Anzügliches Kinderfilmchen auf youtube gelöscht. Online bleibt es trotzdem.

Vor einigen Tagen berichtete ich über einen Film, den ein europäischer Fernsehsender über ein zwölfjähriges Mädchen gemacht hatte, das als Sängerin an einer Talentshow teilgenommen hatte. Der Film war vor zwei Wochen im Kinderkanal des Senders gelaufen und vorab über verschiedene Kanäle wie etwa Facebook oder youtube mit einem Trailer beworben worden. Im Trailer kam das Porträt noch wie ein ganz normales Porträt rüber – ein süßes Mädel, das gerne rumtollt, Tiere mag und vor allem gerne und schön singt. Ein youtube-Profil zeigte nach der Ausstrahlung dann den gesamten Film, oder zumindest den größten Teil davon. Darin fanden sich dann in den letzten acht von 23 Minuten auch Szenen, die jedem sittlich auf westlichen Standards verankerten Menschen die Schames- und auch die Zornesröte ins Gesicht steigen lassen müssen. Anzügliches Kinderfilmchen auf youtube gelöscht. Online bleibt es trotzdem. weiterlesen

Engel mit gebrochenem Flügel? Amira Willighagen, die Oper und der betäubende Duft des Ruhms.

Aktualisiert am 26. November 2015.

Meine Heimatregion Sachsen ist bekanntlich ja der Ort, wo die schönen Mädchen auf den Bäumen wachsen. Nun, so sagt zumindest der Volksmund. In Holland allerdings, wachsen anscheinend nicht nur schöne Mädchen auf den Bäumen, sondern auch überaus musikalisch begabte. Eineinhalb Jahre, nachdem die damals 9-jährige Amira Willighagen aus Nijmegen mit ihrer außergewöhnlichen Stimme den Talentwettbewerb „Holand’s got Talent“ (HgT) gewann und in Windeseile eine weltweite Fangemeinde um sich scharte, hat das Land der Grachten nun mit der elfjährigen Sterre van Boxtel aus Heiloo sein nächstes Goldkehlchen hervorgebracht. Bekannt wurde auch van Boxtel über einen Talentwettbewerb, als sie im Mai 2015 die holländische „Superkids“-Staffel in der Kategorie „Musik“ gewann. Wie Willighagen besticht Sterre mit einer ungewöhnlich ausgereiften Stimme und einem für dieses Alter phänomenalen musischen Gefühl. Wie Willighagen wurde sie im Jahr 2004, dem Jahr des Affen, geboren – ein Jahr, das Charme, Humor, Ehrgeiz, Expressivität, aber auch Geltungsdrang, Stolz und Überheblichkeit begünstigt. Kurzum: Affen sind die geborenen Entertainer, aber auch talentierte Lebenskünstler. Alles Dinge, die man mehr oder weniger braucht, wenn man einmal erfolgreich auf der Bühne stehen will. Trotzdem scheinen beide Mädchen Welten zu trennen.

Als Willighagen damals das Internet mit ihren Auftritten stürmte, war ich fasziniert von der stimmlichen Kraft, der Unbedarftheit und der Sangesfreude, die dieses neunjährige Energiebündel auf die Bühne brache. Dieses Mädchen, so damals meine Überzeugung, hatte alle wichtigen Anlagen, um einmal eine ganz Große in der Opernwelt zu werden. Es ging mir wie Hunderttausenden anderen rings um den Globus, die ihr zuhörten und absolut geflasht waren. Den Youtube-Kanal der mittlerweile Elfeinhalbjährigen und ihr Facebook-Profil bevölkern inzwischen Zigtausende Fans, die von früh bis spät an den Lippen dieses Kindes hängen. Taub waren meine Ohren anfangs für die mal vorsichtig und verhalten, mal ziemlich drastisch geäußerte Kritik gerade aus der professionellen Gesangsszene, dass dieses Kind einfach nur verheizt und wie Willighagens großes Vorbild aus den USA, Jackie Evancho, von Auftritt zu Auftritt gejagt werden könnte. Ich wähnte ausschließlich Neider und Missgünstige am Werk – bis mir Ende letzten Jahres langsam, sehr langsam zu dämmern begann, dass sie womöglich recht behalten haben könnten.

Wer die alten Aufnahmen Willighagens aus 2013 bis etwa Mitte 2014 mit den neuesten vergleicht, wird – und dazu muss man wahrlich kein Opernkenner, Gesangslehrer oder Feuilletonist sein – mehrere besorgniserregende Dinge feststellen. Zum einen haben sich sowohl stimmliche Fähigkeiten als auch die Körpersprache Willighagens maximal zu ihrem Nachteil verändert. Zum anderen scheint ihr Umfeld, das ihre Auftritte organisiert und ins Internet stellt, dies in keiner Weise zu beunruhigen. Es war ungefähr mit ihrem Auftritt beim Weihnachtskonzert in der Royal-Albert-Hall in London im Dezember 2014, als mir zum ersten Mal auffiel, dass sie die Töne förmlich herauspresst, sodass gerade die hohen Tonlagen mehr einem schrillen Kreischen glichen, während die tiefen oft heiser und holprig kamen. Gleichzeitig schien sie massive Probleme mit der Atmung zu haben: Häufig war sie gezwungen, mitten im Gesangsfluss abrupt abzubrechen, um dann deutlich hörbar um Luft zu ringen, was die Darbietung insgesamt holprig und abgehackt erscheinen ließ. Diese seltsamen Erscheingungen gab es in den Anfangstagen einfach nicht, sie waren aber auch bei Jackie Evancho zu beobachten, deren Stimme nach jahrelanger Dauerbelastung ab ihrem 13. Lebensjahr ihr Leben zusehends auszuhauchen begonnen hatte. Bei Willighagen aber nimmt das Ganze bisweilen beängstigende Formen an, wie etwa ihr Auftritt beim Junior Festival im italienischen San Remo im April dieses Jahres zeigte, wo Willighagen mit ihrem Siegerlied von 2013, Pucchinis „O Mio Babbino Caro“ (Gianni Schicchi), kaum einen Ton traf und eher klang, als würde sie um ihr Leben singen.

