Geschichte wird gefälscht, nicht geschrieben…

Der Konflikt in der Ukraine könnte weiter von einem Ende entfernt nicht sein, da ist er in Russland bereits „Geschichte“. Zumindest hat Präsident Wladimir Putin keine Zeit verloren, den Ablauf der Ereignisse aus seiner Perspektive in den Lehrplan an russischen Schulen aufzunehmen. Und so liest sich die Genese des Krieges im neuen Geschichtslehrbuch der Klasse 9 nun so:

Das neue Geschichtsbuch Klasse 9 an russischen Schulen weist die völkerrechtswidrige Annexion der Krim als Resultat einer angeblichen Diskriminierung der russischen Sprache durch die ukrainische Übergangsregierung aus. Quelle: www.stopfake.org
Das neue Geschichtsbuch Klasse 9 an russischen Schulen weist die völkerrechtswidrige Annexion der Krim als Resultat einer angeblichen Diskriminierung der russischen Sprache durch die ukrainische Übergangsregierung aus. Quelle: www.stopfake.org

„Um den Jahreswechsel 2013/14 wurde die Lage in der Ukraine angespannt. Im Februar wurde der legitime Präsident des Landes, V. Janukowitsch, gestürzt und die Opposition ergriff die Macht. Eine ihrer ersten Entscheidungen war die Abschaffung des Status der russischen Sprache und das Verbot ihrer Benutzung auf dem selben Level wie der ukrainischen. Der Oberste Soviet der autonomen Republik Krim, die Teil der Ukraine war, weigerte sich, der Kiewer Regierung Folge zu leisten.“

 

Des Weiteren ist zu lesen, dass am 16. März „96,77 Prozent der Krim-Bewohner“ und „95,6 Prozent der Bürger Sewastopols“ in einem Referendum für die Wiedervereinigung mit Russland stimmten.Auf der nächsten Seite wird die „Wiedervereinigung der Krim mit Russland“ als Meilenstein im Zahlenstrahl der russischen Geschichte gleich hinter den „Wahlen“ der Präsidenten Medwedjew (2008) und Putin (2012) genannt.

 

Dass diese Passage in einem Geschichtsbuch der 9. Klasse (!!) mit einer infamen Lüge beginnt – kaum einer der heute 15-Jährigen wird in 20 Jahren noch danach fragen, so viel ist sicher. Tatsächlich hat die Übergangsregierung lediglich laut darüber nachgedacht, das von Viktor Janukowitsch im Sommer 2012 in zwei umstrittenen Lesungen regelrecht durch das Parlament gepeitschte Sprachengesetz wieder rückgängig zu machen, das Russisch zur zweiten Amtssprache neben dem Ukrainischen erhoben hatte. Für das Gesetz, das Janukowitsch seinen hauptsächlich russischsprachigen Wählern zur Wahl versprochen hatte, hatten nach hitzigen Debatten und handgreiflichen Auseinandersetzungen schließlich doch noch 248 der 450 Abgeordneten votiert. Ein politik- und gesellschaftsübergreifender Dialog zum Thema Sprachen war der Entscheidung nicht vorausgegangen. Zahlreiche Ukrainer, die mit rund 75 Prozent die übergroße Mehrheit der Bevölkerungstellen, hatten gegen das Gesetz protestiert. Sie sahen die Anreize für die russischstämmige Bevölkerungsminderheit gekappt, sich in die ukrainische Gesellschaft zu integrieren und Ukrainisch zu lernen. Die Übergangsregierung in Kiew hat niemals ein Verbot der Gleichwertikeit der russischen Sprache beschlossen. Sie nahm von einer Wandelung des umstrittenen Gesetzes von 2012 aus Rücksicht auf die russischstämmige Bevölkerung der Ukraine ausrücklich Abstand und sagte im April der russischen Sprache gar einen Sonderstatus zu und versprach überdies, den Regionen mehr Autonomie einräumen zu wollen.

Kein Wort in dem gesamten Themenkomplex darüber, wie es überhaupt zum Referendum auf der Krim kam. Kein Wort über die 15000 russischen Soldaten, die das Referendum auf der Insel durchsetzen mussten.

