Weißbarth gegen Krüger – oder Ostdeutscher Opfermythos vs. westdeutsche Überheblichkeit

Was ist betrüblicher? Die Tatsache, dass ein Großteil der Menschen im Osten Deutschlands weder ihre kulturellen noch traditionellen Wurzeln einfach abgehackt noch die durchaus nicht nur positiven Erfahrungen mit der deutschen Wiedervereinigung vor 27 Jahren vergessen hat und sich „vereinnamt“ und nicht ausreichend repräsentiert fühlt? Oder dass in unserem Land allgemein eine Generation erwachsen geworden ist, die mit realsozialistischen Lebenswelten und dem  im Zuge der Wende erfolgten Bruch in den Biografien der Ostdeutschen großteils nichts anfangen kann und sich dieser ostdeutschen Elterngeneration kulturell wie moralisch regelrecht überlegen fühlt? Wahrscheinlich weder noch. Und doch ist Letzteres Teil des Problems der gesellschaftlichen Spaltung,  die wir heute erleben. Eine neue Mauer, viel weniger zwischen Ost und West, wie der nachfolgend besprochene Artikel weismachen will, als zwischen Jung und Alt. Nie seit den 68ern hat Generationen mehr getrennt als heute, da die junge Erwachsenengereration mit demselben zeitlichen Abstand auf die Generation DDR zurückschaut wie jene von damals auf die Generation NS. Ein Beispiel.

Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler und heutige Chef der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, beklagt einen „kulturellen Kolonialismus“ von Westdeutschen gegenüber Ostdeutschen. Diese Kampfrhetorik ist Wasser auf die Mühlen des Ressentiments und schadet vor allem den Ostdeutschen selbst.

beklagt seinerseits „Salonkolumnist“ Fabian Weißbarth (30) dieser Tage in dem gleichnamigen Online-Magazin. Der Artikel unter dem Titel „Im Osten nichts Neues“ bemüht sich dann im Wesentlichen, die Äußerungen, die Krüger (58) ebenfalls dieser Tage in einem Interview mit der Berliner Zeitung tätigte, als neuesten Meilenstein auf dem Weg „ostdeutscher Legendenbildung“ zu deuten. Doch die besagten Äußerungen klingen im Original irgendwie anders – und sehr viel weniger nach „Legendenbildung“ als vielmehr nach Weitsicht und dem Willen, im Sinne von Ursachenforschung verstehen zu wollen, warum es ausgerechnet im Osten Deutschlands zu teils dramatischer Politikverdrossenheit oder aber Radikalisierung hin zu rechtsradikalen Gesinnungen kommen konnte:

In der Fläche wird die Dominanz der Westdeutschen in den Eliten immer noch als kultureller Kolonialismus erlebt. Und das ist ein Problem, ja. […] Als ich im Jahr 2000 in den Job nach Bonn gewechselt bin, habe ich die Anzahl der Ostdeutschen verdoppelt. Aus einem Ostdeutschen wurden zwei – von 200 Mitarbeitern insgesamt. Das war für beide Seiten gewöhnungsbedürftig. Es prallen einfach unterschiedliche Erfahrungen und kulturelle Praktiken aufeinander.

antwortete der ehemalige DDR-Bürgerrechtler, Theologe und Politiker Thomas Krüger (SPD, seit 2000 Chef der Bundeszentrale für Politische Bildung und damit einer von vergleichsweise wenigen Ostdeutschen in hohen Ämtern) dem Redakteur der Berliner Zeitung auf die Frage, ob er in der sowohl bundesweit als auch nur für den Osten Deutschlands betrachtet existenten Unterrepräsentiertheit der Ostdeutschen in Führungspositionen und hohen Ämtern ein Problem sehe. Eine solche hatten jüngste Studien der Universität Leipzig abermals ans Licht gebracht, und eigentlich reden wir darüber auch schon seit 20 Jahren. Demnach sind bundesweit lediglich 1,7 Prozent der Führungspositionen in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien von Ostdeutschen besetzt – eine Quote, die angesichts eines Anteils von 17 Prozent an der Gesamtbevölkerung zu denken geben sollte, sagt sie doch viel über das keineswegs nur gefühlte Wohlstands- und Einflussgefälle zwischen Ost und West auch mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung aus. Als Ursache nennt die Studie aus dem Jahr 2016 unter anderem einen „massiven Elitenaustausch“, der die Wendejahre im Osten geprägt habe, der von den Ostdeutschen großteils als Verdrängungswettbewerb wahrgenommen wurde und werde. Eine Änderung der Situation sei zudem weder kurz- noch mittelfristig absehbar, da „perpetuierende westdeutsche Netzwerke in Ostdeutschland“ bestünden, die dieses System am Leben hielten: Westdeutsche zögen Westdeutsche nach. So sind heute lediglich 13 Prozent aller Richter an ostdeutschen Gerichten Ostdeutsche, ebenso viele sind es bei den Rektoren an ostdeutschen Hochschulen, und selbst in den Chefetagen der 100 größten ostdeutschen Unternehmen sitzen lediglich zu einem Drittel in Ostdeutschland geborene Chefs. Ein Missstand, den übrigens nicht nur Krüger, sondern schon sein ehemaliger Mitstreiter in der DDR-Bürgerrechtsbewegung, Frank Richter (bis Februar 2017 Chef der Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung), kritisierte.

Fabian Weißbarth wird seine Gründe gehabt haben, warum er die den Äußerungen Thomas Krügers zugrundeliegenden Erkenntnisse der Leipziger Studie mit keinem Wort erwähnt hat. Für einen Moment scheint er zu überlegen, ob eine genauere Prüfung nicht doch Sinn machte, verwirft dies aber umgehend zugunsten einer These, die ihm näherliegender scheint – ohne hierfür allerdings die Mühen wissenschaftlicher Arbeit auf sich zu nehmen:

Es lohnt sich sicherlich, diese Ergebnisse nüchtern zu betrachten und nach den Gründen zu fragen, warum Ostdeutsche […] weitaus weniger gesellschaftlichen Führungspositionen innehalten als Westdeutsche. […]
Die Autoren der Studie unterschlagen jedoch eine grundsätzliche Dimension: Die Wirkmächtigkeit sich perpetuierender Mythen der Ostdeutschen über sich selbst, die eine Distanz gegenüber den „westdeutschen Eliten“ erst verstetigen.

Ein Grund scheint zumindest offensichtlich: Die Erkenntnisse der Studie hätten Weißbarths These von der „sich perpetuierenden Mythenbildung der Ostdeutschen über sich selbst, die eine Distanz gegenüber den westdeutschen Eliten“ erst verstetigte, für alle offensichtlich ad absurdum geführt. Denn wo ein Elitenaustausch und damit verbunden eine Unterrepräsentiertheit der Ostdeutschen in Führungspositionen erwiesen und Fakt, kann beides unmöglich Mythos sein.

Eine wissenschaftliche Studie, zwei renommierte Bürgerrechtler und gesellschaftspolitische Akteure (Richter und Krüger) – doch der studierte Politikwissenschaftler Fabian Weißbarth zeigt sich davon unbeeindruckt und beharrt auf seiner These einer verstetigten „Opferrolle der Ostdeutschen“ bzw. vom „Zerrbild vom Ostdeutschen als Opfer westlicher Invasion“, ehe er zu dem überleitet, was man wohl den eigentlichen Kerngedanken des Artikels nennen kann: AfD, Pegida und die Entfremdung der Ostdeutschen von der Demokratie.

Wo mancher vielleicht einen Zusammenhang dahingehend erblicken würde, dass die von Krüger angesprochene Problematik der gefühlten wie faktischen Unterrepräsentation der Ostdeutschen in der gesellschaftlichen und politischen Elite unter anderem dazu geführt haben könnte, dass viele Ostdeutsche sich zunehmend mit Staat und System nicht mehr identifizieren und zunehmend ihr Heil am rechten Rand oder in rückwärtsgewandter Verklärung des SED-Regimes suchen (zu diesem Schluss gelangte u.a. auch die Leipziger Studie), verkehrt Fabian Weißbarth Ursache und Wirkung einfach ins Gegenteil:
Das Problem der mangelnden Mitbestimmung Ostdeutscher ist konstruiert, ein Mythos – weil es Pegida und AfD in die Hände spielt. Und das darf ganz einfach nicht sein – also vom Tisch damit.
Heißt: Weil AfD und Pegida unter Umständen sich dieser Sachverhalte bedienen könnten, um im Interesse eigener Ziele Stimmung zu machen und Stimmen gerade bei den Ostdeutschen zu rekrutieren, darf ein entsprechender Diskurs gar nicht erst stattfinden. Schon gar nicht öffentlich, schon gar nicht auf eine Weise, die die eigene These vom „Opfermythos der Ostdeutschen“ zu widerlegen in der Lage wäre – also zum Beispiel in Gestalt wissenschaftlich ermittelter Fakten. Wer es dennoch tut, gibt „Wasser auf die Mühlen des Ressentiments“ – und macht sich damit nach Weißbarths Lesart quasi selbst verdächtig. Das sagt er natürlich so nicht direkt, aber durch die Blume, indem er im Stile eines Verschwörungstheoretikers gezielt an der Integrität Krügers sägt:

Welche Unterschiede, bzw. welche kulturellen Eigenarten Krüger tatsächlich übersetzt haben will, bleibt sein Geheimnis.

Nein – es bleibt nicht Krügers „Geheimnis“. Es wurde in dem BZ-Interview der Marke „Fünf Fragen an…“ schlicht nicht danach gefragt. Aber vielleicht wäre der Publizist zund Politikberater Weißbarth im ureigenen Interesse gut beraten gewesen, das zu tun, wenn er sich schon mit einer derartigen Vehemenz und Zielgerichtetheit an Krüger abarbeitet. Genauso gut könnte man nun versuchen, Weißbarth einen rhetorischen Strick aus der verschwörerischen Andeutung zu drehen, er bleibe ja schließlich die Information schuldig, ob er möglicherweise in Westdeutschland geboren wurde und somit selbst Protagonist und Protegé zugleich der von Krüger kritisch betrachteten westdeutschen Kulturhegemonie wäre. Was immerhin einiges erklären würde.
Zumal er selbst ungern auf wissenschaftlich erwiesene Fakten setzt, sondern zur Untermauerung seiner These vom „Opfermythos der Ostdeutschen“ lieber seine Alltagserlebnisse als Fußballfan von Tennisborussia Berlin heranzieht:

Denn eine solche Legendenbildung ist im ostdeutschen Alltag allgegenwärtig. Wer beispielsweise ein Heimspiel des Fußball-Zweitligisten 1. FC Union Berlin besucht, wird vor dem Anpfiff die Vereinshymne der eisernen Frontfrau Nina Hagen hören. Dort heißt es traditionsbewusst: „Wir aus dem Osten geh’n immer nach vorn Schulter an Schulter für Eisern Union/Hart sind die Zeiten und hart ist das Team (…) Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen? Eisern Union, Eisern Union (…).“ Man kann diese Zeilen als bloße Folklore abtun, doch bestätigen diese, dass auch fast 30 Jahre nach der deutschen Einheit weiterhin oftmals die Differenz betont, statt Normalität gelebt wird.