Als Amira vor zwei Jahren HgT gewann, wurde sie schlagartig berühmt. Die Jury-Mitglieder Gordon Heuckeroth und Dan Karaty sowie andere aus dem Umfeld der Sendung hypten das Mädchen gar als „neue Maria Callas“ und „total Star“. Und ein solcher muss natürlich vermarktet werden. Binnen weniger Wochen reiste die kleine Amira um die Welt, trat in Fernsehshows und an der Seite anderer Talentshow-Größen wie Paul Potts auf und veröffentlichte im März 2014 ihr erstes Album „Amira“ bei der Sony-Tochter Masterworks, die auch Jackie Evancho unter Vertrag hat. In den Nachwehen der Sendung unablässig beworben, stieg es erwartungsgemäß auf Platz eins der holländischen Albumcharts ein und erreichte zwei Wochen später Goldstatus. Die Fachpresse allerdings strafte die junge Debütantin weniger mit dem befürchteten Verriss – sie ignorierte sie vielmehr vollständig. Und das wird seine Gründe gehabt haben.

Vor allem aber behielt sie Recht. Denn all die Vorschusslorbeeren – und so ehrlich muss man auch dann sein, wenn man wie ich dieses Mädchen total süß und einfach nur goldig findet – konnte Amira Willighagen bislang nicht rechtfertigen. Was in erster Linie schlecht für das Kind selbst ist. Denn in der Opernszene wird man allenfalls milde lächeln über die „neue Maria Callas“ – nicht aber über deren Manager oder die Talentshowmacher. Und es wird sie auch in ihrem privaten Umfeld angreifbar machen – z.B. für Neider und für jede Art von Mobbing. Weder wuchs seit ihren ersten Auftritten ihr Repertoire noch verbesserte sich in zufriedenstellender Weise ihre Aussprache. Auch das zweite Album „Merry Christmas“, das im November erschien, in den holländischen Album-Charts gerade noch unter die Top 70 kam und somit mehr oder weniger floppte, änderte daran nichts. Das Mehr an Anspruch, das das Liedmaterial darauf erahnen lässt, bringt Willighagen deutlich hörbar an ihre stimmlichen und darstellerischen Grenzen. Ein Beispiel dafür, wie weit Anspruch und Wirklichkeit bei Willighagen mittlerweile auseinanderklaffen, das muss man ehrlicherweise so konstatieren. Gerade was stimmliche Kommunikativität, Expressivität und Ausstrahlung betrifft, hat ihr die gleichaltrige Sterre van Boxtel bereits einiges voraus.

Währenddessen hat man immer öfter den Eindruck, als fehle Willighagen jede Freude auf der Bühne. Hatte man 2014 noch den Eindruck, die Töne der anspruchsvollsten Arien entwichen diesem kleinen Körper völlig mühelos, ist Willighagens Gesicht mittlerweile bei fast jedem Auftritt von großer Anstrengung statt Hingabe gezeichnet.
Tatsächlich fragt man sich immer öfter: Warum steht sie eigentlich dort vor ihrem Publikum, das sie vergöttert? Da ist ein Mädchen mit wahrlich begnadeten stimmlichen Anlagen. Doch statt diese zu hegen und zu entwickeln, um später mit ihnen auf den Opernbühnen dieser Welt das Publikum millionenfach zu verzaubern, scheint ihr und ihrem Umfeld an Langfristikeit und Nachhaltigkeit eher weniger gelegen zu sein. Man beutet das Talent lieber kurz- bis mittelfristig aus und lässt es dadurch mehr und mehr verblühen, statt es mittels einer adäquaten Ausbildung irgendwann zu voller Perfektion erblühen zu lassen. Unzählige Auftritte hat das Kind in diesem Jahr bereits absolviert. Kaum ein Monat vergeht, ohne dass sie auf irgendeiner Bühne steht. Manchmal sind es sogar mehrere Auftritte pro Monat. Dazu kamen die Aufnahmen zu ihrem zweiten Studioalbum – getreu dem Talentshow-Codex natürlich eine Weihnachtsplatte. Und im nächsten Jahr soll das Kind dann erstmals Konzerte in den USA geben. Und das, obwohl seine Stimme schon jetzt merklich unter der Dauerbelastung ächzt. Das alles – und das muss betont werden – neben dem ganz normalen täglichen Schulwahnsinn einer Siebtklässlerin.

