Kann man noch tiefer sinken? Hetzblog frohlockt über niedergestochenen Flüchtlingsaktivisten aus Dresden.

Nichts als Spott und Zynismus für ein Gewaltopfer. Foto: Screenshot Quotenqueen
Nichts als Spott und Zynismus für ein Gewaltopfer. Foto: Screenshot Quotenqueen
Wie tief kann ein Mensch sinken? Wann ist die Grenze erreicht, ab der man sich vom Menschsein verabschiedet und die tierischen Instinkte Oberhand gewinnen lässt?
„Student wäre lieber von Nazi niedergestochen worden“ – so der polemische Titel eines Artikels im bislang lediglich eingefleischten Pegida-Fans bekannten Blog „Quotenqueen“. „Überparteilich, unabhängig, unverkäuflich“ – mit diesen Attributen wirbt das der islamfeindlichen Hetzplattform Politically Incorrect und der Pegida-Bewegung nahe stehende Blog für sich. So unverhohlen, wie dort Werbung für rechte Parteien wie die AfD, die österreichische rechtspopulistische FPÖ, die ebenso ausgerichtete holländische Wilders-Partei für die Freiheit oder auch stramm rechte Medien wie die „Junge Freiheit“ gemacht wird, darf das allerdings stark bezweifelt werden. Besser passte nach kurzem Studium der Kernthemen „antiislamisch, rassistisch, linkenfeindlich“. Der erschwindelte tadellose Leumund bekommt schon gleich zu Beginn einen fetten Knacks: Der kritischen Überpüfung entzieht man sich. Das Blog besitzt weder ein Impressum noch sonst irgendeinen Hinweis auf den Herausgeber. Die angesprochene Klientel wird das freilich wenig interessieren.

Grundlage des erwähnten Artikels bildet ein Überfall einer Gruppe von Männern auf einen 29-jährigen Studenten in der Dresdner Neustadt am vergangenen Samstagmorgen. Gegen 4.20 Uhr war der junge Mann mit drei Freunden gegen 4.20 Uhr auf dem Heimweg von einer Party gewesen, als er vor einer Pizzeria in der Alaunstraße plötzlich unvermittelt von ca. sechs bis acht Männern angegriffen und nach seinen eigenen Angaben völlig grundlos verprügelt und niedergestochen worden war. Die Nacht endete für ihn im Krankenhaus. Bilanz: zweit Messerstiche im Rücken, Lungenquetschung, Schlüsselbeinprellung, weitere Blessuren. Das Opfer selbst, seine Begleiter sowie Zeugen beschreiben die Täter als „nordafrikanischer oder südländischer Abstammung“, das Pizzeria-Personal sprach laut Polizei von „Arabern“. Der Verletzte konnte zwischenzeitlich das Krankenhaus wieder verlassen. Die Täter konnten unerkannt fliehen, die Polizei ermittelt.

Dass solch ein Gewaltakt in meinem Viertel erschüttert und beunruhigt, ist verständlich. Doch was vorgeblich „unabhängige“ Sekundärmedien wie oben genanntes Blog damit machen, stellt all das noch in den Schatten. Unter dem Deckmantel vermeintlicher Unabhängigkeit wird sich völlig unverblümt über das Opfer lustig gemacht und an seinem Leid ergötzt: Sein Unglück könne man sich leider nicht aussuchen, spöttelt der unbekannte Autor über den Verletzten. Für „Quotenqueen“ ist klar: Die Täter waren „Araber“, der Geschädigte wird als „einfacher Besoffski“ verunglimpft und lächerlich gemacht. Die eigentliche Aussage, die sich hinter all dem verbirgt, lautet: Das hat er doch verdient, wenn er sich für die Musels einsetzt. Weil sich das Opfer öffentlich gegenüber verschiedenen Medien als Flüchtlingsunterstützer und Pegida-Gegner zu erkennen gegeben hat und sich betroffen zeigte, dass es ausgerechnet von Migranten angegriffen worden sei, landet es nun am islamfeindlichen Internetpranger. Der Gipfel der Unerträglichkeit ist dann die völlig an den Haaren herbeigezogene und absolut zynische Bemerkung, der Betroffene wäre dann doch lieber von einem Nazi niedergestochen worden.