Spätestens hier fragt man sich ernstlich, wozu der Autor eigentlich jahrelang die Bank eines Hörsaals gedrückt hat.

Thomas Krüger hat nichts anderes getan, als auf eine Frage eines Zeitungsredakteurs zu antworten, der Bezug auf die besagte Leipziger Studie und ihre Ergebnisse nahm. Dank Fabian Weißbarth steht er nun als einer da, der Pegida und AfD und irgendeinem „Ressentiment“ das Wort redet (welches genau hier gemeint ist, auch das bleibt Weißbarth schuldig, obwohl er für seinen Blog-Artikel sicherlich wesentlich mehr Raum und Zeit gehabt haben dürfte als Krüger im Interview). Dabei gibt Krüger im Grunde aus einer bestehenden Debatte heraus lediglich die Empfindungen eines guten Teils der Ostdeutschen wieder. Dass diese Wahrnehmung im Osten Deutschlands sehr wohl weit verbreitet ist, ist nicht „Wasser auf die Mühlen“ irgendeines Ressentiments, sondern eine Tatsache, die wir hier jeden Tag beobachten können – gerade im Dunstkreis von Pegida und AfD. Eine Tatsache, der man ins Auge sehen muss. Sich mit genau dieser Wahrnehmung und ihren möglichen Ursachen öffentlich auseinanderzusetzen wäre Teil der LÖSUNG, weniger das Problem, das ein Fabian Weißbarth hier aus der Bestandsaufnahme Krügers konstruiert.

Das Problem ist vielmehr Weißbarths offensichtlich Unfähigkeit oder sein Unwille, die Zusammenhänge zwischen der Funktionsweise politischer und gesellschaftlicher Milieus und ihrer integrativen Wirkung in Sachen Identitätsbildung zu verstehen. Dabei wäre das Fußballstadion hier sogar ein ausgesprochen günstiger Lernort. Man müsste nur neutral und unvorbelastet an solch eine Bestandsaufnahme herangehen, statt mit einer politischen Agenda im Kopf. So schreibt Weißbarth völlig richtig:

Vielen Ostdeutschen der Generation 40+ mag der frühere SPD-Politiker (Krüger, d. Verf.) mit solchen Schlagwörtern aus der Seele sprechen,  Doch auch jüngere Ostdeutsche und selbst jene, die erst nach der Wende geboren wurden, dürften für eine solche Re-Kulturalisierung der Ost-West-Debatte empfänglich sein

Doch er zieht die völlig falschen Schlüsse. Zum einen geht es hier nicht um „Schlagworte“ – die liefert vielmehr Weißbarth wie bereits ausgeführt en masse („Legendenbildung“, „Opfermythos“, „Geiselhaft eigener Mythen“ usw. usf.). Zum anderen weigert sich Weißbarth kategorisch, den Zusammenhang zwischen den vorhandenen Missständen in Sachen Ungleichverteilung von Einfluss unter Ost- und Westdeutschen auf der einen und der Empfänglichkeit der unmittelbar davon Betroffenen für Ost-West-Debatten zu erkennen. Beides bedingt einander. Und nur, weil potenziell demokratiefeindliche politische Gruppierungen und Bewegungen davon profitieren könnten, rechtfertigt das noch lange nicht, der gesamten Thematik ein Geschmäckle anzudichten und den Diskursführern quasi einen Maulkorb verpassen zu wollen. Zumal hier jedweder schlüssige Argumentationsfaden bei Weißbarth fehlt, weshalb etwa ein Ostdeutscher, der ein Machtgefälle zwischen Ost und West feststellt (Weißbarth wählte hier ganz bewusst den wertenden Begriff „beklagt“), zwangsläufig irgendeine Nähe zu Pegida oder AfD aufweisen muss. Ohne diese behauptete Kausalität aber machte der gesamte Artikel überhaupt keinen Sinn.

Es wundert wenig, dass solch ein Beitrag von jemandem kommt, der gerade seine ersten Worte sprach, als die Mauer fiel, der ganz offensichtlich nicht im Ansatz das nachvollziehen kann, was Menschen empfinden, die 20 Jahre ihres Lebens in leitender Position tätig waren und mit der Wende erleben mussten, wie nicht nur ihr Vermögen um die Hälfte schrumpfte, sondern auch, wie ihre Betriebe geschlossen, von einer westdeutschen Firma übernommen und die  Führungspositionen mit Westdeutschen besetzt wurden. Das ist kein „Ressentiment“, das ist die gelebte Realität eines großen Teils von Fabian Weißbarths Elterngeneration hier im Osten. Und das prägt. Und sich wie Weißbarth jetzt hinzustellen und diesen Menschen im Grunde zu attestieren, dass sie allesamt Legenden- und Mythenbildung betrieben – das zeigt den letztlich auch generationsbedingten Riss, der durch unsere Gesellschaft geht: Jeder ist schnell mit Urteilen über andere, aber niemand mag sich mehr Zeit nehmen und zuhören.

Unsere Geschichte wird immer ein Teil von uns bleiben. Die Geschichte der ehemaligen SBZ und der Wende 1989/90 gehört genauso dazu. Und gerade von einem studierten Politikwissenschaftler, geboren 1987, hätte man sich mehr Interesse für die Begleitumstände der Wende und die Auswirkungen auf das politische Weltbild der Menschen in Ost und West erhoffen dürfen. Statt wie ein Wissenschaftler zu fragen und nach Lösungen zu suchen, schwingt sich Weißbarth mit der Macht der Reichweite lieber zum Richter auf – u.a. über einen Mann, der mehr als die Hälfte seines Lebens in dem Land lebte, in dessen Kultur selbstverständlich noch viele Menschen im Osten wurzeln. Statt wie die Wissenschaft danach zu fragen, warum das so ist, schießt Weißbarth scharf. Aus einer Position des Nichtbetroffenseins heraus ist das auch wirklich einfach. Als Abiturient und Student war Weißbarth noch Leiter der Arbeitsgruppe „Antifaschismus“ bei den Berliner JUSOS. Heute, als Direktor Öffentlichkeitsarbeit beim Berliner Büro des American Jewish Commitee, schimpft er gegen „Linke“, die ihre Identität durch den Neoliberalismus bedroht sähen, nennt sie in einem Atemzug mit AfD und Pegida. Was Weißbarth an unmittelbarer Betroffenheit, Wissen und echtem Interesse an den Biografien der Ostdeutschen mangelt, gleicht er mit Überheblichkeit und Selbstüberschätzung aus. Anders ist es nicht zu bewerten, wenn Weißbarth in fast unerträglichem Zynismus am Ende seines Pamphlets schreibt:

Wer Ostdeutschen tatsächlich mit Wertschätzung begegnen will, sollte ihnen Gelegenheit geben, sich aus der Geiselhaft eigener Mythen zu befreien. Dies ist, selbst vier Jahrzehnte nach der Vereinigung, schmerzhaft, doch notwendig.

Hier schreibt einer, der vermutlich weder mit dem Wort „Wertschätzung“ etwas anzufangen weiß noch jemals Ostdeutschen ganz bewusst und vorurteilsfrei (alles Linke oder Pegida!) begegnet ist.  Sehr wahrscheinlich ahnt er nicht mal, dass es genau diese Sorte Hochmut ist, mit der man Ostdeutschen und ihrer Vergangenheit bis heute in vielen Bereichen begegnet, die die Menschen hier Pegida & Co regelrecht in die Arme treibt. Die andere Seite des „armen Deutschland“. Die aber wird nicht verhindern können, dass das Machtgefälle zwischen Ost und West in unserem Land Gegenstand gesellschaftlicher und politischer Debatten bleibt. Im Übrigen drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung, nicht vier, Herr Weißbarth. Diese Debatten sind keineswegs „neu“, sondern so alt wie das Machtgefälle selbst. Insofern ist hier ironischerweise der Titel Ihres Artikels regelrecht Programm: Im Osten nichts Neues. Und dank der Weißbarths dieses Landes wird es auch noch lange so bleiben.

Flüchtlingskrise: Überforderung schreit nach einfachen Wahrheiten.

An die Tore Europas brandet die Flut der Verfolgten und Ausgebombten, der Entrechteten und Verarmten. Mehr als 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, sodass Beobachtern schon eine neue Völkerwanderung schwant. Der Begriff ist keinesfalls neu. Er tauchte in der Vergangenheit immer wieder auf, immer dann, wenn in öffentlichen Debatten um Migration und Integration die Superlative knapp wurden. Und wie immer in solchen Momenten der emotionalen Erregung, der Ohnmachtsgefühle und des Frustes – die durch solcherlei superlativlastiger Berichterstattung übrigens noch weiter geschürt werden – stehen schnelle Empörung, schnelle Lösungen und die prompte Auslieferung der Schuldigen im Volke hoch im Kurs. Was das betrifft, hat sich wenig geändert seit der großen zivilisatorischen und materiellen Krisen, die der Erste und vor allem auch der Zweite Weltkrieg hinterließen. Klare Kategorisierungen von gut und böse, von Freund und Feind, von Schuldigen und Opfern waren immer schnell bei der Hand. Sinn machten sie dagegen häufig weniger. Dabei wird heute gern und oft vergessen, wohin diese tunnelblickartige Verteilung von Schuld und Opferstatus, gepaart mit diffuser Wut und Rachsucht, sowie die nie weit entfernte, wütend vorgetragene Forderung, „endlich zu handeln“, stets führten: und zwar auf direktem Wege in verheerende totalitäre Systeme, die ihrerseits die größten Flüchtlingswellen der letzten Jahrhunderte auslösten, gegen die die derzeitige Situation in Europa fast wie ein laues Lüftchen anmutet.

Allein 14 Millionen vertriebene Deutsche aus den ehemaligen Ostgebieten kamen zwischen 1945 und 1947 im deutschen Kernland an. Dazu kamen Flüchtlinge, die schon kurz nach Kriegsende vor dem Totalitarismus kommunistischer Prägung im Osten in die westdeutsche Besatzungszone flohen sowie nicht zuletzt die Millionen fremder Soldaten der Besatzungstruppen – Deutschland war in diesen schlimmen Jahren ein einziger riesiger Schmelztigel der Kulturen. Die Verhältnisse, unter denen die Menschen damals lebten, waren in den ersten Jahren erbärmlich, denn das Land war vollkommen kriegszerstört. Und dennoch war ihre Unterbringung und Versorgung irgendwie möglich – auch, weil man aus seiner Position der Schwäche als Kriegsverlierer heraus keine andere Wahl hatte.

Angesichts dieser Zahlen mutet es fast wie Hohn an, wenn Medien und sogar Wissenschaftler bei rund 500000 während der letzten zweieinhalb Jahre gestellten Asylanträgen (von denen nicht mal 40 Prozent auch bewilligt wurden) in Deutschland bzw. knapp zwei Millionen in ganz Europa eine „neue Völkerwanderung“ wittern. Denn dieser Begriff muss – wird man sich seiner historischen Tragweite klar – vor allem eines schüren: Angst und Panik. Und dafür gibt es heute überhaupt keinen Grund. Das Gro der Flüchtlinge – 2015 sind weltweit 60 Millionen Menschen auf der Flucht, davon stellten in diesem Jahr rund 500000 in der EU einen Asylantrag, davon gut die Hälfte in Deutschland – nehmen immer noch ganz andere Regionen auf: unter anderem Staaten, die zu den ärmsten der Welt gehören. Von Angriffen auf Flüchtlingslager, Massendemonstrationen und politischer Stimmungsmache hört man aber fast immer nur aus Deutschland und anderen europäischen Staaten.
Panikmache spielt jenen in die Hände, denen es nicht um die Lösung dieses lokalen Problems geht, sondern die über die Brücke der Angst in Positionen klettern wollen, aus denen heraus sie das System, die Gesellschaft grundlegend verändern können. Wie schnell das gehen kann, zeigten die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts, die fast immer aus solchen (oft stimmgewaltig populistisch verstärkten) nationalen Krisen hervorgingen.

