Anzügliches Kinderfilmchen auf youtube gelöscht. Online bleibt es trotzdem.

Vor einigen Tagen berichtete ich über einen Film, den ein europäischer Fernsehsender über ein zwölfjähriges Mädchen gemacht hatte, das als Sängerin an einer Talentshow teilgenommen hatte. Der Film war vor zwei Wochen im Kinderkanal des Senders gelaufen und vorab über verschiedene Kanäle wie etwa Facebook oder youtube mit einem Trailer beworben worden. Im Trailer kam das Porträt noch wie ein ganz normales Porträt rüber – ein süßes Mädel, das gerne rumtollt, Tiere mag und vor allem gerne und schön singt. Ein youtube-Profil zeigte nach der Ausstrahlung dann den gesamten Film, oder zumindest den größten Teil davon. Darin fanden sich dann in den letzten acht von 23 Minuten auch Szenen, die jedem sittlich auf westlichen Standards verankerten Menschen die Schames- und auch die Zornesröte ins Gesicht steigen lassen müssen. Anzügliches Kinderfilmchen auf youtube gelöscht. Online bleibt es trotzdem. weiterlesen

Sex sells – auch schon mit zwölf.

Würden Sie Ihre zwölfjährige Tochter in aufreizender Kleidung ablichten oder aufnehmen lassen und das Material ins Internet stellen, sichtbar für Millionen von Menschen, die Sie nicht kennen? Manche Dinge sind einfach unbegreiflich, manchmal ist es das Verhalten von Eltern, das sprachlos macht. Die Fotos im Artikel zeigen Screenshots von Szenen aus einem Film, die ich auf YouTube gemacht habe. Das Kleid, das das Mädchen trägt, würde wahrscheinlich jeder Prostituierten oder jedem Pornosternchen gut zu Gesicht stehen: schulterfrei, hauteng und scheinbar noch extra hochgerafft. Noch drei Zentimeter kürzer, und es gäbe den Blick frei auf Schritt und Unterhöschen. Sex sells – auch schon mit zwölf. weiterlesen

Das Mädchen, der Wald und der NSU.

Bedrückende Gedanken zur neuen Wendung im Fall Peggy Knobloch. Da war mal was, ja, vor vielen Jahren, ein Kind ward vermisst und blieb es. Nun soll gar die rechte Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) in die Tötung der Neunjährigen involviert sein, die vermutlich im Sommer 2001 umgebracht wurde. Von Pädophilie und einer Verstrickung der NSU-Köpfe Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe in einen Kinderporno-Ring ist die Rede. Als wären ihre Verbrechen an Bürgern mit Migrationshintergrund nicht schon schlimm genug. Wurde auch Peggy Opfer dieses perfiden Syndikats? Die Leiche des Mädchens blieb 15 Jahre lang verschwunden – bis zu diesem Sommer. Da fand man sie, in einem Waldstück zwischen Rodacherbrunn (Thüringen) und Nordhalben (Bayern), unweit der L1095.

Das Mädchen, der Wald und der NSU. weiterlesen

Festes Bekenntnis.

Nicolaus Fest will gemeinsam mit der AfD den Totalitarismus bekämpfen – und sieht sich dabei in der Tradition seiner Vorfahren. Warum das ein Zynismus ohnegleichen ist. Festes Bekenntnis. weiterlesen

Frantz – Ein Film. Ein Plädoyer gegen den Krieg. Und für die Menschlichkeit.

Gestern Abend traf ich den Tod. Und ich traf die Auferstehung. Die Auferstehung gewissermaßen des Menschlichen in einer Zeit, in der die Menschen unter dem grausamen Regiment des Todes standen, der Hass die Herzen vergiftete, weil Schmerz und Demütigung nichts anderes zuließen. Die Auferstehung des Menschlichen aber auch in einer Zeit, gut 100 Jahre später, in der Hass und Überlegenheitsdünkel erneut um sich greifen und vermeintlich Gedemütigte in den ach so warmen Schoß eines übersteigerten Nationalgefühls flüchten, nach Schuldigen suchen für vermeintliche Missstände und selbst richten wollen. Frantz – Ein Film. Ein Plädoyer gegen den Krieg. Und für die Menschlichkeit. weiterlesen

Raoul Wallenberg – Wer tötete den Judenretter von Ungarn?

