„Stas stirbt als Erstes.“

Eine betroffen machende Reportage von vorderster Front nahe Lugansk veröffentlichte das Wallstreet Journal vor zwei Wochen.  Es ist schade, dass sie so wenig öffentliche Beachtung erfahren hat, denn hier waren Journalisten – sozusagen „embedded“ – wohl erstmals direkt am Puls des Kampfgeschehens, als ukrainische Einheiten versuchten, die Kleinstadt Nowodruschesk nahe Lugansk wieder unter Kontrolle zu bringen. Separatisten hatten sie im April in ihre Gewalt gebracht, die örtlichen Behörden gestürmt, Arsenale geplündert und die Waffen an ihre Kämpfer und Unterstützter verteilt. Und das „Heer“ dieser Kämpfer und Unterstützer wächst täglich. Reporter James Marson berichtet, dass sich zusehends auch russische Freischärler unter die „Landwehr“ mischen, die über die nahe gelegene Grenze einsickern. Auch Tschetschenen sollen darunter sein – die sogenannten „Kadyrowzy“ (nach dem von Wladimir Putin eingesetzten „Präsidenten“ Ramzan Kadyrow). Meist sind es aber einfache Anwohner, die – aufgehetzt durch russische Medienpropaganda – die Waffen ergreifen. Ihre Gründe sind meist allzu menschlich: Sie wähnen sich einer faschistischen Junta und ihrem militärischen Arm gegenüber, sehen ihre Frauen und Kinder in Gefahr. Und doch ist all das aus westlicher, europäischer Sicht vollkommen unbegreiflich. Was bringt bisweilen bislang völlig unpolitische Menschen dazu, die Truppen der eigenen Regierung, deren Ziel nicht friedliebende Menschen, sondern Rebellen sind, die versuchen, das Land zu zerreißen, als Feinde zu betrachten? Warum bringt man den Rebellen, die zuvor Rathaus und Sicherheitsdienstzentrale stürmten und den Ort somit überhaupt erst in den Konflikt zogen, nicht dasselbe Misstrauen, denselben Hass entgegen?

„Wir wussten, dass wir sie nicht über die Brücke und in die Stadt kommen lassen konnten. Meine Frau und meine Töchter sind hier“

Der Mann, der so spricht, heißt Andrej Scharenko, 42, Bergmann aus Nowodruschesk. Viel gesehen hat Scharenko wohl nicht von der Welt, denn seine spielte sich vorrangig unter Tage ab. Was er von der realen Welt da draußen weiß, weiß er aus dem russischen Staatsfernsehen. Und das trichtert sowohl Russen als auch Ostukrainern und jenen, die es hören wollen, seit Monaten nur eines ein: Im Westen lauert der Faschismus. Fast schon beschwörend werden in nach außen hin stets den Anschein größtmöglicher Seriosität wahrenden Medienbeiträgen die Phrasen von der „Kiewer Junta“, von den „Faschisten in Kiew“, von den „Banderowzy“ (vermeintliche Anhänger des ukrainischen Untergrundkämpfers Stepan Bandera, dem sowjetische und bis heute russische Kreise eine Kooperation mit den Nazis während des Zweiten Weltkrieges vorwerfen) gestreut. In einer derartigen Intsensität und Dichte, dass diese Phrasen in Diskussionen zum Ukraine-Konflikt gerade bei den einfachen Leuten wie aus der Pistole geschossen kommen. Medienberichte kritisch zu hinterfragen, selbst zu recherchieren, nachzuforschen, die staatlich erzeugten Deutungsmuster an der Realität abgleichen zu wollen – es sind Dinge, die die Menschen im Osten der Ukraine nie gelernt haben. Andrej Scharenko gehört zu jener letzten Generation, die noch vollends in der Sowjetunion groß wurde, wo ein kritischer Verstand bestenfalls zu gesellschaftlicher Ächtung, schlimmstenfalls aber ins Straflager führte.

Getötete prorussische Separatisten werden in Donetzk in Särgen auf den Abtransport in die Heimat vorbereitet. Ein Anblick, der auf beiden Seiten immer häufiger wird. Foto: Associated Press
Getötete prorussische Separatisten werden in Donetzk in Särgen auf den Abtransport in die Heimat vorbereitet. Ein Anblick, der auf beiden Seiten immer häufiger wird. Foto: Associated Press

