Martin Lindner (FDP) fordert Kürzung des Hartz-IV-Regelsatzes.

Damit es alle auch richtig verstehen: Der Hartz-IV-Regelsatz liegt in Ostdeutschland momentan bei einem Single-Haushalt ohne Kinder bei maximal 308 Euro für Miete und 360 Euro Grundsicherung, also insgesamt bekommt ein kinderloser, alleinstehender Hartz-IV-Empfänger monatlich maximal 668 Euro überwiesen. Die 308 Euro für Miete setzen sich zusammen aus maximal 60 Euro für Nebenkosten und knapp 250 Euro für die Kaltmiete. Die Grundsicherung ist zudem rentengebunden, das heißt: sinken die Renten, sinkt auch die Grundsicherung automatisch, steigen die Renten, steigt auch die Grundsicherung.
Ich habe mir mal die Mühe gemacht, lokale Anbieter von Sozialwohnungen, wie etwa SWG, EWG, Aufbau Dresden eG oder Gagfah, zu durchforsten. Bei den 2-Raum-Wohnungen bis 45 m² in den städtischen Randgebieten, wie etwa Gorbitz, Prohlis oder Leuben, kam ich auf eine durchschnittliche Betriebskostenpauschale in Höhe von monatlich ca. 95 Euro, das entspricht in etwa der durchschnittlichen Betriebkostenpauschale in Dresden in Höhe von 2,03 €/m². Die Spitzenwerte bei Nebenkostenpauschalen liegen in Dresden momentan in dieser Wohungsgrößenordnung bei bis zu 150 Euro oder 3,40 €/m². Wie man also sehen kann, deckt der staatlich vorgesehene Satz für Nebenkosten im Durchschnitt gerademal 50% der real anfallenden solchen ab. Den Rest muss der Betroffene aus seiner Grundsicherung bestreiten oder aber an der Kaltmiete kürzen. Es dürfte daher grundsätzlich schon schwer sein, überhaupt eine Wohnung zu finden, die den Anforderungen von Hartz IV gerecht wird, ohne dass die Menschenwürde auf der Strecke bleiben würde.
Hinzu kommt, dass bei unangemessen hohen Wohnkosten ein Umzug in eine preiswertere Wohnung nur dann von der ARGE übernommen wird, wenn die neue Wohnung insgesamt auch innerhalb der 308-Euro-Spanne liegt. Liegt der Warmmietpreis auch nur 1 Euro darüber, kann die ARGE die Übernahme der Umzugs- und Kautionskosten ablehnen.
Von den 360 Euro Grundsicherung wird also in aller Regel folgendes bestritten:
– Restmiete
– Strom
– Telefon
– Mobilität
– Lebensmittel/Haushaltskosten
– Versicherungen
– nicht selten: Schulden

Und nun kommt also Herr Lindner daher und fordert bei Michel Friedman, dass die Grundsicherung von 360 Euro nochmals gesenkt und stattdessen die Zuverdienstquote erhöht werden sollte, um die vermeintliche Ungerechtigkeit zwischen arbeitswilligen und -unwilligen Hartz-IV-Empfängern zu eliminieren.
Dass diejenigen, die tatsächlich nicht wollen, lediglich einen sehr geringen Anteil am Ganzen ausmachen, verschweigt Herr Lindner. Auch unterstellt er allen Hartz-IV-Empfängern, die nicht dazuverdienen, pauschal Unwillen. 3,5 Millionen Bedarfsgemeinschaften gibt es in Deutschland, die insgesamt 6,7 Millionen Hilfebedürftige umfassen, die Leistungen gemäß SGB II in Anspruch nehmen. Von diesen 6,7 Millionen Menschen sind schonmal knapp 27% nicht erwerbsfähig, also entweder Kinder oder Rentner. Das sind knapp 2 Millionen Menschen. Von den übrigbleibenden 4,8 Millionen Hartz-IV-Empfängern sind etwa 2 Millionen erwerbstätige Aufstocker – entweder in Voll-, Teilzeit oder aber im Minijobsektor beschäftigt. Hinzu kommen jene Hartz-IV-Empfänger, die sich freiwillig in Qualifizierungsmaßnahmen befinden, um ihre Aussichten auf einen Job zu verbessern und aufgrund ihrer Biographie so auf dem ersten Arbeitsmarkt als nicht oder nur sehr schwer vermittelbar gelten. Auch denen kann man wohl kaum „nicht wollen“ im Sinne des klassischen „Sozialschmarotzertums“ unterstellen. Auch eine nicht unerhebliche Zahl alleinerziehender Mütter und Hausfrauen tummeln sich unter jenen 2,8 Millionen. Unterm Strich bleibt eine fast zu vernachlässigende Zahl jener, die tatsächlich nicht wollen und deshalb in das Beuteschema des Herrn Lindner fallen würden, was die Unwilligen betrifft, die er ja so gerne strafen möchte.

