Dresden, deine Sowjetarmisten…

Ein Licht für das Dunkel der Vergangenheit. Foto: Heike Richter
Es ist noch immer ein seltsames Gefühl. Für jemanden, der die Zeit der sowjetischen Besatzung zwar nur als Kind, sehr wohl aber bewusst miterlebt hat, die Einschränkungen gespürt hat, die diese für die Menschen in Dresden mit sich brachte, und auch die fremde Kultur der Härte und des Misstrauens – für den wird es wohl immer ein leichtes Prickeln im Nacken mit sich bringen, wenn er auf einem sowjetischen Friedhof steht und der dort begrabenen Toten gedenkt, die während genau dieser Zeit ums Leben kamen. Dennoch ist die Auseinandersetzung mit dieser Zeit, mit diesen Menschen, für mich zu einer Art Lebensaufgabe geworden, stellt sie doch nicht zuletzt auch eine Brücke in meine ganz persönliche Vergangenheit dar. Der Sowjetische Garnisonfriedhof ist somit kein Ort des Todes, sondern von Geschichte, wie sie lebendiger nicht sein könnte.

Und je länger man sich mit dieser vielmals nur als eine finstere Zeit der Unfreiheit, der Scham und der Ohnmacht empfundenen, 50 Jahre währenden Epoche auseinandersetzt, desto mehr staunt man darüber, wie sie zunehmend an Finsternis verliert, im Lichte wiederkehrender Erinnerung. Es sind da eben nicht mehr nur die diffusen Wahrnehmungen „der Russen“ als restriktive Ordnungsmacht, sondern die Ordnungsmacht bekommt Gesichter, Namen, die irgendwann wieder aus den Tiefen des Gedächtnisses auftauchen, bis hin zu einzelnen Worten, einem Lächeln, einem Geschenk, die man längst vergessen hatte. Wo vor Jahren noch ein Loch klaffte, eine verstörende Lücke in der eigenen Biografie, die entstand, als nach der Wende alles das, was zuvor war, mit Schamhaftigkeit, Schwäche und Rückständigkeit assoziiert wurde, findet die Vergangenheit endlich einen würdigen Platz – in der Erinnerung, und auch im täglichen Tun und Streben, ohne dass sie dabei den Ton angäbe.

Es nützt nichts, die Vergangenheit ausblenden, sie vergessen zu wollen, nur weil sie schwere Zeiten parat hielt. Die Zeiten waren für die vielen jungen Soldaten, die heute auf dem Nordflügel des Garnisonfriedhofes begraben liegen, keinesfalls weniger schwer als für uns. Diese Erkenntnis erfordert Überwindung, aber sie ist notwendig. Sie gibt den Menschen jenes Stück Würde zurück, das ihnen damals genommen wurde. Auch sie waren nicht frei. Wie wir.

Dresden, deine Sowjetarmisten. Es wäre ein Neuanfang in der Dresdner Gedenkkultur. Einen ersten Schritt dahin wagt der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit seiner Gedenkveranstaltung, die am 23. Februar bereits zum zweiten Mal stattfand.

Von rechts: Stadtrat Torsten Schulze (Grüne), Stadtrat Martin Bertram (SPD, 3. v. rechts). Foto: Heike Richter
35 Gäste aus Politik, Vereinsleben und Gesellschaft waren anwesend, darunter die Vizepräsidentin des sächsischen Landtages, der Kommandeur der Offizierschule der Bundeswehr, eine Vertretung des kasachischen Honorarkonsulates und ein russischer Weltkriegsveteran, dessen ganzes Streben der Aussöhnung zwischen Deutschen und Russen gilt. Erinnerungen an sowjetische Soldaten hat jeder von ihnen. Und selbst die, die sie nicht haben, wissen den Wert von Zeitzeugnissen, die ihnen Zugang zu unserer Vergangenheit verschaffen, umso mehr zu schätzen.
Viktor Maximow kämpfte im Zweiten Weltkrieg als Offizier in Reihen der Roten Armee gegen die Deutschen. Seit vielen Jahren setzt er sich für eine Aussöhnung zwischen beiden Völkern ein und hilft mit deutscher Unterstützung Kriegsveteranen in Russland.

Und so bewegte es alle Anwesenden besonders, als der 89-jährige Viktor Maximow, der selbst noch als Offizier im Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen kämpfte und später in einem Buch beschrieb, wie das anfängliche Gefühl des Hasses immer mehr dem Wunsch nach Versöhnung und Vergebung wich, spontan das Wort ergriff und dem anwesenden Kommandeur der Offizierschule der Bundeswehr, Brigadegeneral Jürgen Weigt, für sein Engagement für den Erhalt des Nordflügels dankte.

Der 23. Februar – ein Tag, an dem auf dem Sowjetischen Garnisonfriedhof viele Jahrzehnte lang der Gründung der Roten Armee im Jahr 1918 gedacht wurde. Nun wollen wir diese Tradition keinesfalls fortführen.

Blumen für die Toten - und die Hoffnung auf einen respektvolleren Umgang mit den Zeugnissen unserer Vergangenheit. Im Vordergrund: Alevtina Böttner, Honorarkonsulat der Republik Kasachstan.
Die Helden der Oktoberrevolution, des Bürgerkrieges in der jungen Sowjetunion – es sind nicht unsere Helden. Und doch bildet der 23. Februar einen wichtigen Anknüpfungspunkt für die Menschen hier, die lange Zeit mit der Sowjetarmee Tür an Tür lebten. Hier kann es kein starres, rückwärtsgewandtes Gedenken geben, das an alten sowjetischen Traditionen orientiert. Nicht, wenn das Ziel sein soll, die zukünftigen Generationen für 50 Jahre sowjetische Präsenz in Dresden zu interessieren, die all dies nie selbst erlebt haben. Hier muss ein Gedenken stattfinden, das mehr einem geöffneten Fenster in die Vergangenheit gleicht, das gleichzeitig erklärt, in Beziehung setzt, Indentifikation stiftet.