Russische Soldaten im Februar 2014 auf der Krim. Foto: AFP
Russische Soldaten im Februar 2014 auf der Krim. Foto: AFP

Kein Wort über die Sturzflut an antiukrainischer und prorussischer Propaganda, die dem sogenannten Referendum wochenlang vorausging. Kein Wort über die Übergriffe prorussischer Aktivisten gegen Gegner des Referendums und des Anschlusses an Russland, über antisemitische Übergriffe auf Juden, die sich als Ukrainer und nicht als Russen betrachteten. Kein Wort darüber, dass die Krim seit 1992 zwar eine autonome Republik, qua ihrer Verfassung allerdings ein Teil der Ukraine ist. Kein Wort auch darüber, dass sich die Autonome Republik Krim nach wiederholten Anschlussbemühungen an Russland durch illegal gewählte „Präsidenten“ 1994 dazu verpflichtete, keinerlei Entscheidungen mehr zu treffen, die im Widerspruch zur ukrainischen Verfassung stehen. Nicht erwähnenswert auch der Umstand, dass die ukrainische Verfassung die Abspaltung einzelner Staatsgebiete – auch per Referendum – ausdrücklich verbietet und die Entscheidungsgewalt über eine solche ausschließlich dem ukrainischen Parlament bzw. einer landesweiten Volksabstimmung überträgt. Die Auflösung des Krim’schen Parlaments bzw. eine Absetzung dessen Präsidenten kann einzig und allein die Oberste Rada der Ukraine verfügen – am 27. Februar 2014 übernahm Letzteres unrechtmäßig das Parlament der Krim selbst – nachdem schwer bewaffnete prorussische Kämpfer das Parlamentsgebäude und mehrere andere öffentliche Gebäude besetzt hatten. Kein Wort auch darüber, dass diese Männer russische Uniformen und russische Waffen trugen und „die russische Bevölkerung der Krim schützen“ wollten. Kein Wort insbesondere auch davon, dass 158 von 169 Staaten der UN-Generalversammlung dem Anschluss der Krim durch Russland die Gefolgschaft verwehrten, 100 erklärten ihn zum Völkerrechtsbruch. Lediglich elf Staaten (darunter die autoritären Regime in Nordkorea, Syrien, Kuba, Venezuela, Bolivien, Sudan, Afghanistan, Weißrussland und Kasachstan) hießen die Annexion richtig.

Insgesamt entsetzt es, zu sehen, mit welcher Geschwindigkeit Präsident Wladimir Putin dazu übergegangen ist, die eigene Version der Ereignisse als unheilvolle Saat in die Köpfe der nachwachsenden Generation zu pflanzen. Aber dahingehend befindet sich die Ukraine-Krise fraglos in guter Tradition. Denn auf derselben Seite des Geschichtsbuches wird etwa Abchasien als „Staat“ ausgegeben, der infolge des Zerfalls der Sowjetunion entstand. Genannt wird die eigentlich völkerrechtlich zu Georgien gehörende, von Russland allerdings in ihrer Abtrünnigkeit unterstützte autonome Teilrepublik im Lehrbuch unter anderem in einem Atemzug mit „Usbekistan“, „Weißrussland“, „Kasachstan“, „Armenien“ und „Litauen“.

Und so arbeitet Wladimir Putin verbissen an der Ausbildung des regimetreuen Nachwuchses, indem er ihm ein Geschichtsverständnis anträgt, das frei von Selbstkritik und dafür umso erfüllter von Halb- und Unwahrheiten, gezielten Auslassungen und bisweilen hanebüchenen Deutungen ist.

0 Gedanken zu „Geschichte wird gefälscht, nicht geschrieben…“

  1. Die Geschichte zu fälschen kann eigentlich nur jemandem gelingen, der sich in einer Umgebung befindet, die den Wissenschaftlichen Realismus vertritt und auf die Geschichtswissenschaft anwendet. M.E. werden solche Vorstellungen von Geschichte jedoch spätestens seit den 80/90ern von Historikern nicht mehr vertreten.

