(S)tierquälerei in Spanien: Von „rücksichtslosen Kampfbullen“ und unbelehrbaren Tierschindern

Die Masse hetzt die Stiere und Bullen durch die engen Gassen der Altstadt von Pamplona. Foto Globovision Flickr cc by-nc2.0
Die Masse hetzt die Stiere und Bullen durch die engen Gassen der Altstadt von Pamplona. Foto Globovision Flickr cc by-nc2.0

Ob Stierkämpfe in der Arena oder die grausame Hatz durch die Straßen der nordspanischen Stadt Pamplona, die dieser Tage wieder über die Bühne geht: Es ist ein grausiges „Vergnügen“, das Menschen sich da auf Kosten unschuldiger Tiere bereiten. In der Arena werden die Stiere regelrecht zu Tode gequält, malträtiert mit eisernen Haken, Holzlatten, Lanzen und Dolchen – bis zum Todesstoß, den ihnen ein Mann versetzt, der nach außen herausgeputzt ist wie ein Pfau, während sein Inneres verrottet ist wie ein wurmstichiger Apfel. Durch die Straßen von Pamplona werden sie gehetzt – gegen ihren Willen und aufgestachelt von Tausenden adrenalingeilen Volltrotteln, die sie piesacken und mit Tüchern und Steinwürfen provozieren. Und am Ende steht auch hier der bestialische Tod in der Arena. (S)tierquälerei in Spanien: Von „rücksichtslosen Kampfbullen“ und unbelehrbaren Tierschindern weiterlesen

Kleine Geschichte der Gentrifizierung – oder wie ein Stadtteil sein menschliches Antlitz verlor.

Februar 1987. Dresden, ach Dresden. Einem jeden von uns blutet das Herz beim Gedanken daran, dass wir die Stadt vielleicht schon in wenigen Wochen wieder verlassen müssen. Wann hat man je einen Ort von solch erhabener Schönheit gesehen? Das heißt, eigentlich ist die Stadt ja weniger schön mit all ihren noch immer sichtbaren Kriegswunden und -narben, als dass man ihre einstige Schönheit noch immer erahnen kann, und an manchen Stellen schwingt sie sich zu voller Blüte auf. Im Zwinger zum Beispiel, ja, ich erinnere mich noch gut an unseren Besuch dort im letzten Juni. Tschemuschin, unser damaliger Alter und ein echter Schlächter, hatte uns – damals noch blutige Grünschnäbel kurz nach dem Grundwehrdienst – die halbe Nacht lang traktiert: antreten, Liegestütze, die Nationalhymne singen, hinlegen, wieder antreten… und so weiter. Und dazwischen mit Schlägen und Tritten nicht gespart. Der Teufel soll in holen, den alten Drecksack. Am nächsten Tag sind wir jedenfalls völlig ramponiert zu dem Ausflug aufgebrochen, auf den wir uns alle so gefreut hatten – fest entschlossen, uns das von keinem verfluchten Tschemuschin der Welt verderben zu lassen. Der Zwinger war beeindruckend, besonders die Inschrift dieses Teufelskerls Hanutin, des Minenräumers, die auch über 40 Jahre später noch in der Zwinger- und auch an der Schlossmauer erkennbar ist.
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Doch auf dem Weg dorthin offenbarten sich uns in einem Anflug von grausamem Realismus die Schattenseiten der Stadt. Ein Viertel unweit unseres Städtchens, fast scheint es von Gott und aller Welt vergessen: dreckig, die Häuser schwarz von Ruß und Abgasen, manche kriegsversehrt, vor sich hinmodernd oder bereits ruinös, nur teilweise noch bewohnt. Tschemuschin lachte grimmig, als er unsere betroffenen Blicke angesichts all des Verfalls sah, an dem wir mit der Straßenbahn vorbeiholperten. Es war unser erster richtiger Ausflug aus der Kaserne gewesen und irgendwie hatten wir mit so viel offensichtlichem Elend in einem Land, das bei uns daheim für seine Fortschrittlichkeit bewundert wurde, nicht gerechnet. „Soll eh alles bald weg“, hatte Tschemuschin, der verwitterte Mittdreißiger, abfällig hinter seiner Zigarette hervorgenuschelt. „Wird mal ein echtes Sternenstädtchen, alles neu und sauber. Aber nicht für so kleine Verlierer wie euch. Da kommen die Anständigen hin, die Fleißigen, die, die dem Vaterland Ehre machen.“

