(S)tierquälerei in Spanien: Von „rücksichtslosen Kampfbullen“ und unbelehrbaren Tierschindern

Die Masse hetzt die Stiere und Bullen durch die engen Gassen der Altstadt von Pamplona. Foto Globovision Flickr cc by-nc2.0
Die Masse hetzt die Stiere und Bullen durch die engen Gassen der Altstadt von Pamplona. Foto Globovision Flickr cc by-nc2.0

Ob Stierkämpfe in der Arena oder die grausame Hatz durch die Straßen der nordspanischen Stadt Pamplona, die dieser Tage wieder über die Bühne geht: Es ist ein grausiges „Vergnügen“, das Menschen sich da auf Kosten unschuldiger Tiere bereiten. In der Arena werden die Stiere regelrecht zu Tode gequält, malträtiert mit eisernen Haken, Holzlatten, Lanzen und Dolchen – bis zum Todesstoß, den ihnen ein Mann versetzt, der nach außen herausgeputzt ist wie ein Pfau, während sein Inneres verrottet ist wie ein wurmstichiger Apfel. Durch die Straßen von Pamplona werden sie gehetzt – gegen ihren Willen und aufgestachelt von Tausenden adrenalingeilen Volltrotteln, die sie piesacken und mit Tüchern und Steinwürfen provozieren. Und am Ende steht auch hier der bestialische Tod in der Arena. (S)tierquälerei in Spanien: Von „rücksichtslosen Kampfbullen“ und unbelehrbaren Tierschindern weiterlesen

Frantz – Ein Film. Ein Plädoyer gegen den Krieg. Und für die Menschlichkeit.

Gestern Abend traf ich den Tod. Und ich traf die Auferstehung. Die Auferstehung gewissermaßen des Menschlichen in einer Zeit, in der die Menschen unter dem grausamen Regiment des Todes standen, der Hass die Herzen vergiftete, weil Schmerz und Demütigung nichts anderes zuließen. Die Auferstehung des Menschlichen aber auch in einer Zeit, gut 100 Jahre später, in der Hass und Überlegenheitsdünkel erneut um sich greifen und vermeintlich Gedemütigte in den ach so warmen Schoß eines übersteigerten Nationalgefühls flüchten, nach Schuldigen suchen für vermeintliche Missstände und selbst richten wollen. Frantz – Ein Film. Ein Plädoyer gegen den Krieg. Und für die Menschlichkeit. weiterlesen

Böhmermann vs. Blödmann oder die Sache mit dem Schmähgedicht

Was darf Satire? Nicht wenige würden hier wie aus der Pistole geschossen mit „alles“ antworten. Warum eigentlich? Ganz einfach: Es passt, es klingt so herrlich rebellisch, man braucht nicht weiter nachzudenken. Der Fall Jan Böhmermann, der mit seinem „Schmähgedicht“ den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan satirisch abstrafen wollte, hat die Frage danach, wo Satire beginnt und wo sie endet, erneut aufgeworfen. Jeder Versuch einer Antwort oder Klärung muss sich aber zunächst mal der Frage widmen, was unter Satire eigentlich ursprünglich verstanden wurde und bis heute gemeinhin zu verstehen ist.

Der Journalist Ralf Heimann hat sich mit dieser Frage für das Journalisten-Portal newsroom.de befasst. Satire, so Heimann, müsse vor allem eines: treffen. Tatsächlich? Nun, getroffen hat Böhmermann den türkischen Präsidenten ohne Frage. Doch ist das wirklich der einzige oder auch nur der hauptsächliche (wie Heimann meint) Sinn und Zweck von Satire? Ich würde dem nicht zustimmen wollen, und sogar noch weiter gehen: Diese These ist in ihrer Banalität unhaltbar.

Die feinste Satire ist unstreitig die, deren Spott mit so wenig Bosheit, und so vieler Überzeugung verbunden ist, daß er selbst diejenigen zum Lächeln nötigt, die er trifft.

Das sagte vor rund 250 Jahren der bekannte deutsche Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg über das Wesen der Satire. Und genau das macht den Unterschied zwischen Satire und plumper Beleidigung: Sie trifft, ja! Aber sie trifft – wenn sie gut gemacht ist – nicht die persönliche Ehre eines Menschen, sondern seine tatsächlichen Defizite innerhalb der jeweiligen gesellschaftlichen Funktion, die er ausübt. Denn Zweck der Satire ist es eben nicht einfach nur, zu treffen. Das würde auch mit einer einfachen Beleidigung oder Verleumdung erreicht. Satire muss von Letzterer klar abzugrenzen sein und ist es auch. Satire hat stets auch den edlen Anspruch,  unschöne Wahrheiten aufzeigen, thematisieren, anprangern und dadurch bessern zu wollen. So gesehen hat Satire immer auch einen pädagogischen Auftrag. Kurt Tucholsky hat das einst sehr gut auf den Punkt gebracht:

Satire hat eine Grenze nach oben: Buddha entzieht sich ihr. Satire hat auch eine Grenze nach unten. In Deutschland etwa die herrschenden faschistischen Mächte. Es lohnt nicht – so tief kann man nicht schießen.

Recht hat er. Jan Böhmermann hat mit seinem Schmähgedicht klar zu tief geschossen. Man muss kein erklärter Erdogan-Fan sein, um das festzustellen. Dazu muss man sich selbst einfach nur an die Stelle Erdogans denken und überlegen, wie man selbst reagieren würde, wenn so etwas zur besten Sendezeit im TV über einen gesagt würde. Satire ist das nicht, stattdessen müssen dem Moderator schlicht und ergreifend im allgemeinen Hype um Erdogans Versuche, die deutsche Pressefreiheit zu untergraben, sämtliche Gäule durchgegangen sein. Einem Dritten in aller Öffentlichkeit „Schrumpelklöten“, die „schlimm nach Döner“ stänken, und einen „Kopf so leer wie seine Eier“ attestieren – lieber Böhmermann, das darf in Deutschland auch ein Journalist nicht einfach so, auch nicht nur mal bloß so zum Spaß. Und ich wüsste nicht, seit wann solche – noch nicht mal künstlerisch irgendwie originellen oder wertvollen – Entgleisungen von der Pressefreiheit gedeckt wären. Wenn ich den Bürgermeister von xyz in einem Artikel so karikieren würde, weil er meiner Ansicht nach die örtliche Presse nicht gebührend respektiert, könnte ich das dreimal als Satire kennzeichnen – ich hätte eine dicke Anzeige am Hintern kleben und wäre vermutlich auch meinen Job los. Und das zu Recht. Satire darf eben nicht alles. Das heißt: Mancher mag diese Auffassung vertreten und darf natürlich auch danach handeln – er muss aber auch die Konsequenzen tragen können. Schon unser Grundgesetz stellt der Freiheit von Presse und Kunst die Persönlichkeitsrechte jedes Einzelnen als gleichrangig anbei. So wie Satiriker nach Herzenslust Satire be- und übertreiben können, darf das Opfer dieser Schmähungen nach Herzenslust klagen, sobald es sich als Person verunglimpft sieht. Daraus ergibt sich in logischer Konsequenz, dass auch die Pressefreiheit ihre Grenzen hat – nämlich dort, wo meine satirischen Verrenkungen einen Dritten auf eine Weise treffen, die weder einen Sinn hat noch wahre Tatsachen oder Missstände anspricht, sondern schlicht und ergreifend eigene Eitelkeiten bedienen soll – und dabei in all ihrer Unappetitlichkeit Selbstherrlichkeit und Selbstüberschätzung des Urhebers erkennen lässt. Mich auf einen Marktplatz zu stellen und irgendeinem Politiker (den ich übrigens durchaus aus vielen ehrbaren und nachvollziehbaren Gründen verachten kann) zu attestieren, er sei wegen diesem oder jenem ein Arschloch mit stinkenden Klöten und hohler Birne, macht mich nicht zum Satiriker. Das Geheimnis gelungener Satire liegt vielmehr darin, einen Weg jenseits der Rechtswidrigkeit zu finden, um Spott und Hohn über den Umweg der Karikatur über dem auszuschütten, der sie verdient.

Um das noch mal klar zu sagen: Ich habe den extra-3-Clip über Erdogan genossen, denn ER ist unzweifelhaft Satire. Er spricht reale Missstände des Regimes Erdogan an, überspitzt, polemisiert, pointiert. Herrlich! Nichts hat ein selbstherrlicher Sonnenkönig wie Erdogan mehr verdient. Doch was Böhmermann geliefert hat – das ist einfach nur sehr sehr dumm gewesen. Denn sein „Gedicht“ verrät mehr über ihn selbst als über den, den es adressieren sollte.

Nichtsdestoweniger hat mich die lasche Positionierung von Kanzlerin Angela Merkel in der Kontroverse um die Pressefreiheit enttäuscht. Nach meinem Ermessen hätte es hier eine klare Ansage gebraucht:

1. Satire wie der Exra-3-Clip sind klar von der Pressefreiheit gedeckt, die in Deutschland unanfechtbare Rechtsgrundlage ist.

2. Persönlich herabwürdigende Entgleisungen auf Pennälerniveau wie die von Jan Böhmermann fallen nicht unter die Presse- oder künstlerische Freiheit.

3. Ein Staatschef eines fremden Landes hat der deutschen Kanzlerin nicht vorzuschreiben, wie sie auf solch einen Vorfall zu reagieren hat, und schon gar nicht auf  einer bestimmten Bestrafung oder Konsequenz zu bestehen. Erdogan wollte diese Angelegenheit, die eigentlich nur ihn und die jeweiligen Journalisten betraf, zu einer politischen Sache machen und damit Druck ausüben. Und hier hätte die Kanzlerin unmissverständlich klar machen müssen, dass sie sich Derartiges verbittet.

 

 

Unter Sängern.

Es war am vergangenen Wochenende, als ich fast schon eine – zumindest habe ich es so empfunden – spirituelle Erfahrung machen durfte. Ich war elf, als ich das letzte Mal die Aula des  Uniklinikums in Dresden (damals noch Medizinische Akademie) betrat und den schweren Duft der alten Holztäfelung dort einatmete. Dort probte damals einmal die Woche der Kinder- und Jugendchor der Singakademie Dresden, in dem ich seit 1986 Mitglied war. Ich ging im Zorn, denn das Chorleben glich damals aufgrund der Wende-Wirren nur noch einem einzigen Chaos, die Proben eher dem Drill auf dem Exerzierplatz.

Vor einem Monat, ein gutes Vierteljahrhundert später, habe ich diese verschütteten Fäden meiner Jugend wiederaufgenommen – und bin dem Neuen Chor Dresden beigetreten, der übrigens nach wie vor neue Mitglieder sucht. Wieder proben wir in einer herrlichen Aula, mit einer Decke, die mindestens fünf Meter hoch und mit prächtigen Stuckelementen verziert ist. Sogar eine kleine Orgel und einen Rang haben sie dort im Gymnasium Dresden Plauen. Jedoch: Mein Rückstand ist groß, es gilt, eine Menge bislang unbekanntes Repertoire einzustudieren, die Stimmbänder wieder zu schmieren. Also heißt es: üben, üben, üben. Täglich malträtiere ich nun die Nachbarn mit meinen Arien. Und weil ich deshalb schon ein schlechtes Gewissen habe, kam mir der Gedanke der Freiluft-Probe. So packte ich kurzentschlossen meine Noten und meine Stimme ein und zog hinaus in die fast menschenleeren Weiten der Königsbrücker Heide hinter Röhrsdorf.