Tatsächlich versucht doch hier die FDP, „mehr netto“ in Form von Senkungen der Sozialversicherungsbeiträge bzw. der Lohnsteuer für denjenigen (konsumrelevanten) Teil der Bevölkerung, der das Glück hat, ein festes Einkommen zu haben, auf Kosten der Ärmsten durchzudrücken. Die Senkung des Hartz-IV-Regelsatzes würde eine Entlastung der ARGEN jährlich um Milliarden bedeuten, was die geplante Erhöhung des Beitrages zur Arbeitslosenversicherung unnötig machen oder gar eine weitere Senkung desselben ermöglichen soll.
Ein arbeitender Hartz-IV-Empfänger hätte davon jedoch überhaupt nichts, weil er ohnehin oft nur geringfügig beschäftigt ist und somit keine solchen Beiträge zahlt oder aber so viel von seinem Zuverdienst ohnehin auf der Strecke bleibt, dass solche Maßnahmen bei ihm gar nicht ins Gewicht fallen würden.
Derzeit darf ein arbeitender Hartz-IV-Empfänger 100 Euro + 20% des Gesamt-Bruttozuverdienstes neben seinen Regelleistungen behalten, alles was darüber liegt, wird vom Regelsatz abgezogen. Bei einem Zusatzeinkommen von 500 Euro im Monat sind das 200 Euro, die er behalten darf. Erhöhte man diese Quote nun auf 30%, wären das 50 Euro mehr, also 250 Euro, die behalten werden dürften. Würde man gleichzeitig den Regelsatz um ebenfalls 10% kürzen, käme für den arbeitenden Hartz-IV-Empfänger unterm Strich ein Plus von 14 Euro gegenüber dem nicht arbeitenden heraus. Und wie man Herrn Lindners Ausführungen bei Friedman entnehmen konnte, stellt er sich sogar eine Senkung des Regelsatzes um „bis zu 30%“ vor. Tolle Leistung, Herr Lindner, wirklich.

Trauer-Business wird zur Groteske.

Tausende von Menschen, die in ein Fußballstadion gekarrt werden. Cola- und Hotdog-Stände, an den Stadionflanken Werbebanden von Party-Veranstaltern. Verstreut über das gesamte Areal stehen Buden wie auf dem Jahrmarkt, wo der „echte Fan“ noch schnell seinen Vorrat an Memorabilia aller Art ergänzen kann – angefangen bei gerahmten Jacko-Postern mit passend schwarzem Trauer-Passepartout bis hin zum T-Shirt oder der verstaubten Thriller-CD, die aus Restbeständen hervorgekramt wurde. Allgemeine Volksfeststimmung, fröhliche Gesichter – und auf Knopfdruck: Trauerstimmung und kollektive Trance.
So wird dieser Tage in unzähligen Veranstaltungen ähnlicher Art in ganz Amerika der Tod eines Musik-Idols verarbeitet – man ist geneigt, zu sagen, ‚gefeiert‘.
Die Trauer um Michael Jackson ist vielerorts in ein regelrechtes Trauer-Business entartet, dessen Hauptziel es ist, mit den Emotionen der Menschen Geschäfte zu machen. Was den Gemeinden, die solche Festivitäten ausrichten, an Aufwendungen entsteht, kommt zigfach durch die Einnahmen der Händler und auch der Gemeinde selbst wieder rein, für die zigtausende spendierhosenbetuchte Jacko-Trauergäste gerne sorgen werden.
Eigentlich ja nichts Neues. Man kennt Ähnliches bereits etwa vom Tode Lady Dianas oder Papst Johannes Paul II., als ein ähnliches Trauer-Business zu verzeichnen war. Vom Porzellanteller mit Di-Bildnis bis hin zum Papst-Toast ließ sich plötzlich alles zu Geld machen.
Angesichts solch grotesken Rummels um den Tod eines

Menschen, fragt man sich, wie es so weit hatte kommen können mit der Menschheit. Der eigentliche Moment des Verlustes, der vor allem die nächsten Angehörigen betreffen dürfte, tritt dabei völlig in den Hintergrund.

