Flüchtlingskrise: Überforderung schreit nach einfachen Wahrheiten.

An die Tore Europas brandet die Flut der Verfolgten und Ausgebombten, der Entrechteten und Verarmten. Mehr als 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, sodass Beobachtern schon eine neue Völkerwanderung schwant. Der Begriff ist keinesfalls neu. Er tauchte in der Vergangenheit immer wieder auf, immer dann, wenn in öffentlichen Debatten um Migration und Integration die Superlative knapp wurden. Und wie immer in solchen Momenten der emotionalen Erregung, der Ohnmachtsgefühle und des Frustes – die durch solcherlei superlativlastiger Berichterstattung übrigens noch weiter geschürt werden – stehen schnelle Empörung, schnelle Lösungen und die prompte Auslieferung der Schuldigen im Volke hoch im Kurs. Was das betrifft, hat sich wenig geändert seit der großen zivilisatorischen und materiellen Krisen, die der Erste und vor allem auch der Zweite Weltkrieg hinterließen. Klare Kategorisierungen von gut und böse, von Freund und Feind, von Schuldigen und Opfern waren immer schnell bei der Hand. Sinn machten sie dagegen häufig weniger. Dabei wird heute gern und oft vergessen, wohin diese tunnelblickartige Verteilung von Schuld und Opferstatus, gepaart mit diffuser Wut und Rachsucht, sowie die nie weit entfernte, wütend vorgetragene Forderung, „endlich zu handeln“, stets führten: und zwar auf direktem Wege in verheerende totalitäre Systeme, die ihrerseits die größten Flüchtlingswellen der letzten Jahrhunderte auslösten, gegen die die derzeitige Situation in Europa fast wie ein laues Lüftchen anmutet.

Allein 14 Millionen vertriebene Deutsche aus den ehemaligen Ostgebieten kamen zwischen 1945 und 1947 im deutschen Kernland an. Dazu kamen Flüchtlinge, die schon kurz nach Kriegsende vor dem Totalitarismus kommunistischer Prägung im Osten in die westdeutsche Besatzungszone flohen sowie nicht zuletzt die Millionen fremder Soldaten der Besatzungstruppen – Deutschland war in diesen schlimmen Jahren ein einziger riesiger Schmelztigel der Kulturen. Die Verhältnisse, unter denen die Menschen damals lebten, waren in den ersten Jahren erbärmlich, denn das Land war vollkommen kriegszerstört. Und dennoch war ihre Unterbringung und Versorgung irgendwie möglich – auch, weil man aus seiner Position der Schwäche als Kriegsverlierer heraus keine andere Wahl hatte.

Angesichts dieser Zahlen mutet es fast wie Hohn an, wenn Medien und sogar Wissenschaftler bei rund 500000 während der letzten zweieinhalb Jahre gestellten Asylanträgen (von denen nicht mal 40 Prozent auch bewilligt wurden) in Deutschland bzw. knapp zwei Millionen in ganz Europa eine „neue Völkerwanderung“ wittern. Denn dieser Begriff muss – wird man sich seiner historischen Tragweite klar – vor allem eines schüren: Angst und Panik. Und dafür gibt es heute überhaupt keinen Grund. Das Gro der Flüchtlinge – 2015 sind weltweit 60 Millionen Menschen auf der Flucht, davon stellten in diesem Jahr rund 500000 in der EU einen Asylantrag, davon gut die Hälfte in Deutschland – nehmen immer noch ganz andere Regionen auf: unter anderem Staaten, die zu den ärmsten der Welt gehören. Von Angriffen auf Flüchtlingslager, Massendemonstrationen und politischer Stimmungsmache hört man aber fast immer nur aus Deutschland und anderen europäischen Staaten.
Panikmache spielt jenen in die Hände, denen es nicht um die Lösung dieses lokalen Problems geht, sondern die über die Brücke der Angst in Positionen klettern wollen, aus denen heraus sie das System, die Gesellschaft grundlegend verändern können. Wie schnell das gehen kann, zeigten die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts, die fast immer aus solchen (oft stimmgewaltig populistisch verstärkten) nationalen Krisen hervorgingen.

Einfach gestrickt und leicht verständlich müssen sie sein, die Klageschriften im Fall „Flüchtlingskrise“. Platz eins in der Hitliste der Schuldigen: „Die Politik“. Was genau man nun darunter verstehen soll, bleibt unscharf. „Politikversagen“ ist in der aktuellen Flüchtlingskrise zum geflügelten Wort geworden – gern auch weitertransportiert von der politischen Opposition eines Landes sowie diversen Kommentatoren, von Globalisierungsgegnern, aber auch von Extremisten, die die Ordnung eines Landes per se ablehnen. Da ist Genauigkeit oft nur hinderlich. Sie alle sehen in der momentanen prekären Lage einen willkommenen Aufhänger, um gegen das verhasste Etablierte, gegen den Mainstream – und somit gegen demokratische Grundsätze – zu agitieren.

Auch gern als Generalverantwortlicher in die Mangel genommen: der Kapitalismus. So schrieb ein gewisser Nick D. auf Facebook zu den entsetzlich entwürdigenden Bildern eines ertrunkenen syrischen Flüchtlingskindes, das an den türkischen Strand gespült worden war (und die ich hier ganz bewusst NICHT zeigen werde):

Es ist eine kapitalistische Welt Grausam und unbarmherzig. Nur die Abschaffung des Kapitalismus würde diese Welt heilen. Und viel Zeit bleibt nicht mehr…

Den Kapitalismus abschaffen – und alle Probleme in der Welt sind gelöst. Das klingt doch wirklich nach einer erreichbaren und plausiblen Lösung. Worauf warten wir also? Denn: „Wir können die Welt ändern. Noch“, schreibt Nick, der als Profilbild ein großes, buntes Antifa-Symbol zur Schau trägt.

Im russischen Zarenreich und auch im kaiserlichen Deutschland traf man ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im revolutionären Lager solche Agenden verstärkt an. Vor allem im Rahmen des Marxismus formulierte sich die These von der Abschaffung des Kapitalismus als Heilsbringer klassenloser Gesellschaften, in denen alles gut würde, weil es in ihnen keinen Klassenantagonismus (also das Aufeinanderprallen der Interessen verschiedener gesellschaftlicher Schichten) gebe. Das Ziel des Marxismus war die Abschaffung der in den meisten Industriestaaten Europas etablierten kapitalistischen Ordnung zugunsten einer sozialistischen Zwischenstufe. Diese sollte den Übergang zur klassenlosen kommunistischen Gesellschaft bilden, in der alle Produktionsmittel und alles Vermögen schließlich in den Händen der Arbeitenden liegen würden. Diese würden dann – gemeinsam mit den Bauern – eine homogene, klassenlose Schicht bilden. In der sozialistischen Realität wurde dann freilich augenscheinig, dass dies eine Utopie war. Denn nicht jeder Bürger ließ sich entweder den Arbeitern oder Bauern zuschlagen. Und selbst innerhalb dieser beiden Hauptgruppen gab es Vor- und Hilfsarbeiter, Kolchosenleiter und Pflanzhelfer mit unterschiedlichen Vergütungen (getreu dem sozialistischen Motto: Jedem nach seiner Leistung), Lebensumständen und Interessen – und damit selbstvertändlich auch eine Art Klassenantagonismus. Was meint also jemand, der den Kapitalismus beseitigen will? Will er dann Sozialismus? Oder was sonst?

Auf die vielen Flüchtlinge hingewiesen, die sozialistisch geprägte Systeme bzw. Machtbereiche insbesondere im vorigen Jahrhundert hervorbrachten, will sich Nick D. allerdings nicht als Sozialist missverstanden wissen. Auch bei ihm steht das Auffinden eines Schuldigen im Vordergrund – ob dessen Liquidation aber automatisch bessere Verhältnisse freisetzen würde, bleibt in diesen Überlegungen unberücksichtigt. Und Nick D. ist damit nicht allein. Es ist zum beliebten Trend geworden, Handlungsfolgen kategorisch auszublenden. Man kann nur mutmaßen, warum den Menschen Vor- und Weitsicht zusehends abhanden kommen. Vielleicht liegt es daran, dass in Europa und auch in anderen Gegenden mit erstarkendem Nationalismus wie etwa Russland eine Generation den Kinderschuhen entwächst, die die möglichen Folgen solchen Leichtsinns nie am eigenen Leibe spürten. Die nicht wissen, wie es ist, wenn die Heimat plötzlich im Krieg versinkt, der aus Größenwahn und Selbstüberhöhung heraus geführt wird. Die folglich auch nicht wissen, wie es ist, wenn die Heimat plötzlich Verderben bedeutet und nur die Flucht Überleben verheißt. Das interessante daran ist, dass diese Form des Ausblendens der historischen und aktuellen Realitäten quer durch alle politischen Lager und besonders gut an den beiden extremen Polen des politischen Spektrums funktioniert. Kategorische Systemkritik mischt sich hier wechselweise mit Menschenverachtung, Selbsthass oder dem Hass auf Staat und Obrigkeit.

Nick D. begreift sich als Antifaschist. Kapitalismus setzt er mit Faschismus gleich. Doch was wäre denn die Alternative? Zum Kapitalismus bildet der Sozialismus mit Endziel Kommunismus immer noch die einzige jemals in Industriestaaten realisierte Option. Eine andere Alternative hält auch Nick D. nicht parat – genauso wenig übrigens wie diverse oppositionelle Politiker.

Doch das Wichtigste ist: WIE man den Kapitalismus abschaffen könnte, das bleibt ebenfalls das Geheimnis der Protagonisten. Als 1917 das letzte Mal (zumindest territorial begrenzt) der Kapitalismus abgeschafft wurde, kostete das Millionen Menschen das Leben. Denn die Abschaffung des Kapitalismus bedeutete zwangsläufig die Abschaffung des Individuums, des Privateigentums und der Freiheitsrechte – etwas, das nie gewaltfrei vonstatten gehen könnte, wie nicht zuletzt die Große Sozialistische Oktoberrevolution der marxistischen Bolschwiki in Russland im Oktober/November 1917 zeigte. Im darauf folgenden blutigen Bürgerkrieg kamen geschätzt 10 Millionen Menschen um; die Konsolidierung der neuen Machtverhältnisse unter Lenin und vor allem Stalin forderte weitere rund 20 Millionen Opfer.

Ist es also das, was wir wollen? Selbst wenn wir zu dem Schluss kämen, dass es uns solche immensen Opfer wert wären, solange sie nur die Welt grundlegend veränderten – so müssten wir uns doch fragen, ob all das denn überhaupt einen Einfluss auf die Flüchtlingsproblematik hätte. Wäre eine sozialistische, kommunistische oder anderweitig nichtkapitalistische Welt also eine Welt ohne Flüchtlingselend? Mitnichten, wie die Geschichte zeigt und wie eingangs bereits angedeutet.

Der imperiale und totalitäre Charakter, den die 1922 neu gegründete Sowjetunion umgehend annahm, machte Millionen Menschen zu Flüchtlingen. Wer konnte, entzog sich dem sowjetischen Terror gegen die sogenannte „Bourgoisie“ und die zaristische Intelligenz durch Emigration. Vor allem viele Künstler, wie etwa der Pianist Sergej Rachmaninow, zog es in dieser Zeit ins westliche Ausland, vor allem in die USA oder nach Frankreich. Wer nicht fliehen konnte oder wollte, bezahlte dies häufig mit dem Leben. Die Säuberungen erfolgten unter der Maßgabe der Durchsetzung einer Diktatur des Proletariats – und halfen doch nur einer neuen Nomenklatura in den Sattel, die abermals Macht, aber auch Kapital und Produktionsmittel in ihren Händen konzentrierte.

Ähnlich verlief der Umsturz im Osten Deutschlands, der nach 1945 zunächst Besatzungszone und nach der Gründung der DDR 1949 quasi sowjetisches Protektorat wurde. Auch hier trieb der Regimewechsel dank seines gewaltsamen und repressiven Charakters Millionen in die Flucht. Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig erweitern. Man denke nur an die Boat People, die in den 60er-Jahren massenhaft vor dem Terror der neuen kommunistischen Machthaber flohen. Nicht zuletzt das Endstadium des Marxismus-Leninismus in der Sowjetunion machte zu Beginn der 90er-Jahre abermals Millionen zu Flüchtlingen.

Unterm Strich sollte man sich vor allem anderen fragen: Wohin wollen denn all die Flüchtlinge, die den Weg nach Europa suchen? Zieht es sie in jene Länder, in denen monarchistische, totalitäre, sozialistische oder Clan- und Stammesstrukturen vorherrschen? Nein! Es zieht sie in die freie, kapitalistische Welt, so wie es die Menschen aus den Ostblockstaaten einst in die Marktwirtschaft zog. Somit wollen Leute wie Nick D. im Grunde die Welt abschaffen, für die zu erreichen derzeit Hunderttausende ihr Leben riskieren. Auch eine Art, sich des „Flüchtlingsproblems“ zu entledigen.

Man könnte das Fazit ziehen, dass die Abschaffung des Kapitalismus allein nichts am Flüchtlingselend unserer Welt ändern würde. Nicht das Geringste. Wieder genügt ein Blick in die Geschichte. Lange vor der Herausbildung der ersten kapitalistischen Systeme im Zuge der im 18. Jahrhundert einsetzenden Industrialisierung war Flüchtlingselend Alltag. Flüchtlinge hat es auf der Welt gegeben, solange es Armut, Unterdrückung und Krieg gibt. Das führt einen unweigerlich zu der Erkenntnis, dass Flucht und Vertreibung sowie Klassenunterschiede der menschlichen Natur immanent sind. Auch in der Tierwelt findet man sie. In jedem sozialen Verband – ob Rudel, Schwarm oder Herde – gibt es rangniedere und ranghöhere Tiere. Es gibt Rivalitäten und Kämpfe, Gewinner und Verlierer, Mitläufer und Ausgestoßene. Nur eines gibt es in der Tierwelt nicht (oder nur sehr begrenzt): die Fähigkeit zur Empathie. Unser empathischer Sinn lässt uns Mitgefühl empfinden, aber eben auch Hass. Es hat unseren Blick auf die Welt verändert, die im Grunde schon immer so war, wie sie heute ist. Menschen werden immer Menschen bleiben – und damit von Interessen und (durchaus auch niederen) Instinkten gesteuerte Individuen. Man kann sie nicht in eine Form pressen, ohne ein Blutbad anzurichten.

Es gibt heute auch nicht mehr Kriege, mehr Elend und mehr Gewalt als früher, wie von Rassisten wie Antikapitalisten in erstaunlichem Einklang häufig behauptet wird – verantwortlich dafür werden dann immer gern pauschal westliche Arroganz, Rüstungsstreben, Kriegstreiberei und Interessenspolitik gemacht. Dass an den Vorhaltungen als solchen punktuell durchaus viel Wahres dran ist, steht auf einem anderen Blatt. Grundsätzlich aber gibt es heute nicht mehr von westlichen Staaten verursachtes Unrecht und Konfliktpotenial als früher. Geändert haben sich vielmehr die äußeren Rahmenbedingungen. All die Flüchtlinge, die heute zu uns kommen, hätten es noch vor 20, 30 Jahren nur im Ausnahmenfall bis zu uns geschafft. Viele wären nicht einmal auf die Idee gekommen, ihre Heimat gen Europa zu verlassen, weil Europa für viele fernes, unbekanntes Territorium war. Doch dank der immer ausgefeilteren und sich rasend schnell verbreitenden Kommunikationsmittel ist die reiche westliche Lebensweise mittlerweile allgegenwärtig in den Armenvierteln und Flüchtlingslagern Afrikas, Südamerikas oder des Nahen Ostens. Während früher nur wenige Gebildete in besagten Regionen wussten, wie das Leben bei uns läuft, weiß es heute fast jeder. Deshalb kommen sie. Weil sie erstmals in ihrem Leben einen Ausweg sehen, der nicht nur mehr Sicherheit und Frieden, sondern auch eine Perspektive für ein Leben ohne Armut bietet.