Dort auf einem mit Birken und Kiefern bewachsenen Plateau, das der sowjetischen Armee einst als Übungsgelände gedient hatte, schlug ich meine Zelte auf. Um mich herum nichts als Stille. Nur ein paar Krähen und ein leises, undefinierbares Piepen waren ab und an zu hören, und das Knarzen der Bäume im schwachen Lüftchen. Von meinem Plateau schaute ich hinunter auf das wellige, karg bewachsene Land, auf dem hier und da noch verrostende Geschosshülsen aus alten Tagen liegen. Ein bisschen fühlte ich mich wie auf einer Bühne, und da vor mir der Saal… wie lange ist das alles her.

Ich fing an zu singen. Erst ziemlich leise, verschämt. Dann lauter, kräftiger, mit mehr Selbstvertrauen sang ich meine Lieblingslieder von Händel, Mendelssohn-Bartoldy und anderen hinaus in die Natur. Nur für sie sang ich an diesem Nachmittag. Auch Stücke aus dem aktuellen Chorrepertoire. Bei Orffs „In Trutina“ muss es gewesen sein, dass ich plötzlich innehielt, irritiert von etwas, das mir aufgefallen war: Ich sang nicht mehr allein.

Um mich herum war die Heide irgendwie zum Leben erwacht. Wo vorher die Krähen leichtes Spiel gehabt hatten und kaum ein Vogel sonst zu hören gewesen war, hatte mit einem Male ein zaghaftes Zwitschern und Tirilieren angehoben. Und ich fragte mich: Kann das sein, dass sie mich, dieses flügellose, dürre Ding auf zwei Beinen, mit seinem unspektakulären Stimmchen, als einen von ihresgleichen ansahen? Dass sie sich von mir auf- oder auch herausgefordert sahen, aus der spätwinterlichen Starre zu erwachen und ihre eigenen Werke vorzutragen? So viel kulturelle Toleranz im Reich der Flattermänner? Ich war überwältigt. Ein paar Minuten lang kam kein Laut über meine Lippen mehr. Ich setzte mich in diesem vernarbten Land im Schneidersitz auf das junge Gras, und lauschte dem zarten, um so viel schöneren Echo, das zurückkam, und wurde eins mit ihnen und der Natur. Ein Moment wahrhaftiger Magie, der Interaktion, ohne Macht auszuüben, wie es der Mensch sonst so häufig tut.

 

Der zweite Streich der Amira Willighagen – wenig überzeugender Reality Check.

Mit „Merry Christmas“ legt Klassik-Prinzessin Amira Willighagen aus den Niederlanden bereits ihr zweites Album vor. Nach dem Debüt „Amira“ von 2014, mit dem die damals knapp Zehnjährige nach ihrem Talentshow-Sieg vom Dezember 2013 mit Gold durchstartete, wirkt der Zweitling deutlich gereifter – sowohl stimmlich als auch, was die Songauswahl betrifft. Letztere ist durchweg als wirklich gelungen zu loben: Herrschten auf dem Erstling noch vorrangig leichtere Kost in Gestalt häufig interpretierter und beinahe schon abgegriffener Arien wie „O Mio Babbino Caro“ oder „Nella Fantasia“ vor, wechseln sich auf „Merry Christmas“ Perlen klassischer Musik wie „Ave Verum Corpus“ (Mozart), „Panis Angelicus“ (Cesar Franck) oder „Nulla in Mundo Pax (sincere)“ (Vivaldi) mit selten zu Ehren gelangenden Stücken wie dem wunderschönen „Bist du bei mir“ von Gottfried Stölzel oder Pietro Mascagnis „Sancta Maria“ sowie internationalen Weihnachtsklassikern („O Holy Night“, Silent Night“) ab. Diese durchaus anspruchsvolle Mischung überraschte, und sie macht „Merry Christmas“ zu einer Platte, die zumindest vom Hörgefühl her tatsächlich gut in die besinnliche Jahreszeit passt. Dazu kommt, dass die Instrumentalisierung der Stücke durchweg ansprechend realisiert wurde. Die Tonqualität ist auch sehr gut. Volle Punktzahl gibt es deshalb für Liedauswahl und Arrangement von mir.

Bei allem Lob kommt nun aber das große Aber. So schön die Liedauswahl aufs Hören auch ist – sie hat auch ihre Tücken. So sind mir persönlich zu viele Stücke dabei, in denen es um Tod und Abschied geht – dabei ist Weihnachten ja eigentlich das Fest einer Geburt, also neuen Lebens. Und gerade solch schwermütiges Liedgut wie die Requiems oder Ave Verum Corpus möchte ich zudem eigentlich nicht aus dem Munde eines elfjährigen Kindes hören. Bestes Beispiel: der Stölzel. Text:

„Bist du bei mir, geh‘ ich mit Freuden zum Sterben und zu meiner Ruh‘. Ach, wie vergnügt wär so mein Ende, es drückten deine lieben Hände mir die getreuen Augen zu!“.

Man nenne mich altmodisch – aber ich wüsste einfach Besseres, über das Kinder singen könnten, als über das Sterben und „ihr Ende“.

Allzu oft überfordert zudem die anspruchsvolle Literatur die Fähigkeiten Willighagens spürbar. Und das ist auch der Grund, warum es keine Lobesarien mehr von mir gibt, so wie noch beim Debüt. Hat man einer Neunjährigen den einen oder anderen Wackler oder Defizite in Ausdruck und Aussprache noch augenzwinkernd verziehen und das tatsächlich enorme Talent des Kindes gepriesen, sind die Vorschusslorbeeren nun schlicht und ergreifend aufgebraucht. Dass sich diese Auffassung nun zunehmend auch im Laien-Publikum durchsetzt, zeigen die Verkaufswerte des Albums. Während das Debüt „Amira“ im vergangenen Jahr mit dem Sensationsgeheische der Talentshow direkt von null auf eins in den holländischen Albumcharts schoss, landete der Zweitling gerade mal auf Platz 69 und fiel schon in der zweiten Woche wieder komplett aus den Top 100 heraus.

Zweifellos ist Amira Willighagen knapp zwei Jahre später für ihr Alter immer noch ein großes Talent, das vielversprechende stimmliche Ansätze mitbringt. Dabei bleibt es dann aber vorerst auch. Hier wird dann doch sehr deutlich, dass die Opernbühnen dieser Welt nicht umsonst von wahrhaftigen Persönlichkeiten bevölkert werden. Um etwa eine Arie wie „Panis Angelicus“ so zu singen, dass sie eben nicht wie ein Kinderlied klingt, sondern wie die ergreifende Hymne, als die sie von Cesar Franck einst konzipiert wurde, braucht es Reife – sowohl stimmlich als auch persönlich. Es macht einen großen Unterschied, ob ich ein Lied in wenigen Wochen vor der Studioaufnahme auswendig lerne, oder ob ich in der Lage bin, mich voll und ganz darauf einzulassen, hineinzudenken und -zufühlen. Wenn ich an „Panis Angelicus“ denke, dann habe ich Elisabeth Schwarzkopf oder – jüngeren Datums – Elina Garanca im Ohr. Und dagegen muss Amira Willighagens zwar durchaus hübsch anzuhörende, aber eben doch sehr glanzlose Version einfach verblassen.

Doch dies soll keineswegs ein Verriss werden. Angesichts ihres Alters ist die Leistung Willighagens immer noch außergewöhnlich zu nennen. Im Gegensatz zu manchen ihrer Live-Darbietungen ist auf „Merry Christmas“ zudem deutlich das Bemühen zu erkennen, die im letzten Jahr verstärkt zutage getretenen Defizite in Sachen Atemtechnik und Stimmsicherheit gerade in den sehr hohen und sehr tiefen Tonlagen zu minimieren. Dennoch bringt die Stückauswahl die junge Künstlerin an ihre (derzeitigen) Grenzen. Insbesondere in den Koloraturen (schnell aufeinanderfolgende Tonlagenwechsel), die häufig alles andere als sauber gesungen werden, werden ihre Schwächen offenbar. Besonders deutlich wird das in „Nulla in Mundo Pax (sincere)“. Auch fehlt es Willighagen noch immer an der Fähigkeit, die jeweiligen Stimmungslagen der Stücke zu transportieren. Hier ragt vor allem Vavilovs „Ave Maria“ negativ heraus, das viel zu schnell und ohne jede Regung durchgesungen wird, Willighagen zudem in den Höhen überfordert. Ebenfalls eher enttäuschend: ausgerechnet der Weihnachtsklassiker schlechtin, „Silent Night“. Hier hat man das Gefühl, dass der Interpretin die Bedeutung des Anlasses (Geburt des Heiland) entweder überhaupt nicht bewusst ist oder sie es aber nicht versteht, die damit für die Christenheit verbundene Gefühlswelt entsprechend in Gesang zu übersetzen. So hart es klingt – aber jede Version des Dresdner Kreuzchores würde ich mir lieber anhören.

Jetzt mag mancher sagen: Mein Gott, es ist halt noch ein Kind – mit Engelsstimme, die halt noch wachsen muss. Dem kann man jedoch ohne Weiteres entgegenhalten: Wenn das Kind dem gewählten Repertoire offensichtlich noch nicht gewachsen ist, muss man etwas am Repertoire ändern – so allerliebst beides auch ist. Genau an diesem Verständnis fehlt es dem Umfeld Willighagens aber offenbar. CD-Verkäufe und bezahlte Auftritte scheinen da wichtiger als diesem anspruchsvollen Repertoire und vor allem dem stetig wachsenden Auftrittspensum angepasster Gesangsunterricht. So wurde Willighagen lediglich im Zuge der Studioaufnahmen zum Album von einer professionellen Gesangslehrerin betreut, die auf klassischen Gesang spezialisiert ist – im Auftrag der Plattenfirma, die offenbar auf Nummer sicher gehen wollte. Sonst erhält die Elfjährige nach wie vor lediglich Unterstützung von einer Musikstudentin (23), die bereits die Studioaufnahmen zu Amiras erstem Album begleitete.

Und so hat man bei Willighagen ständig das Gefühl, als säße ein Traktorist am Steuer eines kostbaren Ferrari – sie weiß all ihr Potenzial ganz einfach noch immer nicht auszuschöpfen, weil ihr dazu das technische Rüstzeug, vor allem aber auch die Ausstrahlung fehlt. Eine schöne Stimme allein reicht eben nicht aus, man muss sie auch steuern und kontrollieren können. Und genau das erfordert jahrelanges Training. Klare Punktabzüge gibt es daher für die gesangliche Umsetzung der Stücke, ebenso wie für Ausdruck und Gefühl.
Es sind Defizite, die man ehrlicherweise anerkennen und würdigen muss, wenn man die darbgebotenen Stücke mit den Darbietungen der etablierten Klassikgrößen vergleicht. Wer sie leugnet, tut Amira Willighagen keinen Gefallen, sondern bedient stattdessen eigene Eitelkeiten. Und an diesem Vergleich wird sie auch in Zukunft nicht vorbeikommen: Wer sich mit dieser Art Repertoire in die Öffentlichkeit begibt, muss ihm standhalten können.