Ich weiß nicht, wie es anderen geht. Ich selbst habe keine Kinder. Und trotzdem frage ich mich, wie Willighagens Familie ihr das alles weiter zumuten kann. Warum lässt man ein Kind überhaupt vor der Pubertät zum Klassikstar aufbauen? Oft ist genau die Pubertät ein wesentlicher Kurskorrektor – denn mit ihren unberechenbaren Launen kann sie der Bühnenkarriere eines Kindes, über die es vermutlich bis dato auch einen guten Teil seines Selbstbewusstseins generiert haben dürfte, mit einem Schlag beenden – etwa durch stimmliche Veränderungen, Stimmungsschwankungen, identitäre Konflikte oder auch gesundheitliche Probleme. Und dann? Wer wird ihr dann erklären, warum sie plötzlich nicht mehr gefragt ist, Fans sich abwenden und die zur Normalität gewordene Begeisterung ausbleibt? Aber selbst jetzt ist die Bürde nicht unerheblich, die man dem Mädchen aufgeschnallt hat. Sobald ein Auftritt mal nicht läuft, kann sie zur Zielscheibe von öffentlichem Hohn und Spott werden. Ein seelischer Druck, den ich als Erwachsene nicht haben möchte. Und wie real dieses Szenario bereits ist, zeigen ihre jüngsten Leistungen, wie etwa die in San Remo, unter der dann auf youtube Kommentare wie dieser stehen:

„Very ugly. It’s a rape for my ears.“

Trotz ihrer offensichtlichen zunehmenden stimmlichen Defizite lässt man Amira dennoch weiter auftreten – was bisweilen zu Vorstellungen wie der erwähnten in San Remo oder erst kürzlich in der Superkids-Show der Welttalente des deutschen Privatsendes Sat.1 führt, die jenseits von gut und böse sind. Zu meinem großen Entsetzen legte Willighagen dort eine Darbietung von Cacchinis „Ave Maria“ hin (Näheres dazu weiter unten im Text), bei der es jedem, der nur ein bisschen etwas von klassischem Gesang versteht, die Schuhe ausziehen muss. Gleichzeitig wird offenbar nichts getan, um die stimmlichen Fertigkeiten zwar eines großen Talents, aber letztlich doch einer Amateursängerin dem Auftrittspensum und dem hohen künstlerischen Niveau der vorgetragenen Werke anzupassen – ihr also das nötige stimmbildnerische Rüstzeug mitzugeben, um den starken Belastungen überhaupt standhalten zu können. Bis heute erhält Amira Willighagen – entgegen meiner Annahme vom Februar-Artikel – offenbar keinerlei professionelles Gesangstraining. Ihr bisheriger Coach ist nach der offiziellen Webseite von Willighagen Maike van der Wiel, eine Kinderchorleiterin aus Ede, Anfang 20, die mit Operngesang offenbar keinerlei Erfahrung hat und selbst noch Gesang studiert.

Hier ist wahrlich der größte Unterschied zur eingangs erwähnten Sterre van Boxtel zu sehen. Alles scheint bei ihr eine Nummer, leiser, bescheidener, zurückhaltender und vor allem kindgerechter vonstatten zu gehen. Anders als bei Amira Willighagen musste es bei van Boxtel nicht gleich die ganz große Chose in Form DES holländischen Supertalents schlechthin sein. Stattdessen ließ man das Kind zunächst ausschließlich unter Altersgenossen seine allerersten TV-Auftritte absolvieren. Kurz nach Sterres Sieg bei Superkids im Mai, wo sie im Finale in einer beachtlichen Darbietung das „Ave Maria“ in der Version von Vavilov/Cacchini zum Besten gab, trat Amira Willighagen im September mit demselben Song bei der internationalen Superkids-Show von Sat.1 auf, sodass es schon verwunderte, warum man ihr den Vorzug gegenüber van Boxtel (dem eigentlichen holländischen „Superkid“) gab. Doch schnell wird klar, warum: Den Namen Willighagen kannte man schon in Deutschland, van Boxtel hingegen ist hierzulande noch völlig unbekannt. Und diese Art Shows zielen allesamt auf dasselbe ab: Sie Funktionieren getreu dem berühmten Circus-Motto „Menschen, Tiere, Sensationen“. Je größer Name und Kunststück, desto besser. Vom goldenen Kleid bis hin zum (opulenteren) Haarschmuck war denn Amira Willighagens Auftritt beinahe schon eine Kopie van Boxtels. Gesanglich allerdings geriet er zum Desaster. Im direkten Vergleich merkt man Sterre van Boxtel deutlich an, dass sie seit vier Jahren Gesangsunterricht bei einer professionellen Opernsängerin erhält. Wo Amira Willighagen einfach nur ohne jedes Gefühl für musikalische Stimmungslagen, Ausdruck und die Möglichkeiten ihrer eigenen Stimme durch diese so emotionale, sakrale Hymne hasardiert, viel zu laut und viel zu steif, strahlen bei van Boxtel jede Silbe, jeder Ton eine Anmut, ein Gefühl aus, die beeindrucken müssen, wenn man bedenkt, dass sie zum Zeitpunkt des Vortrages ebenfalls erst zehn Jahre alt war. Bei Willighagen hingegen ist dahingehend nicht die geringste Entwicklung in den letzten zwei Jahren zu erkennen gewesen. Im Gegenteil – fast scheint es manchmal, als habe sie sich im Vergleich zu ihren furiosen ersten Auftritten bei HgT auch dahingehend sogar zurückentwickelt.

Man kann nur spekulieren, ob Willighagens stimmlicher Verfall der Mischung aus Überbelastung und mangelnder stimmlicher Ausbildung geschuldet oder aber auf physische Umstellungen im Zuge der beginnenden Pubertät zurückzuführen ist. Man möchte hoffen, dass es lediglich eine vorübergehende Erscheinung ist. In jedem Falle aber sind Auftritte von Willighagen derzeit meist kein Genuss. Und es fällt einem schwer, sich vorzustellen, dass es das dann ausgerechnet für das Kind selbst sein soll. Allerdings macht man es der Elfjährigen auch wirklich nicht leicht, ein gesundes, realistisches Selbstbild zu entwickeln, wenn man ihr täglich in mehreren Foren ausschließlich sagt, wie großartig sie sei. Womöglich könnte deshalb das Erwachen irgendwann ziemlich schmerzhaft ausfallen.