    Populär scheint die Anwendung des Wissenschaftlichen Realismus (u.a. auf die Geschichte) jedoch unter Politikern und leider auch Journalisten zu sein, für die sie m.E. den Zweck erfüllt, interne Konflikte zu externalisieren.

    Das Ergebnis lässt sich dann an eskalierenden Konflikten und naiv (schlimmstenfalls propagandistisch) erscheinenden Artikeln ablesen.

    1. Lieber Torsten, die Geschichte können weder einzelne Politiker noch einzelne Journalisten fälschen. Letztere schon gar nicht, da Journalisten selten wissenschaftlich bei ihrer Arbeit vorgehen (das können sie auch gar nicht in Anbetracht des geringen Zeitfensters, das ihnen oft für ihre Recherche bleibt, da der Leser eine möglicht aktuelle und dennoch einordnende Berichterstattung erwartet). Vielmehr wird Geschichte immer dann erfolgreich gefälscht, wenn Gesellschaften weitgehend abgeschottet werden, sich also geschlossene Systeme entwickeln, in denen auch alle – sowohl die Politik als auch die Masse der Medien und das Bildungssystem – (meist zwangsweise) an einem Strang ziehen. Etwas Derartiges erlebt man leider heute in Russland wieder. Zumindest werden wir Zeuge einer Verschärfung der Abschottung vom westlichen Ausland.
      Man erkennt das an einer entsprechenden Gesetzgebung im Land selbst sowie an Repressalien gegen Medien oder Oppositionelle, die aus dem verordneten einheitlichen Wertekanon ausbrechen. Und man erkennt das an der Beeinflussung bereits der jüngsten Bürger, wie im obigen Artikel beschrieben. Mich würde interessieren, was du von diesem Geschichtsbuch hältst. Würdest du es für einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Geschichte halten, bereits zu einem Zeitpunkt Informationen zu einem Konfliktgeschehen in Schulbüchern abzudrucken, da dieses Geschehen noch in vollem Gange ist und zudem die Hintergründe seiner Entwicklung noch nicht einmal vollumfänglich geklärt wurden?

  2. „Lieber Torsten, die Geschichte können weder einzelne Politiker noch einzelne Journalisten fälschen.“

    • Oben habe ich es bereits anzudeuten versucht: die Vorstellung einer realen, von Diskursen und ihren Akteuren unabhängigen Geschichte wird innerhalb der „mainstream“ Geschichtswissenschaft spätestens seit dem linguistic turn nicht mehr vertreten. Da auch mir ein Denken und Handeln, welches von einer subjektiv überformten, meinetwegen auch konstruierten Realität ausgeht, modern und praktisch erscheint, kann ich mit der Vorstellung einer falschen oder gefälschten Geschichte ebenso wenig anfangen, wie mit der einer wirklichen oder wahren Geschichte. Vorstellungen einer wahren Geschichte führen m.E. zu ähnlichen Konflikten, wie die Vorstellung eines einzig wahren Gottes, eines einzig wahren Fußballvereins und eines einzig wirklich Schuldigen. Leider (und verständlicher Weise) vertreten viele Politiker und Journalisten solche Vorstellungen und praktizieren diese (s.o.).

    „Mich würde interessieren, was du von diesem Geschichtsbuch hältst. “

    • Ohne es gelesen zu haben, nicht mehr und nicht weniger als von den meisten anderen Geschichtsbüchern.

    „Würdest du es für einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Geschichte halten, bereits zu einem Zeitpunkt Informationen zu einem Konfliktgeschehen in Schulbüchern abzudrucken, da dieses Geschehen noch in vollem Gange ist und zudem die Hintergründe seiner Entwicklung noch nicht einmal vollumfänglich geklärt wurden? “