Dennoch tut die junge Künstlerin auf „Merry Christmas“ ihr Möglichstes und liefert am Ende auch ein durchaus schön anzuhörendes Werk ab, das für Entzücken unterm Weihnachtsbaum sorgen wird. Wer besonders schöne Kinderstimmen mag, wird hier glücklich werden. Nur von einer Vorstellung muss man sich wohl definitiv verabschieden: Amira Willighagen sei der kommende Opernstar oder gar schon die neue Maria Callas oder Anna Netrebko. Wer sich nicht sicher ist, ob er die CD kaufen möchte – auf Spotify (dort kann man sich z.B. über seinen facebook-Account ganz leicht anmelden) kann man sich das gesamte Album kostenfrei anhören und dann seine Entscheidung treffen, ob sich der Kauf lohnt.

Im selben Wortlaut am 21. November 2015 auf Amazon veröffentlicht.

Engel mit gebrochenem Flügel? Amira Willighagen, die Oper und der betäubende Duft des Ruhms.

Aktualisiert am 26. November 2015.

Meine Heimatregion Sachsen ist bekanntlich ja der Ort, wo die schönen Mädchen auf den Bäumen wachsen. Nun, so sagt zumindest der Volksmund. In Holland allerdings, wachsen anscheinend nicht nur schöne Mädchen auf den Bäumen, sondern auch überaus musikalisch begabte. Eineinhalb Jahre, nachdem die damals 9-jährige Amira Willighagen aus Nijmegen mit ihrer außergewöhnlichen Stimme den Talentwettbewerb „Holand’s got Talent“ (HgT) gewann und in Windeseile eine weltweite Fangemeinde um sich scharte, hat das Land der Grachten nun mit der elfjährigen Sterre van Boxtel aus Heiloo sein nächstes Goldkehlchen hervorgebracht. Bekannt wurde auch van Boxtel über einen Talentwettbewerb, als sie im Mai 2015 die holländische „Superkids“-Staffel in der Kategorie „Musik“ gewann. Wie Willighagen besticht Sterre mit einer ungewöhnlich ausgereiften Stimme und einem für dieses Alter phänomenalen musischen Gefühl. Wie Willighagen wurde sie im Jahr 2004, dem Jahr des Affen, geboren – ein Jahr, das Charme, Humor, Ehrgeiz, Expressivität, aber auch Geltungsdrang, Stolz und Überheblichkeit begünstigt. Kurzum: Affen sind die geborenen Entertainer, aber auch talentierte Lebenskünstler. Alles Dinge, die man mehr oder weniger braucht, wenn man einmal erfolgreich auf der Bühne stehen will. Trotzdem scheinen beide Mädchen Welten zu trennen.

Als Willighagen damals das Internet mit ihren Auftritten stürmte, war ich fasziniert von der stimmlichen Kraft, der Unbedarftheit und der Sangesfreude, die dieses neunjährige Energiebündel auf die Bühne brache. Dieses Mädchen, so damals meine Überzeugung, hatte alle wichtigen Anlagen, um einmal eine ganz Große in der Opernwelt zu werden. Es ging mir wie Hunderttausenden anderen rings um den Globus, die ihr zuhörten und absolut geflasht waren. Den Youtube-Kanal der mittlerweile Elfeinhalbjährigen und ihr Facebook-Profil bevölkern inzwischen Zigtausende Fans, die von früh bis spät an den Lippen dieses Kindes hängen. Taub waren meine Ohren anfangs für die mal vorsichtig und verhalten, mal ziemlich drastisch geäußerte Kritik gerade aus der professionellen Gesangsszene, dass dieses Kind einfach nur verheizt und wie Willighagens großes Vorbild aus den USA, Jackie Evancho, von Auftritt zu Auftritt gejagt werden könnte. Ich wähnte ausschließlich Neider und Missgünstige am Werk – bis mir Ende letzten Jahres langsam, sehr langsam zu dämmern begann, dass sie womöglich recht behalten haben könnten.

Wer die alten Aufnahmen Willighagens aus 2013 bis etwa Mitte 2014 mit den neuesten vergleicht, wird – und dazu muss man wahrlich kein Opernkenner, Gesangslehrer oder Feuilletonist sein – mehrere besorgniserregende Dinge feststellen. Zum einen haben sich sowohl stimmliche Fähigkeiten als auch die Körpersprache Willighagens maximal zu ihrem Nachteil verändert. Zum anderen scheint ihr Umfeld, das ihre Auftritte organisiert und ins Internet stellt, dies in keiner Weise zu beunruhigen. Es war ungefähr mit ihrem Auftritt beim Weihnachtskonzert in der Royal-Albert-Hall in London im Dezember 2014, als mir zum ersten Mal auffiel, dass sie die Töne förmlich herauspresst, sodass gerade die hohen Tonlagen mehr einem schrillen Kreischen glichen, während die tiefen oft heiser und holprig kamen. Gleichzeitig schien sie massive Probleme mit der Atmung zu haben: Häufig war sie gezwungen, mitten im Gesangsfluss abrupt abzubrechen, um dann deutlich hörbar um Luft zu ringen, was die Darbietung insgesamt holprig und abgehackt erscheinen ließ. Diese seltsamen Erscheingungen gab es in den Anfangstagen einfach nicht, sie waren aber auch bei Jackie Evancho zu beobachten, deren Stimme nach jahrelanger Dauerbelastung ab ihrem 13. Lebensjahr ihr Leben zusehends auszuhauchen begonnen hatte. Bei Willighagen aber nimmt das Ganze bisweilen beängstigende Formen an, wie etwa ihr Auftritt beim Junior Festival im italienischen San Remo im April dieses Jahres zeigte, wo Willighagen mit ihrem Siegerlied von 2013, Pucchinis „O Mio Babbino Caro“ (Gianni Schicchi), kaum einen Ton traf und eher klang, als würde sie um ihr Leben singen.

Als Amira vor zwei Jahren HgT gewann, wurde sie schlagartig berühmt. Die Jury-Mitglieder Gordon Heuckeroth und Dan Karaty sowie andere aus dem Umfeld der Sendung hypten das Mädchen gar als „neue Maria Callas“ und „total Star“. Und ein solcher muss natürlich vermarktet werden. Binnen weniger Wochen reiste die kleine Amira um die Welt, trat in Fernsehshows und an der Seite anderer Talentshow-Größen wie Paul Potts auf und veröffentlichte im März 2014 ihr erstes Album „Amira“ bei der Sony-Tochter Masterworks, die auch Jackie Evancho unter Vertrag hat. In den Nachwehen der Sendung unablässig beworben, stieg es erwartungsgemäß auf Platz eins der holländischen Albumcharts ein und erreichte zwei Wochen später Goldstatus. Die Fachpresse allerdings strafte die junge Debütantin weniger mit dem befürchteten Verriss – sie ignorierte sie vielmehr vollständig. Und das wird seine Gründe gehabt haben.

Vor allem aber behielt sie Recht. Denn all die Vorschusslorbeeren – und so ehrlich muss man auch dann sein, wenn man wie ich dieses Mädchen total süß und einfach nur goldig findet – konnte Amira Willighagen bislang nicht rechtfertigen. Was in erster Linie schlecht für das Kind selbst ist. Denn in der Opernszene wird man allenfalls milde lächeln über die „neue Maria Callas“ – nicht aber über deren Manager oder die Talentshowmacher. Und es wird sie auch in ihrem privaten Umfeld angreifbar machen – z.B. für Neider und für jede Art von Mobbing. Weder wuchs seit ihren ersten Auftritten ihr Repertoire noch verbesserte sich in zufriedenstellender Weise ihre Aussprache. Auch das zweite Album „Merry Christmas“, das im November erschien, in den holländischen Album-Charts gerade noch unter die Top 70 kam und somit mehr oder weniger floppte, änderte daran nichts. Das Mehr an Anspruch, das das Liedmaterial darauf erahnen lässt, bringt Willighagen deutlich hörbar an ihre stimmlichen und darstellerischen Grenzen. Ein Beispiel dafür, wie weit Anspruch und Wirklichkeit bei Willighagen mittlerweile auseinanderklaffen, das muss man ehrlicherweise so konstatieren. Gerade was stimmliche Kommunikativität, Expressivität und Ausstrahlung betrifft, hat ihr die gleichaltrige Sterre van Boxtel bereits einiges voraus.

Währenddessen hat man immer öfter den Eindruck, als fehle Willighagen jede Freude auf der Bühne. Hatte man 2014 noch den Eindruck, die Töne der anspruchsvollsten Arien entwichen diesem kleinen Körper völlig mühelos, ist Willighagens Gesicht mittlerweile bei fast jedem Auftritt von großer Anstrengung statt Hingabe gezeichnet.
Tatsächlich fragt man sich immer öfter: Warum steht sie eigentlich dort vor ihrem Publikum, das sie vergöttert? Da ist ein Mädchen mit wahrlich begnadeten stimmlichen Anlagen. Doch statt diese zu hegen und zu entwickeln, um später mit ihnen auf den Opernbühnen dieser Welt das Publikum millionenfach zu verzaubern, scheint ihr und ihrem Umfeld an Langfristikeit und Nachhaltigkeit eher weniger gelegen zu sein. Man beutet das Talent lieber kurz- bis mittelfristig aus und lässt es dadurch mehr und mehr verblühen, statt es mittels einer adäquaten Ausbildung irgendwann zu voller Perfektion erblühen zu lassen. Unzählige Auftritte hat das Kind in diesem Jahr bereits absolviert. Kaum ein Monat vergeht, ohne dass sie auf irgendeiner Bühne steht. Manchmal sind es sogar mehrere Auftritte pro Monat. Dazu kamen die Aufnahmen zu ihrem zweiten Studioalbum – getreu dem Talentshow-Codex natürlich eine Weihnachtsplatte. Und im nächsten Jahr soll das Kind dann erstmals Konzerte in den USA geben. Und das, obwohl seine Stimme schon jetzt merklich unter der Dauerbelastung ächzt. Das alles – und das muss betont werden – neben dem ganz normalen täglichen Schulwahnsinn einer Siebtklässlerin.

