In Russland verboten, im Westen gefloppt: „Kind 44“ zeigt die Stalin-Ära ungeschminkt, scheitert aber an der grandiosen Vorlage.

Am 22. Oktober kommt die Hollywood-Verfilmung von Tom Rob Smiths Bestseller „Kind 44“ in den deutschen Handel. Bereits im Juni enterte die millionenschwere Produktion die deutschen Kinos. Voll Erwartung, was Daniel Espinosa aus dem spannenden und äußerst authentischen Original über den Terror der Stalin-Ära in der Sowjetunion gemacht haben würde, tauschte ich die rustikale Holzbank der Kurilka gegen den weichen Sessel eines Multiplex-Kinos, um mir ein Bild zu machen. Im Ergebnis standen gemischte Eindrücke.

Ehe es ans Eingemachte geht, muss zur Einordnung des Films eines festgehalten werden: „Kind 44“ ist definitiv einer von nur wenigen Filmen, die den Finger derart in eine Wunde legen, die seit Jahrzehnten in der russischen Seele schwärt. Heilung hat sie bis heute nicht erfahren. Nach verschiedenen Schätzungen zehn bis 20 Millionen Menschen, eigene Landsleute, hat Josef Stalin in den fast 30 Jahren seiner Alleinherrschaft in der Sowjetunion liquidiert und in den Tod getrieben, bis zu 40 Millionen kehrten nach Jahren in der Knochenmühle der Gulags dauerhaft seelisch gemordet zurück. Allein während der Zeit des „Großen Terrors“ in den Jahren 1936 bis 1938 ließ der „Generalissimus“ fast 800000 Menschen erschießen. Dennoch hält die Hälfte der Russen Stalin noch heute für einen Helden, zumindest aber für einen großen Staatsmann. Das macht einen Film wie „Kind 44“ wichtig – auch wenn er gerade in jenem Land, das just in diesen Tagen mehr denn je diesen kleinen Realitätscheck hätte gut gebrauchen können, kaum jemanden erreicht haben dürfte: Wladimir Putin ließ den Streifen in Russland kurzerhand verbieten.

Trotz (oder vielleicht gerade wegen?) seiner starken politischen Botschaft ist der Film an den Kinokassen ein absoluter Flop – auch in seiner US-Amerikanischen Heimat, wo er hohe zweistellige Millionenverluste einspielte. Als ich ihn im Juni im Kino sah, saß ich mit vier weiteren Leuten in dem riesigen Saal. Stalinismus und Kalter Krieg scheinen offenbar in den Köpfen weniger verankert als etwa Erster oder Zweiter Weltkrieg. Und das, obwohl Erstere – zusammengefasst als eigene Epoche – mit beinahe 70 Jahren weit länger währten und mit weltweit geschätzten 20 bis 30 Millionen Todesopfern (Vietnamkrieg und Koreakrieg als „heiße“ Stellvertreterkonflikte des Kalten Krieges mitgerechnet) sogar teilweise mehr Opfer forderten als etwa der lediglich vier Jahre dauernde Erste Weltrieg (17 Millionen Tote) oder der Zweite Weltkrieg (5,5 Jahre, 60 Millionen Tote).

Viel Feind, viel Ehr mochte man (wohl-)meinen. Doch bei genauem Betrachten enttäuscht „Kind 44“ zwar nicht auf der ganzen Linie, aber doch spürbar – was nicht heißt, dass er nicht auch seine starken Momente hat. Den gleichnamigen Bestseller von Tom Rob Smith zur Vorlage, nimmt Regisseur Daniel Espinosa den Zuschauer mit in die Sowjetunion der Stalinzeit, genau gesagt ins Jahr 1953: Angst regiert das Land. Die Angst davor, dem falschen Menschen zu vertrauen. Wer anders ist, macht sich potenziell verdächtigt. Wer nicht denunziert, läuft Gefahr, selbst denunziert und als Verräter hingerichtet zu werden. Schuld oder Unschuld sind Hülsen ohne jede Bedeutung. Schwer und düster lastet die Angst, fahl und finster zeichnet Espinosa die Gesichter der Menschen in ihrem Überlebenskampf. Es sind die besten Momente dieses Films: die Atmosphäre dieser furchtbaren Epoche der Gewalt und der Willkür, die dem Zuschauer in jede Pore kriecht – großartig! Auch, wenn der Höhepunkt des Stalin-Terrors sicherlich nicht gegen Ende seiner Herrschaft anzusiedeln ist, sondern im „großen Terror“ um die 15 Jahre eher – der Film erfindet nicht und übertreibt auch nicht: Er zeigt Stalins Russland so, wie es auch wirklich war.

