Der schwierige Umgang mit der Zeit der sowjetischen Besatzung

Was genau Generalmajor Jürgen Weigt, Afghanistan-Veterean, Brigadegeneral und Kommandeur der Heeresschule Dresden, am Donnerstag dazu bewogen hatte, gemeinsam mit Pessesprecher Major Holger Haase und zwei weiteren hochrangingen Offizieren der Einladung des Freundeskreises Sowjetischer Garnisonfriedhof (FK) zur Feierstunde auf den Nordflügel zu folgen, weiß niemand genau. Aber er kam.
Sämtliche Vertreter der Stadt und des Landes, die ebenfalls eingeladen waren, hatten ihre Teilnahme abgesagt oder aber gar nicht erst darauf reagiert. Darunter die Oberbürgermeisterin der Stadt Dresden, Helma Orosz (CDU), Landtagspräsident Matthias Rößler (CDU) und Frank Richter, DDR-Bürgerrechtler und heutiger Direktor der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Brigadegeneral Weigt hätte ähnlich reagieren können, tat er aber nicht. Neben Vertretern des Stadt- und des Landesverbandes des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge waren die Herren von der Bundeswehr die Ehrengäste auf dem Nordflügel. Und so kam es am Donnerstag auf dem Garnisonfriedhof zu einer denkwürdigen Begegnung zwischen Heute und Damals.

Die geladenen Gäste während der Ansprache Von FK-Sprecher Dietmar Groschischka anlässlich der Feierstunde für die einfachen sowjetischen Soldaten auf dem Nordflügel.
Die geladenen Gäste während der Ansprache Von FK-Sprecher Dietmar Groschischka anlässlich der Feierstunde für die einfachen sowjetischen Soldaten auf dem Nordflügel. Foto: W. Wassiliew.

Am Grab des 1961 in Dresden im Alter von 21 Jahren verstorbenen Gefreiten Gennadij Malkin – eines von zweien auf dem Nordflügel, bei dem noch ein Bildnis des Toten erhalten ist – standen sich am Nachmittag im stürmischen Dresdner Februarwetter Offiziere der heutigen Bundeswehr und ein ehemaliger Offizier der sowjetischen Streitkräfte gegenüber. Wladimir Wassiliew aus Moskau diente Mitte bis Ende der 80er-Jahre in der Garnison Königsbrück als Leiter des Nachrichtenzentrums des 40. Gardepanzerregiments im Range eines Oberleutnants. Dass solche Begegnungen für beide Seiten auch 20 Jahre nach dem Abzug der sowjetischen Truppen alles andere als einfach sind, insbesondere wenn sie abseits des Sicherheit gebenden militärischen Protokolls stattfinden, war deutlich zu spüren. Doch genau dieses vorsichtige Abtasten zeigt, dass die gemeinsame deutsch-russische Geschichte der Besatzungszeit alles andere als aufgearbeitet und bewältigt ist – für keine der beiden Seiten. Zu viel geschah in den fast 50 Jahren zwischen Kriegsende 1945 und der Blitzwende zu Beginn der 90er-Jahre, über das heute allenfalls in klar vorgegebenen Mustern der offiziellen Geschichtsschreibung gesprochen wird.

Das Grab des Gefreiten Gennadij K. Malkin mit Blumengesteck des Freundeskreises und des Volksbundes sowie Blumen der Gäste.
Das Grab des Gefreiten Gennadij K. Malkin mit Blumengesteck des Freundeskreises und des Volksbundes sowie Blumen der Gäste.

Über die Zeit der Wende zu sprechen, als die früheren Sieger mehr oder weniger im kurzen Prozess des Landes verwiesen wurden, fällt allen Beteiligten schwer. Auch der frühere Oberleutnant Wassiliew, der wenige Monate vor dem Fall der Mauer Königsbrück gen Heimat verließ und im Mai 1990 noch vor Beginn der Abzugswirren das erste Mal zurückkehrte, ist das Thema suspekt: „Es war keine einfache Zeit, viel Chaos…“, sagt der 50-Jährige und lächelt entschuldigend, denn viel mehr will er dazu nicht sagen. Lieber spricht er über seine vielen Reisen, die ihn seither immer wieder nach Dresden und Königsbrück zurückgeführt haben. Wie viele ehemalige sowjetische Soldaten hängt er an seinem ehemaligen Stationierungsort in Deutschland, der zudem noch heute als eines der wenigen Relikte dieser Zeit noch nahezu unverändert in der Königsbrücker Heide steht. Wo anderswo Hinterlassenschaften der Sowjetarmee nach der Wende großflächig abgerissen wurden, sorgt hier der chronische Geldmangel einer Gemeinde dafür, dass auch heutige Generationen einen Eindruck bekommen können, wie die Sowjets in dem damals für die Einheimischen streng verbotenen „Städtchen“ lebten.

