Raoul Wallenberg – Wer tötete den Judenretter von Ungarn?

Der Tod des schwedischen Diplomaten vor rund 70 Jahren ist bis heute ein Mysterium. 1912 als Sohn eines Marineoffiziers und einer Mutter mit jüdischen Vorfahren geboren, nutzte der junge Legationsrat Wallenberg während des Zweiten Weltkrieges ab Sommer 1944 in Ungarn seine Stellung, um Tausende jüdische Bürger vor der Ermordung in NS-Vernichtungslagern zu retten. Zwischen Österreich und  Ungarn – während des Krieges mit Deutschland verbündet – verlief später die Grenze zwischen sowjetischem und westalliiertem Einflussgebiet. Ungarn geriet noch vor dem Kriegsende 1945 unter sowjetische Kontrolle und wurde später Teil des Ostblocks. Der aus höchsten Kreisen der schwedischen Gesellschaft stammende Wallenberg und dessen Tun in einem Gebiet, das der sowjetische Diktator Josef Stalin nach dem Beginn der Besatzung am 16. Januar 1945 für sich beanspruchte, gerieten alsbald ins Visier des NKWD – des Kommissariats für innere Angelegenheit der SU, einem Vorläufer des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Raoul Wallenberg – Wer tötete den Judenretter von Ungarn? weiterlesen

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Ein Abschied.

Alaunplatz im Sommer. Foto: J. Jannke
Alaunplatz im Sommer. Foto: J. Jannke

Abschiedsstimmung. Nach zuletzt ununterbrochen elf und insgesamt fast 25 Jahren und damit zwei Dritteln meines Lebens, die ich hier in der Dresdner Neustadt gelebt habe, kehre ich meinem Viertel den Rücken. Es erfüllt mich nicht mit Wehmut oder Trennungsschmerz. Diese Phase ist überwunden. Ich ziehe weg – der Entschluss steht fest. Die Wohnungssuche läuft schon eine Weile. Die neue Bleibe soll nicht nur ein windiger Kompromiss sein. Doch wie lange es auch noch dauern mag: Meine Tage als Neustädter sind sicher gezählt.
Der physische Abschied in Form des Wegzuges ist reine Formsache. Es war der innere Abschied, der lange dauerte und sich als äußerst schmerzhafter Prozess erwies. Fast auf den Tag genau vor fünf Jahren schon schrieb ich, damals noch im ArtUndWiese-Blog, über das Viertel, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin:

Das Leben ist hektisch geworden, hektisch, anonym, eng und wenig gemeinschaftlich – zumindest, wenn man unter „gemeinschaftlich“ etwas anderes versteht, als sich allabendlich mit seinen Saufkumpanen an der „Assi-Ecke“ Louise/Rothi/Görli zu treffen, den ganzen Weg zu blockieren und das Gedrängel zu nutzen, um Mädels anzumachen, die einfach nur an diesem Nadelöhr vorbeiwollen.

Fünf Jahre später hat sich vieles gehalten, einiges ist anders, aber keinesfalls besser. Im Gegenteil: In den letzten Jahren hat die Äußere Neustadt ihre Entwicklung hin zum übervölkerten, durchgehend versiegelten Wohngetto mit höchstem Lärm-, Schmutz- und Stressfaktor beinahe vollendet. Auf der Kamenzer und der Förstereistraße werden gerade zwei der letzten noch nicht mit Neubauten vollgestopften Brachen zugebaut. Auf der Förstereistraße ist der neue Glas-/Betonpalast mit exklusiven (und vor allem teuren) Luxuswohnungen fast fertig. Monatelang hat die Baustelle den Verkehr behindert und ohnehin knappe Parkplätze gefressen. Vor ein paar Wochen ging es an der Kamenzer kurz vor der Ecke Louisenstraße los, und auch in der Louisenstaße muss gegenüber der Feuerwache eine letzte Brache weichen. Der neue „Campus“ vor der Scheune ist so furchtbar hässlich und steril, dass es einem fast das Herz rausreißt.