Es bleibt festzuhalten, dass die aktuellen Flüchtlingsströme der Preis sind, den wir für unser stetes Streben nach Moderne, Fortschritt und Ausweitung unseres Einflussbereiches zahlen. Gelang es uns zu Kolonialzeiten noch, unsere strukturellen Vorteile gegenüber den „rückständigen Massen“ der Dritten Welt auszuspielen und sie so zurückzudrängen und ahnungslos zu halten, gelingt uns das nun zusehends nicht mehr. Nun kann man das als Bedrohung sehen, Panikmache betreiben und zum Angriff blasen. Nur weiß eigentlich kaum jemand so genau, wen man angreifen soll.
Wie wäre es stattdessen mit einem Umdenken? Nicht der Kapitalismus gehört abgeschafft – schon aus Mangel an erprobten Alternativen. Abgeschafft gehört das Denken in Kontexten, die potenziell abwägen und abwerten und die Welt als tägliche existenzielle Entscheidung darstellen: Ich oder der? Wir oder die? Gläubig oder ungläubig? Gut oder böse? Freund oder Feind? Fortschrittlich oder rückständig? Ein solches Denken blendet zwangsläufig die vielen Schattierungen dazwischen aus – und damit: Möglichkeiten, Chancen. Wer, wie etwa der ungarische Präsident Viktor Orban („Wir wollen hier keine Muslime“), eine erfolgreiche Integration von Flüchtlingen aus anderen Kulturkreisen von vornherein ausschließt, der wird folglich alles tun, um sich bestätigt zu finden oder aber alles, dass es dazu erst gar nicht kommt. Hier muss man ansetzen – bei sich selbst und nirgendwo sonst.

Sind wir also „herzkrank“, wie der Philosoph Christoph Quarch unlängst diagnostizierte. Nein, nur unvernünftig und naiv. Wir müssen aufhören, uns an alte, überkommene Vorstellungen von der Welt zu klammern. Wer Freiheit und Wohlstand westlicher Gesellschaften will, der muss begreifen lernen, dass diese tradierten Vorstellungen von rassischer und kultureller Überlegenheit und nationalen Grenzen in der Welt, die wir mittlerweile geschaffen haben, nicht mehr überlebensfähig sind. Unser unermesslicher Reichtum ergibt sich auch aus Handels- und Wirtschaftsbeziehnungen mit Drittweltstaaten. Das öffnet den Menschen dort ein Fenster in unsere Welt. Den absolut berechtigten Willen, auch so leben zu wollen wie wir, wird man nur durch Unterdrückung zurückdrängen können. Wer dennoch auf seine Vorrechte als deutscher Staatsbürger oder aber auf die vermeintliche Verkommenheit von Staat und System pocht, der wird damit bestenfalls eines erreichen: neue innere Instabilität, einen neuen Kulturkampf wie im Dritten Reich und schlimmstenfalls bürgerkriegsähnliche Zustände.

Zwischen Nostalgie und Demütigung: die ehemalige sowjetische Mittelschicht und die Wiedervereinigung

Wohnung für Fähnriche in Forst Zinna.
Wohnung für Fähnriche in Forst Zinna.
Zeigt man ehemaligen Angehörigen der sowjetischen Streitkräfte, die einst in der DDR ihren Dienst versahen, Bilder vom heutigen Zustand der noch erhaltenen, aber vielfach dem Verfall preisgegebenen früheren Liegenschaften, ist die Reaktion häufig dieselbe: „Grausam!“ sagt Wladimir aus Polotzk (Weißrussland), als er die Ruinen der Kasernenanlage in Ribnitz-Damgarten sieht – und bedankt sich zynisch beim „Friedensnobelpreisträger“. Gemeint ist damit Michail Gorbatschow, der einst als KPdSU-Chef mit Hans-Dietrich-Genscher die Verträge zur deutschen Einheit aushandelte. Andere werden noch deutlicher und werfen den Deutschen vor, „keine Kultur“ zu haben. „In unseren Zeiten waren all diese Kasernen top gepflegt. Erst nahmen die Deutschen sie uns weg, und nun lassen sie sie einfach verfallen, dabei heißt es doch immer, sie seien so reich, gebildet und zivilisatorisch hoch stehend“, schimpft Zhanna, ebenfalls aus Weißrussland. Es schwingt Wut darin mit, und auch ein Hauch einer nie überwundenen Demütigung. Beide sind heute um die 60. Sie kennen die Sowjetunion noch zu Zeiten scheinbarer Blüte, weil ihnen die ersten Anzeichen des Zerfalls und seine strukturbedingten Hintergründe verschwiegen wurden – den Zusammenbruch 1991 erlebten sie entsprechend unvorbereitet, als einschneidende Zäsur. In den postsowjetischen Gebieten sind sie eine langsam aussterbende Generation. Und das scheinen sie auch genau zu wissen.

Auf Kriegsschuld und Pump gebautes Wirtschaftswunder

In den 60er- und 70er-Jahren befanden sich Gesellschaft und Wirtschaft in der sowjetischen Heimat bereits in einem Zustand tiefster Stagnation – das wohl herausragendste Merkmal der insgesamt 18 Jahre währenden Brezhnew-Ära. Zwar setzte „Väterchen Ljonja“ den unter Chruschtschow begonnenen Kurs der Entstalinisierung – wenn auch mit stark verminderter Intensität – fort. Doch vermochte er es eben nicht, Lösungen für eine Situation zu finden, in der das vor allem auf den Reparationsleistungen der DDR gebaute Wirtschaftswunder der Nachkriegsjahre aufgrund des ausbleibenden Nachschubs an moderner, zeitgemäßier Technik zu bröckeln begann. Denn diese Quelle versiegte mit den Jahren. Tausende hochspezialisierte ostdeutsche Wissenschaftler, die nach dem Kriegsende in die UdSSR zwangsdeportiert worden waren, kehrten im Zuge der proforma-Unabhängigkeit der DDR im Jahr 1954 in ihre Heimat zurück – und hinterließen im sowjetischen Kernland klaffende Lücken.
Es sind jene Jahre, in denen die gebürtige Russin Zhanna aus der Brjansker Region in die DDR kommt. Mit ihren Eltern zieht sie 1955 in eine Kaserne im anhaltinischen Hillersleben, besucht die dortige 45. sowjetische Grundschule. Vier Jahre später zieht die Familie weiter nach Oschatz, wo das Mädchen die sowjetische Mittelschule besucht. Fast ihre gesamte Jugend verbringt Zhanna in der DDR – bis es 1965 zurückgeht – zunächst ins russische Woronesch, wo sie die Schule abschließt und Forstwirtschaft studiert, später ins weißrussische Gomel. Bis heute glaubt sie an das fortschrittliche Leben in der Sowjetunion, die heldenhafte sowjetische Armee. Der Westen hat ihnen all das genommen, dessen ist sie sich sicher – und Michail Gorbatschow hat alles für ein paar Milliarden verraten und verkauft. Viele, die damals profitierten und wie Zhanna eine sorglose Jugend in schicken Neubauwohnungen verbrachten, die sich das Militär auf DDR-Rechnung bauen ließ, denken so. Für sie ging mit dem Zusammanbruch 1991 ein Traum kaputt – der Traum eines kommunistischen Lebensideals, das nur für eine verschwindend geringe Zahl von Sowjetbürgern tatsächlich Realität und das im Wesentlichen auf Pump und Kriegswirtschaft gebaut war. Von den Macken des Systems und deren Auswirkungen auf die Versorgungslage in der Gesellschaft waren sie am wenigstens betroffen. Folglich waren gerade von den in der DDR stationierten Armeeangehörigen überdurchschnittlich viele als linientreu und absolut loyal gegenüber der sowjetischen Ideologie einzustufen.

Wettrüsten und Propaganda statt sozialem Wohlstand

Die marxistisch-leninistische Staatsdoktrin mit dem Feindbild Westen, die Armee und mit ihr untrennbar verbunden der Kult um die Errettung der Welt aus dem Faschismus durch den sowjetischen Sieg im Großen Vaterländischen Krieg bildeten den Kitt, der Staat und Gesellschaft auch in wirtschaftlich schweren Zeiten zusammenhalten sollte. Von der Entspannung der außenpolitischen Krisen während der ersten Jahre unter Brezhnew kam beim kleinen Sowjetbürger fast nichts an, denn an der zentral geführten, konkurrenzunfähigen Wirtschaft änderte sich nichts, ebenso wenig wie an der auf ständige Wehrhaftigkeit ausgerichteten, durchmilitärisierten Gesellschaft. Wovon die kleine Zhanna in der DDR freilich nichts mitbekam: Mangel und Verfall machten sich in der UdSSR vor allem im sozialen sowie im Versorgungssektor breit. Während der Anteil der Ausgaben für Bildung und Erziehung am Bruttsozialprodukt in der UdSSR zu Zhannas Grundschulzeit 1956 noch bei fast konkurrenzlosen 4,4 Prozent gelegen hatte (USA: 2,4 Prozent, BRD: 2,2 Prozent, DDR: 3,8 Prozent), war er bereits 1962 auf knapp 3,8 Prozent gesunken. Andere Staaten, allen voran Schweden (6,0) und Norwegen (5,0), aber auch die DDR (4,3) und die CSSR (4,0), hatten die Sowjetunion da längst überflügelt (vergl.: Hedtkamp). Stattdessen waren die Rüstungs- und Militärausgaben auf konstant hohem Niveau geblieben. Auf der Höhe der Ära Brezhnew im Jahr 1979 gab die Sowjetunion immer noch 14 Prozent ihres Bruttosozialproduktes für Rüstung und Militär aus – um ein Drittel mehr als etwa die USA. Entziehen konnte sich dem kaum jemand, schon deshalb nicht, weil viele Millionen Sowjetbürger mittlbar oder unmittelbar in der Rüstungsindustrie oder beim Militär beschäftigt waren. Von klein auf wuchs jeder in seine Rolle als Diener seines Staates hinein. Schwach war der, der dies auch offen zeigte und eingestand – und genau da setzte auch die staatliche Propaganda an.

IMG_0094In den Kasernen in der DDR wurden ab den 60er-Jahren verstärkt bunte Plakate aufgehängt. Wer genau hinschaut, findet sie noch heute in großer Zahl in den Ruinen. Sie erzählten von den vermeintlich „großen Erfolgen“ der sowjetischen Wirtschaft: „2300 Kilometer neue Eisenbahnstrecken fertiggestellt“, oder auch „80-82 Milliarden Eier produziert“ stand darauf. Das alles sollte über einige unangenehme Wahrheiten hinwegtäuschen. Zum Beispiel darüber, dass Mitte der 70er-Jahre die Planungen der sowjetischen Ökonomen aufgrund des wachsenden Rückstandes gegenüber westlichen Industrienationen zunehmend bescheidener ausfielen. So peilte man im Fünfjahresplan von 1976 für das Jahr 1980 gerade einmal 85 Prozent des Nationaleinkommens der USA des Jahres 1975 an. Auch dieses Ziel wurde verfehlt. Den Vorsprung in Sachen Elektronik und Kommunikation hielten die USA 1976 gar für so groß, dass sie in Erwägung zogen, den Exportstopp für kommunistische Zielländer aufzuheben, den man für hochspezielle Computertechnik eingeführt hatte. So also waren die Zeiten, als Zhanna und Wladimir in der DDR lebten.

Die DDR – sowjetische Parallelwelt auf Staatskosten

Wer dazu die Gelegenheit erhielt, erfuhr in der Tat ein seltenes Privileg. In der Regel fand man in der DDR Verhältnisse vor, die oft Welten von dem entfernt waren, was die Sowjetunion an – häufig noch kriegsgeschädigter – Infrastruktur zu bieten hatte. Die solide Gebäudesubstanz der Kasernen aus der Kaiserzeit, die die sowjetischen Sieger 1945 übernommen hatten, war in den 50er- oder auch in den 70er-Jahren tatsächlich noch in gutem Zustand. Wenn Zhanna oder Wladimir dieselben Gebäude allerdings gegen 1992 noch einmal betreten hätten, wäre ihnen deutlich vor Augen geführt worden, dass der Verfallsprozess längst begonnen hatte, als die Okkupationstruppen noch anwesend waren. Wenngleich viele der Gebäude damals rein baulich gesehen tatsächlich noch zu retten gewesen wären. Investitionen in den Erhalt von Infrastruktur auf fremdem Boden schien im Kreml wenig zielführend angesichts einer Lage, in der selbst Bildungsausgaben gekürzt wurden, um die Rüstung weiter auf hohem Niveau zu halten. Diese Aufgaben betrachtete man vielmehr als Angelegenheit der DDR-Führung, die bis zur Wende für die Kosten der Besatzung aufkommen musste: jährlich zwischen zwei Milliarden zu Beginn und 800 Millionen Mark am Ende – was bis zu 9 Prozent des staatlichen Verteidigungshaushaltes entsprach. Insgesamt schätzen Ökonomen, dass die DDR ab Kriegsende 1945 bis zum Jahr 1953 allein knapp 100 Milliarden Mark (zu damaligen Preisen) und damit 98 Prozent aller gesamtdeutschen Reparationen an die Sowjetunion leistete – die milliardenschwere Truppenpräsenz bis zur Wende 1989/90 ist darin noch nicht abgebildet.

Konversion – Milliardenfass ohne Boden

IMG_5613-swAls die Truppen 1992-1994 aus Deutschland abzogen, ließen sie fast 800 Kasernenanlagen, 47 Flug- und 116 Truppenübungsplätze zurück. Fast alle waren toxisch kontaminiert und mit Munition belastet. Die Beseitigung all dieser überwältigenden Schäden hat den deutschen Steuerzahler in der Vergangenheit unzählige Summen gekostet. Nicht immer haben private Investoren diese Aufgabe dem Staat abgenommen. Allein die Umnutzung und Rekonstruktion der Kasernenanlagen in der Dresdner Albertstadt hat den Freistaat Sachsen und die Stadt Dresden in den vergangenen 20 Jahren mehrere Hundert Millionen Euro gekostet. Und noch immer ist nicht jede Brache verschwunden.
Noch viel stärker betroffen ist das Land Brandenburg, auf dessen Territorium sich ungleich mehr ehemalige sowjetische Liegenschaften sowie der Mammutanteil der Truppenübungsplätze befanden. 96000 Hektar Konversionsfläche (von ursprünglich 230000 Hektar militärisch genutzter Fläche) übernahm das Land 1992 aus dem Vermögen der Bundesregierung, darunter 80 Kasernenkomplexe rings um Berlin, 26 Wohngebiete, 19 Flug- und 60 (!) Truppenübungplätze. Erste Bestandsaufnahmen ergaben damals, dass schon die wichtigsten Maßnahmen zur unmittelbaren Gefahrenabwehr wie Dekontamination und Bestandssicherung 5,5 Milliarden D-Mark kosten würden. Angesichts dieser Summen musste die Umnutzung planvoll und unter den Maßgaben städtebaulicher Entwicklung erfolgen. Das hieß: Renoviert und zivil umgenutzt wurden vor allem jene Kasernenanlagen in attraktiver Lage im Einzugsgebiet Berlin, die ein Potenzial als Wohn- oder Gewerbestandort aufwiesen. Diese konnten zum Teil auch ohne Probleme an private Investoren veräußert werden. Was jedoch zu weit ab vom Schuss lag oder in zu schlechtem Zustand war, verfällt häufig bis heute oder wurde längst abgerissen.

Ehemaliger Luftwaffenstützpunkt Rangsdorf.
Ehemaliger Luftwaffenstützpunkt Rangsdorf.
Lenin vor dem Haus der Offiziere in Wünsdorf. Seit 1994 steht das prachtvolle Gebäude leer.
Lenin vor dem Haus der Offiziere in Wünsdorf. Seit 1994 steht das prachtvolle Gebäude leer.
Ein wahrhaft gigantisches Modellprojekt zur Entwicklung ehemaliger militärischer Liegenschaften ist bis heute die Waldstadt bei Wünsdorf. Seit 1953 abgeschirmtes Städtchen und Schaltzentrale der sowjetischen Besatzungstruppen in Ostdeutschland, lebten hier einst 30000 sowjetische Soldaten und Familien bei 5000 Einheimischen. Über 500 Hektar Fläche wollten hier von militärischer in zivile Infrastruktur umgewandelt werden. Bis heute haben Konversionsbemühungen und Bestandssicherung dort Hunderte Millionen Euro an Landesmitteln verschlungen, hinzu kommen ungezählte Millionen an Bundesmitteln für die Beseitigung von Altlasten. Doch gerade die Waldstadt zeigt, wie sehr man sich mit der zivilen Umnutzung auch verrechnen kann: Viel geringer fiel das Interesse am neu geschaffenen Wohnraum 50 Kilometer vor Berlin aus, als ursprünglich gedacht. 30 Prozent der Wohnungen im ehemaligen Oberkommando der Westgruppe blieben leer. Fehlinvestitionen in Höhe von einer halben Milliarde Euro ließen die federführende Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) 2001 in die Liquidation taumeln.