Der Tod des schwedischen Diplomaten vor rund 70 Jahren ist bis heute ein Mysterium. 1912 als Sohn eines Marineoffiziers und einer Mutter mit jüdischen Vorfahren geboren, nutzte der junge Legationsrat Wallenberg während des Zweiten Weltkrieges ab Sommer 1944 in Ungarn seine Stellung, um Tausende jüdische Bürger vor der Ermordung in NS-Vernichtungslagern zu retten. Zwischen Österreich und  Ungarn – während des Krieges mit Deutschland verbündet – verlief später die Grenze zwischen sowjetischem und westalliiertem Einflussgebiet. Ungarn geriet noch vor dem Kriegsende 1945 unter sowjetische Kontrolle und wurde später Teil des Ostblocks. Der aus höchsten Kreisen der schwedischen Gesellschaft stammende Wallenberg und dessen Tun in einem Gebiet, das der sowjetische Diktator Josef Stalin nach dem Beginn der Besatzung am 16. Januar 1945 für sich beanspruchte, gerieten alsbald ins Visier des NKWD – des Kommissariats für innere Angelegenheit der SU, einem Vorläufer des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Raoul Wallenberg – Wer tötete den Judenretter von Ungarn? weiterlesen

Zur Sprache der Beiträge.

Aus aktuellem Anlass möchte ich darauf hinweisen, dass in diesem Blog lediglich Einträge in deutscher oder englischer Sprache veröffentlicht werden. Das geschieht zum einen, um Beiträge vor Veröffentlichung zureichend auf schädliche oder werbliche (Spam) Inhalte überprüfen zu können und zum anderen im Interesse der Verständlichkeit für andere Nutzer. Da die meisten Besucher dieser Seite aus dem deutschsprachigen Raum kommen, wird die „Amtssprache“ der Kurilka entsprechend Deutsch sein. Englische Beiträge werden ebenso akzeptiert, da vorausgesetzt wird, dass die englische Sprache in vielen Ländern dieser Welt verstanden und auch zumindest ansatzweise gesprochen wird.
Danke für euer Verständnis.

Dear user. Please note, that the official language of this blog is German. This is, since most of the Readers are from german-speaking countries. As most people in the western world speak and understand the english language, I will accept comments in English also. Thank you very much for your appreciation.

Schlag ins Wasser.

Quelle: YouTube, Jibi / Kritik-Satire

Update:
Das ging flott: „anonymous“ ist  erwartungsgemäß wieder am Start – allerdings nicht mehr auf Facebook, sondern auf dem russischsprachigen Zwilling „vkontakte“. Logisch: Wo geht man hin, wenn man mit seiner Hetze im eigenen Land nicht mehr willkommen ist? Richtig! Nach Russland. Dort ist man ein straffes Regiment gegen Minderheiten  und das Recht des Stärkeren gewohnt – und letztlich findet man dort auch viele Freunde im Geiste, wenn’s gegen Deutschland, den Westen, Toleranz und vorwärtsgewandte Gesellschaftsmodelle geht.
Und weil das noch nicht genug ist, überschwemmen die Rassisten um Mario R. aus Erfurt Deutschland nun gleich über ein eigenes „Nachrichtenportal“ mit ihrem verbalen Giftmüll. Journalistisch absolut unterirdisch, jedes zweite Wort irgendeine zur Lüge aufgeblasene Halbwahrheit, Dämonisierung oder Verzerrung. Mit Pseudo-Artikeln zu vorgeblich harmlosen Themen wie Gesundheit, um den Eindruck eines breiten Themenspektrums zu erwecken, wie es sich ja für ein seriöses Nachrichtenportal gehörte. Doch schon zwei Klicks weiter wird klar: Alles nur Mache. So sind die beiden bislang veröffentlichten Gesundheitsartikel völlig wahllos platziert und – das Beste – einfach aus der Wikipedia abgeschrieben, die Fotos aus dem Internet geklaut. Bloß keine Recherche! Wer sich SO WAS freiwillig antut, der hat es auch nicht besser verdient.