Was man ihr damit unter Umständen verbaut, scheint bei alledem keinerlei Rolle zu spielen. Immer wieder verweist Vater Gerrit Willighagen (53), der Amira bis heute persönlich managt, darauf, dass seine Tochter freiwillig und aus lauter Freude am Singen auf der Bühne stehe, dass sie selbst entscheiden könne, welche Auftrittsangebote sie wahrnimmt und welche sie ablehnt. Man sollte annehmen können, dass auch Sterre van Boxtel aus Freude am Singen auf der Bühne steht. Trotzdem stand sie mit neun Jahren noch nicht vor einem Millionenpublikum, hatte kein eigenes Album veröffentlicht oder jettete teils mehrmals im Monat um den Globus. Stattdessen ersang sie sich die Aufnahme in den Heilooer Oratoriumkoor für Kinder und träumt davon, aufs Konservatorium in Den Haag zu gehen.

Haben wir es hier bei Willighagens also einfach nur mit einem besonders antiautoritären Elternhaus zu tun, in dem ein Kind alles ganz allein entscheiden darf? Oder wird hier die Verantwortung einfach nur auf das Kind abgewälzt, das sich dagegen gar nicht wehren kann, weil es von alledem, was da draußen abgeht, sehr wahrscheinlich noch so gut wie nichts begreift und vermutlich tatsächlich einfach nur Freude am Singen hat? Man könnte auch direkter Fragen: Wäre es nicht eigentlich die Pflicht eines Vaters oder einer Mutter, ein Kind – notfalls auch gegen dessen erklärten Willen – vor öffentlicher Bloßstellung und Überlastung zu schützen? Wäre es nicht Aufgabe der Eltern, einen verantwortungsvollen Umgang mit einem solch besonderen Talent des eigenen Kindes zu wählen, statt es meistbietend anzubieten? Geht es also am Ende auch in diesem Fall tatsächlich mal wieder nur ums Geld? Oder lassen sich die Eltern tatsächlich nur vom Ruhm, den vielen Fans und positiven Feedbacks von netten Omis oder unverbesserlichen Klassik-Laien blenden, die einfach irgendetwas suchen, das sie anhimmeln können?

Es wäre vermessen, zu sagen, dass ich diese Frage eindeutig beantworten könnte. Ich kenne die Familie nicht persönlich und kann nicht in ihre Köpfe schauen. Ein wenig Recherche zeigt: Geld sollte eigentlich nicht unbedingt ein Kernmotiv sein. Amiras Vater ist Ingenieur bei einem holländischen Halbleiterunternehmen. Mutter Frieda Willighagen-Brand (44) ist Juristin, arbeitete als Flüchtlingsanwältin und saß sogar vier Jahre lang für die Grüne/Linksfraktion im Nijmegener Stadtrat. Das klingt nicht nach einer Familie, die sich über ihr talentiertes Kind finanziell emanzipieren oder sanieren müsste. Doch manchmal ist es gar nicht das Geld. Manchmal geht es einfach darum, eigene ehrgeizige Träume, die aus dem einen oder anderen Grunde unerfüllt blieben, über sein Kind doch noch zu verwirklichen. Der Traum vom Berühmtsein, zum Beispiel, davon, Teil etwas „Großen“ zu sein. Der eigene Name, den man nun fast überall in der Welt kennt – wenn auch nur unter youtube- oder Castingshow-Klientel. Und natürlich ermöglichen die Einnahmen der CD-Verkäufe und Auftritte auch Familie Willighagen ein sorgloseres, aufregenderes Leben mit vielen schönen Reisen und Einladungen zu interessanten Events. Anreize, diesen Zustand unbedingt aufrecht erhalten zu wollen, gibt es also wahrlich genug.

Eine Karriere im Opernbusiness, etwa als „neue Maria Callas“, deren Vorbereitung langjährige Ausbildung und vor allem ressourcenschonendes Verhalten erforderte, ist für Amira jedenfalls offenbar gar keine Option. Vater und Manager in Personalunion, Gerrit Willighagen, antwortete mir dazu über Facebook Folgendes:

Amira is a 11 year old girl that likes to sing opera songs with the solely intention to make people happy and to help making this world a better place, specially for children by raising funds for her charity foundation to build and maintain playgrounds. Amira never claimed that she is a perfect singer with the best vocal coaching you can think of; to achieve her primary intentions personal characteristics, other then being a perfect singer or having worldclass vocal training, are maybe even more important, such personal characteristics can’t be teached or trained by coaches.

Es geht also gar nicht um eine seriöse Karriere für Amira. Es geht einzig darum – Gutes zu tun. Wenn Gerrit Willighagen über seine Tochter spricht, hört sich das alles wunderbar an: Ein Mädchen, das ein großartiges Talent hat, mit dem es anderen helfen, andere glücklich machen, die Welt verbessern will. Ein Mädchen, das Facebook und youtube, Zitat:

„nutzt, um sein Talent und seine Ziele mit der Welt zu teilen.“

Doch kann das wirklich alles eine neun-, zehn- oder Elfjährige bewusst steuern und einschätzen? Oder ist es nicht vielmehr der leidenschaftliche Hobbymusiker Gerrit Willighagen, der im Namen seiner Tochter die Knöpfe drückt und ein Image vom selbstlosen kleinen Engel inszeniert, das helfen soll, sie am Markt zu halten? Fakt ist: Gerrit Willighagen scheint Musik wichtig zu sein und überdies einen ausgesprochenen Drang zu verspüren, dafür zu sorgen, dass der Welt dies zur Kenntnis gereicht. Selbst passionierter Hobby-Organist und -Akkordeonist, verfügt auch er über einen eigenen youtube-Account, auf dem er regelmäßig eigene Darbietungen, manchmal auch die seiner Kinder, veröffentlicht. Stets verquickt mit dem youtube-Account seiner bekannten Tochter. Auch der älteste Spross, Fincent (13), ist in das Haus- und Hofensemble der Willighagens fest eingebunden und spielt Geige. Allerdings weitaus weniger erfolgreich als seine kleine Schwester. Trotzdem muss der Junge stets seinen öffentlichen Auftritt haben – egal, wie sehr die Violine knarzt und wie wenig Begabung er offensichtlich für dieses Instrument an den Tag legt. Es gibt sie eben einfach, die Eltern, deren Kinder immer überall möglichst die Ersten und die Besten sein müssen – und zwar so, dass alle Welt es möglichst auch sieht.

Aber zurück zu Amira. Muss man sein Kind wirklich in einer Talentshow anmelden, braucht es Talkshow-Auftritte weltweit, eine Goldene Schallplatte und Chartplatzierungen, um „andere Menschen glücklich zu machen“? Nein. Auch um Benachteiligten zu helfen, braucht es all das nicht wirklich. Aber um in aller Munde zu sein, um viele Fans anzuziehen, gefragt zu sein, eingeladen und hofiert zu werden und damit auch fortlaufend neue Auftritte und Einnahmen zu garantieren – dazu braucht es all das sehr wohl.
Und bei allem Respekt, aber diese Frage muss erlaubt sein: Welches Kind entscheidet sich eigentlich ganz bewusst und auf eigenen Wunsch hin, auf der Gala für einen Unternehmer-Award aufzutreten, der nachhaltige Geschäftsideen prämiert und von dem es vermutlich zuvor noch nie etwas gehört hat? Hand aufs Herz: Gerrit Willighagen lässt seine talentierte Tochter buchen – und zwar immer häufiger von Privatpersonen und Unternehmen. So viel Ehrlichkeit muss sein. Und sie singt dabei sicherlich nicht umsonst und völlig selbstlos, nur, um die Menschen glücklich zu machen. Und im Grunde hat ihr Vater mit diesem Bekenntnis auch gar kein Problem:

I run the Amira booking agency 🙂

rühmt sich der 53-Jährige stolz und freimütig auf das Lob eines Users hin, Amira müsse einen guten Agenten haben, wenn sie neuerdings sogar für Firmen und Gesellschaften singt. Undenkbar offenbar für ihn, die Amira-Fans könnten einen anderen als ihn hinter der perfekten Organisation der Vermarktung seiner Tochter vermuten. Wer genügend innere Distanz zu all dem Zirkus entwickelt hat, der sich alltäglich auf den Amira-Kanälen abspielt, der bleibt da einfach nur kopfschüttelnd zurück.

Die erwähnte „charity foundation“ gibt es übrigens tatsächlich. Sie nennt sich „Gelukskinders“ (Glückskinder) – und sie finanziert sich offiziell aus Amiras Gewinnen. Angeblich fließt (laut Wikipedia) dort die Hälfte aller Einnahmen hinein. Allerdings wird nirgends Bericht erstattet, wie viel Geld in realisierte Projekte fließt oder wie hoch das Stiftungsvermögen ist. In der Regel wird bei Gründung ein festes Stiftungsvermögen festgelegt. Von den Zinsen, die es im Jahr abwirft, werden dann ausgewählte Projekte unterstützt. Ein einziger Spielplatz wurde über „Gelukskinders“ bislang gebaut – in Ikageng, einem Township in der südafrikanischen Heimat von Amiras Großmutter. Die Einweihung fand erstaunlicherweise und somit ausgesprochen werbewirksam zur gleichen Zeit statt, als Amira Anfang März 2014 ihre erste CD veröffentlichte – also hieraus noch gar keine Einnahmen generiert waren. Derweil scheint auch die Stiftung fest in der Hand der Familie zu liegen: An den entscheidenden Hebeln sitzt als Stiftungsvorsitzende Amiras Mutter Frieda Willighagen-Brand.

Nein. Das alles erscheint einem nicht wie das Märchen vom talentierten Mädchen, das durch Zufall entdeckt wird, plötzlich im Rampenlicht steht und nun seine Fähigkeiten ausschließlich in den Dienst an den Menschen stellt, wie es sein Vater öffentlich so gerne hinstellt. Oder wie es die Familie vielleicht tatsächlich selbst gerne sehen und glauben mag. Das alles sieht vielmehr nach einem perfekt geplanten und durchorganisierten Familienunternehmen aus – und Amira, „Holland’s youngest opera talent“, wie die Stiftungs-Homepage sie vollmundig anpreist, ist das Produkt, das verkauft wird. So reicht es eben nicht aus, den Kindern im trostlosen Ikageng endlich einen lang ersehnten Spielplatz zu bauen. Nein – er muss für immer und für alle sichtbar den Namen der edlen Spenderin tragen: „Amira Park“. Eine aufwendig gearbeitete Tafel, die mehr wie ein Monument wirkt, erinnert die Kinder im Township nun bis in alle Ewigkeit daran, wer ihnen ihre Spielgeräte finanzierte.