Das Beispiel zeigt, wie kostenaufwendig und risikoreich die Umnutzung ehemaliger militärischer Liegenschaften gerade in weniger entwickelten Regionen war und ist. Nichtsdestotrotz zeigt es auch die zahlreichen Bemühungen von Staat, Ländern und Kommunen, die frei gewordene Bausubstanz einer sinnvollen Nachnutzung zuzuführen – und das, obwohl absehbar war, dass die halbe Million Menschen, die diese Gebäude zuvor bevölkert hatten, bei abnehmender Bevölkerungszahl unmöglich zu kompensieren sein würden. Wer sollte denn den Wohnraum beziehen, den sie hinterließen? Zumal gleichzeitig in den Städten und Gemeinden riesige Sanierungswellen zur Wiederherstellung der zu DDR-Zeiten häufig verfallenen Altbausubstanz anrollten.

Wie viel Geld genau seit 1994 in das Mammutprojekt Konversion geflossen ist, hat bislang niemand bilanziert. Allein das Land Brandenburg investierte bis heute mehr als zwei Milliarden Euro in die Entwicklung bzw. Revitalisierung ehemaliger Sowjetischer Liegenschaften. Ein Vielfaches wird nötig sein, um alle verbliebenen Schandflecken zu beseitigen. Im gesamten Osten dürften es viele viele Milliarden gewesen sein. Hinzu kommen die laufenden Kosten für Pflege und Erhalt sowjetischer Ehrenmale und Friedhöfe, auf denen seit der Wende der deutsche Staat sitzen bleibt. Die Regierungen der postsowjetischen Staaten fühlen sich oft selbst für solche Anlagen nicht zuständig, die nicht explizit unter das Gräbergesetz oder die Vereinbarungen der 2+4-Verträge fallen.

Entschädigungen und Aufbauhilfen in zweistelliger Milliardenhöhe

Nicht vergessen werden darf – und das konnte als absolutes Novum in der Geschichte gelten -, dass die Bundesrepublik die ehemalige Besatzungsmacht im Rahmen der 2+4-Verträge für die Aufgabe der seit dem Kriegsende beanspruchten Gebiete großzügig entschädigte. 15 Milliarden Mark flossen sofort. Wohnungsbauprogramme im Wert von weiteren 8,3 Milliarden Mark an mehr als 40 Standorten auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion sollten zudem helfen, die größte Not der schlagartig heimkehrenden Hunderttausenden Offiziere und Familienangehörigen zu lindern, die daheim nicht selten alle Zelte abgebrochen hatten und nun auf eine Situation trafen, in der die Lage auf dem Wohnungsmarkt auch so schon prekär genug war. Nach dem völligen Zusammenbruch 1991 hatte die Bundesregierung dem wirtschaftlich am Boden liegenden Russland zudem Kredite in Höhe von 24 Milliarden Mark gewährt. Mit 50 Milliarden stand das Land damals bereits allein aus Sowjetzeiten bei der BRD in der Kreide, 15 weitere schuldete es noch der untergegangenen DDR – und damit ebenfalls der BRD. Die Gesamtschuldenlast belief sich damit im Jahr 2001 auf rund 89 Milliarden D-Mark, von denen Deutschland der Russischen Föderation 12 Milliarden (7 Milliarden Euro) erließ.

Unterm Strich bleibt stehen: Die Wiedervereinigung war alles andere als eine „billige“ Angelegenheit für die Deutschen. Im Gegenteil: Sie wird teuer erkauft – und gerade Russland profitiert bis heute von den Folgen und den Kompensationsleistungen Deutschlands. Doch wie erklärt sich vor diesem Hintergrund die Wut von Wladimir, Zhanna und vielen anderen in den postsowjetischen Staaten? Woher kommt der Glaube, Gorbatschow habe das Sowjetimperium damals für „ein paar Milliarden“ zum Fliegenschiss schrumpfen lassen? Zum einen daher, dass die Geschichte der deutschen Wiedervereinigung in vielen postsowjetischen Staaten bis heute keiner objektiven Betrachtung unterzogen wurde. Gerade Weißrussland ist als letzte Diktatur Europas berühmt-berüchtigt für seine geschlossene Gesellschaft. Die Intelligenz des Landes ist bereits zahlreich ins Ausland abgewandert, lebt in Deutschland, Frankreich oder der Tschechischen Republik. Dies ist besonders tragisch vor dem Hintergrund, dass das Land schon einmal fast seine gesamte Intelligenz verlor, als Stalin während des großen Terrors Tausende ermorden ließ, um auch letzte Widerstände gegen die kommunistische Ideologie auszurotten. Von denen, die bleiben, trauern heute nicht wenige dem untergegangenen Riesenreich nach – so wie Zhanna. Es sind vor allem Menschen, die nach 40 Jahren Sozialismus und dem unmittelbaren Erleben seines wenig rühmlichen Kollapses nach einfachen Erklärungen suchen, die möglichst nicht schmerzlich am eigenen Weltbild kratzen. Erklärungen, die ihnen die zentral gesteuerten heimischen Medien gerne liefern – allerdings in bewährter sowjetischer Tradition. Heute stärker denn je zuvor seit der Wende heißt das: Der Westen ist schuld. Denn dort toben Imperialismus und Faschismus. Das wirklich Erschreckende daran ist, dass viele Menschen wie Zhanna oder Wladimir die Zäsur 1991 lediglich als eine Art vorübergehenden Zustand begreifen. Und die jünsten Ereignisse rings um die Krise in der Ukraine hat diesen Semestern ungeahnten Auftrieb gegeben. Nicht wenige sehnen offen den Tag herbei, an dem das russische Militär die damals verlorenen Gebiete zurückholen und eine alte Stärke wiederhergestellt würde, die im Grunde nie mehr als eine Illusion war.

Bildrechte: J. Jannke

Der Freund aus einer anderen Zeit

Stellen Sie sich vor, da steht jemand unangekündigt in der Tür, den Sie vor langer Zeit flüchtig kannten und den Sie 35 Jahre lang nicht gesehen haben. Bei Heike Geißler stand niemand in der Tür. Von der Vergangenheit eingeholt wurde die 53-jährige Lausitzerin dennoch. Im Februar klingelt plötzlich daheim in einem Ort im Görlitzer Umland das Telefon. Freunde, Kollegen, Nachbarn bestürmen sie: „Du bist in der Zeitung! Ein Mann sucht nach dir!“ Für die seit 35 Jahren verheiratete Frau und zweifache Mutter erst mal ein Schreck.

Freundschaftstreffen auf dem Vorplatz des Hellerauer Festspielhauses, das damals sowjetische Kaserne war. Ganz links: Heike Michel (Geißler) und Michail Gordejew.
Freundschaftstreffen auf dem Vorplatz des Hellerauer Festspielhauses, das damals sowjetische Kaserne war. Ganz links: Heike Michel (Geißler) und Michail Gordejew.

Der Mann, der nach Heike Geißler sucht, heißt Michail Gordejew. Kurilka und auch die Sächsische Zeitung berichteten Ende Februar über das Anliegen des 56-jährigen Russen. Vor fast vier Jahrzehnten war Gordejew als 19-jähriger Wehrpflichtiger der Sowjetarmee nach Dresden gekommen – und dort Heike begegnet, die damals noch ihren Mädchennamen „Michel“ trug. Sein Appell löst eine Welle der Anteilnahme aus. Unzählige Anrufe und E-Mails gehen zum möglichen Verbleib von Heike ein. Der entscheidende Hinweis kommt nach drei Tagen: „Die gesuchte Heike Michel ist meine Frau“, schreibt Joachim Geißler.

Nach dem ersten Schrecken besinnt sich Heike Geißler, will erzählen, wie das damals war mit Mischa aus dem Ural. „Inzwischen weiß es ohnehin fast jeder bei uns, und die Reaktionen sind bislang fast durchweg positiv“, so die 53-Jährige mit einer Stimme, die durchs Telefon als fröhlicher Alt erschallt. Ihr Onkel habe sie angerufen. „Er sagte: Du wirst vom KGB gesucht. Kennst du einen Mischa? Ich wusste sofort, wer gemeint war.“

Noch heute arbeitet Heike Geißler als Physiotherapeutin – jenem Beruf, für den sie im Herbst 1977 ihre Görlitzer Heimat gegen das Schwesternwohnheim der Dresdner Medak eintauscht. 16 ist sie damals. „Dieser Beruf war etwas Besonderes, ganze zwei Stellen waren in Görlitz zu besetzen.“ Heike ist ehrgeizig, eine ausgezeichnete Schülerin. Nur die Besten dürfen Ausbilderin Rosemarie Köstler zu den Freundschaftsbesuchen beim in Hellerau stationierten Sanitätsbataillon der Sowjetarmee begleiten, in dem auch Mischa Gordejew dient und zu dem die Medak eine Patenschaft pflegt. Die sozialistische Welt um sie herum mit ihrer permanenten Wettkampfatmosphäre ist für Heike selbstverständlich. Mit ihren Kommilitoninnen bewirbt sie sich um den Titel „Sozialistisches Studentenkollektiv“. Der erste Preis: eine Fahrt nach Leningrad – für die 17-Jährige, die Russisch lernt, ein Traum. Ihre Gruppe gewinnt, die 500 Mark Fahrtkosten muss sie allerdings selbst zahlen. Sie geht Waggons putzen, um sich ihren Traum zu verwirklichen. „Ich war in der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, das waren alle bei uns“, erzählt sie unbefangen – die Eintrittskarte in die unbekannte Welt sowjetischer Soldaten, von denen es damals fast 10 000 in Dresden und über 500 000 in ganz Ostdeutschland gibt. Heute habe sie auf vieles natürlich eine ganz andere Perspektive. Damals aber sei das ihre Welt gewesen.

Eine aufregende Zeit. „Am spannendsten war der Eintritt in die Kaserne. Wir wurden gründlich gefilzt“, schildert sie jenen Tag im November 1978, als sie Mischa Gordejew in Hellerau das erste Mal auf dem Vorplatz des heutigen Festspielhauses trifft. „Wir gingen durch die Absperrung auf ein paar Soldaten zu, die da aufgereiht standen“, erinnert sie sich. Sie steuert Mischa direkt an, reicht ihm die Hand. „Es war gleich irgendwie Sympathie da, wir hatten Blickkontakt, lächelten uns zu.“

Von der Kaserne bekommt Heike damals nur Kultur- und Speisesaal zu sehen. Überall Flaggen und Banner. Alles läuft unter strenger Beobachtung der Offiziere ab. Trotz der Abschirmung fällt der Schwesternschülerin der wenig ansprechende Alltag der einfachen Soldaten auf. Die Unterbringung sei schlecht gewesen, die jungen Männer hätten keine Freiheiten gehabt. „Wir hatten unser Leben draußen, sie aber hatten nichts. Auch im Alltag ist die Armee stets präsent.“ Soldaten, die sich etwas zuschulden kommen ließen, hätten zur Strafe hart arbeiten müssen. „Bei Wind und Wetter trugen sie immer diese dünne Kleidung und mussten am Güterbahnhof in Klotzsche Kohlen schaufeln.“ Dagegen sei die Teilnahme an Freundschaftsbesuchen Auszeichnung und Höhepunkt gewesen.

Unteroffizier Michail Gordejew mit Garnisonskindern und Kameraden auf dem Exerzierplatz der Hellerauer Kaserne (heute Festspielhaus-Areal).
Unteroffizier Michail Gordejew mit Garnisonskindern und Kameraden auf dem Exerzierplatz der Hellerauer Kaserne (heute Festspielhaus-Areal).
Beim gemeinsamen Essen im Speisesaal nähern sich Heike und Mischa an. „Wir verständigten uns mit Händen und Füßen. Ich konnte ein wenig Russisch, so klappte es.“ Ein paarmal schreiben sie sich und sehen sich bei Freundschaftsbesuchen. „Und“ – fügt die 53-Jährige lebhaft hinzu – „wir haben uns sogar einmal heimlich in der Stadt getroffen, gingen ein wenig spazieren, unterhielten uns.“ Mischa sei höflich gewesen, habe von Dresden geschwärmt, aber nie etwas über seinen Armeealltag erzählt. „Die Russen waren einfach anders als wir, viel disziplinierter, duldsamer.“ Irgendwann aber seien die Besuche weniger geworden, brachen schließlich ganz ab. „Mischa war zuletzt nicht mehr dabei gewesen“, so Geißler.

Damals habe sie nichts hinterfragt, sagt die Görlitzerin. Dass ihre Briefe damals – wie von Mischa vermutet – der Zensur zum Opfer fielen, hält sie für wahrscheinlich, von Mischas vorzeitiger Entlassung erfährt sie damals nicht. Die geplante Reise nach Leningrad ist das Letzte, von dem sie ihrem sowjetischen Freund berichten kann. Dann reißt der Kontakt ab. Als sie 1980 an die Newa reist, öffnet ihr das so manches Auge über das Verhältnis zwischen Deutschen und Sowjets. „Kaum einer kannte dort die DDR oder die Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Damals fing ich an, mir über einiges Gedanken zu machen.“ Von Michail Gordejew sieht und hört Heike nie wieder etwas – bis zum Februar 2015.

Als der 56-Jährige erfährt, dass Heike gefunden ist, ist er überwältigt. So sehr, dass er zunächst tagelang abtaucht. „Ich brauchte erst einmal ein wenig Zeit, um das zu verkraften, hatte nicht und schon gar nicht so schnell damit gerechnet“, entschuldigt sich Gordejew kurz darauf, der mit Frau, zwei Töchtern und den beiden Enkeln nahe der Millionenstadt Jekaterinburg im Ural lebt. Inzwischen haben er und die Freundin von damals Kontaktdaten ausgetauscht. Ob sich 35 Jahre Entfremdung und mehr als 4 000 Kilometer Distanz überbrücken lassen, wird sich zeigen.

Nachtrag der Autorin:
Der Artikel erschien beinahe wortgleich am 29. Mai 2015 in der Lokalausgabe Görlitz der Sächsischen Zeitung. Nach Veröffentlichung des ersten Artikels am 17. Februar 2015 dauerte es keine Woche, bis Heike „Michel“ gefunden war. Die Geschwindigkeit der sich überschlagenden Ereignisse und die Vielzahl an Rückmeldungen waren schier überwältigend. Ein Dankeschön geht an Heike Geißler, der es zunächst schwer fiel, sich noch einmal öffentlich zu jener Episode ihrer Vergangenheit zu äußern. Sie selbst stehe zu diesem Teil ihres Lebens. Die Leute aber, die das Leben damals in der DDR nicht kennenlernten, zeigten bisweilen heute wenig Verständnis dafür. Leute, die die selbständige Physiotherapeutin zu ihren Kunden zählt. Für Geißler – wie für so viele andere – war die sozialistische Lebenswelt in der DDR Alltag, in den sie hineingeboren wurden und den sie verinnerlicht hatten. Leider wird das häufig vergessen in einem Staat, der die DDR 1989/90 förmlich verschluckte und zunächst über Jahre rigoros gegen alles vorging, das irgendwie mit ihren Werten, Kulturgütern und Symbolen zusammenhing und damit ein Klima der Stigmatisierung schuf gegenüber jenen, die einst gelernt hatten, mit dem System zu leben, statt es zu verachten und dagegen aufzubegehren.