Was Tschemuschin, die anderen und auch ich damals nicht wussten: Das Viertel, die Neustadt, am nördlichen Elbufer gelegen, wird nicht fallen zumindest nicht sofort. Und es gibt auch noch Menschen, die dort wohnen. Sie wird nicht fallen, weil sich viele dieser Bewohner dagegen organisieren werden. Sie werden auf die Barrikaden gehen, um ihre Heimat vor dem Abriss zu retten – und damit auch ein Stück Kultur- und Lebensraum. Die Neustadt ist für sie ein Refugium, in dem sie sich vergleichsweise frei bewegen können, wo in verfallenen Hinterhöfen kreative Impulse Raum finden, sich zu entfalten, wo sich verräucherte Kneipen, Ateliers und Wohnungen auf wundersame Weise in abrissreifen Häusern halten. Viele junge Familien wohnen dort, Studenten, Künstler, die junge Intelligenz, aber auch gesellschaftlich Ausgestoßene, Penner. Omelnitschenko, Unterleutnant und der Zugführer unseres achten Panzerausbildungszuges unserer vierten Kompanie des ersten Bataillons, hat mir nach einem seiner mehr oder weniger legalen Ausflüge in eine bei sowjetischen Offizieren beliebte Bar im besagten Viertel in lebendigen Farben davon erzählt. Omelnitschenko ist in Ordnung, man kann im vertrauen. Einer der wenigen hier aus dem Offizierskorps. Hat mir sogar versprochen, mich mal dorthin mitzunehmen, sollte ich nach der Ausbildung in Dresden stationiert werden und meine Balken erhalten. In der Neustadt, so schilderte nun Omelnitschenko, herrsche quasi Anarchie. Dort lebe jeder, wie es ihm gefiel, und ein allseits bekannter Wirt weise jedem, der nachfragte, den Weg in eine Kommunalka in einem besonders verfallenen Haus, in der freie Liebe praktiziert werde – jeder mit jedem. Der gute Jaschka Omelnitschenko, kaum zwei Jahre älter als ich, hat mich geneckt und ausgelacht, weil ich ganz rote Ohren bekommen hatte. Nun ja, ich gestehe, wir Kursanten haben hier nach einem halben Jahr auf dem Trockenen alle ein ziemliches Defizit in Sachen Liebe entwickelt – und anderthalb weitere Jahre noch vor uns!

So ist das also mit dem hässlichen Dresden: Die Neustadt, eine Enklave wie aus einer anderen Welt. Und deren Bewohner, deren harter Kern der Kampf um Wohn- und Lebensraum und um freie Entfaltung zusammengeschweißt hat. Wahrscheinlich wissen sie ganz genau, dass die sozialistisch-futuristischen Neubauten, die hier geplant sind, nicht für sie gedacht sind. Aber vielleicht können sie sich auch einfach gar nicht vorstellen, in solch beengten Verhältnissen, in einem mit dem Lineal gezogenen, tristen Trabanten, zu hausen? 10000 Menschen leben noch in der ausblutenden Neustadt. Immer mehr ziehen weg. Würden die Neubaupläne verwirklicht, würden es plötzlich Zigtausende sein, die sich dieselbe Fläche teilen müssten, zu teureren, für viele unerschwinglichen Mieten. Der Kampf dieser Menschen um ihr Stückchen Heimat und sei sie auch in einem noch so desolaten Zustand, und die vielen Geschichten und Mythen, die sich in unseren Reihen um das angeblich freizügige Leben dort ranken, faszinieren mich auf eine Weise, die schwer zu erklären ist. Bei uns daheim kenne ich niemanden, der mit derartigem Verve um ein paar alte Bauten kämpfen und sich dafür auch noch mit der Staatsmacht anlegen würde. Denn das werden sie. Zunächst mit Erfolg.

Jahre später.