Einfach gestrickt und leicht verständlich müssen sie sein, die Klageschriften im Fall „Flüchtlingskrise“. Platz eins in der Hitliste der Schuldigen: „Die Politik“. Was genau man nun darunter verstehen soll, bleibt unscharf. „Politikversagen“ ist in der aktuellen Flüchtlingskrise zum geflügelten Wort geworden – gern auch weitertransportiert von der politischen Opposition eines Landes sowie diversen Kommentatoren, von Globalisierungsgegnern, aber auch von Extremisten, die die Ordnung eines Landes per se ablehnen. Da ist Genauigkeit oft nur hinderlich. Sie alle sehen in der momentanen prekären Lage einen willkommenen Aufhänger, um gegen das verhasste Etablierte, gegen den Mainstream – und somit gegen demokratische Grundsätze – zu agitieren.

Auch gern als Generalverantwortlicher in die Mangel genommen: der Kapitalismus. So schrieb ein gewisser Nick D. auf Facebook zu den entsetzlich entwürdigenden Bildern eines ertrunkenen syrischen Flüchtlingskindes, das an den türkischen Strand gespült worden war (und die ich hier ganz bewusst NICHT zeigen werde):

Es ist eine kapitalistische Welt Grausam und unbarmherzig. Nur die Abschaffung des Kapitalismus würde diese Welt heilen. Und viel Zeit bleibt nicht mehr…

Den Kapitalismus abschaffen – und alle Probleme in der Welt sind gelöst. Das klingt doch wirklich nach einer erreichbaren und plausiblen Lösung. Worauf warten wir also? Denn: „Wir können die Welt ändern. Noch“, schreibt Nick, der als Profilbild ein großes, buntes Antifa-Symbol zur Schau trägt.

Im russischen Zarenreich und auch im kaiserlichen Deutschland traf man ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im revolutionären Lager solche Agenden verstärkt an. Vor allem im Rahmen des Marxismus formulierte sich die These von der Abschaffung des Kapitalismus als Heilsbringer klassenloser Gesellschaften, in denen alles gut würde, weil es in ihnen keinen Klassenantagonismus (also das Aufeinanderprallen der Interessen verschiedener gesellschaftlicher Schichten) gebe. Das Ziel des Marxismus war die Abschaffung der in den meisten Industriestaaten Europas etablierten kapitalistischen Ordnung zugunsten einer sozialistischen Zwischenstufe. Diese sollte den Übergang zur klassenlosen kommunistischen Gesellschaft bilden, in der alle Produktionsmittel und alles Vermögen schließlich in den Händen der Arbeitenden liegen würden. Diese würden dann – gemeinsam mit den Bauern – eine homogene, klassenlose Schicht bilden. In der sozialistischen Realität wurde dann freilich augenscheinig, dass dies eine Utopie war. Denn nicht jeder Bürger ließ sich entweder den Arbeitern oder Bauern zuschlagen. Und selbst innerhalb dieser beiden Hauptgruppen gab es Vor- und Hilfsarbeiter, Kolchosenleiter und Pflanzhelfer mit unterschiedlichen Vergütungen (getreu dem sozialistischen Motto: Jedem nach seiner Leistung), Lebensumständen und Interessen – und damit selbstvertändlich auch eine Art Klassenantagonismus. Was meint also jemand, der den Kapitalismus beseitigen will? Will er dann Sozialismus? Oder was sonst?

Auf die vielen Flüchtlinge hingewiesen, die sozialistisch geprägte Systeme bzw. Machtbereiche insbesondere im vorigen Jahrhundert hervorbrachten, will sich Nick D. allerdings nicht als Sozialist missverstanden wissen. Auch bei ihm steht das Auffinden eines Schuldigen im Vordergrund – ob dessen Liquidation aber automatisch bessere Verhältnisse freisetzen würde, bleibt in diesen Überlegungen unberücksichtigt. Und Nick D. ist damit nicht allein. Es ist zum beliebten Trend geworden, Handlungsfolgen kategorisch auszublenden. Man kann nur mutmaßen, warum den Menschen Vor- und Weitsicht zusehends abhanden kommen. Vielleicht liegt es daran, dass in Europa und auch in anderen Gegenden mit erstarkendem Nationalismus wie etwa Russland eine Generation den Kinderschuhen entwächst, die die möglichen Folgen solchen Leichtsinns nie am eigenen Leibe spürten. Die nicht wissen, wie es ist, wenn die Heimat plötzlich im Krieg versinkt, der aus Größenwahn und Selbstüberhöhung heraus geführt wird. Die folglich auch nicht wissen, wie es ist, wenn die Heimat plötzlich Verderben bedeutet und nur die Flucht Überleben verheißt. Das interessante daran ist, dass diese Form des Ausblendens der historischen und aktuellen Realitäten quer durch alle politischen Lager und besonders gut an den beiden extremen Polen des politischen Spektrums funktioniert. Kategorische Systemkritik mischt sich hier wechselweise mit Menschenverachtung, Selbsthass oder dem Hass auf Staat und Obrigkeit.

Nick D. begreift sich als Antifaschist. Kapitalismus setzt er mit Faschismus gleich. Doch was wäre denn die Alternative? Zum Kapitalismus bildet der Sozialismus mit Endziel Kommunismus immer noch die einzige jemals in Industriestaaten realisierte Option. Eine andere Alternative hält auch Nick D. nicht parat – genauso wenig übrigens wie diverse oppositionelle Politiker.

Doch das Wichtigste ist: WIE man den Kapitalismus abschaffen könnte, das bleibt ebenfalls das Geheimnis der Protagonisten. Als 1917 das letzte Mal (zumindest territorial begrenzt) der Kapitalismus abgeschafft wurde, kostete das Millionen Menschen das Leben. Denn die Abschaffung des Kapitalismus bedeutete zwangsläufig die Abschaffung des Individuums, des Privateigentums und der Freiheitsrechte – etwas, das nie gewaltfrei vonstatten gehen könnte, wie nicht zuletzt die Große Sozialistische Oktoberrevolution der marxistischen Bolschwiki in Russland im Oktober/November 1917 zeigte. Im darauf folgenden blutigen Bürgerkrieg kamen geschätzt 10 Millionen Menschen um; die Konsolidierung der neuen Machtverhältnisse unter Lenin und vor allem Stalin forderte weitere rund 20 Millionen Opfer.

Ist es also das, was wir wollen? Selbst wenn wir zu dem Schluss kämen, dass es uns solche immensen Opfer wert wären, solange sie nur die Welt grundlegend veränderten – so müssten wir uns doch fragen, ob all das denn überhaupt einen Einfluss auf die Flüchtlingsproblematik hätte. Wäre eine sozialistische, kommunistische oder anderweitig nichtkapitalistische Welt also eine Welt ohne Flüchtlingselend? Mitnichten, wie die Geschichte zeigt und wie eingangs bereits angedeutet.

Der imperiale und totalitäre Charakter, den die 1922 neu gegründete Sowjetunion umgehend annahm, machte Millionen Menschen zu Flüchtlingen. Wer konnte, entzog sich dem sowjetischen Terror gegen die sogenannte „Bourgoisie“ und die zaristische Intelligenz durch Emigration. Vor allem viele Künstler, wie etwa der Pianist Sergej Rachmaninow, zog es in dieser Zeit ins westliche Ausland, vor allem in die USA oder nach Frankreich. Wer nicht fliehen konnte oder wollte, bezahlte dies häufig mit dem Leben. Die Säuberungen erfolgten unter der Maßgabe der Durchsetzung einer Diktatur des Proletariats – und halfen doch nur einer neuen Nomenklatura in den Sattel, die abermals Macht, aber auch Kapital und Produktionsmittel in ihren Händen konzentrierte.

Ähnlich verlief der Umsturz im Osten Deutschlands, der nach 1945 zunächst Besatzungszone und nach der Gründung der DDR 1949 quasi sowjetisches Protektorat wurde. Auch hier trieb der Regimewechsel dank seines gewaltsamen und repressiven Charakters Millionen in die Flucht. Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig erweitern. Man denke nur an die Boat People, die in den 60er-Jahren massenhaft vor dem Terror der neuen kommunistischen Machthaber flohen. Nicht zuletzt das Endstadium des Marxismus-Leninismus in der Sowjetunion machte zu Beginn der 90er-Jahre abermals Millionen zu Flüchtlingen.

Unterm Strich sollte man sich vor allem anderen fragen: Wohin wollen denn all die Flüchtlinge, die den Weg nach Europa suchen? Zieht es sie in jene Länder, in denen monarchistische, totalitäre, sozialistische oder Clan- und Stammesstrukturen vorherrschen? Nein! Es zieht sie in die freie, kapitalistische Welt, so wie es die Menschen aus den Ostblockstaaten einst in die Marktwirtschaft zog. Somit wollen Leute wie Nick D. im Grunde die Welt abschaffen, für die zu erreichen derzeit Hunderttausende ihr Leben riskieren. Auch eine Art, sich des „Flüchtlingsproblems“ zu entledigen.

Man könnte das Fazit ziehen, dass die Abschaffung des Kapitalismus allein nichts am Flüchtlingselend unserer Welt ändern würde. Nicht das Geringste. Wieder genügt ein Blick in die Geschichte. Lange vor der Herausbildung der ersten kapitalistischen Systeme im Zuge der im 18. Jahrhundert einsetzenden Industrialisierung war Flüchtlingselend Alltag. Flüchtlinge hat es auf der Welt gegeben, solange es Armut, Unterdrückung und Krieg gibt. Das führt einen unweigerlich zu der Erkenntnis, dass Flucht und Vertreibung sowie Klassenunterschiede der menschlichen Natur immanent sind. Auch in der Tierwelt findet man sie. In jedem sozialen Verband – ob Rudel, Schwarm oder Herde – gibt es rangniedere und ranghöhere Tiere. Es gibt Rivalitäten und Kämpfe, Gewinner und Verlierer, Mitläufer und Ausgestoßene. Nur eines gibt es in der Tierwelt nicht (oder nur sehr begrenzt): die Fähigkeit zur Empathie. Unser empathischer Sinn lässt uns Mitgefühl empfinden, aber eben auch Hass. Es hat unseren Blick auf die Welt verändert, die im Grunde schon immer so war, wie sie heute ist. Menschen werden immer Menschen bleiben – und damit von Interessen und (durchaus auch niederen) Instinkten gesteuerte Individuen. Man kann sie nicht in eine Form pressen, ohne ein Blutbad anzurichten.