Wussten Sie schon? Sie wurden annektiert…

Berlin, 9. November 1989: Frisch annektierte DDR-Bürger protestieren auf der Berliner Mauer gegen die gewaltsame, völkerrechtswidrige Einverleibung durch die BRD. Foto: dpa
Berlin, 9. November 1989: Frisch annektierte DDR-Bürger protestieren auf der Berliner Mauer gegen die gewaltsame, völkerrechtswidrige Einverleibung durch die BRD. Foto: dpa
Neues aus dem Moskauer Komödiantenstadl. Es tut mir weh, das zu sagen. Aber eine gnädigere Umschreibung fällt mir gerade nicht ein. Man lässt sich im Kreml ja eine ganze Menge einfallen, um Sachverhalte umzudeuten und die Menschen im eigenen Land in einer Scheinwelt gefangen zu halten. Wenn es sein muss, etikettiert man ganze historische Ereignisse um, damit eigenes fragwürdiges Handeln in einem legitimen Licht erscheint.
Der neueste Akt aus der hauseigenen Theaterschmiede: Die DDR wurde 1989 (!) von der BRD annektiert!
Mit einer entsprechenden Untersuchung hat jedenfalls jüngst Duma-Chef Sergej Naryschkin den auswärtigen Ausschuss des Parlaments beauftragt. Ziel ist eine Resolution, die die friedliche Revolution, die im Übrigen erst 1990 zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten führte, und nicht 1989, als völkerrechtswidrigen Akt der Bundesrepublik Deutschland verurteilt.

Vermutlich jeder derjenigen Millionen, die damals unter Lebensgefahr auf die Straße gingen, muss angesichts eines solchen bösartigen Zynismus an einen schlechten Witz glauben. Aber worauf stützt man im Kreml diese Verzerrung historisch verbürgter Ereignisse?
Einziges Argument Naryschkins: Es habe nie ein Referendum in der DDR über den Beitritt zur Bundesrepublik gegeben. Und um dem Gipfel der Dreistigkeit die Krone aufzusetzen, stimmt noch nicht einmal das.

Aber von Anfang an.
1. Eine Annexion bedingt einen gewaltsamen Akt der Übernahme und Installation eigener Machtapparate durch die annektierende Macht. Nichts davon geschah 1989. In diesem Jahr wurde weder etwas übernommen noch trat irgendwer irgendwo bei. Im Jahr 1989, Gospodin Naryschkin, fiel die Berliner Mauer, die DDR aber existierte noch ein ganzes Jahr lang weiter. Da scheint es in Moskau schon am simplen Wissen um die bloße Abfolge der Ereignisse zu fehlen.

2. Ab September 1989 gingen Millionen von DDR-Bürger auf die Straße. Das Initiativ für die Wende ging somit vom Volk aus, von den Menschen, die in der DDR lebten und ihren schleichenden Zerfall mitangesehen hatten. Sie demonstrierten für Freiheit, für Unabhängigkeit und Demokratie. Im März 1990 fanden die ersten demokratischen, freien Wahlen in der DDR statt. Die absolute Mehrheit der Bürger wählte damals die sozialistische PDS ab und gab den westlich orientierten Oppositionsparteien CDU und SPD ihre Stimme. Die Volksvertreter, die anschließend die Wiedervereinigung aushandelten, waren demnach demokratisch legitimiert. Zur selben Zeit kehrten mehr Menschen denn je zuvor – täglich 2000 bis 3000 DDR-Bürger – ihrem zerfallenden Land den Rücken und reisten in die BRD aus, die in einem Flüchtlingsstrom förmlich versank, den es dort seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben hatte. Man darf annehmen, dass keine Umfrage, kein Referendum ein überwältigenderes Statement hinsichtlich der Positionierung der Ostdeutschen in der Einigungsfrage hätten abgeben können.

3. Der Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, stimmte 1990 in den 2+4-Verträgen höchstpersönlich der deutschen Wiedervereinigung zu und erkannte sie damit als rechtmäßige und vor allem beiderseitige Willenserklärung der zwei deutschen Staaten an.

4. Es gab in der DDR keine anderen Bevölkerungsgruppen bzw. nationale Minderheiten, die durch die Wiedervereinigung irgendeinen Nachteil erlitten oder Repressionen fürchten mussten. Die Wiedervereinigung ging vollkommen gewaltfrei und unter Zustimmung der übergroßen Mehrheit der DDR-Bürger vonstatten.

Lieber Gospodin Naryschkin – Sie sollten sich schämen, Ihrem Volk einen Prozess als Annexion verkaufen zu wollen, der von den ostdeutschen Bürgern ausging und nicht von der BRD, und den der Rechtsvorgänger der Russischen Föderation, die Sowjetunion, mit ihrer menschenverachtenden, totalitären Beseatzungspolitik maßgeblich mit ausgelöst hatte.
Anders als im Fall der politischen Wende in Ostdeutschland 1989/90 gab es keine friedliche Revolution zum Anschluss an Russland auf der Krim. Der Anschluss der Krim ging allein von Russland aus, eine reine Strafaktion des Kreml an die Adresse Kiews. Er fand unter massiver militärischer Einwirkung Russlands und massiver antiukrainischer Propaganda statt, die die Bevölkerung gegen die eigene Regierung aufhetzte, indem sie Feindbilder aufbaute und Ängste schürte. Das sogenannte Referendum stand unter dem Eindruck dieser respressiven Stimmung, entbehrte jedweder demokratisch-rechtsstaatlichen Grundlage, war weder frei noch unabhängig und ist somit als ungültig zu bewerten. Die Rechte der ukrainischen und krimtatarischen Minderheiten werden seit dem Anschluss massiv mit Füßen getreten, dessen Folge ein Erstarken eines menschenverachtenden russischen Nationalismus auf der Halbinsel war.

Es ist so zynisch, ja geradezu unterirdisch, diesen völkerrechtswidrigen Akt mit einem Ereignis gleichsetzen zu wollen, bei dem ein ganzes Volk aufstand und friedlich und ohne Blutvergießen die eigene Befreiung herbeiführte. Ein Armutszeugnis für Politiker, die das größte Land der Erde lenken.

Auf bestem Wege zurück – warum die Linkspartei nicht wählbar ist.

Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht: Nach dem gefühlten Betrug der Sozialdemokraten zur vorgezogenen Bundestagswahl 2005, als man zunächst Wahlkampf gegen die CDU machte und gegen eine Erhöhung der Mehrwertsteuer auftrat, nach der Wahl dann aber das genaue Gegenteil eintrat, habe ich als politisch Linke jahrelang – sowohl auf kommunaler, auf Landes- als auch auf Bundesebene – die Linkspartei gewählt. Seit der letzten Bundestagswahl im vergangenen Jahr tue ich das nicht mehr. Auf keiner Ebene. Der Lernprozess war hart und langwierig. Heute bin ich ein für allemal geheilt.

Zunächst: Die Linkspartei stand für mich jahrelang für viele gute Sachen: Für eine gerechtere Sozialpolitik, für mehr staatliche Kontrolle über den Finanzsektor und ein Austrocknen von Steueroasen, für Toleranz und eine auf Frieden gerichtete Außenpolitik unter strikter Ablehnung jeglicher Einmischung Deutschlands in bestehende Konflikte. Allein: In der Realität ist das allzu häufig nicht viel mehr als ein Papiertiger. Der Grund? Diese Partei ist sich selbst nicht einig darüber, wofür sie eigentlich steht, was sie erreichen will. Und sie wirft ihre eigens postulierten Prinzipien selbst immer wieder über den Haufen – auf eine Art und Weise, die einen manchmal fassungslos macht. Fast hat man den Eindruck, als versuche ein Flügel verzweifelt, so etwas wie Seriosität und Politikfähigkeit aufkommen zu lassen – allerdings zu dem Preis, dass man die Hinterwäldler und Radikalen (und davon gibt es viele in der Linkspartei) ignoriert und dabei urlinke Prinzipien wie das der Friedfertigkeit und Konsensorientiertheit torpediert. Diese Partei ist so manövrierunfähig wie ein Fischkutter ohne Motor bei Sturm auf hoher See.

Aber werden wir konkreter. Da ist zum einen die konstante Weigerung der Parteispitze, sich ein für allemal von Personenkreisen zu distanzieren, die trotz bisweilen hohen Alters bis heute nicht begriffen haben, dass die DDR ein Unrechtsstaat war. Bis heute gibt es Mitglieder in der Partei Die Linke, die SED-Mitglieder, teils in führenden Positionen, waren und den Zerfall der DDR bedauern bzw. sich vehement gegen die Einsicht sträuben, dass das System, das sie einst mit aufbauten, zugrundeging, weil es den wesentlichen Kitt vermissen ließ, den ein System zum Überleben braucht: Freiheit statt Zwang, Vernunft statt Dogmatismus, Pluralismus statt Einheitsterror, Gerechtigkeit statt Willkür. So mancher in der Linkspartei wähnt noch immer den bösen Westen als Zerstörer des eigenen Traums vom real existierenden Sozialismus. Selbst 25 Jahre nach dem Mauerfall muss jede Wendung, jedes Wort intern geräuschvoll ausgefochten werden, wenn es um die Bewertung des DDR-Systems geht.

Bis heute muss man zudem mit ausgemachtem Altersstarrsinn aus den Reihen der Linkspartei rechnen, wenn es darum geht, wie man die 50 Jahre historisch einordnen soll, in denen sowjetische Truppen auf ostdeutschem Boden standen. Das Bestehen auf jenem Begriff, der als einziger dem gerecht wird, was diese Präsenz im Alltag bewirkte und was tatsächlich ihr Zweck war – nämlich dem Begriff „Besatzung“ – hat mir schon so manch blaues Auge eingebracht. Immer wieder hört man von Mitgliedern der Linkspartei, dass die sowjetische Besatzung doch gar keine gewesen sei. Dass man sich nicht „besetzt“ gefühlt habe, dass die Truppen regelrecht auf Wunsch und zum Schutze des  Volkes hier gewesen seien und dass der von Hitler begonnene Krieg ihre Anwesenheit gerechtfertigt habe.

Es ist das notorische Augenverschließen vor den alltäglichen Widrigkeiten und Schikanen, die diese ausschließlich von „oben“ geduldete Besatzung für die Bevölkerung mit sich brachte. Die nahezu katastrophalen Umweltschäden, die willkürlichen Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung beginnend bei Diebstählen und Körperverletzungen über Unfälle durch chronisch alkoholisierte Sowjetsoldaten bis hin zu Vergewaltigungen, Kindesentführungen und Mord. Alles dokumentiert in den Archiven dieses Landes. Und da wäre nicht zuletzt der Umstand, dass die Anwesenheit der Sowjetarmee auf ostdeutschem Boden über fast 50 Jahre hinweg sowie die systematische Ausplünderung  der DDR-Ressourcen durch das Sowjetregime (siehe dazu auch Bogdan Musials hervorragende wissenschaftliche Arbeit „Stalins Beutezug“) wesentlich dazu beitrugen, dass der Staatshaushalt der DDR von Beginn an mehr auf Pump denn auf allem anderen gebaut war und – als die Sowjetunion selbst kein Geld mehr hatte und die lebenswichtigen Kredite wegblieben – folgerichtig in die Pleite steuerte. Mit ein bis zwei Milliarden Mark ließ sich Moskau jedes Jahr von der DDR die Stationierung sowjetischer Truppen in Ostdeutschland bezahlen. Für ein vom Krieg gebeuteltes Land völlig illusorisch. Ausbaden mussten das die einfachen Bürger, deren Plansolls immer weiter hochgeschraubt wurden, um dennoch den versprochenen Aufbau und Aufschwung leisten zu können. Am 17. Juni 1953 führte unter anderem dies zum Aufstand der Arbeiter, der von Moskau blutig niedergewalzt wurde. Mehr muss man zum Charakter dieser Besatzung wohl kaum sagen, deren Höhepunkt mit der Errichtung der Berliner Mauer erreicht war, die direkt auf Geheiß Moskaus geschah.

Irgendwann ist man es als Mensch mit gesundem Menschenverstand müde, immer wieder dieselben Diskussionen zu führen, um eine Besatzung, die eine aus dem Bilderbuch war. Politische Lexika rund um den Globus verstehen unter einer Besatzung (auch: Besetzung bzw. Okkupation) die Erlangung von Macht über ein Staatsgebiet sowie die Ersetzung der etablierten Staatsgewalt durch eigene Machtsysteme mit militärischen Mitteln. Und weil genau dies geschah, war die sowjetische Besatzungsmacht auch offiziell als eine solche in Form der SMAD institutionalisiert und gemäß Potsdamer Abkommen anerkannt.

Dass die Sowjetmacht nach der Niederlage der Wehrmacht in Deutschland das Ruder übernahm, mag causal dem vorangegangenen Vernichtungsfeldzug Hitlerdeutschlands gegen die Sowjetunion und dem sich entwickelnden Kalten Krieg geschuldet gewesen und damit strategisch und vielleicht sogar moralisch verständlich gewesen sein. Rein sachlich betrachtet ändert all dies jedoch nichts daran, dass mit der dauerhaften Stationierung der Truppen auf deutschem Boden und der Etablierung einer loyalen politischen Führung im Osten Deutschlands der Tatbestand einer Besatzung erfüllt war. Die DDR-Regierung hätte zu keinem Zeitpunkt einen politischen Kurs einschlagen können, der in Moskau keine Zustimmung gefunden hätte. Ohne die Zustimmung der Besatzer konnte die deutsche Justiz noch nicht einmal einen Mordverdächtigen aus den Reihen der Armee verhören. Die DDR war zu keiner Zeit in diesen 50 Jahren ein souveräner Staat im Sinne des Wortsinns.

In der Linken verschließen bis heute viele Alteingesessene davor die Augen, weil die Erkenntnis, dass man ein solches aus Moskau gesteuertes Willkürregime jahrzehntelang mittrug, ein Stück weit bedeutete, mit sich selbst ins Gericht zu gehen, die eigene Rolle zu hinterfragen. Man trug die Willkür mit, weil man zum Teil von deren Richtigkeit überzeugt war. Oder weil man es sich gut eingerichtet hatte, mit Parteibuch, das es einem ermöglichte, zu reisen und andere Vergünstigungen mit sich brachte. Wer an dem nostalgischen DDR-Bild, das viele Linke noch immer mit sich spazieren tragen, rüttelt, unbequeme Fragen stellt, die „falschen“ Termini benutzt, der wird getreu den alten Denkschablonen und Reaktionsmustern auf die „schwarze Liste“ gesetzt und verbal oder gar durch gezielte Aktionen bekämpft.
Es deckt sich mit dem, was ich persönlich auf privater Ebene an Erfahrung sammeln durfte, wenn es darauf ankam, mit aktiven und ehemaligen Parteimitgliedern eine gemeinsame Position zu eben diesen Themen finden zu müssen.

Doch es geht noch selbstvergessener. So richtig unschön wird es regelmäßig, wenn man versucht, in außen-, sicherheits- und friedenspolitischen Fragen eine roten Linie bei der Linken zu finden. Ursprünglich war ich wie angedeutet der Meinung, die Linke sei gegen strategische Kriegsführung und deutsche Unterstützung für Konfliktparteien. Doch dem ist nicht so. Vielmehr herrscht in der Linken selbst ein heilloses Durcheinander dahingehend vor, was überhaupt als „Konfliktpartei“ betrachtet werden kann, welche unterstützt werden darf und welche nicht. Und was exorbitant auffällt: Die Linke misst mit zweierlei Maß. Wurde das Vorgehen der USA im Irak oder in Afghanistan (zu Recht!) noch lautstark verurteilt, geht die Linke im Falle russischer Willkürakte regelmäßig auf Schmusekurs. Sehr schön lässt sich das in der aktuellen Ukraine-Krise verfolgen, die vom russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin gelenkt und zielgerichtet über die „Neurussland-Doktrin“ eskaliert wurde – Linken-Chef Gregor Gysi findet andere Worte. Für ihn ist der Westen der, der „alles falsch gemacht“ habe, und Putin der, der gar nicht weiß, wie ihm geschieht.