Wer beim MGB – dem gefürchteten Ministerium für Staatssicherheit und Vorgänger des KGB – arbeitet, ist es gewohnt, zu foltern, ganze Familien ans Messer zu liefern. Mitleid gibt es nicht. So einer ist Leo Demidow. Im Film – wie auch im Buch, an dessen Plot sich Espinosa nicht durchweg hält – entspricht Leo Demidow jenem Mann, der nach dem Sieg über Deutschland in Berlin auf dem Reichstag fürs Propagandafoto die sowjetische Fahne hisst (tatsächlich wurde für diese Rolle damals eigens Meliton Kantaria ausgesucht – ein Sergeant der Roten Armee, ebenfalls wie Stalin aus Georgien stammend). Aus dem verstörten Waisenjungen, der während der von Stalin zur Ausrottung des ukrainischen Volkes herbeigeführten Hungersnot, dem Holodomor, zu Beginn der 30er-Jahre Schreckliches durchmachte, seine Familie verlor und selbst nur knapp überlebte, war ein hoch dekorierter Kriegsheld geworden. Aufgewachsen im respressiven Stalin-Regime, hat Demidow (gespielt von Tom Hardy) nie gelernt, zu hinterfragen. Er führt Befehle aus – bis eines Tages seine schöne Frau (Noomi Rapace) ins Fadenkreuz gerät – und Leo vor die Wahl gestellt wird: entweder sie denunzieren, oder ihrer beider und das Leben seiner Eltern aufs Spiel setzen.

Der Film hat ein Riesen-Problem: Es gelingt nicht, glaubwürdig die Handlungsantriebe herauszuarbeiten, die die Hauptfigur des Leo dazu bringen, plötzlich sein Herz für das Leid anderer Menschen zu entdecken. War er gerade noch hartherzig und skrupellos, schwingt er sich im Verlauf des Films zum wahren Frontreiter der Gerechtigkeit auf. Ein Mann, der den Anblick des Todes, auch toter Kinder, kennt, der den Geist des Systems wie kaum ein Zweiter verinnerlicht hat. Wie kann das möglich sein in einem System, in dem das Liquidieren von Gegnern und unbequemen Menschen ebenso wie unbedingter Gehorsam grundlegende Bedingung für den Aufstieg innerhalb der Nomenklatura war? Nicht dass es gänzlich gänzlich auszuschließen wäre. Allein, es fehlt ein schlüssiges Motiv für den plötzlichen Sinneswandel. Der Umstand, dass sein Freund unmittelbar von einer grausamen Tat betroffen ist, kann als alleiniger Auslöser nicht tragen, denn Tom Rob Smith erzählt uns über den Alltag im Stalinismus Folgendes: Selbst deine engsten Angehörigen konnten dich jederzeit denunzieren und in den Tod schicken, niemandem durfte man trauen. Und nun gilt es auch noch, eine Mordserie an 44 Kindern zu lösen – in einem Land, in dem es offiziell keine Verbrechen gibt. Ein ganz heißes Eisen also, denn Morde sind im Stalin’schen Mikrokosmos allein Produkt kapitalistischer Umtriebe. Und so finden sich denn Leo und seine Frau Raissa, die den Mörder trotz aller Risiken auf eigene Faust finden wollen, auch alsbald auf der Abschussliste des MGB wieder.