Nichts stiftet wiederum mehr Identifikation als das Übertragen persönlicher Verantwortung. Verantwortung beispielsweise für den Erhalt wichtiger Zeitdokumente, die über jene Tage Zeugnis ablegen. Und deshalb ist der 23. Februar für den Volksbund und damit den Freundeskreis Sowjetischer Garnisonfriedhof auch klar mit dem Auftrag an Politik und Gesellschaft verknüpft, sich ihrer Verantwortung für die folgenden Generationen bewusst zu werden und auch die Zeitzeugnisse der Besatzungsjahre nicht wirtschaftlichen Planspielen zu opfern. Damit auch in vielen Jahren noch Angehörige der Toten einen Ort zum Trauern und die Dresdner einen Ort haben, an dem sie sich erinnern oder Geschichte hautnah erleben können. In seiner Gedenkrede hätte es der sächsische Volksbund-Landesvize Holger Hase besser nicht auf den Punkt bringen können als mit dem berühmten Zitat Charles de Gaulles: „Die Kultur eines Volkes erkennt man an seinem Umgang mit den Toten.“

Der stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge fand deutliche Worte zur geplanten Zerstörung des Nordflügels des Sowjetischen Garnisonfriedhofes.
Die Dresdner Rathauspfeifer und ein Ensemble des Chores der russisch-orthodoxen Gemeinde zu Dresden setzten im gemeinsamen Rahmenprogramm russische und deutsche Akzente.

Fotos 3-6: Jane Jannke

Update: Schutz des Zivilteils des Garnisonfriedhofes vor Abriss und Umgestaltung.

Eine Eingabe zur Ausweitung des Denkmalschutzes für den Garnisonfriedhof von der Kriegsgräberstätte auf den Nordflügel ging im September 2010 an das Sächsische Landesamt für Denkmalpflege. Darin wurde geschildert, wie wichtig der Erhalt eines zeithistorisch in Dresden einmaligen Ortes ist und dass eine Trennung in Kriegsgräberstätte und „Zivilteil“, wie es im offiziellen Behördendeutsch der Fall ist, unsinnig ist, da die Linie zwischen Kriegsgräber und Nichtkriegsgräber selbst auf der unter Denkmalschutz stehenden Kriegsgräberstätte im Zickzack verläuft.
Im April erfuhr der zwischenzeitlich gegründete Freundeskreis Sowjetischer Garnisonfriedhof in Dresden aus einer Antwort der sächsischen Staatsregierung an die anfragende Linksfraktion im Landtag, dass das Landesamt für Denkmalpflege bereits im November 2011 dieses Ersuchen positiv beschieden und die Anpassung der Liste der Dresdner Kulturdenkmäler um den Nordflügel beschlossen hatte. Der Freistaat Sachsen informierte über diese Entscheidung weder den Freundeskreis als Antragssteller noch das Deutsch-Russische Kulturinstitut, das sich seit 1993 um den Garnisonfriedhof bemüht und eigentlich auch bei den Gesprächen über die Zukunft des Nordflügels mit am Tisch sitzen sollte. An das Sächsische Immobilien- und Baumangement (SIB) als verantwortliche Institution für die Umgestaltungspläne, die den Abriss der Grabmale vorsehen, gab das Landesamt für Denkmalpflege diese für den Umgestaltungsprozess essenziell wichtige Information nach SIB-Angaben erst Mitte März 2011 weiter.

Im Gespräch zwischen Vertretern des SIB und dem Freundeskreis, dem auch zwei Mitglieder des Deutsch-Russischen Kulturinstitutes angehören, am 12. Mai 2011 war die Verachtung des Freistaates für das bürgerschaftliche Engagement des Freundeskreises zum Erhalt des Nordflügels unüberhörbar. Unter anderem attestierte man mir als für den Freundeskreis anwesende Journalistin unlautere Methoden („wahrscheinlich haben sie da irgendwo ein Tonbandgerät mitlaufen“) und machte den Freundeskreis offen dafür verantwortlich, dass die Umgestaltungspläne bis heute nicht von der russischen Seite abgesegnet seien und durch den veränderten Denkmalschutzstatus zusätzlich ins Stocken gerieten. Die russische Seite, der derzeit der aktuelle Entwurf für den Nordflügel zur Prüfung vorliegt, wurde über diesen veränderten Status bis heute nicht informiert. Auf Anfragen reagiert der SIB ausweichend.
Man warf uns in Geheimdienst-Manier Fotos unseres am 30. April stattgefundenen Arbeitseinsatzes auf dem Nordflügel auf den Tisch und meinte, dies sei gesetzeswidrig gewesen. Wir hatten den Arbeitseinsatz initiiert, weil der 8. Mai anstand und der SIB bis dahin keine Anstalten unternommen hatte, wie versprochen den Nordflügel herzurichten. Just am Tag vor dem Einsatz hatte man einen Gärtnertrupp über das Gelände gescheucht, der in Windeseile Rasen mähte und Sträucher zurückschnitt, die in jahrelangem Wildwuchs Grabmale vollkommen überwuchert hatten – natürlich außerhalb der gesetzlich dafür zulässigen Gehölzschnittzeiten (30.9.-31.3.) – wo wir schon bei Gesetzeswidrigkeiten wären.

Fazit: Der Freundeskreis versteht nicht, warum der Steuerzahler für die Zerstörung eines zeithistorisch wertvollen Friedhofes und die Errichtung eines seelenlosen Gedenkschreins, der über Bestattungs- und Trauerkultur zur Besatzungszeit keinerlei Auskunft mehr geben wird, eine Viertelmillion Euro zahlen soll. Es sind für jedes Grab Grabsteine vorhanden, die sich in hervorragendem Zustand befinden, ihr Abriss ist vollkommen irrational und aus kulturwissenschaftlicher Perspektive als absoluter Frevel zu bezeichnen. Alles, was der Nordflügel an Instandsetzung bräuchte, ist die Errichtung eines stabilen Zaunes zum Schutz vor Wildbefall sowie etwas Auslichtung und Grünflächensanierung. Dies wären einmalige Arbeiten, die um ein Vielfaches weniger Kosten verursachen würden als die geplante Generalumgestaltung.
Auch das Argument der aufwendigeren Pflege bei Belassen der Grabsteine ist nicht nachvollziehbar. Der Freundeskreis und auch das Deutsch-Russische Kulturinstitut haben mehrfach dem Freistaat ihre Unterstützung bei der Pflege und Instandhaltung des Nordflügels angeboten. Der Arbeitseinsatz vom 30.4. sollte dieses Angebot unterstreichen. In Kooperation mit grenzübergreifenden Schüler- und Migrantenprojekten soll künftig ein großer Teil der Pflege des Nordflügels ehrenamtlich – also ohne Kosten für den Freistaat – bewerkstelligt werden. der Freistaat nimmt dieses Angebot weder an noch ernst, er belächelt es vielmehr als halbseiden und unzuverlässig. An dieser Reaktion kann man erkennen, was das Ehrenamt in einem Land, in dem praktisch permanent die vorgebliche Bedeutsamkeit des Ehrenamtes besungen wird, tatsächlich wert ist: nämlich gar nichts, wenn es nicht imstande ist, Aufgaben mit derselben chirurgischen Präzision zu meistern, wie das Prinzp „kurzer Prozess“, mit dem der Freistaat das Thema „Nordflügel des Garnisonfriedhofes“ ein für allemal vom Tisch haben will.