Dass hier zudem eine enge Kooperation mit russischen Partnern besteht, zeigen nicht zuletzt die Werbebanner auf der Seite, die auf russische Seiten verlinken, auf denen unter anderem Schusswaffen angeboten werden – zur „Selbstverteidigung“, versteht sich. Inhaltliche Beiträge werden vorrangig von RT Deutsch, dem russischen Propagandasprachrohr in Deutschland, übernommen. Unterm Strich kommt man mal wieder zu dem Schluss: Russland unterstützt massiv Spaltungsaktivitäten in Deutschland, mit Geld, Ressourcen und Propagandamaterial.

Insgesamt wundert es mich, dass hier keiner rechtliche Schritte ergreift. Angriffspunkte gäbe es zur Genüge – vom Urheberrechtsmissbrauch bis hin zu Volksverhetzung und Anstiftung zu Straftaten.

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Originalbeitrag:

Mit „Anonymous“ ist eine der schlimmsten Hetzseiten auf Facebook seit Samstag tot. Das meldet heute zumindest die Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung. Auf Facebook ist die Seite auch heute noch nicht wieder abrufbar. Doch was ist das Kaltstellen dieser Seite wirklich wert?
Meiner Ansicht nach ist es gut, dass sie weg ist. Aber man sollte nicht dem Glauben verfallen, dass hier ein echter Schlag gegen Menschenfeindlichkeit und Rassismus gelungen wäre. Auf diese Idee mag man fast kommen, glaubt man etwa dem Magazin „Focus“, das „Anonymous“ gar als „Deutschlands größte Hetzseite“ förmlich adelte. Ja, „Anonymous“ – übrigens nicht zu verwechseln mit der weltweit organisierten gleichnamigen Hacker-Bewegung , deren Identität hier offenbar rechtsextreme Elemente für ihre Zwecke kaperten – hatte über zwei Millionen Fans. Doch bei Weitem nicht alle kamen aus Deutschland, zigtausende allein aus der Schweiz. Und nur allzu oft steckten dahinter auch Betreiber anderer Hetzseiten, die so teilweise mit mehreren Accounts und Identitäten am Start waren. Wie clevere Rechercheure zudem schon vor Langem aufdeckten, sind die meisten Likes zudem offenbar gekauft – von Mario R. aus Erfurt, dem letzten Admin der Seite. Sein IT-Unternehmen verdient nämlich unter anderem auch damit sein Geld.

Die Fakeseite „Anonymous/Kollektiv“ als „Deutschlands größte Hetzseite“ zu bezeichnen, halte ich vor diesem Hintergrund für gewagt. Zumal es suggeriert, dass mit ihrer Abschaltung ein gewaltiger Schlag gegen deutschsprachige menschenfeindliche Hetze im Internet gelungen sein muss. Sicher hat hier offenbar die Bundesregierung hart mit Facebook gerungen, damit dieses digitale Armutszeugnis für unser Land endlich verschwindet. Doch an anderer, viel gefährlicherer Stelle schaut man weiter tapfer weg. Die definitiv größte Gefahr in Sachen Hetze und Herausbildung rechtsradikaler Internet-Subkulturen stellt nämlich nicht eine Facebook-Seite dar, die die meisten ihrer Likes sehr wahrscheinlich aus der Retorte hat. Die eigentliche Wiege dieser Hetze steht ganz woanders – und das bis heute.