Beinahe unerträglich auch die Entwicklung oberhalb des Alaunplatzes, entlang der Tannen- und Hans-Oster-Straße, der sogenannten „Oberen Neustadt“. Was hier seit 2010 geschieht, grenzt an ein städtebauliches Verbrechen und eine optische Vergewaltigung. Binnen sechs Jahren ist ein tristes, gleichförmiges, plump und absolut unästhetisch wirkendes Beton-Getto entstanden, bei dessen Anblick einem das pure Grauen kommt. Jedweder Individualismus und Anspruch an möglichst „artgerechtes“ städtisches Wohnen wurde hier zugunsten der gewinnversprechenden Schaffung möglichst zahlreichen neuen Wohnraumes über Bord geworfen. Wann immer ich hier langgehe, wünsche ich mir fast schon die Russenkasernen zurück, die hier einst standen. Selbst da gab es noch mehr Grün und noch mehr Ursprünglichkeit an diesem Ort. Ich kann nicht verstehen, dass Menschen allen Ernstes Hunderttausende von Euro auszugeben bereit sind, um am Ende in solch einem sterilen und ausgesprochen anonymen Silo zu wohnen. Und ein Ende dieser Verschandelung und schrittweisen Versiegelung meiner Neustadt in diesem ökologisch sensiblen Gebiet am Übergang zur Dresdner Heide ist längst nicht in Sicht: Der 3. Bauabschnitt läuft, und die Betonfront zwischen Alaunplatz und Heide wächst. Und doch ist dieses gigantische für die Gesamtentwicklung der Äußeren Neustadt symptomatische Projekt irgendwie schon fast wieder konsequent.

Warum Wohnraum hier immer noch so gefragt ist, erschließt sich mir nicht. Die Neustadt ist laut, dreckig, teuer, dennoch übervölkert und dadurch mittlerweile kaum noch grün oder gar idyllisch. Trotzdem scheint es irgendwie „hip“, hier zu wohnen. Seinen Latte Macchiato im Staub am Straßenrand inmitten von Trauben von Fußgängern und Radfahrern zu trinken, morgens durch vollgepullerte Hauseingänge zu laufen und vor der Haustür in Hundehaufen und Dönerleichen zu treten. Offenbar verströmt die Aussicht darauf, nachts vor lauter Krawall in den kneipengesäumten Straßen und Biergärten nicht schlafen zu können oder abends ab 7 wegen all der Essens- und Partygäste trotz Anwohnerausweises zwischen Bautzner, Königsbrücker, Prießnitz und Bischofsweg keinen Parkplatz mehr zu finden, für viele doch einen besonderen Reiz. Die Nachfrage ist so groß, dass selbst alte abgewohnte Buden ohne jeden Reiz für 9 Euro kalt pro Quadratmeter weggehen.

Mich als „Alteingesessene“, die die Flucht aus diesem Viertel während der 80er-Jahre und die damit einhergehende Entvölkerung miterlebte, hat diese Entwicklung mehr und mehr entfremdet. Ich sage es ganz ehrlich: Hier zu wohnen ist zur Qual geworden. Selbst jetzt, an einem Samstagmittag, herrscht draußen trotz Lage im Hinterhaus keine Ruhe. Auf dem Spielplatz zwei Häuser weiter kreischen die Kinder (und das sollen sie auch dürfen), unter dem Balkon bläst und rotiert geräuschvoll die vor ein paar Jahren aufgemotzte Klimaanlage des Restaurants im Vorderhaus nebenan. Irgendwo saugt jemand. Wenn der fertig ist, wird irgendein anderer im Block laut Musik anstellen, Löcher in Wände bohren, öffentlich schief singen und Gitarre spielen oder sich angeregt unterhalten. Niemals ist man hier für sich. Beim Frühstück auf dem Balkon hat man das Gefühl, von Dutzenden Augenpaaren hinter Gardinen und Jalousien im Vorderhaus beobachtet zu werden. Der Blick aus dem Fenster fällt auf die schmucklose Rückfront des Vorderhauses, keine 20 Meter entfernt. Und doch könnte man hier, am „Assi-Eck“, im Vorderhaus gar nicht wohnen.