Die Neustadt wurde nicht abgerissen, stattdessen kam die Wiedervereinigung. Unsere Truppen jagten die Deutschen zum Teufel, gut, dass ich das nicht mehr miterleben musste. Aber im Prinzip fand ich es richtig so. Fast 50 Jahre waren doch wirklich genug. Zumal ich von Jaschka wusste, dass wir einfachen Jungs vielen Deutschen einfach nur leidtaten. Und nichts könnte schlimmer sein als bemitleidet zu werden. Dabei konnten einem eigentlich die Deutschen leidtun: zu Befehlsempfängern degradiert im eigenen Lande und der Willkür einer fremden Macht vollends ausgeliefert. Das änderte sich nun schlagartig. Und die logische Konsequenz für uns konnte nur lauten: Abzug. Und überhaupt hatten wir ja alsbald bei uns daheim mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen.

Aber was wurde aus der modrigen Neustadt, die mich so fasziniert hatte? Sie wurde zum Sanierungsgebiet. Es gab also erst mal kaum neue Häuser, sondern die alten, eigentlich so herrlichen Gründerzeitbauten wurden aufwendig saniert, manche abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Die Neustadt füllte sich langsam wieder mit Leben. In den folgenden 30 Jahren wird sich die Zahl ihrer Bewohner fast verdoppeln. Doch die Menschen, die damals so gekämpft haben, haben den Kampf trotzdem verloren. Sie kämpften ja nicht nur um den Erhalt der Bausubstanz, sondern vorrangig um ihre Lebensphilosophien und Träume, um das, was sie in all den Jahren der Nichtbeachtung durch den Staat mit eigenen Händen geschaffen hatten. Das waren vor allem soziale Errungenschaften: Arbeitslosentreffs, trockene Wohnungen für Familien und alte Menschen, Räume für Kunstschaffende, Kinderspielplätze, Straßenfeste – alles Dinge, die der Gemeinschaft dienten, nicht dem Einzelnen. Von alledem ist heute kaum etwas geblieben. Die Häuser sind neu und schick – aber sie gehören nicht mehr den Menschen, sondern raffgierigen Kapitalisten – so wie fast alles andere auch. Raum für freie Entfaltung gibt es kaum noch. Die Menschen treten sich gegenseitig auf die Füße, und der einstige Geist von Freiheitlichkeit, Aufmüpfigkeit und Solidargedanke ist im Grunde hinweggeblasen, niedergewalzt von der Planierraupe des Kapitalismus. Längst ist sich in der Neustadt jeder selbst der Nächste. Anders als damals hat das Viertel heute den Ruf eines Party- und Amüsierviertels weg. Die Straßen sind gesäumt von Kneipen, ein Club reiht sich an den nächsten, schließt der eine, öffnet ein anderer. Und die Betreiber rühmen sich gar des Monsters, das da erschaffen wurde, ja sie wetteifern förmlich um den Status des Wegbereiters dieser „neuen Neustadt“. Und sie sehen sich – und das ist das eigentlich Groteske dabei – in der Tradition ausgerechnet jener, für deren Träume sie im Grunde zum Totengräber wurden. Es ist ein seltsames Klima, wenn man durch die Straßen geht: ein Viertel, das in sich selbst verliebt ist für etwas, das es längst nicht mehr ist, das nur noch als Tagebucheintrag in den Aufzeichnungen der Altvorderen existiert, als gerahmtes Kalenderblatt in der Stadtteilchronik des hiesigen Museums.

Bei uns daheim gibt es ein schönes Sprichwort: „Alle sind Leute, doch längst nicht alle auch Menschen.“ Damals, als ich kurz vor meiner Entlassung aus der Armee im Herbst 1988 mit Jaschka durch die Neustadt lief, traf ich fast ausschließlich Menschen. Gute, herzliche Menschen, denen die Gemeinschaft am Herzen lag. Die meisten waren arme Künstler, Querdenker oder hart arbeitende Leute, aber alle anständig und ehrlich und tief mit ihrem Viertel verwurzelt. Mit dem wenigen, was sie hatten, versuchten sie es zu verschönern, bunt zu machen. Sie halfen einander gegenseitig dabei und versetzten auf diese Weise ganze Häuser wieder in einen bewohnbaren Zustand. Manchmal versteckten sie auch Unsere, wenn manche sich unerlaubt aus der Kaserne gestohlen hatten, um ein wenig Spaß zu haben, und ihnen die Schasskommandos auf den Fersen waren. Sie haben mein Bild von den Deutschen tiefgreifend verändert. Zum Positiven.