Politically Incorrect – rund 250000 Zugriffe pro Tag

Bereits seit 2004 wurde auf dem von Stefan Herre gegründeten Hetzportal „Politically Incorrect“ der Nährboden bereitet, auf dem sich diese neue Form von Menschenfeindlichkeit und Rassismus kultivieren konnte, die heute in Form von AfD und Pegida in voller Blüte steht. Gehetzt wird dort bis heute – und das mit Hunderttausenden Abrufen pro Tag. Laut Alexa-Internet-Dienst waren es 2011 bis zu 60.000, PI damit eine der 1000 meistgelesensten deutschen Internetseiten. Pegida und die damit einhergehende zunehmende Etablierung rassistischer Grundüberzeugung in unserer Gesellschaft wirkten wie ein Lebenselixier für die Statistik des Hetzblogs. Im April 2016 rühmte sich PI denn auch bereits mit rund 100.000 Besuchern und knapp 250.000  Seitenaufrufen pro Tag.

Aus PI formierten sich die sogenannten „Pro“-Bewegungen, die schließlich sogar in die Gründung der rechtsextremen und islamfeindlichen Partei „Pro Deutschland“ mündeten. PI wurde zur Plattform für Hassprediger wie Udo Ulfkotte, Akif Pirinci und andere, die Islamfeindlichkeit und Ausländerhass zum gesellschaftlichen Trend machten. Die Seite wurde zum öffentlichen und quasi-legalen Sammelbecken für all jene, die ihre fragwürdigen Ansichten bis dato im Verborgenen gepflegt hatten. Viele Jahre lang ließen Bundesregierung und Verfassungsschutz die Macher der Seite gewähren – obgleich für jeden ersichtlich war, welch geistiges Brandstiftertum sich da auf den Weg machte und wohin dies langsam aber sicher führte. Irgendwann schaute der Verfassungsschutz dann doch mal genauer hin, was zur Folge hatte, dass die Seite auf ausländische Server umzog. Aber es ist ja nicht so, dass man dagegen nun völlig machtlos wäre, das hat letztlich ja auch der Druck der Bundesregierung auf Facebook gezeigt.

Damit dürfte klar sein: Das Abschalten einer einzigen Seite, die ich persönlich im Gesamtkontext eher als kleinen Fisch einstufen würde, dürfte wirkungslos sein im Kampf gegen die Verbreitung solch gefährlicher Gesinnungen über das Internet. Der Zeitpunkt, wirksam gegenzusteuern, wurde verschlafen. Und im Grunde schläft man noch immer. Noch immer wird nichts unternommen, den Aufbau extremistisch-revolutionärer Strömungen über das Internet zu unterbinden oder aber zumindest zu erschweren. Wo wir wieder bei der Forderung nach einem eigenen Ministerium für Internetfragen wären, die ich hier schon vor Jahren aufgeworfen hatte. Die Gefahr, die vom Internet für die bestehende Ordnung ausgeht, ist den Damen und Herren in Bundestag und Regierung aber offenbar immer noch nicht aufgegangen. Selbst der Fall Anders Brejvik hat die Augen nicht öffnen können. Und die Medien thematisieren diese Gefahr nicht, was eigentlich fast das schlimmere Übel ist, denn sie sollen ja gerade das lebendige Korrektiv sein und damit Einfluss nehmen, statt unter Einfluss zu stehen.

Ein Abschied.

Alaunplatz im Sommer. Foto: J. Jannke
Alaunplatz im Sommer. Foto: J. Jannke

Abschiedsstimmung. Nach zuletzt ununterbrochen elf und insgesamt fast 25 Jahren und damit zwei Dritteln meines Lebens, die ich hier in der Dresdner Neustadt gelebt habe, kehre ich meinem Viertel den Rücken. Es erfüllt mich nicht mit Wehmut oder Trennungsschmerz. Diese Phase ist überwunden. Ich ziehe weg – der Entschluss steht fest. Die Wohnungssuche läuft schon eine Weile. Die neue Bleibe soll nicht nur ein windiger Kompromiss sein. Doch wie lange es auch noch dauern mag: Meine Tage als Neustädter sind sicher gezählt.
Der physische Abschied in Form des Wegzuges ist reine Formsache. Es war der innere Abschied, der lange dauerte und sich als äußerst schmerzhafter Prozess erwies. Fast auf den Tag genau vor fünf Jahren schon schrieb ich, damals noch im ArtUndWiese-Blog, über das Viertel, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin:

Das Leben ist hektisch geworden, hektisch, anonym, eng und wenig gemeinschaftlich – zumindest, wenn man unter „gemeinschaftlich“ etwas anderes versteht, als sich allabendlich mit seinen Saufkumpanen an der „Assi-Ecke“ Louise/Rothi/Görli zu treffen, den ganzen Weg zu blockieren und das Gedrängel zu nutzen, um Mädels anzumachen, die einfach nur an diesem Nadelöhr vorbeiwollen.