Es gibt heute auch nicht mehr Kriege, mehr Elend und mehr Gewalt als früher, wie von Rassisten wie Antikapitalisten in erstaunlichem Einklang häufig behauptet wird – verantwortlich dafür werden dann immer gern pauschal westliche Arroganz, Rüstungsstreben, Kriegstreiberei und Interessenspolitik gemacht. Dass an den Vorhaltungen als solchen punktuell durchaus viel Wahres dran ist, steht auf einem anderen Blatt. Grundsätzlich aber gibt es heute nicht mehr von westlichen Staaten verursachtes Unrecht und Konfliktpotenial als früher. Geändert haben sich vielmehr die äußeren Rahmenbedingungen. All die Flüchtlinge, die heute zu uns kommen, hätten es noch vor 20, 30 Jahren nur im Ausnahmenfall bis zu uns geschafft. Viele wären nicht einmal auf die Idee gekommen, ihre Heimat gen Europa zu verlassen, weil Europa für viele fernes, unbekanntes Territorium war. Doch dank der immer ausgefeilteren und sich rasend schnell verbreitenden Kommunikationsmittel ist die reiche westliche Lebensweise mittlerweile allgegenwärtig in den Armenvierteln und Flüchtlingslagern Afrikas, Südamerikas oder des Nahen Ostens. Während früher nur wenige Gebildete in besagten Regionen wussten, wie das Leben bei uns läuft, weiß es heute fast jeder. Deshalb kommen sie. Weil sie erstmals in ihrem Leben einen Ausweg sehen, der nicht nur mehr Sicherheit und Frieden, sondern auch eine Perspektive für ein Leben ohne Armut bietet.

Es bleibt festzuhalten, dass die aktuellen Flüchtlingsströme der Preis sind, den wir für unser stetes Streben nach Moderne, Fortschritt und Ausweitung unseres Einflussbereiches zahlen. Gelang es uns zu Kolonialzeiten noch, unsere strukturellen Vorteile gegenüber den „rückständigen Massen“ der Dritten Welt auszuspielen und sie so zurückzudrängen und ahnungslos zu halten, gelingt uns das nun zusehends nicht mehr. Nun kann man das als Bedrohung sehen, Panikmache betreiben und zum Angriff blasen. Nur weiß eigentlich kaum jemand so genau, wen man angreifen soll.
Wie wäre es stattdessen mit einem Umdenken? Nicht der Kapitalismus gehört abgeschafft – schon aus Mangel an erprobten Alternativen. Abgeschafft gehört das Denken in Kontexten, die potenziell abwägen und abwerten und die Welt als tägliche existenzielle Entscheidung darstellen: Ich oder der? Wir oder die? Gläubig oder ungläubig? Gut oder böse? Freund oder Feind? Fortschrittlich oder rückständig? Ein solches Denken blendet zwangsläufig die vielen Schattierungen dazwischen aus – und damit: Möglichkeiten, Chancen. Wer, wie etwa der ungarische Präsident Viktor Orban („Wir wollen hier keine Muslime“), eine erfolgreiche Integration von Flüchtlingen aus anderen Kulturkreisen von vornherein ausschließt, der wird folglich alles tun, um sich bestätigt zu finden oder aber alles, dass es dazu erst gar nicht kommt. Hier muss man ansetzen – bei sich selbst und nirgendwo sonst.

Sind wir also „herzkrank“, wie der Philosoph Christoph Quarch unlängst diagnostizierte. Nein, nur unvernünftig und naiv. Wir müssen aufhören, uns an alte, überkommene Vorstellungen von der Welt zu klammern. Wer Freiheit und Wohlstand westlicher Gesellschaften will, der muss begreifen lernen, dass diese tradierten Vorstellungen von rassischer und kultureller Überlegenheit und nationalen Grenzen in der Welt, die wir mittlerweile geschaffen haben, nicht mehr überlebensfähig sind. Unser unermesslicher Reichtum ergibt sich auch aus Handels- und Wirtschaftsbeziehnungen mit Drittweltstaaten. Das öffnet den Menschen dort ein Fenster in unsere Welt. Den absolut berechtigten Willen, auch so leben zu wollen wie wir, wird man nur durch Unterdrückung zurückdrängen können. Wer dennoch auf seine Vorrechte als deutscher Staatsbürger oder aber auf die vermeintliche Verkommenheit von Staat und System pocht, der wird damit bestenfalls eines erreichen: neue innere Instabilität, einen neuen Kulturkampf wie im Dritten Reich und schlimmstenfalls bürgerkriegsähnliche Zustände.

Zwischen Nostalgie und Demütigung: die ehemalige sowjetische Mittelschicht und die Wiedervereinigung

Wohnung für Fähnriche in Forst Zinna.
Wohnung für Fähnriche in Forst Zinna.
Zeigt man ehemaligen Angehörigen der sowjetischen Streitkräfte, die einst in der DDR ihren Dienst versahen, Bilder vom heutigen Zustand der noch erhaltenen, aber vielfach dem Verfall preisgegebenen früheren Liegenschaften, ist die Reaktion häufig dieselbe: „Grausam!“ sagt Wladimir aus Polotzk (Weißrussland), als er die Ruinen der Kasernenanlage in Ribnitz-Damgarten sieht – und bedankt sich zynisch beim „Friedensnobelpreisträger“. Gemeint ist damit Michail Gorbatschow, der einst als KPdSU-Chef mit Hans-Dietrich-Genscher die Verträge zur deutschen Einheit aushandelte. Andere werden noch deutlicher und werfen den Deutschen vor, „keine Kultur“ zu haben. „In unseren Zeiten waren all diese Kasernen top gepflegt. Erst nahmen die Deutschen sie uns weg, und nun lassen sie sie einfach verfallen, dabei heißt es doch immer, sie seien so reich, gebildet und zivilisatorisch hoch stehend“, schimpft Zhanna, ebenfalls aus Weißrussland. Es schwingt Wut darin mit, und auch ein Hauch einer nie überwundenen Demütigung. Beide sind heute um die 60. Sie kennen die Sowjetunion noch zu Zeiten scheinbarer Blüte, weil ihnen die ersten Anzeichen des Zerfalls und seine strukturbedingten Hintergründe verschwiegen wurden – den Zusammenbruch 1991 erlebten sie entsprechend unvorbereitet, als einschneidende Zäsur. In den postsowjetischen Gebieten sind sie eine langsam aussterbende Generation. Und das scheinen sie auch genau zu wissen.

Auf Kriegsschuld und Pump gebautes Wirtschaftswunder

In den 60er- und 70er-Jahren befanden sich Gesellschaft und Wirtschaft in der sowjetischen Heimat bereits in einem Zustand tiefster Stagnation – das wohl herausragendste Merkmal der insgesamt 18 Jahre währenden Brezhnew-Ära. Zwar setzte „Väterchen Ljonja“ den unter Chruschtschow begonnenen Kurs der Entstalinisierung – wenn auch mit stark verminderter Intensität – fort. Doch vermochte er es eben nicht, Lösungen für eine Situation zu finden, in der das vor allem auf den Reparationsleistungen der DDR gebaute Wirtschaftswunder der Nachkriegsjahre aufgrund des ausbleibenden Nachschubs an moderner, zeitgemäßier Technik zu bröckeln begann. Denn diese Quelle versiegte mit den Jahren. Tausende hochspezialisierte ostdeutsche Wissenschaftler, die nach dem Kriegsende in die UdSSR zwangsdeportiert worden waren, kehrten im Zuge der proforma-Unabhängigkeit der DDR im Jahr 1954 in ihre Heimat zurück – und hinterließen im sowjetischen Kernland klaffende Lücken.
Es sind jene Jahre, in denen die gebürtige Russin Zhanna aus der Brjansker Region in die DDR kommt. Mit ihren Eltern zieht sie 1955 in eine Kaserne im anhaltinischen Hillersleben, besucht die dortige 45. sowjetische Grundschule. Vier Jahre später zieht die Familie weiter nach Oschatz, wo das Mädchen die sowjetische Mittelschule besucht. Fast ihre gesamte Jugend verbringt Zhanna in der DDR – bis es 1965 zurückgeht – zunächst ins russische Woronesch, wo sie die Schule abschließt und Forstwirtschaft studiert, später ins weißrussische Gomel. Bis heute glaubt sie an das fortschrittliche Leben in der Sowjetunion, die heldenhafte sowjetische Armee. Der Westen hat ihnen all das genommen, dessen ist sie sich sicher – und Michail Gorbatschow hat alles für ein paar Milliarden verraten und verkauft. Viele, die damals profitierten und wie Zhanna eine sorglose Jugend in schicken Neubauwohnungen verbrachten, die sich das Militär auf DDR-Rechnung bauen ließ, denken so. Für sie ging mit dem Zusammanbruch 1991 ein Traum kaputt – der Traum eines kommunistischen Lebensideals, das nur für eine verschwindend geringe Zahl von Sowjetbürgern tatsächlich Realität und das im Wesentlichen auf Pump und Kriegswirtschaft gebaut war. Von den Macken des Systems und deren Auswirkungen auf die Versorgungslage in der Gesellschaft waren sie am wenigstens betroffen. Folglich waren gerade von den in der DDR stationierten Armeeangehörigen überdurchschnittlich viele als linientreu und absolut loyal gegenüber der sowjetischen Ideologie einzustufen.

Wettrüsten und Propaganda statt sozialem Wohlstand

Die marxistisch-leninistische Staatsdoktrin mit dem Feindbild Westen, die Armee und mit ihr untrennbar verbunden der Kult um die Errettung der Welt aus dem Faschismus durch den sowjetischen Sieg im Großen Vaterländischen Krieg bildeten den Kitt, der Staat und Gesellschaft auch in wirtschaftlich schweren Zeiten zusammenhalten sollte. Von der Entspannung der außenpolitischen Krisen während der ersten Jahre unter Brezhnew kam beim kleinen Sowjetbürger fast nichts an, denn an der zentral geführten, konkurrenzunfähigen Wirtschaft änderte sich nichts, ebenso wenig wie an der auf ständige Wehrhaftigkeit ausgerichteten, durchmilitärisierten Gesellschaft. Wovon die kleine Zhanna in der DDR freilich nichts mitbekam: Mangel und Verfall machten sich in der UdSSR vor allem im sozialen sowie im Versorgungssektor breit. Während der Anteil der Ausgaben für Bildung und Erziehung am Bruttsozialprodukt in der UdSSR zu Zhannas Grundschulzeit 1956 noch bei fast konkurrenzlosen 4,4 Prozent gelegen hatte (USA: 2,4 Prozent, BRD: 2,2 Prozent, DDR: 3,8 Prozent), war er bereits 1962 auf knapp 3,8 Prozent gesunken. Andere Staaten, allen voran Schweden (6,0) und Norwegen (5,0), aber auch die DDR (4,3) und die CSSR (4,0), hatten die Sowjetunion da längst überflügelt (vergl.: Hedtkamp). Stattdessen waren die Rüstungs- und Militärausgaben auf konstant hohem Niveau geblieben. Auf der Höhe der Ära Brezhnew im Jahr 1979 gab die Sowjetunion immer noch 14 Prozent ihres Bruttosozialproduktes für Rüstung und Militär aus – um ein Drittel mehr als etwa die USA. Entziehen konnte sich dem kaum jemand, schon deshalb nicht, weil viele Millionen Sowjetbürger mittlbar oder unmittelbar in der Rüstungsindustrie oder beim Militär beschäftigt waren. Von klein auf wuchs jeder in seine Rolle als Diener seines Staates hinein. Schwach war der, der dies auch offen zeigte und eingestand – und genau da setzte auch die staatliche Propaganda an.