Subbotnik.

Wie geplant, haben der Freundeskreis Sowjetischer Garnisonfriedhof in Dresden und das Deutsch Russische Kulturinstitut (DRKI) am Sonnabend, dem 30. April, auf dem Nordflügel des Garnisonfriedhofes einen sogenannten „Subbotnik“, also einen freiwilligen Arbeitseinsatz, durchgeführt. Bei herrlichstem Sonnenwetter versammelten sich etwa 20 Personen, um den Nordflügel für die Feierlichkeiten zum 8. Mai, dem Tag des Kriegsendes in Europa, herzurichten. Vor allem Kriegsveteranen und ihre Familien, aber auch ehemals hier stationierte Sowjets waren gekommen. Der älteste Teilnehmer war ein 90-jähriger Mann, der die Blockade von Leningrad (1941-1943) er- und überlebt hat. Der jüngste war der neunjährige Daniel.

Zwei Gäste waren eigens aus Russland bzw. Tschechien angereist: Wladimir Wassiljew (49) aus Moskau war von 1987 bis 89 Leiter des Fernsehzentrums in der Garnison des 40. Gardepanzerregiments in Königsbrück, der Weißrusse Eduard Mojsak (40) lebte als Kind mit seinem hier als Offizier stationierten Vater und der Familie in Dresden-Klotzsche und besuchte dort die sowjetische Grundschule Nr. 15. Beide waren extra mit dem Auto angereist, um beim Arbeitseinsatz mitzuhelfen. Es wurde viel geschafft, und ich habe noch eine Woche danach meine Knochen gespürt.

Viel geschafft hatte in der Woche zuvor auch das Sächsische Immobilien- und Baumanagement. Erstmals seit vielen Jahren wurde nicht nur die Kriegsgräberstätte, sondern auch unser Neudenkmal, der Nordflügel, aufwendig instand gesetzt. So wurde der Wildwuchs um völlig eingewachsene Grabmale entfernt, viele Gräber waren zum ersten Mal seit Jahren wieder zugänglich. Für eine Schönheitskur haben dann die Subbotniki am 30. April gesorgt. Hier einige Fotos vom Einsatz:

Gisela Wedekind vom Freundeskreis an unserem Modell-Feld
Gisela Wedekind vom Freundeskreis an unserem Modell-Feld
Gisela und ich - beide FSGiD.
Gisela und ich - beide FSGiD.
Vitali Kolesnyk vom DRKI.
Vitali Kolesnyk vom DRKI.
Eduard Mojsak aus Prag und Wladimir Wassiljew aus Moskau.
Eduard Mojsak aus Prag und Wladimir Wassiljew aus Moskau.
Subbotniki (nicht vollzählig).
Subbotniki (nicht vollzählig).
Das Modell-Feld nach getaner Arbeit.
Das Modell-Feld nach getaner Arbeit.
Gemeinschaftsproduktion von Bürgern und SIB.
Gemeinschaftsproduktion von Bürgern und SIB.
Edik und Wladimir bei den Kindergraebern, rechts Philipp.
Edik und Wladimir bei den Kindergraebern, rechts Philipp.
Edik, ich, Wladmir nach getaner Arbeit.
Edik, ich, Wladmir nach getaner Arbeit.

Ringen von Erfolg gekrönt: Nordflügel des Sowjetischen Garnisonfriedhofes nun Kulturdenkmal!

Es ist geschafft! Nach mehr als einem halben Jahr Ringen um den Erhalt des Nordflügels des Sowjetischen Garnisonfriedhofes, insgesamt drei Eingaben an das Landesamt für Denkmalpflege, das sächsische Innenministerium und das Sächsische Immobilien- und Baumanagement (SIB) und jeder Menge Öffentlichkeitsarbeit steht seit heute fest: Der Garnisonfriedhof wird von nun an als zusammenhängendes Ensemble von zeithistorischem Wert angesehen und steht vollständig unter Denkmalschutz – und zwar inklusive dem bislang von der Denkmalschutzwürde ausgeschlossenen Nordflügel, auf dem sich rund 600 Gräber von Soldaten, Zivilisten und Kindern befinden, die in der Zeit zwischen 1952 und 1987 in Dresden ums Leben kamen (art und wIEse berichtete). Dies ging heute aus einer Antwort der Sächsischen Staatsregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion im Landtag hervor, die hier zu einem späteren Zeitpunkt noch verlinkt wird. Damit haben sich viele Stunden Arbeit, in denen viele Menschen ihre Freizeit geopfert haben, letztlich gelohnt.

Inzwischen gibt es einen „Freundeskreis Sowjetischer Garnisonfriedhof in Dresden“, der von sechs engagierten Dresdner Bürgern am 14. Februar 2011 ins Leben gerufen wurde – ich selbst gehöre auch dazu. Gemeinsam haben wir in den letzten Monaten Gespräche geführt, zuständige Instanzen angeschrieben und um Unterstützung für unseren Standpunkt geworben, dass es keiner Radikalumgestaltung bedarf, die mindestens eine Viertelmillion Euro kosten würde und die Anlage ihres Friedhofscharakters vollständig berauben würde, um eine kostengünstige Pflege zu gewährleisten, wie vom Freistaat in Kooperation mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge geplant. Nicht nur aus dem Bürgerlager und von russischer Seite, sondern nun auch von denkmalschutztechnischer wehen den Plänen des unbelehrbaren Herrn Leroff vom Volksbund nun eisige Winde entgegen. Die Losung heißt ganz klar: Wir wollen kein seelenloses, dafür aber teures Denkmal – für wen denn auch? – wir wollen Ursprünglichkeit erhalten und den im Nordflügel beerdigten Toten nach Sitte ihres Heimatlandes eine würdige Totenruhe gestatten – ohne dass ihre Gräber für immer anonymisiert würden, was das Vorhaben des Herrn Leroff unweigerlich bedeutet hätte.

