Rassisten am Werk: Gift und Manipulation in täglichen Dosen

Manipulierte Grafik über die vermeintlichen realen Flüchtlingszahlen und -herkunftsländer auf der Facebook-Seite der selbst ernannten Freitaler Bürgerwehr. Quelle: Screenshot FB Bürgerwehr FTl/360
Manipulierte Grafik über die vermeintlichen realen Flüchtlingszahlen und -herkunftsländer auf der Facebook-Seite der selbst ernannten Freitaler Bürgerwehr. Quelle: Screenshot FB Bürgerwehr FTl/360

Hätte man von einer selbst ernannten „Bürgerwehr“ etwas anderes erwarten können, als dass sie derartige zusammengebastelte Machwerke „so stehen lassen“ und damit Unbedarften suggerieren, es handele sich um Fakten? Ich lasse das mal nicht so stehen, weil es schon förmlich nach Einordnung schreit.

Wenn man heute bei Google die Worte „Wo kommen die“ eingibt – was schlägt einem die Autovervollständigung da als Erstes vor?
1. Platz: „Wo kommen die Flüchtlinge her“
2. Platz: „Wo kommen die meisten Flüchtlinge her“

Es ist bezeichnend. Und beängstigend. Die Leute holen sich ihre „Wahrheiten“ offenbar tatsächlich vorrangig aus dem Netz. Und dort stößt man auf der Suche nach Infos zur Herkunft der Flüchtlinge ganz schnell auf dubiose Grafiken – meist manipulierte bzw. „angereicherte“ Statistiken offizieller Stellen, wie die oben gezeigte.

Zum Hintergrund: Die Freitaler Bürgerwehr gründete sich im April/Mai 2015 aus der Initiative „Freital wehrt sich – nein zum Hotelheim“ heraus, die seit Anfang März 2015 in der 40.000-Einwohner-Stadt vor den Toren Dresdens Demonstrationen und Widerstand gegen das parallel in einem ehemaligen Hotel eingerichtete Asylbewerberheim organisiert hatte. Die Initiative spaltete sich alsbald in einen gemäßigten Teil und einen „harten Kern“, dem die Demonstrationen und das Agitieren im Internet alsbald zu lasch wurden. Diese Leute rekrutieren sich fast ausnahmslos aus dem rechten politischen Spektrum, weisen Nähe zur NPD, zur offen neonazistisch auftretenden Partei „Die Rechte“, zu rechtsradikalen Kameradschaften und Musikern sowie zur rechtsextremen Hooligan-Szene auf. In der Asylfrage „glänzen“ diese Leute durch eine elemantare Ausländerfeindlichkeit und Menschenverachtung. Wer sich die Kommentare im Facebook-Profil der Gruppe durchließt, weiß, wovon die Rede ist. Quasi rund um die Uhr wird über vermeintliche Verbrechen oder Vergehen von Flüchtlingen „berichtet“, Menschen werden fotografiert und öffentlich an den Internet-Pranger gestellt, um Volkszorn und Hass zu schüren. Dass es sich um Menschen handelt, dass es in Deutschland ein Grund-, ein Asyl- und Menschenrechte gibt, scheint man dort noch nie verstanden zu haben. Doch zurück zur Grafik. Diese veröffentlichte die Bürgerwehr am 2. August 2015 auf ihrer Facebook-Seite. Unkommentiert. Und wohl auch aus gutem Grund.

Die Grafik trägt die reißerische Überschrift „Die ‚Kriegsflüchtling‘ Lüge“ (sic!). Im Untertext ist zu lesen: „Hier flüchtet NIEMAND vor einem aktuellen Krieg !“ (sic!).

