Die Tücken der Trauer – oder warum Emotionen nie zu unterschätzen sind.

Deshalb bin ich froh, in Deutschland zu leben. Eine solch pluralistische, unabhängige und kritische Medienlandschaft sucht selbst in Europa bisweilen ihresgleichen. Auch wenn ich den Standpunkt des Marc Felix Serrao heute in der Süddeutschen Zeitung von Herzen nicht teile – er muss doch gesagt werden dürfen.

Wie darf um die Opfer von Paris getrauert werden? Und darf man gar Kritik an der Art und Weise üben, wie dies geschieht? Dieser Frage widmete sich Serrao in einem Kommentar. Dabei wird überdeutlich, dass der Kommentator die gerade in sozialen Netzwerken immer sichtbarer werdende Kritik am nationalistisch-kulturkämpferisch angehauchten offiziellen Trauerkanon missbilligt. Das sei ihm zugestanden. Doch selbstverständlich ist auch die Kritik nicht über die Kritik erhaben.

Auch Trauer – soweit sie öffentlich bekundet wird – nimmt in nicht unerheblichem Maße Einfluss auf gesellschaftliche Stimmungen. Diese Erkenntnis ist deshalb so wichtig, weil Trauer eben nicht nur Liebe und Zuneigung in sich birgt, sondern auch nahe bei Wut und Hass liegt. Sie birgt in ihrer betäubenden Funktion auch eine gewisse Unberechenbarkeit. Und sie ist umgekehrt ein wichtiger Spiegel der Moral und des Zustandes einer Gesellschaft. Trauern kann man still und herzlich, zum Beispiel wenn es sich um einen sehr persönlichen, tief empfundenen Verlust handelt. Da wird es kaum jemanden raus in die Öffentlichkeit ziehen. Aber Trauer geht auch laut, öffentlich und demonstrativ – und zwar meist dann, wenn sie Einfluss nehmen, Massen erfassen, politische Botschaften tragen soll. Ich erinnere zur Veranschaulichung nur (als negatives Extrembeispiel, das in keiner Weise mit der aktuellen Situation gleichgesetzt werden soll!) an die bestellten und demonstrativ propagierten Trauerzeremonielle anlässlich des Todes großer Diktatoren. Oder während des Nationalsozialismus – etwa, als im November 1938 die Ermordung eines deutschen Botschaftsattachés in Paris zum Anlass genommen wurde, unter dem Deckmantel der Trauer und des Protests gegen den „feigen Judenmord“ in Vorbereitung der Judenvernichtung die „richtige Stimmung“ in der Gesellschaft zu erzeugen. Das Ganze mündete in die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938.

Die Beispiele zeigen – es reicht einfach nicht, derart weltumspannende und zudem von außen organisierte Trauerrituale unter dem Aspekt der Betroffenheit und Emotionalität und Kritik daran ziemlich großspurig als „Besserwisserei“ abzutun. So schreibt Serrao in seinem Artikel:

Frankreichs Opfer sind noch nicht beerdigt, und schon tippen Leute Trauerregeln ab. Das erinnert an die Online-Aufpasser, die direkt nach dem Massaker nichts Besseres zu tun hatten, als Facebook und Twitter nach unpassenden Kommentaren zu durchforsten. Beide haben in der Sache irgendwie recht und sind mit ihrem Zeigefingergewedel doch unsympathisch.

Und weiter:

Wofür steht Frankreichs Tricolore? Da ist zuerst die Freiheit – auch die, im Affekt etwas Dummes zu schreiben. Dann die Gleichheit, die auch alle Nicht-Franzosen meint. Und schließlich die Idee der weltumspannenden Bruderliebe. Letztere ist das wohl schönste Geschenk der großen, alten Republik an die Welt.

Und genau hier liegt für viele Kritiker das Problem. Warum ist es denn so wichtig, dass es „Frankreichs Opfer“ sind? Wer so denkt, denkt – ob nun bewusst oder unbewusst – in nationalen Kategorien. Nicht in europäischen, nicht in „weltumspannenden“ – und schon gar nicht in menschlichen. Wer um die Menschen trauert, dem ist deren Nationalität oder der Ort, an dem ihnen dieses Unheil widerfuhr, völlig zweitrangig. Es ist aber just jene politisch aufgeladene Trauerrhetorik dieser Tage vom „Angriff auf die freie Welt“ und damit gegen „uns alle“, die aufhorchen und Sorgenfalten tiefer werden lässt.
Längst nicht alle Opfer von Paris sind zudem Franzosen. Wie mittlerweile bekannt ist, gehörten die bislang 132 bestätigen Toten mindestens 15 verschiedenen Nationalitäten an, darunter mindestens zwei Deutsche, aber auch US-Amerikaner, Mexikaner und Iren. Hinzu kommt, dass das Verwenden nationaler Symbole vor allem der Fraktion Rechtspopulisten und Islamophoben in die Hände spielt, die derzeit ohnehin bereits genügend Aufwind spüren. Schon weil man sich von diesen Leuten möglichst abheben sollte, statt ihnen weiter das Gefühl zu geben, dass ihre Nationalismen langsam mehrheitsfähig werden, empfiehlt sich ein bedachterer Umgang mit der Katastrophe. Und nur, weil das jemand so sieht und auch öffentlich kundtut, stellt er noch lange keine „Trauerregeln“ auf. Nun will ich nicht sagen, Serrao sei ein glühender Nationalist. Aber seinem Kommentar ist schon ein gewisser Unwille zur sachlichen Reflektion zu entnehmen, wenn es darum geht, echte empfundene Trauer von politisierter, demonstrativer Trauer zu entkoppeln.