Dass dieser Wahnsinn Methode hat, zeigen unzählige Facebook-Profile, in denen ähnliche Vorfälle akribisch „ausgewertet“, die Opfer verspottet werden. Notfalls greift man in Ermangelung echter Opfer krimineller Asylbewerber schon mal auf Gewaltopfer zurück, die sehr offensichtlich von Leuten aus den eigenen Reihen aufs Korn genommen wurden, wie das Beispiel des Freitaler Linken-Stadtrats Michael Richter zeigte. Richters Auto war am 27. Juli dieses Jahres vor dessen Freitaler Wohnhaus mit einem Sprengsatz in die Luft gejagt worden – weil er sich als Fraktionsvorsitzender seiner Partei im Stadtrat jener Stadt, die für ihre Anti-Asyl-Ausschreitungen bundesweite Bekanntheit erlangte, für die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen einsetzte. Im Anschluss weideten asylfeindliche Blogs und Facebook-Gruppen wie etwa die rechtsextreme Freitaler Bürgerwehr den Vorfall aus, verspotteten das Opfer und drohten ihm sogar öffentlich weitere Maßnahmen an. In Zwischenzeit hat es im September und Oktober weitere Anschläge gegeben – auf Richters Freitaler Parteibüro, das nach Vandalismus und einer Sprengstoffexplosion unbenutzbar ist.

Für die asylfeindliche Szene sind solche Fälle – insbesondere wenn Flüchtlingsaktivisten von Tätern mit Migrationshintergrund angegriffen werden – genau der Treibstoff, den man für Hetzkampagnen braucht. Unreflektiert wird sich die Geschichte dann zweckorientiert zurechtgebogen. Die Vermutung des Pizza-Personals, es handele sich bei den Dresdner Messerstechern um Araber, wird einseitig und ungeprüft übernommen, weil sie ins Konzept passt. Was dagegen nicht ins Konzept passt, sind die Aussagen der Zeugen, die zu Protokoll gaben, dass die Täter zwar südländisch wirkten, aber sehr gut Deutsch sprachen. Dies spricht wiederum keineswegs dafür, dass es sich bei den Gesuchten um Protagonisten aus der Gruppe der aktuell in Dresden aufgenommenen Kriegsflüchtlinge handelt, gegen die bei „Quotenqueen“ mit Vorliebe Stimmung gemacht wird. So wird die derzeitige Flüchtlingskrise dort als „sich anbahnende Katastrophe durch illegale Landnahme vor unserer Tür“ dargestellt und in absolut unhaltbarer Weise mit der seit Jahrzehnten fortgesetzten Landnahme der israelischen Religiösen in Palästina gleichgesetzt.

So unbegrenzt die Möglichkeiten des Internet für jeden Einzelnen, so bitter der Beigeschmack, den die Erkenntnis hinterlässt, dass diese eben auch radikalen und extremistischen Schreihälsen aller Couleur – von Nazis über Pegida bis Antifa – ihre Arbeit wesentlich erleichtern. Jeder kann sich an den Rechner setzen und seine „Wahrheiten“ in die Welt hinausposaunen. Und sei es, dass ungelernte Ich-AGler wie die von „Quotenqueen“ in Heimarbeit den Profis der „selbsternannten Qualitätsmedien“ erklären wollen, wie ihrer Ansicht nach „Qualitätsjournalismus“ geht. Im Ergebnis sieht der bei Quotenqueen dann so aus:

Welche Flüchtlinge sind jedoch hier in Massen auf dem Weg zu uns? Junge kräftige Männer, die absolut nicht den Eindruck machen, als dass sie der Hilfe besonders bedürften. Arbeitslose haben wir selbst genug und selbst Fachkräfte werden hier kaum gebraucht. Viele Fachkräfte verlassen das Land, weil sie sich im Ausland mehr Selbstbehalt ihres Einkommens erhoffen, weil im Ausland häufig die Steuer- und Sozialabgabenlast erträglicher ist.