Ehe hier der Eindruck entsteht, ich sei ein eigenbrötlerischer Soziopath – ich mag das quirlige leben in der Neustadt durchaus, sonst hätte ich nicht so lange hier gewohnt. Auch ich gehe gerne mal in die Kneipe, setze mich in den Biergarten oder mit Freunden in den Hof zum Grillen. Ich mag auch das vielfältige kulturelle Angebot hier. Aber ich möchte selbst entscheiden können, WANN ich das tue oder nutze. Wenn man in der Neustadt wohnt, hat man aber allzu oft gar keine Wahl. Wenn draußen, in der Disco oder in der WG nebenan gefeiert wird, dann muss man eben mitfeiern oder man sitzt schlaflos auf der Bettkante und beißt sich in die Faust. Friss oder stirb. Und Leute, die gern die Sau rauslassen, trifft man nun mal in der Neustadt überdurchschnittlich häufig an. Leute, die nicht hier mittendrin wohnen, sondern nur gerne nach Feierabend zum Chillen oder am Wochenende zum Ausgehen hierherkommen, können solch eine Denkweise oft nicht nachvollziehen. Ist doch alles super toll in der Neuse, die Biergärten und die Innenhöfe sind doch schön grün, und dann noch der Alaunplatz… und überhaupt, ist die Neustadt doch nun mal ein Partyviertel.

Fast 300 Jahre lang war die Äußere Neustadt ein reines Arbeiterwohnviertel. zum Vergnügungsviertel mutierte es dagegen erst in den letzten 15 bis 20 Jahren und das unter zunehmender Ausgrenzung der nach wie vor hier wohnhaften Bevölkerung. Nicht mehr sie bestimmt das sich ansiedelnde Gewerbe, sondern umgekehrt. Das Gewerbe entscheidet über das Klientel, das hierherkommt und auch -zieht. In den letzten sechs, sieben Jahren habe ich dreimal gegen permanente nächtliche Ruhestörung in bzw. im direkten Umfeld meines Wohnhauses ankämpfen müssen. Immer ging das Ganze von jemand anderem aus. Einmal war’s die Disco, die ohne Genehmigung einen überirdischen Dancefloor eingebaut hatte, der dreimal wöchentlich nachts die Wände wackeln ließ. Ein andermal der Typ über mir, der jede Nacht bei voller Lautstärke Egoshooter zockte. Nun sind es die Mieter unter mir, die nachts von Arbeit heimkommen und Remmidemmi machen. Irgendwann hat man’s einfach nur noch satt.

Leben in der Neustadt heißt heute eigentlich leben im permanenten Ausnahmezustand. Allgemein anerkannte Regeln sind hier allzu oft nichts wert. Wer meckert, hupt oder nachts schlafen will, ist ein Spießer und gehört nicht dazu. Wer Anwohner-Parkzonen fordert, hat ruckzuck die Gastronomen zum Feind. Aber wehe, man wagt es, sich zur BRN an den falschen Biertisch vor dem falschen Lokal zu setzen – da wird dann vehement auf das Einhalten von Regeln gepocht. Die Neustadt ist für mich zum Inbegriff eines verlogenen und fast schon künstlich kultivierten Lifestyles geworden: Mit der vermeintlichen kulturellen Vielfalt und Offenheit macht man glänzende Profite, aber im Grunde halten viele hier von alledem eigentlich gar nichts, sobald es über die eigene Freiheit hinausgeht. Ich werfe gewiss nicht alle in einen Topf. Das wäre vermessen und ungerecht. Es gibt sie, die Kümmerer, die Aktiven und Kreativen, die dazu beitragen, dass dieses Viertel zumindest streckenweise seinen Charme behält. Aber sie treten zurück hinter die Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren hier gemacht habe. Freunde und Bekannte, die früher hier wohnten, sind längst weggezogen. Sicher auch, weil man einfach älter wird und insbesondere die Toleranzschwelle bezüglich Lärm, Dreck und ungehobeltem Benehmen sinkt.

Nun folge ich diesem Beispiel. Der bloße Gedanke daran, künftig in einem Haus am Stadtrand, mit gewachsener Mieterstruktur und geringer Fluktuation, guter Luft, viel Grün ringsherum und ohne Disco und Biergärten direkt nebenan zu wohnen, lässt mich aufatmen.
Wegziehen heißt ja nicht nicht wiederkommen. Ich werde gern ab und zu zurückkehren – wenn mir nach Feiern, Trubel, Alternativem und Verrücktem ist. In der Neustadt stand meine Wiege, hier wird immer meine Heimat sein. Aber wenn die Heimat beginnt, einem nicht mehr gutzutun, einen auffrisst, dann sollte man auf gesunde Distanz gehen.