Mehrmals im Jahr reist der Vertriebsleiter einer großen Halbleiterfirma an die Elbe. Wenn er das Geld hätte, sagt er, würde er aus einigen der Ruinen in der Königsbrücker Heide ein Museum machen. Für ihn ist die Zeit seiner Stationionierung in Deutschland – wie für viele frühere DDR-Bürger ihr Alltag in der DDR auch – ein Teil der persönlichen Vergangenheit, die überwiegend positiv besetzt ist. Kein Wunder: Als Offizier im technischen Dienst führte er in den Truppen ein privilegiertes Leben mit eigener Wohnung, festem Einkommen und relativer Bewegungsfreiheit. Als FK-Sprecher Dietmar Groschischka die Repressalien und Schikane anspricht, unter denen die einfachen Soldaten in den Kasernen litten, merkt man ihm an, dass diese Art posthume Rüge an die Adresse der früheren sowjetischen Militäreliten für ihn ungewohnt ist. Und auch für die Mitglieder des Freundeskreis ist damit ein unangenehmes Gefühl verbunden: Wir wollen niemanden brüskieren, kein „Feindbild Sowjetarmee“ schaffen. Es steht uns nicht zu, Vorwürfe zu erheben. Aber das müssen wir auch gar nicht, denn das tun andere. Immer mehr ehemalige Wehrdienstleistende, die in der Sowjetarmee dienten, klagen die teils unmenschlichen Zustände während ihrer zweijährigen Dienstzeit an, zumeist über das anonyme Internet. Wahrheit tut eben manchmal weh.
Für den FK gilt es nicht, sich auf eine Seite zu stellen. Es gilt vielmehr, die richtige Balance zu finden zwischen dem berechtigten Bedürfnis der Betroffenen, über ihr Martyrium zu sprechen, und dem ebenso berechtigten Argument der Offiziere und Kommandeure, damals selbst ein Teil eines eingespielten Systems gewesen zu sein, das zu ändern für einen einzelnen nicht möglich war. Auch muss man zur Verteidigung der Befehlshaber fairerweise sagen, dass in vielen Einheiten Quälereien und übermäßige Schikane erfolgreich eingedämmt wurden.

Wassiliew lässt sich von diesem heiklen Thema in einem grundsätzlichen Punkt nicht beirren: Die Geschichte dürfe nicht einfach vergessen werden, findet auch er. Den teilweise wenig rühmlichen Umgang der ostdeutschen Nachwende-Generation, insbesondere der Gemeinden und Städte, die für die Pflege etwa der rund 20 sowjetischen Garnisonfriedhöfe auf ostdeutschem Boden verantwortlich sind, mit dem Erbe der Sowjets enttäuscht den früheren Offizier. Wenn man bedenkt, dass in Russland kirchliche Gemeinden (zwar mit deutschen Mitteln, aber dennoch hingebungsvoll) Friedhöfe deutscher Wehrmachtssoldaten pflegen, durchaus verständlich. Für den Freundeskreis, der sich für die Rettung des denkmalgeschützten Nordflügels des Sowjetischen Garnisonfriedhofes an der Dresdner Marienallee vor dem vonseiten des Freistaates Sachsen geplanten Abriss einsetzt, ist Wassiliew daher zum unersetzlichen Fürstreiter in Russland geworden, der unermüdlich Bittschreiben an die Regierung aufsetzt und unseren eigenen zudem den Weg durch die Untiefen der Ministerien bahnt. Als Mitglied des Verbandes der Veteranen der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) macht er das Thema des russischen Umgangs mit den sowjetischen Gräbern in Deutschland wann immer es geht zum Thema.