Noomi Rapace als Raissa war übrigens für mich die größte Enttäuschung am gesamten Film – und das, obwohl ich sie sonst wirklich gerne sehe. Blass und unscheinbar bleibt die Frau, die im Buch noch so bewundernswert energisch gegen ihren skrupellosen Mann aufbegehrte, den sie einst aus Angst, nicht etwa aus Liebe heiratete. Diesen Schlüsselkonflikt der beiden ertränkt der Film in einer Welle von Sentiment und flachen Dialogen, die völlig fehl am Platze wirken. Glaubte man dem Buch noch, dass Raissa es mit ihrer Mischung aus Schutzlosigkeit und innerer Stärke gewesen sein mochte, die Leo zu Verstand brachte, fehlt dem Film dieses Moment völlig. Dazu kommt, dass mir persönlich die deutsche Synchronstimme Rapaces einfach nur auf die Nerven ging. Passte die verbrauchte Reibeisen-Röhre von Sandra Schwittau in „Verblendung“ auf Rapaces Rolle noch wie die Faust aufs Auge, trägt sie in „Kind 44“ wesentlich mit dazu bei, dass der Charakter der Raissa, diese stille und doch so kluge, starke, aber eben auch feinfühlige Frau, die das Buch vorgibt, einfach nicht rüberkommen will. Schwittau gibt ihr stattdessen eine aufgekratzte, schräge Sprache, die einfach nicht passen will.
Ungewöhnlich und durchaus sympathisch gerade für einen Hollywood-Streifen ist hingegen, dass der gesamte Film fast völlig ohne Sex auskommt – eine absolute Rarität für eine Produktion der Glitzerschmiede, die gemeinhin dafür berühmt-berüchtigt ist, selbst in den grauenhaftesten Weltuntergangsszenarien noch eine heiße Bettszene einstreuen zu müssen. So bleibt „Kind 44“ in angenehmer Weise auf das Wesentliche reduziert: Angst. Angst und Grauen.

Ein Hauptkritikpunkt, den sich der Film allerdings gefallen lassen muss, ist, dass ausgerechnet er, der hier wahrlich grandios mit Bildern hätte arbeiten können, auf die historische Einordnung der Handlung fast völlig verzichtet. Die Szenen, die im Buch auf den Tod Stalins im März 1953 Bezug nehmen, lässt er vollends außen vor. Der Tod des Diktators – er findet im Film einfach nicht statt. Erst gegen Ende, als Demidow, der zwischenzeitlich mehrfach dem Tod von der Schippe gesprungen ist, quasi rehabilitiert wird, fällt endlich der erlösende Satz: „Jetzt herrschen andere Zeiten“. Dennoch muss sich der historisch unbedarfte Zuschauer selbst zusammenreimen, was denn damit nun genau gemeint ist.

Wenig Glaubwürdigkeit versprühen zudem die eklatanten Wissenslücken hinsichtlich der Besonderheiten russischer Namensgebung. Da wird aus Jura Alexejewitsch Andrejew (der Sohn von Leos bestem Freund Alexej Andrejew und „Kind 44“) Jura Alexej Andrejewitsch. Es scheint banal – und kann doch viel kaputt machen, weil es einfach offenbart, dass die Besonderheiten russischer Kultur nicht bis zu Ende recherchiert bzw. vernachlässigt wurden.

