Böhmermann vs. Blödmann oder die Sache mit dem Schmähgedicht

Was darf Satire? Nicht wenige würden hier wie aus der Pistole geschossen mit „alles“ antworten. Warum eigentlich? Ganz einfach: Es passt, es klingt so herrlich rebellisch, man braucht nicht weiter nachzudenken. Der Fall Jan Böhmermann, der mit seinem „Schmähgedicht“ den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan satirisch abstrafen wollte, hat die Frage danach, wo Satire beginnt und wo sie endet, erneut aufgeworfen. Jeder Versuch einer Antwort oder Klärung muss sich aber zunächst mal der Frage widmen, was unter Satire eigentlich ursprünglich verstanden wurde und bis heute gemeinhin zu verstehen ist.

Der Journalist Ralf Heimann hat sich mit dieser Frage für das Journalisten-Portal newsroom.de befasst. Satire, so Heimann, müsse vor allem eines: treffen. Tatsächlich? Nun, getroffen hat Böhmermann den türkischen Präsidenten ohne Frage. Doch ist das wirklich der einzige oder auch nur der hauptsächliche (wie Heimann meint) Sinn und Zweck von Satire? Ich würde dem nicht zustimmen wollen, und sogar noch weiter gehen: Diese These ist in ihrer Banalität unhaltbar.

Die feinste Satire ist unstreitig die, deren Spott mit so wenig Bosheit, und so vieler Überzeugung verbunden ist, daß er selbst diejenigen zum Lächeln nötigt, die er trifft.

Das sagte vor rund 250 Jahren der bekannte deutsche Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg über das Wesen der Satire. Und genau das macht den Unterschied zwischen Satire und plumper Beleidigung: Sie trifft, ja! Aber sie trifft – wenn sie gut gemacht ist – nicht die persönliche Ehre eines Menschen, sondern seine tatsächlichen Defizite innerhalb der jeweiligen gesellschaftlichen Funktion, die er ausübt. Denn Zweck der Satire ist es eben nicht einfach nur, zu treffen. Das würde auch mit einer einfachen Beleidigung oder Verleumdung erreicht. Satire muss von Letzterer klar abzugrenzen sein und ist es auch. Satire hat stets auch den edlen Anspruch,  unschöne Wahrheiten aufzeigen, thematisieren, anprangern und dadurch bessern zu wollen. So gesehen hat Satire immer auch einen pädagogischen Auftrag. Kurt Tucholsky hat das einst sehr gut auf den Punkt gebracht:

Satire hat eine Grenze nach oben: Buddha entzieht sich ihr. Satire hat auch eine Grenze nach unten. In Deutschland etwa die herrschenden faschistischen Mächte. Es lohnt nicht – so tief kann man nicht schießen.

Recht hat er. Jan Böhmermann hat mit seinem Schmähgedicht klar zu tief geschossen. Man muss kein erklärter Erdogan-Fan sein, um das festzustellen. Dazu muss man sich selbst einfach nur an die Stelle Erdogans denken und überlegen, wie man selbst reagieren würde, wenn so etwas zur besten Sendezeit im TV über einen gesagt würde. Satire ist das nicht, stattdessen müssen dem Moderator schlicht und ergreifend im allgemeinen Hype um Erdogans Versuche, die deutsche Pressefreiheit zu untergraben, sämtliche Gäule durchgegangen sein. Einem Dritten in aller Öffentlichkeit „Schrumpelklöten“, die „schlimm nach Döner“ stänken, und einen „Kopf so leer wie seine Eier“ attestieren – lieber Böhmermann, das darf in Deutschland auch ein Journalist nicht einfach so, auch nicht nur mal bloß so zum Spaß. Und ich wüsste nicht, seit wann solche – noch nicht mal künstlerisch irgendwie originellen oder wertvollen – Entgleisungen von der Pressefreiheit gedeckt wären. Wenn ich den Bürgermeister von xyz in einem Artikel so karikieren würde, weil er meiner Ansicht nach die örtliche Presse nicht gebührend respektiert, könnte ich das dreimal als Satire kennzeichnen – ich hätte eine dicke Anzeige am Hintern kleben und wäre vermutlich auch meinen Job los. Und das zu Recht. Satire darf eben nicht alles. Das heißt: Mancher mag diese Auffassung vertreten und darf natürlich auch danach handeln – er muss aber auch die Konsequenzen tragen können. Schon unser Grundgesetz stellt der Freiheit von Presse und Kunst die Persönlichkeitsrechte jedes Einzelnen als gleichrangig anbei. So wie Satiriker nach Herzenslust Satire be- und übertreiben können, darf das Opfer dieser Schmähungen nach Herzenslust klagen, sobald es sich als Person verunglimpft sieht. Daraus ergibt sich in logischer Konsequenz, dass auch die Pressefreiheit ihre Grenzen hat – nämlich dort, wo meine satirischen Verrenkungen einen Dritten auf eine Weise treffen, die weder einen Sinn hat noch wahre Tatsachen oder Missstände anspricht, sondern schlicht und ergreifend eigene Eitelkeiten bedienen soll – und dabei in all ihrer Unappetitlichkeit Selbstherrlichkeit und Selbstüberschätzung des Urhebers erkennen lässt. Mich auf einen Marktplatz zu stellen und irgendeinem Politiker (den ich übrigens durchaus aus vielen ehrbaren und nachvollziehbaren Gründen verachten kann) zu attestieren, er sei wegen diesem oder jenem ein Arschloch mit stinkenden Klöten und hohler Birne, macht mich nicht zum Satiriker. Das Geheimnis gelungener Satire liegt vielmehr darin, einen Weg jenseits der Rechtswidrigkeit zu finden, um Spott und Hohn über den Umweg der Karikatur über dem auszuschütten, der sie verdient.

Um das noch mal klar zu sagen: Ich habe den extra-3-Clip über Erdogan genossen, denn ER ist unzweifelhaft Satire. Er spricht reale Missstände des Regimes Erdogan an, überspitzt, polemisiert, pointiert. Herrlich! Nichts hat ein selbstherrlicher Sonnenkönig wie Erdogan mehr verdient. Doch was Böhmermann geliefert hat – das ist einfach nur sehr sehr dumm gewesen. Denn sein „Gedicht“ verrät mehr über ihn selbst als über den, den es adressieren sollte.

Nichtsdestoweniger hat mich die lasche Positionierung von Kanzlerin Angela Merkel in der Kontroverse um die Pressefreiheit enttäuscht. Nach meinem Ermessen hätte es hier eine klare Ansage gebraucht:

1. Satire wie der Exra-3-Clip sind klar von der Pressefreiheit gedeckt, die in Deutschland unanfechtbare Rechtsgrundlage ist.

2. Persönlich herabwürdigende Entgleisungen auf Pennälerniveau wie die von Jan Böhmermann fallen nicht unter die Presse- oder künstlerische Freiheit.

3. Ein Staatschef eines fremden Landes hat der deutschen Kanzlerin nicht vorzuschreiben, wie sie auf solch einen Vorfall zu reagieren hat, und schon gar nicht auf  einer bestimmten Bestrafung oder Konsequenz zu bestehen. Erdogan wollte diese Angelegenheit, die eigentlich nur ihn und die jeweiligen Journalisten betraf, zu einer politischen Sache machen und damit Druck ausüben. Und hier hätte die Kanzlerin unmissverständlich klar machen müssen, dass sie sich Derartiges verbittet.

 

 

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