IMG_0094In den Kasernen in der DDR wurden ab den 60er-Jahren verstärkt bunte Plakate aufgehängt. Wer genau hinschaut, findet sie noch heute in großer Zahl in den Ruinen. Sie erzählten von den vermeintlich „großen Erfolgen“ der sowjetischen Wirtschaft: „2300 Kilometer neue Eisenbahnstrecken fertiggestellt“, oder auch „80-82 Milliarden Eier produziert“ stand darauf. Das alles sollte über einige unangenehme Wahrheiten hinwegtäuschen. Zum Beispiel darüber, dass Mitte der 70er-Jahre die Planungen der sowjetischen Ökonomen aufgrund des wachsenden Rückstandes gegenüber westlichen Industrienationen zunehmend bescheidener ausfielen. So peilte man im Fünfjahresplan von 1976 für das Jahr 1980 gerade einmal 85 Prozent des Nationaleinkommens der USA des Jahres 1975 an. Auch dieses Ziel wurde verfehlt. Den Vorsprung in Sachen Elektronik und Kommunikation hielten die USA 1976 gar für so groß, dass sie in Erwägung zogen, den Exportstopp für kommunistische Zielländer aufzuheben, den man für hochspezielle Computertechnik eingeführt hatte. So also waren die Zeiten, als Zhanna und Wladimir in der DDR lebten.

Die DDR – sowjetische Parallelwelt auf Staatskosten

Wer dazu die Gelegenheit erhielt, erfuhr in der Tat ein seltenes Privileg. In der Regel fand man in der DDR Verhältnisse vor, die oft Welten von dem entfernt waren, was die Sowjetunion an – häufig noch kriegsgeschädigter – Infrastruktur zu bieten hatte. Die solide Gebäudesubstanz der Kasernen aus der Kaiserzeit, die die sowjetischen Sieger 1945 übernommen hatten, war in den 50er- oder auch in den 70er-Jahren tatsächlich noch in gutem Zustand. Wenn Zhanna oder Wladimir dieselben Gebäude allerdings gegen 1992 noch einmal betreten hätten, wäre ihnen deutlich vor Augen geführt worden, dass der Verfallsprozess längst begonnen hatte, als die Okkupationstruppen noch anwesend waren. Wenngleich viele der Gebäude damals rein baulich gesehen tatsächlich noch zu retten gewesen wären. Investitionen in den Erhalt von Infrastruktur auf fremdem Boden schien im Kreml wenig zielführend angesichts einer Lage, in der selbst Bildungsausgaben gekürzt wurden, um die Rüstung weiter auf hohem Niveau zu halten. Diese Aufgaben betrachtete man vielmehr als Angelegenheit der DDR-Führung, die bis zur Wende für die Kosten der Besatzung aufkommen musste: jährlich zwischen zwei Milliarden zu Beginn und 800 Millionen Mark am Ende – was bis zu 9 Prozent des staatlichen Verteidigungshaushaltes entsprach. Insgesamt schätzen Ökonomen, dass die DDR ab Kriegsende 1945 bis zum Jahr 1953 allein knapp 100 Milliarden Mark (zu damaligen Preisen) und damit 98 Prozent aller gesamtdeutschen Reparationen an die Sowjetunion leistete – die milliardenschwere Truppenpräsenz bis zur Wende 1989/90 ist darin noch nicht abgebildet.

Konversion – Milliardenfass ohne Boden

IMG_5613-swAls die Truppen 1992-1994 aus Deutschland abzogen, ließen sie fast 800 Kasernenanlagen, 47 Flug- und 116 Truppenübungsplätze zurück. Fast alle waren toxisch kontaminiert und mit Munition belastet. Die Beseitigung all dieser überwältigenden Schäden hat den deutschen Steuerzahler in der Vergangenheit unzählige Summen gekostet. Nicht immer haben private Investoren diese Aufgabe dem Staat abgenommen. Allein die Umnutzung und Rekonstruktion der Kasernenanlagen in der Dresdner Albertstadt hat den Freistaat Sachsen und die Stadt Dresden in den vergangenen 20 Jahren mehrere Hundert Millionen Euro gekostet. Und noch immer ist nicht jede Brache verschwunden.
Noch viel stärker betroffen ist das Land Brandenburg, auf dessen Territorium sich ungleich mehr ehemalige sowjetische Liegenschaften sowie der Mammutanteil der Truppenübungsplätze befanden. 96000 Hektar Konversionsfläche (von ursprünglich 230000 Hektar militärisch genutzter Fläche) übernahm das Land 1992 aus dem Vermögen der Bundesregierung, darunter 80 Kasernenkomplexe rings um Berlin, 26 Wohngebiete, 19 Flug- und 60 (!) Truppenübungplätze. Erste Bestandsaufnahmen ergaben damals, dass schon die wichtigsten Maßnahmen zur unmittelbaren Gefahrenabwehr wie Dekontamination und Bestandssicherung 5,5 Milliarden D-Mark kosten würden. Angesichts dieser Summen musste die Umnutzung planvoll und unter den Maßgaben städtebaulicher Entwicklung erfolgen. Das hieß: Renoviert und zivil umgenutzt wurden vor allem jene Kasernenanlagen in attraktiver Lage im Einzugsgebiet Berlin, die ein Potenzial als Wohn- oder Gewerbestandort aufwiesen. Diese konnten zum Teil auch ohne Probleme an private Investoren veräußert werden. Was jedoch zu weit ab vom Schuss lag oder in zu schlechtem Zustand war, verfällt häufig bis heute oder wurde längst abgerissen.

Ehemaliger Luftwaffenstützpunkt Rangsdorf.
Ehemaliger Luftwaffenstützpunkt Rangsdorf.
Lenin vor dem Haus der Offiziere in Wünsdorf. Seit 1994 steht das prachtvolle Gebäude leer.
Lenin vor dem Haus der Offiziere in Wünsdorf. Seit 1994 steht das prachtvolle Gebäude leer.
Ein wahrhaft gigantisches Modellprojekt zur Entwicklung ehemaliger militärischer Liegenschaften ist bis heute die Waldstadt bei Wünsdorf. Seit 1953 abgeschirmtes Städtchen und Schaltzentrale der sowjetischen Besatzungstruppen in Ostdeutschland, lebten hier einst 30000 sowjetische Soldaten und Familien bei 5000 Einheimischen. Über 500 Hektar Fläche wollten hier von militärischer in zivile Infrastruktur umgewandelt werden. Bis heute haben Konversionsbemühungen und Bestandssicherung dort Hunderte Millionen Euro an Landesmitteln verschlungen, hinzu kommen ungezählte Millionen an Bundesmitteln für die Beseitigung von Altlasten. Doch gerade die Waldstadt zeigt, wie sehr man sich mit der zivilen Umnutzung auch verrechnen kann: Viel geringer fiel das Interesse am neu geschaffenen Wohnraum 50 Kilometer vor Berlin aus, als ursprünglich gedacht. 30 Prozent der Wohnungen im ehemaligen Oberkommando der Westgruppe blieben leer. Fehlinvestitionen in Höhe von einer halben Milliarde Euro ließen die federführende Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) 2001 in die Liquidation taumeln.

Das Beispiel zeigt, wie kostenaufwendig und risikoreich die Umnutzung ehemaliger militärischer Liegenschaften gerade in weniger entwickelten Regionen war und ist. Nichtsdestotrotz zeigt es auch die zahlreichen Bemühungen von Staat, Ländern und Kommunen, die frei gewordene Bausubstanz einer sinnvollen Nachnutzung zuzuführen – und das, obwohl absehbar war, dass die halbe Million Menschen, die diese Gebäude zuvor bevölkert hatten, bei abnehmender Bevölkerungszahl unmöglich zu kompensieren sein würden. Wer sollte denn den Wohnraum beziehen, den sie hinterließen? Zumal gleichzeitig in den Städten und Gemeinden riesige Sanierungswellen zur Wiederherstellung der zu DDR-Zeiten häufig verfallenen Altbausubstanz anrollten.

Wie viel Geld genau seit 1994 in das Mammutprojekt Konversion geflossen ist, hat bislang niemand bilanziert. Allein das Land Brandenburg investierte bis heute mehr als zwei Milliarden Euro in die Entwicklung bzw. Revitalisierung ehemaliger Sowjetischer Liegenschaften. Ein Vielfaches wird nötig sein, um alle verbliebenen Schandflecken zu beseitigen. Im gesamten Osten dürften es viele viele Milliarden gewesen sein. Hinzu kommen die laufenden Kosten für Pflege und Erhalt sowjetischer Ehrenmale und Friedhöfe, auf denen seit der Wende der deutsche Staat sitzen bleibt. Die Regierungen der postsowjetischen Staaten fühlen sich oft selbst für solche Anlagen nicht zuständig, die nicht explizit unter das Gräbergesetz oder die Vereinbarungen der 2+4-Verträge fallen.

Entschädigungen und Aufbauhilfen in zweistelliger Milliardenhöhe

Nicht vergessen werden darf – und das konnte als absolutes Novum in der Geschichte gelten -, dass die Bundesrepublik die ehemalige Besatzungsmacht im Rahmen der 2+4-Verträge für die Aufgabe der seit dem Kriegsende beanspruchten Gebiete großzügig entschädigte. 15 Milliarden Mark flossen sofort. Wohnungsbauprogramme im Wert von weiteren 8,3 Milliarden Mark an mehr als 40 Standorten auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion sollten zudem helfen, die größte Not der schlagartig heimkehrenden Hunderttausenden Offiziere und Familienangehörigen zu lindern, die daheim nicht selten alle Zelte abgebrochen hatten und nun auf eine Situation trafen, in der die Lage auf dem Wohnungsmarkt auch so schon prekär genug war. Nach dem völligen Zusammenbruch 1991 hatte die Bundesregierung dem wirtschaftlich am Boden liegenden Russland zudem Kredite in Höhe von 24 Milliarden Mark gewährt. Mit 50 Milliarden stand das Land damals bereits allein aus Sowjetzeiten bei der BRD in der Kreide, 15 weitere schuldete es noch der untergegangenen DDR – und damit ebenfalls der BRD. Die Gesamtschuldenlast belief sich damit im Jahr 2001 auf rund 89 Milliarden D-Mark, von denen Deutschland der Russischen Föderation 12 Milliarden (7 Milliarden Euro) erließ.