Spätestens hier wird offenbar, wie stark der Einfluss Moskaus im Osten der Ukraine bis heute ist – von Kiew anscheinend katastrophal unterschätzt. So etwas wie echte Integrationspolitik im Osten scheint es nie – weder unter Timoschenko und Juschtschenko noch unter Janukowitsch – gegeben zu haben. Stattdessen werden wir nun Zeugen der Folgen einer jahrelangen „eine-Hand-wäscht-die-andere“-Politik von halbherzig und oft unter fragwürdigen Methoden ausgehandelten Abkommen und Deals, um das Volk ruhig zu halten. Im nun eingetretenen Ernstfall bekommt Kiew die Quittung: Die Menschen im Osten hören  lieber auf die haarsträubende Propaganda aus Moskau statt auf die eigene Regierung. Kein Wunder, wenn Moskau blühende Landschaften verspricht, während nach 20 Jahren Kiewer Politik immer noch das Abwasser in offenen Gräben durch die Straßen des 9000-Einwohner-Städtchens Nowodruschesk fließt. Dessen Einwohner sind in großer Zahl in den Krieg gezogen – dass sie dabei auf ihre eigenen Landsleute schießen, scheint ihnen gleichgültig. Sie sehen in den ukrainischen Soldaten nicht die Brüder, die sie von marodierenden Rebellen befreien wollen, sondern blutrünstige Faschisten. In Russland und der Ostukraine hat sich längst ein geflügeltes Wort breit gemacht, das die Geschehnisse sowohl politisch als auch historisch einordnet: „Russischer Frühling“ – in der Ukraine wohlgemerkt. Es verzerrt einen nach innen terroristischen Akt – nämlich die gewaltsame Abspaltung von Staatsgebiet mit Unterstützung ausländischer Kräfte – zu einem revolutionären Befreiungsakt von ukrainischer Besatzung.

„Hungrige, ausgezehrte Soldaten in klapprigen Panzerfahrzeugen“

Auf der anderen Seite wirft die Reportage ernüchternde Schlaglichter auf den katastrophalen Ernährungs- und Ausrüstungsstand und somit Motivationsgrad innerhalb der ukrainischen Armee. Wobei „Armee“ eigentlich zu viel der Ehre ist für eine Truppe, die offenbar schlechter versorgt ist, als die Dorfrebellen, denen Frauen und Kinder mit Feldküchen an die Front folgen. Eigentlich sollte die ukrainische Armee in diesem Jahr von einer Wehrpflichtigen- in eine Berufsarmee umgewandelt, die Wehrpflicht – ähnlich wie in Deutschland – abgeschafft werden. Seit dem Ausbruch der Krise jedoch ist das zurückgestellt. Stattdessen müssen nun alle 18- bis 25-Jährigen wieder ihren Wehrdienst leisten. Zusätzlich hatte der damalige Übergangspräsident Alexander Turtschynow Anfang März aufgrund der russischen Aggression auf der Krim 40000 der rund 1 Million ukrainischen Reservisten mobilisiert. Allein – womit diese kämpfen, wo sie schlafen, wie sie eingekleidet und ausgerüstet und nicht zuletzt versorgt werden sollen – dafür gibt es anscheinend bis heute keinen handfesten Plan. Auch ein Grund, warum so viele ukrainische Soldaten die Flinte buchstäblich ins Korn werfen und sich den Rebellen ergeben. Warum sollten sie auch kämpfen, ihr Leben riskieren für eine Regierung, denen ihre Versorgung bislang egal war? Für Landsleute, die sie als Feinde erachten?

So lief es denn schließlich auch am 22. Mai bei Nowodruschesk, als etwa 100 von ihnen nach mehrstündigem Gefecht entnervt aufgaben und sich zurückzogen. Gewonnen hat an diesem Tage keiner – wie wahrscheinlich oft in diesen Tagen. Am Abend wird zur grausamen Routine des Krieges übergegangen: Totenzahlen vermelden -möglichst zu eigenen Gunsten. Ein ganzer Landstrich versinkt im Chaos. Die Menschlichkeit bleibt da zuerst auf der Strecke. Zwischen alledem leben Menschen. Menschen, die in ständiger Angst verharren. Jede alltägliche Verrichtung kann in einer Katastrophe enden. Wer sich ein wenig Klarsicht und Neutralität in diesem Krieg, der auch ein Krieg der Informationen ist, bewahrt hat, der sieht die Verfahrenheit der Situation, sieht, dass es keine Mordlust ist, die das ukrainische Militär treibt. Mancher macht die Einmischung Russlands für die Eskalation verantwortlich. Auch hier im Osten. Tatsächlich tun sich hier Gräben auf, die nur die Ukraine selbst wieder zuschütten kann. Weil sie sie selbst öffnete und Moskau somit einen idealen Einfallspunkt schuf. Doch was soll die Regierung tun, wenn die Separatisten nicht verhandeln wollen? Es gab eine Zeit, da stand die Tür in Kiew offen. Doch besoffen vom Adrenalin des sich abzeichnenden Krieges, von dem Gefühl des Großen, zu dem man sich berufen fühlte, lehnten die Rebellenführer jedwedes Angebot zum Dialog ab und peitschen ihre Referenden durch. Bis heute wollen sie mit Kiew nicht verhandeln – weshalb die gebetsmühlenartigen Forderungen Moskaus, die Separatisten an den Verhandlungstisch zu holen, schon beinahe zynisch anmuten. Es ist eine Situation daraus erwachsen, die keiner Seite noch viel Raum für ein Zurück lässt, ohne dabei vollständig das Gesicht zu verlieren.

 

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