Wenn ich heute durch die Straßen der Neustadt gehe, ist nichts von der alten Faszination geblieben. Ich sehe ein Viertel wie so viele andere: protzig, geschäftig, übervölkert, eng, schmutzig und nur ganz vereinzelt noch trotzig – und wenn, dann an den falschen Stellen. Aufmüpfigkeit äußert sich allenfalls noch im Herumgelunger auf Straßen und Gehwegen, in den Grafitti an den Hauswänden, weniger in geistiger Beweglichkeit und solidarischer Initiative. Stattdessen hat der Profit das Ruder übernommen. Längst ist es wichtiger geworden, dass der eigene Laden läuft, sich selbst darzustellen, als dass die Nachbarn in ihren Wohnungen ruhig schlafen können. Schmutz und Lärm aus unzähligen Clubs und Restaurants verlangen den Bewohnern immer mehr Nervenstärke und Kompromissbereitschaft ab. Viele der Menschen, die damals für den Erhalt eines Gemeinwesens kämpften, sind lange schon fort. Geflohen vor dem Moloch, den die Entourage der Modernisierung und Erneuerung erschuf – auch gern als Gentrifizierung bezeichnet. Die alten Idealisten von damals – sie waren machtlos gegen die gewaltige Sogkraft des Geldes und gegen das Besitzdenken, sie passten sich an oder warfen schließlich ernüchtert das Handtuch.

„Auf der Wiese der Hoffnung weiden viele Narren“… noch so ein altes russisches Sprichwort. Sie haben wirklich geglaubt, sie könnten die Neustadt retten und die weitere Entwicklung des Viertels dauerhaft im Sinne des Gemeinwesens gestalten. Und scheiterten, nachdem die DDR Geschichte war und andere den neuen Zeitgeist für sich arbeiten ließen. Sie brauchten gar nicht viel dafür zu tun. Fast schon ein – wenn auch trauriges – Musterbeispiel für die Systematik des Kapitalismus, das jedem sowjetischen Sachbuch über den Marxismus-Leninismus zur Ehre gereicht hätte.

So viel dazu, wie der Lauf der Dinge sich manchmal auf unschöne Weise verselbständigt. Wirklich schändlich aber ist der teils schmutzige Kampf um die verbliebenen Ressourcen im fast totgespielten Viertel. Mit dem Tempo, mit dem die letzten Freiflächen mit Wohnhäusern vollgestopft werden, wächst auch das Gerangel um Vorrechte, Besitzansprüche und Deutungshoheiten. Wer war zuerst da? Bewohner oder Kneipen? Es ist verlockend, auf den Neustadt-Express aufzuspringen, der mit so originell klingenden Attributen wie „alternativ“ und „Szeneviertel“ mit Werten für sich wirbt, die längst an den Rand gedrängt wurden vom routinierten Alltag eines Handels- und Geschäftsviertels. Wohnungen werden immer teurer – und die Clubs immer lauter, um sich gegen die wachsende Konkurrenz durchzusetzen. Was ironischerweise immer seltener gelingt. Ihre Gäste kommen oft von außerhalb und treiben die Einheimischen nachts mit Gegröhle und Gelächter und am nächsten Morgen durch ihre zahlreichen Hinterlassenschaften in Straßen und Höfen in den Wahnsinn. Die Clubs selbst wiederum rauben den Anwohnern mit allnächtlichem Bass-Gedröhn den Schlaf. Es ist mir ein Rätsel, warum so viele Leute das mehr oder weniger klaglos über sich ergehen lassen. Zu Zeiten unseres guten alten Leonid Iljitsch wären solche Chaoten im Arbeitslager gelandet. Doch wer sich in der Neustadt beschwert, der sieht sich sofortigen Überprüfungen auf „Stallgeruch“ ausgesetzt: Wieso ziehst DU hierher, wenn’s dir hier bei UNS nicht gefällt? Wenn DIR egal ist, was WIR hier geschaffen haben? Da wird von „Kulturschutz“ gefaselt, wo eigentlich der Schutz der eigenen Geschäftsinteressen gemeint ist, die möglichst unbehelligt bleiben sollen von den berechtigten Interessen der Anwohner. Und wenn wir schon dabei sind: Ja, die Bewohner waren zuerst da! Als ich in die Neustadt kam 1988, da gab es eine Handvoll Kneipen, die ohne die Menschen im Viertel aufgeschmissen gewesen wären, und ansonsten einfach Menschen, die hier lebten und versuchten, das Beste draus zu machen. MITEINANDER, nicht gegeneinander. Heute dagegen sind den Kneipiers die Anwohner meist herzlich egal, interessant ist vielmehr, dass die hauptsächlich auswärtigen Gäste genug Platz zum Parken haben und die Musik möglichst bis fünf Uhr morgens auf voller Lautstärke laufen kann, damit die Bude voll bleibt und der Rubel rollt.