Ich weiß nicht, wie es anderen geht. Ich selbst habe keine Kinder. Und trotzdem frage ich mich, wie Willighagens Familie ihr das alles weiter zumuten kann. Warum lässt man ein Kind überhaupt vor der Pubertät zum Klassikstar aufbauen? Oft ist genau die Pubertät ein wesentlicher Kurskorrektor – denn mit ihren unberechenbaren Launen kann sie der Bühnenkarriere eines Kindes, über die es vermutlich bis dato auch einen guten Teil seines Selbstbewusstseins generiert haben dürfte, mit einem Schlag beenden – etwa durch stimmliche Veränderungen, Stimmungsschwankungen, identitäre Konflikte oder auch gesundheitliche Probleme. Und dann? Wer wird ihr dann erklären, warum sie plötzlich nicht mehr gefragt ist, Fans sich abwenden und die zur Normalität gewordene Begeisterung ausbleibt? Aber selbst jetzt ist die Bürde nicht unerheblich, die man dem Mädchen aufgeschnallt hat. Sobald ein Auftritt mal nicht läuft, kann sie zur Zielscheibe von öffentlichem Hohn und Spott werden. Ein seelischer Druck, den ich als Erwachsene nicht haben möchte. Und wie real dieses Szenario bereits ist, zeigen ihre jüngsten Leistungen, wie etwa die in San Remo, unter der dann auf youtube Kommentare wie dieser stehen:

„Very ugly. It’s a rape for my ears.“

Trotz ihrer offensichtlichen zunehmenden stimmlichen Defizite lässt man Amira dennoch weiter auftreten – was bisweilen zu Vorstellungen wie der erwähnten in San Remo oder erst kürzlich in der Superkids-Show der Welttalente des deutschen Privatsendes Sat.1 führt, die jenseits von gut und böse sind. Zu meinem großen Entsetzen legte Willighagen dort eine Darbietung von Cacchinis „Ave Maria“ hin (Näheres dazu weiter unten im Text), bei der es jedem, der nur ein bisschen etwas von klassischem Gesang versteht, die Schuhe ausziehen muss. Gleichzeitig wird offenbar nichts getan, um die stimmlichen Fertigkeiten zwar eines großen Talents, aber letztlich doch einer Amateursängerin dem Auftrittspensum und dem hohen künstlerischen Niveau der vorgetragenen Werke anzupassen – ihr also das nötige stimmbildnerische Rüstzeug mitzugeben, um den starken Belastungen überhaupt standhalten zu können. Bis heute erhält Amira Willighagen – entgegen meiner Annahme vom Februar-Artikel – offenbar keinerlei professionelles Gesangstraining. Ihr bisheriger Coach ist nach der offiziellen Webseite von Willighagen Maike van der Wiel, eine Kinderchorleiterin aus Ede, Anfang 20, die mit Operngesang offenbar keinerlei Erfahrung hat und selbst noch Gesang studiert.

Hier ist wahrlich der größte Unterschied zur eingangs erwähnten Sterre van Boxtel zu sehen. Alles scheint bei ihr eine Nummer, leiser, bescheidener, zurückhaltender und vor allem kindgerechter vonstatten zu gehen. Anders als bei Amira Willighagen musste es bei van Boxtel nicht gleich die ganz große Chose in Form DES holländischen Supertalents schlechthin sein. Stattdessen ließ man das Kind zunächst ausschließlich unter Altersgenossen seine allerersten TV-Auftritte absolvieren. Kurz nach Sterres Sieg bei Superkids im Mai, wo sie im Finale in einer beachtlichen Darbietung das „Ave Maria“ in der Version von Vavilov/Cacchini zum Besten gab, trat Amira Willighagen im September mit demselben Song bei der internationalen Superkids-Show von Sat.1 auf, sodass es schon verwunderte, warum man ihr den Vorzug gegenüber van Boxtel (dem eigentlichen holländischen „Superkid“) gab. Doch schnell wird klar, warum: Den Namen Willighagen kannte man schon in Deutschland, van Boxtel hingegen ist hierzulande noch völlig unbekannt. Und diese Art Shows zielen allesamt auf dasselbe ab: Sie Funktionieren getreu dem berühmten Circus-Motto „Menschen, Tiere, Sensationen“. Je größer Name und Kunststück, desto besser. Vom goldenen Kleid bis hin zum (opulenteren) Haarschmuck war denn Amira Willighagens Auftritt beinahe schon eine Kopie van Boxtels. Gesanglich allerdings geriet er zum Desaster. Im direkten Vergleich merkt man Sterre van Boxtel deutlich an, dass sie seit vier Jahren Gesangsunterricht bei einer professionellen Opernsängerin erhält. Wo Amira Willighagen einfach nur ohne jedes Gefühl für musikalische Stimmungslagen, Ausdruck und die Möglichkeiten ihrer eigenen Stimme durch diese so emotionale, sakrale Hymne hasardiert, viel zu laut und viel zu steif, strahlen bei van Boxtel jede Silbe, jeder Ton eine Anmut, ein Gefühl aus, die beeindrucken müssen, wenn man bedenkt, dass sie zum Zeitpunkt des Vortrages ebenfalls erst zehn Jahre alt war. Bei Willighagen hingegen ist dahingehend nicht die geringste Entwicklung in den letzten zwei Jahren zu erkennen gewesen. Im Gegenteil – fast scheint es manchmal, als habe sie sich im Vergleich zu ihren furiosen ersten Auftritten bei HgT auch dahingehend sogar zurückentwickelt.

Man kann nur spekulieren, ob Willighagens stimmlicher Verfall der Mischung aus Überbelastung und mangelnder stimmlicher Ausbildung geschuldet oder aber auf physische Umstellungen im Zuge der beginnenden Pubertät zurückzuführen ist. Man möchte hoffen, dass es lediglich eine vorübergehende Erscheinung ist. In jedem Falle aber sind Auftritte von Willighagen derzeit meist kein Genuss. Und es fällt einem schwer, sich vorzustellen, dass es das dann ausgerechnet für das Kind selbst sein soll. Allerdings macht man es der Elfjährigen auch wirklich nicht leicht, ein gesundes, realistisches Selbstbild zu entwickeln, wenn man ihr täglich in mehreren Foren ausschließlich sagt, wie großartig sie sei. Womöglich könnte deshalb das Erwachen irgendwann ziemlich schmerzhaft ausfallen.

Was man ihr damit unter Umständen verbaut, scheint bei alledem keinerlei Rolle zu spielen. Immer wieder verweist Vater Gerrit Willighagen (53), der Amira bis heute persönlich managt, darauf, dass seine Tochter freiwillig und aus lauter Freude am Singen auf der Bühne stehe, dass sie selbst entscheiden könne, welche Auftrittsangebote sie wahrnimmt und welche sie ablehnt. Man sollte annehmen können, dass auch Sterre van Boxtel aus Freude am Singen auf der Bühne steht. Trotzdem stand sie mit neun Jahren noch nicht vor einem Millionenpublikum, hatte kein eigenes Album veröffentlicht oder jettete teils mehrmals im Monat um den Globus. Stattdessen ersang sie sich die Aufnahme in den Heilooer Oratoriumkoor für Kinder und träumt davon, aufs Konservatorium in Den Haag zu gehen.

Haben wir es hier bei Willighagens also einfach nur mit einem besonders antiautoritären Elternhaus zu tun, in dem ein Kind alles ganz allein entscheiden darf? Oder wird hier die Verantwortung einfach nur auf das Kind abgewälzt, das sich dagegen gar nicht wehren kann, weil es von alledem, was da draußen abgeht, sehr wahrscheinlich noch so gut wie nichts begreift und vermutlich tatsächlich einfach nur Freude am Singen hat? Man könnte auch direkter Fragen: Wäre es nicht eigentlich die Pflicht eines Vaters oder einer Mutter, ein Kind – notfalls auch gegen dessen erklärten Willen – vor öffentlicher Bloßstellung und Überlastung zu schützen? Wäre es nicht Aufgabe der Eltern, einen verantwortungsvollen Umgang mit einem solch besonderen Talent des eigenen Kindes zu wählen, statt es meistbietend anzubieten? Geht es also am Ende auch in diesem Fall tatsächlich mal wieder nur ums Geld? Oder lassen sich die Eltern tatsächlich nur vom Ruhm, den vielen Fans und positiven Feedbacks von netten Omis oder unverbesserlichen Klassik-Laien blenden, die einfach irgendetwas suchen, das sie anhimmeln können?

Es wäre vermessen, zu sagen, dass ich diese Frage eindeutig beantworten könnte. Ich kenne die Familie nicht persönlich und kann nicht in ihre Köpfe schauen. Ein wenig Recherche zeigt: Geld sollte eigentlich nicht unbedingt ein Kernmotiv sein. Amiras Vater ist Ingenieur bei einem holländischen Halbleiterunternehmen. Mutter Frieda Willighagen-Brand (44) ist Juristin, arbeitete als Flüchtlingsanwältin und saß sogar vier Jahre lang für die Grüne/Linksfraktion im Nijmegener Stadtrat. Das klingt nicht nach einer Familie, die sich über ihr talentiertes Kind finanziell emanzipieren oder sanieren müsste. Doch manchmal ist es gar nicht das Geld. Manchmal geht es einfach darum, eigene ehrgeizige Träume, die aus dem einen oder anderen Grunde unerfüllt blieben, über sein Kind doch noch zu verwirklichen. Der Traum vom Berühmtsein, zum Beispiel, davon, Teil etwas „Großen“ zu sein. Der eigene Name, den man nun fast überall in der Welt kennt – wenn auch nur unter youtube- oder Castingshow-Klientel. Und natürlich ermöglichen die Einnahmen der CD-Verkäufe und Auftritte auch Familie Willighagen ein sorgloseres, aufregenderes Leben mit vielen schönen Reisen und Einladungen zu interessanten Events. Anreize, diesen Zustand unbedingt aufrecht erhalten zu wollen, gibt es also wahrlich genug.

Eine Karriere im Opernbusiness, etwa als „neue Maria Callas“, deren Vorbereitung langjährige Ausbildung und vor allem ressourcenschonendes Verhalten erforderte, ist für Amira jedenfalls offenbar gar keine Option. Vater und Manager in Personalunion, Gerrit Willighagen, antwortete mir dazu über Facebook Folgendes:

Amira is a 11 year old girl that likes to sing opera songs with the solely intention to make people happy and to help making this world a better place, specially for children by raising funds for her charity foundation to build and maintain playgrounds. Amira never claimed that she is a perfect singer with the best vocal coaching you can think of; to achieve her primary intentions personal characteristics, other then being a perfect singer or having worldclass vocal training, are maybe even more important, such personal characteristics can’t be teached or trained by coaches.

Es geht also gar nicht um eine seriöse Karriere für Amira. Es geht einzig darum – Gutes zu tun. Wenn Gerrit Willighagen über seine Tochter spricht, hört sich das alles wunderbar an: Ein Mädchen, das ein großartiges Talent hat, mit dem es anderen helfen, andere glücklich machen, die Welt verbessern will. Ein Mädchen, das Facebook und youtube, Zitat:

„nutzt, um sein Talent und seine Ziele mit der Welt zu teilen.“

Doch kann das wirklich alles eine neun-, zehn- oder Elfjährige bewusst steuern und einschätzen? Oder ist es nicht vielmehr der leidenschaftliche Hobbymusiker Gerrit Willighagen, der im Namen seiner Tochter die Knöpfe drückt und ein Image vom selbstlosen kleinen Engel inszeniert, das helfen soll, sie am Markt zu halten? Fakt ist: Gerrit Willighagen scheint Musik wichtig zu sein und überdies einen ausgesprochenen Drang zu verspüren, dafür zu sorgen, dass der Welt dies zur Kenntnis gereicht. Selbst passionierter Hobby-Organist und -Akkordeonist, verfügt auch er über einen eigenen youtube-Account, auf dem er regelmäßig eigene Darbietungen, manchmal auch die seiner Kinder, veröffentlicht. Stets verquickt mit dem youtube-Account seiner bekannten Tochter. Auch der älteste Spross, Fincent (13), ist in das Haus- und Hofensemble der Willighagens fest eingebunden und spielt Geige. Allerdings weitaus weniger erfolgreich als seine kleine Schwester. Trotzdem muss der Junge stets seinen öffentlichen Auftritt haben – egal, wie sehr die Violine knarzt und wie wenig Begabung er offensichtlich für dieses Instrument an den Tag legt. Es gibt sie eben einfach, die Eltern, deren Kinder immer überall möglichst die Ersten und die Besten sein müssen – und zwar so, dass alle Welt es möglichst auch sieht.