Couch Stories.

Es knarrte, als er sich auf das Möbel niederließ. Seine Hände fuhren unsicher über den samtartigen Stoff, die rechte alsbald nach oben in Richtung Mund. Der Zeigefingernagel musste dran glauben.
Er hörte kaum, was sie sagte.
Irgendwann tauchte er auf aus seiner Lethargie – etwas hatte seine Aufmerksamkeit geweckt.

„Sie wollen also wissen, wo ich herkomme? Wie ich meine Kindheit verbracht habe? Nun…“
Minutenlang Schweigen.
Dann wurde er plötzlich lebhaft.

„Von unserem Zimmerfenster aus konnten wir direkt auf die Straße und den dahinter liegenden Park schauen. Dort haben wir oft gespielt.
„Der Platz“, wie wir die grüne Oase direkt vor unserer Tür einfach nur nannten, war tatsächlich platzähnlich gestaltet, mit einer großen Freifläche an der Südseite zur Wohnbebauung hin und nach Norden hin schließlich in baumgesäumte Rasenflächen, Buschwerk und bewaldete Hügel übergehend. Der Platz war unser Paradies, die alte Eiche rechts des Mittelweges unsere Festung.
Im Winter war der in ein weißes Kleid gehüllte Ort ein einziges Wintermärchen, die sanften Hügel luden zum Skifahren und Rodeln ein. Es gab kaum einen Tag, an dem wir den Platz nicht unsicher gemacht hätten.
Sie kennen den Ort wahrscheinlich nicht, von dem ich spreche.
Zu Zeiten des alten Preußen war er als Exerzierplatz der Heeresschule angelegt worden, deren Anlagen nördlich des Platzes im 2. Weltkrieg zu Teilen zerstört worden waren. Was übrig blieb, wurde dann während der sowjetischen Besatzung von der Sowjetarmee in Beschlag genommen und arg heruntergewirtschaftet. So war „der Platz“ im Westen und Norden von Kasernenanlagen umschlossen und diente den dort stationierten sowjetischen Truppen als Trainingsgelände, sowie als Freizeitanlage für die Anwohner. Tja, der Anblick von olivgrünen Uniformen mit goldenen Schulterklappen und roten Sternen darauf war für uns Kinder alltäglich.