Fünf Jahre später hat sich vieles gehalten, einiges ist anders, aber keinesfalls besser. Im Gegenteil: In den letzten Jahren hat die Äußere Neustadt ihre Entwicklung hin zum übervölkerten, durchgehend versiegelten Wohngetto mit höchstem Lärm-, Schmutz- und Stressfaktor beinahe vollendet. Auf der Kamenzer und der Förstereistraße werden gerade zwei der letzten noch nicht mit Neubauten vollgestopften Brachen zugebaut. Auf der Förstereistraße ist der neue Glas-/Betonpalast mit exklusiven (und vor allem teuren) Luxuswohnungen fast fertig. Monatelang hat die Baustelle den Verkehr behindert und ohnehin knappe Parkplätze gefressen. Vor ein paar Wochen ging es an der Kamenzer kurz vor der Ecke Louisenstraße los, und auch in der Louisenstaße muss gegenüber der Feuerwache eine letzte Brache weichen. Der neue „Campus“ vor der Scheune ist so furchtbar hässlich und steril, dass es einem fast das Herz rausreißt.

Beinahe unerträglich auch die Entwicklung oberhalb des Alaunplatzes, entlang der Tannen- und Hans-Oster-Straße, der sogenannten „Oberen Neustadt“. Was hier seit 2010 geschieht, grenzt an ein städtebauliches Verbrechen und eine optische Vergewaltigung. Binnen sechs Jahren ist ein tristes, gleichförmiges, plump und absolut unästhetisch wirkendes Beton-Getto entstanden, bei dessen Anblick einem das pure Grauen kommt. Jedweder Individualismus und Anspruch an möglichst „artgerechtes“ städtisches Wohnen wurde hier zugunsten der gewinnversprechenden Schaffung möglichst zahlreichen neuen Wohnraumes über Bord geworfen. Wann immer ich hier langgehe, wünsche ich mir fast schon die Russenkasernen zurück, die hier einst standen. Selbst da gab es noch mehr Grün und noch mehr Ursprünglichkeit an diesem Ort. Ich kann nicht verstehen, dass Menschen allen Ernstes Hunderttausende von Euro auszugeben bereit sind, um am Ende in solch einem sterilen und ausgesprochen anonymen Silo zu wohnen. Und ein Ende dieser Verschandelung und schrittweisen Versiegelung meiner Neustadt in diesem ökologisch sensiblen Gebiet am Übergang zur Dresdner Heide ist längst nicht in Sicht: Der 3. Bauabschnitt läuft, und die Betonfront zwischen Alaunplatz und Heide wächst. Und doch ist dieses gigantische für die Gesamtentwicklung der Äußeren Neustadt symptomatische Projekt irgendwie schon fast wieder konsequent.

Warum Wohnraum hier immer noch so gefragt ist, erschließt sich mir nicht. Die Neustadt ist laut, dreckig, teuer, dennoch übervölkert und dadurch mittlerweile kaum noch grün oder gar idyllisch. Trotzdem scheint es irgendwie „hip“, hier zu wohnen. Seinen Latte Macchiato im Staub am Straßenrand inmitten von Trauben von Fußgängern und Radfahrern zu trinken, morgens durch vollgepullerte Hauseingänge zu laufen und vor der Haustür in Hundehaufen und Dönerleichen zu treten. Offenbar verströmt die Aussicht darauf, nachts vor lauter Krawall in den kneipengesäumten Straßen und Biergärten nicht schlafen zu können oder abends ab 7 wegen all der Essens- und Partygäste trotz Anwohnerausweises zwischen Bautzner, Königsbrücker, Prießnitz und Bischofsweg keinen Parkplatz mehr zu finden, für viele doch einen besonderen Reiz. Die Nachfrage ist so groß, dass selbst alte abgewohnte Buden ohne jeden Reiz für 9 Euro kalt pro Quadratmeter weggehen.

