Leiden fürs Reich – Russlands Kranke bezahlen für die Sache

Vor fast genau einem Jahr hatte ich hier über die Zustände im russischen Gesundheits- und Sozialwesen geschrieben, das seit Jahren restlos unterfinanziert ist und zuletzt weitere Kürzungen hinnehmen musste. Währenddessen fließen Billionen Rubel in teure Prestige-Projekte – etwa die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014, die Fußball-WM 2018 und nicht zuletzt der Krieg in der Ostukraine und die völkerrechtswidrige Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim im März 2014, die den russischen Steuerzahler in den nächsten Jahren Milliarden kosten wird. Damals hatte ich eine Reportage des ukrainischen Journalisten Oleg Leusenko (LiveJournal) verlinkt, die die erschütternden baulichen, ausstattungstechnischen und hygienischen Zustände in russischen Kinderkrankenhäusern aufzeigte. Angesichts ruinöser Gebäude mit Schimmel- und Schwammbefall, vorsintflutlichen oder ganz fehlenden Mobiliars und vor allem der maroden sanitären Anlagen, in denen es häufig sogar an funktionsfähigen Spülungen und selbst so etwas Banalem wie Seifenspendern fehlt, ist man als verwöhnter westlicher Wohlstandsbürger versucht, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen. Diese erschreckenden Realitäten wohlgemerkt in einem Land, das sich selbst als Weltmacht sieht und auch gern so wahrgenommen werden möchte.

Krankenhaus Nr. 1 in Sotschi, September 2015: Ein kleines Mädchen im Männer-Zimmer, Feldbetten wie in der Kaserne statt moderner Pflegebetten.
Krankenhaus Nr. 1 in Sotschi, September 2015: Ein kleines Mädchen im Männer-Zimmer, Feldbetten wie in der Kaserne statt moderner Pflegebetten.
Erst kürzlich hat nun der russische Oppositionelle und einer der bekanntesten Blogger des Landes, Rustem Adagamow, auf seiner Facebook-Seite abermals auf das Problem aufmerksam gemacht. Dort veröffentlichte er Bilder eines russischen Vaters aus der Region Krasnodar (Südrussland), der seine dreijährige Tochter mit 39,3 Grad Fieber in die Infektionsabteilung des Krankenhauses Nr. 1 in der Olympia-Stadt Sotschi gebracht hatte – die Verhältnisse, die sich ihm dort darboten, schockierten ihn so, dass er sie im Bild festhielt und die Dateien an Adagamow schickte. Auf der Kinderstation des Krankenhauses in der 350000-Einwohner-Stadt am Schwarzen Meer war kein Platz für die Dreijährige, sodass man sie notgedrungen in ein Zimmer auf der Männerabteilung legte, welches sie sich mit drei Männern teilen musste. Die Klinikgebäude selbst – nach den Fotos zu urteilen in einem erbarmungswürdigen Zustand, als sei dort die Zeit seit der Sowjet-Ära stehen geblieben: Feldbetten mit siffigen Matratzen statt steriler Sauberkeit und anständiger Pflegebetten. Nach Aussagen des Vaters kam bis zum Mittag des nächsten Tages kein Arzt, um nach dem kranken Kind zu sehen. Als endlich einer vorbeischaute, machte der Vater ihm deutlich, dass er mit seiner Tochter ins Krankenhaus nach Krasnodar fahren würde, worauf der Mediziner mit Verständnis reagiert haben soll.

Es entbehrt nicht eines besonderen Zynismus, ausgerechnet in Sotschi, wo in den letzten Jahren 40 Milliarden Euro in den Ausbau der olympischen Sportstätten für die Winterspiele 2014 geflossen waren, Kliniken vorzufinden, in denen es offenbar am Nötigsten fehlt – auch am Personal. Doch der Verfall der nationalen Gesundheitsinfrastruktur hat offenbar Methode. Seit etwa 2008 sinken die Gesundheitsausgaben in Russland stetig. Die Aufholjagd, die Wladimir Putin während seiner zweiten Amtsperiode ab 2005 gestartet hatte, erreichte Kliniken und Patienten kaum und verebbte schon kurz darauf zudem wieder. Selbst Mitte der 90er-Jahre gab Russland mehr für die öffentliche Gesundheit aus als heute, da die Ausgaben im aktuellen Jahr gerade noch 3,1 Prozent (2014: 3,4 Prozent) des Bruttoinlandsproduktes betragen.

Dustere Gänge, bröckelnder Putz und offene Leitungen - Alltag im Krankenhaus Nr. 1 in Sotschi.
Dustere Gänge, bröckelnder Putz und offene Leitungen – Alltag im Krankenhaus Nr. 1 in Sotschi.
Der Zynismus wird dann ins Unermessliche gesteigert, wenn man sich vor Augen hält, dass man vom Sotschier Krankenhausfenster aus praktisch auf die Krim hinüberspucken kann – wo in den nächsten Jahren weitere Milliarden in ein nationales Prestige- und Propagandaprojekt fließen werden. Putins Russland scheint jedes politische Augenmaß verloren zu haben. Statt das Land von innen auf eine solide soziale und wirtschaftliche Basis zu stellen, richtet der seit 15 Jahren autoritär herrschende Staatschef den Kurs seines Landes seit zwei Jahren hauptsächlich auf den Erhalt seiner Macht und die Steigerung des eigenen Einflusses aus. Der Rüstungsetat stieg 2015 gegenüber dem Vorjahr abermals um gut 15 Prozent – trotz schwerer Wirtschaftskrise. Gespart wird dagegen nicht nur bei der Gesundheit, sondern auch im Bildungswesen und beim kommunalen Wohnungsbau. Die Folgen bekommen die Russen zu spüren. Anders als der oben erwähnte Vater sind – und das ist für in hiesigen Kulturkreisen beheimatete Menschen umso unverständlicher – längst nicht alle Russen über solche Aussichten erbost. Viele sind bereit, für die Wiederherstellung alter militärischer und globaler Stärke den Preis sozialen Verfalls zu zahlen. Vor allem die ältere Generation beweist ausgesprochene Leidensfähigkeit: Sie verbrachte einen guten Teil ihres Lebens in der Sowjetunion, ist an Mangel und Rückständigkeit gewöhnt. Was in vielen russischen Krankenhäusern aber zwischenzeitlich an Mängeln und Missständen aufgelaufen ist, dürfte allerding teils sogar sowjetische Verhältnisse noch in den Schatten stellen. Bleibt nur, auf die Vernünftigen im Lande zu hoffen. Auf jene, die nicht bereit sind, für politische Macht, von der letztlich nichts beim Bürger ankommt, den hohen Preis des Verzichts auf Lebensqualität zu zahlen.

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