„Es ist Aufgabe der russischen Regierung, sich um diese Gräber zu kümmern“, sagt Wassiliew. „Wenn die deutschen Behörden Angebote unterbreiten, ist das gut und schön. Aber eigentlich sind wir in der Pflicht. Es wird Zeit, dass etwas geschieht.“

Anders als andere hat Wassiliew verstanden, dass die Ostdeutschen die Wende herbeiführten, weil sie frei sein wollten – und dass sie letzten Endes auch den Russen eine Form der Freiheit brachte, die ihnen zuvor nicht vergönnt war. Andere sehen das weniger positiv. Das Gefühl der Demütigung von damals, Wut, Revanchismus und der Wunsch nach einer Rückkehr zu den alten militärischen Kräfteverhältnissen sind auch heute noch in den SU-Nachfolgestaaten anzutreffen – insbesondere in militärischen Kreisen.
Gerade vor diesem Hintergrund ist es umso bedauerlicher, dass ausgerechnet Protagonisten der friedlichen Revolution wie Frank Richter sich nicht zum Kommen oder wenigstens zu einer Reaktion hinreißen lassen konnten, liegt dem Freundeskreis doch gerade der Dialog zwischen den damals opponierenden Parteien am Herzen, um diesen Teil Dresdner Geschichte endlich einmal einer adäquaten Aufarbeitung zuzuführen.

Distanziert, aber im Gespräch: Der ehemalige sowjetische Oberleutnant Wladimir Wassiliew (links) und Brigadegeneral Jürgen Weigt, Kommandeur der Heeresschule Dresden.
Distanziert, aber im Gespräch: Der ehemalige sowjetische Oberleutnant Wladimir Wassiliew (links) und Brigadegeneral Jürgen Weigt, Kommandeur der Heeresschule Dresden.

Die Zusage von ranghohen Vertretern der Bundeswehr war deshalb umso erfreulicher, alsdass mit Generalmajor Weigt nicht nur ein ranghoher General der vereintdeutschen Streitkräfte, sondern auch ein gebürtiger Westdeutscher im Kalten Krieg verstorbenen Sowjetsoldaten die Ehre erwies. Ein Schritt, der insbesondere abseits offizieller Termine alles andere als selbstverständlich ist. Dass es auch für die Weigt’sche Abordnung alles andere als das war, zeigte die anfängliche Verunsicherung der Herren Offiziere hinsichtlich des gewählten Anlasses. Immerhin wurde der 23. Februar, zurückgehend auf die Gründung der Roten Armee am 23.2.1918, zu Sowjetzeiten als „Tag der Sowjetarmee“ oft mit großem militärischem Gepränge begangen. Interessant war, inwiefern der ehemalige sowjetische Offizier Wassiliew dieses Unbehagen wohl gespürt hatte. Fast schon beschwichtigend stellte er gegenüber Generalmajor Weigt klar, dass es in Russland heute am 23. Februar nicht mehr um das Bejubeln der Sowjetarmee gehe, sondern das Datum vielmehr als Männertag begangen würde. Er sei sich nicht sicher, ob der Termin überhaupt geeignet sei, am Grab getöteter Sowjetsoldaten zu gedenken. Weigts Reaktion war beeindruckend und um ehrlich zu sein, stellte sie vieles von dem auf den Kopf, was ich bislang über das Militär dachte. Er antwortete:

„Wissen Sie, ich glaube nicht, dass es so etwas wie einen geeigneten Termin gibt, um Toten Respekt zu erweisen. Im Gegenteil: Manchmal ist es ehrlicher, dafür einen nicht-offiziellen Termin wie diesen zu wählen, zu dem man geht, weil einem etwas daran liegt, als zu einer offiziellen Gedenkfeier, zu der zwar hochrangige Gäste kommen, aber eben hauptsächlich, weil man das von ihnen erwartet.“