Die Ukraine-Krise ist ein wesentliches Beispiel dafür, wie sich die Linke zusehends als Partei der Ewiggestrigen entpuppt, die die langen Schatten der Vergangenheit einfach nicht abstreifen kann und will. Die alten Rollenmuster des Kalten Krieges sitzen tief. Da wird aus der Friedenspartei ganz schnell ein Haufen Demagogen, die scheinbar völlig ungerüht zuschauen, wie der russische Staatspräsident ein europäisches Land angreift, gezielt in den Bürgerkrieg treibt, der bislang mehr als 4000 Menschen das Leben kostete, und Teile davon annektiert. Angesichts dieser Katastrophe hat die Linke nichts Besseres zu tun, als auf den Westen einzuschlagen: Der habe Putin gar keine andere Wahl gelassen, als die Ukraine anzugreifen. Als wäre Völkerrechtsbruch jederzeit ein legitimes Mittel der Interessensverfolgung, wenn Staaten sich missachtet oder nicht genügend gewüdigt fühlen. Dass es Wladimir Putins Russland ohne massive Beihilfen, Schuldenerlässe und Aufbauhilfen des Westens nach dem systembedingten Kollaps der Sowjetunion heute vermutlich gar nicht gäbe, dass es keine Veranlassung für die in dessen Folge unabhängig gewordenen Ex-Sowjetrepubliken gäbe, sich in Richtung Westen und NATO zu bewegen, wenn Putins Russland diesen in den letzten Jahren nicht ständig vor Augen geführt hatte, dass sie gefährdet sind und sich schützen müssen – all dies wird dabei konsequent unter den Tisch gekehrt.

Ein weiteres Beispiel für außenpolitische Kopflosigkeit der Linken: Der Nahostkonflikt. Israelunterstützer und Israelkritiker zerren jeweils an einem Ende – und machen sich selbst gegenseitig madig. So sprach erst heute der Linke Stephan Liebich von „einzelnen Hardlinern, die uns alle wirklich nerven“ – und rekurrierte damit auf die Kolleginnen Inge Höger und Annette Groth, die die beiden Israel-kritischen Journalisten Max Blumenthal und David Sheen in den Bundestag eingeladen hatten.

Was wir beobachten können, ist, dass die Realos unter den Linken, die die Partei unbedingt in Regierungsverantwortung bringen wollen, linke Prinzipien wie die moralische Unterstützung von Unterdrückung und Besatzung gebeugter Völker dafür auf die politische Müllkippe zu befördern bereit sind und auch davor nicht zurückschrecken, sich derjenigen Parteikollegen, die diesem Ziel scheinbar im Wege stehen, rücksichtslos zu entledigen. Kritik an der israelischen Außen- und Innenpolitik ist in diesem Land noch immer etwas, das weder offen und erkenntnisorientiert noch gefahrlos diskutiert werden kann. Das hat der mediale Shitstorm gegen Blumenthal und Sheen gezeigt, der nach dem zugegeben mehr als unschönen Vorfall im Bundestag losbrach, und der nicht müde wurde, die beiden Aktivisten in die antisemitische Ecke zu stellen. Die Reaktion in der Linken folgte prompt. Was die Partei mit einem derartigen Verhalten eindrucksvoll zeigt: Sie ist – wie die übrigen demokratischen Parteien auch – an einer gerechten Lösung des Nahostkonfliktes nicht interessiert, und offenbar schafft sie es nicht, einen Weg aus dem Dilemma der parteipolitischen Selbstverortung irgendwo zwischen kategorischem Antifaschismus und Gerechtigkeitsstreben  zu finden. Das eine verdonnert zu einer quasi bedingungslos israel-freundlichen Haltung – zwangsläufig zulasten des anderen. Dazu kommt das Interesse, sich bundespolitisch ins Spiel zu bringen. Und da hat man in der Linken schon sehr richtig erkannt, dass das bei den derzeitigen politischen Fahrplänen mit einer israelikritischen Haltung nicht zu machen ist. Das heißt: Die Partei, die so gerne anprangert, dass die Regierungsparteien ihre Glaubwürdigkeit der Loyalität gegenüber den USA opferten, indem sie ihren Beitrag leisten in militärischen Konflikten, opfert ihre moralische Überlegenheit im Falle des Nahostkonfliktes  oder der Ukraine-Krise ohne mit der Wimper zu zucken, indem sie offensichtlich Regime unterstützt, die sowohl nach innen als auch nach außen Willkür walten lassen und Interessen mittels Waffengewalt durchsetzen.

Die Linke ist für mich eine Partei ohne politisches Rückgrat, ohne Profil und von einem irrsinnigen, ungelösten Identitätskonflikt im Inneren gelähmt. Und solange diese Partei es nicht schafft, außenpolitisch einen festen Kurs festzulegen, macht sie sich für meine Begriffe als dritte linke Partei in einem Fünf-Parteiensystem selbst überflüssig.

 

Als die Mauern fielen

Am 9. November 1989 wurden die Menschen im Osten Deutschlands zum zweiten Mal in den vergangenen 50 Jahren befreit. Am 8. Mai 1945 stieß die Sowjetarmee in blutigen, opferreichen Schlachten die faschistische Schreckensdikatur Hitlers vom Sockel. 44 Jahre später rissen mutige Menschen jene Mauer nieder, die die Befreier von damals in Auftrag gegeben hatten, um die Massenfluchten zu verhindern, die insetzten, als klar geworden war, dass man von einer in die nächste Willkürherrschaft geraten war. Nur unter umgekehrten Vorzeichen.

25 Jahre später übertragen Fernsehsender live schwülstige Gedenkveranstaltungen aus Berlin. Als wären Erinnerung und Würdigung mit einem demonstrativen Händedruck, blumigen Reden und selbst verordneter Betroffenheit am Jubiläumstag getan. Sie sind es nicht. Zumal sich vor den Kameras ohnehin meist solche produzieren, die heute das Sagen haben. Nicht jene, die damals an der Mauer standen oder zuvor wochenlang auf die Straßen gingen. Die Freiheit, die die Menschen im Osten damals errangen, sie musste in den letzten 25 Jahren immer wieder aufs Neue verteidigt und eingefordert werden. Sei es im Zuge der mit der Wende eintretenden Massenarbeitslosigkeit, die dazu führe, dass viele Menschen trotz neuer Freiheit arm waren und diese Freiheit oft gar nicht nutzen konnten. Sei es bei politischer Beteiligung, den Löhnen oder in der Wahrnemung der Westdeutschen. Erinnerung sollte also auch immer mit der Mahnung verbunden sein, die Schattenseiten der überstürzten Wiedervereinigung nicht zu vergessen. Die „blühenden Landschaften“, die Helmut Kohl 1990 dem Osten versprach, sie sind längst nicht überall bis heute auch eingetreten, und wo sie tatsächlich erblüht sind, drängen sie allzu häufig reale soziale Probleme an den Rand der Städte und damit aus dem Blickfeld.

Sperrgebiet.
Sperrgebiet.

Wenig Grund also zur öffentlichen Beweihräucherung. Und doch ist es Zeit für Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass mutige Menschen überhaupt damals die Grundlage schufen, dass Deutschland wiedervereint sein, auseinandergerissene Familien wieder zueinanderfinden konnten. Dankbarkeit dafür, dass jeder in Deutschland heute seines eigenen Glückes Schmied ist. Auch wenn dieses Glück längst nicht für jeden gleichsam einfach  zu erreichen ist. Die soziale Schere klafft in einem kapitalistischen System für gewöhnlich weit. Und gerade jene, die mit Reichtum und Glück besonders gesegnet sind, verschließen ihre Augen und Herzen vor dem Unglück und der Armut anderer häufig am meisten. Es ist eine jener Schattenseiten der Wiedervereinigung, zumindest für die Ostdeutsche Seite.

Der 9. November sollte Anlass zur Einkehr sein. Was tat ich damals? Wo war ich? Wie sah mein Leben aus und wie ist es heute? Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, holten mich meine Eltern abends aus dem Bett vor den Fernseher. Und da saß die Familie in einem Plattenbau in Dresden-Gorbitz, in den wir sieben Monate zuvor eingezogen waren, und schaute zu, wie ihr bisheriges Leben 200 Kilometer entfernt komplett auf den Kopf gestellt wurde. Ich war knapp elf Jahre alt und besuchte die fünfte Klasse einer Schule, die direkt gegenüber lag.

Nirgendwo war Unfreiheit so sehr greifbar geworden wie hier. Zumindest für mich, das Neustadt-Kind, das zwischen Alaunplatz, Elbe und Prießnitzgrund aufgewachsen  und  in Nullkommanichts im Kulturhaus, im Kino, im Museum, auf der Straße der Befreiung (heute Hauptstraße) oder auf dem Spielplatz war. Anders hier oben. Jedes Gebäude, jeder Straßenzug – alles sah gleich aus. Eine Stadt aus Beton inmitten einer Schlammwüste, zwischen Bergen aus Bauschutt. Zum nächsten Geschäft (einer Kaufhalle) musste man drei Stationen mit der Straßenbahn fahren. Einen Spielplatz gab es nicht. Das nächste Kino – eine halbe Stunde Fahrt entfernt. Sogar den nächsten Baum musste man anfangs lange suchen. Und doch gab es gerade hier ausgesprochen viele ehemalige Neustadt-Kinder wie mich. Ob sie alle auch so sehr litten wie ich, ist schwer zu sagen.

Selbst in der Neustadt, mit ihren niemals enden wollenden Kasernenmauern, den Sperrgebieten, dem Stacheldraht und den Verbotsschildern, den patrouillierenden bewaffneten Soldaten mit dem roten Stern auf den Mützen, war ich nach meinem heutigen Empfinden nicht so unfrei gewesen. Hier war jedes Haus anders. Hatte andere Türen, andere Fenster, mal Balkone, mal wieder nicht. Sie waren hoch oder niederig, halbwegs bewohnbar oder ruinös. Aber: Sie waren alle unterschiedlich. Jedes einzelne individuell. Und genauso waren die Menschen, die in ihnen lebten. Es war ein schönes Leben hier. Trotzdem freute ich mich, als es im April 1989 hieß: Wir ziehen nach Gorbitz, in eine Wohnung mit Vollbad, Elektroherd und eigenen Zimmern für beide Kinder. Es war die naive Freude eines heranwachsenden Kindes, das sich nach Abenteuer sehnte und nach Privatsphäre.

Trotz der Tristesse in der Gorbitzer Einöde empfand ich den Mauerfall nicht als Befreiung, sondern als Fremdkörper, der auf Distanz blieb und gar nicht greifbar wurde. Auch weil sich an meinem täglichen Leben hier am Rande der Zivilisation zunächst wenig änderte. Ich ging weiter zur Schule. Ich aß. Ich schlief. Ich spielte. Während die Mauer in Berlin zerhackstückt wurde, bauten sie hier in Gorbitz immer neue Mauern auf. Lärmschutzwände entlang der neuen Ausfallstraße nach Pennrich. Ein neues Einkaufszentrum. Ein neuer Straßenbahnhof. Noch im November 1989 hieß es dann: Wir fahren nach Westberlin. Einkaufen. Am Schalter für das Begrüßungsgeld warteten wir Stunden. Der Anblick des Überflusses „drüben“ erschlug mich beinahe. Wie Zombies wandelten wir durch die Hochglanzstraßen, über den Kurfürstendamm, wo wir selbst mit Begrüßungsgeld nur die Nasen an den Schaufenstern plattdrücken konnten. Als wir spät abends wieder über den Grenzübergang Friedrichstraße liefen, war ich wie benommen. Was wir schließlich eingekauft hatten, weiß ich heute gar nicht mehr. Irgendwas. Wir Kinder waren unfähig gewesen, irgendwelche Wünsche zu formulieren in all der Reizüberflutung.

Silvester 1989 feierten wir ganz normal daheim. Im Laufe des Jahres 1990 wurden die Veränderungen dann doch langsam spürbar. Sie äußerten sich darin, dass plötzlich andere Lehrbücher bzw. behelfsweise „Zusatzmaterialien“ ausgegeben wurden. Was man uns bis dato beigebracht hatte – es war plötzlich alles nicht mehr richtig. Die üblichen sozialistischen Grüße zu Stundenbeginn fielen weg – was von uns Schülern im Allgemeinen mit Erleichterung registriert wurde. Im September 1989 hatte ich noch mein rotes Halstuch der Thälmannpioniere bekommen. Nun verstaubte es im Schrank. Mit elf Jahren und am Vorabend der Pubertät stehend, stand für mich plötzlich mein ganzes bisheriges Leben, alles das, was mir bis dato an Werten vermittelt, als falsch und richtig beigebracht worden war, infrage.

Die D-Mark kam. Das alte Geld war plötzlich nichts mehr wert. Früher hatten mir meine Eltern immer gepredigt: Kind, halt dein Geld zusammen, spare! Nun hieß es: Alles bis dann und dann ausgeben, danach bekommst du dafür nichts mehr. Ganze Familien verloren die Hälfte ihrer Ersparnisse. Es begann ein schmerzhafter Prozess für einen jungen Menschen, der von allem, was da passierte, noch so gut wie nichts verstand, und der viel mit Identitätsverlust und Identitätssuche zu tun hatte. Vielleicht, ja sehr wahrscheinlich sogar, wäre vieles einfacher gewesen, hätte ich nicht derart abgeschieden gelebt hätte, in einem Mikrokosmos noch zu DDR-Zeiten Privilegierter. Denn nur als solcher bekam man in aller Regel eine Wohnung im „modernen Neubau“. Auch meine Familie gehörte dazu, mit einem Vater, der jahrelang an der Erdgastrasse geschuftet hatte. Hier hoch in die städtische Frischluftzone schafften es revolutionärer Geist und Aufbruchsstimmung erst ganz zuletzt. Dass neue Zeiten Einzug gehalten hatten, sah man allerhöchstens an den VWs und Opels, die plötzlich vor dem Haus die Trabis und Wartburgs verdrängten.

Und doch bin ich heute, als Erwachsene, froh, dass es so gekommen ist, wie es damals kam. Als ich es 1999 in Gorbitz, das nach der Wende zum Synonym des sozialen Abstiegs und des Scheiterns im neuen System wurde, einfach nicht mehr aushielt, konnte ich mir eine Wohnung suchen und in die Neustadt zurückkehren. Etwas, das zu DDR-Zeiten so niemals ohne Weiteres möglich gewesen wäre. Als ich in der Neustadt ankam, waren  die bewaffneten Soldaten verschwunden. Jahrelang war das Militär in meiner Kinderzeit mein ständiger Begleiter gewesen. Sein Gehen aber war in Gorbitz völlig an mir vorbeigegangen. Zum anderen waren ihm in Zwischenzeit vielerorts Mauern und Stacheldraht gefolgt. Es ist ein untrügliches Zeichen von Freiheit, heute überall hingehen zu können, selbst auf die ehemaligen militärischen Gelände, in die ehemaligen Kasernen, durch den Prießnitzgrund und die Dresdner Heide wandern, in den Bächen baden zu können – ohne Angst, ohne Gefahr für Leben und Gesundheit. Und nicht zuletzt hatten auch die Schinderei und der ideologische Stumpfsinn in den Kasernen ein Ende genommen.

Freiheit bedeutet deshalb heute für mich nicht zuletzt, die Verbotsschilder in wackeligem Deutsch auf den bröckelnden Resten der Kasernenmauern verblassen zu sehen. Sie waren unsere „Mauer“. Jahrzehntelang hatte man sie vor Augen. Und das Schlimmste war: Über ihre wahre Funktion hatte man uns, die Kinder, im Unklaren gelassen. Stattdessen hatte man uns belogen, uns erzählt, dass die Soldaten dahinter mit all ihren Waffen hier waren, um uns zu beschützen. Dass sie bis zum Quasi-Bankrott der Sowjetnion in den 80er-Jahren auf alles schossen, was sich organisiert gegen das System wandte, sogar auf ihre eigenen Leute, wurde verschwiegen. Wie viele Deutsche und sowjetische Soldaten vor und hinter den Kasernenmauern durch die Hand des Militärs starben, ist nicht bekannt. Es dürften Zigtausende gewesens ein. Ich werde nie vergessen, wie sich der Griff meiner Mutter um mein Handgelenk verstärkte und ihre Hand schweißnass wurde, wenn wir allein im Prießnitzgrund waren und uns ein Trupp Soldaten über den Weg lief. Das heute nicht mehr erfahren zu müssen, ist Freiheit. Freiheit, die am 9. November 1989 begann.

 

A lost place? – Truppenübungsplatz Königsbrück: Zwischen Lebensgefahr und Lebensraum

Manchmal gibt die Natur Rätsel auf. Das sogenannte Neue Lager bei Königsbrück ist solch ein Rätsel. Rund 50 Jahre lang war der 70 Quadratkilometer große Truppenstandort mit Übungsplatz westlich des 3000-Einwohner-Städtchens, rund 30 Kilometer nördlich von Dresden, nichts als ein halbtoter Acker: durchfurcht von Panzerketten und Geschosskratern, durchtränkt mit Kettenöl und Benzin, durchwirkt mit allen nur denkbaren Arten von scharfer Munition.