Aber zurück zu Amira. Muss man sein Kind wirklich in einer Talentshow anmelden, braucht es Talkshow-Auftritte weltweit, eine Goldene Schallplatte und Chartplatzierungen, um „andere Menschen glücklich zu machen“? Nein. Auch um Benachteiligten zu helfen, braucht es all das nicht wirklich. Aber um in aller Munde zu sein, um viele Fans anzuziehen, gefragt zu sein, eingeladen und hofiert zu werden und damit auch fortlaufend neue Auftritte und Einnahmen zu garantieren – dazu braucht es all das sehr wohl.
Und bei allem Respekt, aber diese Frage muss erlaubt sein: Welches Kind entscheidet sich eigentlich ganz bewusst und auf eigenen Wunsch hin, auf der Gala für einen Unternehmer-Award aufzutreten, der nachhaltige Geschäftsideen prämiert und von dem es vermutlich zuvor noch nie etwas gehört hat? Hand aufs Herz: Gerrit Willighagen lässt seine talentierte Tochter buchen – und zwar immer häufiger von Privatpersonen und Unternehmen. So viel Ehrlichkeit muss sein. Und sie singt dabei sicherlich nicht umsonst und völlig selbstlos, nur, um die Menschen glücklich zu machen. Und im Grunde hat ihr Vater mit diesem Bekenntnis auch gar kein Problem:

I run the Amira booking agency 🙂

rühmt sich der 53-Jährige stolz und freimütig auf das Lob eines Users hin, Amira müsse einen guten Agenten haben, wenn sie neuerdings sogar für Firmen und Gesellschaften singt. Undenkbar offenbar für ihn, die Amira-Fans könnten einen anderen als ihn hinter der perfekten Organisation der Vermarktung seiner Tochter vermuten. Wer genügend innere Distanz zu all dem Zirkus entwickelt hat, der sich alltäglich auf den Amira-Kanälen abspielt, der bleibt da einfach nur kopfschüttelnd zurück.

Die erwähnte „charity foundation“ gibt es übrigens tatsächlich. Sie nennt sich „Gelukskinders“ (Glückskinder) – und sie finanziert sich offiziell aus Amiras Gewinnen. Angeblich fließt (laut Wikipedia) dort die Hälfte aller Einnahmen hinein. Allerdings wird nirgends Bericht erstattet, wie viel Geld in realisierte Projekte fließt oder wie hoch das Stiftungsvermögen ist. In der Regel wird bei Gründung ein festes Stiftungsvermögen festgelegt. Von den Zinsen, die es im Jahr abwirft, werden dann ausgewählte Projekte unterstützt. Ein einziger Spielplatz wurde über „Gelukskinders“ bislang gebaut – in Ikageng, einem Township in der südafrikanischen Heimat von Amiras Großmutter. Die Einweihung fand erstaunlicherweise und somit ausgesprochen werbewirksam zur gleichen Zeit statt, als Amira Anfang März 2014 ihre erste CD veröffentlichte – also hieraus noch gar keine Einnahmen generiert waren. Derweil scheint auch die Stiftung fest in der Hand der Familie zu liegen: An den entscheidenden Hebeln sitzt als Stiftungsvorsitzende Amiras Mutter Frieda Willighagen-Brand.

Nein. Das alles erscheint einem nicht wie das Märchen vom talentierten Mädchen, das durch Zufall entdeckt wird, plötzlich im Rampenlicht steht und nun seine Fähigkeiten ausschließlich in den Dienst an den Menschen stellt, wie es sein Vater öffentlich so gerne hinstellt. Oder wie es die Familie vielleicht tatsächlich selbst gerne sehen und glauben mag. Das alles sieht vielmehr nach einem perfekt geplanten und durchorganisierten Familienunternehmen aus – und Amira, „Holland’s youngest opera talent“, wie die Stiftungs-Homepage sie vollmundig anpreist, ist das Produkt, das verkauft wird. So reicht es eben nicht aus, den Kindern im trostlosen Ikageng endlich einen lang ersehnten Spielplatz zu bauen. Nein – er muss für immer und für alle sichtbar den Namen der edlen Spenderin tragen: „Amira Park“. Eine aufwendig gearbeitete Tafel, die mehr wie ein Monument wirkt, erinnert die Kinder im Township nun bis in alle Ewigkeit daran, wer ihnen ihre Spielgeräte finanzierte.

Ich erinnere mich an ein Interview mit Amiras Großmutter, aufgenommen kurz vor Amiras Sieg in HgT im Dezember 2013. Die alte Dame, die in einem Seniorenstift in Südafrika lebte, sah ihre Enkelin kaum mehr als einmal im Jahr. In dem Gespräch sagte sie unter anderem über Amira: „Ich denke, sie ist bereits das Eigentum der Welt“ – und bewies damit eine ziemliche Weitsicht. Amira habe „ins Fernsehen“ gewollt, „um etwas zu verändern“. Neben ihrer Sorge darüber, dass ihrer Enkelin schon in so jungen Jahren eine derartige Aufmerksamkeit zuteil werde, äußerte sie damals auch die Hoffnung, dass Amiras Eltern sie auf ihrem Weg sicher geleiten würden. Zwei Wochen später war Elsa Brand tot. Amiras großen Triumph erlebte sie nicht mehr. Amira sang auf ihrer Beerdigung – das Lied von der liebestollen Maid, die ihrem Vater androht, sich aus Herzschmerz in den Tod stürzen zu wollen, sollte er ihr den Geliebten verwehren („O Mio Babbino Caro“). Selbst dieser eigentlich so private und intime Moment wurde von der Familie auf Video fest gehalten – und landete auf youtube.

Alles in allem beschleicht den Beobachter immer mehr der Eindruck, dass hier einer Familie die Situation entglitten ist. Unter dem häufig bei ambitionierten Eltern talentierter Kinder zu findenden Vorwand, nur dem Kind all seine Wünsche erfüllen, seinem Glück nicht im Wege stehen zu wollen, werden seine Naivität und sein natürlicher Idealismus benutzt, um es zu vermarkten. Wie ein Apfelbaum, den man jahrelang ganz selbstverständlich beerntet, ohne ihm aber die notwendige Pflege in Form von Bewässerung und Rückschnitt angedeihen zu lassen. Die Früchte, die er gibt, werden daraufhin immer kleiner – bis er eines Tages gar keine mehr trägt. Wenn Amira Willighagens Stimme irgendwann ihren Dienst versagt, wird keiner mehr nach ihrem großen Talent fragen. Aber Familie Willighagen wird bis dahin aus- oder zumindest gut vorgesorgt haben.
Und so lange verbittet sich Gerrit Willighagen – wir erinnern uns: der Ehemann einer Juristin und Politikerin – jedwede Kritik oder Besorgnis in Amiras öffentlichem Fan-Profil auf Facebook. Kritische Kommentare (genau genommen handelte es sich um einen einzigen, auf den ein regelrechter Shitstorm der versammelten Fangemeinde folgte) werden mitsamt den daraus entstandenen Diskussionssträngen und dem Ursprungsbeitrag einfach über Nacht gelöscht. Auf Nachfrage heißt es dann, dass „Amiras Facebook definitiv nicht der richtige Ort für lebendige Diskussionen“ sei. Solche Art Kritik solle man doch besser in eine private Nachricht fassen. Heißt: Darüber, wie toll Amiras Auftritte vermeintlich sind, wie hübsch das Kind und wie groß die jüngsten Fortschritte, kann den ganzen Tag im offiziellen Facebook-Profil „diskutiert“ werden. Nicht aber über berechtigte Sorgen und Kritik am Verhalten der Eltern – das soll man bitte nicht unter den Augen der marktrelevanten Zielgruppe ansprechen. Bei Vater Willighagen heißt das dann: So was soll Amira in „ihrem“ Facebook nicht sehen. Dabei handelt es sich gewiss nicht um das private Profil einer Elfjährigen, sondern um eine reine PR-Veranstaltung des Vaters und Managers. Wie kann das sein? Ein Vater, der sein eigenes Kind zunächst freiwillig in die Öffentlichkeit stellt – und der dann fürchtet, es könnte dort Schaden an (sachlich geäußerter) Kritik nehmen? Irgendetwas passt da ganz und gar nicht.

Man kann nur hoffen, dass das Umfeld von Sterre van Boxtel mit dem Talent des Mädchens sorgsamer umgehen möge. Die Zeichen stehen bislang noch gut – auch wenn auch hier nun im Zuge des Talentshow-Sieges vom Mai mit einer vier Songs umfassenden EP ein Debüt ansteht – das sie selbstverständlich ebenso unter einen gewissen Vermarktungsdruck setzen wird. Dennoch stand Sterres Schicksal bislang unter einem völlig anderen Stern als das von Amira oder Jackie Evancho. Trotz ihres fraglos massiven Talents und mehrerer Siege in lokalen Talentwettbewerben blieb es um die blonde Elfjährige bislang erstaunlich ruhig, und auch die in diesen Tagen erschienene EP wird eher dezent und züchtig und ausschließlich über die private Homepage der jungen Künstlerin vermarktet. Youtube kennt bislang neben ihren drei Superkids-Auftritten lediglich ein paar ganz wenige private Aufnahmen, die meist daheim oder bei privaten Auftritten entstanden. Nach ihrem Sieg gab es keine Promo-Tour durch Talkshows, reihenweise Interviews, Konzerte oder gar ein ganzes Album. Ihre Homepage wirkt schlicht und einfach und informiert nicht über jedes Detail aus Sterres Leben wie Amiras, kein youtube-Kanal oder Facebook-Profil halten jede Bewegung quasi in Echtzeit fest. Statt des schnellen Ruhms und des großen Geldes scheint Sterre ganz andere Ambitionen zu hegen. Vielleicht ist es genau das, was man Sterre auch in ihren Darbietungen anmerkt: Die Leidenschaft, das Wahrhaftig-Ernsthaftige, und auch eine gewisse Reife, das sie umgeben. Wenn Sterre singt, scheint sie tatsächlich zu LEBEN und zu FÜHLEN, was sie tut. Und zwar um dessentwillen, nicht, um sich als grundgütiger Engel oder Superstar zu inszenieren. Es ist etwas, das ich anfangs auch bei Amira Willighagen zu erkennen glaubte, das ihr aber offenbar zunehmend abhanden gekommen ist. Man kann Sterre nur Glück wünschen – und dass ihr Weg so dezent und zielstrebig bleiben möge. Dann werden ihre größten Auftritte (in welchem Genre auch immer, denn bei erfolgte bislang keine Festlegung auf das Opernfach) noch vor ihr liegen, statt bereits hinter ihr. Bislang scheint sie zumindest in guten Händen. Doch das Beispiel Amira Willighagen hat mich mittlerweile mit einem gesunden Misstrauen ausgestattet. Überall dort, wo talentierte Kinder in Castingshows mit hoher Publikumsfrequenz geschickt werden, ist meist auch der Wille zum schnellen Erfolg nicht weit.