 

Um ehrlich zu sein: Die Leute, die hier heute wohnen, haben mein Deutschen-Bild erneut nachhaltig erschüttert. Diesmal zum Negativen Ich dachte immer, die Deutschen wären ein kluges, kultiviertes Volk. Aber das Geld und der Profit haben sie zu willenlosen Sklaven gemacht, die fast ausschließlich an sich selbst und das eigene Fortkommen denken. Kaum irgendwo lässt sich das anschaulicher beobachten wie in der Dresdner Neustadt.

Drei Jahre nachdem ich aus Deutschland nach Hause zurückkehrte, putschten die Reformisten um Boris Jelzin gegen die Kommunisten. Eines ihrer Hautquartiere lag nur ein paar Hundert Kilometer südlich von Sewerouralsk, in Swerdlowsk, dem heutigen Jekaterinburg. Vor sechs Jahren bin ich mit der Frau in einen Vorort Jekaterinburgs gezogen, um im Alter doch etwas näher an den medizinischen Versorgungszentren und bei den Kindern zu sein, von denen zwei schon seit Langem in Jekaterinburg leben. Sadovny hat etwas mehr als 3000 Einwohner. Es gibt im Zentrum einen kleinen Boulevard mit einigen netten Geschäften, Cafés. Wenn ich mit meiner Frau abends ausgehe, dann kehren wir in Ninotschkas kleiner Wirtschaft an der Baltym ein. Im Grunde ist hier auch 25 Jahre nach dem Ende des Kommunismus noch alles wie eh und je, nur die neuen Häuser hinter dem Teich zeugen von der Veränderung. Viele neureiche Jekaterinburger bauen sich hier draußen im Grünen ihre Wochenendsitze. Aber das ist nicht vergleichbar mit den Eintwicklungen in Dresden, der Stadt, in der ich zwei Jahre meiner Jugend zubrachte. Als ich nun von einem Besuch, auf den ich mich gefreut hatte wie ein kleines Kind und den ich im Großen und Ganzen auch sehr genossen habe, wurde mir eines klar: wie glücklich ich in meiner kleinen, dörflichen Welt doch bin, wo sich die Menschen gegenseitig achten, einander helfen und sich vor allem als Menschen betrachten, nicht als Kaufkraftfaktor.

Nach dem Axt-Anschlag von Düsseldorf: Mutter macht mit Fotos ihres lebensgefährlich verletzten Sohnes Stimmung gegen Medien und Flüchtlinge.

Ein junger Mann steht am Düsseldorfer Hauptbahnhof am Bahnsteig. Plötzlich Tumulte: ein scheinbar Irrer schlägt wahllos mit einer Axt auf die Wartenden ein, nachdem er zuvor bereits in einem Zug wildfremde Passagiere attackiert hatte. Der junge Mann wird am Kopf getroffen, schwerz verletzt. In einem Krankenhaus verlegt man ihn ins künstliche Koma, um sein Leben zu retten. Seine Mutter eilt an sein Krankenbett. An dieser Stelle machen wir kurz einen Punkt. Nach dem Axt-Anschlag von Düsseldorf: Mutter macht mit Fotos ihres lebensgefährlich verletzten Sohnes Stimmung gegen Medien und Flüchtlinge. weiterlesen

Kalter Krieg mit Russland: Aussöhnen durch Ausblenden?