Bis heute sind großte Teile des Areals nur unter Gefahr für Leib und Leben zu betreten, überall entlang der wenigen gesicherten Wege starren einem die Warnschilder des Landkreises entgegen, die vor „kampfmittelbelastetem Gebiet“ warnen.

Ein Schwanenpaar hat sich einen Teich inmitten des Truppenübungsplatzes als Domizil auserkoren. Ringsum verseuchtes Gebiet.
Ein Schwanenpaar hat sich einen Teich inmitten des Truppenübungsplatzes als Domizil auserkoren. Ringsum verseuchtes Gebiet.
In den letzten beiden Jahrzehnten nach dem Abzug der Truppen der 11. Gardepanzerdivision im Jahr 1992 hat sich Schorf auf den Wunden gebildet. Wo früher Ödland war, hat sich dichter Heidewuchs das Feld zurückerobert. Und an manchen Flecken zeichnet die zurückkehrende Natur schaurig-schöne Kontraste: Tümpel und Moraste wechseln sich mit staubtrockenem, sandigem Heideboden ab. Und auf einem solchen kleinen Tümpel, unweit des in den 80er-Jahren künstlich angelegten Freundschaftssees, schwamm neulich sogar unbekümmert ein einsames Schwanenpaar – ein Tupfen unschuldsweißen Ebenmaßes inmitten einer noch immer versehrt wirkenden Umgebung.

Das ehemalige Offizierscasino im Neuen Lager mit gut erhaltener sowjetischer Siegesikone.
Das ehemalige Offizierscasino im Neuen Lager mit gut erhaltener sowjetischer Siegesikone.
Auf dem Gelände der ehemaligen Kasernen des 40. und 44. Gardepanzerregimentes der sowjetischen Armee an der Hoyerswerdaer Straße erinnern noch immer zahlreiche Gebäude an das militärische Leben einer Garnison, die nicht erst mit dem Einzug der Russen zu existieren begann. Es diente sowohl Truppen der kaiserlichen Armee als auch der Wehrmacht als Standort. Als Relikte vergangener Zeiten stehen sie in einer Umgebung, die längst nicht mehr aussieht wie ein Militärstandort, sondern so, als wäre hier schon immer dieser wahrhaftige Urwald aus dichtem Baum- und Strauchbewuchs gewesen: Überwuchert, vom Schwamm durchzogen – wie einer anderen Welt entsprungen.

Ehemaliges Depot für Raketensprengköpfe der sowjetischen Armee in der Königsbrücker Heide.
Ehemaliges Depot für Raketensprengköpfe der sowjetischen Armee in der Königsbrücker Heide.

Das ehemalige Militärgelände bei Königsbrück übt eine seltsame Anziehungskraft auf eine Vielzahl von Menschen aus. Als eine der ganz wenigen Plätze der Dresdner Region kann hier die Geschichte der Besatzungszeit noch beinahe hautnah nachempfunden werden. Hunderte Hobbyhistoriker und Abenteuerlustige zieht die geheimnisumwitterte Kulisse jährlich an, aber auch ehemals hier stationierte Soldaten, die es zurück an ihre alten Wirkungsstätten zieht. Länst sind die Ruinen bis auf den letzten Winkel durchstöbert, nur unter ortskundiger und militärerfahrener Führung gibt das Gelände noch das eine oder andere Geheimnis preis. Und dennoch: Der Kontrast zwischen wiedererstarkender Natur, die mit sattem Grün und vielfältigem Gestimm zu betören weiß, und den überall sichtbaren Altlasten der Geschichte erzeugt eine unbedingt außergewöhnliche Faszination, die diesen Ort einzigartig in der Dresdner Region macht. Wo sonst steht schon die Wanderhütte (übrigens ein ehemaliger Checkpoint) direkt neben dem Hochsicherheitsdepot für Atomraketen? Hier hatten bis vor 20 Jahren die 23. und 119. Raketenbrigade der Sowjetarmee ihr Refugium, die Hinterlassenschaften rosten hinter morschen Zäunen und Toren mit Sowjetstern vor sich hin und wirken unwirklich fremd zu Zeiten eines seit 70 Jahren währenden Friedens.

Der schwierige Umgang mit der Zeit der sowjetischen Besatzung

Was genau Generalmajor Jürgen Weigt, Afghanistan-Veterean, Brigadegeneral und Kommandeur der Heeresschule Dresden, am Donnerstag dazu bewogen hatte, gemeinsam mit Pessesprecher Major Holger Haase und zwei weiteren hochrangingen Offizieren der Einladung des Freundeskreises Sowjetischer Garnisonfriedhof (FK) zur Feierstunde auf den Nordflügel zu folgen, weiß niemand genau. Aber er kam.
Sämtliche Vertreter der Stadt und des Landes, die ebenfalls eingeladen waren, hatten ihre Teilnahme abgesagt oder aber gar nicht erst darauf reagiert. Darunter die Oberbürgermeisterin der Stadt Dresden, Helma Orosz (CDU), Landtagspräsident Matthias Rößler (CDU) und Frank Richter, DDR-Bürgerrechtler und heutiger Direktor der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Brigadegeneral Weigt hätte ähnlich reagieren können, tat er aber nicht. Neben Vertretern des Stadt- und des Landesverbandes des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge waren die Herren von der Bundeswehr die Ehrengäste auf dem Nordflügel. Und so kam es am Donnerstag auf dem Garnisonfriedhof zu einer denkwürdigen Begegnung zwischen Heute und Damals.

Die geladenen Gäste während der Ansprache Von FK-Sprecher Dietmar Groschischka anlässlich der Feierstunde für die einfachen sowjetischen Soldaten auf dem Nordflügel.
Die geladenen Gäste während der Ansprache Von FK-Sprecher Dietmar Groschischka anlässlich der Feierstunde für die einfachen sowjetischen Soldaten auf dem Nordflügel. Foto: W. Wassiliew.

Am Grab des 1961 in Dresden im Alter von 21 Jahren verstorbenen Gefreiten Gennadij Malkin – eines von zweien auf dem Nordflügel, bei dem noch ein Bildnis des Toten erhalten ist – standen sich am Nachmittag im stürmischen Dresdner Februarwetter Offiziere der heutigen Bundeswehr und ein ehemaliger Offizier der sowjetischen Streitkräfte gegenüber. Wladimir Wassiliew aus Moskau diente Mitte bis Ende der 80er-Jahre in der Garnison Königsbrück als Leiter des Nachrichtenzentrums des 40. Gardepanzerregiments im Range eines Oberleutnants. Dass solche Begegnungen für beide Seiten auch 20 Jahre nach dem Abzug der sowjetischen Truppen alles andere als einfach sind, insbesondere wenn sie abseits des Sicherheit gebenden militärischen Protokolls stattfinden, war deutlich zu spüren. Doch genau dieses vorsichtige Abtasten zeigt, dass die gemeinsame deutsch-russische Geschichte der Besatzungszeit alles andere als aufgearbeitet und bewältigt ist – für keine der beiden Seiten. Zu viel geschah in den fast 50 Jahren zwischen Kriegsende 1945 und der Blitzwende zu Beginn der 90er-Jahre, über das heute allenfalls in klar vorgegebenen Mustern der offiziellen Geschichtsschreibung gesprochen wird.

Das Grab des Gefreiten Gennadij K. Malkin mit Blumengesteck des Freundeskreises und des Volksbundes sowie Blumen der Gäste.
Das Grab des Gefreiten Gennadij K. Malkin mit Blumengesteck des Freundeskreises und des Volksbundes sowie Blumen der Gäste.

Über die Zeit der Wende zu sprechen, als die früheren Sieger mehr oder weniger im kurzen Prozess des Landes verwiesen wurden, fällt allen Beteiligten schwer. Auch der frühere Oberleutnant Wassiliew, der wenige Monate vor dem Fall der Mauer Königsbrück gen Heimat verließ und im Mai 1990 noch vor Beginn der Abzugswirren das erste Mal zurückkehrte, ist das Thema suspekt: „Es war keine einfache Zeit, viel Chaos…“, sagt der 50-Jährige und lächelt entschuldigend, denn viel mehr will er dazu nicht sagen. Lieber spricht er über seine vielen Reisen, die ihn seither immer wieder nach Dresden und Königsbrück zurückgeführt haben. Wie viele ehemalige sowjetische Soldaten hängt er an seinem ehemaligen Stationierungsort in Deutschland, der zudem noch heute als eines der wenigen Relikte dieser Zeit noch nahezu unverändert in der Königsbrücker Heide steht. Wo anderswo Hinterlassenschaften der Sowjetarmee nach der Wende großflächig abgerissen wurden, sorgt hier der chronische Geldmangel einer Gemeinde dafür, dass auch heutige Generationen einen Eindruck bekommen können, wie die Sowjets in dem damals für die Einheimischen streng verbotenen „Städtchen“ lebten.

Mehrmals im Jahr reist der Vertriebsleiter einer großen Halbleiterfirma an die Elbe. Wenn er das Geld hätte, sagt er, würde er aus einigen der Ruinen in der Königsbrücker Heide ein Museum machen. Für ihn ist die Zeit seiner Stationionierung in Deutschland – wie für viele frühere DDR-Bürger ihr Alltag in der DDR auch – ein Teil der persönlichen Vergangenheit, die überwiegend positiv besetzt ist. Kein Wunder: Als Offizier im technischen Dienst führte er in den Truppen ein privilegiertes Leben mit eigener Wohnung, festem Einkommen und relativer Bewegungsfreiheit. Als FK-Sprecher Dietmar Groschischka die Repressalien und Schikane anspricht, unter denen die einfachen Soldaten in den Kasernen litten, merkt man ihm an, dass diese Art posthume Rüge an die Adresse der früheren sowjetischen Militäreliten für ihn ungewohnt ist. Und auch für die Mitglieder des Freundeskreis ist damit ein unangenehmes Gefühl verbunden: Wir wollen niemanden brüskieren, kein „Feindbild Sowjetarmee“ schaffen. Es steht uns nicht zu, Vorwürfe zu erheben. Aber das müssen wir auch gar nicht, denn das tun andere. Immer mehr ehemalige Wehrdienstleistende, die in der Sowjetarmee dienten, klagen die teils unmenschlichen Zustände während ihrer zweijährigen Dienstzeit an, zumeist über das anonyme Internet. Wahrheit tut eben manchmal weh.
Für den FK gilt es nicht, sich auf eine Seite zu stellen. Es gilt vielmehr, die richtige Balance zu finden zwischen dem berechtigten Bedürfnis der Betroffenen, über ihr Martyrium zu sprechen, und dem ebenso berechtigten Argument der Offiziere und Kommandeure, damals selbst ein Teil eines eingespielten Systems gewesen zu sein, das zu ändern für einen einzelnen nicht möglich war. Auch muss man zur Verteidigung der Befehlshaber fairerweise sagen, dass in vielen Einheiten Quälereien und übermäßige Schikane erfolgreich eingedämmt wurden.

Wassiliew lässt sich von diesem heiklen Thema in einem grundsätzlichen Punkt nicht beirren: Die Geschichte dürfe nicht einfach vergessen werden, findet auch er. Den teilweise wenig rühmlichen Umgang der ostdeutschen Nachwende-Generation, insbesondere der Gemeinden und Städte, die für die Pflege etwa der rund 20 sowjetischen Garnisonfriedhöfe auf ostdeutschem Boden verantwortlich sind, mit dem Erbe der Sowjets enttäuscht den früheren Offizier. Wenn man bedenkt, dass in Russland kirchliche Gemeinden (zwar mit deutschen Mitteln, aber dennoch hingebungsvoll) Friedhöfe deutscher Wehrmachtssoldaten pflegen, durchaus verständlich. Für den Freundeskreis, der sich für die Rettung des denkmalgeschützten Nordflügels des Sowjetischen Garnisonfriedhofes an der Dresdner Marienallee vor dem vonseiten des Freistaates Sachsen geplanten Abriss einsetzt, ist Wassiliew daher zum unersetzlichen Fürstreiter in Russland geworden, der unermüdlich Bittschreiben an die Regierung aufsetzt und unseren eigenen zudem den Weg durch die Untiefen der Ministerien bahnt. Als Mitglied des Verbandes der Veteranen der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) macht er das Thema des russischen Umgangs mit den sowjetischen Gräbern in Deutschland wann immer es geht zum Thema.

„Es ist Aufgabe der russischen Regierung, sich um diese Gräber zu kümmern“, sagt Wassiliew. „Wenn die deutschen Behörden Angebote unterbreiten, ist das gut und schön. Aber eigentlich sind wir in der Pflicht. Es wird Zeit, dass etwas geschieht.“

Anders als andere hat Wassiliew verstanden, dass die Ostdeutschen die Wende herbeiführten, weil sie frei sein wollten – und dass sie letzten Endes auch den Russen eine Form der Freiheit brachte, die ihnen zuvor nicht vergönnt war. Andere sehen das weniger positiv. Das Gefühl der Demütigung von damals, Wut, Revanchismus und der Wunsch nach einer Rückkehr zu den alten militärischen Kräfteverhältnissen sind auch heute noch in den SU-Nachfolgestaaten anzutreffen – insbesondere in militärischen Kreisen.
Gerade vor diesem Hintergrund ist es umso bedauerlicher, dass ausgerechnet Protagonisten der friedlichen Revolution wie Frank Richter sich nicht zum Kommen oder wenigstens zu einer Reaktion hinreißen lassen konnten, liegt dem Freundeskreis doch gerade der Dialog zwischen den damals opponierenden Parteien am Herzen, um diesen Teil Dresdner Geschichte endlich einmal einer adäquaten Aufarbeitung zuzuführen.

Distanziert, aber im Gespräch: Der ehemalige sowjetische Oberleutnant Wladimir Wassiliew (links) und Brigadegeneral Jürgen Weigt, Kommandeur der Heeresschule Dresden.
Distanziert, aber im Gespräch: Der ehemalige sowjetische Oberleutnant Wladimir Wassiliew (links) und Brigadegeneral Jürgen Weigt, Kommandeur der Heeresschule Dresden.

Die Zusage von ranghohen Vertretern der Bundeswehr war deshalb umso erfreulicher, alsdass mit Generalmajor Weigt nicht nur ein ranghoher General der vereintdeutschen Streitkräfte, sondern auch ein gebürtiger Westdeutscher im Kalten Krieg verstorbenen Sowjetsoldaten die Ehre erwies. Ein Schritt, der insbesondere abseits offizieller Termine alles andere als selbstverständlich ist. Dass es auch für die Weigt’sche Abordnung alles andere als das war, zeigte die anfängliche Verunsicherung der Herren Offiziere hinsichtlich des gewählten Anlasses. Immerhin wurde der 23. Februar, zurückgehend auf die Gründung der Roten Armee am 23.2.1918, zu Sowjetzeiten als „Tag der Sowjetarmee“ oft mit großem militärischem Gepränge begangen. Interessant war, inwiefern der ehemalige sowjetische Offizier Wassiliew dieses Unbehagen wohl gespürt hatte. Fast schon beschwichtigend stellte er gegenüber Generalmajor Weigt klar, dass es in Russland heute am 23. Februar nicht mehr um das Bejubeln der Sowjetarmee gehe, sondern das Datum vielmehr als Männertag begangen würde. Er sei sich nicht sicher, ob der Termin überhaupt geeignet sei, am Grab getöteter Sowjetsoldaten zu gedenken. Weigts Reaktion war beeindruckend und um ehrlich zu sein, stellte sie vieles von dem auf den Kopf, was ich bislang über das Militär dachte. Er antwortete:

„Wissen Sie, ich glaube nicht, dass es so etwas wie einen geeigneten Termin gibt, um Toten Respekt zu erweisen. Im Gegenteil: Manchmal ist es ehrlicher, dafür einen nicht-offiziellen Termin wie diesen zu wählen, zu dem man geht, weil einem etwas daran liegt, als zu einer offiziellen Gedenkfeier, zu der zwar hochrangige Gäste kommen, aber eben hauptsächlich, weil man das von ihnen erwartet.“

Bei der Bundeswehr scheint man zumindest in einigen Etagen verstanden zu haben, weshalb sich der FK so für den Erhalt des Nordflügels einsetzt. Am Donnerstag wurde lebendig wie nie zuvor, weshalb – wie es das immer wird, sobald die Betroffenen von damals – Besatzer, Besetzte und Neuordner – aufeinandertreffen. Nicht zuletzt das kaum merkliche Nicken der anwesenden Offiziere, als FK-Sprecher Dietmar Groschischka in seiner Ansprache auf die Notwendigkeit eines Bekenntnisses der Stadt und seiner Bürger zur eigenen Geschichte sowie des Schutzes der davon zeugenden zeithistorischen Dokumente betonte, spricht dafür. Genau zu diesem Zweck muss der Nordflügel, der am Donnerstag in Vorbereitung der Feier von den Mitgliedern des Freundeskreises von Windbruch beräumt und liebevoll mit Grabkerzen und roten Rosen geschmückt worden war, erhalten bleiben. Generalmajor Weigt jedenfalls sicherte dem Freundeskreis die Unterstützung „im Rahmen des Möglichen“ zu.