Der Freundeskreis setzt sich aber nun nicht zur Ruhe. Wir hoffen zwar, dass sich die unseligen Abrisspläne des Freistaates nun endgültig erledigt haben, denn ein Abriss von Grabsteinen auf einem unter Denkmalschutz stehenden Friedhof wäre so ohne Weiteres nicht möglich. Wir rechnen jedoch auch damit, dass SIB und Volksbund in irgendeiner Weise versuchen werden, ihre Pläne dennoch umzusetzen. Deshalb stehen in der nächsten Zeit eine Reihe weiterer Aktivitäten auf dem Programm. Unter anderem wird es am 30. April eine Aktion „Frühjahrsputz“ auf dem Nordflügel geben. Freiwillige sind aufgerufen, mit mitgebrachtem Gartengerät wie Spaten, Harken, Besen und Schaufeln den sich in einem katastrophalen Zustand befindlichen Nordflügel von den gröbsten Verwahrlosungserscheinungen zu befreien.
Dabei werden wir uns zunächst den schlimmsten Teil am Südwestende des Nordflügels vornehmen, wo die meisten Grabmale unter eine Schicht aus Unkraut und aufgewühlter Erde verschwunden sind. Die Erde soll gelockert, von Unkraut befreit und geebnet, die Grabmale freigelegt werden. Die Aktion soll ausloten, was das Ehrenamt künftig imstande ist, in Sachen Friedhofspflege zu leisten. 4000 Euro würde die Radikalumgestaltung dem Freistaat im Jahr Pflegekosten sparen – wir wollen zeigen, dass eine Kooperation mit Bürgern und Vereinen das ebenso abfangen kann. Es ist geplant, über das Deutsch-Russische Kulturinstitut dauerhaft Jugend- und Migrantenprojekte in die Friedhofspflege mit einzubeziehen.

Wer also Lust hat, am 30. April bei trockenem Wetter mitanzupacken, der finde sich zwischen 9 und 16 Uhr (jeder macht nur so lange mit, wie er will) am Garnisonfriedhof an der Marienallee ein (zum Nordflügel bitte vom Haupttor aus den Mittelweg rechter Hand zwischen den Grabreihen bis ganz hinter zum Denkmal für die Kinder gehen, dann die Stufen zwischen den hohen Lebensbaumhecken hinunter zum Nordflügel gehen). Für Verpflegung sorgt der Freundeskreis. Dringend benötigt werden für die Aktion Gartengeräte aller Art, Schubkarren, Besen, Eimer, aber auch Bürsten (zum reinigen der Grabsteine) und Wellblech oder Maschendraht (zum Stopfen der Löcher im Maschendrahtzaun, durch die ständig Schwarzwild einfällt) – ganz toll wäre auch ein benzingetriebener oder ein Handrasenmäher sowie eine Gartenfräse.
Falls sich ein Gartenbaubetrieb fände, der mit einer Art Spende oder aber einer dauerhaften Patenschaft die Pflege des zeithistorisch wertvollen Nordflügels unterstützen möchte, wäre das riesig. Wir benötigen jede Art von Geräten, aber auch ein- bis zwei kostengünstige Gehölzrückschnitte im Jahr. Bei Interesse bitte einfach mailen.

P.S.: Ich weiß, ich habe mein kleines Wiesen-Blog in den letzten Wochen arg vernachlässigt. Das liegt daran, dass mir mein Volontariat, das ich im März begonnen habe, einfach keiner Zeit mehr gelassen hat. Und die Zeit, die überblieb, hab ich meinem Privatleben und zum Beispiel dem Garnisonfriedhof geschenkt.

Heiße Phase im Friedhofsstreit beginnt.

Am Donnerstag – zu Fastnachtsbeginn – fand im Ministerium für Soziales ein inoffizieller Termin zum Garnisonfriedhof statt. Nichts Genaues wurde über die tatsächlichen Teilnehmer bekannt, außer, dass Ministerium, Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) und Herr Leroff vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge beteiligt waren. Von Herrn Leroff erfuhr ich, dass Argumente und Wünsche der „russischen Seite“ betreffs die Umgestaltung des Nordflügels gehört und dann eine Entscheidung getroffen werden sollten. Baubeginn soll wohl je nach Wetterlage Anfang nächsten Jahres sein – da kann man eigentlich nur auf einen langen, harten Winter hoffen. Die russische Seite (Konsulat und Botschaft) hingegen haben uns versichert, nach wie vor zu keiner Entscheidung gekommen zu sein, und auch von einem Termin im Sozialministerium vom 11.11. wüsste man nichts.

Nach langem Hin und Her, vielen Beratungen und einer Phase des Werbens um Aufmerksamkeit und Interesse für die von Zerstörung bedrohten Grabmale aus den 50er- bis 80er-Jahren im Nordflügel des Garnisonfriedhofes ist es nun so weit: In Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Russischen Kulturinstitut (DRKI), dem Verein Echo e. V. und mit der Unterstützung vieler weiterer Institutionen und BürgerInnen wurde nun eine Eingabe an das Sächsische Staatsministerium des Inneren verfasst, die in der kommenden Woche dort eingehen wird. Das DRKI hat freundlicherweise seinen Briefkopf zur Verfügung gestellt und fungiert somit als Hauptinitiator.

Darin wird zum einen Kritik an der Art und Weise geübt, wie der Freistaat über viele Jahre hinweg nicht nur den Nordflügel dem Verfall, sondern auch die Kriegsgräberstätte – trotz Bundesförderung nach dem Gräbergesetz – zusehends der Verwahrlosung preisgibt.
Des Weiteren wird punktweise stichhaltig argumentiert, weshalb wir mit den derzeitigen Plänen des Freistaates für die Umgestaltung, zumindest was den Abriss der Grabmale betrifft, nicht einverstanden sind.
Zu guter Letzt wird dargelegt, weshalb wir der Ansicht sind, dass der Friedhofsteil unter Denkmalschutz gestellt werden sollte.