Ich erinnere mich an ein Interview mit Amiras Großmutter, aufgenommen kurz vor Amiras Sieg in HgT im Dezember 2013. Die alte Dame, die in einem Seniorenstift in Südafrika lebte, sah ihre Enkelin kaum mehr als einmal im Jahr. In dem Gespräch sagte sie unter anderem über Amira: „Ich denke, sie ist bereits das Eigentum der Welt“ – und bewies damit eine ziemliche Weitsicht. Amira habe „ins Fernsehen“ gewollt, „um etwas zu verändern“. Neben ihrer Sorge darüber, dass ihrer Enkelin schon in so jungen Jahren eine derartige Aufmerksamkeit zuteil werde, äußerte sie damals auch die Hoffnung, dass Amiras Eltern sie auf ihrem Weg sicher geleiten würden. Zwei Wochen später war Elsa Brand tot. Amiras großen Triumph erlebte sie nicht mehr. Amira sang auf ihrer Beerdigung – das Lied von der liebestollen Maid, die ihrem Vater androht, sich aus Herzschmerz in den Tod stürzen zu wollen, sollte er ihr den Geliebten verwehren („O Mio Babbino Caro“). Selbst dieser eigentlich so private und intime Moment wurde von der Familie auf Video fest gehalten – und landete auf youtube.

Alles in allem beschleicht den Beobachter immer mehr der Eindruck, dass hier einer Familie die Situation entglitten ist. Unter dem häufig bei ambitionierten Eltern talentierter Kinder zu findenden Vorwand, nur dem Kind all seine Wünsche erfüllen, seinem Glück nicht im Wege stehen zu wollen, werden seine Naivität und sein natürlicher Idealismus benutzt, um es zu vermarkten. Wie ein Apfelbaum, den man jahrelang ganz selbstverständlich beerntet, ohne ihm aber die notwendige Pflege in Form von Bewässerung und Rückschnitt angedeihen zu lassen. Die Früchte, die er gibt, werden daraufhin immer kleiner – bis er eines Tages gar keine mehr trägt. Wenn Amira Willighagens Stimme irgendwann ihren Dienst versagt, wird keiner mehr nach ihrem großen Talent fragen. Aber Familie Willighagen wird bis dahin aus- oder zumindest gut vorgesorgt haben.
Und so lange verbittet sich Gerrit Willighagen – wir erinnern uns: der Ehemann einer Juristin und Politikerin – jedwede Kritik oder Besorgnis in Amiras öffentlichem Fan-Profil auf Facebook. Kritische Kommentare (genau genommen handelte es sich um einen einzigen, auf den ein regelrechter Shitstorm der versammelten Fangemeinde folgte) werden mitsamt den daraus entstandenen Diskussionssträngen und dem Ursprungsbeitrag einfach über Nacht gelöscht. Auf Nachfrage heißt es dann, dass „Amiras Facebook definitiv nicht der richtige Ort für lebendige Diskussionen“ sei. Solche Art Kritik solle man doch besser in eine private Nachricht fassen. Heißt: Darüber, wie toll Amiras Auftritte vermeintlich sind, wie hübsch das Kind und wie groß die jüngsten Fortschritte, kann den ganzen Tag im offiziellen Facebook-Profil „diskutiert“ werden. Nicht aber über berechtigte Sorgen und Kritik am Verhalten der Eltern – das soll man bitte nicht unter den Augen der marktrelevanten Zielgruppe ansprechen. Bei Vater Willighagen heißt das dann: So was soll Amira in „ihrem“ Facebook nicht sehen. Dabei handelt es sich gewiss nicht um das private Profil einer Elfjährigen, sondern um eine reine PR-Veranstaltung des Vaters und Managers. Wie kann das sein? Ein Vater, der sein eigenes Kind zunächst freiwillig in die Öffentlichkeit stellt – und der dann fürchtet, es könnte dort Schaden an (sachlich geäußerter) Kritik nehmen? Irgendetwas passt da ganz und gar nicht.

Man kann nur hoffen, dass das Umfeld von Sterre van Boxtel mit dem Talent des Mädchens sorgsamer umgehen möge. Die Zeichen stehen bislang noch gut – auch wenn auch hier nun im Zuge des Talentshow-Sieges vom Mai mit einer vier Songs umfassenden EP ein Debüt ansteht – das sie selbstverständlich ebenso unter einen gewissen Vermarktungsdruck setzen wird. Dennoch stand Sterres Schicksal bislang unter einem völlig anderen Stern als das von Amira oder Jackie Evancho. Trotz ihres fraglos massiven Talents und mehrerer Siege in lokalen Talentwettbewerben blieb es um die blonde Elfjährige bislang erstaunlich ruhig, und auch die in diesen Tagen erschienene EP wird eher dezent und züchtig und ausschließlich über die private Homepage der jungen Künstlerin vermarktet. Youtube kennt bislang neben ihren drei Superkids-Auftritten lediglich ein paar ganz wenige private Aufnahmen, die meist daheim oder bei privaten Auftritten entstanden. Nach ihrem Sieg gab es keine Promo-Tour durch Talkshows, reihenweise Interviews, Konzerte oder gar ein ganzes Album. Ihre Homepage wirkt schlicht und einfach und informiert nicht über jedes Detail aus Sterres Leben wie Amiras, kein youtube-Kanal oder Facebook-Profil halten jede Bewegung quasi in Echtzeit fest. Statt des schnellen Ruhms und des großen Geldes scheint Sterre ganz andere Ambitionen zu hegen. Vielleicht ist es genau das, was man Sterre auch in ihren Darbietungen anmerkt: Die Leidenschaft, das Wahrhaftig-Ernsthaftige, und auch eine gewisse Reife, das sie umgeben. Wenn Sterre singt, scheint sie tatsächlich zu LEBEN und zu FÜHLEN, was sie tut. Und zwar um dessentwillen, nicht, um sich als grundgütiger Engel oder Superstar zu inszenieren. Es ist etwas, das ich anfangs auch bei Amira Willighagen zu erkennen glaubte, das ihr aber offenbar zunehmend abhanden gekommen ist. Man kann Sterre nur Glück wünschen – und dass ihr Weg so dezent und zielstrebig bleiben möge. Dann werden ihre größten Auftritte (in welchem Genre auch immer, denn bei erfolgte bislang keine Festlegung auf das Opernfach) noch vor ihr liegen, statt bereits hinter ihr. Bislang scheint sie zumindest in guten Händen. Doch das Beispiel Amira Willighagen hat mich mittlerweile mit einem gesunden Misstrauen ausgestattet. Überall dort, wo talentierte Kinder in Castingshows mit hoher Publikumsfrequenz geschickt werden, ist meist auch der Wille zum schnellen Erfolg nicht weit.

