Pegida – Patrioten, die ihr Vaterland lieben?

Alle, die meinen, wer bei Pegida mitlaufe, sei doch einfach nur ein Patriot, also ein guter Deutscher, der sein Vaterland über alles liebt, müssen jetzt ganz tapfer sein. Auch AfD-Nationalist Björn Höcke, der gestern noch bei Günter Jauch die Deutschlandfahne ausbreitete, ehe er selbstbewegt zu Protokoll gab, nur aus lauter glühender Liebe zu seinem Land vor Menschenmassen blonde deutsche Frauen vor dem Sexualtrieb vor allem muslimischer Flüchtlinge zu warnen, darf sich hier angesprochen fühlen.

Schlagen wir doch mal nach, was man gemeinhin unter Patriotismus versteht. Was also sind Patrioten? Wikipedia sagt dazu:

Patriotismus wird heute allgemein von Nationalismus und Chauvinismus unterschieden, insofern Patrioten sich mit dem eigenen Land und Volk identifizieren, ohne dieses über andere zu stellen und andere Völker implizit abzuwerten.

Und – vielleicht etwas seriöser – das Polilexikon der Bundeszentrale für Politische Bildung stützt diese These im Wesentlichen, führt sie aber noch etwas detaillierter aus:

P. bezeichnet eine besondere Wertschätzung der Traditionen, der kulturellen und historischen Werte und Leistungen des eigenen Volkes. In einem negativen Sinne kann P. zu nationaler Arroganz, Chauvinismus und übersteigertem Nationalismus führen (Hurra-P.). Im positiven, zeitgemäßen Sinne kann P. als Bekenntnis zu den demokratischen Grundlagen der Gesellschaft und zur Verteidigung der Grund- und Menschenrechte (Verfassungs-P.) verstanden werden.

Aha. Somit wird eines doch ziemlich klar: Wer sein eigenes Volk anhand kultureller, ethnischer oder biologistischer Argumente über andere Völker und Kulturen stellt, der ist kein Patriot mehr, sondern schon ein Chauvinist oder eben auch ein Nationalist – und somit unter Umständen ein Nazi, ohne sich selbst dessen bewusst zu sein. Denn sowohl der einem degenerierten Patriotismusverständnis entsprungene Nationalismus als auch der Chauvinismus bildeten die wesentliche ideologische Basis des Nationalsozialismus. Es wären jene Leute, die heute Hetze gegen Flüchtlinge betreiben und zu Gewalt gegen sie anstacheln, die auch anno ’33 begeistert mitgesungen hätten auf den Fackelmärschen der SA, als es ja auch nur vermeintlich darum, ging Volk und Vaterland zu schützen und den Einfluss vermeintlich verdorbener Kulturen zu brechen.

Wer Flüchtlinge pauschal zu Vergewaltigern, Betrügern oder sonstigen Kriminellen stempelt, nur weil sie zum Beispiel dem Islam angehören, wer sie rückständig, oder zynisch „Kulturbereicherer“ nennt, der tut genau das, was ein Patriot NICHT tut: Er würdigt andere Kulturen herab, als minderwertig, nicht vertrauenswürdig, kulturell und menschlich verderbt – und zwar ohne jeden Unterschied.

Was aber genau zeichnet den Patrioten nun eigentlich aus, wenn nicht die Abwehr als minderwertig oder verderbend empfundener kultureller Einflüsse? Wikipedia sagt:

Er bezieht sich auf die im staatsbürgerlichen Ethos wurzelnde, zugleich gefühlsbetonte, oft leidenschaftlich gesteigerte Hingabe an das überpersönliche staatliche Ganze, das in dieser Form nicht nur als rechtliche und politische Ordnung, sondern als die den einzelnen tragende Gemeinschaft empfunden wird.

Nein! Sollte es tatsächlich so sein, dass Patrioten einer bestehenden staatlichen politischen Ordnung ihres Heimatlandes anhängen, statt sie beseitigen zu wollen? Dass sie den demokratischen Staat als eine den Einzelnen tragende Gemeinschaft sehen, statt als exklusive Volksgemeinschaft? Die Volkszugehörigkeit bemisst sich über den Gedanken der Staatsbürgerschaft, nicht etwa über die ethnische oder kulturelle Herkunft. Die ursprünglichen Patrioten, etwa in den USA oder in Frankreich, waren Liberale, keine Nationalkonservativen. Sie waren es, die für die Errichtung demokratischer Rechtsstaaten eintraten – also für genau jene Rechte kämpfen, die Pegida-Anhänger heute dazu missbrauchen, sie anderen Menschen abzusprechen. Pegida richtet sich klar gegen Fremdes, versteht den deutschen Nationalstaat als kulturell und rassisch definierte Volksgemeinschaft, den Staat selbst als sekundär, ja sogar störend. Kurzum: Pegida hat absolut NICHTS mit Patriotismus zu tun, jedenfalls nicht in ihrem Erscheinungsbild als Bewegung. Pegida dichtet dem Deutschtum die frei erfundene Eigenschaft an, mit anderen Kulturen nicht vereinbar zu sein – was eine Schande für unsere so aufgeschlossene und pluralistische Kultur ist, die seit jeher von der Wechselwirkung mit anderen Kulturen profitiert.

Also, Pegida: Schon deine Namensgebung beruht auf einem gewaltigen Irrtum. Und je genauer man hinschaut, umso mehr stellt man fest, dass sie auch inhaltlich und menschlich nicht über diese Typisierung hinauskommt.

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