    • Wenn ich das suggestive Moment dieser Frage ignoriere, würde ich sagen, dass es mir schwerfällt, den didaktischen Zusammenhang zu bewerten, in den andere Pädagogen die Konzepte „Verantwortung“, „Bewusstsein“ und „Geschichte“ gebracht haben; noch dazu aus dem Stehgreif und per Ferndiagnose, wie Du es hier zu wünschen scheinst.
    1. Das klingt alles ja sehr schön dahergesagt, wirklich. Allein – ich glaube dir nicht. Wenn ich mir die Veröffentlichungen in deinem Blog so ansehe, dann ist dein ganzes Denken sehr wohl geprägt von einer klaren Vorstellung von „wahr“ und „unwahr“. So ist die Berichterstattung der deutschen Presse in Bezug auf die Konflikte in Syrien und der Ukraine in deinen Augen fast durchweg „unwahr“. So scheint mir die „skandalöse Unfähigkeit wichtiger westlicher Diplomaten und Journalisten, zwischen dem Verständnis einer Position und deren Befürwortung zu unterscheiden“, die du in deinem Beitrag attestierst, doch recht ähnlich meinem Vorwurf an die Adresse von Herrn Putin, nicht zwischen Fakt und Fiktion unterscheiden zu können bzw. zu wollen, was die Genese und den Verlauf der Krim-Krise betrifft.

      Nimm’s mir nicht übel, aber du scheinst mir jemand zu sein, der immer dann, wenn er die eigene Position missverstanden oder konterkariert sieht, sehr klare Urteile findet, die nicht zuletzt stets auf Basis einer Einordnung nach „richtig“ und „falsch“, „wahr“ oder „unwahr“ funktionieren, und der sich in sprachlich hochtrabenden Wortfechtereien ergeht, sobald die Kritik in die – seiner Ansicht nach – falsche Richtung zielt. Was dabei auffällt: Du umschiffst dabei gern galant das eigentliche Thema und weichst auf Allgemeinplätze aus.

      Lass mich kurz erklären, wo ich in deinen Aussagen ein Problem sehe.

      1. Um Geschichte zu fälschen, braucht es keine Umgebung des wissenschaftlichen Realismus. Warum nicht? Weil z.B. die Aussage, dass die Nazis Millionen Juden vernichteten, historisch verbürgt eine wahre Aussage ist. Es besteht weithin wissenschaftlich Konsens dahingehend, dass eine Aussage dann wahr ist, wenn sie sich logisch nachvollziehbar und faktisch nachprüfbar beweisen lässt. Es geht nicht darum, eine bestimmte DEUTUNG von Geschichte als wahr oder unwahr zu bewerten. Es geht um einzelne nachweislich von Putin falsch dargestellte Ereignisse. Den von ihm behaupteten Beschluss des Verbotes der Nutzung der russischen Sprache auf derselben Ebene wie die ukrainische hat es nachweislich nie gegeben. Durch diese Falschbehauptung wird das gesamte Ursache-Wirkung-Prinzip der Konfliktgenese verschoben. Bestenfalls kann man Wladimir Putin hier Naivität, schlimmstenfalls aber Berechnung unterstellen.
      2. Du negierst im Grunde die Auswirkungen solcher verzerrender Darstsellungen auf das Geschichtsbild insgesamt und hinterfragst kritisch Stimmen, die dieses Verhalten insgesamt infragestellen. Du unterstellst aber andererseits Journalisten, dass sie durch ihre – deiner Ansicht nach „naive“, „skandalöse“, „unfähige“ und „propagandistische“ (!!!) – Berichterstattung Konflikte „externalisierten“ und dadurch „eskalierten“. Also – da bin ich wirklich einigermaßen platt.
        Nichts für ungut: Aber vielleicht solltest du dich für eine Variante entscheiden.

      Ich habe lange überlegt, was ich mit deinen Antworten auf meine Fragen anfangen soll. Viel ist dabei allerdings nicht herausgekommen. Nicht gelesen? Die hier entscheidenden Passagen hatte ich als Datei publiziert, sie wären also jederzeit nachlesbar. Soll ich deine Antwort jetzt also so werten, dass du schlicht keine Lust hattest zum Lesen?
      Überdies bin ich mir sicher, dass deine hier schon bis zum Zynismus zur Schau gestellte vorgebliche „wissenschafliche Neutralität“ nichts als eine Taktik ist, offensichtliche Fehlstellungen im russischen politischen System nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen. Ich bin mir sicher, dass man bei dir an anderer Stelle vergeblich auf eine solch erstaunliche Sachlichkeit wartet. Und deine Breitseiten gegen „westliche Politiker und Journalisten“ haben das im Grunde auch schon zuverlässig bewiesen.