Originalstatistik des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) über abgelehnte Asylbewerber vom Februar 2015. Quelle: Mopo24.
Originalstatistik des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) über abgelehnte Asylbewerber vom Februar 2015. Quelle: Mopo24.
SO sah die Grafik übrigens mal original aus, als die Morgenpost sie – wohlgemerkt im April 2015 – für einen Beitrag zur Veranschaulichung nutzte. In der nachträglichen Manipulation seitens der Asylgegner zum Zweck der Stimmungsmache wurden wesentliche Informationen wohlwissentlich einfach weggelassen. So zum Beispiel die Info, dass die Zahlen lediglich den Monat Februar 2015 abbildeten – einem Monat, in dem vergleichsweise wenige Flüchtlinge in Deutschland ankamen – was man natürlich nicht wissen kann, wenn man auf schnelle und möglichst eigene Ansichten bestätigende Wahrheiten aus dem Netz aus ist. Was vermutlich in Kreisen der Bürgerwehr aber auch niemanden wirklich interessieren dürfte. Denn die „Wahrheit“ hat sich längst verändert, ist nicht im Februar stehen geblieben, als vor allem jene Menschen es nach Deutschland überhaupt schafften, die in EU-nahen Regionen leben und damit weit weniger gefährliche und streckenmäßig weite Fluchten auf sich nehmen mussten – zumal im Winter. Aktuelle Zahlen für 2015 (Stand Juni) zeigen: Die absolute Mehrzahl der Asylanträge stellen mit mehr als 32000 längst Kriegsflüchtlinge aus Syrien, gefolgt von jenen aus dem Kosovo (28000), Albanien (22000) und Serbien (10000). Die nächsten Ränge belegen dann mit Irak, Afghanistan oder Pakistan schon wieder Nationen, die seit Jahren von blutigen Kriegen und Bürgrkriegen gebeutelt werden. Die Antragsflut vom Jahresbeginn aus Balkan-Ländern wie Mazedonien und Bosnien-Herzegowina ist dagegen im Jahresverlauf stark zurückgegangen. Die aktuellen Zahlen zeigen die tatsächliche Entwicklung, mit der sich natürlich weitaus weniger erfolgreich Stimmung gegen vermeintliche „Asylschmarotzer“ machen lässt:

Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge kamen im Juni 2015 22 Prozent aller Antragssteller aus Syrien – und damit die zweitgrößte Gruppe nach den „sonstigen Herunftsländern“ (28 Prozent). In den „Sonstigen-Block“ fallen alle die Staaten, aus denen weniger als ein Prozent der Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Aus dem Kosovo kamen dagegen gerade mal noch 4 Prozent aller Asylsuchenden. Im gesamten ersten Halbjahr 2015 hatten sie noch 18 Prozent aller Antragssteller gestellt. Hier wird der starke Rückgang des Zustroms aus diesem Land deutlich sichtbar – ein Zeichen dafür, dass längst ein „Lernprozess“ eingesetzt hat. Zugenommen haben dagegen die Flüchtlingsströme aus Kriegs- und Krisenländern wie Irak, Pakistan, Eritrea und Afghanistan.

Die Mehrzahl der Flüchtlinge kam im Juni 2015 aus Syrien. Quelle: BAMF
Die Mehrzahl der Flüchtlinge kam im Juni 2015 aus Syrien. Quelle: BAMF

Das zeigt uns: Das Datenmaterial, das die Bürgerwehr (und nicht nur die) zu propagandistischen Zwecken nutzt, ist zum einen verfälscht und zum anderen absolut veraltet.

Der nächste große Fauxpas, den sich die Asylgegner leisten, sind die Zustandsbeschreibungen in den jeweiligen Herunftsländern, die nachträglich farbig in die Grafik eingebracht wurden. Hier wird die Absicht, mögliche legitime Gründe für eine Flucht zu negieren, überdeutlich. Da wird allen Ernstes ein Unterschied gemacht, ob in einem Land ein Krieg, ein „Bürgerkrieg“ oder „nur regionale Konflikte“ toben. Um unter das deutsche Grundrecht auf Asyl überhaupt zu fallen, müsste also in einem Land dann schon ein Genozid gänzlich vollzogen worden sein – wobei dann ja auch niemand mehr da wäre, der flüchten könnte. Hier werden der ganze menschenverachtende Wahn und die geistigen Verrenkungen offenbar, die es anscheinend braucht, um sich die Umstände so zu drehen, dass man selbst als der moralisch Überlegene da steht und nicht erkennen muss, was der eigentliche Grund für dieses auf innerster Überzeugung gebaute Tun ist: Rassismus, geboren aus einem krankhaften Volkstumsgedanken heraus, der eine eigene Stärke und Überlegenheit suggerieren soll, nach der man vermutlich sein Leben lang vergeblich gesucht hat.