Margot Käßmann auf dem Reformationskongress 2013. Quelle: flickr/sekfeps
Margot Käßmann auf dem Reformationskongress 2013. Quelle: flickr/sekfeps cc

Margot Käßmann wirkt sympathisch. Jung und dynamisch für ihr Alter. Und sie steht gern im Mittelpunkt – nicht nur auf der Kirchenkanzel, umgeben von ihren Schäfchen. Wenn man sie so hört, denkt man, dass sie eigentlich auch gerne Politikerin geworden wäre oder Politikwissenschaftlerin oder beides. Sie redet gern und liebt das Gefühl, „gegen den Strom“ zu schwimmen. Schon deshalb mag ich sie. Bei uns in der Sowjetunion gibt es solche Frauen nicht. Kalter Krieg mit Russland: Aussöhnen durch Ausblenden? weiterlesen

NPD-Verbotsantrag scheitert – ein Urteil mit Weitblick.

Die rechtsextreme NPD darf fortbestehen. So hat es das Bundesverfassungsgericht am gestrigen Tage (17. Januar 2017) entschieden.  Verfassungsfeindlich, antidemokratisch, ausländerfeindlich, ihre Überzeugungen zu guten Teilen aus dem Nationalsozialismus entlehnt – und doch politisch so unbedeutend, dass für unsere Demokratie von ihr keine Gefahr ausgeht. Wer sich mit der Geschichte unseres Landes und unseres politischen Systems befasst hat, für den war dieses Urteil absehbar. Gerade vor dem Hintergrund eines erstarkenden Rechtspopulismus. Insofern ist es weise und weitblickend. Unser feinsinniger sowjetischer Gefreiter hätte vermutlich mit der Zunge geschnalzt und geraunt: „Ganz schön clever für eine Gerichtsinstanz einer dem Kommunismus angeblich haushoch unterlegenen Ordnung.“
„Wegweisend“ nannte es gestern der SPIEGEL. Doch warum es das tatsächlich ist, darauf geht der Autor im Grunde gar nicht ein. NPD-Verbotsantrag scheitert – ein Urteil mit Weitblick. weiterlesen

Von Medien und Vertrauen

Heute Morgen in der Kurilka: Eingenebelt in die vertrauten Rauchschwaden und geschützt durch die bröckelige Mauer der Panzerhalle, neben der wir hinter einem selbst gezimmerten Bretterverschlag auf ausgedienten Ural-Reifen sitzen, kommt das Gespräch im Flüsterton auf ein allgegenwertiges Thema: Den heutigen Medien könne man nicht mehr vertrauen, meint Korsakow, der es mit seinen 23 Lenzen immerhin schon zu drei ausgefallenen Zähnen und einem Ausbilderposten und damit zu einigem Einfluss geschafft hat – dafür, dass er vor der Armee in der Küche der Dorfkolchose das Essen ausgegeben hatte. Von Medien und Vertrauen weiterlesen

Vor der US-Präsidentschaftswahl: Warum ich mir Sorgen mache.

In nicht mal einer Woche wählt Amerika einen neuen Präsidenten. Selten, ja vielleicht nie zuvor, stand dabei so viel auf dem Spiel. Es ist nicht weniger als die Zukunft der Welt, die da verhandelt wird, das sieht sicher nicht nur Barak Obama so. Ob die Amerikaner sich dessen bewusst sind? Man darf es mehrheitlich bezweifeln, weil der Mensch grundsätzlich ungern in globalen Dimensionen denkt – zu anstrengend, zu fordernd. Vor der US-Präsidentschaftswahl: Warum ich mir Sorgen mache. weiterlesen

Festes Bekenntnis.

Nicolaus Fest will gemeinsam mit der AfD den Totalitarismus bekämpfen – und sieht sich dabei in der Tradition seiner Vorfahren. Warum das ein Zynismus ohnegleichen ist. Festes Bekenntnis. weiterlesen

Frantz – Ein Film. Ein Plädoyer gegen den Krieg. Und für die Menschlichkeit.

Gestern Abend traf ich den Tod. Und ich traf die Auferstehung. Die Auferstehung gewissermaßen des Menschlichen in einer Zeit, in der die Menschen unter dem grausamen Regiment des Todes standen, der Hass die Herzen vergiftete, weil Schmerz und Demütigung nichts anderes zuließen. Die Auferstehung des Menschlichen aber auch in einer Zeit, gut 100 Jahre später, in der Hass und Überlegenheitsdünkel erneut um sich greifen und vermeintlich Gedemütigte in den ach so warmen Schoß eines übersteigerten Nationalgefühls flüchten, nach Schuldigen suchen für vermeintliche Missstände und selbst richten wollen. Frantz – Ein Film. Ein Plädoyer gegen den Krieg. Und für die Menschlichkeit. weiterlesen

Schlag ins Wasser.