Bei der Bundeswehr scheint man zumindest in einigen Etagen verstanden zu haben, weshalb sich der FK so für den Erhalt des Nordflügels einsetzt. Am Donnerstag wurde lebendig wie nie zuvor, weshalb – wie es das immer wird, sobald die Betroffenen von damals – Besatzer, Besetzte und Neuordner – aufeinandertreffen. Nicht zuletzt das kaum merkliche Nicken der anwesenden Offiziere, als FK-Sprecher Dietmar Groschischka in seiner Ansprache auf die Notwendigkeit eines Bekenntnisses der Stadt und seiner Bürger zur eigenen Geschichte sowie des Schutzes der davon zeugenden zeithistorischen Dokumente betonte, spricht dafür. Genau zu diesem Zweck muss der Nordflügel, der am Donnerstag in Vorbereitung der Feier von den Mitgliedern des Freundeskreises von Windbruch beräumt und liebevoll mit Grabkerzen und roten Rosen geschmückt worden war, erhalten bleiben. Generalmajor Weigt jedenfalls sicherte dem Freundeskreis die Unterstützung „im Rahmen des Möglichen“ zu.

Der 75-jährige Hermann Neumerkel am Grab des Sergeanten Romanow, dessen Eltern ihn in den 70er-Jahren um Hilfe bei der Suche nach dessen Grab baten.
Der 75-jährige Hermann Neumerkel am Grab des Sergeanten Romanow, dessen Eltern ihn in den 70er-Jahren um Hilfe bei der Suche nach dessen Grab baten.Foto: D. Groschischka.

Was am Donnerstag im direkten Angesicht der unzähligen Opfer des Rüstungswettstreites des Kalten Krieges auf sowjetischer Seite an Gesprächen und Austausch entstand, ist unersetzlich. So klärte uns Wladimir Wassiliew am Grab von Gennadij Malkin darüber auf, dass der Name Malkin in Russland hauptsächlich von jüdischstämmigen Familien geführt wird. Andere Gäste wiederum, die den Nordflügel zum allerersten Mal besuchten, zeigten sich schockiert über die hohe Zahl an blutjungen Männern, die nicht im Krieg, sondern während der Besatzungszeit in Dresden umkamen.
Der ehemalige Dresdner TU-Professor Hermann Neumerkel war zur Feierstunde gekommen und hatte Briefe und Fotomaterial im Gepäck, die aus der Korrespondenz mit der Familie eines 1945 an seinen Kriegsverletzungen in Dresden verstorbenen und auf dem Garnisonfriedhof bestatteten jungen Sergeanten stammten. Neumerkel ließ sich nicht umstimmen in seinem Wunsch, mir die Originaldokumente zu übergeben: „Machen Sie was draus, Sie sind jung genug.“ Es wird mir Ehre und Vergnügen gleichermaßen sein.

Nach dem Ende des Nationalsozialismus hat es mehr als zwei Jahrzehnte gedauert, bis man in Deutschland langsam damit begann, sich mit dieser Epoche zu befassen, es zu einem öffentlichen Thema machte. Im Verdrängen der Vergangenheit waren die Deutschen schon immer Meister. Nur zu offiziellen Anlässen wurden Nationalsozialismus und 2. Weltkrieg überhaupt ins Bild gesetzt – bis mit den 68ern langsam die Wende kam.
Was nun die Geschichte der sowjetischen Besatzung in der ehemaligen DDR betrifft, sind ganz ähnliche Verhaltensmuster zu erkennen. 20 Jahre sind vergangen, doch außer am 8. Mai spricht eigentlich niemand über jene Zeit. Stattdessen widmet man sich ausschließlich der Aufarbeitung der innerdeutschen Verwerfungen mit SED-Regime und Stasi-Überwachung. Was den Dialog zwischen Deutschland und Russland betrifft (von den anderen SU-Nachfolgestaaten mal gar nicht zu sprechen), so zeigt sich dieser fast ausschließlich vorwärtsgewandt oder thematisiert die positiven Aspekte gemeinsamer Geschichte, etwa die Präsenz russischer Künstler wie Dostojewski und Rachmaninow in Deutschland und umgekehrt über Jahrhunderte hinweg. Die 50 Jahre sowjetischer Besatzung hingegen werden ausgespart. Dass über 50 Jahre hinweg mehr als 10 Millionen Menschen anderer Nationalität auf ostdeutschem Boden weilten, wird nicht gesprochen, die Spuren jener Zeit zusehends aus der Landschaft getilgt. Und das Schlimmste daran ist, dass die Menschen, die es auf beiden Seiten betraf, bis heute zum Teil nicht miteinander Versöhnung gefeiert und mit der Vergangenheit ihren Frieden gemacht haben.
Der Freundeskreis Sowjetischer Garnisonfriedhof hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, diese Thematik endlich auf die Agenda des Petersburger Dialogs zu bringen.