Im letzten Drittel des Filmes überstürzen sich zunehmend die Ereignisse. Teilweise hat man regelrecht Mühe, zu folgen, ohne den Faden zu verlieren. Trotzdem ist der Film durchaus sehenswert – schon wegen der politischen und menschlichen Botschaft, die er trägt. Bis zuletzt bleibt es zudem (für die, die das Buch nicht kennen) spannend, der Serienmörder ein Phantom. Das Ende sollte eigentlich ein Paukenschlag sein – so war es zumindest im Buch. Doch im Film verpufft der Umstand, dass der Mörder Leos seit der Hungersnot verschollener jüngerer Bruder Andrej ist. Denn im gesamten Film wurde sich nicht die Mühe gemacht, auf die Geschichte der beiden und die unmittelbar auslösenden traumatischen Erfahrungen Andrejs mit Hunger und Kanibalismus in Jugendtagen hinzuweisen – als selbst andere Menschen zu essen, um zu überleben, Alltag war.

Schade, muss man insgesamt konstatieren. Ein wichtiges und vor allem viel zu selten filmisch besprochenes Thema, toll inszeniert mit großartigen Bildern. Aber auch eine Vorlage, an der Daniel Espinosa spürbar verzweifelt ist. Und am Ende fragt man sich, warum Wladimir Putin eigentlich solche Angst vor diesem Film hatte, in dem der Massenmörder im Grunde nicht mal eine Nebenrolle innehat: Weder wird er überhaupt gezeigt noch zitiert oder sonst irgendwie in die Handlung einbezogen. Schon irgendwie ein Armutszeugnis – für den Film und auch für Putin.

Fazit: Sechs Sterne auf einer Skala von 1 bis 10 für die künstlerische Umsetzung, aufgrund des wichtigen Themas Kaufempfehlung.

Druschba bis zum bitteren Ende? Ohnmacht und schlechtes Gewissen verklären den Blick auf die Krise in der Ukraine..

Ein hervorragender Artikel zur Krise in der Ukraine, der einige unschöne Wahrheiten sowohl für Deutschland, den „Westen“ als auch den Autokraten in Moskau parat hält, erschien am Donnerstag in der ZEIT. Der Leitartikel „Wie Putin spaltet – Woran liegt es, dass so viele Bürger die Krimkrise ganz anders beurteilen als Politik und Medien?“ von Bernd Ulrich (Titel u. weiter auf S. 2) ist wahrlich beeindruckend. Keiner hat bislang so offen und ehrlich die Gründe für die derzeit scheinbar schwer zu fassenden Meinungsbildungsprozesse zum Thema in Deutschland und das Dilemma der Medien diesbezüglich benannt. Und mir – im Zug sitzend – entschlüpfte unvermittelt ein lautes „Endlich sagt’s mal einer!“, das prompt von einem jovialen „Genau!“ aus den Sitzreihen vor mir quittiert wurde.

„Hier wurden offenbar Erfahrungen von Ohnmacht und Anmaßung gemacht, die so fundamental sind, dass sie selbst einen Wladimir Putin als diskutable Figur erscheinen lassen“

Auslöser für den Artikel war im Vorfeld eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Forsa gewesen, die die Deutsch-Russische Außenhandelskammer (!) in Auftrag gegeben hatte. Darin hatten sich 69 Prozent der Deutschen gegen Wirtschaftssanktionen gegen Russland ausgesprochen. Doch auch wenn wirtschaftliche Ängste sicher eine bedeutende Rolle spielen, sich in der aktuellen Krise möglichst passiv und russlandfreundlich verhalten zu wollen, wie nicht zuletzt der anbiedernde Auftritt von Siemens-Chef Joe Kaeser in Moskau vor einigen Wochen zeigte – andere Gründe könnten von weit bedeutsamerer Tragweite sein.

Ulrich sieht die Anmaßung des Westens, insbesondere der USA und Brüssels, aber auch die deutsch-russische Geschichte als Hauptgründe dafür, dass die Deutschen in so großer Zahl die Frontbildung der westlichen Politik gegen Moskau skeptisch bis kritisch sehen. „Hier wurden offenbar Erfahrungen von Ohnmacht und Anmaßung gemacht, die so fundamental sind, dass sie selbst einen Wladimir Putin als diskutable Figur erscheinen lassen“, so Ulrich, der insbesondere Bezug auf die Kriege im Irak und in Afghanistan nimmt, aber auch die NSA-Spähaffaire, die von Deutschland alle mehr oder weniger mitgetragen wurden. Viele Menschen erkannten demzufolge in Putin endlich einen „starken Mann“, der nun den naseweisen Westen in seine Schranken weist, der „aufmuckt“ und den ganzen verhassten Trott nicht mehr mitmacht.