Old souls in young bodies: Das Phänomen Amira Willighagen

Wer irgendeinen Sinn für klassischen Gesang und überhaupt das Herz am rechten Fleck hat – der wird jetzt wohl erst mal kräftig durchschnaufen und vielleicht sogar ein Tränchen wegwischen müssen. Das Mädchen, das wir da soeben erleben durften, war zum Zeitpunkt dieser Aufnahme zehn Jahre alt. Und ist es noch heute. Puccinis wunderschöne Arie „O Mio Babbino Caro“, so schön, so kraftvoll und doch so schlicht und zart gesungen, wie ich es persönlich selten erlebte. Mir fällt da auf Anhieb Maria Callas ein. Hiermit soll nun keinesfalls das gesangliche Können einer Zehnjährigen mit dem dieser all-time-greatest-diva auf ein Podium gestellt werden. Und doch hat Amira Willighagen nicht nur den Vornamen der Callas zum Anagramm. Sie hat eine ganz ähnliche Art, zu singen, die einen ganz tief innen berührt, die haften bleibt, die nicht nur die oberen Membranen durchdringt und dann abgeleitet wird.
Und dann diese Kraft! Dieses Volumen! Diese Höhen! Da fragt man sich: Wie zum Teufel können solche Töne aus dem Körper einer Zehnjährigen kommen? Niemand weiß es. Niemand versteht es. Noch vor zwei Jahren war Amira Willighagen nichts weiter als ein sehr begabtes Kind. Sie sang im Kirchenchor die Soli wegen ihrer schönen Stimme. Und doch war dies noch die Stimme eines Kindes, bei der längst nicht jeder Ton ein Treffer war. Doch schon ein Jahr später fegte die neunjährige Holländerin die Jury der Talentshow Holland’s got Talent von den Sesseln. Sie gewann die Show.

Auf die Frage, wer ihr beibrachte, so zu singen, wusste sie keine Antwort. Youtube sei ihr Lehrer gewesen, Stimm-Wunderkind Jackie Evancho aus den Vereinigten Staaten eines ihrer Vorbilder. Gesangsstunden will Willighagen außerhalb ihrer Choraktivität nie genommen haben. Und doch klang ihr Auftritt bei Holland’s got Talent schon eindrucksvoll stimmgewaltig, wenn sicher längst nicht perfekt.
Das Faszinierende an Willighagen ist gar nicht mal ihr ausbaufähiges sangliches Können. Es muss ja noch ausbaufähig sein, hält man sich vor Augen, dass man es hier mit einem Körper zu tun hat, der erst noch wachsen, noch reifen, sein ganzes anatomisches Potenzial erst noch ausschöpfen muss. Es sind die Natürlichkeit und die Strahlkraft ihres Auftretens und ihrer Gestik, die sie beinahe zerbrechlich und doch wieder so stark erscheinen lassen. Und ihre für eine Neun- bzw. Zehnjährige schier unglaubliche technische Stärke, die sie für meine Begriffe zu einem der größten Klassiktalente unserer Zeit machen. Ja, ich glaube, es ist diese unerklärliche Kombination aus Zerbrechlichkeit und Stimmgewalt, die Kritiker, die es sonst in aller Regel nur mit erwachsenen Opersängern zu tun haben, vor eine Zerreißprobe stellt.

Nicht alle können diese Art Bewunderung und Ehrfurcht vor ihrem Können teilen. Im Gegenteil: Gerade aus der Klassikszene kommt bisweilen unverhohlene Kritik. Nicht immer fällt sie so sachlich aus, wie man sie sich vielleicht wünschen würde. Sicher kann, ja muss man sich vielleicht sogar fragen: Ist es gut und sinnvoll, dass eine Zehnjährige Literatur singt, die für Erwachsene geschrieben ist? Doch andererseits: Wie will man ein Kind davon abhalten, dass seine Liebe zur Klassik und die fantastischen Möglichkeiten der eigenen Stimme soeben für sich entdeckt hat? Ich als Laie glaube: Es muss – wie bei fast allem – das Maß stimmen. Amira Willighagen hat nach ihrem Sieg bei Holland’s got Talent die obligatorische CD – „Amira“ – aufgenommen. Sie hat im Sommer 2014 eine kleine Konzertreise mit vier Terminen in Südafrika (der Heimat ihrer Großmutter) der Schweiz und Argentinien unternommen und ist zu Weihnachten in der Londoner Royal Albert Hall aufgetreten. Anders als etwa Jackie Evancho, die nach ihrem fulminanten Aufstieg als „Jahrhundert-Talent“ infolge ihres 2. Platzes bei America’s got Talent 2010 von einem Auftritt zum nächsten gehetzt wurde, mit 11 Jahren schon reihenweise abendfüllende Konzerte gab und heute, mit knapp 15 stimmlich ein Schatten ihres früheren Selbst ist, liegt bei Amira der Focus derzeit offenbar auf Schule, Familie und ihrer weiteren Gesangsausbildung durch eine professionelle Gesangslehrerin. Evancho hatte vor ihrem Durchbruch beim amerianischen „Deutschland sucht den Superstar“-Äquivalent bereits zwei (!!) erfolglose Versuche hinter sich, es in die Show zu schaffen. Als es endlich klappte und die Karrieremaschinerie angelaufen war, musste sie ihre öffentliche Schule verlassen. Sie tourte, modelte zusätzlich und übernahm Rollen in Filmen und Musicals. Eigentlich ist es ein Wunder, dass sie heute noch relativ unbeschadet im Show Business unterwegs ist. Für die Opernbühne allerdings wird es wohl niemals mehr reichen. Man kann nur hoffen, dass Amira Willighagens Eltern das unglaubliche Talent ihrer Tochter mehr zu schätzen, es besser zu behüten wissen werden. Es wäre unendlich schade, dieses Kind und seine Stimme dahinwelken zu sehen.

Traurig machen die Schmähkritiken, mit denen Amira Willighagens Debüt bisweilen in Rezensionsbreichen, etwa bei Amazon, begegnet wird. Eines sticht dabei stets heraus: der Verdacht, die Eltern und das Mangement könnten mit dem Kind nur „Geld scheffeln“ wollen. Es spricht der unverhohlene Neid dabei heraus, dass da jemand etwas scheinbar aus dem Ärmel schüttelt oder gar – wie für die Eltern angenommen – gar nichts für den Geldsegen tun muss, den das begabte Kind nach Hause holt. Ich halte dieses pauschale Urteil über Menschen, die einem nicht ansatzweise persönlich bekannt sind, für unangemessen und deplatziert.
Neid scheint aber auch im Big Business an der Tagesordnung. Anders kann ich mir Kommentare wie diese in einem Opernforum nicht erklären:

Ich habe mir das „Ave Maria“ (Bach/Gounod) angehört – und ich muß ganz ehrlich sagen: Es war überhaupt nicht rund! Die Stimme wirkt tatsächlich wie eine halbwegs geschulte Stimme einer Jugendlichen, die Intonation war ziemlich häufig neben der Spur, und ihr Kleid in Kombination mit den Schuhen war auch zu erwachsen bis kitschig. Sie bedient Klischees! Das goldlockige Engelchen, das zur Weihnachstzeit „Ave Maria“ trällert – brr, mich schüttelt’s.“

Dass die Leute allesamt, einschließlich der Jury, aus dem Häuschen sind, deutet darauf hin, dass sie von klassischem Gesang so viel Ahnung haben wie“die Kuh vom Kreppelbacken “ ( hessisch / Kreppel = Pfannkuchen ). Da wird jeder höhere Ton bejubelt, der nicht “ gekrische “ wird ( hessisch = geschrien ) wird wie beim Popgesang.

Es spricht eine gewisse Hilflosigkeit angesichts des ungewöhnlichen Talents Willighagens aus diesen Wortmeldungen. Man ist gewissermaßen geschockt, denn man selbst (die meisten, die dort schreiben, sind selbst in der Klassik-Branche unterwegs) hatte es gewiss nicht so leicht. Hilflosigkeit, die schnell in eine gewisse grobe Niederträchtigkeit übergeht.

Warum sollten Kinder keine Opern singen, wenn sie es können, wenn sie technisch dazu in der Lage sind? Ich würde deshalb kein Kind fest an einer Oper engagieren oder es regelmäßig auftreten lassen. Aber warum soll es damit nicht hin und wieder erste Bühnenerfahrung sammeln? „Verheizen“ sieht meines Erachtens nach anders aus. Ich selbst war sieben Jahre alt, als ich 1986 dem Kinder- und Jugendchor der Singakademie Dresden beitrat. Für mich bedeutete das zwei Mal pro Woche Gesangstraining und Chorprobe, vor Auftritten zusätzlich Sonderproben. Drei- bis viermal im Jahr traten wir auf – Matthäus-Passion, Missa Solemnis, Weihnachtsoratorium von Bach, Carmina Burana, unter so namhaften Dirigenten wie Mikis Theodorakis, mit Opernstars wie Peter Schreyer und Theo Adam. Es war stressig, aber eine schöne Zeit. Missen möchte ich sie nicht. Geschadet hat sie mir auch nicht. Wie oft treten die Knaben des Kreuzchores im Jahr auf? Auch dort gibt es sehr gute Solisten, die klassische Arien vortragen. Ich erinnere nur an den fantastischen Dennis Chmelensky, der mit 14 Jahren Solist unter Barenboim und Rattle beim Berliner Staatsopernchor war.

Alles, was ich damit sagen will: Leute, lasst die Kirche im Dorf. Nicht jedes Stimmwunderkind endet als ausgebranntes Wrack, nur weil es schon in früher Jugend öffentlich auftrat. Und nicht jedes Stimmwunderkind wird zwangsläufig einmal ein Opernstar – egal, ob man es hetzt oder schont. Es gibt kein Patentrezept für eine erfolgreiche Karriere im Operngeschäft.
Ob aus Amira Willihagen irgendwann einmal eine große Opernsängerin, die nächste Anna Netrebko oder gar Maria Callas, wird, wird die Zukunft zeigen. Was man aber gewiss nicht tun sollte, ist, sie jetzt schon abzuschreiben, weil sie eine CD aufgenommen und im Jahr sechs größere Auftritte (keine Konzerte!) gegeben hat.

Eine Stimme zum Niederknien.

