Raoul Wallenberg vor seinem Tod im Jahr 1947. Quelle: Wikipedia.
https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Raoul Wallenberg – Wer tötete den Judenretter von Ungarn?

Der Tod des schwedischen Diplomaten vor rund 70 Jahren ist bis heute ein Mysterium. 1912 als Sohn eines Marineoffiziers und einer Mutter mit jüdischen Vorfahren geboren, nutzte der junge Legationsrat Wallenberg während des Zweiten Weltkrieges ab Sommer 1944 in Ungarn seine Stellung, um Tausende jüdische Bürger vor der Ermordung in NS-Vernichtungslagern zu retten. Zwischen Österreich und  Ungarn – während des Krieges mit Deutschland verbündet – verlief später die Grenze zwischen sowjetischem und westalliiertem Einflussgebiet. Ungarn geriet noch vor dem Kriegsende 1945 unter sowjetische Kontrolle und wurde später Teil des Ostblocks. Der aus höchsten Kreisen der schwedischen Gesellschaft stammende Wallenberg und dessen Tun in einem Gebiet, das der sowjetische Diktator Josef Stalin nach dem Beginn der Besatzung am 16. Januar 1945 für sich beanspruchte, gerieten alsbald ins Visier des NKWD – des Kommissariats für innere Angelegenheit der SU, einem Vorläufer des sowjetischen Geheimdienstes KGB.

Raoul Wallenberg verschwindet am 17. Januar 1945 zunächst spurlos, nachdem er von zwei sowjetischen Offizieren in das Hauptquartier der sowjetischen Besatzungsmacht unter Oberbefehl von Marschall der Sowjetunion Rodion Jakowlewitsch Malinowski gebracht worden war. Am 12. Januar war Wallenberg zuletzt in Budapest von drei Kollegen lebend gesehen worden, mit denen er zu Abend gegessen hatte. Erst 1993, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, wurde bekannt, dass der Judenretter auf Befehl des sowjetischen Vize-Verteidigungsministers Bulganin hin verhaftet worden war. Sowe

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Raoul Wallenberg. Quelle: Wikipedia. https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

it lassen sich die letzten Monate Raoul Wallenbergs halbwegs gesichert nachvollziehen. Doch was nach dem 17. Januar geschah, ist bis heute nicht geklärt. Fakt ist: Der im Alter von nur 32 Jahren verhaftete Diplomat bleibt verschwunden. Und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit starb er in sowjetischer Haft. Wallenbergs Fall zeigt in erschütternder Weise, welchen Stellenwert in Stalins Sowjetunion einerseits ein Menschenleben im Allgemeinen und andererseits ein jüdisches Menschenleben hatte. Dass der junge Schwede zahllosen Menschen das Leben gerettet hatte, spielte in Stalins Paranoia – er wähnte sich allseits von Feinden und Agenten umgeben – keinerlei Rolle.

1957 räumte die sowjetische Regierung unter Druck erstmals den Tod Wallenbergs ein. Demnach soll er am 17. Juli 1947 in sowjetischer Haft an einem Herzinfarkt verstorben sein, hieß es in der sogenannten Gromyko-Note. Eine Verantwortung an Wallenbergs Tod aber wies man damals wie auch im heutigen Russland zurück. Bis heute kämpfen Angehörige wie auch Vertreter Israels, das Wallenberg 1966 für seinen Einsatz um die Juden während des Holocaust zum „Gerechten unter den Völkern“ erklärte, um Einsicht in die Akten von NKWD und KGB zu diesem Fall – und darum, den Leichnam Raoul Wallenbergs endlich würdig beerdigen zu können. Lange Jahre an vorderster Front der Forschungsarbeit: Wallenbergs Halbbruder Guy van Dardel, der 2009 verstarb. Immer wieder wurde in den letzten Jahren deutlich, dass höchste russische Kreise wesentliche Informationen zum Fall zurückhalten, Archivmaterial unter Verschluss bleibt. Immer wieder aber kamen Fingerzeige dahingehend auch und gerade von russischer Seite.

Dass auch unter erschwerten Bedingungen und einer restriktiven Informationspolitik der Diktatur Wladimir Putins Forschung scheinbar möglich bleibt, zeigt der jüngste Fall einer russischen Ballerina, die bei der Renovierung einer Datscha das eingemauerte Tagebuch ihres verstorbenen Vaters – eines früheren KGB-Chefs – findet. Oder er soll es vielleicht vielmehr zeigen. Es handelt sich um die Notizen Iwan A. Serows, die den Focus dieser Tage titeln ließ: „Warum Stalin den Judenretter ermorden ließ“.