Blumen für einen Fremden.

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Für Karl vom Wege. Meinen Großvater, der am morgigen 15. Mai 100 Jahre alt geworden wäre.

Gekannt habe ich dich nur aus den Geschichten, die mir meine Mutter erzählte. Groß, stattlich, streng, aber liebevoll sollst du gewesen sein. Ganz so, wie man sich seinen Opa wünscht. Ich hatte nie einen. Wärest du mir einer gewesen? Kennenlernen durfte ich dich nicht. Zehn Jahre, bevor ich das Licht der Welt erblickte, verließest du sie schon wieder, mit gerade mal 53. Schmerzliche Lücken hast du hinterlassen, Narben. Bis heute. Dein furchtbarer Tod ist für mich bis heute ein ebensolches Mysterium wie deine Persönlichkeit. Ähnlich soll ich dir sein, sagt man. Weniger äußerlich, mehr innerlich. Und doch weiß ich nicht, ob mich das freuen soll. Wer warst du? Der Polizist? Der Parteigänger, der es bis in höchste politische Kreise des SED-Regimes schaffte? Oder doch der Idealist, der Träumer, der Visionär, der irgendwann erkannte, in welche finsteren Abgründe der Traum von Gleichheit und Gerechtigkeit im realen Sozialismus abgeglitten war?
Eines Tages werde ich die Wahrheit kennen. Wenn auch noch so viele Spuren verwischt sind.
Flieder, heißt es, waren deine Lieblingsblumen. Immer an deinem Geburtstag begann er zu blühen. Es ist ein gutes Jahr. Seit Langem eines, in dem der Flieder an deinem Geburtstag nicht fast schon wieder verblüht ist. Die Welt hat sich weitergedreht.

Aus aktuellem Anlass: Kommentieren in der Kurilka

Liebe Leserinnen und Leser. Als pluralistisches und interaktives Medium verfügt die Kurilka über eine Kommentarfunktion, die allen Nutzern grundsätzlich zur Verfügung steht. Die Kommentare werden nach Sichtung durch die Administratorin freigeschaltet. Aber – und hier bitte ich um unbedingte Beherzigung: Bitte platziert Kommentare stets unter dem Artikel, den sie betreffen. Ich habe es in jüngste Zeit öfter erlebt, dass Kommentare zu irgendeinem Artikelthema nicht unter den Artikeln, sondern beispielsweise auf der Seite „Über die Autorin“ abgegeben wurden. Bitte habt Verständnis dafür, dass Kommentare im Sinne der Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit nur dann veröffentlicht werden können, wenn sie unter dem dazugehörigen Artikel stehen. Das ist auch in eurem Sinne, denn kaum jemand wird euren Kommentar z.B. zum Thema Amira Willighagen unter der Seite mit Infos über die Bloginhaberin vermuten und ihn folglich wohl auch nicht finden bzw. darauf antworten. Auch kann ich die falsch gesetzten Kommentare nicht einfach so zum thematisch passenden Artikel rüberschieben. „Verrutschte“ Kommentare postet daher bitte einfach noch mal an der richtigen Stelle, und alles ist in Butter.

Unter Sängern.

Es war am vergangenen Wochenende, als ich fast schon eine – zumindest habe ich es so empfunden – spirituelle Erfahrung machen durfte. Ich war elf, als ich das letzte Mal die Aula des  Uniklinikums in Dresden (damals noch Medizinische Akademie) betrat und den schweren Duft der alten Holztäfelung dort einatmete. Dort probte damals einmal die Woche der Kinder- und Jugendchor der Singakademie Dresden, in dem ich seit 1986 Mitglied war. Ich ging im Zorn, denn das Chorleben glich damals aufgrund der Wende-Wirren nur noch einem einzigen Chaos, die Proben eher dem Drill auf dem Exerzierplatz.