Spätestens ab der 5. Klasse war in der Schule Russisch Pflichtfach für alle. Viele der Freunde meiner Schwester konnten daher bereits etwas Russisch und gaben einige Brocken auch an uns Jüngere weiter. So konnten wir uns einigermaßen mit den Soldaten aus der Kaserne verständigen.
Ungezählte Stunden lungerten wir in großer Zahl an der Mauer im Park herum, die unsere Welt von der der Sowjetsoldaten trennte, erklommen sie und warfen einen Blick auf das militärische Gelände, das wüst war und voller Soldaten und Material.
Eine eigene Schweinezucht gab es da, einen holprigen Trainingsplatz und einige provisorisch ausschauende Gebäude. Schwere LKW kurvten herum und zerfurchten den morastigen Boden, spuckten Soldaten in Uniform aus, brachten Material und Lebensmittel oder luden Fracht. Es sah eigentlich weniger wie in einer Kaserne aus, sondern eher wie in einem etwas heruntergewirtschafteten Bauerngut: Soldaten sägten Bauholz, beluden LKWs und züchteten Schweine. Oft halfen wir Kinder ihnen beim Holzhacken, Sägen oder hielten die Tore für ein- und ausfahrende Truppen auf. Wir taten das freiwillig und gern. Kein Wunder: Für uns waren sie Helden, unsere Freunde – wir verehrten sie! So hatte man es uns beigebracht, in der Schule.
Unser Hauptinteresse galt aber den Soldatenkindern, die oft auf dem Kasernengelände mitarbeiteten oder Sport trieben. Diese Kinder waren für uns ein Buch mit sieben Siegeln. Sie waren, so schien es mir, ganz anders als wir. Sie besuchten eigene Militärschulen, wurden vom deutschen Alltag weitestgehend abgeschirmt und sprachen daher meist kein oder nur sehr wenig Deutsch. Sie trugen immer uniformähnliche Sportanzüge, spielten auf eine Art, die uns fremd war – so raubeinig und freudlos – und schienen uns deutsche Kinder mehr oder weniger zu schneiden, während ihre Väter immer freundlich zu uns waren und uns oft kleine Geschenke machten.
Anders die Kinder. Sie warfen Steine nach uns, sobald wir uns auf der Mauer zeigten, und schrieen uns Worte zu, die nicht sehr freundlich klangen. Wir konnten damals nicht verstehen, warum sie so abweisend zu uns waren, wo ihre Väter doch so nett schienen. Man hatte uns in der Schule eingetrichtert, dass Sowjetrussen die besten Freunde der Deutschen seien und dass uns der Kampf gegen Faschismus und Imperialismus einte.
Und so dachten wir, dies wäre ein Spiel, ihre Art, zu spielen – und wir wollten mitspielen. Also warfen wir Steine zurück und es brachen regelrechte Schlachten an der Mauer im Park aus.
Aus dem „Spiel“ wurde jedoch zusehends Ernst. Meine Schwester wurde von einem fliegenden Stein am Rücken getroffen und bekam kaum noch Luft. Stürze von der Mauer beim fluchtartigen Verlassen endeten mit gebrochenen Armen.
An dem Tag, an dem ich begriff, dass es für diese Kinder kein Spiel, sondern bitterer Ernst war, hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben wissentlich Todesangst.
Wir waren wie so oft auf die Mauer geklettert und versuchten uns in kindlicher Diplomatie. Diese Kinder mussten doch zum Frieden zu bewegen sein. „Chotschetje igratch?“ forderten wir sie in wackeligem Russisch zum Spielen auf und fragten, ob wir nicht rüberkommen dürften. Sonderbarerweise willigten sie dieses Mal ein und schienen freundlicher als sonst. Sie machten uns Zeichen, dass wir hinüberkommen sollten. Einige von uns sprangen sogleich von der Mauer auf das Kasernengelände, so auch ich. Dass es sich um einen Hinterhalt handeln könnte, kam keinem von uns in den Sinn.
Kaum waren die ersten von uns unten, da stürzten sie auf uns los. Mit Stöcken und Metallteilen, die zuhauf auf dem Gelände herumlagen, bewaffnet, rannten sie auf uns zu, Mädchen und Jungen, keiner älter als 12. Ich war acht.
Es gab ein kurzes wüstes Geschiebe und Geschlage, begleitet von zweisprachigem Geschrei. Die älteren Jungs, die mit mir von der Mauer gesprungen waren, schafften es ruckzuck wieder nach oben, ich aber war zu klein und zu langsam. Ich spürte wie von unten grobe Hände nach mir griffen und mich gewaltsam zurück auf das Kasernengelände befördern wollten. Kraftlos rutschten meine Hände schließlich vom Mauergestein ab und ich plumpste zurück auf den lehmigen Boden.
Vier Jungen, etwa zwischen sieben und zehn, hatten mich umringt und grob in die Mauerecke zurückgedrängt. Die Mädchen hatten sich zwischenzeitlich abgewandt, sie hielten sich abseits, lachten und machten schadenfrohe Kommentare. Die Jungs hingegen setzten gewichtige Siegerminen auf, lachten mir gehässig ins Gesicht und schrieen mir Worte entgegen, die ich nicht verstand. Sie schaukelten sich gegenseitig hoch, die Atmosphäre wurde bedrohlicher. Panik ergriff mich, ich zitterte. „Lasst mich!“ rief ich angsterfüllt, und das einzige russische Wort, das mir in meiner Not einfiel: „Druschba!“ („Freundschaft“). Doch sie hörten nicht auf, lachten, zogen an meinen Haaren. Einer zog mir die Hose runter. Es war demütigend. Das waren keine Freunde.
Ein Junge, nicht älter als ich, drängte sich vor die anderen und gab mir eine Ohrfeige, als er ein zweites Mal ausholte, wehrte ich reflexartig mit einem Gegenschlag seine Hand ab. Seine Augen wurden ganz schmal vor Feindseligkeit und Zorn.
„Faschisti!“ zischte er. Das verstand ich. Während ich noch das Wort verdaute und langsam begriff, dass diese Kinder uns feindselig gesonnen waren, sah ich etwas aufblitzen. Es war ein Messer. Ein kleines Klappmesser, nicht größer als ein Schweizer Taschenmesser. Ich starrte dem Jungen ins Gesicht. Ein weiches Kindsgesicht, dessen ganze Sanftmut heruntergerutscht war, wie Butter von einer heißen Kartoffel. Seine Haare waren braun und seine Augen hellgrau, er war etwa so groß wie ich. Die Messerklinge tauchte zwischen unseren Gesichtern auf, er fuchtelte mir damit vor der Nase herum und vollführte unter gellenden Begeisterungsschreien seiner Freunde martialische Bewegungen, die demonstrieren sollten, wie er mir die Kehle durchschnitt.
Ich weinte nicht mal. Ich war wie gelähmt. Hinter der Mauer erhob sich das entsetzte Geschrei meiner Schwester, sie schrie, dass sie aufhören sollten und dass jemand mir helfen sollte. Von oben hörte ich ein aufgeregtes „Wir müssen langsam was unternehmen…“ Ich nahm das alles wie durch eine starke Glaswand wahr, meine Augen fixierten unablässig die Klinge vor meiner Nase.
Die russischen Mädchen, die zuvor aus sicherer Entfernung dem Treiben zugesehen hatten, bereiteten dem Ganzen schließlich ein Ende. Sie kamen und riefen die Radaubrüder zur Räson. Der „Spaß“ ging jetzt anscheinend sogar ihnen zu weit. Meine Augen fixierten die Klinge noch immer, als sie in der schmuddeligen Hosentasche des Jungen verschwand. Im selben Moment stürzten meine Kameraden mit Kampfgeheul von der Mauer auf das Kasernengelände herab und schlugen auf die Übeltäter ein. Arme zogen mich von oben die Mauer hinauf, sobald alle meine Peiniger in die Schlacht verwickelt waren. Ich war gerettet. Ich lachte, obwohl mir zum Heulen zumute war und mein Herz bis zum Hals schlug. Ich lachte aus Trotz, weil ich wütend war – diese hasserfüllte Brut sollte meine Tränen nicht sehen, sie sollten nicht mal ahnen, wie viel Angst sie mir tatsächlich gemacht hatten und wie tief mich ihre schroffe Ablehnung traf. Was hatten wir ihnen getan? Was hatte ich getan? Mir war zuvor noch nie ein Mensch begegnet, der mich einfach dafür zu hassen schien, dass es mich gab.