      1. „Das klingt alles ja sehr schön dahergesagt, wirklich. Allein – ich glaube dir nicht. “

        • Danke für die ehrliche Rückmeldung. Die erspart mir weitere Kommentare.
        1. Das ging aber flott. Ich dachte nicht, dass du dich so schnell von Gegenwind entmutigen lässt. Dafür warst du einfach zu selbstbewusst aufgetreten. Nun gut. Deine Entscheidung.

  3. Naja da ist mir diese Geschichte lieber. Auch wenn sie evtl. nicht 100% der Wahrheit entspricht und nicht alle Faktoren genannt wurden, aber sich doch größtenteils so zugetragen hat.
    In der Ukraine wird denen seit dem Zerfall der Sovjetunion beigebracht, das mal halb Europa die Ukraine war und sie nur durch Russland so „schwach“ geworden sind. Niemand weiß, das es die Ukraine eigendlich nie gab und es eigendlich Russen/Polen/Rumänen/usw. sind.

    Ich hoffe ihr versteht was ich meine.

    1. „Ich hoffe ihr versteht was ich meine.“

      Äh… nö. Offen gestanden höre ich das alles zum ersten Mal und halte es für pure Behauptung, denn Belege für all das zu bringen, hältst du ja offensichtlich nicht für nötig.

      Was du offenbar nicht weißt: Die sogenannten „Russen“ sind eigentlich geografisch betrachtet Ukrainer. Denn die russische Wiege stand in Kiew. Und die Region um Kiew herum war nachweislich schon seit dem 12. Jahrhundert als „Ukraine“ (zu Deutsch so viel wie „das Grenzland“ von „u“ = „bei“ und „kraina“ = „Rand, Grenze“) bekannt.
      Im Grunde genommen sind beide ethnischen Bezeichnungen historisch gewachsen. Weder gab es von Stunde null an „Russen“, noch gab es „Ukrainer“. Es gab nur viele verschiedene slawische Völker in dieser Region, die mit den Jahrhunderten unter wechselnde Herrschaftseinflüsse gerieten. Daraus wiederum ergaben sich selbstverständlich auch unterschiedliche ethnische, sprachliche und kulturelle Entwicklungen der einzelnen Stämme.
      So wurde etwa die Kiewer Rus nicht von Russen gegründet (die gab es damals noch gar nicht), sondern von skandinavischen Stämmen, den Warägern, die in der Region die Macht übernommen hatten. Nach deiner Argumentation von den älteren Rechten müssten also die Skandinavier heute den eigentlichen Herrschaftsanspruch über die Gebiete der früheren Kiewer Rus für sich reklamieren dürfen.
      Und die Ukrainer wurden auch nicht erst nach dem Zerfall der Sowjetunion „erfunden“. Im Gegenteil: Den Begriff hat die Sowjetunion mit ihrer zelebrierten Selbstrezeption als solidarischer Vielvölkerstaat, eine dessen Teilrepubliken die ukrainische SSR bildete, regelrecht mitgeprägt.

  4. Wahrscheinlich meint Eduard, dass es erst seit 1991 einen ukrainischen Nationalstaat in den Grenzen der ehemaligen ukr. SSR gibt – den gab es so vorher m.W. noch nie. Diese Grenzen sind aus meiner Sicht auch eher willkürlich gezogen bzw. von außen erzwungen worden, denn einer nationalen Identität geschuldet. Eigentlich ist dieser ganze Nationenkram gerade dort völlig absurd, lenkt aber die Bevölkerung sowohl Russlands als auch der Ukraine ziemlich effektiv von den eigentlichen Problemen ab.