Mich als „Alteingesessene“, die die Flucht aus diesem Viertel während der 80er-Jahre und die damit einhergehende Entvölkerung miterlebte, hat diese Entwicklung mehr und mehr entfremdet. Ich sage es ganz ehrlich: Hier zu wohnen ist zur Qual geworden. Selbst jetzt, an einem Samstagmittag, herrscht draußen trotz Lage im Hinterhaus keine Ruhe. Auf dem Spielplatz zwei Häuser weiter kreischen die Kinder (und das sollen sie auch dürfen), unter dem Balkon bläst und rotiert geräuschvoll die vor ein paar Jahren aufgemotzte Klimaanlage des Restaurants im Vorderhaus nebenan. Irgendwo saugt jemand. Wenn der fertig ist, wird irgendein anderer im Block laut Musik anstellen, Löcher in Wände bohren, öffentlich schief singen und Gitarre spielen oder sich angeregt unterhalten. Niemals ist man hier für sich. Beim Frühstück auf dem Balkon hat man das Gefühl, von Dutzenden Augenpaaren hinter Gardinen und Jalousien im Vorderhaus beobachtet zu werden. Der Blick aus dem Fenster fällt auf die schmucklose Rückfront des Vorderhauses, keine 20 Meter entfernt. Und doch könnte man hier, am „Assi-Eck“, im Vorderhaus gar nicht wohnen.

Ehe hier der Eindruck entsteht, ich sei ein eigenbrötlerischer Soziopath – ich mag das quirlige leben in der Neustadt durchaus, sonst hätte ich nicht so lange hier gewohnt. Auch ich gehe gerne mal in die Kneipe, setze mich in den Biergarten oder mit Freunden in den Hof zum Grillen. Ich mag auch das vielfältige kulturelle Angebot hier. Aber ich möchte selbst entscheiden können, WANN ich das tue oder nutze. Wenn man in der Neustadt wohnt, hat man aber allzu oft gar keine Wahl. Wenn draußen, in der Disco oder in der WG nebenan gefeiert wird, dann muss man eben mitfeiern oder man sitzt schlaflos auf der Bettkante und beißt sich in die Faust. Friss oder stirb. Und Leute, die gern die Sau rauslassen, trifft man nun mal in der Neustadt überdurchschnittlich häufig an. Leute, die nicht hier mittendrin wohnen, sondern nur gerne nach Feierabend zum Chillen oder am Wochenende zum Ausgehen hierherkommen, können solch eine Denkweise oft nicht nachvollziehen. Ist doch alles super toll in der Neuse, die Biergärten und die Innenhöfe sind doch schön grün, und dann noch der Alaunplatz… und überhaupt, ist die Neustadt doch nun mal ein Partyviertel.

Fast 300 Jahre lang war die Äußere Neustadt ein reines Arbeiterwohnviertel. zum Vergnügungsviertel mutierte es dagegen erst in den letzten 15 bis 20 Jahren und das unter zunehmender Ausgrenzung der nach wie vor hier wohnhaften Bevölkerung. Nicht mehr sie bestimmt das sich ansiedelnde Gewerbe, sondern umgekehrt. Das Gewerbe entscheidet über das Klientel, das hierherkommt und auch -zieht. In den letzten sechs, sieben Jahren habe ich dreimal gegen permanente nächtliche Ruhestörung in bzw. im direkten Umfeld meines Wohnhauses ankämpfen müssen. Immer ging das Ganze von jemand anderem aus. Einmal war’s die Disco, die ohne Genehmigung einen überirdischen Dancefloor eingebaut hatte, der dreimal wöchentlich nachts die Wände wackeln ließ. Ein andermal der Typ über mir, der jede Nacht bei voller Lautstärke Egoshooter zockte. Nun sind es die Mieter unter mir, die nachts von Arbeit heimkommen und Remmidemmi machen. Irgendwann hat man’s einfach nur noch satt.