Es ist zudem gelungen, sowohl im Dresdner Amt für Kultur und Denkmalschutz sowie im Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft Unterstützer für unser Anliegen zu finden. Der Dresdner Verband des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat die Petition – entgegen der Position seines Landesverbandes – ebenso unterzeichnet wie der Erzpriester der Russisch-Orthodoxen Gemeinde Dresden und einige weitere Vereine von deutscher wie russischer Seite.
Anmerkung: Wie jetzt erst bekannt wurde, wurde die Petition den zuvor benannten beiden Institutionen entgegen zuvor lautenden Aussagen des DRKI doch nicht zur Unterschrift vorgelegt, sondern in der oben sichtbaren Fassung eingereicht.

Deutscher Soldatenfriedhof Sologubowka bei St. Petersburg. Quelle: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.
Deutscher Soldatenfriedhof Sologubowka bei St. Petersburg. Quelle: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.
Sowjetischer Soldatenfriedhof in Dresden.
Sowjetischer Soldatenfriedhof in Dresden.
Neu errichteter deutscher Soldatenfriedhof in Kursk.
Neu errichteter deutscher Soldatenfriedhof in Kursk. Quelle: www.weltkriegsopfer.de.

Nachfolgend der exakte Wortlaut des Dokumentes:

Sächsisches Staatsministerium des Inneren

Betrifft: Pläne des Freistaates Sachsen zur Umgestaltung des Nordflügels („Zivilteil“) des Garnisonfriedhofes der Sowjetischen Armee an der Marienallee, Dresden-Albertstadt

Ersuchen um die Verleihung der Denkmalschutzwürde für den Nordflügel

Sehr geehrte Frau xxxxx,

als bürgerschaftliche Interessengemeinschaft, die sich zusammengefunden hat, um das historische Erbe unserer schönen Stadt Dresden in all seinen Facetten zu schützen, zu erhalten und zu erforschen, um auch künftig eine gewinnbringende Auseinandersetzung und Aufarbeitung vergangener Epochen zu ermöglichen, wenden wir uns mit folgendem Anliegen an Sie.

1. Zustand des Garnisonfriedhofes, insbesondere des Nordflügels

Zum einen möchten wir unsere Bestürzung über den derzeitigen desolaten Zustand des Garnisonfriedhofes der Sowjetischen Armee, insbesondere des im Norden gelegenen Anbaus aus der Zeit der Besatzung (der sogenannte „Zivilteil“), zum Ausdruck bringen.
Wir sind der Ansicht, dass der derzeitige Zustand des Friedhofes im Allgemeinen – sowohl auf der unter Denkmalschutz stehenden Hauptanlage, noch ausgeprägter aber auf dem „Zivilteil“ – in keinster Weise hinnehmbar ist. Auf dem gesamten Friedhof zeigen sich schwere Spuren von Vernachlässigung. Seit der Freistaat die Verwaltung des Geländes 1994 übernommen hat, wurde kein stabiler Zaun errichtet – Wildschäden prägen das Bild auf dem gesamten Areal. Für die Pflege erhält der Freistaat Bundesmittel unter anderem nach dem Gräbergesetz für den Erhalt der Kriegsgräber. Eine zweckorientierte Verwendung kann allerdings seit Jahren nicht wesentlich festgestellt werden.

Einige Beispiele:
Seit Monaten ist die Türklinke des Haupttores auf der Außenseite abgebrochen.
Die zur Heide hin installierten Maschendrahtzäune sind seit Jahren an mindestens drei verschiedenen Stellen zerstört.
Ende September wurde auf der Kriegsgräberstätte der Rasen gemäht, die zentimeterhoch aufgewühlte Erde wurde hingegen nicht angetastet.
Der einzige Wasserhahn auf der Kriegsgräberstätte funktioniert seit ewigen Zeiten nicht mehr, das Gleiche gilt für die Wasserhähne auf dem Nordflügel, eine Grabpflege vor Ort – etwa durch Angehörige – ist so gar nicht möglich.

Noch weitaus schlimmer stellt sich die Lage auf dem Nordflügel dar: Dass sich dort über 600 Gräber von Frauen, Kindern und zumeist sehr jungen Soldaten befinden, ist an vielen Stellen kaum mehr auf den zweiten Blick zu erkennen. Wege sind zugewachsen, Grabfelder völlig von Unkraut überwuchert und die Grabmale durch ausufernde Wildschweinsuhlen zumeist verschüttet und abgesunken. Der stiefmütterliche Umgang mit den Gräbern ehemaliger sowjetischer Bürger hier in Ostdeutschland hat gerade in den ehemaligen Sowjetrepubliken für Bestürzung sorgt.

Bekanntlich sieht nun auch der Freistaat Sachsen Handlungsbedarf. Das Vorhaben, das Areal endlich mit einem Wildzaun einzufrieden, begrüßen wir auf das Ausdrücklichste. Diese lange aufgeschobene Maßnahme wird in Zukunft helfen, gravierende Wildschäden zu vermeiden. Auch die angedachte grundlegende Instandsetzung des Areals, das Anlegen gepflegter Grünflächen sowie das Reduzieren des Wildwuchses begrüßen wir ausdrücklich.

Inakzeptabel ist für uns hingegen die Tatsache, dass diese Umgestaltungsmaßnahmen mit dem Abriss der Grabmale einhergehen sollen, um die künftigen Pflegekosten so gering wie möglich zu halten.
Wir sind der Ansicht, dass es zum einen aus ethischen Gründen nicht akzeptabel ist, bestehenden Gräbern einfach ihren Gedenkstein zu nehmen, als dem Inbegriff dessen, was von den Verstorbenen verblieben ist: ihre Namen, ihre Lebensdaten, in Einzelfällen ihr Bildnis und in vielen die in steinerne Worte gegossene Trauer derer, die zurückblieben. Selbst auf städtischen Friedhöfen wird dies so nicht gehandhabt: Entweder werden die Gräber komplett eingeebnet und wieder für Beerdigungen freigegeben, oder sie bleiben eben komplett erhalten und stehen unter Denkmalschutz (siehe etwa Elias-Friedhof).
Des Weiteren sind wir der Ansicht, dass gerade die Grabsteine einen erheblichen historischen und kulturellen Wert darstellen, der mit ihrer Vernichtung unwiederbringlich verloren ginge. Nur, wenn die Grabanlagen insgesamt in ihrer Ursprünglichkeit bestehen bleiben, ist ein Nachvollziehen und Erleben der Lebensumstände und der Bestattungskultur während der vergangenen Epoche der sowjetischen Besatzungszeit in der Dresdner Garnison möglich.