Old souls in young bodies: Das Phänomen Amira Willighagen

Wer irgendeinen Sinn für klassischen Gesang und überhaupt das Herz am rechten Fleck hat – der wird jetzt wohl erst mal kräftig durchschnaufen und vielleicht sogar ein Tränchen wegwischen müssen. Das Mädchen, das wir da soeben erleben durften, war zum Zeitpunkt dieser Aufnahme zehn Jahre alt. Und ist es noch heute. Puccinis wunderschöne Arie „O Mio Babbino Caro“, so schön, so kraftvoll und doch so schlicht und zart gesungen, wie ich es persönlich selten erlebte. Mir fällt da auf Anhieb Maria Callas ein. Hiermit soll nun keinesfalls das gesangliche Können einer Zehnjährigen mit dem dieser all-time-greatest-diva auf ein Podium gestellt werden. Und doch hat Amira Willighagen nicht nur den Vornamen der Callas zum Anagramm. Sie hat eine ganz ähnliche Art, zu singen, die einen ganz tief innen berührt, die haften bleibt, die nicht nur die oberen Membranen durchdringt und dann abgeleitet wird.
Und dann diese Kraft! Dieses Volumen! Diese Höhen! Da fragt man sich: Wie zum Teufel können solche Töne aus dem Körper einer Zehnjährigen kommen? Niemand weiß es. Niemand versteht es. Noch vor zwei Jahren war Amira Willighagen nichts weiter als ein sehr begabtes Kind. Sie sang im Kirchenchor die Soli wegen ihrer schönen Stimme. Und doch war dies noch die Stimme eines Kindes, bei der längst nicht jeder Ton ein Treffer war. Doch schon ein Jahr später fegte die neunjährige Holländerin die Jury der Talentshow Holland’s got Talent von den Sesseln. Sie gewann die Show.

Auf die Frage, wer ihr beibrachte, so zu singen, wusste sie keine Antwort. Youtube sei ihr Lehrer gewesen, Stimm-Wunderkind Jackie Evancho aus den Vereinigten Staaten eines ihrer Vorbilder. Gesangsstunden will Willighagen außerhalb ihrer Choraktivität nie genommen haben. Und doch klang ihr Auftritt bei Holland’s got Talent schon eindrucksvoll stimmgewaltig, wenn sicher längst nicht perfekt.
Das Faszinierende an Willighagen ist gar nicht mal ihr ausbaufähiges sangliches Können. Es muss ja noch ausbaufähig sein, hält man sich vor Augen, dass man es hier mit einem Körper zu tun hat, der erst noch wachsen, noch reifen, sein ganzes anatomisches Potenzial erst noch ausschöpfen muss. Es sind die Natürlichkeit und die Strahlkraft ihres Auftretens und ihrer Gestik, die sie beinahe zerbrechlich und doch wieder so stark erscheinen lassen. Und ihre für eine Neun- bzw. Zehnjährige schier unglaubliche technische Stärke, die sie für meine Begriffe zu einem der größten Klassiktalente unserer Zeit machen. Ja, ich glaube, es ist diese unerklärliche Kombination aus Zerbrechlichkeit und Stimmgewalt, die Kritiker, die es sonst in aller Regel nur mit erwachsenen Opersängern zu tun haben, vor eine Zerreißprobe stellt.

Nicht alle können diese Art Bewunderung und Ehrfurcht vor ihrem Können teilen. Im Gegenteil: Gerade aus der Klassikszene kommt bisweilen unverhohlene Kritik. Nicht immer fällt sie so sachlich aus, wie man sie sich vielleicht wünschen würde. Sicher kann, ja muss man sich vielleicht sogar fragen: Ist es gut und sinnvoll, dass eine Zehnjährige Literatur singt, die für Erwachsene geschrieben ist? Doch andererseits: Wie will man ein Kind davon abhalten, dass seine Liebe zur Klassik und die fantastischen Möglichkeiten der eigenen Stimme soeben für sich entdeckt hat? Ich als Laie glaube: Es muss – wie bei fast allem – das Maß stimmen. Amira Willighagen hat nach ihrem Sieg bei Holland’s got Talent die obligatorische CD – „Amira“ – aufgenommen. Sie hat im Sommer 2014 eine kleine Konzertreise mit vier Terminen in Südafrika (der Heimat ihrer Großmutter) der Schweiz und Argentinien unternommen und ist zu Weihnachten in der Londoner Royal Albert Hall aufgetreten. Anders als etwa Jackie Evancho, die nach ihrem fulminanten Aufstieg als „Jahrhundert-Talent“ infolge ihres 2. Platzes bei America’s got Talent 2010 von einem Auftritt zum nächsten gehetzt wurde, mit 11 Jahren schon reihenweise abendfüllende Konzerte gab und heute, mit knapp 15 stimmlich ein Schatten ihres früheren Selbst ist, liegt bei Amira der Focus derzeit offenbar auf Schule, Familie und ihrer weiteren Gesangsausbildung durch eine professionelle Gesangslehrerin. Evancho hatte vor ihrem Durchbruch beim amerianischen „Deutschland sucht den Superstar“-Äquivalent bereits zwei (!!) erfolglose Versuche hinter sich, es in die Show zu schaffen. Als es endlich klappte und die Karrieremaschinerie angelaufen war, musste sie ihre öffentliche Schule verlassen. Sie tourte, modelte zusätzlich und übernahm Rollen in Filmen und Musicals. Eigentlich ist es ein Wunder, dass sie heute noch relativ unbeschadet im Show Business unterwegs ist. Für die Opernbühne allerdings wird es wohl niemals mehr reichen. Man kann nur hoffen, dass Amira Willighagens Eltern das unglaubliche Talent ihrer Tochter mehr zu schätzen, es besser zu behüten wissen werden. Es wäre unendlich schade, dieses Kind und seine Stimme dahinwelken zu sehen.