„Tatsächlich […] wird die Legitimität des Völkerrechts offensiv infrage gestellt, die von Putins nationalistisch-imperialer Ideologie aber ernstlich erwogen. Man übernimmt das Gerede von ‚russischer Erde‘, als wäre so etwas heute noch ein valides Argument. (Würde jemals wieder von deutscher Erde geredet – was Gott verhüten möge -, dann wäre hier – hoffentlich – die Hölle los).“

Doch Ulrich lässt das eben – anders als andere – nicht einfach so unkommentiert stehen, sondern er zeigt konsequenterwerweise die katastrophalen Folgen auf, zu denen dieses Ohnmachtsgefühl auch hierzulande führt: „Tatsächlich […] wird die Legitimität des Völkerrechts offensiv infrage gestellt, die von Putins nationalistisch-imperialer Ideologie aber ernstlich erwogen. Man übernimmt das Gerede von ‚russischer Erde‘, als wäre so etwas heute noch ein valides Argument. (Würde jemals wieder von deutscher Erde geredet – was Gott verhüten möge -, dann wäre hier – hoffentlich – die Hölle los).“ Und Ulrich hat recht. Es gibt keine bedrohlichere Triebfeder für Veränderungen als ein Gefühl von Ohnmacht. Dieses Gefühl war einst ausschlaggebend für den Aufstieg der Nationalsozialisten in den späten 20ern/frühen 30ern, als Deutschland am Tiefpunkt sowohl seiner moralischen als auch wirtschaftlichen Stärke angekommen und die für die innere Stabilität so wichtige Identität des Volkes durch die Niederlage von 1918 und die Antragung der alleinigen Schuld am Ersten Weltkrieg sowie die damit verbundenen Gebietsverluste und wirtschaftlichen Sanktionen in ihren Grundfesten erschüttert war. Und es war ausschlaggebend für zahlreiche schwerwiegende Umbrüche wie die französische oder die Oktoberrevolution. Es hält den Nahostkonflikt am Schwelen und es war verantwortlich für die politischen Unruhen in Nordafrika.

Auch viele Russen kennen das Gefühl. Nur übersetzen in Russland viele Menschen diese Ohnmacht erstaunlicherweise nicht in Energie, die gegen das eigene repressive System gerichtet ist, sondern in solche, die die Wiederherstellung der alten, noch weitaus repressiveren Machtverhältnisse zu Sowjetzeiten anstrebt.

Ulrich spricht auch harte Wahrheiten an: Viele Menschen in Europa waren nicht begeistert von den Bestrebungen der EU, mit der Ukraine „noch so ein Hungerleiderland voller primitiver Krimineller“ wie Griechenland, Bulgarien & Co. (Von MIR frei zitiert nach Hörensagen!) näher an sich zu binden, und fühlten sich von Brüssel bevormundet. Tatsächlich spricht daraus ein alter, ungesunder Geist von Überheblichkeit, Überlegenheit und Nationalismus, den man sich besser nicht zurückwünschen sollte.

Und noch etwas Wichtiges bleibt Ulrich nicht verborgen: Die Nebenrolle, die der sowjetische Anteil am Sieg über den Hitlerfaschismus insbesondere in Westdeutschland über Jahrzehnte in der dortigen Gedenkkultur einnahm. Das hat Wunden hinterlassen, die jeder zu spüren bekommt, der sich heute mit dem Thema irgendwie befasst. Ein „schlechtes Gewissen“ – so Ulrich weiter – führe nun dazu, dass man Moskau eine gewisse „Einflusszone“ zugestehe, da sie ja „durch den Verlust ihres Sowjetimperiums schon genug gekränkt und gestraft“ worden seien.