Unterm Strich bleibt stehen: Die Wiedervereinigung war alles andere als eine „billige“ Angelegenheit für die Deutschen. Im Gegenteil: Sie wird teuer erkauft – und gerade Russland profitiert bis heute von den Folgen und den Kompensationsleistungen Deutschlands. Doch wie erklärt sich vor diesem Hintergrund die Wut von Wladimir, Zhanna und vielen anderen in den postsowjetischen Staaten? Woher kommt der Glaube, Gorbatschow habe das Sowjetimperium damals für „ein paar Milliarden“ zum Fliegenschiss schrumpfen lassen? Zum einen daher, dass die Geschichte der deutschen Wiedervereinigung in vielen postsowjetischen Staaten bis heute keiner objektiven Betrachtung unterzogen wurde. Gerade Weißrussland ist als letzte Diktatur Europas berühmt-berüchtigt für seine geschlossene Gesellschaft. Die Intelligenz des Landes ist bereits zahlreich ins Ausland abgewandert, lebt in Deutschland, Frankreich oder der Tschechischen Republik. Dies ist besonders tragisch vor dem Hintergrund, dass das Land schon einmal fast seine gesamte Intelligenz verlor, als Stalin während des großen Terrors Tausende ermorden ließ, um auch letzte Widerstände gegen die kommunistische Ideologie auszurotten. Von denen, die bleiben, trauern heute nicht wenige dem untergegangenen Riesenreich nach – so wie Zhanna. Es sind vor allem Menschen, die nach 40 Jahren Sozialismus und dem unmittelbaren Erleben seines wenig rühmlichen Kollapses nach einfachen Erklärungen suchen, die möglichst nicht schmerzlich am eigenen Weltbild kratzen. Erklärungen, die ihnen die zentral gesteuerten heimischen Medien gerne liefern – allerdings in bewährter sowjetischer Tradition. Heute stärker denn je zuvor seit der Wende heißt das: Der Westen ist schuld. Denn dort toben Imperialismus und Faschismus. Das wirklich Erschreckende daran ist, dass viele Menschen wie Zhanna oder Wladimir die Zäsur 1991 lediglich als eine Art vorübergehenden Zustand begreifen. Und die jünsten Ereignisse rings um die Krise in der Ukraine hat diesen Semestern ungeahnten Auftrieb gegeben. Nicht wenige sehnen offen den Tag herbei, an dem das russische Militär die damals verlorenen Gebiete zurückholen und eine alte Stärke wiederhergestellt würde, die im Grunde nie mehr als eine Illusion war.

Bildrechte: J. Jannke

Der Freund aus einer anderen Zeit

Stellen Sie sich vor, da steht jemand unangekündigt in der Tür, den Sie vor langer Zeit flüchtig kannten und den Sie 35 Jahre lang nicht gesehen haben. Bei Heike Geißler stand niemand in der Tür. Von der Vergangenheit eingeholt wurde die 53-jährige Lausitzerin dennoch. Im Februar klingelt plötzlich daheim in einem Ort im Görlitzer Umland das Telefon. Freunde, Kollegen, Nachbarn bestürmen sie: „Du bist in der Zeitung! Ein Mann sucht nach dir!“ Für die seit 35 Jahren verheiratete Frau und zweifache Mutter erst mal ein Schreck.

Freundschaftstreffen auf dem Vorplatz des Hellerauer Festspielhauses, das damals sowjetische Kaserne war. Ganz links: Heike Michel (Geißler) und Michail Gordejew.
Freundschaftstreffen auf dem Vorplatz des Hellerauer Festspielhauses, das damals sowjetische Kaserne war. Ganz links: Heike Michel (Geißler) und Michail Gordejew.

Der Mann, der nach Heike Geißler sucht, heißt Michail Gordejew. Kurilka und auch die Sächsische Zeitung berichteten Ende Februar über das Anliegen des 56-jährigen Russen. Vor fast vier Jahrzehnten war Gordejew als 19-jähriger Wehrpflichtiger der Sowjetarmee nach Dresden gekommen – und dort Heike begegnet, die damals noch ihren Mädchennamen „Michel“ trug. Sein Appell löst eine Welle der Anteilnahme aus. Unzählige Anrufe und E-Mails gehen zum möglichen Verbleib von Heike ein. Der entscheidende Hinweis kommt nach drei Tagen: „Die gesuchte Heike Michel ist meine Frau“, schreibt Joachim Geißler.

Nach dem ersten Schrecken besinnt sich Heike Geißler, will erzählen, wie das damals war mit Mischa aus dem Ural. „Inzwischen weiß es ohnehin fast jeder bei uns, und die Reaktionen sind bislang fast durchweg positiv“, so die 53-Jährige mit einer Stimme, die durchs Telefon als fröhlicher Alt erschallt. Ihr Onkel habe sie angerufen. „Er sagte: Du wirst vom KGB gesucht. Kennst du einen Mischa? Ich wusste sofort, wer gemeint war.“

Noch heute arbeitet Heike Geißler als Physiotherapeutin – jenem Beruf, für den sie im Herbst 1977 ihre Görlitzer Heimat gegen das Schwesternwohnheim der Dresdner Medak eintauscht. 16 ist sie damals. „Dieser Beruf war etwas Besonderes, ganze zwei Stellen waren in Görlitz zu besetzen.“ Heike ist ehrgeizig, eine ausgezeichnete Schülerin. Nur die Besten dürfen Ausbilderin Rosemarie Köstler zu den Freundschaftsbesuchen beim in Hellerau stationierten Sanitätsbataillon der Sowjetarmee begleiten, in dem auch Mischa Gordejew dient und zu dem die Medak eine Patenschaft pflegt. Die sozialistische Welt um sie herum mit ihrer permanenten Wettkampfatmosphäre ist für Heike selbstverständlich. Mit ihren Kommilitoninnen bewirbt sie sich um den Titel „Sozialistisches Studentenkollektiv“. Der erste Preis: eine Fahrt nach Leningrad – für die 17-Jährige, die Russisch lernt, ein Traum. Ihre Gruppe gewinnt, die 500 Mark Fahrtkosten muss sie allerdings selbst zahlen. Sie geht Waggons putzen, um sich ihren Traum zu verwirklichen. „Ich war in der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, das waren alle bei uns“, erzählt sie unbefangen – die Eintrittskarte in die unbekannte Welt sowjetischer Soldaten, von denen es damals fast 10 000 in Dresden und über 500 000 in ganz Ostdeutschland gibt. Heute habe sie auf vieles natürlich eine ganz andere Perspektive. Damals aber sei das ihre Welt gewesen.

Eine aufregende Zeit. „Am spannendsten war der Eintritt in die Kaserne. Wir wurden gründlich gefilzt“, schildert sie jenen Tag im November 1978, als sie Mischa Gordejew in Hellerau das erste Mal auf dem Vorplatz des heutigen Festspielhauses trifft. „Wir gingen durch die Absperrung auf ein paar Soldaten zu, die da aufgereiht standen“, erinnert sie sich. Sie steuert Mischa direkt an, reicht ihm die Hand. „Es war gleich irgendwie Sympathie da, wir hatten Blickkontakt, lächelten uns zu.“

Von der Kaserne bekommt Heike damals nur Kultur- und Speisesaal zu sehen. Überall Flaggen und Banner. Alles läuft unter strenger Beobachtung der Offiziere ab. Trotz der Abschirmung fällt der Schwesternschülerin der wenig ansprechende Alltag der einfachen Soldaten auf. Die Unterbringung sei schlecht gewesen, die jungen Männer hätten keine Freiheiten gehabt. „Wir hatten unser Leben draußen, sie aber hatten nichts. Auch im Alltag ist die Armee stets präsent.“ Soldaten, die sich etwas zuschulden kommen ließen, hätten zur Strafe hart arbeiten müssen. „Bei Wind und Wetter trugen sie immer diese dünne Kleidung und mussten am Güterbahnhof in Klotzsche Kohlen schaufeln.“ Dagegen sei die Teilnahme an Freundschaftsbesuchen Auszeichnung und Höhepunkt gewesen.

Unteroffizier Michail Gordejew mit Garnisonskindern und Kameraden auf dem Exerzierplatz der Hellerauer Kaserne (heute Festspielhaus-Areal).
Unteroffizier Michail Gordejew mit Garnisonskindern und Kameraden auf dem Exerzierplatz der Hellerauer Kaserne (heute Festspielhaus-Areal).
Beim gemeinsamen Essen im Speisesaal nähern sich Heike und Mischa an. „Wir verständigten uns mit Händen und Füßen. Ich konnte ein wenig Russisch, so klappte es.“ Ein paarmal schreiben sie sich und sehen sich bei Freundschaftsbesuchen. „Und“ – fügt die 53-Jährige lebhaft hinzu – „wir haben uns sogar einmal heimlich in der Stadt getroffen, gingen ein wenig spazieren, unterhielten uns.“ Mischa sei höflich gewesen, habe von Dresden geschwärmt, aber nie etwas über seinen Armeealltag erzählt. „Die Russen waren einfach anders als wir, viel disziplinierter, duldsamer.“ Irgendwann aber seien die Besuche weniger geworden, brachen schließlich ganz ab. „Mischa war zuletzt nicht mehr dabei gewesen“, so Geißler.

Damals habe sie nichts hinterfragt, sagt die Görlitzerin. Dass ihre Briefe damals – wie von Mischa vermutet – der Zensur zum Opfer fielen, hält sie für wahrscheinlich, von Mischas vorzeitiger Entlassung erfährt sie damals nicht. Die geplante Reise nach Leningrad ist das Letzte, von dem sie ihrem sowjetischen Freund berichten kann. Dann reißt der Kontakt ab. Als sie 1980 an die Newa reist, öffnet ihr das so manches Auge über das Verhältnis zwischen Deutschen und Sowjets. „Kaum einer kannte dort die DDR oder die Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Damals fing ich an, mir über einiges Gedanken zu machen.“ Von Michail Gordejew sieht und hört Heike nie wieder etwas – bis zum Februar 2015.

Als der 56-Jährige erfährt, dass Heike gefunden ist, ist er überwältigt. So sehr, dass er zunächst tagelang abtaucht. „Ich brauchte erst einmal ein wenig Zeit, um das zu verkraften, hatte nicht und schon gar nicht so schnell damit gerechnet“, entschuldigt sich Gordejew kurz darauf, der mit Frau, zwei Töchtern und den beiden Enkeln nahe der Millionenstadt Jekaterinburg im Ural lebt. Inzwischen haben er und die Freundin von damals Kontaktdaten ausgetauscht. Ob sich 35 Jahre Entfremdung und mehr als 4 000 Kilometer Distanz überbrücken lassen, wird sich zeigen.

Nachtrag der Autorin:
Der Artikel erschien beinahe wortgleich am 29. Mai 2015 in der Lokalausgabe Görlitz der Sächsischen Zeitung. Nach Veröffentlichung des ersten Artikels am 17. Februar 2015 dauerte es keine Woche, bis Heike „Michel“ gefunden war. Die Geschwindigkeit der sich überschlagenden Ereignisse und die Vielzahl an Rückmeldungen waren schier überwältigend. Ein Dankeschön geht an Heike Geißler, der es zunächst schwer fiel, sich noch einmal öffentlich zu jener Episode ihrer Vergangenheit zu äußern. Sie selbst stehe zu diesem Teil ihres Lebens. Die Leute aber, die das Leben damals in der DDR nicht kennenlernten, zeigten bisweilen heute wenig Verständnis dafür. Leute, die die selbständige Physiotherapeutin zu ihren Kunden zählt. Für Geißler – wie für so viele andere – war die sozialistische Lebenswelt in der DDR Alltag, in den sie hineingeboren wurden und den sie verinnerlicht hatten. Leider wird das häufig vergessen in einem Staat, der die DDR 1989/90 förmlich verschluckte und zunächst über Jahre rigoros gegen alles vorging, das irgendwie mit ihren Werten, Kulturgütern und Symbolen zusammenhing und damit ein Klima der Stigmatisierung schuf gegenüber jenen, die einst gelernt hatten, mit dem System zu leben, statt es zu verachten und dagegen aufzubegehren.

