Blumen für einen Fremden.

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Für Karl vom Wege. Meinen Großvater, der am morgigen 15. Mai 100 Jahre alt geworden wäre.

Gekannt habe ich dich nur aus den Geschichten, die mir meine Mutter erzählte. Groß, stattlich, streng, aber liebevoll sollst du gewesen sein. Ganz so, wie man sich seinen Opa wünscht. Ich hatte nie einen. Wärest du mir einer gewesen? Kennenlernen durfte ich dich nicht. Zehn Jahre, bevor ich das Licht der Welt erblickte, verließest du sie schon wieder, mit gerade mal 53. Schmerzliche Lücken hast du hinterlassen, Narben. Bis heute. Dein furchtbarer Tod ist für mich bis heute ein ebensolches Mysterium wie deine Persönlichkeit. Ähnlich soll ich dir sein, sagt man. Weniger äußerlich, mehr innerlich. Und doch weiß ich nicht, ob mich das freuen soll. Wer warst du? Der Polizist? Der Parteigänger, der es bis in höchste politische Kreise des SED-Regimes schaffte? Oder doch der Idealist, der Träumer, der Visionär, der irgendwann erkannte, in welche finsteren Abgründe der Traum von Gleichheit und Gerechtigkeit im realen Sozialismus abgeglitten war?
Eines Tages werde ich die Wahrheit kennen. Wenn auch noch so viele Spuren verwischt sind.
Flieder, heißt es, waren deine Lieblingsblumen. Immer an deinem Geburtstag begann er zu blühen. Es ist ein gutes Jahr. Seit Langem eines, in dem der Flieder an deinem Geburtstag nicht fast schon wieder verblüht ist. Die Welt hat sich weitergedreht.

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