2. Denkmalschutz für den Nordflügel

Zum zweiten möchten wir daher im Interesse eines möglichst dauerhaften Erhaltes des Friedhofscharakters des Nordflügels in seiner Ursprünglichkeit dazu auffordern, das Areal nicht länger wie ein Stiefkind der Hauptanlage zu behandeln und es endlich wie eben jene unter Denkmalschutz zu stellen.
Es erschließt sich uns nicht, wie man eine Anlage, die von 1946 bis 1987 ein und demselben Zweck diente – nämlich der Bestattung jener Militärangehörigen und ihrer Verwandten, die ohne den von Deutschland verschuldeten Zweiten Weltkrieg nie hier stationiert gewesen wären –, derart nach ihrer vermeintlichen Wertigkeit spalten kann. Diese Spaltung hat zu dem als irrational zu bezeichnenden Umstand geführt, dass heute ein Grab eines 1965 in Dresden verstorbenen Offiziers (also nach Gräbergesetz kein Kriegstoter), das auf dem Südwestflügel des Friedhofes Platz fand, unter Denkmalschutz steht, das Grab eines 1952 verstorbenen 18-jährigen Rekruten auf dem Nordflügel hingegen nicht, welches deshalb dem Verfall preisgegeben ist und nun durch den Abriss des Grabsteins anonymisiert werden soll.
Im Übrigen sind wir der Überzeugung, dass bereits die Unterscheidung zwischen „militärischem“ und „Zivilteil“, wie im Beamtendeutsch üblich, irreführend und schlichtweg falsch ist, da auf dem Nordflügel zu zwei Dritteln Soldaten begraben liegen (gezählt wurden 405 Soldatengräber und etwa 200 von Zivilisten), die zudem während der Besatzungszeit aufgrund des Kalten Krieges in ständiger Mobilmachung und unter Waffen standen und die Einheiten auf einen Kriegseinsatz permanent vorbereitet wurden. Es handelt sich also in der Tat mehrheitlich um militärische Gräber, deren Errichtung aufgrund des bestehenden Kalten Krieges als unmittelbarer Folge des Zweiten Weltkrieges sowie diverser unschöner Umstände des Militäralltages notwendig wurde.
Die Unterscheidung zwischen Kriegsgräbern und Nicht-Kriegsgräbern als Kriterium für die Verleihung der Denkmalschutzwürde wird allein schon durch die fließenden Grenzen zwischen beiden auf der Hauptanlage ad absurdum geführt, wo neben den knapp 1250 Kriegstoten auch etwa 250 nach dem 31.3.1952 Verstorbene begraben sind.

Warum ist der Nordflügel unter Denkmalschutz zu stellen?

1.
Der Nordflügel gehört untrennbar zum bereits unter Denkmalschutz stehenden Rest der Anlage. Schon aus der chronologischen Abfolge der Bestattungen auf dem gesamten Friedhof ist erkennbar, dass es keine ursprüngliche Trennung zwischen einer Anlage für die Kriegstoten und einer für später Verstorbene gab. Vielmehr ist man pragmatisch vorgegangen und hat aus Platzgründen die Anlage nach allen Seiten erweitert. Eine Abgrenzung ist allenfalls zwischen höheren und niederen Dienstgraden erkennbar: Während die Offiziere bis zur Reform des Sowjetischen Militärs 1967 und der dabei beschlossenen Rückführung verstorbener Militärangehöriger in die Heimat ausschließlich mit aufwendigen Grabmalen auf der Hauptanlage bestattet wurden, die sich von den Grabmalen der Kriegsgefallenen höherer Ränge mitnichten unterschieden, wurden die einfachen Soldaten in großer Zahl auf der nördlichen Erweiterung beigesetzt.

2.
Die Grabmale auf dem Nordflügel bestehen aus naturbelassenem rotem Quarzporfyr mit aufwendig herausgearbeiteten, erhabenen Beschriftungen. Selbst nach 20 Jahren der Verwahrlosung sind die meisten davon noch sehr gut erhalten. Die Inschriften sind in kyrillischer Schrift verfasst und stellen in solch großer Zahl in Dresden eine absolute Rarität dar. Lebensdaten und Dienstgrade geben wertvolle Aufschlüsse über die Lebensverhältnisse in der damaligen Garnison. Die Grabmale bieten einen wahren Fundus an Informationen für Historiker und Wissenschaftler. Der Nordflügel ist Teil des einzigen Dresdner Friedhofes, auf dem ausschließlich nicht-deutsche Staatsangehörige begraben sind.

3.
Der Nordflügel ist landschaftsarchitektonisch planvoll und gestalterisch aufwendig in die Hanglage des oberen Prießnitzgrundes eingepasst. Die terrassenförmig gestaltete Anlage mit viel altem Baumbestand sowie sandsteingefassten Grabfeldern und Wegen stellt ein Kleinod landschaftsbaulicher Handwerkskunst dar. Anderenorts – etwa in Russland – werden solche Anlagen heute teuer und aufwendig errichtet, sobald ein weiteres Massengrab deutscher Wehrmachtssoldaten aus dem 2. Weltkrieg entdeckt wird. In Dresden hat man eine solche Anlage bereits – und möchte sie nun ihrer wesentlichen Struktur berauben.

4.
Der Nordflügel stellt ein Zeitzeugnis einer in sich abgeschlossenen historischen Epoche Dresdner Geschichte dar. Er dokumentiert die Existenz und den Umgang mit Lebenden wie Toten von Menschen einer anderen Nation, die hier fast ein halbes Jahrhundert lang gelebt haben. Und er dokumentiert die Wirkmechanismen einer totalitären, auf ständige Wehrhaftigkeit getrimmten Diktatur nach innen.