Der 75-jährige Hermann Neumerkel am Grab des Sergeanten Romanow, dessen Eltern ihn in den 70er-Jahren um Hilfe bei der Suche nach dessen Grab baten.
Der 75-jährige Hermann Neumerkel am Grab des Sergeanten Romanow, dessen Eltern ihn in den 70er-Jahren um Hilfe bei der Suche nach dessen Grab baten.Foto: D. Groschischka.

Was am Donnerstag im direkten Angesicht der unzähligen Opfer des Rüstungswettstreites des Kalten Krieges auf sowjetischer Seite an Gesprächen und Austausch entstand, ist unersetzlich. So klärte uns Wladimir Wassiliew am Grab von Gennadij Malkin darüber auf, dass der Name Malkin in Russland hauptsächlich von jüdischstämmigen Familien geführt wird. Andere Gäste wiederum, die den Nordflügel zum allerersten Mal besuchten, zeigten sich schockiert über die hohe Zahl an blutjungen Männern, die nicht im Krieg, sondern während der Besatzungszeit in Dresden umkamen.
Der ehemalige Dresdner TU-Professor Hermann Neumerkel war zur Feierstunde gekommen und hatte Briefe und Fotomaterial im Gepäck, die aus der Korrespondenz mit der Familie eines 1945 an seinen Kriegsverletzungen in Dresden verstorbenen und auf dem Garnisonfriedhof bestatteten jungen Sergeanten stammten. Neumerkel ließ sich nicht umstimmen in seinem Wunsch, mir die Originaldokumente zu übergeben: „Machen Sie was draus, Sie sind jung genug.“ Es wird mir Ehre und Vergnügen gleichermaßen sein.

Nach dem Ende des Nationalsozialismus hat es mehr als zwei Jahrzehnte gedauert, bis man in Deutschland langsam damit begann, sich mit dieser Epoche zu befassen, es zu einem öffentlichen Thema machte. Im Verdrängen der Vergangenheit waren die Deutschen schon immer Meister. Nur zu offiziellen Anlässen wurden Nationalsozialismus und 2. Weltkrieg überhaupt ins Bild gesetzt – bis mit den 68ern langsam die Wende kam.
Was nun die Geschichte der sowjetischen Besatzung in der ehemaligen DDR betrifft, sind ganz ähnliche Verhaltensmuster zu erkennen. 20 Jahre sind vergangen, doch außer am 8. Mai spricht eigentlich niemand über jene Zeit. Stattdessen widmet man sich ausschließlich der Aufarbeitung der innerdeutschen Verwerfungen mit SED-Regime und Stasi-Überwachung. Was den Dialog zwischen Deutschland und Russland betrifft (von den anderen SU-Nachfolgestaaten mal gar nicht zu sprechen), so zeigt sich dieser fast ausschließlich vorwärtsgewandt oder thematisiert die positiven Aspekte gemeinsamer Geschichte, etwa die Präsenz russischer Künstler wie Dostojewski und Rachmaninow in Deutschland und umgekehrt über Jahrhunderte hinweg. Die 50 Jahre sowjetischer Besatzung hingegen werden ausgespart. Dass über 50 Jahre hinweg mehr als 10 Millionen Menschen anderer Nationalität auf ostdeutschem Boden weilten, wird nicht gesprochen, die Spuren jener Zeit zusehends aus der Landschaft getilgt. Und das Schlimmste daran ist, dass die Menschen, die es auf beiden Seiten betraf, bis heute zum Teil nicht miteinander Versöhnung gefeiert und mit der Vergangenheit ihren Frieden gemacht haben.
Der Freundeskreis Sowjetischer Garnisonfriedhof hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, diese Thematik endlich auf die Agenda des Petersburger Dialogs zu bringen.

Zeitreise mit Hindernissen.

Es ist der 50. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer. Was macht man an einem solchen Tag, an dem sich mal wieder Ausstellungen, Gedenkrunden und Vorträge die Klinke in die Hand geben? Jane, dacht ich mir, machst du mal wieder eine „Zeitreise“ in die gute alte DDR, die du (im Großen und Ganzen gottseidank) gegen die tolle BRD eintauschen durftest, als du 12 Jahre alt warst.
Also auf nach Radebeul in das DDR-Museum „Zeitreise“, das ich das letzte Mal im September 2007 besucht hatte, als es noch so ziemlich im Aufbau war. Einfach mal sehen, was sich so getan hat, wie viele Exponate dazugekommen sind und sich mal ganz bewusst wieder erinnern und mit der heutigen Realität abgleichen. Ich gebe zu: Ganz uneigennützig war der Besuch nicht, arbeite ich doch gerade an einem Schrieb, der ziemlich viel mit dieser Zeit zu tun hat. So ganz nebenbei wollte ich auch ein paar ganz natürlich bedingte, der Gnade der späten Geburt geschuldete Wissenslücken schließen.

Bildzeitung vom 15. August 1961.
Bildzeitung vom 15. August 1961.

Die erste Überraschung gab’s bereits an der Kasse: Nee, keine Journalistenkonditionen, ok, meinetwegen. Wieso auch Extrawürste für die Journaille braten? Auch die zweite gab’s an der Kasse: Der ermäßigten-Obolus, den Kinder, Schüler, Studenten und Rentner für das Visum berappen müssen, das zum eintägigen Aufenthalt in der DDR berechtigt, kostet mittlerweile sechs Euro, statt wie früher 5 (normal 7,50 Euro). Von „Ermäßigung“ kann somit kaum noch eine Rede sein. Tja, auch in der DDR wird anscheinend langsam alles teurer…

Die zweite Überraschung war dann durchaus positiver Natur. Die Zahl der Exponate hatte sich im Vergleich zu vor vier Jahren vor allem um ein paar sehr informative Schautafeln erweitert. Das Problem daran war nur: Gerade im Erdgeschoss waren viele Tafeln offensichtlich einfach nur dort aufgehängt worden, wo gerade noch ein freier Platz war. So fanden sich Zeitungsausschnitte und Originaldokumente zum Todesstreifen zwischen Trabis und Wartburgs. Der Zeitstrahl durch die Geschichte der DDR, der von 1945 bis 1990 mittels beschrifteter Pfeile durch das gesamte Haus (vier Etagen) führt, ist zwar gut gemeint, aber in seiner Überdimensioniertheit ziemlich unübersichtlich. Immer wieder verliert man während des Beschauens der vielen anderen Objekte auf den Etagen den Faden. Besser wäre es gewesen, hätte man dem Zeitstrahl einen eigenen Bereich im Haus zugedacht und ihn kleiner, aber dafür übersichtlicher gestaltet, sodass er in einem Aufwasch einsehbar wäre.

Die Vielfalt der Ausstellungsobjekte ist ein absolutes Plus des Museums. Ich glaube nicht, dass es eine ähnlich umfangreiche Sammlung irgendwo anders gibt. Allerdings stellt speziell im Fall der „Zeitreise“ diese Vielfalt die Betreiber vor Probleme, die anscheinend nicht zu bewältigen sind. So wirken viele Ausstellungsbereiche total überladen, indem einfach alles, was man zu greifen bekam, auch ausgestellt wurde – um den Preis der Übersichtlichkeit und vor allem der Informativität. Infotafeln, die den ausgestellten Gegenstand erklären, sucht man an den allermeisten Exponaten vergebens. Das betrifft vor allem die Themenbereiche wie Sport, Musik, Wohnen, Spielen usw. Bei so vielen Ausstellungsobjekten hätte man auch ein ganzes Unternehmen nur damit beschäftigen können, alles mit Erklärschildern zu versehen. Und so erinnert die Ausstellung an vielen Stellen eher an das Großlager des Rumpelmännchens, denn an ein Museum. Es wäre insgesamt wohl ratsamer gewesen, die Ausstellung nicht mit all zu vielen Exemplaren zu überfrachten, stattdessen sorgsam auszuwählen und dafür größeres Augenmerk auf Erklärungen zu legen. Man rühmt sich auf seiner Homepage, die größte Ausstellung zum Leben in der DDR zu sein, doch eine Ausstellung lässt sich nicht nur an der Masse der Exponate, sondern auch an Qualität, Umfang und Präsentation der vermittelten Informationen bemessen. Eine Puppe oder ein Plastik-Teller erzählen mir noch nichts über das Leben in der DDR. Schön wären zu solch persönlichen, da gebrauchten, Exponanten kleine Anekdoten aus dem Alltag gewesen.

Auch in Punkto Arrangement der Ausstellungsobjekte gibt es noch ziemlich viel Nachholebedarf. Das meiste wurde einfach nur ziemlich lieblos auf den Boden gelegt. Und oft (z.B. in der Kaufhalle) waren die Absperrungen so ungünstig angebracht, dass man viele kleinere Exponate nur aus ziemlicher Entfernung mit der Lupe suchen muss. Es fehlt des Öfteren die Möglichkeit, nahe heranzugehen.
Im Gegensatz dazu wiederum sehr hübsch und zum Teil ziemlich realistisch sind die originalgetreu nachgebildeten Kaderbüros, Werkstatträume und Wohnstuben, die einen beim Eintreten schlagartig wieder im alten Wohnzimmer oder Büro von damals stehen lassen. Die „Zeitreise“-Kaufhalle protzt mit einem Überfluss an (Original-!)Waren, über den sich früher wahrscheinlich jeder Kunde unbändig gefreut hätte.

Besonders herauszuheben aber ist die beachtliche Sammlung an Originaldokumenten wie Urkunden, Briefwechsel, „Verschlusssachen“, Zeitungsartikel, klassische DDR-Literatur und dergleichen mehr. So kann man sich in einen alten Sessel (natürlich aus DDR-Produktion) setzen und endlich einmal in jenem „Der Sinn meines Lebens“-Buch schmökern, das jungen FDJler bei ihrer – na ich nenns einfach mal Vereidigung – mit auf den weiteren Lebensweg gegeben wurde, was mir ja knapp erspart blieb. Da sträuben sich einem die Haare, wenn man liest, was man damals 14-Jährigen alles eingetrichtert und als Fakt verkauft hat. Was der Quellensammlung für meinen Geschmack noch ein wenig fehlt, ist ein größeres Angebot an alten Originalzeitungen, die man noch lesen kann. Ein paar wenige (darunter auch eine „Union“ vom Oktober 1980) lagen da verführerisch hinter der Absperrung.

Und weil beim Lesen die Zeit so schnell vergeht, wird man in der 3. Etage auch schon mal vom Schließkommando überrascht. Das kam allerdings schon um 25 vor sechs in Gestalt eines sehr jungen Mannes daher, der einfach anfing, die Lichter auszuschalten. Als ich ihn daraufhin ansprach und meinte, dass ich für mein Eintrittsgeld schon auch bis sechs Uhr die Ausstellung besichtigen möchte, wie es die offiziellen Öffnungszeiten versprechen, meinte er etwas verwirrt, er könne ja das Ganglicht noch mal einschalten. Statt mich aber wenigstens noch bis sechs in Ruhe durch den Gang schlendern zu lassen, verfolgte er mich nun auf Schritt und Tritt: Machte ich einen Schritt, machte er auch einen. Und während der ganzen Prozedur hatte ich seinen bohrenden Blick im Rücken.
Sorry, aber so was geht einfach mal gar nicht. Wenn bis sechs Uhr offen ist, muss der Besucher auch bis sechs Uhr besichtigen können. Auch wenn Samstag ist, kann ich nicht einfach um 17.35 Uhr das Licht ausmachen und noch anwesende Gäste rausekeln. Überhaupt ist das Personal für mich ein Kritikpunkt. Statt sich wie in herkömmlichen Museen dezent im Hintergrund zu halten, sind die zudem recht ungepflegt wirkenden Herrschaften in der „Zeitreise“ omnipräsent und quasi auch kaum zu übersehen und zu überhören. So stehen sie mal hier, mal da rum, fletzen sich auf Ausstellungsobjekte, die eigentlich hinter der Absperrung liegen, gießen zwischendurch die Blumen und unterhalten sich lautstark in platter Art und Weise, sodass es beim Lesen von Dokumenten und Literatur unheimlich stört – oder sie stellen einem eben quasi den Stuhl vor die Tür.

Fazit: Empfehlenswert, wenn man möglichst viele Dinge des täglichen Gebrauchs aus der DDR sehen will und sich nebenbei noch ein wenig Hintergrundwissen zu politischen und historischen Themen anlesen will und dabei nicht allzu viel Wert auf Ambiente und Übersichtlichkeit legt. Kritik: zu wenig Detailinformation zu den Exponaten und teilweise chaotisches Arrangement. Ungepflegtes Personal und überpünktliche Schließzeiten.

Die Linke und die Mauer.

20 Jahre nach dem Ende der SED-Herrschaft und vier Jahre nach der Fusion der Nachfolgepartei PDS.dieLinke mit der westdeutschen Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit (WASG) zur neuen Linkspartei „Die Linke“ rumort es in der Linken. Eigentlich, so kann man sagen, ist die Partei seit ihrer Gründung nicht wirklich zur Ruhe gekommen. Tauziehen um die politische Grundausrichtung, Antisemitismus-Debatte, Vergangenheitsbewältigung, irgendetwas gibt es immer. Der neueste Streich, mit dem die Linke in die Presse kam, war ein Thesenpapier des antikapitalistischen Flügels der Partei (AKL) zum Thema Mauerbau anlässlich dessen 50. Jahrestages am heutigen Tag. Daraufhin gingen Schlagzeilen wie „Der große Linken-Zoff um die Mauer“ (Financial Times Deutschland), „In der Aufarbeitung gespalten“ (Hamburger Abendblatt), „Linke blamiert sich mit Diskussion über Mauerbau“ (Welt), „Verständnis für Bau der Mauer in der Linken“ (Augsburger Allgemeine) usw. usf durch die Medien.
Doch was ist tatsächlich geschehen? Und was steht tatsächlich in dem Thesenpapier der mecklenburgischen AKL-Fraktion, um das ein solcher Wirbel kursiert?

Ob des medialen Gewitters, die Linke sei „gespalten“ und streite vehement in der Frage um die Bewertung der Mauer, können viele Beteiligte nur den Kopf schütteln. Oskar Lafontaine, Parteivater, ehemaliger Bundesvorsitzender und aktuell Vorsitzender der saarländischen Linken, schrieb in seinem Blog dazu Folgendes:

Nun liegt es einerseits auf der Hand, dass es unterschiedliche Meinungen über den 13. August 1961 gibt, sonst hätte wohl zum Landesparteitag niemand eine alternative Stellungnahme zum Vorstands-Papier eingereicht. Andererseits muss man schon fragen, ob der Unterschied wirklich so groß ist, dass man ihn mit gewichtigen Begriffen wir „Verurteilung und Rechtfertigung“ beschreiben kann.