Vor einem Monat, ein gutes Vierteljahrhundert später, habe ich diese verschütteten Fäden meiner Jugend wiederaufgenommen – und bin dem Neuen Chor Dresden beigetreten, der übrigens nach wie vor neue Mitglieder sucht. Wieder proben wir in einer herrlichen Aula, mit einer Decke, die mindestens fünf Meter hoch und mit prächtigen Stuckelementen verziert ist. Sogar eine kleine Orgel und einen Rang haben sie dort im Gymnasium Dresden Plauen. Jedoch: Mein Rückstand ist groß, es gilt, eine Menge bislang unbekanntes Repertoire einzustudieren, die Stimmbänder wieder zu schmieren. Also heißt es: üben, üben, üben. Täglich malträtiere ich nun die Nachbarn mit meinen Arien. Und weil ich deshalb schon ein schlechtes Gewissen habe, kam mir der Gedanke der Freiluft-Probe. So packte ich kurzentschlossen meine Noten und meine Stimme ein und zog hinaus in die fast menschenleeren Weiten der Königsbrücker Heide hinter Röhrsdorf.

Dort auf einem mit Birken und Kiefern bewachsenen Plateau, das der sowjetischen Armee einst als Übungsgelände gedient hatte, schlug ich meine Zelte auf. Um mich herum nichts als Stille. Nur ein paar Krähen und ein leises, undefinierbares Piepen waren ab und an zu hören, und das Knarzen der Bäume im schwachen Lüftchen. Von meinem Plateau schaute ich hinunter auf das wellige, karg bewachsene Land, auf dem hier und da noch verrostende Geschosshülsen aus alten Tagen liegen. Ein bisschen fühlte ich mich wie auf einer Bühne, und da vor mir der Saal… wie lange ist das alles her.

Ich fing an zu singen. Erst ziemlich leise, verschämt. Dann lauter, kräftiger, mit mehr Selbstvertrauen sang ich meine Lieblingslieder von Händel, Mendelssohn-Bartoldy und anderen hinaus in die Natur. Nur für sie sang ich an diesem Nachmittag. Auch Stücke aus dem aktuellen Chorrepertoire. Bei Orffs „In Trutina“ muss es gewesen sein, dass ich plötzlich innehielt, irritiert von etwas, das mir aufgefallen war: Ich sang nicht mehr allein.

Um mich herum war die Heide irgendwie zum Leben erwacht. Wo vorher die Krähen leichtes Spiel gehabt hatten und kaum ein Vogel sonst zu hören gewesen war, hatte mit einem Male ein zaghaftes Zwitschern und Tirilieren angehoben. Und ich fragte mich: Kann das sein, dass sie mich, dieses flügellose, dürre Ding auf zwei Beinen, mit seinem unspektakulären Stimmchen, als einen von ihresgleichen ansahen? Dass sie sich von mir auf- oder auch herausgefordert sahen, aus der spätwinterlichen Starre zu erwachen und ihre eigenen Werke vorzutragen? So viel kulturelle Toleranz im Reich der Flattermänner? Ich war überwältigt. Ein paar Minuten lang kam kein Laut über meine Lippen mehr. Ich setzte mich in diesem vernarbten Land im Schneidersitz auf das junge Gras, und lauschte dem zarten, um so viel schöneren Echo, das zurückkam, und wurde eins mit ihnen und der Natur. Ein Moment wahrhaftiger Magie, der Interaktion, ohne Macht auszuüben, wie es der Mensch sonst so häufig tut.

 

Die Kurilka hat wieder geöffnet.

Nach einer fünfwöchigen Auszeit, die ich abgeschieden und ohne Internet verbracht habe, um Kraft zu schöpfen, bin ich nun wieder zurück. In dieser Zeit konnte ich verständlicherweise weder das Blog pflegen noch Kommentare freischalten. Die währenddessen eingegangenen Kommentare habe ich mittlerweile moderiert und freigeschaltet. Für die Verzögerung bitte ich um Entschuldigung. Da in der Vergangenheit immer wieder die Willkommenskultur dieses Blogs in Gestalt fehlender Moderation von Kommentaren ausgenutzt wurde, hatte ich zum Jahresende schweren Herzens doch ein Abfangnetz dazwischengeschaltet, sodass die Kommentare nun auch so lange warten mussten, bis ich wieder zurück war.