Leben in der Neustadt heißt heute eigentlich leben im permanenten Ausnahmezustand. Allgemein anerkannte Regeln sind hier allzu oft nichts wert. Wer meckert, hupt oder nachts schlafen will, ist ein Spießer und gehört nicht dazu. Wer Anwohner-Parkzonen fordert, hat ruckzuck die Gastronomen zum Feind. Aber wehe, man wagt es, sich zur BRN an den falschen Biertisch vor dem falschen Lokal zu setzen – da wird dann vehement auf das Einhalten von Regeln gepocht. Die Neustadt ist für mich zum Inbegriff eines verlogenen und fast schon künstlich kultivierten Lifestyles geworden: Mit der vermeintlichen kulturellen Vielfalt und Offenheit macht man glänzende Profite, aber im Grunde halten viele hier von alledem eigentlich gar nichts, sobald es über die eigene Freiheit hinausgeht. Ich werfe gewiss nicht alle in einen Topf. Das wäre vermessen und ungerecht. Es gibt sie, die Kümmerer, die Aktiven und Kreativen, die dazu beitragen, dass dieses Viertel zumindest streckenweise seinen Charme behält. Aber sie treten zurück hinter die Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren hier gemacht habe. Freunde und Bekannte, die früher hier wohnten, sind längst weggezogen. Sicher auch, weil man einfach älter wird und insbesondere die Toleranzschwelle bezüglich Lärm, Dreck und ungehobeltem Benehmen sinkt.

Nun folge ich diesem Beispiel. Der bloße Gedanke daran, künftig in einem Haus am Stadtrand, mit gewachsener Mieterstruktur und geringer Fluktuation, guter Luft, viel Grün ringsherum und ohne Disco und Biergärten direkt nebenan zu wohnen, lässt mich aufatmen.
Wegziehen heißt ja nicht nicht wiederkommen. Ich werde gern ab und zu zurückkehren – wenn mir nach Feiern, Trubel, Alternativem und Verrücktem ist. In der Neustadt stand meine Wiege, hier wird immer meine Heimat sein. Aber wenn die Heimat beginnt, einem nicht mehr gutzutun, einen auffrisst, dann sollte man auf gesunde Distanz gehen.

Blumen für einen Fremden.

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Für Karl vom Wege. Meinen Großvater, der am morgigen 15. Mai 100 Jahre alt geworden wäre.

Gekannt habe ich dich nur aus den Geschichten, die mir meine Mutter erzählte. Groß, stattlich, streng, aber liebevoll sollst du gewesen sein. Ganz so, wie man sich seinen Opa wünscht. Ich hatte nie einen. Wärest du mir einer gewesen? Kennenlernen durfte ich dich nicht. Zehn Jahre, bevor ich das Licht der Welt erblickte, verließest du sie schon wieder, mit gerade mal 53. Schmerzliche Lücken hast du hinterlassen, Narben. Bis heute. Dein furchtbarer Tod ist für mich bis heute ein ebensolches Mysterium wie deine Persönlichkeit. Ähnlich soll ich dir sein, sagt man. Weniger äußerlich, mehr innerlich. Und doch weiß ich nicht, ob mich das freuen soll. Wer warst du? Der Polizist? Der Parteigänger, der es bis in höchste politische Kreise des SED-Regimes schaffte? Oder doch der Idealist, der Träumer, der Visionär, der irgendwann erkannte, in welche finsteren Abgründe der Traum von Gleichheit und Gerechtigkeit im realen Sozialismus abgeglitten war?
Eines Tages werde ich die Wahrheit kennen. Wenn auch noch so viele Spuren verwischt sind.
Flieder, heißt es, waren deine Lieblingsblumen. Immer an deinem Geburtstag begann er zu blühen. Es ist ein gutes Jahr. Seit Langem eines, in dem der Flieder an deinem Geburtstag nicht fast schon wieder verblüht ist. Die Welt hat sich weitergedreht.