Friedhof zu verschenken

Offiziersgräber auf dem Sowjetischen Garnisonfriedhof Dresden. Der Freistaat möchte ihn lieber heute als morgen loswerden. Foto: J. Jannke
Offiziersgräber auf dem Sowjetischen Garnisonfriedhof Dresden. Der Freistaat möchte ihn lieber heute als morgen loswerden. Foto: J. Jannke
Quo vadis, Sowjetischer Garnisonfriedhof? Der Begräbnisort für 2300 sowjetische Bürger an der Marienallee in Dresden kommt nicht aus den Schlagzeilen. Nun will der Freistaat ihn an die Stadt abtreten. Doch die will ihn gar nicht haben.

Seit Jahren schwelt der Streit um den Nordflügel des Friedhofes. 2010 hatte der Eigentümer, das Sächsische Immobilien- und Baumanagement (SIB), Umgestaltungspläne für die rund 0,8 Hektar große Erweiterung mit Gräbern aus den Besatzungsjahren vorgelegt, die die Beseitigung der historischen Friedhofsarchitektur zugunsten einer schlichten Grünanlage mit Gedenkbereichen vorsehen. Dresdner Bürger liefen Sturm – und erhielten Unterstützung vom „Who is Who“ der Dresdner Gedenkkultur. Seit Juli 2013 beschäftigt nun schon ein vom SIB eingelegter Widerspruch die Landesdirektion Sachsen, da auch die Denkmalbehörden dem rund 350 000 Euro teuren Vorhaben die Zustimmung verweigerten. „Das Verfahren läuft noch“, so SIB-Sprecherin Andrea Krieger.

Das SIB stellte dies abermals vor die Frage, mit der man dort bereits seit mehr als zehn Jahren befasst ist: Was soll denn nun werden mit dem Nordflügel? Das veranlasste die Behörde im Frühjahr 2014, ein Forum auszurichten. Gemeinsam mit der Stadt, den Denkmalbehörden und den bürgerschaftlichen Initiativen, die den Nordflügel mittels ehrenamtlichem Engagement in historischer Form bewahren wollen, sollte unter Moderation der Landeszentrale für politische Bildung ein möglicher Kompromiss ausgelotet werden. Gegenstand der Debatten war längst nicht mehr nur der künftige Umgang mit dem Nordflügel. Initiativen wie das Deutsch-Russische Kulturinstitut, die jüdische Gemeinde und der DenkMalFort! – Die Erinnerungswerkstatt Dresden e.V. forderten seit längerem die Rückführung des gesamten Friedhofes in die Trägerschaft der Stadt Dresden, die ihn 1996 an das SIB abgegeben hatte. In dessen Verwaltung war vor allem der Nordflügel mehr und mehr verwahrlost.

Nach nur vier Runden hatte es sich im Juli allerdings schon wieder ausdebattiert. „Die Beteiligten sind sich einig, dass auch der nördliche Flügel des Friedhofs ein würdevoller Gedenkort ist und auch in Zukunft sein soll. Das ‚Wie‘ steht im Fokus der Diskussion“, konstatierte man im August in einer vorläufigen Erklärung. Das Konzept des SIB stoße nicht auf die Zustimmung aller Beteiligten, man wolle die Gespräche daher im Herbst fortführen, hieß es weiter. Seither aber herrscht offenbar Funkstille.

„Bis jetzt erfolgte keine erneute Einladung“, antwortete Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) dem anfragenden Grünen-Stadtrat Torsten Schulze vor Weihnachten – und spielte den Ball damit dem SIB zu. Dort jedoch macht man den Fortgang der Gespräche offenbar von der Klärung der künftigen Trägerschaft für den Garnisonfriedhof abhängig. „Das SIB strebt die Übertragung des gesamten Friedhofes an die Landeshauptstadt an“, ließ man auf Nachfrage ausrichten. Bereits „vor geraumer Zeit“ will man dazu auf Kulturbürgermeister Ralf Lunau (parteilos) zugekommen sein. Doch für den Beigeordneten ist eine Übernahme derzeit kein Thema. Aus Sicht der Stadt spricht vor allem der Kostenfaktor dagegen. Man würde „ohne gesetzliche Verpflichtung die finanzielle Last von Pflege und Instandhaltung“ übernehmen. Wie groß die tatsächlich wäre, wurde bislang allerdings nicht geprüft.