0 Gedanken zu „Der schwierige Umgang mit der Zeit der sowjetischen Besatzung“

  1. Ein interessanter Bericht. Nur im letzten Abschnitt fehlt die klein Vorsilbe „West-„. Wenn du schon die Leistungen der 68er belobigen willst, dann muß der Beginn des Absatzes richtig heißen:“…, bis man in WEST-Deutschland langsam damit begann, … .“ Ich persönlich halte diese Aussage für grob falsch und für eine Zwecklüge. Für die Deutschen in der DDR traf es ohnehin nicht zu, daß sie die NS-Vergangenheit verdrängt hätten. Selbst wenn sie es wollten, ging das nicht. Und warum soll man außerhalb des 8.Mai groß über die „Freunde“ reden? Da war nicht viel Gemeinsames. Fraternisierungen waren weder von sowjetischer noch von SED-Seite gewünscht. Es gab ein paar offizielle Termine, ansonsten war es das. Im Zweifelsfall haben uns die sowjetischen Genossen immer spüren lassen, wer Sieger und wer Besiegter war. (Informiere dich doch mal, warum Gorbitz dort steht, wo es heute steht.)
    Aber ich mach dir für deine verschrobenen Ansichten keinen Vorwurf. Du hast einfach die Vergangenheit verdrängt. Als Deutsche bist du darin ja MeisterIn.

    1. Hallo Kurt,

      Also zunächst mal kann man durchaus der Auffassung sein, dass vor 1989 unter dem Begriff „Deutschland“ allgemein die BRD verstanden wurde. Man kann darüber streiten, ob dies vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte richtig oder falsch ist. Aber es führt kein Weg daran vorbei, dass genau diese Assoziierung Deutschlands mit der BRD international anerkannt war. Die DDR selbst wollte diese Verbindung der DDR mit der deutschen Geschichte ja am liebsten tilgen.

      Was genau halten Sie für falsch und was für eine „Zwecklüge“ (ein hartes Wort, und ich frage mich, ob das zwingend nötig war)? Es ist nachweislich richtig, dass in der BRD die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit von den aliierten Besatzern lediglich im Rahmen des absolut Notwendigen vorangetrieben wurde und nach der schrittweisen Wiedererlangung von Souveränität seitens der BRD kaum noch stattfand. Nur so konnten ehemalige NSDAP- und sogar SS-Größen wie Kurt Georg Kiesinger, Hans Filbinger, Walter Scheel oder Hans Dietrich Genscher – um hier nur einige glorreiche Beispiele zu nennen – trotz augenscheinlicher NS-Vergangenheit eine solche Karriere im Nachkriegsdeutschland hinlegen. Und unabhängig von der nach außen demonstrativ antifaschistischen Ausrichtung der DDR war dort ein ganz ähnliches Phänomen zu beobachten: Trotz offensichtlicher NSDAP-Vergangenheit gelang es vielen ehemaligen Nazis, Karriere in der SED oder einer der Randparteien zu machen.
      Das eigentliche Aufarbeiten und das Bekenntnis Deutschlands zu seiner Schuld kam erst mit den 68ern auf, die unerbittlich auf die Notwendigkeit des Befassens mit der eigenen Vergangenheit drangen. Mit einer „Belobigung der Leistungen der 68er“ hat das zunächst einmal überhaupt nichts zu tun. Da bringen Sie (mutwillig?) etwas durcheinander. Fakt ist, dass es vor 1970 nur einige sehr wenige Publikationen gab, die sich explizit mit dem Thema Holocaust auseinandersetzten. Raul Hilbergs Klassiker „Die Vernichtung der europäischen Juden“ war Anfang der 60er-Jahre die erste wissenschaftliche Abhandlung dieses Themas und sollte lange Zeit die einzige bleiben. Aus Deutschland gab es so gut wie gar keine publizistischen Versuche, sich dem Thema zu nähern. Die US-Serie „Holocaust“, die 1978 erstmals die Vernichtung der Juden in Bildern dokumentierte, platzte förmlich wie eine Bombe in das deutsche historische Bewusstsein. Warum war das wohl so?