Faktencheck: Das sagt das Auswärtige Amt etwa zur Lage im Irak – ein Land, in dem die Asylfeinde „nur regionale Konflikte“ feststellen. Zitat:

Seitdem die terroristische Organisation ISIS Anfang Juni 2014 große Teile der Provinz Ninewa unter ihre Kontrolle gebracht hat und in weitere Teile der Provinz Salah Al-Din und in die Provinz Diyala vorgedrungen ist, muss dort weiterhin mit schweren Anschlägen und offenen bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen ISIS-Verbündeten und den irakischen Sicherheitskräften, regional-kurdischen Peschmerga, Milizen und auch mit US-Luftschlägen gerechnet werden. Seit Anfang August 2014 ist davon vor allem der Großraum Mossul betroffen. Diese Gefährdungslage gilt ebenfalls für die Provinz Anbar, in der terroristische Kräfte ihre Kontrolle ausbauen und es aktuell wieder zu größeren bewaffneten Auseinandersetzungen und Fluchtbewegungen kommt. In der Provinz Ta’mim kommt es regelmäßig zu Kämpfen zwischen terroristischen Gruppen und kurdischen Peschmerga.

Der Irak ist ein Land, in dem zwischen 2003 und 2009 ein furchtbarer, von westlichen Kräften gesteuerter Krieg getobt hat, der sämtliche ehemals vorhandenen zivilen und gesellschaftlichen Strukturen zerrüttet und beseitigt hat. In sieben der 18 Provinzen tobt heute ein blutiges Schlachten der Terrormiliz ISIS, die in das hinterlassene strukturelle Vakkuum geplatzt ist. Dieses Schlachten droht zudem permanent auf weitere Landesteile überzugreifen. Da möchte man die in aller Regel gut alkoholisierten, mit Monats-Abo im lokalen Fitnesscenter ausgestatteten Protagonisten einer Bürgerwehr ganz gerne fragen: Wölltet ihr in diesem Land leben? Oh – in Provinz A wird geschlachtet? Na dann flüchten Sie doch einfach nach Provinz H? Ob diese Leute überhaupt in der Lage sind, von ihrer gemütlich-spießigen deutschen Küchen-Essecke aus zu verstehen, dass ein ISIS nicht vor Provinzgrenzen haltmachen wird, ist mehr als fraglich.

Gut, dann eben diese dahergelaufenen „Glücksritter“ vom Balkan! Was wollen die bloß hier? Na klar: unseren schönen, deutschen Sozialstaat ausnutzen, sodass für deutsche Kinder und Rentner nichts mehr übrig bleibt. Deutsche Obdachlose werden weggeschickt, damit Platz für Kosovo-Albaner in einer Zeltstadt für Asylbewerber ist – ein unbegreiflicher Skandal!

Was mal wieder vergessen wird inmitten dieser völlig außer Kontrolle geratenen Stampede gegen Flüchtlinge in diesem Land: Kein Obdachloser muss in Deutschland an einer Zeltstadt anklopfen, um nachts ein Dach über dem Kopf zu haben. Eine traurige Wahrheit ist (und die kenne ich aus erster Hand aus dem Mund von Obdachlosen): Viele dieser Menschen leben mehr oder weniger freiwillig auf der Straße. Wer unbedingt wieder eine Wohnung haben will, kriegt die in aller Regel auch, wenn er sich aufrichtig bei den richtigen Stellen darum bemüht. Viele Betroffene aber haben mit Behörden abgeschlossen, wollen von niemandem abhängig sein, niemanden bitten müssen, keine Anträge stellen usw. Viele haben sich auch nach mehrfachem privatem Scheitern so weit aufgegeben, dass niemand sie mehr erreicht. Wer sich schon mal in einem Nachtcafé umgehört hat, weiß, wovon ich rede. Aber noch mal: Wer ein Dach überm Kopf und Essen will, der ist in Deutschland nicht auf eine Flüchtlingszeltstadt angewiesen, um hier mal die Verhältnismäßigkeiten wieder etwas gerade zu rücken. DORT kommen die hin, die auf nichts anderes Anspruch haben und die man einfach nur irgendwie und irgendwo unterbringen muss.