„Kosten allein dürfen kein Argument sein“, mahnt Torsten Schulze, der alsbald die Aufnahme von Verhandlungen zwischen Stadt und SIB fordert, damit es auch in der Frage des Nordflügels irgendwann vorangeht. „Die derzeitige Situation ist untragbar und eines historisch derart relevanten Ortes unwürdig.“ Schulze meint damit, dass das SIB in Ermangelung des Zuspruches für die Umgestaltungspläne die Pflegeaktivitäten auf dem Nordflügel vor eineinhalb Jahren einstellte. Ehrenamtliche halten die Anlage seither halbwegs in Schuss. „Nach den Querelen der letzten Jahre muss genau geprüft werden, ob ein Verbleib des Friedhofes in Händen des Freistaates sinnvoll ist“, so Schulze. Notfalls müssten Wege ausgelotet werden, die Finanzierung auf mehrere Schultern zu verteilen. „Der Friedhof braucht eine Perspektive, die den Erhalt der Biografien und Schicksale gewährleistet.“ Kaum einer der unter 40-Jährigen wisse noch, wie es war, als die Armee hier war.

Damit rennt Schulze bei Holger Hase von der Erinnerungswerkstatt offene Türen ein. Der 38-Jährige kämpft seit Jahren gegen den Verlust der denkmalgeschützten Friedhofssubstanz. „Ich denke, wir sind auf einem guten Weg. Beim SIB scheint man sich vom Abrissbagger verabschiedet zu haben“, zeigt sich der FDP-Mann optimistisch. Die Rückkehr zur Stadt sieht Hase als zukunftsfähigste Lösung für den Garnisonfriedhof. Wie Schulze fordert auch er ein klares Bekenntnis zum „historischen Lernort“ und will das notfalls mittels eines Antrages im Stadtrat auf den Weg bringen.

Anmerkungen der Autorin: Der Artikel entspricht bis auf einige kleine Änderungen dem, der am 23. Februar 2015 in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschien.

Ein Ort, an dem jeder Stein eine Geschichte erzählt.

Schon oft war ich am Rande von Radtouren oder Spaziergängen hier vorbeigekommen. Und immer – wie so oft, wenn ich an Friedhöfen vorbeigehe – hat mich ein leichtes Schaudern dabei ergriffen. Und jedes Mal hatte ich mir vorgenommen, mir diese Stätte einmal genau anzusehen. Jahrelang war sie für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Dann, ab 2007, konnte man sie wieder betreten, nachdem sie halbwegs wieder in Schuss gebracht worden war.
Die Rede ist vom Garnisonfriedhof der Roten Armee an der Marienallee, oberhalb des Prießnitzgrundes. Von 1945 bis 1987 bestatteten die nach dem Sieg über Hitler-Deutschland hier stationierten Sowjettruppen hier ihre Toten, darunter auch Frauen und Kinder.

Doch immer wieder zögerte ich seither, das gusseiserne Tor zu öffnen und jenen Platz zu betreten, an dem auf pi mal Daumen zwei Hektar verstreut mehr als tausend steinerne Grabmale in einschüchternder Gleichförmigkeit stehen, die sich erst auf den zweiten blick in Form und Gestaltung voneinander unterscheiden.
Als ich gestern das schwere Tor endlich aufstemmte, gesellte sich zu dem leichten Prickeln entlang der Wirbelsäule ein Gefühl der Ehrfurcht, der Bedrückung, aber schnell auch eine Art stille Heiterkeit und innerer Frieden.
Ich bin nicht allein. Inmitten der Gräber hat sich eine ganze Familie mitsamt Baby auf Bänken in einem kreisförmig angelegten Ruhebereich niedergelassen. Ich nicke freundlich und wende mich den Gräbern zu.

Still ist es hier und unglaublich grün, die Vögel zwitschern und die Sonne lässt den hellen Sandstein der Grabmale leuchten, die auf wildgewachsener Wiese in Reih und Glied stehen, Wildblumen und Kienäpfel bilden einen seltsam schönen Schmuck für fast jedes Grab.