      Ich finde es zudem interessant, dass Sie offenbar der Ansicht sind, dass es nichts zu reden gäbe über die Zeit der sowjetischen Besatzung. Dafür haben Sie erstaunlich viel darüber zu sagen, wie ich finde. Darüber zu reden muss nicht heißen, dass man Lob auszuschütten hätte. Im Gegenteil. Ich frage mich generell, wie Sie darauf kommen, ich hätte etwas verdrängt. Im Gegenteil: Ich möchte Verdrängtes auf den Tisch packen und darüber reden. Irgendwie werde ich aus ihrem viele Dinge zusammenrührenden Beitrag nicht schlau. Aber vielleicht erhellen Sie mich ja noch.

  2. Daß die DDR die Verbindung mit der deutschen Geschichte am liebsten tilgen wollte, ist kompletter Unsinn. Wer auch immer dir sowas erzählt hat, hat dich angelogen! Richtig ist, daß die DDR sich sehr wohl als Teil der Weltgeschichte begriffen hat. Es ging nur darum, nach der Katastrophe der NS-Zeit die „richtigen“ deutschen Traditionen herauszuheben. Es gab sogar einen heimlichen Wettbewerb der beiden deutschen Staaten, wer welche historische Figur eher und besser für sich vereinahmen kann. Der Adlige Stauffenberg und der „20.Juni“ gehörte der BRD. Die DDR hatte die „Rote Kapelle“ und sonst noch eine Menge kommunistischer Widerstandkämpfer. Thomas Müntzer wurde von der DDR bejaht. Bei Martin Luther gab es ein Kopf-an-Kopf-Rennen, was die DDR wegen der Geografie knapp für sich entscheiden konnte. Zuletzt, Mitte der 80er, wurde sogar der alte Fritz in der DDR wieder aus der Mottenkiste geholt und Bismarck stand kurz vor der Rehabilitation. Der Tenor war, daß sich die DDR zu den Verbrechen der Nazis bekannten und alles dafür tun wollte, daß sich soetwas nicht wiederholt. Und ein Mittel war, daß man sich auf die guten, humanistischen deutschen Traditionen beruft. Von Walther von der Vogelweide über Eichendorf bis Brecht war alles da.

    Klügere Menschen als wie meiner einer reden davon, daß mit der Distanzierung von den Taten der Eltern die 68er versuchten, sich freizusprechen von den Nazigräueln. Damit steht man auf der Seite des Siegers und identifiziert sich mit den Opfern. Kriegssieger und gleichzeitig Opfer zu sein ist ein ziemlicher geistiger Spagat. Das dann auch noch als Kind von NSDAP-Wählern sein zu wollen ist ein Fall für die Couch. Deshalb nenne ich das eine Zwecklüge.
    Es steht ja auch noch die Frage, wo die ganzen Menschen hätten herkommen sollen, um nach der Schlächterei ein funktionierendes Staatswesen aufbauen zu können. Die Bevölkerung austauschen konnten nur die Polen. In Hessen hätte das nicht funktioniert. Schon in der SBZ war es schwierig, genügend unbelastete Menschen zu finden. Für die Aussage von den „vielen ehemaligen Nazis, die Karriere in der SED oder einer Randpartei gemacht haben“ hätte ich gern mal eine Quellenangabe. (Es heißt übrigens BLOCKparteien und nicht Randparteien.) Mir ist nichts darüber bekannt, daß jemand, der mehr als ein Mitläufer der NS war, in der SED groß rausgekommen wäre.