An der Mauer war ich danach nie wieder. Ein paar Mal noch sah ich den Jungen, der das Messer geschwungen hatte, im Park in der Nähe der Mauer. Ich machte einen weiten Bogen um ihn. Mein Heldenbild von den Sowjetsoldaten war mit einem Schlag zerschmettert. Nun wusste ich, wie sie tatsächlich über uns dachten, denn ich wusste, was sie ihren Kindern erzählten. Ich wusste, dass sie nicht als Freunde hier sein konnten.

Ich weiß, Sie werden sagen, dass klingt gnadenlos pauschal, doch damals, mit acht, dachte ich so.
Erst 20 Jahre später stand ich wieder an der Stelle. Die Mauer stand zum Teil immer noch da, viel niedriger schien sie mir nun, so gar nicht mehr unüberwindbar, teils durch einen grünen Bauzaun ersetzt, doch das Gelände dahinter war verlassen. Die provisorischen Gebäude waren in einzelne Betonplatten zerlegt worden. Unkraut überwucherte den Platz. Im Boden waren immer noch die Spuren schwerer Fahrzeuge erkennbar.“

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Schweigen.

„Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil ich in diesem Moment lernte, zu hassen.“

Bundestagsdebatte zum G8-Gipfel/zur Wirtschaftskrise

Heute war wieder mal Debattentag im Parlament. 4 Stunden live-Berichterstattung auf Phoenix. Als beflissene Politik-Studentin gehört das Bundestagsblättchen „Das Parlament“ ja zu meiner wöchentlichen Pflichtlektüre, doch ist es ab und an nicht ganz verkehrt, sich die Veranstaltung auch einmal live in Bild und Ton zu Gemüte zu führen. Wie gut also, dass ich heute frei hatte. Auf der Tagesordnung heute:

  • der kommende G8-Gipfel in l’Aquila
  • die (unvermeidliche) Wirtschaftskrise
  • Haushalt/Verschuldung

So eine Parlamentsdebatte ist schon eine sehr aufschlussreiche Sache. Man gewinnt direkten Einblick dahingehend, wer eigentlich genau wofür steht. Und man stellt fest, dass es mit so einigen, für den Bürger hübsch medial aufbereiteten Aussagen so mancher Politiker nicht sonderlich weither ist. Denn im Parlament herrscht Arbeitsalltag, die Scheinwerfer der Mainstream-Medien sind aus, die Mehrzahl der Bundesbürger arbeitet wochentags zwischen neun und eins. Hier kommt ans Licht, was sonst im Dunst der Nebelkerzen untergeht. Im Parlament werden – dank Anwesenheit der Opposition – Worte gegen Taten gehalten, Platitüden gegen die nackten Fakten.