Uns lässt der Gedanke keine Ruhe, dass man Menschen, die während der SED-Diktatur Unrecht erfuhren, Denkmäler setzt, weil es der politischen Leitlinie entgegenkommt, während man Menschen, die zur gleichen Zeit, zumeist unbemerkt von der Öffentlichkeit, teils unter unmenschlichen Bedingungen den Tod fanden, vergisst bzw. nicht einmal Willens ist, ihre Gräber zu erhalten, weil es sich um keine deutschen Opfer handelte, sondern um Angehörige der kommunistischen Besatzungsmacht, die heute immer noch synonym für ein äußerst diffuses, wenig differenziertes Feindbild steht.
Mit dem Garnisonfriedhof ist uns Dresdnern eine Möglichkeit gegeben, an den Gräbern der Toten über die Folgen von Diktatur und Militarismus aufzuklären, die für Menschlichkeit oft keinen Platz ließen. Aber auch eine Möglichkeit, uns zu erinnern an die Zeit der Besatzung und das oft problematische Zusammenleben, geprägt von Misstrauen und ideologisch konstruierten Freund- und Feindbildern, das nur selten Raum für tatsächliche Annäherung bot.

Nicht zuletzt das Deutsch-Russische Kulturinstitut steht heute für eben jenen Gedanken gelebter Annäherung zwischen Deutschen und ehemaligen Sowjets, zwischen Kriegsschuldnern und Besatzern. Es gibt viele Ideen für Jugendprojekte und integrationsfördernde Maßnahmen etwa für Migranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, in die die ehrenamtliche Pflege des Zivilteils des Garnisonfriedhofes im Rahmen von Bildungs- und Begegnungsseminaren und auch als aktives Erleben eines Teils eigener Geschichte eingebunden werden könnte.
Es ist uns wichtig, den Friedhof auch für Informations- und Aufklärungsarbeit zu nutzen, Menschen, die die Vergangenheit aus unterschiedlichen Perspektiven erlebt haben, ins Gespräch zu bringen und somit auch zum Abbau der allgemeinen Situation der Scham und des Schweigens über jene Zeit beizutragen.

Als historisches Zeitzeugnis von derartiger Bedeutsamkeit ist der Garnisonfriedhof als untrennbare Einheit zu betrachten und daher insgesamt unter Denkmalschutz zu stellen, um seinen dauerhaften Erhalt zu garantieren.

Die Unterzeichner:

Deutsch-Russisches Kulturinstitut, Herr Dr. Wolfgang Schälike:

Verein European Culture and Hospice Oganizations, Frau Prof. Dr. Ingrid-Ulrike Grom:

Frau Jane Jannke, freie Journalistin:

im Namen vieler weiterer Kulturfreunde, die derzeit in einer separaten Unterschriftenliste ihre Unterstützung bekunden.

Keiner der 4 Wasserhähne auf der Anlage funktioniert mehr.
Keiner der 4 Wasserhähne auf der Anlage funktioniert mehr.
Die Türklinke des Haupttores ist seit Monaten defekt.
Die Türklinke des Haupttores ist seit Monaten defekt.

Die Liste der Unterzeichner ist derweil noch angewachsen, die aktuelle Fassung liegt mir noch nicht vor, da Herr Dr. Schälike bis gestern noch von Pontius nach Pilatus unterwegs war, um alle Unterzeichner zu erreichen.

Wer diese Eingabe und damit den Erhalt der Grabstätten seinerseits unterstützen möchte, kann dies jederzeit im Deutsch-Russischen Kulturinstitut Dresden, Zittauer Straße 29, 01099 Dresden, tun. Dort liegen seit gestern Unterschriftenlisten aus.
Für ein Gespräch und einen Kaffee wird man dort gern Zeit haben.

Es bleibt nun, zu hoffen, dass man an entscheidender Stelle zugänglich für Argumente und zur Zusammenarbeit mit Vereinen und Bürgern bereit sein wird.

Blumen zum 45. Todestag. Worotynzew, Nordflügel.
Oktober: Blumen zum 45. Todestag. Worotynzew, Nikolai Kuzmich. Nordflügel.

Oktober: Blumengruß nach 65 Jahren, Kriegsgräberstätte.
Oktober: Blumengruß nach 65 Jahren, Kriegsgräberstätte.

Mehr Demokratie wagen?

Nicht, wenn es nach der schwarz-gelben Regierung des Freistaates Sachsen geht, wie es scheint. Wie demokratisch unser schönes Land wirklich ist, das weiß man tatsächlich erst dann, wenn man einmal versucht hat, sich politisch einzubringen und zwar in eine Richtung, die der Position der Entscheidungsträger zuwiderläuft.
Zu Zeiten klammer Kassen ist der Bürgerwille zudem umso lästiger, bedeutet er doch eigentlich zumeist, dass man vom eigenen Kurs abweichen müsste, der im Falle der schwarz-gelben Sachsen-Koalition lautet: Lieber noch ein wenig mehr an Kultur, Sozialem, der Umwelt und dem Bürger sparen, als teure Image-Kampagnen, Leuchtturm-Förderung, Infrastruktur- und Tourismusprojekte einzuschränken oder gar am eigenen Verwaltungsapparat zu kürzen.

Was tut der Freistaat also, wenn er durch unliebsame Bürgerinitiativen Gefahr läuft, in seiner Sparwut etwa in kulturellen Fragen ausgebremst zu werden? Ganz einfach: Man sperrt jene Vereine und Personen, die unbequeme Fragen stellen und Positionen vertreten, die den Plänen des Freistaates im Wege stehen, einfach aus und verhandelt ausschließlich mit jenen darüber, die man auf seiner Seite weiß.

So läuft es derzeit zur Frage, wie zukünftig mit dem russischen Garnisonfriedhof an der Marienallee verfahren werden soll. Als Produkt von Übereinkommen, die mit der Sowjetunion und der DDR zwischen zwei Staaten getroffen wurden, die seit 20 Jahren nicht mehr existieren, befindet sich zumindest der nicht unter Denkmalschutz stehende Zivilteil heute quasi in einem rechtsfreien Raum. Niemand will ihn haben, niemand fühlt sich verantwortlich. Zuständig ist notgedrungen der Sächsische Staatsbetrieb Immobilien- und Baumanagement (SIB), doch macht man dort kein Hehl daraus, dass man den lästigen Kostenproduzenten am liebsten los wäre.
Da man jedoch mit einer kompletten Räumung die russische Seite verprellen würde, sieht der Kompromiss nun so aus, dass der Zivilteil zwar erhalten werden soll, jedoch nur unter Abriss der oberirdischen Grabmale, damit der Rasenmäher zukünftig schneller über die Grünfläche kommt. Stattdessen sollen 2 neue Steine mit den Namen der Toten aufgestellt werden.
Das muss man sich mal vorstellen: Die Gräber sollen bleiben, aber man raubt ihnen ihren Gedenkstein und anonymisiert sie dadurch. Welch ein würdeloser Kuhhandel, den der Freistaat hier mit den russischen Behörden und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. beschlossen hat und der auch in anderen ostdeutschen Bundesländern derzeit – ebenfalls in Verbindung mit dem Volksbund – Schule macht, um Kosten zu sparen.