    1. Der erste ukrainische Nationalstaat war die Ukrainische Volksrepublik, gegründet 1917 im Zuge der Februarrevolution. 1919 wurde sie von den Sowjets einverleibt. Und wenn wir jetzt anfangen, über willkürlich gezogene Grenzen zu reden – wo wollen wir da eigentlich anfangen und wo aufhören? Und wer bitte soll die ukrainische Souveränität 1991 denn „von außen erzwungen“ haben?
      Der Ukraine jedwede nationale Eigenständigkeit abzusprechen, negiert zudem die Existenz kultureller und historischer Unterschiede zwischen Russen und Ukrainern – und das absolut zu Unrecht. Das fängt schon bei der Herausbildung einer eigenen Sprache an und hört bei der jahrhundertelangen Vermischung speziell dieser Region mit polnischen, weißrussischen, rumänischen und baltischen Einflüssen auf, die es so im russischen Kernland nie gegeben hat. Die eigentliche kulturelle und machtpolitische Abspaltung der Ukraine von der Rus, dem russischen Kernland, geschah bereits im 12. Jahrhundert, als die Ukraine für über 300 Jahre unter polnischen und baltischen Einfluss geriet, die Rus aber nach kürzerer mongolischer Beherrschung eigenständig wurde.

      1. Ganz ruhig, Dir widerspricht ja gar keiner. 2 Jahre sind keine lange Zeit für einen Nationalstaat, oder? Noch dazu, wenn sie vor allem von kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt sind. Ich hätte es ja auch lieber gesehen, wenn Machno erfolgreicher gewesen wäre, auch über die Zeit, anarchistische Experimente gab es viel zu wenige bisher – und sie wurden immer von außen zerstört.
        Auch ’91 hat natürlich niemand von außen die Souveränität erzwungen, behauptet ja keiner. Die Grenzen folgen nur nicht unbedingt „nationalen“ Identitäten, nimm zB. die Bukowina: Halb Ukraine, halb Rumänien, bis 1918 Königreich Österreich-Ungarn, vorher Fürstentum Moldau.
        Was hat sie denn den Russen oder Ukrainern gebracht bisher, die Nation, egal ob die russische oder die ukrainische? Gut, da ist bei vielen jetzt ein Gefühl, wo vorher vielleicht keins war, aber sonst? Weniger Korruption, bessere Lebensumstände, Arbeit? Im Gegenteil. Putin, Janukowitsch, Timoschenko und wie sie alle heißen haben dieses nationale Bewusstsein immer nur geschürt und für ihre Zwecke missbraucht. Ohne diesen Nationalkram ginge es den Leuten wahrscheinlich besser.

        1. Ich bin ruhig. Ich hinterfrage kritisch. Und mir darf jederzeit jeder widersprechen. Er darf nur nicht davon ausgehen, dass seine Aussagen zwangsläufig unbeantwortet im Raum stehen bleiben.
          Kennst du irgendeinen Nationalstaat, dessen heutige Grenzen nicht irgendwann aus irgendwelchen kriegerischen Handlungen hervorgingen? Es liegt in der Natur des Menschen, Gebietsansprüche zumeist gewaltsam auszufechten. Erst der Zivilisationsprozess hat das etwas gezähmt. Die Sorben zählen übrigens auch zu Deutschland, obwohl ihre Kultur der slawischen näher steht. Es gibt in nahezu jedem Land ethnische Minderheiten. Dort, wo sie geschützt und gleichberechtigt sind, werden sie nur selten nach Unabhängigkeit streben. Wo sie diskriminiert werden, werden sie es entsprechend. Es spielt auch für die Diskussion um die Ukraine meiner Ansicht nach eine absolut untergeordnete Rolle.
          Völkerrechtliche Tatsachen müssen anerkannt werden, wenn man das Völkerrecht nicht insgesamt infrage stellen will. Oft genug wird das nicht getan. Die Ukraine hat 1991 mit fast 100-prozentiger Zustimmung für eine Souveränität in den Grenzen der SSR gestimmt. Übrigens auch in jenen Landesteilen, die heute abgespalten sind. In einem Referendum, das – anders als jenes auf der Krim – nicht mit Waffengewalt und einer quasi-Besetzung von außen erzwungen und massiv manipuliert und im Ergebnis regelrecht gefälscht wurde. Dieses Votum hat so lange rechtliche Verbindlichkeit, bis es ein demokratisch beschlossenes (z.B. über ein Volksbegehren) neues gibt, das zu einem anderen Beschluss kommt. Ein solches Votum hat es weder zur Krim noch zum Donbass jemals gegeben.

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