Der Soldat und das Mädchen – aus den Erinnerungen sowjetischer Soldaten in Ostdeutschland.

Michail Gordejew und Heike Michel. Das Foto entstand 1978 auf dem damaligen Kasernengelände, dem heutigen Festpielhaus-Areal in Hellerau.
Michail Gordejew und Heike Michel. Das Foto entstand 1978 auf dem damaligen Kasernengelände, dem heutigen Festpielhaus-Areal in Hellerau.
Fast ein halbes Menschenleben muss Michail Gordejew zurückgehen, will er sich die Stadt vor Augen rufen, in der er einst eineinhalb Jahres seines Lebens verbrachte. Die Stadt ist nicht mehr dieselbe, Gordejew längst kein junger Mann mehr. Seine Haare sind ergraut, daheim, in der russischen Kleinstadt Poljewskoi, 40 Kilometer südwestlich der Millionenstadt Jekaterinburg, spielen die beiden Enkel im Garten. Auch die Welt ist mittlerweile eine andere geworden. Als Gordejew im Mai 1978 als 19-Jähriger nach Dresden kommt, stehen sich Ost und West unversöhnlich im Kalten Krieg gegenüber. Der Junge aus dem Ural wird in die DDR geschickt, um in Dresden seinen Wehrdienst in der Sowjetarmee abzuleisten. 35 Jahre nach seiner Heimkehr existieren weder die DDR noch die Sowjetunion. Dresden hat Mischa, wie ihn Freunde nennen, seit damals nicht wiedergesehen, die Erinnerung verblasst langsam. Doch etwas hat er bis heute nicht vergessen: Locken, ein gewinnendes Lächeln, ein Name: Heike.

KaserneLinksHeuteEZKEs ist Frühling, als Gordejew in Dresden ankommt. Viel sieht er nicht von der Stadt. Vom Bahnhof geht es direkt in die Kaserne in Hellerau. Auf dem Territorium des heutigen Festspielhauses ist damals das 189. Sanitätsbataillon der 11. Gardepanzerdivision stationiert, die Spielstätte selbst eine Mischung aus Lazarett, Kaserne und Sporthalle, Deutsche haben hier nur mit Passierschein Zutritt. Riesige Siegesikonen an den Wänden im Treppenhaus erinnern bis heute an die militärische Nutzung. Ein Soldat schuf sie just 1979, in Mischas letztem Jahr.

Mischa dient in der Nachrichtenkompanie des Bataillons. Es sei eine anständige Einheit gewesen, sagt er. „Insgesamt habe ich gute Erinnerungen. Fast jeden Tag habe ich aus dem Stab die Post für die Einheit geholt“, erinnert sich der 56-Jährige. Der Stab liegt in Klotzsche, im heutigen Akademiegelände der DGUV. Der junge Soldat geht die Strecke zu Fuß oder nimmt die Straßenbahn – ein kleiner Fetzen Freiheit im ansonsten von Restriktionen und bedingungsloser Unterordnung geprägten Militäralltag.
Im November 1978 kündigt sich eine deutsche Delegation in Hellerau an. „Das war der Tag, an dem ich Heike zum ersten Mal traf.“ Die Delegation besteht aus Studentinnen der Medizinischen Akademie, einer Lehrkraft sowie deren Ehemann – dem Kommandeur einer Dresdner Sanitätskompanie der NVA, der gute Beziehungen zu Gordejews Bataillonschef pflegt. Heike, die mit Nachnamen damals vermutlich Michel hieß, ist eine der Studentinnen. Solche Besuche sind nicht unüblich. Von oben verordnet und feierlich inszeniert, sollen sie die deutsch-sowjetische Freundschaft als Eckpfeiler des sozialistischen Selbstverständnisses demonstrieren.
Mischa darf die Delegation begleiten, man besichtigt die Kaserne, isst gemeinsam im Speisesaal, der heute ein frisch saniertes Mehrfamilienhaus ist. „Es ist schwer zu erklären, aber irgendwie fanden Heike und ich auf Anhieb eine gemeinsame Sprache.“ Zwischen beiden entwickelt sich ein Briefwechsel. „Ich schrieb ihr auf Deutsch, sie antwortete auf Russisch.“ Als er ihr ein Treffen außerhalb der Kaserne vorschlägt, wird die Abteilung für Inneres hellhörig. „Viel später sagte man mir, dass der Brief nicht durch die Zensur gelassen wurde.“

Michail Gordejew mit Heike Michel, Kameraden und den Studentinnen der Medak gegenüber dem Kasernengelände in der Karl-Liebknecht-Straße in Hellerau. Foto: Privatarchiv W. Zhirnow
Michail Gordejew mit Heike Michel, Kameraden und den Studentinnen der Medak gegenüber dem Kasernengelände in der Karl-Liebknecht-Straße in Hellerau. Foto: Privatarchiv W. Zhirnow

Ein sowjetischer Soldat und ein deutsches Mädchen – angesichts rund zehntausend sowjetischer Militärangehöriger, die in der Dresden quasi Tür an Tür mit den Einheimischen leben, keineswegs ausgeschlossen. Offiziell aber sind auch rein freundschaftliche Kontakte unerwünscht. Einfachen Soldaten wie Mischa sind sie strengstens untersagt. Wer sich dem Diktat widersetzt, riskiert Arrest oder in die Heimat versetzt zu werden. Die beiden jungen Leute schreiben sich dennoch weiter. „Heike gab Briefe ihrer Lehrerin, diese wiederum gab sie ihrem Mann, dem Major. Der brachte sie uns dann zu Freundschaftsbesuchen mit.“ Insgesamt drei Mal trifft Mischa Heike zu solchen Gelegenheiten persönlich. „Bei unserem letzten Treffen sagte sie mir, dass sie nach Leningrad reisen würde.“ Sie habe ihm mehr dazu schreiben wollen. Doch die Zensur ist gnadenlos: „Alle ‚kritischen‘ Passagen wurden stets herausgestrichen. Sie wollten einfach nicht, dass wir uns weiterhin treffen. Deshalb hat man dann wohl auch veranlasst, dass ich vorzeitig entlassen wurde.“ Im Oktober 1979 wird der inzwischen zum Unteroffizier aufgestiegene Mischa plötzlich demobilisiert. „Ich hatte Heike noch ein Foto von mir mit der Wohnadresse meiner Eltern auf der Rückseite geschickt“, aber dort hört man nie von ihr. Vermutlich habe auch das die Zensur kassiert.

Eigentlich, so Gordejew, der seit vielen Jahren glücklich verheiratet ist, zwei erwachsene Töchter hat, habe er nie ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, Heike ausfindig zu machen. „Erinnert habe ich mich aber all die Jahre an sie. Es drängt mich, zu erfahren, wie ihr Leben verlaufen ist.“ Er ist unsicher, den Weg der Medienöffentlichkeit zu gehen, in einem Land, dessen gesellschaftliche Gepflogenheiten ihm fremd sind. „Vielleicht will sie das ja gar nicht?“
Von Heike weiß er nur den Namen, dass sie ursprünglich aus Görlitz stammte, an der Medak lernte oder studierte und im dortigen Wohnheim lebte. „Gewiss hat sie geheiratet, heißt heute anders. Aber vielleicht erkennt sie sich ja und meldet sich“, hofft der ehemalige Soldat. Ein Ex-Kamerad entdeckt in der alten Divisionszeitung einen Artikel über die Freundschaftstreffen mit den Namen von Heikes Ausbilderin und deren Mann, des NVA-Majors. „Es handelt sich um das Ehepaar Rosemarie und Wolfgang Kestler. Sie hatten zwei Söhne namens Thomas und Jens. Thomas muss damals ungefähr 10 bis 12 Jahre alt gewesen sein und begleitete seine Mutter zu den Freundschaftstreffen“, erklärt Gordejew. Er hofft, damit den Kreis möglicher Hinweisgeber zu erweitern. Der 56-jährige Russe hofft auf ein Lebenszeichen. Ein Versuch, ein Kapitel seines Lebens zu schließen, das im Herbst 1979 abrupt endete.

Anmerkung der Autorin: Der Artikel erschien am 17. Februar 2014 in der Sächsischen Zeitung unter dem Titel „Der Soldat und das Mädchen“.

Als die Mauern fielen

Am 9. November 1989 wurden die Menschen im Osten Deutschlands zum zweiten Mal in den vergangenen 50 Jahren befreit. Am 8. Mai 1945 stieß die Sowjetarmee in blutigen, opferreichen Schlachten die faschistische Schreckensdikatur Hitlers vom Sockel. 44 Jahre später rissen mutige Menschen jene Mauer nieder, die die Befreier von damals in Auftrag gegeben hatten, um die Massenfluchten zu verhindern, die insetzten, als klar geworden war, dass man von einer in die nächste Willkürherrschaft geraten war. Nur unter umgekehrten Vorzeichen.

25 Jahre später übertragen Fernsehsender live schwülstige Gedenkveranstaltungen aus Berlin. Als wären Erinnerung und Würdigung mit einem demonstrativen Händedruck, blumigen Reden und selbst verordneter Betroffenheit am Jubiläumstag getan. Sie sind es nicht. Zumal sich vor den Kameras ohnehin meist solche produzieren, die heute das Sagen haben. Nicht jene, die damals an der Mauer standen oder zuvor wochenlang auf die Straßen gingen. Die Freiheit, die die Menschen im Osten damals errangen, sie musste in den letzten 25 Jahren immer wieder aufs Neue verteidigt und eingefordert werden. Sei es im Zuge der mit der Wende eintretenden Massenarbeitslosigkeit, die dazu führe, dass viele Menschen trotz neuer Freiheit arm waren und diese Freiheit oft gar nicht nutzen konnten. Sei es bei politischer Beteiligung, den Löhnen oder in der Wahrnemung der Westdeutschen. Erinnerung sollte also auch immer mit der Mahnung verbunden sein, die Schattenseiten der überstürzten Wiedervereinigung nicht zu vergessen. Die „blühenden Landschaften“, die Helmut Kohl 1990 dem Osten versprach, sie sind längst nicht überall bis heute auch eingetreten, und wo sie tatsächlich erblüht sind, drängen sie allzu häufig reale soziale Probleme an den Rand der Städte und damit aus dem Blickfeld.

Sperrgebiet.
Sperrgebiet.

Wenig Grund also zur öffentlichen Beweihräucherung. Und doch ist es Zeit für Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass mutige Menschen überhaupt damals die Grundlage schufen, dass Deutschland wiedervereint sein, auseinandergerissene Familien wieder zueinanderfinden konnten. Dankbarkeit dafür, dass jeder in Deutschland heute seines eigenen Glückes Schmied ist. Auch wenn dieses Glück längst nicht für jeden gleichsam einfach  zu erreichen ist. Die soziale Schere klafft in einem kapitalistischen System für gewöhnlich weit. Und gerade jene, die mit Reichtum und Glück besonders gesegnet sind, verschließen ihre Augen und Herzen vor dem Unglück und der Armut anderer häufig am meisten. Es ist eine jener Schattenseiten der Wiedervereinigung, zumindest für die Ostdeutsche Seite.