Wer von all denen, die heute ihr Facebook-Profil mit der Tricolore hinterlegt haben, spürte denn etwa beim sehr wahrscheinlich durch einen IS-Anschlag verursachten Absturz einer russischen Antonow vor zwei Wochen über Ägypten dieselbe Trauer und dasselbe Bedürfnis, sie öffentlich zu zeigen? 224 unschuldige Menschen kamen dabei ums Leben – doch von Betroffenheit in der Weltgemeinschaft kaum eine Spur. Kann es sein, dass russische Opfer momentan einfach nicht ins Konzept des „wir, die freiheitlich-fortschrittliche Welt“ passen? Oder ein anderes Beispiel – der Terroranschlag an der Harissa-Universität in Kenia vor einem halben Jahr. Fast 150 Menschen starben damals durch islamistische Terroristen – doch es gab keine markigen Brandreden westlicher Politiker, keine Facebook-Aktionen oder kenianische Flaggen zum Zeichen der Solidarität – geschweige denn eine tagelange 24-7-Dauerberichterstattung in den Medien. Tatsächlich sind diese Opfer längst vergessen im freiheitlichen Europa. Es sind die Double-Standards in der Trauerkultur, in der Gewichtung von Opfern, die – gottseidank muss man sagen – vielen Menschen übel aufstößt.
Ich würde noch weiter gehen: Wer die Tragödie von Paris ausschließlich als „französische“ bzw. Tragödie „der freiheitlichen Welt“ begreift, der politisiert und instrumentalisiert sie. Und genau dieses Gefühl beschleicht einen dieser Tage immer mehr, wenn man den französischen Präsidenten Francois Hollande von „Krieg“ und „Kampf“ predigen hört, den man nun „mit aller Kraft“ weiterführen müsse – und damit die neuerlichen Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien meint, die längst in Ausführung begriffen sind. Die Angriffe werden erneut forciert – obwohl die bisherige aggressive Strategie der Großmächte im Mittleren Osten überhaupt erst zu der Situation eines erstarkten, radikalen und gewaltbereiten Islamismus geführt hat.

Bei Lektüre des Kommentars fragt man sich zudem so ein wenig, ob der gute Marc Felix Serrao – ohne ihm damit zu nahe treten zu wollen – nicht vielleicht in den Topf mit dem Gloriole-Serum gefallen ist. Wie weit ist es denn her mit der von ihm beschworenen „weltumspannende Bruderliebe“ Frankreichs? Die macht sich natürlich in der Vita eines jeden Landes ganz gut. Ob sie auch gelebt wird und somit tatsächlich überschwänglich als „Geschenk an die Welt“ gefeiert werden darf, steht wieder auf einem ganz anderen Blatt. Ich erinnere nur an den „Tugendterroristen“ Robespierre, einem der geistigen Väter der Tricolore und der Losung „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, der reihenweise seiner in Ungnade gefallenen revolutionären Brüder in den Jahren des Terrors in einem Akt von Brudermord über die Klinge springen ließ. „Weltumspannend“, wie Serrao schreibt, war diese Brüderlichkeit zudem zumindest in Robespierres Zeiten nie gemeint, und sie wurde vor allem während der Kolonialzeit mehrfach auf grausige Weise ad absurdum geführt. Und auch heute wird vor allem die stets benachteiligte muslimische Minderheit in Frankreich wenig über Brüderlichkeit oder Gleichheit berichten können.

Ja, die Opfer sind noch nicht beerdigt. Ja, es darf getrauert werden. Aber das darf nicht bedeuten, dass die Welt für einige Tage oder Wochen kollektiv das Denken an den Nagel hängt und sich von Emotionen treiben lässt. Welche furchtbaren Auswirkungen Schock und Trauer haben können, die auf politische Motive treffen, hat der 11. September 2001 gezeigt. Damals wurde mit der beinahe unhinterfragt einsetzenden und seitens der westlichen Politiker massiv beförderten antiislamischen und antiarabischen Stimmung der Boden bereitet für viele Probleme, die wir heute haben – z.B. den islamistischen Terrorismus, der nicht mehr explizit auf bestimmte politische Ziele, sondern direkt gegen den Westen als Wertegemeinschaft gerichtet ist. Immer wieder haben Wissenschaftler und Experten in der Vergangenheit auf diesen unheilvollen Zusammenhang zwischen westlicher Politik und dem Entstehen neuer Bedrohungslagen – auch für uns – hingewiesen. Zuletzt etwa der US-Historiker und Journalist Gwynne Dyer. Der radikale Islam im Mittleren Osten lege es regelrecht darauf an, westliche Truppen in der Region zu halten – um die dortige Bevölkerung durch die permanenten Kampfhandlungen zu radikalisieren und gegen den Westen aufzubringen, so Dyer. Bislang hat diese Strategie glänzend funktioniert. Zuhören will diesen Stimmen bislang trotzdem niemand. Stattdessen wird weiter vom Sieg über den Terrorismus geträumt.

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