Als ich eines schönen Tages bei youtube nach Songmaterial von Jackie Evancho suchte, begegnete ich Amira Willighagen das erste Mal – und endete den Tränen nahe. Diese Stimme!! Oh – mein – Gott… und das mit sage und schreibe neun Jahren. Unglaublich, dass so viel Leidenschaft und Kraft dem Körper eines solchen Persönchens entströmen können. Sie können. Dieses kleine Mädchen steht auf der Bühne, öffnet den Mund – und legt einen Schalter um. Man muss nur in ihr Gesicht schauen und ist einfach sprachlos, denn sobald sie singt, wird aus dem kleinen, süßen Mädchen eine wahre Künstlerin.

Nichts anderes ist Amira Willighagen. Sie ist weder ein Star noch das Opfer verzweifelter Karrieristen, die über ihre Tochter hinwegtrampelnd Rampenlicht und Reichtum suchen, wie immer wieder von bösen Zungen behauptet. Warum melden Eltern ihre talentierten Kinder bei Casting Shows an? Wirklich nur, weil sie das schnelle Geld suchen? Nicht etwa auch, weil sie sich fragen, was sie mit dem unfassbaren Talent ihres Kindes denn nun anfangen sollen? Lohnt es sich, das Kind weiter zu fördern? Was könnte es daraus machen? Was irgendwann erreichen? Es gibt viele Gründe. Und man wird das Gefühl nicht los, als neideten die Kritiker den Eltern dieses Kindes diesen „Goldschatz“ und ergingen sich rein deshalb in gehässigem Bashing. Dabei ginge es vorrangig darum, die Qualität des vorliegenden Albums und die gesanglichen Fähigkeiten der jungen Sängerin zu beurteilen. Amiras Eltern haben immer wieder betont, dass sie ihr Kind nie verheizen würden, dass Amira weder zu Auftritten noch zu Gesangsstunden gezwungen werde. Die wenigen Auftritte in der Öffentlichkeit, die sie absolviert, lassen sich im Jahr an einer Hand abzählen – und das ist auch gut so. Mit ihren mittlerweile 10 Jahren besucht sie die sechste (!) Klasse. Ich kenne kein Kind, das von Auftritt zu Aufritt gepeitscht wird, das das mal eben nebenbei mit schafft. So was schafft man nur, wenn man dafür auch genügen Zeit und Ruhe hat.

Was die CD betrifft, so finde ich die Songauswahl durchaus gelungen für ein Debüt. Das Repertoire besteht aus weithin bekannten Opernklassikern, aber auch einigen weniger bekannten Stücken. Allesamt wunderschöne Melodien, von Amira in unvergleichlich schöner und für ein Mädchen ihres Alters nahezu perfekter Weise dargeboten. Ein wenig schade finde ich persönlich, dass die kleinen Ecken und Kanten, die ihre Stimme im Original so einzigartig machen, so ziemlich mittels Studiotechnik „weggebügelt“ wurden.

Ich wünsche mir für dieses kleine, stimmliche Kraftpaket, dass es sein Talent im Laufe seiner Adoleszenz voll zur Entfaltung bringen kann. Nicht schon jetzt, sondern dann, wenn sich Amira wirklich für eine Karriere im Operngeschäft entschieden haben sollte. Und bei dieser Stimme kann man das eigentlich nur hoffen. Sie wäre sicherlich zu Großem bestimmt.

Im gleichen Wortlaut am 14.Juni 2014 als Rezension auf Amazon veröffentlicht.

Vom Hoffnungsträger zum Zeitzeugnis – Ein Apfelbaum erzählt

Da stand es mit einem Male vor mir, inmitten der savannenartigen, verlassenen Gegend. Ein eindeutiges Zeugnis des regen menschlichen Lebens, das hier einst herrschte, von dem aber heute nur noch ein paar Ruinen inmitten unberührtester Natur geblieben sind: ein Apfelbaum, umgeben von nichts als endlosen blühenden Wiesen, Büschen und uralten Bäumen.
Das ehemalige Stabsgebäude ist eines der wenigen erhaltenen Gebäude in der Garnisonsstadt Zeithain. Links der Apfelbaum in voller Blüte.

Der ehemalige Truppenübungsplatz in der Gohrischheide bei Zeithain ist keine Kulturlandschaft. Und doch lebten hier einst viele Menschen, Zigtausende bevölkerten die hiesige Garnison, die schon vom königlich-sächsischen Heer genutzt wurde. Lustlager Augusts des Starken sind ebenso überliefert wie kaiserliche Paraden auf dem riesigen Exerzierplatz hinter dem prächtigen Stabsgebäude. Der Platz – bis 1992 noch wie der Rest der Garnison von der Sowjetarmee genutzt – ist längst verschwunden, abgerissen, wie die meisten Gebäude und Baracken, die hier einst standen. Das Stabsgebäude hingegen steht bis heute an seinem Platz. Wie ein Relikt erinnert es an andere Zeiten, unwirklich, mit seinem neu eingedeckten roten Dach über grauen, bröckelnden Fassaden und dem Türmchen, inmitten von Weite und Natur. Ein örtlicher Heimatgeschichtsverein hat das Haus irgendwann als eine Art Museum genutzt. Andernorts vergammeln solche prachtvollen alten Bauten. Hier zeigt sich, wie man sie mit wenig finanziellem Aufwand zumindest vor dem rasanten Verfall schützen kann, bis sich vielleicht ein Investor findet: Ein dichtes Dach ist die halbe Miete im Kampf gegen den Schwamm.

Aufwendig gestaltete Gänge im Inneren des Stabsgebäudes.
Das frühere Stabsgebäude ist daher in erstaunlich gutem Zustand. Zwar blättert auch hier der Putz, Türen stehen offen und Fenster sind zerborsten; durch die Gänge pfeift der Heidewind und spielt mit den Plakaten und Wandzeitungen, die man hier noch wie in alten Tagen finden kann. Doch von Einsturzgefahr kann keine Rede sein – Im Gegenteil: läuft man durch das Haus, staunt man über den guten Erhaltungsgrad von Parkett, Wandfliesen und Sanitäreinrichtungen. Nirgendwo hängen Tapeten in Fetzen von den Wänden. Bis unters Dach ist das Haus top in Schuss – und scheinbar in Nutzung.
Unbeaufsichtigte "Dauerausstellung" im ehemaligen Stabsgebäude zur Geschichte der Garnison Zeithain.
Hier scheinen Menschen akribisch gesammelt und aufbewahrt zu haben, was in den zum Abriss bestimmten Bauten ringsum zurückgelassen worden war: alte Hinweisschilder, Türbeschriftungen, Wandtafeln mit kommunistischen Kampfparolen, aber auch Werkzeug, eine Kohlenlore und altes Aktenmaterial. Jeder kann sich auf diese Reise durch 200 Jahre Militärgschichte in Zeithain begeben, die Türen des Hauses stehen offen. Besonders aus der sowjetischen Epoche sind viele Original-Zeitzeugnisse erhalten. Jedoch sollte man diese einmalige Gelegenheit auch mit der dazugehörigen Portion Anstand quittieren: Die vielen Fundstücke, die dort zu sehen sind, gehören in die Garnison, in dieses Haus, nicht in private Archive!

Heute hat sich die Natur große Teile der ehemaligen Garnisonsstadt zurückerobert, ein einzigartiges Refugium, wo im Minutentakt Rehe aus den Büschen hervorbrechen und Falken ihren Schrei erschallen lassen. Im Mai meinte ich sogar, dort einen Luchs gesehen zu haben und war daraufhin so schnell wie nie zuvor auf mein Rad gesprungen und in Richtung Zivilisation entfleucht.

Äpfel inmitten endloser Heidelandschaft.
Und dann dies Bäumchen, geduckt und knorrig, uralt wahrscheinlich, mit Zweigen die bis zum Boden reichen. Über und über mit herrlichen, rotbäckigen Äpfeln behangen. Und keiner, der diese Pracht erntet. Ich habe mich erbarmt und mitgenommen, soviel die Fahrradtaschen tragen konnten. Leider war ich so hingerissen von diesem Anblick (und zu beschäftigt mit Pflücken), dass ich vergaß dieses kleine Bäumchen zu fotografieren, das vor Jahren noch eine ganze Kleinstadt voll Menschen mit Vitaminen versorgte, die sich sonst hauptsächlich von Büchsenfleisch und Kascha ernährten. Beim Blick in mein Archiv die Entdeckung: Es gibt schon ein Foto. Es zeigt den Baum im Frühjahr in voller Blüte (1. Foto oben auf der Seite, der Baum am linken Bildrand).
Typisches Landschaftsbild des früheren Truppenübungsplatzes in der Gohrisch-Heide.
Es ist ein atemberaubender Kontrast: All diese urwüchsige Landschaft rings umher, darin dieses fremd wirkende Gebäude – und dann ein Baum voller roter Äpfel. Keine der heute im Supermarkt erhältlichen, auf Konsumfreundlichkeit getrimmten Zuchtprodukte, sondern herb-aromatische, feste Früchte. Welche Freude wirst du jahrzehnte-, vielleicht sogar über ein Jahrhundert lang so vielen jungen Burschen gebracht haben, die vermutlich voller Sehnsucht dem Spätsommer zufieberten – bis du endlich Früchte trugst. Frisches Obst – ein Luxus, den es in der Sowjetarmee allerhöchstens an Feiertagen und selbst dann oft nur für Offiziere gab.
Lenin wacht über den Ruhmespfad.
Die Spuren ihrer Existenz hier lassen sich bis heute tausendfach lesen – als Autografen und Inschriften in den Bäumen, auf Mauerresten und in den Wänden der wenigen verbliebenen Gebäude. Im alten Ehrenhain der Garnison legt sich der bedrückende Geist ritualisierter Geschichtsdeutung auf die Schultern. Lenin wacht über den langsam zerblätternden Ruhmespfad der 9. Panzerdivision während des Zweiten Weltkrieges. „Wir dienen der Sowjetunion“ steht da in schwarzen kyrillischen Lettern, daneben die Reliefs zweier Soldaten. Und doch ist man irgendwie dankbar, dass dieses Zeitdokument bislang den Abrissbaggern zu trotzen vermochte.

Sowjetische Soldaten während ihres Dienstes in der Garnison Zeithain (80er-Jahre).
Wenn man langsam die alte Heerstraße im Herzen der früheren Garnison entlanggeht, wird es greifbar, das Gefühl des Eingesperrtseins, das viele der hier einst stationierten jungen Männer in stillen Nächten mitten im Wald gepeinigt haben dürfte. Denn unmerklich läuft man in eine Sackgasse. Da vorne, am südlichen Ausgang, versperrt ein eisernes, verschlossenes Tor den schnellen Weg zurück in die Zivilisation, daneben die Überreste eines Checkpoints, in dem wohl unter der Woche ein kettenrauchender Pförtner der Verwertungsgesellschaft residiert. Auch alle anderen Wege, die man nimmt, enden unweigerlich an einem verrammelten Tor. Zurück gelangt man nur auf dem Weg, den man gekommen ist, über die offene Heide nach Osten, hin zur B169.

Dresden mit den Augen Sergej Rachmaninows.

