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Das Mädchen, der Wald und der NSU.

Bedrückende Gedanken zur neuen Wendung im Fall Peggy Knobloch. Da war mal was, ja, vor vielen Jahren, ein Kind ward vermisst und blieb es. Nun soll gar die rechte Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) in die Tötung der Neunjährigen involviert sein, die vermutlich im Sommer 2001 umgebracht wurde. Von Pädophilie und einer Verstrickung der NSU-Köpfe Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe in einen Kinderporno-Ring ist die Rede. Als wären ihre Verbrechen an Bürgern mit Migrationshintergrund nicht schon schlimm genug. Wurde auch Peggy Opfer dieses perfiden Syndikats? Die Leiche des Mädchens blieb 15 Jahre lang verschwunden – bis zu diesem Sommer. Da fand man sie, in einem Waldstück zwischen Rodacherbrunn (Thüringen) und Nordhalben (Bayern), unweit der L1095.

An welchem Ort sie einst verscharrt wurde, das wurde mir erst im Zuge der neuerlichen Ermittlungsergebnisse und eigener Recherchen so richtig klar, als ich auf eine Landkarte stieß, auf der der Auffindeort Peggys relativ genau verzeichnet ist. Und plötzlich kamen unangenehme Erinnerungen hoch, an einen Tag im Januar dieses Jahres, als ich im tiefverschneiten Wald an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze zwischen Bayern und Thüringen spazieren ging – an der L1095, kurz vor Nordhalben.

Es ist ein gottverlassener Ort. Irgendwo im dicht bewaldeten Niemandsland zwischen dem kleinen Dorf Rodacherbrunn im südöstlichsten Zipfel Thüringens und der 2000-Seelen-Gemeinde Nordhalben in Oberfranken steht an einer neu ausgebauten Straße ein großes Metallschild. Es erinnert an den Fall der innerdeutschen Grenze, die einst an dieser Stelle das Land zerteilte, am 18. November 1989, 6 Uhr. Ein Parkplatz, davor führt ein Wanderweg in den Wald, zurück in Richtung Rodacherbrunn. Er verläuft weitgehend parallel zur L1095, keine 500 Meter von der Straße entfernt.

Das Gebiet unweit des Rennsteiges ist ein beliebtes Ziel für Wanderer und Wintersportler.  Und doch ist es an diesem nebelig-kalten Januartag hier unglaublich einsam. Auch ich will hier wandern, ein bisschen wenigstens, soweit es mein angeschlagener Gesundheitszustand zulässt. Seit einer Woche befinde ich mich zur Reha im wenige Kilometer entfernten Lobenstein. Dort unten ist der Schnee schon fast geschmolzen, hier oben aber ist es noch weiß. Ich bin allein unterwegs.

Aus Richtung Rodacherbrunn kommend, parke ich Vitek auf dem Parkplatz am

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„Vitek“ auf dem Parkplatz am Gedenkschild zum Fall der innerdeutschen Grenze am 18. November 1989, 6 Uhr. Foto: Jannke

Gedenkschild und nehme rechts ab den Weg in den Wald. Nach einiger Zeit macht er einen 90-Grad-Knick nach Norden in Richtung Rodacherbrunn. Bis heute kann ich nicht genau sagen, was eigentlich los war. Aber kurz nach diesem Knick erfasste mich damals mit einem Male eine namenlose, kalte Angst. Und das, obwohl der Wald ansonsten mein Freund ist, ich hin und wieder durchaus auch allein durch Waldgebiete streife und es grundsätzlich genieße. Doch an diesem Tag, in diesem Wald, auf diesem Weg kann ich nach etwa 800 Metern, die ich in Richtung Rodacherbrunn gelaufen war, nicht mehr weiter. Der Schnee, den ich gerade noch bewundert hatte, die hohen Bäume, der Weg vor mir – all das schien mit einem Male abweisend, feindselig, bedrohlich. Auch wegen erwähnter gesundheitlicher Probleme kehre ich vorsichtshalber um. Damals war für mich sonnenklar, dass es nur damit zusammenhängen konnte. Vielleicht war der gute Kilometer, den ich gelaufen war, einfach schon zu viel gewesen, nachdem ich zuvor monatelang mehr oder weniger außer Gefecht gewesen, der Körper komplett unten war. Wahrscheinlich war es auch so.

Was ich damals nicht wusste:  Ich lief auf diesem Weg fast direkt auf den damals noch unbekannten Ort zu, an dem ein halbes Jahr später die sterblichen Überreste Peggys endlich gefunden wurden. Etwa einen Kilometer weiter, und ich wäre quasi daran vorbeigelaufen. Sobald ich umgekehrt war, ging es mir spürbar besser. Eine solche Situation habe ich seither auch nie wieder erlebt.
Wie viele Wanderer und Skiläufer sind seit Peggys Tod an dieser Stelle vorbeigelaufen? Ahnungslos? Lachend? Wie oft schlugen in diesen Jahren vielleicht Spaziergänger unweit von Peggys trostlosem Grab die Picknickdecke auf? Man geht nun mit einem anderen Gefühl durch den Wald. Nicht mit Angst, aber mit Respekt und nachdenklicher. Sie bergen viele Geheimnisse, unsere Wälder. Deshalb werden sie wohl auch so oft von Menschen aufgesucht, die ein Geheimnis bewahren wollen. Häufig leider ein finsteres.

Als ich mich dieser Tage im Zusammenhang mit dem Paukenschlag in Sachen Ermittlungen im Fall Peggy wieder an jene Begebenheit erinnerte, lief es mir eiskalt den Rücken runter. Ich bin sicher keine Eso-Tante und glaube nicht an Übersinnliches. Aber vielleicht ist dem Menschen doch so etwas wie ein innerer Kompass gegeben, der ihn warnt, wenn er sich etwas Bösem nähert. Vielleicht brauchte es aber auch eine physische und mentale Ausnahmesituation wie die, in der ich mich damals befand, um das schlechte Karma dieses Ortes wahrnehmen zu können, auf den ich zusteuerte. Der schauerlichen Koinzidenzen jedenfalls waren es genug, um mit einem Gruseln an jenen Tag zurückzudenken – und an dieses kleine Mädchen, das so lange in so unwürdiger Lage im Walde lag. Im Niemandsland.

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