    „Das eigentliche Aufarbeiten und das Bekenntnis Deutschlands zu seiner Schuld kam erst mit den 68ern auf…“ Genau das bestreite ich. Dafür hast du keinen Beweis. Selbst die Bösen Bonner Ultras haben die deutsche Schuld anerkannt.
    Was Publikationen über das 3.Reich betriffft, stehst du mit deiner Aussage ziemlich allein. Trotz deiner haarspalterischen Festlegung auf Bücher, die sich explizit mit dem Thema Holocaust beschäftigen. Kogons „Der SS-Staat“ erschien schon 1946. Die amerikanische Besatzungsmacht hat ebenfalls einige Bücher zum Thema veröffentlicht.
    Das diese Fernsehserie wie eine Bombe in das deutsche historische Bewußtsein platzte, erscheint mir schrecklich überhöht als Aussage. Das konnte natürlich verschieden Gründe haben. Von ehrlicher Erschütterung bis zu Wut über antideutsche Hasspropaganda. Wer weiß?

    Ich habe nirgendwo geschrieben, daß es nichts über „die Russen“, wie sie im Volksmund genannt wurden, zu reden gäbe. Ich bezog mich nur auf deinen Blogpost. Während die Amerikaner in ihrer Besatzungszone mit Dollar und Jazz die dortigen Deutschen reedjukäteten, haben die Sowjets in ihrer Besatzungszone ihrerseits ihre Ideologie durchgesetzt. Die war humorlos bis unangenehm. Da gibt es keine netten Anekdoten, die man sich gern mal erzählt. Da brauchst du gar nicht so viel hineingeheimnissen, von wegen Verdrängung und so. Aber mach dich doch einfach auf die Suche nach deutschen Zeitzeugen und befrage sie über ihre Erfahrungen mit der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte. Dazu käme jeder ehemalige DDR-Bürger über 50 in Frage. Nur zu!

    1. Kurt,
      ich mag deine Wortwahl nicht. Es wirft generell kein gutes Bild, wenn jemand notorisch mit so harten wie wirkungslosen Worten wie „Lüge“ und „Unsinn“ um sich wirft, ohne das logisch begründen zu können.
      Mir scheint, du bist gar nicht an einer Diskussion interessiert, sondern daran, mich als Blödsinn schwafelnde Schwätzerin hinzustellen.

      Die DDR hat alles nur Mögliche getan, um sich vom restlichen Deutschland abzugrenzen (wie umgekehrt übrigens auch), wo es nur ging. Deutschland – das war Kapitalismus, Imperialismus und Klassengesellschaft. Dass die DDR genau das nicht wollte, ist unbestreitbar. Das hat mir übriegen niemand „erzählt“, das habe ich noch selbst miterleben dürfen. Und es besteht dahingehend weitgehend wissenschaftlicher Konsens. Und von „Weltgeschichte“ war bei nirgendwo die Rede. Es ging um die deutsche Geschichte. Und es heißt auch nicht 20. Juni, sondern 20. Juli. Sortieren Sie sich erst mal, dann diskutieren Sie. So wird das hier nichts. Sie hatten mal bei den 68ern angefangen und sind mittlerweile bei einem vermeintlichen „Wettstreit um deutsche Traditionen“ angekommen. Sorry, aber ich sehe weder einen roten Faden noch einen Sinn in dieser Art Diskussion, denn sie führt bereits jetzt meilenweit an dem vorbei, worüber ich geschrieben hatte.

      Mir ging es um die politische Abgrenzung zwischen „Deutschland“, was gemeinhin mit der BRD assoziiert wurde, und der DDR. Und mit diesem Deutschland wollte die DDR herzlich wenig zu tun haben, außer, dass man lapidar von der BRD forderte, sich dem DDR-Regime quasi anzupassen. Nur unter dieser Prämisse wollte man eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten überhaupt in Betracht ziehen.