Dass das gerade unserem „Bundesadler Angela Merkel“ (frei nach Claudia Künast von den Grünen) dann und wann höchst unangenehm werden kann, mutet verständlich an. Von den Fraktionsabgeordneten der Grünen sowie der Linken und selbst der FDP darauf angesprochen, wie sie denn ihre angekündigten Steuersenkungen (vor allem auch für Begüterte) bei der aktuell prekären Lage im Lande zu realisieren gedächte (denn konkrete Ansätze dazu hatte sie zuvor in ihrer Regierungserklärung vermissen lassen), zog es die Kanzlerin vor, ihren Sitz zu verlassen und irgendwo im schummrigen Niemandsland des Sitzungssaals mit Parteikollegen zu plauschen. Sowohl Oscar Lafontaine als auch Claudia Künast monierten dieses – für meine Begriffe einer bodenlosen Respektlosigkeit sowohl den Rednern als auch den eingespielten Konventionen des Parlamentsalltages gegenüber gleich kommende – Fehlverhalten der Kanzlerin. Angela Merkel scheint es nicht für notwendig zu erachten, sich mit den (Schein-) Realitäten der von ihr betriebenen Politik öffentlich auseinanderzusetzen.
Wertvolle Informationen, die keine Zeitung übermitteln kann und jeder einstudierte Auftritt in einem Interview oder einer Talkshow gekonnt zu überspielen wissen wird.

Sollte man im Gemeinschaftskunde-Unterricht der Schulen zu regelmäßigem Unterrichtsstoff erklären: Parlamentsdebatten.

Anti-Tretminen-Kampf in der Neustadt zur internationalen Sache erklärt.

Scherzkekse waren am vorvergangenen Wochenende in der Äußeren Neustadt und im Prießnitzgrund unterwegs und markierten die – zahlreich vorhandenen – Hundehaufen am Straßen- bzw. Wegesrand mit Miniaturausgaben der Flaggen der Länder dieser Erde.

Einen praktischen Vorteil hatte das Ganze natürlich neben dem Unterhaltungsfaktor schon: Spaziergänger und Passanten wurden durch die bunten Fähnchen rechtzeitig vor der übelriechenden Gefahr gewarnt, auf die sie zusteuerten. Und ein in der Neustadt allgegenwärtiges Problem stach so noch einmal so richtig ins Auge.

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Wenig Respekt hatten die Leute anscheinend vor der Festung Großbritanniens. Vernichtend geschlagen, ward der Union Jack in den Staub – oder besser den Hundekot – getreten.

Welch entwürdigendes Spektakel.

Zum Tod von Michael Jackson ist viel geschrieben und gesprochen worden. Eine Musik-Legende ist gestorben, so viel steht wohl fest. Doch, Hand aufs Herz: Wie viele dieser über die Bühne der „Trauer-Show“ flanierenden, sich im Scheinwerferlicht und im allgemeinen Sturm der Anteilnahme sonnenden Promis haben sich in den letzten 10 Jahren für Michael Jackson interessiert, nachdem seine Karriere ins Trudeln geraten und Jackson selbst den Medien lediglich noch Schlagzeilen wert war, die zwischen  Mitleid und reißerischem Rufmord pendelten? Keiner. Die wenigen, die ihm in den letzten schweren Jahren die Treue hielten, wie Diana Ross oder Liz Taylor, haben diese unwürdige Veranstaltung in Los Angeles nicht ohne Grund boykottiert.

Es dreht sich mir ehrlichgesagt der Magen um, wenn ich hier erleben muss, wie sich die gesamte Prominenz Amerikas im Abglanz des King Of Pop suhlt und für sich so viel wie möglich Aufmerksamkeit herauszuschlagen sucht. Mittendrin: die Familie des Verschiedenen. Seine 3 Kinder, die der Welt zum ersten Mal öffentlich ohne Maske präsentiert werden, die 11-jährige Tochter, der man eine Rede vor einem Millionenpublikum abnötigt, obgleich das Kind gerade seinen Vater verloren hat – geht es eigentlich noch entwürdigender?