Besser kann man nicht mehr zum Ausdruck bringen, dass man keine Ahnung hat und sich noch nie auch nur ansatzweise mit den hier ankommenden Flüchtlingen befasst hat, von denen viele eine Ausbildung oder sogar ein Studium abgeschlossen haben. Ahnung weder von unseren Gesetzen noch von unserem Steuersystem, den Steuersystemen anderswo in Europa noch von der Fachkräftesituation in unserem Land. Kaum irgendwo in Europa liegt der Eingangssteuersatz so niedrig wie bei uns (14 Prozent). Trotzdem nennt „Qotenqueen“ diese Steuersituation als einen legitimen Grund, dem Land den Rücken zu kehren und sich anderswo niederzulassen, wo man weniger Steuern zahlt. Man meint, sich zu erinnern, dass im Pegida-Jargon ein solches Verhalten auch gern mit dem Terminus „Wirtschaftsflüchtling“ beschrieben wird. Doch wenn’s der Deutsche macht, ist’s natürlich legitim. Wenn’s ein Algerier macht, nennt sich das „Asyltourismus“ und „Schmarotzertum“. Und so ist es gar nicht selten, dass Asylgegner selbst in ihrem Leben schon mehrfach Steuer- und Arbeitsasyl im Ausland in Anspruch nahmen. Die meisten davon im Steuerparadies Schweiz.
Wenn große Industrieunternehmen regelrechte Jobbörsen veranstalten und sich „Leckerli“ in Form von betriebseigener Kinderbetreuung bis hin zur Wohnungsbeschaffung überlegen, um irgendwie die benötigten Fachkräfte an Land zu ziehen – dann sollte das dem einen oder anderen vielleicht doch mal zu denken geben.

Was an all dem eigentlich am meisten ärgert ist, dass es für diese Art „Nachrichten“ einen wachsenden Markt zu geben scheint. Einen Markt für gefilterte, speziell auf bestimmte Meinungsspektren zugeschnittene Informationen, die kritischem Denken gezielt entgegensteuern, niedere Instinkte und Emotionen bedienen und auf diese Weise zur Herausbildung von Zellen aufgehetzter, potenziell handlungsbereiter Aktivisten führt. Man darf davon ausgehen, dass hier zunehmend eine Situation entsteht, die immer weiter außer Kontrolle geraten wird. Einfach deshalb, weil der Zugriff auf die Urheber durch Anonymität häufig erschwert wird und die Fülle an bereits existierenden Angeboten eine Kontrolle quasi unmöglich macht.

Was bleibt ist die Ernüchterung über die menschlichen Abgründe, die sich da auftun. Selbst Menschen, die einem nahe stehen, mit denen man bislang eigentlich gut zusammengearbeitet hat oder gar befreundet war, entpuppten sich plötzlich als Vollblut-Agitateure und Menschenverachter, die ihre gesamte Freizeit daran setzen, vermeintliche „Belege“ dafür ins Netz zu hacken, dass das Abendland kurz vor der Islamisierung und damit vor dem Untergang stehe. Menschen, mit denen man gestern noch Seite an Seite Projekte stemmte oder ein Bier trinken ging. DAS, nicht die Flüchtlinge, ist die wahre Tragödie unserer Zeit. Wie immer sind es die Krisensituationen, die das Wahre im Menschen hervorbringen. Und diese Wahrheit ist untrüglich, denn sie ist nicht fremdinduziert, sondern ein Spiegel der eigenen Sozialisierung.

Das Dresdner Messer-Opfer steht derweil weiterhin zu seinem Flüchtlingsengagement und wehrt sich vehement gegen eine Vereinnahmung seines Schicksals durch Pegida-nahe Akteure. Ein Appell, der schon im Nichts verpuffte, ehe er überhaupt ausgesprochen war.

Rassisten am Werk: Gift und Manipulation in täglichen Dosen

Manipulierte Grafik über die vermeintlichen realen Flüchtlingszahlen und -herkunftsländer auf der Facebook-Seite der selbst ernannten Freitaler Bürgerwehr. Quelle: Screenshot FB Bürgerwehr FTl/360
Manipulierte Grafik über die vermeintlichen realen Flüchtlingszahlen und -herkunftsländer auf der Facebook-Seite der selbst ernannten Freitaler Bürgerwehr. Quelle: Screenshot FB Bürgerwehr FTl/360

Hätte man von einer selbst ernannten „Bürgerwehr“ etwas anderes erwarten können, als dass sie derartige zusammengebastelte Machwerke „so stehen lassen“ und damit Unbedarften suggerieren, es handele sich um Fakten? Ich lasse das mal nicht so stehen, weil es schon förmlich nach Einordnung schreit.