Traurig machen die Schmähkritiken, mit denen Amira Willighagens Debüt bisweilen in Rezensionsbreichen, etwa bei Amazon, begegnet wird. Eines sticht dabei stets heraus: der Verdacht, die Eltern und das Mangement könnten mit dem Kind nur „Geld scheffeln“ wollen. Es spricht der unverhohlene Neid dabei heraus, dass da jemand etwas scheinbar aus dem Ärmel schüttelt oder gar – wie für die Eltern angenommen – gar nichts für den Geldsegen tun muss, den das begabte Kind nach Hause holt. Ich halte dieses pauschale Urteil über Menschen, die einem nicht ansatzweise persönlich bekannt sind, für unangemessen und deplatziert.
Neid scheint aber auch im Big Business an der Tagesordnung. Anders kann ich mir Kommentare wie diese in einem Opernforum nicht erklären:

Ich habe mir das „Ave Maria“ (Bach/Gounod) angehört – und ich muß ganz ehrlich sagen: Es war überhaupt nicht rund! Die Stimme wirkt tatsächlich wie eine halbwegs geschulte Stimme einer Jugendlichen, die Intonation war ziemlich häufig neben der Spur, und ihr Kleid in Kombination mit den Schuhen war auch zu erwachsen bis kitschig. Sie bedient Klischees! Das goldlockige Engelchen, das zur Weihnachstzeit „Ave Maria“ trällert – brr, mich schüttelt’s.“

Dass die Leute allesamt, einschließlich der Jury, aus dem Häuschen sind, deutet darauf hin, dass sie von klassischem Gesang so viel Ahnung haben wie“die Kuh vom Kreppelbacken “ ( hessisch / Kreppel = Pfannkuchen ). Da wird jeder höhere Ton bejubelt, der nicht “ gekrische “ wird ( hessisch = geschrien ) wird wie beim Popgesang.

Es spricht eine gewisse Hilflosigkeit angesichts des ungewöhnlichen Talents Willighagens aus diesen Wortmeldungen. Man ist gewissermaßen geschockt, denn man selbst (die meisten, die dort schreiben, sind selbst in der Klassik-Branche unterwegs) hatte es gewiss nicht so leicht. Hilflosigkeit, die schnell in eine gewisse grobe Niederträchtigkeit übergeht.

Warum sollten Kinder keine Opern singen, wenn sie es können, wenn sie technisch dazu in der Lage sind? Ich würde deshalb kein Kind fest an einer Oper engagieren oder es regelmäßig auftreten lassen. Aber warum soll es damit nicht hin und wieder erste Bühnenerfahrung sammeln? „Verheizen“ sieht meines Erachtens nach anders aus. Ich selbst war sieben Jahre alt, als ich 1986 dem Kinder- und Jugendchor der Singakademie Dresden beitrat. Für mich bedeutete das zwei Mal pro Woche Gesangstraining und Chorprobe, vor Auftritten zusätzlich Sonderproben. Drei- bis viermal im Jahr traten wir auf – Matthäus-Passion, Missa Solemnis, Weihnachtsoratorium von Bach, Carmina Burana, unter so namhaften Dirigenten wie Mikis Theodorakis, mit Opernstars wie Peter Schreyer und Theo Adam. Es war stressig, aber eine schöne Zeit. Missen möchte ich sie nicht. Geschadet hat sie mir auch nicht. Wie oft treten die Knaben des Kreuzchores im Jahr auf? Auch dort gibt es sehr gute Solisten, die klassische Arien vortragen. Ich erinnere nur an den fantastischen Dennis Chmelensky, der mit 14 Jahren Solist unter Barenboim und Rattle beim Berliner Staatsopernchor war.

Alles, was ich damit sagen will: Leute, lasst die Kirche im Dorf. Nicht jedes Stimmwunderkind endet als ausgebranntes Wrack, nur weil es schon in früher Jugend öffentlich auftrat. Und nicht jedes Stimmwunderkind wird zwangsläufig einmal ein Opernstar – egal, ob man es hetzt oder schont. Es gibt kein Patentrezept für eine erfolgreiche Karriere im Operngeschäft.
Ob aus Amira Willihagen irgendwann einmal eine große Opernsängerin, die nächste Anna Netrebko oder gar Maria Callas, wird, wird die Zukunft zeigen. Was man aber gewiss nicht tun sollte, ist, sie jetzt schon abzuschreiben, weil sie eine CD aufgenommen und im Jahr sechs größere Auftritte (keine Konzerte!) gegeben hat.