Ingenieur-Major Georgiy Moissejewitsch, Grab mit Marmorplatte und Wildblumenpracht.
Ingenieur-Major Georgiy M. Kisseljew, Grab mit Marmorplatte und Wildblumenpracht.

Rhododendren und Hecken umsäumen rote Kieswege, Nadelgehölze und übermannshohe Büsche teilen das Gelände in verschiedene Bereiche. Erstaunt stelle ich fest, dass der Friedhof viel größer ist, als er von außen wirkt: Hinter hohem Gebüsch schließen sich an die endlosen Reihen der Stelen im Nordbereich versteckte Ecken an, wo im Schatten der Bäume kleine, einfache Grabsteine und halb überwucherte Bodenplatten mit Inschriften ruhen. Gräber von Kindern und Jugendlichen hauptsächlich.
Insgesamt vier verschiedene Monumente zähle ich, alle noch aus DDR-Zeiten und alle mit flammenden Hymnen auf Ruhm und Ehre der hier Bestatteten sowie einschlägigen Symbolen, vom tapferen Soldaten mit Waffe, über die rote Fahne bis hin zum unermüdlichen Arbeiter, besetzt. Unkontrolliert zuckt eine Augebraue nach oben und ein ironisches Grinsen huscht über mein Gesicht, um gleich darauf wie ertappt wieder zu erlöschen.

Sinnend laufe ich durch die Reihen der Grabmale. Namen und letzte Grüße in kyrillischer Schrift, Geburts- und Sterbedaten ziehen an mir vorbei – bedrückend: Die allermeisten hier Begrabenen haben kaum das 45. Lebensjahr erreicht. An einigen wenigen Stelen sind sogar noch die Keramiktafeln mit den Abbildern der Toten erhalten; die Gesichter der zumeist jungen Soldaten blicken stolz und ernst – entschlossene, mutige junge Männer, wie man sie in der Sowjetarmee gerne sah.
Und mit einem Male, so scheint es mir, bin ich von Geschichten umgeben, nicht mehr von Gräbern. Geschichten, die ich lediglich noch nicht zu entschlüsseln vermag.

Grenadier P. D. Koschelnik starb im Mai 1958 mit nur 21 Jahren.
Grenadier P. D. Koschelnik starb im Mai 1958 mit nur 21 Jahren.

Leutnant P. J. Komarov starb 1947 mit nur 26 Jahren.
Oberleutnant P. J. Komarov starb 1947 mit nur 26 Jahren.

Am Westende des Friedhofs finden sich ganze Reihen von Gräbern, in denen junge Soldaten ruhen, die kaum älter als 20 wurden. Was geschah mit ihnen? Anfangs dürften noch die desaströse Lage betreffs Versorgung und Hygiene der Nachkriegsjahre sowie alte Kriegsverletzungen eine Rolle gespielt haben. Doch woran starben Mitte bis Ende der 50er-Jahre in Dresden reihenweise junger russischer Soldaten Anfang 20? Diese Frage lässt mir seither keine Ruhe, mein Forscherdrang ist geweckt.

N. I. Duboviy war erst 14 Jahre alt, als er bei der Schlacht um Dresden im Mai 1945 fiel.
Rotarmist N. I. Duboviy war erst 14 Jahre alt, als er bei der Schlacht um Dresden im Mai 1945 fiel.

Erschüttert stelle ich zudem fest, dass bei der Einnahme der Stadt Dresden im Mai 1945 sogar halbe Kinder kämpften – und fielen: Das Schicksal des erst 14-jährigen Rotarmisten (Krasnojarmeetz) N. I. Duboviy war beileibe kein einzelnes in jenen entmenschlichten Tagen der Schlacht. Bei dem Gedanken daran, Kindern ein Gewehr in die Hand zu drücken und sie in einen so mörderischen Krieg zu schicken, befällt mich ein Gruseln.