Wenn man heute bei Google die Worte „Wo kommen die“ eingibt – was schlägt einem die Autovervollständigung da als Erstes vor?
1. Platz: „Wo kommen die Flüchtlinge her“
2. Platz: „Wo kommen die meisten Flüchtlinge her“

Es ist bezeichnend. Und beängstigend. Die Leute holen sich ihre „Wahrheiten“ offenbar tatsächlich vorrangig aus dem Netz. Und dort stößt man auf der Suche nach Infos zur Herkunft der Flüchtlinge ganz schnell auf dubiose Grafiken – meist manipulierte bzw. „angereicherte“ Statistiken offizieller Stellen, wie die oben gezeigte.

Zum Hintergrund: Die Freitaler Bürgerwehr gründete sich im April/Mai 2015 aus der Initiative „Freital wehrt sich – nein zum Hotelheim“ heraus, die seit Anfang März 2015 in der 40.000-Einwohner-Stadt vor den Toren Dresdens Demonstrationen und Widerstand gegen das parallel in einem ehemaligen Hotel eingerichtete Asylbewerberheim organisiert hatte. Die Initiative spaltete sich alsbald in einen gemäßigten Teil und einen „harten Kern“, dem die Demonstrationen und das Agitieren im Internet alsbald zu lasch wurden. Diese Leute rekrutieren sich fast ausnahmslos aus dem rechten politischen Spektrum, weisen Nähe zur NPD, zur offen neonazistisch auftretenden Partei „Die Rechte“, zu rechtsradikalen Kameradschaften und Musikern sowie zur rechtsextremen Hooligan-Szene auf. In der Asylfrage „glänzen“ diese Leute durch eine elemantare Ausländerfeindlichkeit und Menschenverachtung. Wer sich die Kommentare im Facebook-Profil der Gruppe durchließt, weiß, wovon die Rede ist. Quasi rund um die Uhr wird über vermeintliche Verbrechen oder Vergehen von Flüchtlingen „berichtet“, Menschen werden fotografiert und öffentlich an den Internet-Pranger gestellt, um Volkszorn und Hass zu schüren. Dass es sich um Menschen handelt, dass es in Deutschland ein Grund-, ein Asyl- und Menschenrechte gibt, scheint man dort noch nie verstanden zu haben. Doch zurück zur Grafik. Diese veröffentlichte die Bürgerwehr am 2. August 2015 auf ihrer Facebook-Seite. Unkommentiert. Und wohl auch aus gutem Grund.

Die Grafik trägt die reißerische Überschrift „Die ‚Kriegsflüchtling‘ Lüge“ (sic!). Im Untertext ist zu lesen: „Hier flüchtet NIEMAND vor einem aktuellen Krieg !“ (sic!).