Warum kommen aber all die Menschen vom Balkan zu uns? Für Pegidisten und die Leute von der Freitaler Bürgerwehr ist klar: Alles Sozialschmarotzer – gerne auch Wirtschaftsflüchtlinge genannt. Das klingt weniger rassistisch, meint aber intern mittlerweile genau das.
Ein Blick in den Südosten zeigt: Besonders das Kosovo – wo vor Kurzem noch die meisten Flüchtlinge herkamen, gilt als „Armenhaus“ Europas. Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt dort 23 Prozent des EU-Durchschnitts. Warum ist das so? Wir erinnern uns: Vor gut 15 Jahren tobte im Kosovo noch ein erbitterte Bürgerkrieg mit Serbien, zu dem die Provinz einst gehörte. Die albanische Minderheit war lange Zeit diskriminiert und gegängelt worden. Seit sieben Jahren ist das Kosovo nun unabhängiger Staat – doch innerhalb Europas ist es noch immer ein Entwicklungsland. Noch immer gibt es hier K-For-Truppen und eine UN-Verwaltung, um den Frieden zu sichern. Integration von Minderheiten findet praktisch nicht statt. So ist besonders die Lage von Sinti und Roma in dem Land (wie auch überall sonst auf dem Balkan) prekär. Deren Situation hat sich im Kosovo vor allem ab 2010 wieder verschärft, als u.a. die Bundesrepublik nach der Unabhängigkeit des Kosovo 2008 mehr als 10000 Sinti und Roma, die während des Bürgerkrieges in Deutschland geduldet waren, schrittweise wieder zurückschickte – in ein Land, wo für sie noch nie Platz war und noch immer keiner ist. Nicht wenige von ihnen dürften heute mit der nächsten Generation im Arm wieder an deutsche Türen klopfen, nachdem sie zuvor Jahre hier gelebt hatten.

Hier also ausschließlich von „Wirtschaftsflüchtlingen“ oder „Asyltouristen“ zu sprechen, griffe viel zu kurz und hieße wesentliche andere Fluchtmotive einfach ignorieren. Das alles heißt nicht, dass diese Menschen nun einen Anspruch auf Asyl nach deutschem Asylrecht hätten – aber es öffnet eine Perspektive auf die Situation in ihrem Land und erklärt den Wunsch vor allem vieler junger Leute dort nach einer Perspektive und einem sicheren Leben, das man selbst gestalten kann. Doch genau dafür sind immer mehr Menschen in unserem so wohlhabenden Land blind, so scheint es. Und sie sind taub für wohldurchdachte Argumente.

Eins davon wäre zum Beispiel: Wie soll der Flüchtlingsstrom verhindert werden? Genau das wird häufig in markigen Worten von unserer Politik gefordert. Wollen wir wieder eine Mauer um Deutschland bauen? Wie hoch soll die werden? Wie tief unter die Erde soll sie reichen? Und wer soll das bezahlen? Doch nicht etwa unsere Kinder und Rentner? Und vor allem: Wofür das alles?
Wer immer mehr Länder zu sogenannten „sicheren Drittstaaten“ erklärt, wie in der Vergangenheit geschehen, wer immer mehr Zäune und Wälle errichten lässt, der bewirkt nur eins: nämlich dass das miese Geschäft der Schlepper und Schleuser regelrecht aufblüht. Die Menschen, die vor einer – wie auch immer gearteten – unerträglichen Situation in ihrer Heimat fliehen, wird es jedoch nicht aufhalten. Im Gegenteil: Es wird mehr Menschenleben kosten. Und es lässt einen erschaudern, wenn man sieht und hört, wie wenigen diese Gewissheit hierzulande offenbar auch nur eine müde Gefühlsregung abnötigt. Dank Pegida sind Menschenverachtung und Fremdenhass nun wieder hip. Man kann es förmlich hören, das befreite Räkeln, das vor allem durch die scheinbar verschlafenen Klein- und Kreisstädte in ländlichen Regionen geht. Mit Macht tritt dort nun zutage, was über Jahrzehnte hinweg im Verborgenen vor sich hin gähren konnte. Abgeschottet von der Welt und ihrer kulturellen Vielfalt konnten Spießbürgertum, Besitzstandsdenken und Volkstümelei offenbar selbst eine totale Niederlage und die Gleichmacherei eines SED-Staates überdauern. Und die nächste Generation saugt diesen vergifteten Nektar bereits begierig auf.

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