Der 9. November sollte Anlass zur Einkehr sein. Was tat ich damals? Wo war ich? Wie sah mein Leben aus und wie ist es heute? Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, holten mich meine Eltern abends aus dem Bett vor den Fernseher. Und da saß die Familie in einem Plattenbau in Dresden-Gorbitz, in den wir sieben Monate zuvor eingezogen waren, und schaute zu, wie ihr bisheriges Leben 200 Kilometer entfernt komplett auf den Kopf gestellt wurde. Ich war knapp elf Jahre alt und besuchte die fünfte Klasse einer Schule, die direkt gegenüber lag.

Nirgendwo war Unfreiheit so sehr greifbar geworden wie hier. Zumindest für mich, das Neustadt-Kind, das zwischen Alaunplatz, Elbe und Prießnitzgrund aufgewachsen  und  in Nullkommanichts im Kulturhaus, im Kino, im Museum, auf der Straße der Befreiung (heute Hauptstraße) oder auf dem Spielplatz war. Anders hier oben. Jedes Gebäude, jeder Straßenzug – alles sah gleich aus. Eine Stadt aus Beton inmitten einer Schlammwüste, zwischen Bergen aus Bauschutt. Zum nächsten Geschäft (einer Kaufhalle) musste man drei Stationen mit der Straßenbahn fahren. Einen Spielplatz gab es nicht. Das nächste Kino – eine halbe Stunde Fahrt entfernt. Sogar den nächsten Baum musste man anfangs lange suchen. Und doch gab es gerade hier ausgesprochen viele ehemalige Neustadt-Kinder wie mich. Ob sie alle auch so sehr litten wie ich, ist schwer zu sagen.

Selbst in der Neustadt, mit ihren niemals enden wollenden Kasernenmauern, den Sperrgebieten, dem Stacheldraht und den Verbotsschildern, den patrouillierenden bewaffneten Soldaten mit dem roten Stern auf den Mützen, war ich nach meinem heutigen Empfinden nicht so unfrei gewesen. Hier war jedes Haus anders. Hatte andere Türen, andere Fenster, mal Balkone, mal wieder nicht. Sie waren hoch oder niederig, halbwegs bewohnbar oder ruinös. Aber: Sie waren alle unterschiedlich. Jedes einzelne individuell. Und genauso waren die Menschen, die in ihnen lebten. Es war ein schönes Leben hier. Trotzdem freute ich mich, als es im April 1989 hieß: Wir ziehen nach Gorbitz, in eine Wohnung mit Vollbad, Elektroherd und eigenen Zimmern für beide Kinder. Es war die naive Freude eines heranwachsenden Kindes, das sich nach Abenteuer sehnte und nach Privatsphäre.

Trotz der Tristesse in der Gorbitzer Einöde empfand ich den Mauerfall nicht als Befreiung, sondern als Fremdkörper, der auf Distanz blieb und gar nicht greifbar wurde. Auch weil sich an meinem täglichen Leben hier am Rande der Zivilisation zunächst wenig änderte. Ich ging weiter zur Schule. Ich aß. Ich schlief. Ich spielte. Während die Mauer in Berlin zerhackstückt wurde, bauten sie hier in Gorbitz immer neue Mauern auf. Lärmschutzwände entlang der neuen Ausfallstraße nach Pennrich. Ein neues Einkaufszentrum. Ein neuer Straßenbahnhof. Noch im November 1989 hieß es dann: Wir fahren nach Westberlin. Einkaufen. Am Schalter für das Begrüßungsgeld warteten wir Stunden. Der Anblick des Überflusses „drüben“ erschlug mich beinahe. Wie Zombies wandelten wir durch die Hochglanzstraßen, über den Kurfürstendamm, wo wir selbst mit Begrüßungsgeld nur die Nasen an den Schaufenstern plattdrücken konnten. Als wir spät abends wieder über den Grenzübergang Friedrichstraße liefen, war ich wie benommen. Was wir schließlich eingekauft hatten, weiß ich heute gar nicht mehr. Irgendwas. Wir Kinder waren unfähig gewesen, irgendwelche Wünsche zu formulieren in all der Reizüberflutung.

Silvester 1989 feierten wir ganz normal daheim. Im Laufe des Jahres 1990 wurden die Veränderungen dann doch langsam spürbar. Sie äußerten sich darin, dass plötzlich andere Lehrbücher bzw. behelfsweise „Zusatzmaterialien“ ausgegeben wurden. Was man uns bis dato beigebracht hatte – es war plötzlich alles nicht mehr richtig. Die üblichen sozialistischen Grüße zu Stundenbeginn fielen weg – was von uns Schülern im Allgemeinen mit Erleichterung registriert wurde. Im September 1989 hatte ich noch mein rotes Halstuch der Thälmannpioniere bekommen. Nun verstaubte es im Schrank. Mit elf Jahren und am Vorabend der Pubertät stehend, stand für mich plötzlich mein ganzes bisheriges Leben, alles das, was mir bis dato an Werten vermittelt, als falsch und richtig beigebracht worden war, infrage.

Die D-Mark kam. Das alte Geld war plötzlich nichts mehr wert. Früher hatten mir meine Eltern immer gepredigt: Kind, halt dein Geld zusammen, spare! Nun hieß es: Alles bis dann und dann ausgeben, danach bekommst du dafür nichts mehr. Ganze Familien verloren die Hälfte ihrer Ersparnisse. Es begann ein schmerzhafter Prozess für einen jungen Menschen, der von allem, was da passierte, noch so gut wie nichts verstand, und der viel mit Identitätsverlust und Identitätssuche zu tun hatte. Vielleicht, ja sehr wahrscheinlich sogar, wäre vieles einfacher gewesen, hätte ich nicht derart abgeschieden gelebt hätte, in einem Mikrokosmos noch zu DDR-Zeiten Privilegierter. Denn nur als solcher bekam man in aller Regel eine Wohnung im „modernen Neubau“. Auch meine Familie gehörte dazu, mit einem Vater, der jahrelang an der Erdgastrasse geschuftet hatte. Hier hoch in die städtische Frischluftzone schafften es revolutionärer Geist und Aufbruchsstimmung erst ganz zuletzt. Dass neue Zeiten Einzug gehalten hatten, sah man allerhöchstens an den VWs und Opels, die plötzlich vor dem Haus die Trabis und Wartburgs verdrängten.

Und doch bin ich heute, als Erwachsene, froh, dass es so gekommen ist, wie es damals kam. Als ich es 1999 in Gorbitz, das nach der Wende zum Synonym des sozialen Abstiegs und des Scheiterns im neuen System wurde, einfach nicht mehr aushielt, konnte ich mir eine Wohnung suchen und in die Neustadt zurückkehren. Etwas, das zu DDR-Zeiten so niemals ohne Weiteres möglich gewesen wäre. Als ich in der Neustadt ankam, waren  die bewaffneten Soldaten verschwunden. Jahrelang war das Militär in meiner Kinderzeit mein ständiger Begleiter gewesen. Sein Gehen aber war in Gorbitz völlig an mir vorbeigegangen. Zum anderen waren ihm in Zwischenzeit vielerorts Mauern und Stacheldraht gefolgt. Es ist ein untrügliches Zeichen von Freiheit, heute überall hingehen zu können, selbst auf die ehemaligen militärischen Gelände, in die ehemaligen Kasernen, durch den Prießnitzgrund und die Dresdner Heide wandern, in den Bächen baden zu können – ohne Angst, ohne Gefahr für Leben und Gesundheit. Und nicht zuletzt hatten auch die Schinderei und der ideologische Stumpfsinn in den Kasernen ein Ende genommen.

Freiheit bedeutet deshalb heute für mich nicht zuletzt, die Verbotsschilder in wackeligem Deutsch auf den bröckelnden Resten der Kasernenmauern verblassen zu sehen. Sie waren unsere „Mauer“. Jahrzehntelang hatte man sie vor Augen. Und das Schlimmste war: Über ihre wahre Funktion hatte man uns, die Kinder, im Unklaren gelassen. Stattdessen hatte man uns belogen, uns erzählt, dass die Soldaten dahinter mit all ihren Waffen hier waren, um uns zu beschützen. Dass sie bis zum Quasi-Bankrott der Sowjetnion in den 80er-Jahren auf alles schossen, was sich organisiert gegen das System wandte, sogar auf ihre eigenen Leute, wurde verschwiegen. Wie viele Deutsche und sowjetische Soldaten vor und hinter den Kasernenmauern durch die Hand des Militärs starben, ist nicht bekannt. Es dürften Zigtausende gewesens ein. Ich werde nie vergessen, wie sich der Griff meiner Mutter um mein Handgelenk verstärkte und ihre Hand schweißnass wurde, wenn wir allein im Prießnitzgrund waren und uns ein Trupp Soldaten über den Weg lief. Das heute nicht mehr erfahren zu müssen, ist Freiheit. Freiheit, die am 9. November 1989 begann.

 

20 Jahre Einheit – eine Bilanz in Bildern.

Das vereinte Deutschland wird 20. Mit der Wiedervereinigung wurde viel gewonnen – und zwar für die Menschen auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze. Die Menschen im Osten wurden zu selbstbestimmten Bürgern mit demokratischen Rechten, zu freien Menschen. Inwieweit sie diese Rechte, wie etwa die Reisefreiheit, auch ausnutzen konnten, steht auf einem anderen Blatt. Vieles hat sich seit 1990 getan: Städte und Ortschften glänzen mit sanierten Fassaden und neuer Infrastruktur, Flüsse und Umwelt konnten sich vielerorts erholen.

Die Menschen im Westen profitierten wiederum von der Wende durch den Zustrom an Arbeitskräftepotenzial und von der „Goldgrube Osten“, in der so mancher Betrieb zu Schleuderpreisen erworben wurde, weil er in der Marktwirtschaft nicht mehr konkurrenzfähig war. So wie man bereits nach der Teilung Deutschlands von der Abwanderung vieler großer Unternehmen wie Audi, VW oder Miele aus der entstehenden DDR in die BRD profitiert hatte.

Doch wie sieht die Bilanz der vergangenen 20 Jahre insgesamt aus? Wo befinden wir uns heute gesellschaftlich? Ein nachdenklicher Abriss in Bildern:

Soziale Marktwirtschaft? Freiheit und Gleichheit? Toleranz und Gleichberechtigung?

Schlangen vor den Tafeln.
Schlangen vor den Tafeln. Quelle: msn.money. Foto: imago.

Kinderarmut grenzt aus.
Kinderarmut grenzt aus. Quelle: Der Westen. Foto: ddp.

Blühende Landschaften?
Blühende Landschaften? Quelle: Viva Peripheria Blogspot.
Marode Schulen.
Marode Schulen. Quelle: Stadtelternrat Hannover. Foto: Orlowski.
Der Kurs stimmt.
Der Kurs stimmt. Quelle: teleboerse.de. Foto: Reuters.