Originalstatistik des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) über abgelehnte Asylbewerber vom Februar 2015. Quelle: Mopo24.
Originalstatistik des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) über abgelehnte Asylbewerber vom Februar 2015. Quelle: Mopo24.
SO sah die Grafik übrigens mal original aus, als die Morgenpost sie – wohlgemerkt im April 2015 – für einen Beitrag zur Veranschaulichung nutzte. In der nachträglichen Manipulation seitens der Asylgegner zum Zweck der Stimmungsmache wurden wesentliche Informationen wohlwissentlich einfach weggelassen. So zum Beispiel die Info, dass die Zahlen lediglich den Monat Februar 2015 abbildeten – einem Monat, in dem vergleichsweise wenige Flüchtlinge in Deutschland ankamen – was man natürlich nicht wissen kann, wenn man auf schnelle und möglichst eigene Ansichten bestätigende Wahrheiten aus dem Netz aus ist. Was vermutlich in Kreisen der Bürgerwehr aber auch niemanden wirklich interessieren dürfte. Denn die „Wahrheit“ hat sich längst verändert, ist nicht im Februar stehen geblieben, als vor allem jene Menschen es nach Deutschland überhaupt schafften, die in EU-nahen Regionen leben und damit weit weniger gefährliche und streckenmäßig weite Fluchten auf sich nehmen mussten – zumal im Winter. Aktuelle Zahlen für 2015 (Stand Juni) zeigen: Die absolute Mehrzahl der Asylanträge stellen mit mehr als 32000 längst Kriegsflüchtlinge aus Syrien, gefolgt von jenen aus dem Kosovo (28000), Albanien (22000) und Serbien (10000). Die nächsten Ränge belegen dann mit Irak, Afghanistan oder Pakistan schon wieder Nationen, die seit Jahren von blutigen Kriegen und Bürgrkriegen gebeutelt werden. Die Antragsflut vom Jahresbeginn aus Balkan-Ländern wie Mazedonien und Bosnien-Herzegowina ist dagegen im Jahresverlauf stark zurückgegangen. Die aktuellen Zahlen zeigen die tatsächliche Entwicklung, mit der sich natürlich weitaus weniger erfolgreich Stimmung gegen vermeintliche „Asylschmarotzer“ machen lässt:

Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge kamen im Juni 2015 22 Prozent aller Antragssteller aus Syrien – und damit die zweitgrößte Gruppe nach den „sonstigen Herunftsländern“ (28 Prozent). In den „Sonstigen-Block“ fallen alle die Staaten, aus denen weniger als ein Prozent der Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Aus dem Kosovo kamen dagegen gerade mal noch 4 Prozent aller Asylsuchenden. Im gesamten ersten Halbjahr 2015 hatten sie noch 18 Prozent aller Antragssteller gestellt. Hier wird der starke Rückgang des Zustroms aus diesem Land deutlich sichtbar – ein Zeichen dafür, dass längst ein „Lernprozess“ eingesetzt hat. Zugenommen haben dagegen die Flüchtlingsströme aus Kriegs- und Krisenländern wie Irak, Pakistan, Eritrea und Afghanistan.

Die Mehrzahl der Flüchtlinge kam im Juni 2015 aus Syrien. Quelle: BAMF
Die Mehrzahl der Flüchtlinge kam im Juni 2015 aus Syrien. Quelle: BAMF

Das zeigt uns: Das Datenmaterial, das die Bürgerwehr (und nicht nur die) zu propagandistischen Zwecken nutzt, ist zum einen verfälscht und zum anderen absolut veraltet.

Der nächste große Fauxpas, den sich die Asylgegner leisten, sind die Zustandsbeschreibungen in den jeweiligen Herunftsländern, die nachträglich farbig in die Grafik eingebracht wurden. Hier wird die Absicht, mögliche legitime Gründe für eine Flucht zu negieren, überdeutlich. Da wird allen Ernstes ein Unterschied gemacht, ob in einem Land ein Krieg, ein „Bürgerkrieg“ oder „nur regionale Konflikte“ toben. Um unter das deutsche Grundrecht auf Asyl überhaupt zu fallen, müsste also in einem Land dann schon ein Genozid gänzlich vollzogen worden sein – wobei dann ja auch niemand mehr da wäre, der flüchten könnte. Hier werden der ganze menschenverachtende Wahn und die geistigen Verrenkungen offenbar, die es anscheinend braucht, um sich die Umstände so zu drehen, dass man selbst als der moralisch Überlegene da steht und nicht erkennen muss, was der eigentliche Grund für dieses auf innerster Überzeugung gebaute Tun ist: Rassismus, geboren aus einem krankhaften Volkstumsgedanken heraus, der eine eigene Stärke und Überlegenheit suggerieren soll, nach der man vermutlich sein Leben lang vergeblich gesucht hat.