Quelle: YouTube, Jibi / Kritik-Satire

Update:
Das ging flott: „anonymous“ ist  erwartungsgemäß wieder am Start – allerdings nicht mehr auf Facebook, sondern auf dem russischsprachigen Zwilling „vkontakte“. Logisch: Wo geht man hin, wenn man mit seiner Hetze im eigenen Land nicht mehr willkommen ist? Richtig! Nach Russland. Dort ist man ein straffes Regiment gegen Minderheiten  und das Recht des Stärkeren gewohnt – und letztlich findet man dort auch viele Freunde im Geiste, wenn’s gegen Deutschland, den Westen, Toleranz und vorwärtsgewandte Gesellschaftsmodelle geht.
Und weil das noch nicht genug ist, überschwemmen die Rassisten um Mario R. aus Erfurt Deutschland nun gleich über ein eigenes „Nachrichtenportal“ mit ihrem verbalen Giftmüll. Journalistisch absolut unterirdisch, jedes zweite Wort irgendeine zur Lüge aufgeblasene Halbwahrheit, Dämonisierung oder Verzerrung. Mit Pseudo-Artikeln zu vorgeblich harmlosen Themen wie Gesundheit, um den Eindruck eines breiten Themenspektrums zu erwecken, wie es sich ja für ein seriöses Nachrichtenportal gehörte. Doch schon zwei Klicks weiter wird klar: Alles nur Mache. So sind die beiden bislang veröffentlichten Gesundheitsartikel völlig wahllos platziert und – das Beste – einfach aus der Wikipedia abgeschrieben, die Fotos aus dem Internet geklaut. Bloß keine Recherche! Wer sich SO WAS freiwillig antut, der hat es auch nicht besser verdient.

Dass hier zudem eine enge Kooperation mit russischen Partnern besteht, zeigen nicht zuletzt die Werbebanner auf der Seite, die auf russische Seiten verlinken, auf denen unter anderem Schusswaffen angeboten werden – zur „Selbstverteidigung“, versteht sich. Inhaltliche Beiträge werden vorrangig von RT Deutsch, dem russischen Propagandasprachrohr in Deutschland, übernommen. Unterm Strich kommt man mal wieder zu dem Schluss: Russland unterstützt massiv Spaltungsaktivitäten in Deutschland, mit Geld, Ressourcen und Propagandamaterial.

Insgesamt wundert es mich, dass hier keiner rechtliche Schritte ergreift. Angriffspunkte gäbe es zur Genüge – vom Urheberrechtsmissbrauch bis hin zu Volksverhetzung und Anstiftung zu Straftaten.

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Originalbeitrag:

Mit „Anonymous“ ist eine der schlimmsten Hetzseiten auf Facebook seit Samstag tot. Das meldet heute zumindest die Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung. Auf Facebook ist die Seite auch heute noch nicht wieder abrufbar. Doch was ist das Kaltstellen dieser Seite wirklich wert?
Meiner Ansicht nach ist es gut, dass sie weg ist. Aber man sollte nicht dem Glauben verfallen, dass hier ein echter Schlag gegen Menschenfeindlichkeit und Rassismus gelungen wäre. Auf diese Idee mag man fast kommen, glaubt man etwa dem Magazin „Focus“, das „Anonymous“ gar als „Deutschlands größte Hetzseite“ förmlich adelte. Ja, „Anonymous“ – übrigens nicht zu verwechseln mit der weltweit organisierten gleichnamigen Hacker-Bewegung , deren Identität hier offenbar rechtsextreme Elemente für ihre Zwecke kaperten – hatte über zwei Millionen Fans. Doch bei Weitem nicht alle kamen aus Deutschland, zigtausende allein aus der Schweiz. Und nur allzu oft steckten dahinter auch Betreiber anderer Hetzseiten, die so teilweise mit mehreren Accounts und Identitäten am Start waren. Wie clevere Rechercheure zudem schon vor Langem aufdeckten, sind die meisten Likes zudem offenbar gekauft – von Mario R. aus Erfurt, dem letzten Admin der Seite. Sein IT-Unternehmen verdient nämlich unter anderem auch damit sein Geld.