Und selbst nach all der Zeit, nach bis zu 65 Jahren, liegen hier und da an Grabsteinen kleine Blumengrüße, an einer Stele steht ein Topf mit weiß-gelben Margeriten aus Plastik, sie leuchten weithin zwischen den schmucklosen Grabsteinen. Angehörige, die nach wie vor hier leben? Auf jeden Fall eine unermüdliche, vielleicht sogar über große Distanzen aufrechterhaltene Kultur des Erinnerns an geliebte Menschen, die viel zu früh ihr Leben lassen mussten.
Ab und zu knie ich vor einem der Grabsteine im weichen Gras nieder, lese genauer, betrachte Gesichter. Erst da fällt mir auf, dass die Grabsteine durchaus unterschiedlich aussehen, die Gravuren und Ornamente der höheren Dienstgrade sind zumeist aufwendiger und kunstvoller gestaltet, als bei einfachen Gefreiten. Geburtsdaten werden hier teils voll ausgeschrieben, die Inschriften befinden sich auf Mamorplatten, oder Grußworte der Angehörigen sind zu lesen, während bei niederen Dienstgraden nur Name, Geburtsjahr und Sterbedatum in einfachem Sandstein eingraviert sind und die Stelen nur ein einfaches Ornament in Form eines Sterns aufweisen.
Auch sind es oft die niederen Dienstränge, die in Mehrfachgräbern bestattet wurden (siehe Foto links).
Während ich fotografiere, komme ich mir irgendwie vor, wie ein Voyeur. Doch längst hat mich der Ort mit seiner irgendwie magischen Atmosphäre gefangen genommen, und ich will darüber berichten.

Oberstleutnant A. M. Kirejew - Grab mit Marmorfront.
Oberstleutnant A. M. Kirejew - Grab mit Marmorfront.

So wild-romantisch der weitestgehend der Natur überlassene Ort auch wirkt – die mangelnde Pflege und Aufsicht haben auch ihre negativen Seiten: Am Mahnmal im Südteil des Friedhofes liegen verwelkte Blumen und Gebinde, viele noch mitsamt der Kunststoffverpackung. An den Inschriften der verblichenen Bänder ist zu erkennen – sie liegen bereits seit dem 8. Mai hier, dem Tag der Befreiung – unansehnlich, von Wind und Wetter zerzaust. Von den umliegenden Gräbern klaube ich verstreutes Blumenpapier, gieße Blumen, die in Töpfen am Mahnmal stehen und die Köpfe hängen lassen.
Aufgeräumt und gepflegt wird hier ganz sicher nicht. Im Papierkorb in der Sitzecke finden sich haufenweise leere Flaschen diverser Alkoholika und andere Reste für meinen Geschmack und den Ort zu geselligen Beisammenseins. Als ich mich vom hinteren Teil des Friedhofes wieder in Richtung Tor bewegen will, sehe ich gerade noch einen jungen Mann in Radlerdress den Hosenstall schließen, sein Rad lehnt an dem Denkmal, hinter dem er gerade seine Notdurft verrichtet hatte. Darauf angesprochen, wie er es fände, wenn später mal jemand neben seinen Grabstein pinkeln würde, winkt er feixend ab und sucht das Weite.

Es scheint, als wäre der abgelegene Ort so ein wenig in Vergessenheit geraten. Die Kriegsgräberfürsorge sorgt zwar für ein Mindestmaß an Ordnung und legt einmal im Jahr zum 8. Mai Blumen nieder. Doch an den Gräbern selbst wird nichts gemacht, sie sind der Verwitterung und auch Vandalismus preisgegeben. Auch aufgrunddessen sind mittlerweile nur noch wenige der Keramikfbildertafeln an den Stelen erhalten – dabei sind sie es gerade, die dem Friedhof etwas Menschliches, Persönliches verleihen. Ich erinnere mich an Spaziergänge zu Kinderzeiten, bei denen von den Grabmalen noch zahlreiche Gesichter, teils in Farbe, durch die Gitterstäbe blickten. Heute haben selbst die vereinzelt noch erhaltenen zum Teil schon Risse.

Grab von Hauptmann D. P.  Mazakov mit fast zerstörtem Keramikbildnis.
Grab von Hauptmann D. P. Mazakov mit fast zerstörtem Keramikbildnis.