man sich besser nicht zurückwünschen sollte.

Und noch etwas Wichtiges bleibt Ulrich nicht verborgen: Die Nebenrolle, die der sowjetische Anteil am Sieg über den Hitlerfaschismus insbesondere in Westdeutschland über Jahrzehnte in der dortigen Gedenkkultur einnahm. Das hat Wunden hinterlassen, die jeder zu spüren bekommt, der sich heute mit dem Thema irgendwie befasst. Ein „schlechtes Gewissen“ – so Ulrich weiter – führe nun dazu, dass man Moskau eine gewisse „Einflusszone“ zugestehe, da sie ja „durch den Verlust ihres Sowjetimperiums schon genug gekränkt und gestraft“ worden seien.

„Ein wenig erinnert diese Gemengelage an Schuld ans Jahr 1989. Da haben viele westdeutsche Linke auch gesagt, die deutsche Teilung müsse bestehen bleiben, sie sei eben die Strafe für Auschwitz. Das Argument hatte allerdings diese kleine, verlogene Pointe: dass allein die Ostdeutschen diese Strafe der Geschichte abzusitzen hatten.““

„Ein wenig erinnert diese Gemengelage an Schuld ans Jahr 1989“, resümiert der Autor. „Da haben viele westdeutsche Linke auch gesagt, die deutsche Teilung müsse bestehen bleiben, sie sei eben die Strafe für Auschwitz. Das Argument hatte allerdings diese kleine, verlogene Pointe: dass allein die Ostdeutschen diese Strafe der Geschichte abzusitzen hatten.“ Heute werde erneut mit Blick auf deutsche Schuld (am Zweiten Weltkrieg) einem anderen Volk das Recht auf Selbstbestimmung abgesprochen: den Ukrainern. „Sollen sie nicht in die EU dürfen, weil die Deutschen, zu Recht, gegenüber den Russen ein schlechtes Gewissen haben?“, fragt Ulrich. „Dass Deutsche und Russen abermals über das Schicksal der Ukraine entscheiden, wäre ein perverser Lerneffekt aus der GEschichte dieses Landes, das unter beiden Nationen wie kein anderes gelitten hat.“
Ulrich nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er von den Bequemlichkeiten hierzulande schreibt, wenn es um Sanktionen gegen Russland geht. „Soll Frieren für die Ukraine dem Westen schon zu viel sein? Suchen wir nach Argumenten, um nichts tun und nichts riskieren zu müssen?“

Sieht aus, als wären wir in Deutschland auf einem besorgniserregenden Kurs. Land und Gesellschaft sind an einem Punkt angekommen, da Verstöße gegen das Völkerrecht quasi als „völlig normal“ und „gegeben“ hingenommen und teilweise sogar befürwortet werden, solange sie geeignet erscheinen, eigenen Interessen Nachdruck zu verleihen oder politischen Gegenstimmen im eigenen Land einen Schlag zu versetzen. Dass es hier zu allererst um die Rechte eines Volkes geht, dem gegenüber gerade wir als Deutsche nach wie vor eine erhebliche historische Verantwortung haben und das sich Übergriffen eines ungleich stärkeren Nachbarn ausgesetzt sieht, gerät dabei erschreckenderweise zur Nebensache.

Dabei kann und DARF es nicht darum gehen, was die Regierung in Kiew vielleicht alles falsch gemacht hat, denn das rechtfertigte längst kein aggressives Einmischen Russlands. Keine Regierung in Kiew hat sich jemals in die nationalen Belange Russlands eingemischt oder Russland bedroht. Im Gegenteil: Dank Russlands Einfluss konnten autoritäre Staatschefs wie Leonid Kutschma und zuletzt wieder Viktor Janukowitsch in der Ukraine ihren Machtbereich immer weiter ausdehnen, das Land in alte Abhängigkeitsstrukturen von Moskau zurückführen und es so Stück für Stück zugrunde wirtschaften. Mit den Folgen hat nun eine Regierung zu kämpfen, die dieser Aufgabe anscheinend nicht gewachsen ist.
Weder die Ukraine noch Deutschland, die EU oder die USA stehen derzeit mit mehr als 40000 bis an die Zähne bewaffneten Soldaten in bzw. an der Grenze zur Ukraine – einem souveränem Land. Und nur weil die USA und Deutschland in Afghanistan so ziemlich alles falsch gemacht haben (beim Einmarsch angefangen), was man falsch machen konnte, gibt das Russland kein Recht, zulasten der Ukraine seine Großmachtphantasien auszuleben.