„Ein wenig erinnert diese Gemengelage an Schuld ans Jahr 1989. Da haben viele westdeutsche Linke auch gesagt, die deutsche Teilung müsse bestehen bleiben, sie sei eben die Strafe für Auschwitz. Das Argument hatte allerdings diese kleine, verlogene Pointe: dass allein die Ostdeutschen diese Strafe der Geschichte abzusitzen hatten.““

„Ein wenig erinnert diese Gemengelage an Schuld ans Jahr 1989“, resümiert der Autor. „Da haben viele westdeutsche Linke auch gesagt, die deutsche Teilung müsse bestehen bleiben, sie sei eben die Strafe für Auschwitz. Das Argument hatte allerdings diese kleine, verlogene Pointe: dass allein die Ostdeutschen diese Strafe der Geschichte abzusitzen hatten.“ Heute werde erneut mit Blick auf deutsche Schuld (am Zweiten Weltkrieg) einem anderen Volk das Recht auf Selbstbestimmung abgesprochen: den Ukrainern. „Sollen sie nicht in die EU dürfen, weil die Deutschen, zu Recht, gegenüber den Russen ein schlechtes Gewissen haben?“, fragt Ulrich. „Dass Deutsche und Russen abermals über das Schicksal der Ukraine entscheiden, wäre ein perverser Lerneffekt aus der GEschichte dieses Landes, das unter beiden Nationen wie kein anderes gelitten hat.“
Ulrich nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er von den Bequemlichkeiten hierzulande schreibt, wenn es um Sanktionen gegen Russland geht. „Soll Frieren für die Ukraine dem Westen schon zu viel sein? Suchen wir nach Argumenten, um nichts tun und nichts riskieren zu müssen?“

Sieht aus, als wären wir in Deutschland auf einem besorgniserregenden Kurs. Land und Gesellschaft sind an einem Punkt angekommen, da Verstöße gegen das Völkerrecht quasi als „völlig normal“ und „gegeben“ hingenommen und teilweise sogar befürwortet werden, solange sie geeignet erscheinen, eigenen Interessen Nachdruck zu verleihen oder politischen Gegenstimmen im eigenen Land einen Schlag zu versetzen. Dass es hier zu allererst um die Rechte eines Volkes geht, dem gegenüber gerade wir als Deutsche nach wie vor eine erhebliche historische Verantwortung haben und das sich Übergriffen eines ungleich stärkeren Nachbarn ausgesetzt sieht, gerät dabei erschreckenderweise zur Nebensache.

Dabei kann und DARF es nicht darum gehen, was die Regierung in Kiew vielleicht alles falsch gemacht hat, denn das rechtfertigte längst kein aggressives Einmischen Russlands. Keine Regierung in Kiew hat sich jemals in die nationalen Belange Russlands eingemischt oder Russland bedroht. Im Gegenteil: Dank Russlands Einfluss konnten autoritäre Staatschefs wie Leonid Kutschma und zuletzt wieder Viktor Janukowitsch in der Ukraine ihren Machtbereich immer weiter ausdehnen, das Land in alte Abhängigkeitsstrukturen von Moskau zurückführen und es so Stück für Stück zugrunde wirtschaften. Mit den Folgen hat nun eine Regierung zu kämpfen, die dieser Aufgabe anscheinend nicht gewachsen ist.
Weder die Ukraine noch Deutschland, die EU oder die USA stehen derzeit mit mehr als 40000 bis an die Zähne bewaffneten Soldaten in bzw. an der Grenze zur Ukraine – einem souveränem Land. Und nur weil die USA und Deutschland in Afghanistan so ziemlich alles falsch gemacht haben (beim Einmarsch angefangen), was man falsch machen konnte, gibt das Russland kein Recht, zulasten der Ukraine seine Großmachtphantasien auszuleben.