Die Fakeseite „Anonymous/Kollektiv“ als „Deutschlands größte Hetzseite“ zu bezeichnen, halte ich vor diesem Hintergrund für gewagt. Zumal es suggeriert, dass mit ihrer Abschaltung ein gewaltiger Schlag gegen deutschsprachige menschenfeindliche Hetze im Internet gelungen sein muss. Sicher hat hier offenbar die Bundesregierung hart mit Facebook gerungen, damit dieses digitale Armutszeugnis für unser Land endlich verschwindet. Doch an anderer, viel gefährlicherer Stelle schaut man weiter tapfer weg. Die definitiv größte Gefahr in Sachen Hetze und Herausbildung rechtsradikaler Internet-Subkulturen stellt nämlich nicht eine Facebook-Seite dar, die die meisten ihrer Likes sehr wahrscheinlich aus der Retorte hat. Die eigentliche Wiege dieser Hetze steht ganz woanders – und das bis heute.

Politically Incorrect – rund 250000 Zugriffe pro Tag

Bereits seit 2004 wurde auf dem von Stefan Herre gegründeten Hetzportal „Politically Incorrect“ der Nährboden bereitet, auf dem sich diese neue Form von Menschenfeindlichkeit und Rassismus kultivieren konnte, die heute in Form von AfD und Pegida in voller Blüte steht. Gehetzt wird dort bis heute – und das mit Hunderttausenden Abrufen pro Tag. Laut Alexa-Internet-Dienst waren es 2011 bis zu 60.000, PI damit eine der 1000 meistgelesensten deutschen Internetseiten. Pegida und die damit einhergehende zunehmende Etablierung rassistischer Grundüberzeugung in unserer Gesellschaft wirkten wie ein Lebenselixier für die Statistik des Hetzblogs. Im April 2016 rühmte sich PI denn auch bereits mit rund 100.000 Besuchern und knapp 250.000  Seitenaufrufen pro Tag.

Aus PI formierten sich die sogenannten „Pro“-Bewegungen, die schließlich sogar in die Gründung der rechtsextremen und islamfeindlichen Partei „Pro Deutschland“ mündeten. PI wurde zur Plattform für Hassprediger wie Udo Ulfkotte, Akif Pirinci und andere, die Islamfeindlichkeit und Ausländerhass zum gesellschaftlichen Trend machten. Die Seite wurde zum öffentlichen und quasi-legalen Sammelbecken für all jene, die ihre fragwürdigen Ansichten bis dato im Verborgenen gepflegt hatten. Viele Jahre lang ließen Bundesregierung und Verfassungsschutz die Macher der Seite gewähren – obgleich für jeden ersichtlich war, welch geistiges Brandstiftertum sich da auf den Weg machte und wohin dies langsam aber sicher führte. Irgendwann schaute der Verfassungsschutz dann doch mal genauer hin, was zur Folge hatte, dass die Seite auf ausländische Server umzog. Aber es ist ja nicht so, dass man dagegen nun völlig machtlos wäre, das hat letztlich ja auch der Druck der Bundesregierung auf Facebook gezeigt.

Damit dürfte klar sein: Das Abschalten einer einzigen Seite, die ich persönlich im Gesamtkontext eher als kleinen Fisch einstufen würde, dürfte wirkungslos sein im Kampf gegen die Verbreitung solch gefährlicher Gesinnungen über das Internet. Der Zeitpunkt, wirksam gegenzusteuern, wurde verschlafen. Und im Grunde schläft man noch immer. Noch immer wird nichts unternommen, den Aufbau extremistisch-revolutionärer Strömungen über das Internet zu unterbinden oder aber zumindest zu erschweren. Wo wir wieder bei der Forderung nach einem eigenen Ministerium für Internetfragen wären, die ich hier schon vor Jahren aufgeworfen hatte. Die Gefahr, die vom Internet für die bestehende Ordnung ausgeht, ist den Damen und Herren in Bundestag und Regierung aber offenbar immer noch nicht aufgegangen. Selbst der Fall Anders Brejvik hat die Augen nicht öffnen können. Und die Medien thematisieren diese Gefahr nicht, was eigentlich fast das schlimmere Übel ist, denn sie sollen ja gerade das lebendige Korrektiv sein und damit Einfluss nehmen, statt unter Einfluss zu stehen.