Offizieller Standpunkt der Linken

Die Historikkommission der Linken veröffentlichte unlängst (im Juni 2011) einen gemeinsamen Standpunkt zum Thema Mauerbau, der sich im Großen und Ganzen an der Position der Partei PDS zur Thematik aus dem Jahr 2001 orientierte, in der es hieß: „Kein Ideal und kein höherer Zweck kann das mit der Mauer verbundene Unrecht, die systematische Einschränkung der Freizügigkeit und die Gefahr für Freiheit sowie an Leib und Leben, beim Versuch das Land dennoch verlassen zu wollen, politisch rechtfertigen.“ Im Juni 2011 las es sich nun so:

Als vor 50 Jahren die Berliner Mauer errichtet wurde, konnte sich kaum einer vorstellen, dass dieses Bauwerk die bestehende deutsche Teilung im wahrsten Sinne des Wortes auf Jahrzehnte zementieren würde. Die komplette Abriegelung der Grenze nach Westberlin am 13. August 1961 und der anschließende Bau der Mauer dienten der Aufrechterhaltung des politischen Systems in der DDR. Die Partei- und Staatsführung sah keine andere Möglichkeit der anhaltenden Übersiedlungs- und Flüchtlingsbewegung in die Bundesrepublik und dem damit verbundenen Verlust hochqualifizierter Arbeitskräfte Einhalt zu gebieten. Es war das Eingeständnis, den zuvor propagierten Wettbewerb der Systeme bei offenen Grenzen nicht bestehen zu können. Die Mauer symbolisiert somit Schwächen des Sozialismus, die als Geschichtszeichen bis heute nachwirken. Die Mauer als „antifaschistischen Schutzwall“ zu rechtfertigen, war ein Missbrauch des wichtigsten demokratischen Legitimationsgutes der DDR. Die Mauer und die Grenzbefestigungsanlagen haben in den folgenden dreißig Jahren fast einhundertfünfzig Menschen das Leben gekostet, Tausende bei Fluchtversuchen ins Gefängnis gebracht, Millionen Menschen das Recht auf Reisefreiheit genommen und zahllose Familien getrennt. […] .
Der Mauerbau war zugleich ein Produkt des Kalten Krieges und der nach dem Zweiten Weltkrieg neu entstandenen bipolaren Weltordnung von Ost und West. Europa war zwischen den Siegermächten aufgeteilt. Die Teilung Deutschlands und Berlins war besiegelt und wurde auch von den Westmächten befördert. John F. Kennedys Aussage, die Mauer „sei keine schöne Lösung, aber tausendmal besser als Krieg“ illustriert knapp diesen Sachverhalt. Die sowjetische Führung und im Gefolge die DDR entschieden sich 1961 auch zum Mauerbau, um einen Krieg zu verhindern. Dieser war angesichts der fortschreitenden Destabilisierung der DDR und unter den Bedingungen der militärischen Konfrontation in Mitteleuropa nicht auszuschließen. Es ist zur Kenntnis zu nehmen: Die Mauer hätte auch nicht über Jahrzehnte bestehen können ohne ihre Tolerierung durch die westlichen Besatzungsmächte (USA, Großbritannien, Frankreich), für die damit der bestehende Status quo gesichert wurde. Die eigentlichen Auseinandersetzungen zwischen Ost- und Westblock fanden nicht mehr in Europa statt, sondern in Teilen der sogenannten Dritten Welt, wie etwa in Kuba, Vietnam oder Afrika. Dass in der Folgezeit die Entspannungspolitik vor allem in Europa rasante Fortschritte machte, gehört zum Paradox des Mauerbaus.

Im Grunde unterscheidet sich die offizielle Position der Linken wenig von der etwa der schwarz-gelben Koalition oder der SPD. Der Mauerbau wird als Zeichen der Schwäche des damaligen Systems bewertet und als nicht zu rechtfertigen verurteilt. Die Zahl der Maueropfer wird sogar mit 150 höher angesetzt, als es etwa Berlins Oberbürgermeister Wowereit (SPD) bei seiner heutigen Gedenkrede tat – er sprach von 128 Opfern (sein Vorredner wiederum von 136). Der einzige Unterschied, der auszumachen ist, ist der Versuch der Einordnung des Mauerbaus in den historischen Kontext des Kalten Krieges – etwas, das bei Gegnern und auch in den Medien oft und gerne als „Schönreden“ oder „Rechtfertigung“ gegeiselt wird. Dabei ist es unumstößlicher Fakt, dass die Teilung Deutschlands nicht nur von der Sowjetunion ausging, sondern insbesondere zu Beginn der Besatzungszeit von den Westalliierten mindestens ebenso vehement vorangetrieben wurde. Die Linke sieht den Mauerbau somit als Folge und Konsequenz des Kalten Krieges, jedoch nicht als legitimes Mittel der Durchsetzung von Interessen, was ein erheblicher Unterschied ist.
Dies ist nun ein offizielles Positionspapier, das parteiintern die demokratischen Abstimmungshürden nahm, ergo eine mehrheitsfähige Auffassung der Partei widerspiegelt.

Das Thesen-Papier der mecklenburgischen AKL

Nun hat es ein kleines Grüppchen innerhalb der Partei – die Antikapitalistische Linke (AKL) in Mecklenburg-Vorpommern – gewagt, dem Thesenpapier des mecklenburgischen Spitzenkandidaten Holter, das im Wesentlichen die Haltung der offiziellen Positionierung wiedergab, eine Alternative gegenüberzustellen. Und schon wird in den Medien von „Zerrissenheit“ und „Streit“ geschrieben.
Wer ist die AKL eigentlich?
Die AKL wurde im Jahr 2006 gegründet, ihre wesentlichen Frontreiter sind die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Linken, Sarah Wagenknecht, Ulla Jelpke sowie Thies Gleiss aus der ehemaligen WASG. Den öffentlichen Aufruf der Arbeitsgruppe, eine antikapitalistischere Politik innerhalb der Linken zu etablieren, den 30 Mitglieder der damaligen PDS und WASG initiierten, unterzeichneten bislang ein paar Hundert Parteimitglieder ebenso viele Bürgerinnen und Bürger, insgesamt nicht mehr als 1700 Personen. Die Linkspartei hat bundesweit heute mehr als 70000 Mitglieder und mehrere Millionen Wähler. Angesichts dieser Zahlen entpuppt sich der viel beschworene „Antikapitalistische Flügel“ der Partei, den lediglich der Verfassungsschutz des Landes Baden Württemberg als „extremistisch“ einstuft, als lahmes Flügelchen.

Dieses Flügelchen hat nun was in seinem Alternativentwurf geäußert? Im Folgenden will ich den Inhalt kurz in Stichpunkten wiedergeben.

1. Der historische Kontext, in dem sich der Mauerbau bewegte, war weltumspannend und global. Die Truman-Doktrin der Westalliierten manifestierte die Absicht der Eindämmung des Sozialismus in Europa, mit dem Ausstieg aus der Anti-Hitler-Koalition begann der Kalte Krieg. Auf beiden Seiten entstanden Staaten mit eingeschränkten Souveränitätsrechten, die den Intressen der jeweiligen Besatzungsmächte unterworfen waren. Die Grenzen zwischen DDR und BRD waren vor allem Grenzen zwischen zwei sich feindlich gegenüberstehenden Militärblöcken.

2. Die DDR hatte als kleinere und wirtschaftlich schwächere Einheit von vorn herein bis 1989 einen signifikanten Nachteil gegenüber der BRD. Das vor allem US-finanzierte Wirtschaftswunder (Marschallplan) in der BRD manifestierte diesen Nachteil.

3. Westberlin wurde als „Pfahl im Fleische der DDR“ aufgebaut. Dieser frei zugängliche „Brückenkopf“ des politischen Kontrahenten wurde intensiv zur Destabilisierung der DDR genutzt. Berlin war in jener Zeit der wohl größte internationale Spionagetummelplatz.

4. Die Politik der BRD war in Abstimmung mit den Westalliierten von Beginn an auf die Beseitigung der DDR ausgerichtet. Alleinvertretungsanspruch der BRD für die Deutschen. Gezielte Abwerbung von DDR-Arbeitskräften bis zum Mauerbau.

5. Krise der DDR-Wirtschaft ab Ende der 50er-Jahre. Ziel, die BRD wirtschaftlich zu überholen, wurde nicht annähernd erreicht. Vergenossenschaftlichungen in der Landwirtschaft führten zu Fluchten und Nahrungsengpässen.

6. Mauerbau als zwingende Konsequenz der politischen und wirtschaftlichen Krise mit Gefahr eines neuen Krieges. Aus den Memoiren von Kennedy, Chruschtschow und Strauß geht hervor, dass alle Seiten mit einem Krieg rechneten und entsprechende Planungen anstellten. Zitat Kennedy 1961: „Chruschtschow sieht sich einer unerträglichen Lage gegenüber. Die DDR blutet sich zu Tode, und als Folge ist der ganze Ostblock in Gefahr. Er muss etwas unternehmen, um das aufzuhalten. Vielleicht eine Mauer?“ Auch Kennedy sprach von einem „Berlin-Problem“, das die Welt in einen schrecklichen nuklearen Krieg stürzen könnte.

7. Der Bau der Mauer war damals für die DDR- und SU-Führung alternativlos und wurde von den Westmächten akzeptiert. Es folgte eine Periode friedlicher Koexistenz und größerer Sicherheit in Europa. die Mauer führte zur Anerkennung der DDR als souveränem Staat durch einen Großteil der Welt.

8. Für viele Menschen war der Mauerbau mit schwerwiegenden persönlichen Konsequenzen verbunden, Familien wurden getrennt, Menschen verloren auf der Flucht ihr Leben. Der Drang, nach Westen zu gehen, wurde nicht verringert. Es war nicht gelungen, den Sozialismus in der DDR so zu gestalten, dass er für die Mehrheit der Menschen als bessere Alternative zum westlichen Kapitalismus erlebbar wurde. Das hätte ein attraktives und konkurrenzfähiges Wirtschaftssystem sowie individuelle Freiheiten erfordert. Sozialismus ist nur dauerhaft machbar, wenn ihn die Menschen wollen.

Wenn man nun das Papier der mecklenburgischen AKL mit der offiziellen Position der Linken vergleicht, fällt auf: So groß ist der Unterschied gar nicht. Die AKL hat lediglich mehr Wert auf eine ausführliche Schilderung der ihrer Ansicht nach vorliegenden historischen Faktenlage gelegt als die Historikkommission der Linken. Und tatsächlich wird kaum ein Historiker die darin dargestellten historischen Zusammenhänge bestreiten. Es wird darin auf die Rolle der Westalliierten genauso eingegangen wie auf Fehlentwicklungen innerhalb der DDR (Vergenossenschaftlichungen, Krise, mangelnde Freiheiten usw.). Und am wichtigsten: Auch die AKL zieht den Schluss, dass die Mauer unendliches Leid zufügte und ihren anvisierten Zweck letztendlich nicht – oder nur teilweise erfüllte. Sie mag vielleicht einen dritten Weltkrieg verhindert haben, aber sie hätte den Fortbestand der DDR niemals sichern können, weil grundlegende Dinge schlicht und ergreifend fehlten und viele Menschen lieber zu sterben bereit waren, als in einem solchen Staat zu leben.

Aus diesem acht Punkte umfassenden Papier werden in fast allen Medienberichten und von fast allen „empörten Politikern“ nun immer wieder dieselben Passagen zitiert: die „zwingende Konsequenz“ und die vermeintliche „Alternativlosigkeit“ des Mauerbaus. Wobei auch gerne einmal auf die gute alte journalistische Sorgfalt des Zitierens gepfiffen wird – so wird aus der „zwingenden Konsequenz“ schon mal locker eine „zwingende Notwendigkeit“. Der Unterschied zwischen beidem dürfte hoffentlich klar sein.
Ein dreiviertelseitiges Papier eingedampft auf zwei Formulierungen, um daraus letztendlich eine „Rechtfertigung des Mauerbaus“ zu stricken. Punkt eins, fünf oder acht hingegen, in denen auch Missstände auf der Seite der sowjetischen Besatzungszone thematisiert werden, finden in fast keiner Publikation und wenn dann nur ganz marginal Beachtung, was auch zwingend erforderlich ist, um den zu erzeugenden Eindruck einer Rechtfertigungs-Carta irgendwie glaubhaft zu darzustellen.

Die AKL zielt in ihrem Papier zwar eindeutig darauf ab, den Mauerbau aus der historischen Perspektive irgendwie nachvollziehbar erscheinen zu lassen. Doch zwischen nachvollziehbar und legitim ist eben noch ein himmelweiter Unterschied. Aus meiner Sicht wurde nicht legitimiert oder gerechtfertigt, sondern wie bereits geschrieben versucht, die Frage, wie es zum Bau der Mauer kommen konnte, aus historischer Sicht nachzuvollziehen. Dem mögen nun sehr unterschiedliche und persönliche Motive zugrunde liegen, doch genau über die kann sich ein Außenstehender kein redliches Urteil bilden, da man darüber, was ein Mensch tatsächlich denkt, lediglich spekulieren kann.

Ich persönlich – als entschiedener Gegner von SED-Diktatur und Mauer – kann sagen: Im Großen und Ganzen könnte ich sowohl das Thesenpapier der AKL als auch das offizielle Statement der Linken unterschreiben. Prinzipiell hätte ich jedoch dem destruktiven und kriminellen Element der Mauer mehr Gewicht eingeräumt als die AKL. Und ich hätte wenigstens eines noch dazugeschrieben: Nicht nur die Westalliierten, auch die Sowjetunion hätte die Mauer wesentlich eher wieder abbauen können, als klar wurde, dass diese mehr Leid als Nutzen bringt.

Wer allerdings die Position der Linken aufgrund ihres historisierenden Elements in die Nähe der SED stellt, der handelt grundsätzlich zweckorientiert und reduziert umfassende Stellungnahmen auf wenige Formulierungen, in die man dies und jenes hineininterpretieren könnte. Der Linken aufgrund ihrer Vergangenheit auch dauerhaft eine Nähe zu alten Missetaten zu unterstellen, ist der leichteste Weg eines jeden Gegners, unliebsame Kritik oder politische Inhalte aufseiten der Linken zu diskreditieren. Keine Partei hat sich jemals seit Bestehen des deutschen Parteiensystems derart intensiv mit ihrer Vergangenheit beschäftigt. Sicherlich sind längst nicht alle Altlasten beseitigt. Doch die vielen kleinen Auseinandersetzungen und Diskussionen innerhalb der Partei sind auch ein Indiz für Arbeit und Vorwärtsgewandtheit, nicht für Stagnation. Das ist doch prinzipiell etwas Positives. Die sehr aufgeräumte und kritische Position der Linken zum Thema Mauerbau zeigt, dass die Partei bereit ist, sich von ihrer totalitären Vergangenheit endgültig zu lösen. Junge Leute und Leute aus dem Westen sind in den letzten Jahren dazugestoßen. Die Einflüsse, die die Partei heute prägen, sind sehr westlich, aber auch geprägt von den negativen Begleiterscheinungen der kapitalistisch geprägten Gesellschaft.
Und nicht zuletzt die Tatsache, dass ein „Gegenentwurf“ zu den offiziellen Positionen schlussendlich auch zu dem Schluss kommt, dass die Mauer im Nachhinein betrachtet ein Fehler war, dass sie Leid gebracht und und ihr Ziel verfehlte, zeigt doch, dass selbst die Fundis in der Partei ihre Lehren gezogen haben und auf dem richtigen Weg sind.
Wie wäre es, wenn man das zur Abwechslung einmal ganz vorbehaltlos anerkennen würde?

Bei genauer Betrachtung lässt sich die Behauptung, ein „Mauerstreit“ habe die Linke „gespalten“, in keinster Weise halten. Es mag verschiedene Ansätze und Gewichtungen innerhalb der Linken geben. Während Fundis immer noch ihrer Skepsis gegenüber dem amerikanischen Kapitalismus und Imperialismus verhaftet sind und traditionell die Rolle desselben in der Herausbildung des Kalten Krieges betonen wollen, verzichten die Realos in der Linken zusehends auf rückwärtsgewandte Bezüge. Doch in einem sind sich beide Lager grundlegend einig: Die Mauer mag aus damaliger Sicht konsequent gewesen sein, aus heutiger jedoch ist und bleibt sie in erster Linie ein Verbrechen an den Menschen und in keinster Weise zu rechtfertigen. Die Verantwortung für ihre Entstehung ist nicht allein der DDR und der Sowjetunion zuzuschreiben.
Die Rolle Amerikas im Kalten Krieg ist jedoch etwas, das in einem Land, das nach wie vor sehr vom amerikanischen Einfluss geprägt ist, nur zögernd in den Fokus der Debatten um diese Phase europäischer Geschichte gerät. Und wann, wenn nicht am 50. Jahrestag des Mauerbaus, ist die Zeit reif, diese Seite noch näher zu beleuchten?