Faktencheck: Das sagt das Auswärtige Amt etwa zur Lage im Irak – ein Land, in dem die Asylfeinde „nur regionale Konflikte“ feststellen. Zitat:

Seitdem die terroristische Organisation ISIS Anfang Juni 2014 große Teile der Provinz Ninewa unter ihre Kontrolle gebracht hat und in weitere Teile der Provinz Salah Al-Din und in die Provinz Diyala vorgedrungen ist, muss dort weiterhin mit schweren Anschlägen und offenen bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen ISIS-Verbündeten und den irakischen Sicherheitskräften, regional-kurdischen Peschmerga, Milizen und auch mit US-Luftschlägen gerechnet werden. Seit Anfang August 2014 ist davon vor allem der Großraum Mossul betroffen. Diese Gefährdungslage gilt ebenfalls für die Provinz Anbar, in der terroristische Kräfte ihre Kontrolle ausbauen und es aktuell wieder zu größeren bewaffneten Auseinandersetzungen und Fluchtbewegungen kommt. In der Provinz Ta’mim kommt es regelmäßig zu Kämpfen zwischen terroristischen Gruppen und kurdischen Peschmerga.

Der Irak ist ein Land, in dem zwischen 2003 und 2009 ein furchtbarer, von westlichen Kräften gesteuerter Krieg getobt hat, der sämtliche ehemals vorhandenen zivilen und gesellschaftlichen Strukturen zerrüttet und beseitigt hat. In sieben der 18 Provinzen tobt heute ein blutiges Schlachten der Terrormiliz ISIS, die in das hinterlassene strukturelle Vakkuum geplatzt ist. Dieses Schlachten droht zudem permanent auf weitere Landesteile überzugreifen. Da möchte man die in aller Regel gut alkoholisierten, mit Monats-Abo im lokalen Fitnesscenter ausgestatteten Protagonisten einer Bürgerwehr ganz gerne fragen: Wölltet ihr in diesem Land leben? Oh – in Provinz A wird geschlachtet? Na dann flüchten Sie doch einfach nach Provinz H? Ob diese Leute überhaupt in der Lage sind, von ihrer gemütlich-spießigen deutschen Küchen-Essecke aus zu verstehen, dass ein ISIS nicht vor Provinzgrenzen haltmachen wird, ist mehr als fraglich.

Gut, dann eben diese dahergelaufenen „Glücksritter“ vom Balkan! Was wollen die bloß hier? Na klar: unseren schönen, deutschen Sozialstaat ausnutzen, sodass für deutsche Kinder und Rentner nichts mehr übrig bleibt. Deutsche Obdachlose werden weggeschickt, damit Platz für Kosovo-Albaner in einer Zeltstadt für Asylbewerber ist – ein unbegreiflicher Skandal!

Was mal wieder vergessen wird inmitten dieser völlig außer Kontrolle geratenen Stampede gegen Flüchtlinge in diesem Land: Kein Obdachloser muss in Deutschland an einer Zeltstadt anklopfen, um nachts ein Dach über dem Kopf zu haben. Eine traurige Wahrheit ist (und die kenne ich aus erster Hand aus dem Mund von Obdachlosen): Viele dieser Menschen leben mehr oder weniger freiwillig auf der Straße. Wer unbedingt wieder eine Wohnung haben will, kriegt die in aller Regel auch, wenn er sich aufrichtig bei den richtigen Stellen darum bemüht. Viele Betroffene aber haben mit Behörden abgeschlossen, wollen von niemandem abhängig sein, niemanden bitten müssen, keine Anträge stellen usw. Viele haben sich auch nach mehrfachem privatem Scheitern so weit aufgegeben, dass niemand sie mehr erreicht. Wer sich schon mal in einem Nachtcafé umgehört hat, weiß, wovon ich rede. Aber noch mal: Wer ein Dach überm Kopf und Essen will, der ist in Deutschland nicht auf eine Flüchtlingszeltstadt angewiesen, um hier mal die Verhältnismäßigkeiten wieder etwas gerade zu rücken. DORT kommen die hin, die auf nichts anderes Anspruch haben und die man einfach nur irgendwie und irgendwo unterbringen muss.