Sergej Rachmaninow bei der Arbeit im Garten des Familienlandsitzes im russischen Iwanowka. Foto: Carl Rönisch Pianofortemanufaktur
Sergej Rachmaninow bei der Arbeit im Garten des Familienlandsitzes im russischen Iwanowka. Foto: Carl Rönisch Pianofortemanufaktur

Er galt als der letzte Romantiker der klassischen Musikszene und wusste wie kaum ein Zweiter seiner Zeit die Kritiker zu spalten. In diesem Jahr wäre der Pianist, Komponist und Dirigent Sergej Rachmaninow 140 Jahre alt geworden, vor 70 Jahren starb der Künstler, der auf vielfältige Weise mit der Stadt Dresden verbunden war. Nur einige Winter seines Lebens verbrachte Rachmaninow in Dresden. Doch die reichten, um sich im Gedächtnis der Stadt zu verewigen und selbst sein Herz zu verlieren. Rachmaninow und die Elbmetropole – eine Liebesgeschichte mit tragischem Ausgang.

Am 1. April 1873 als viertes von sechs Kindern auf dem elterlichen Landgut Semjonowo nahe der russischen Kleinstadt Staraja Russa geboren, wird bereits früh das enorme Talent des kleinen Serjoscha offenbar. Alsbald trennen sich die Eltern, und so fördert ihn vor allem die Mutter nach Kräften. Doch erst die Lehrjahre bei Nikolai Swerew in Moskau lassen den Künstler und Komponisten reifen, der es verstand, seine große Sensibilität in ebensolche Werke zu übersetzen. In Swerews Künstlerpension, von Rachmaninow einst als „musikalisches Paradies“ geadelt, entstehen Kontakte zu Größen der russischen Musikszene wie Pjotr Tschaikowski und Sergej Tanejew.

Als Rachmaninow im November 1906 nach Dresden kommt, hat er auf dem internationalen Parkett gerade mit seinem Klavierkonzert Nr. 2 für Aufsehen gesorgt. In Russland jedoch ist sein Stern am Sinken. Er leidet unter der Häme der Kritiker und stürzt in eine tiefe Lebenskrise.
Mit seiner Cousine Natalia Satina, die ihn auffängt und unterstützt und die er 1902 heiratet, und der dreijährigen Tochter Irina bezieht er ein Haus in der Sidonienstraße, einer Querstraße der Prager Straße, die damals noch ihr historisches Gesicht trägt. Vermutlich über Franz Koppel-Ellfeld, dem damaligen Intendanten des in der Semperoper beheimateten Dresdner Hoftheaters, der es zuvor bewohnt hatte, mietet der Komponist ein Haus im hinteren Teil des Grundstückes Nummer 6, unweit des Hauptbahnhofes. Denkbar günstig für die Künstlerfamilie, die in ständigem Reisen begriffen ist und so schnell zum Bahnhof, aber auch zur Semperoper gelangen kann.
Im beschaulichen Dresden kommt der Virtuose zur Ruhe, sucht in anfänglicher Zurückgezogenheit Kraft:

„Wir leben hier still und bescheiden […] wir sehen keinen und kennen niemanden. Und auch selbst lassen wir uns nirgends sehen und wollen auch niemanden kennenlernen. Alle Russen, scheint es, leben jenseits der Grenze. […] Die Stadt selbst gefällt mir sehr: sehr sauber, sympathisch und viel Grün in den Gärten. […]“

schreibt er kurz nach seiner Ankunft 1906 an einen Freund in der Heimat.

Das Bürgerhaus in der Trachenberger Straße 23 war bis 1990 im Besitz der Familie Rachmaninow. Foto: J. Jannke
Das Bürgerhaus in der Trachenberger Straße 23 war bis 1990 im Besitz der Familie Rachmaninow. Foto: J. Jannke

Die junge Familie wird der Barockmetropole zwei weitere Winter treu bleiben. Die 1907 geborene Tochter Tatjana macht ihre ersten Schritte an der Elbe. Vater Sergej erwirbt währenddessen zwei weitere Immobilien in Dresden. Das Bürgerhaus Trachenberger Straße 23 erstrahlt heute in neuem Glanz, erst mit der Wende 1990 verschwindet ein gewisser Eigentümer Sergej Rachmaninow mit Wohnsitz New York aus den Grundbüchern. Die Villa Fürstenstraße 28 in der heutigen Fetscherstraße hingegen verbrennt ebenso wie der Familiensitz in der Sidonienstraße beim Bombenangriff am 13. Februar 1945.

Langsam wird der Künstler in Dresden heimisch. Er erkundet seine barocken Schönheiten, besucht die Generalproben in der Semperoper und ist fasziniert von der Vielfalt des kulturellen Lebens in der Stadt. Auch künstlerisch ist Dresden ein fruchtbares Pflaster. Zahlreiche neue Werke entstehen, darunter die Zweite Sinfonie e-moll op.27, die Erste Sonate für Klavier d-moll op.28 sowie die sinfonische Dichtung „Die Toteninsel“ op. 29 nach einem Gemälde Arnold Böcklins.

Carl Rönisch gründete 1845 in Dresden die Königlich-Sächsische Hofpianofabrik. Foto: Carl Rönisch Pianofortemanufaktur
Carl Rönisch gründete 1845 in Dresden die Königlich-Sächsische Hofpianofabrik. Foto: Carl Rönisch Pianofortemanufaktur
Die Reste der Königlich-Sächsischen Hofpianofabrik im Wallgässchen in der Inneren Neustadt. Foto: J. Jannke
Die Reste der Königlich-Sächsischen Hofpianofabrik im Wallgässchen in der Inneren Neustadt. Foto: J. Jannke
Enge Kontakte pflegt er zur in der Dresdner Neustadt ansässigen Königlich-Sächsischen Hof-Pianofabrik von Albert und Hermann Rönisch – damals einer der namhaftesten Klavierproduzenten der Welt. Zahlreiche bekannte Musiker spielten auf Instrumenten Dresdner Provenienz, die seinerzeit zum Besten unter dem Modernen zählten. Bis heute ist jener Rönisch-Flügel Nr. 59183, auf dem unter anderem auf Rachmaninows Landsitz in Iwanowka sein berühmtes 3. Klavierkonzert entsteht, im dort befindlichen Museum zu besichtigen.

„Leider können wir heute nicht mehr sagen, wann genau er den Flügel erwarb oder was er kostete, da alle Dokumente und Unterlagen im Bombenangriff 1945 verloren gingen“, erklärt Rönisch-Geschäftsführer Frank Kattein. Die Manufaktur im Dresdner Wallgässchen, in der Rachmaninows Flügel entstand, wird am 13. Februar 1945 ein Raub der Flammen, seither produziert Rönisch in Großpösna bei Leipzig. Noch heute ist man hier auf den berühmten Kunden stolz. Reste des alten Fabrikgebäudes im Wallgässchen sind bis heute erhalten und beherbergen unter anderem das Museum Körnigreich zu Ehren des Künstlers Hans Körnig.

Im Frühjahr 1909 findet die unbeschwerte Zeit in Dresden zunächst ein Ende. Seiner Frau Natalia hat Rachmaninow versprochen, nie länger als drei Jahre im Ausland zu leben. Er hält Wort, obgleich er die Stadt ins Herz geschlossen hat. Wie schwer ihm der Abschied aus Dresden fällt, offenbart er in einem Brief in die Heimat:

„Wie schön ist es hier in Dresden, Sergej Iwanowitsch! Und wenn Sie wüssten, wie traurig ich bin, dass ich hier den letzten Winter verbringe!“,

schreibt er im März kurz vor seinem Abschied an seinen Freund und früheren Lehrer Sergej Tanejew. Doch es ist kein Abschied von Dauer. Konzerttourneen führen ihn schon bald wieder an die Elbe. Am 2. Dezember 1910 und am 15. März 1912 gibt er umjubelte Gastspiele in der Semperoper.

Auf einem Dresdner Flügel zum Erfolg: Das Rönisch-Exemplar Sergej Rachmaninows in Iwanowka. Foto: Carl Rönisch Pianofortemanufaktur.
Auf einem Dresdner Flügel zum Erfolg: Das Rönisch-Exemplar Sergej Rachmaninows in Iwanowka. Foto: Carl Rönisch Pianofortemanufaktur.
Die Oktoberrevolution in Russland und der Erste Weltkrieg, in dem sich Russland und Deutschland als Gegner gegenüberstehen, bilden eine schmerzliche Zäsur. Aus Furcht vor Pogromen flieht der aus begüterten Verhältnissen stammende Rachmaninow 1917 mit seiner Familie vor den Bolschewisten aus Russland in die USA, wo er bis zu seinem Tod leben wird. Die Beziehung zu Dresden aber reißt noch lange nicht ab.

In den Goldenen Zwanzigern gastiert er wieder regelmäßig mit seiner Familie in der Barockmetropole. Überliefert sind seine Aufenthalte in der Villa Fliederhof in der Emser Allee 5 (heute Goetheallee 26), einem bekannten Künstlertreff der Familie Schuncke. Hier feiert auch Sergejs Tochter Irina ihre Hochzeit mit dem Fürsten Pjotr Wolkonskij, mit dem sie am 24. September 1924 feierlich in der russisch-orthodoxen Kirche des Heiligen Simeon vom wunderbaren Berge in der Südvorstadt getraut worden war, die bis heute fortbesteht. Porträts der Dresdner Fotografin Ursula Richter, die in Blasewitz eine „Werkstätte für Lichtbildkunst“ betreibt, dokumentieren Treffen mit Sergej Zharow, der einst die Don-Kosaken-Chöre weltberühmt machte.
Viele Jahrzehnte später – zwei Weltkriege nahezu unversehrt überstanden – wird auch die Villa Fliederhof ein Raub der Flammen: Bei einem Brand infolge einer Familientragödie, bei der zwei Menschen ums Leben kommen, wird sie 1979 völlig zerstört. Bis heute erinnert eine Tafel an das Haus und seinen berühmten Gast.

Mit der Machtergreifung der Nazis 1933 findet Sergej Rachmaninows enge Beziehung zu Dresden ein jähes Ende. Ausländische Künstler werden bis auf wenige Ausnahmen von den Bühnen verbannt. Mit dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 verschärft sich die Lage weiter: Russische Interpreten werden nun gar nicht mehr gespielt.
Das Leben Sergej Wassiljewitsch Rachmaninows endet am 28. März 1943 mit der gleichen Dramatik, die ihn Zeit Lebens begleitete und sich auch in vielen seiner Werke widerspiegelt. Viel zu früh, mit nur 69 Jahren, stirbt der Komponist vier Tage vor seinem 70. Geburtstag in New York an Krebs. Sein inniger Wunsch, in der Heimat bestattet zu werden, bleibt ihm aufgrund des in Russland tobenden Krieges verwehrt. Seine letzte Ruhe findet er auf dem Kensico-Friedhof bei New York.

Dieser Beitrag ist die leicht modifizierte Fassung eines Artikels, der am 17. Juni 2013 auf dem Dresden-Portal Dresden-Kompakt erschien. Alle Rechte: Jane Jannke