Nun scheint das Rätsel um den schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg gelöst […] Trotz zahlreicher Recherchen internationaler Historiker, trotz Bemühungen der schwedischen Regierung und der Familie Wallenberg und trotz der politischen Öffnung in Moskau nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion gelang es nicht, sein Schicksal aufzuklären. Bis jetzt ein Zufall zu Hilfe kam. […]

heißt es in dem Text. Doch rechtfertigen die neuen Erkenntnisse wirklich solch ehrgeizige Schlüsse? Man darf das bezweifeln. Dazu gibt zumindest der Artikel viel zu wenig vom Inhalt der Aufzeichnungen preis. Anlass zur gesunden Distanz bietet schon der Umstand, dass Iwan Serow zwischen 1954 und 1958 KGB-Chef war. Hier wird deutlich, dass auch er nicht auf Informationen aus erster Hand zurückgreifen konnte. Auch geht aus dem Buch nicht hervor, dass Serow vor seiner Zeit als KGB-Chef jemals direkt in den Fall verwickelt gewesen war. Vielmehr beruft sich Serow auf vorgebliche Aussagen seines Amtsvorgängers Viktor Abakumow, der noch unter Stalin gedient hatte und 1954 wegen seiner Rolle in der Leningrader Affäre Ende der 40er-Jahre hingerichtet worden war. Jener soll ihm anvertraut haben, dass der Befehl zu Wallenbergs Ermordung direkt von Stalin und Außenminister Wjatscheslaw Molotow gekommen sein soll.

Nun ist es keineswegs ausgeschlossen, ja gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass Stalin Wallenbergs liquidieren ließ. Doch die Vorstellung, dass ausgerechnet Wjatscheslaw Molotow, der selbst mit einer Jüdin verheiratet war, einem Judenretter das Todesurteil ausgestellt haben soll, ist einigermaßen sperrig. Im Übrigen war es jener Viktor Abakumow, 1946 bis 1951 Minister für Staatssicherheit, der für seine antisemitischen Überzeugungen bekannt war, die auch Stalin nach 1945 zunehmend teilte, und der maßgeblich ab der Staatsgründung Israels im Mai 1948 den antisemitischen Terror gegen jüdische Intellektuelle in der Sowjetunion vorantrieb. Er sorgte auch für die Verhaftung und Verbannung von Molotows Frau Polina im selben Jahr – weil sie Beziehungen zu Israels Botschfterin in Moskau, Golda Meir, unterhielt. Molotow selbst wurde 1949 aus dem Amt des Außenministers entlassen, da sich sein Verhältnis zu Stalin auch aufgrund von Abakumows Einfluss abzukühlen begonnen hatte. Erst nach Stalins Tod kehrte er für drei Jahre wieder in dieses Amt zurück.

Nach Jahrzehnten des Schweigens die Wahrheit einfach so veröffentlicht?

Iwan Serow, der Nachfolger Abakumows, will das „Geheimnis“ um Wallenbergs Schicksal von jenem erfahren haben, währen er ihn höchstpersönlich verhört hatte. Doch wie Verhöre in der berühmt-berüchtigten Lubyanka, dem Moskauer KGB-Gefängnis, meist abliefen, braucht hier nicht weiter ausgeführt zu werden. Stutzig macht aber – und hier hätte der Autor des Focus-Textes unbedingt auch stutzig werden müssen -,  dass ein russischer Verlag die vermeintliche Wahrheit in Gestalt der Aufzeichnungen Serows nun so ohne Weiteres herausgeben durfte – meiner Ansicht nach das schwerwiegendste Indiz dafür, dass Serows Version nicht die tatsächlichen Hintergründe widerspiegeln kann. Jahrzehntelang bemüht sich die sowjetische und danach auch die russische Regierung darum, die wahren Umstände von Wallenbergs Tod geheim zu halten – und auf einmal soll eine Ex-Ballerina die ganze Wahrheit mirnichtsdirnichts herausposaunen und damit auch noch Geld verdienen dürfen? Ich halte diese These für ausgesprochen schwammig. Schwammig genug, dass man nicht von einem „gelösten Fall“ sprechen sollte.

Nimmt man den extremsten möglichen Fall an, könnte es sich bei der Veröffentlichung der Aufzeichnungen Serows möglicherweise sogar um eine gezielt von der Putin-Regierung lancierte Aktion zur Irreführung bzw. zur Schwächung der seriösen Forschung kurz vor dem 70. Jahrestag des Todes von Raoul Wallenberg handeln. Zuzutrauen wäre es dem ausgebufften Ex-Geheimdienstler Wladimir Putin, der gerade im Zuge des Krieges in der Ukraine mehr als einmal unter Beweis gestellt hat, dass er das Handwerk politischer Desinformation hervorragend beherrscht.

Jedenfalls sollte man sich im Wallenberg-Fall keinen Illusionen hingeben. Wenn selbst der Autor der betreffenden Passagen sich veranlasst sieht, über mögliche Zweifel an den von Abakumow an ihn angeblich herangetragenen Informationen zu philosophieren (Zitat: „Ich habe keine Zweifel, dass Wallenberg 1947 liquidiert wurde“.), dann sollte genau das auch der Maßstab für uns im Umgang mit diesen neuen Erkenntnissen sein. Ein unumstößlicher Nachweis hörte sich anders an.

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