Warum kommen aber all die Menschen vom Balkan zu uns? Für Pegidisten und die Leute von der Freitaler Bürgerwehr ist klar: Alles Sozialschmarotzer – gerne auch Wirtschaftsflüchtlinge genannt. Das klingt weniger rassistisch, meint aber intern mittlerweile genau das.
Ein Blick in den Südosten zeigt: Besonders das Kosovo – wo vor Kurzem noch die meisten Flüchtlinge herkamen, gilt als „Armenhaus“ Europas. Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt dort 23 Prozent des EU-Durchschnitts. Warum ist das so? Wir erinnern uns: Vor gut 15 Jahren tobte im Kosovo noch ein erbitterte Bürgerkrieg mit Serbien, zu dem die Provinz einst gehörte. Die albanische Minderheit war lange Zeit diskriminiert und gegängelt worden. Seit sieben Jahren ist das Kosovo nun unabhängiger Staat – doch innerhalb Europas ist es noch immer ein Entwicklungsland. Noch immer gibt es hier K-For-Truppen und eine UN-Verwaltung, um den Frieden zu sichern. Integration von Minderheiten findet praktisch nicht statt. So ist besonders die Lage von Sinti und Roma in dem Land (wie auch überall sonst auf dem Balkan) prekär. Deren Situation hat sich im Kosovo vor allem ab 2010 wieder verschärft, als u.a. die Bundesrepublik nach der Unabhängigkeit des Kosovo 2008 mehr als 10000 Sinti und Roma, die während des Bürgerkrieges in Deutschland geduldet waren, schrittweise wieder zurückschickte – in ein Land, wo für sie noch nie Platz war und noch immer keiner ist. Nicht wenige von ihnen dürften heute mit der nächsten Generation im Arm wieder an deutsche Türen klopfen, nachdem sie zuvor Jahre hier gelebt hatten.

Hier also ausschließlich von „Wirtschaftsflüchtlingen“ oder „Asyltouristen“ zu sprechen, griffe viel zu kurz und hieße wesentliche andere Fluchtmotive einfach ignorieren. Das alles heißt nicht, dass diese Menschen nun einen Anspruch auf Asyl nach deutschem Asylrecht hätten – aber es öffnet eine Perspektive auf die Situation in ihrem Land und erklärt den Wunsch vor allem vieler junger Leute dort nach einer Perspektive und einem sicheren Leben, das man selbst gestalten kann. Doch genau dafür sind immer mehr Menschen in unserem so wohlhabenden Land blind, so scheint es. Und sie sind taub für wohldurchdachte Argumente.

Eins davon wäre zum Beispiel: Wie soll der Flüchtlingsstrom verhindert werden? Genau das wird häufig in markigen Worten von unserer Politik gefordert. Wollen wir wieder eine Mauer um Deutschland bauen? Wie hoch soll die werden? Wie tief unter die Erde soll sie reichen? Und wer soll das bezahlen? Doch nicht etwa unsere Kinder und Rentner? Und vor allem: Wofür das alles?
Wer immer mehr Länder zu sogenannten „sicheren Drittstaaten“ erklärt, wie in der Vergangenheit geschehen, wer immer mehr Zäune und Wälle errichten lässt, der bewirkt nur eins: nämlich dass das miese Geschäft der Schlepper und Schleuser regelrecht aufblüht. Die Menschen, die vor einer – wie auch immer gearteten – unerträglichen Situation in ihrer Heimat fliehen, wird es jedoch nicht aufhalten. Im Gegenteil: Es wird mehr Menschenleben kosten. Und es lässt einen erschaudern, wenn man sieht und hört, wie wenigen diese Gewissheit hierzulande offenbar auch nur eine müde Gefühlsregung abnötigt. Dank Pegida sind Menschenverachtung und Fremdenhass nun wieder hip. Man kann es förmlich hören, das befreite Räkeln, das vor allem durch die scheinbar verschlafenen Klein- und Kreisstädte in ländlichen Regionen geht. Mit Macht tritt dort nun zutage, was über Jahrzehnte hinweg im Verborgenen vor sich hin gähren konnte. Abgeschottet von der Welt und ihrer kulturellen Vielfalt konnten Spießbürgertum, Besitzstandsdenken und Volkstümelei offenbar selbst eine totale Niederlage und die Gleichmacherei eines SED-Staates überdauern. Und die nächste Generation saugt diesen vergifteten Nektar bereits begierig auf.