Dabei sind die Friedhöfe oft die letzten öffentlich zugänglichen Dokumente einer längst vergangenen Zeit, die so viele offene Fragen hinterlassen hat, und deren Spuren gerade von offizieller Seite am liebsten vollumfänglich getilgt würden. Fakt ist, dass gerade die Grabmale in ihrer Anordnung und mit den Lebendaten und Dienstgraden der Verstorbenen darauf viele Informationen hinsichtlich der Lebensumstände der damals hier stationierten Soldaten und Zivilisten geben, dass die Grabmale auch die letzten Spuren einer Existenz darstellen, die nur allzu oft an den Folgen kommunistischer Gewaltherrschaft und Willkür zugrunde ging.

Im deutschen Gräbergesetz gibt es einen Passus, der den Gräbern der Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft dauerhaften Erhalt im Sinne eines mahnenden Gedenkens zugesteht. Demnach fallen darunter:

Personen, die aufgrund rechtsstaatswidriger Maßnahmen als Opfer des kommunistischen Regimes ums Leben gekommen oder an den Folgen von aufgrund derartiger Maßnahmen erlittener Gesundheitsschädigungen innerhalb eines Jahres nach Beendigung der Maßnahme verstorben sind

Im sowjetischen Militär kamen nach Erkenntnissen von Historikern allein auf dem Gebiet der ehemaligen DDR alljährlich 3000 bis 4000 Soldaten ums Leben – zu Friedenszeiten. Das entsprach 1% aller dauerhaft in der DDR stationierten Sowjetsoldaten, und das jedes Jahr. Etwa 500 davon sollen allein jährlich Selbstmord begangen haben, weitere starben bei Unfällen, Straftaten oder bei standgerichtlichen Exekutionen nach Desertionsversuchen. Wenn DAS keine Willkürherrschaft ist, der der einfache Soldat als vollkommen rechtlose Person mehr oder weniger hilflos ausgeliefert war, dann frage ich mich, was der deutsche Staat dann darunter begreift.

Kritische Stimmen sind in den sächsischen Amtsstuben aber natürlich nicht gefragt, man hat es nun eilig, die eigenen Pläne durchzupeitschen, denn bald ist Stichtag für die Fördermittelvergabe. Deshalb wurden auch zu dem am kommenden Donnerstag stattfindenden Termin zur Sache im Staatsministerium für Soziales lediglich jene Parteien eingeladen, die nachweislich den freistaatlichen Plänen nicht im Wege stehen: Der SIB, das Finanziministerium, der Volksbund für Kriegsgräberfürsorge und Vertreter der russischen Behörden, denen der kulturelle und historische Wert der Grabstätten aus einer vergangenen, abgeschlossenen Epoche gleichgültiger nicht sein könnten.

Das Deutsch-Russische Kulturinstitut, das im April noch mit am Verhandlungstisch saß und dabei eindringlich seine Bedenken gegenüber den Abrissplänen äußerte, wurde nun erst gar nicht über den Termin informiert. Und das, obwohl man dem Vorsitzenden, Herrn Dr. Schälike, noch im April schriftlich zugesichert hatte, seine Position zur Angelegenheit auch künftig zu berücksichtigen. Dass ich von dem bevorstehenden Termin überhaupt erfahren habe, ist einem glücklichen Zufall geschuldet.
Der Freistaat setzt sich mit diesem Verhalten über die Ansichten vieler Menschen in Dresden und auch in den ehemaligen Sowjetrepubliken hinweg. So gesteht der russisch-orthodoxe Glaube, ähnlich dem jüdischen, Verstorbenen ein ewiges Ruherecht zu, so etwas wie ein Erlöschen des Ruherechts nach 25 Jahren wie es das im zernormten und ach so zivilisierten Deutschland gibt, kennt man dort nicht. Zudem ignoriert der Freistaat den Umstand, dass viele Angehörige vielleicht gerne pflegen kommen würden, dies aber über die Distanz schlicht und ergreifend nicht möglich ist.

Die vonseiten des Deutsch-Russischen Kulturinstitutes ins Gespräch gebrachte Möglichkeit, die künftige Pflege des Zivilteils des Friedhofes zu einem guten Teil durch ehrenamtliches Engagement im Rahmen von Begegnungs- und Bildungsseminaren für russische Jugendgruppen oder aber von integrationsfördernden Maßnahmen für in Dresden lebende Migranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken zu bewerkstelligen, will man gar nicht erst diskutieren, sondern versucht nun, klammheimlich hinter verschlossenen Amtstüren eine Entscheidung herbeizuführen, die dann so leicht nicht mehr gekippt werden kann.
Auf das Ersuchen der erneuten Prüfung der Denkmalschutzwürde des Zivilteils, das ich im September beim Landesamt für Denkmalpflege eingereicht hatte, gibt es bis heute keine Reaktion, und vermutlich drängt man beim Freistaat nun auf eine Entscheidung, weil man den Druck der Bürger spürt, die sich mit diesem Raubbau an Kultur und historisch wertvollen Stätten zugunsten einiger eingesparter Euronen nicht abfinden wollen.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Brandenburg, wo das Land und die Kommunen mit den verschiedenen Vereinen und Initiativen an einem Tisch sitzen und gemeinsam über die Zukunft ihrer Garnisonfriedhöfe verhandeln. In Brandenburg ist wohlgemerkt eine rot-rote Regierung an der Macht. Schwarz-Gelb in Sachsen hingegen bevorzugt die Hau-Drauf-Methode des Durchregierens unter Ausschluss kritischer Stimmen und vor allem unter weitestgehender Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass man im Begriff ist, wertvolle Spuren der Vergangenheit auszulöschen, die schon allein aus diesem Grund wert wären, unter Denkmalschutz gestellt zu werden.