Dresden, deine Sowjetarmisten…

Ein Licht für das Dunkel der Vergangenheit. Foto: Heike Richter
Es ist noch immer ein seltsames Gefühl. Für jemanden, der die Zeit der sowjetischen Besatzung zwar nur als Kind, sehr wohl aber bewusst miterlebt hat, die Einschränkungen gespürt hat, die diese für die Menschen in Dresden mit sich brachte, und auch die fremde Kultur der Härte und des Misstrauens – für den wird es wohl immer ein leichtes Prickeln im Nacken mit sich bringen, wenn er auf einem sowjetischen Friedhof steht und der dort begrabenen Toten gedenkt, die während genau dieser Zeit ums Leben kamen. Dennoch ist die Auseinandersetzung mit dieser Zeit, mit diesen Menschen, für mich zu einer Art Lebensaufgabe geworden, stellt sie doch nicht zuletzt auch eine Brücke in meine ganz persönliche Vergangenheit dar. Der Sowjetische Garnisonfriedhof ist somit kein Ort des Todes, sondern von Geschichte, wie sie lebendiger nicht sein könnte.

Und je länger man sich mit dieser vielmals nur als eine finstere Zeit der Unfreiheit, der Scham und der Ohnmacht empfundenen, 50 Jahre währenden Epoche auseinandersetzt, desto mehr staunt man darüber, wie sie zunehmend an Finsternis verliert, im Lichte wiederkehrender Erinnerung. Es sind da eben nicht mehr nur die diffusen Wahrnehmungen „der Russen“ als restriktive Ordnungsmacht, sondern die Ordnungsmacht bekommt Gesichter, Namen, die irgendwann wieder aus den Tiefen des Gedächtnisses auftauchen, bis hin zu einzelnen Worten, einem Lächeln, einem Geschenk, die man längst vergessen hatte. Wo vor Jahren noch ein Loch klaffte, eine verstörende Lücke in der eigenen Biografie, die entstand, als nach der Wende alles das, was zuvor war, mit Schamhaftigkeit, Schwäche und Rückständigkeit assoziiert wurde, findet die Vergangenheit endlich einen würdigen Platz – in der Erinnerung, und auch im täglichen Tun und Streben, ohne dass sie dabei den Ton angäbe.

Es nützt nichts, die Vergangenheit ausblenden, sie vergessen zu wollen, nur weil sie schwere Zeiten parat hielt. Die Zeiten waren für die vielen jungen Soldaten, die heute auf dem Nordflügel des Garnisonfriedhofes begraben liegen, keinesfalls weniger schwer als für uns. Diese Erkenntnis erfordert Überwindung, aber sie ist notwendig. Sie gibt den Menschen jenes Stück Würde zurück, das ihnen damals genommen wurde. Auch sie waren nicht frei. Wie wir.

Dresden, deine Sowjetarmisten. Es wäre ein Neuanfang in der Dresdner Gedenkkultur. Einen ersten Schritt dahin wagt der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit seiner Gedenkveranstaltung, die am 23. Februar bereits zum zweiten Mal stattfand.

Von rechts: Stadtrat Torsten Schulze (Grüne), Stadtrat Martin Bertram (SPD, 3. v. rechts). Foto: Heike Richter
35 Gäste aus Politik, Vereinsleben und Gesellschaft waren anwesend, darunter die Vizepräsidentin des sächsischen Landtages, der Kommandeur der Offizierschule der Bundeswehr, eine Vertretung des kasachischen Honorarkonsulates und ein russischer Weltkriegsveteran, dessen ganzes Streben der Aussöhnung zwischen Deutschen und Russen gilt. Erinnerungen an sowjetische Soldaten hat jeder von ihnen. Und selbst die, die sie nicht haben, wissen den Wert von Zeitzeugnissen, die ihnen Zugang zu unserer Vergangenheit verschaffen, umso mehr zu schätzen.
Viktor Maximow kämpfte im Zweiten Weltkrieg als Offizier in Reihen der Roten Armee gegen die Deutschen. Seit vielen Jahren setzt er sich für eine Aussöhnung zwischen beiden Völkern ein und hilft mit deutscher Unterstützung Kriegsveteranen in Russland.

Und so bewegte es alle Anwesenden besonders, als der 89-jährige Viktor Maximow, der selbst noch als Offizier im Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen kämpfte und später in einem Buch beschrieb, wie das anfängliche Gefühl des Hasses immer mehr dem Wunsch nach Versöhnung und Vergebung wich, spontan das Wort ergriff und dem anwesenden Kommandeur der Offizierschule der Bundeswehr, Brigadegeneral Jürgen Weigt, für sein Engagement für den Erhalt des Nordflügels dankte.

Der 23. Februar – ein Tag, an dem auf dem Sowjetischen Garnisonfriedhof viele Jahrzehnte lang der Gründung der Roten Armee im Jahr 1918 gedacht wurde. Nun wollen wir diese Tradition keinesfalls fortführen.

Blumen für die Toten - und die Hoffnung auf einen respektvolleren Umgang mit den Zeugnissen unserer Vergangenheit. Im Vordergrund: Alevtina Böttner, Honorarkonsulat der Republik Kasachstan.
Die Helden der Oktoberrevolution, des Bürgerkrieges in der jungen Sowjetunion – es sind nicht unsere Helden. Und doch bildet der 23. Februar einen wichtigen Anknüpfungspunkt für die Menschen hier, die lange Zeit mit der Sowjetarmee Tür an Tür lebten. Hier kann es kein starres, rückwärtsgewandtes Gedenken geben, das an alten sowjetischen Traditionen orientiert. Nicht, wenn das Ziel sein soll, die zukünftigen Generationen für 50 Jahre sowjetische Präsenz in Dresden zu interessieren, die all dies nie selbst erlebt haben. Hier muss ein Gedenken stattfinden, das mehr einem geöffneten Fenster in die Vergangenheit gleicht, das gleichzeitig erklärt, in Beziehung setzt, Indentifikation stiftet.

Nichts stiftet wiederum mehr Identifikation als das Übertragen persönlicher Verantwortung. Verantwortung beispielsweise für den Erhalt wichtiger Zeitdokumente, die über jene Tage Zeugnis ablegen. Und deshalb ist der 23. Februar für den Volksbund und damit den Freundeskreis Sowjetischer Garnisonfriedhof auch klar mit dem Auftrag an Politik und Gesellschaft verknüpft, sich ihrer Verantwortung für die folgenden Generationen bewusst zu werden und auch die Zeitzeugnisse der Besatzungsjahre nicht wirtschaftlichen Planspielen zu opfern. Damit auch in vielen Jahren noch Angehörige der Toten einen Ort zum Trauern und die Dresdner einen Ort haben, an dem sie sich erinnern oder Geschichte hautnah erleben können. In seiner Gedenkrede hätte es der sächsische Volksbund-Landesvize Holger Hase besser nicht auf den Punkt bringen können als mit dem berühmten Zitat Charles de Gaulles: „Die Kultur eines Volkes erkennt man an seinem Umgang mit den Toten.“

Der stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge fand deutliche Worte zur geplanten Zerstörung des Nordflügels des Sowjetischen Garnisonfriedhofes.
Die Dresdner Rathauspfeifer und ein Ensemble des Chores der russisch-orthodoxen Gemeinde zu Dresden setzten im gemeinsamen Rahmenprogramm russische und deutsche Akzente.

Fotos 3-6: Jane Jannke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.