      Und dann nehmen Sie die Nachkommen von NSDAP-Wählern in Sippenhaft, das geht ja mal gar nicht. Nur, weil deren Eltern also die NSDAP gewählt haben (was hier mal von Ihnen einfach ziemlich planlos in den Raum gestellt wird, ohne das an einem konkreten Beispiel festzumachen), muss man denen jedwedes eigenes politisches Bewusstsein absprechen? Wer also Nazi-Eltern hat, kann schon per se diese Zeit nicht kritische betrachten? Sie unterstellen hiermit einer Zigtausende Menschen umfassenden Masse pauschal Dinge und Motive, die Sie nicht im Geringsten belegen können. Das ist unredlich. Und es ändert zudem überhaupt nichts an meiner Ausgangsthese, dass es ohne die 68er in Deutschland (BRD) keine wirkliche Auseinandersetzung mit der NS-Zeit gegeben hätte. Welche Motive die 68er dazu trieben, die Verstrickungen aktueller Eliten mit der NS-Zeit anzuprangern, spielt nämlich hinsichtlich der Feststellung, dass sie damit die Aufarbeitung der eigenen Geschichte erst einmal angestoßen haben, überhaupt keine Rolle.

  3. Werte Jane,

    Ich bin eigentlich durchaus an einer Diskussion interessiert, sonst würde ich mir nicht die Mühe machen. Ich halte dich mitnichten für eine Blödsinn schwätzende Schwaflerin. Ich habe nur eine andere Meinung und wollte dich das wissen lassen. Es tut mir Leid, daß du offensichtlich damit überfordert bist. (Das merke ich daran, daß du dich an Äußerlichkeiten hochziehst, anstatt auf meine Fragen einzugehen. Z.B. ist es mir völlig egal, ob diese adligen Versager nun im Juni oder Juli versuchten, mit einem Putsch ihre ostpreußischen Latifundien zu retten.)

    Viel Spaß noch in deiner Pippi-Langstrumpf-Welt. Ich werde dich jetzt wieder allein auf deiner Spielwiese lassen. Vielleicht können wir diese Topics nochmal diskutieren, wenn du erwachsen bist. Es sollte mich freuen.

    Hochachtungsvoll
    Kurt

    1. Eine andere Meinung – wozu denn?? Dass Sie die haben, davon bin ich überzeugt. Ich wage nur zu bezweifeln, dass sie sie begründen können. Anscheinend halten Sie Ihre Meinung ja für unfehlbar. Ihr Problem.
      Wenn es Ihnen ernst wäre mit einer Diskussion, wäre Ihnen spätestens bei meiner letzten Passage im vorhergehenden Posting Ihr Irrweg bewusst geworden. Ihrer Argumentation liegt nämlich eine einzige Annahme zugrunde: Dass 68er keine ehrlichen Antifaschisten sein können, weil ihre Eltern (am besten noch: alle) Nazis waren. Folglich ist die Anklage dieser Leute in Richtung Altnazis in der BRD eine “Zwecklüge”, um sich selbst vom Geburtsfehler des Faschismus zu befreien. DAS ist Ihre “Meinung”. Für mich klingt das nach einer ziemlich abenteuerlichen These, die in der Allumfasstheit, die sie für sich in Anspruch nimmt, schlicht und ergreifend unhaltbar ist und die wahrscheinlich sehr sehr vielen ehrlichen Menschen, die sich lediglich von all der Doppelmoral und der Vertuscherei von Verbrechen, die gerademal 20 Jahre zurücklagen, angewidert fühlten, ziemlich unrecht tut. Wie so viele sind Sie wahrscheinlich auch der Verlockung erlegen, die ohne Frage redlich recherchierten Beispiele eines kritischen Autoren für sakrosankt und universal zu halten. Götz Aly mag Ihrem ohnehin vorhandenen Bild von den 68ern neuen Auftrieb verliehen haben. Was Sie aber vergessen ist, dass auch Götz Aly nicht für alle spricht, sondern EINE (ziemlich interessante) Seite der 68er beleuchtet.

      Und Sie hatten den Irrweg im Grunde schon in dem Moment betreten, als Sie in meinem Beitrag eine Art “Lobeshymne auf die Leistungen der 68er” sahen. Denn die war es schlicht und ergreifend nicht. Ich hatte genau einen einzigen Aspekt aufgegriffen, in dem die 68er ein Impulsgeber waren. Und zwar nachweislich.

      Wie dem auch sei, gemerkt haben Sie es ja anscheinend dann doch noch. Davon zeugt nicht zuletzt Ihr Rückgriff auf unsachliche Polemiken. Dieses Stadium wird in aller Regel parallel zum Ende der argumentativen Fahnenstange erreicht. Na dann leben Sie mal wohl.

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