Dann der Vater – ein Kinderschänder und Schläger – der völlig ungeniert seine eigenen Projekte im Zuge der Trauerfeier bewirbt und von seinem toten Sohn nicht als „Sohn“ spricht, sondern als „Michael Jackson“.
Ich wende mich ab vor Ekel dieser Tage.

Kitas? Ja bitte! Aber auf Kosten von Grünflächen?

Als Bewohnerin der Dresdner Neustadt kenne ich eigentlich genau 3 Dinge, die an diesem herrlich alternativen Fleckchen Erde Mangelware sind:

Kitas
Grünflächen
Spiel-/Freizeitmöglichkeiten für Groß und Klein

Im Fahrwasser der am 07. Juni stattgefundenen Stadtratswahl war die Schaffung neuer Kita-Plätze in der Dresdner Neustadt praktisch unisono von allen Parteien und Wählerbündnissen zu Punkt 1 der Wahlkampf-Tagesordnung erhoben worden. Grundsätzlich eine gute Sache, denn die Neustadt ist das wohl am stärksten expandierende Stadtviertel Dresdens, mit positiver Wachstumsrate  (ca. 300 Geburten pro Jahr sowie ein Wanderungsgewinn von 200  Einwohnern pro Jahr nach Abzug der Wegzüge) und dem niedrigsten Altersdurchschnitt (31,7 Jahre). Es steht also außer Frage, dass Kita-Plätze dringend benötigt werden.
Daher habe ich es grundsätzlich positiv aufgenommen, dass unmittelbar nach der Wahl auch sogleich mit der Umsetzung der Wahlversprechen in Form einer neuen Kita begonnen wird. Ein echter Wermutstropfen ist jedoch der Standort, der dafür ausgesucht wurde. Die neue Kita soll auf dem östlichen Sektor des Alaunplatzes, in unmittelbarer Nachbarschaft zu den beiden bereits existenten Kitas „Eichhörnchennest“ und „Alaunkids“ entstehen, wobei wohl eine der beiden Kitas dadurch aufgegeben werden soll.  Das bedeutet nicht nur eine regelrechte Kumulation von Kitas um den Alaunplatz, denn da befinden sich auch die Kitas „Knirpse“ am Bischofsweg sowie die heilpädagogische Kita „Regenbogen“ (auch Bischofsweg), sondern auch den Verlust eines weiteren, ohnehin so rar gesäten Fleckchens Grün für die Neustädter Bürger. Statt also den Bedarf an Freizeitflächen mit dem an neuen Kita-Plätzen irgendwie in Einklang zu bringen, wird hier das eine zu Lasten des anderen geschaffen.

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Ich erinnere mich, wie ich als kleiner Knirps mit Mutter und Schwester oft an der großen alten Birke auf jenem Stückchen Rasen spielte. Das Besondere an ihr war immer der ab Boden dreigeteilte Stamm, man konnte sich regelrecht hineinstellen in den Baum. Wenn es geregnet hatte, sammelte sich das Wasser in der Mulde in der Mitte. Mit meinen eigenen Kindern werde ich irgendwann also definitiv nicht dort sitzen, und spielen werden sie dort nur, wenn ich für sie einen Platz in der Kita ergattern kann.

Entré

Dies sollen nun meine ersten Schritte im (Schatten-) Reich des Blogging werden – sieht man mal vom Twitter-Mikro-Blogging ab, dem ich nun schon etwas länger fröhne.

Noch habe ich nicht den Hauch eines Schimmers vom Bloggen, ebenso wenig von wordpress und seinen hübschen kleinen Funktiönchen; habe aber vor, mir diese häppchenweise zu erschließen. Es wird sich zeigen, ob ich die nötige Akkuratesse und gerade zu Anfang, wo alles aufgrund der mangelhaften Kenntnisse noch etwas mühselig scheint, die nötige Selbstdisziplin aufbringen kann, um es auf diesem Gebiet zu etwas zu bringen.

Vielen Dank an Stephan, der mir diesen Blog freundlicherweise eingerichtet hat und mir auch zukünftig hoffentlich in technischen Fragen zu Hilfe eilen wird, sowie an Kathrin, die mich zum Bloggen ermutigt hat und deren eigener Blog eine Quelle reinster Inspiration ist.