Ein Jahr Freundeskreis Sowjetischer Garnisonfriedhof – eine Bilanz. / Feierstunde zum 23. Februar auf dem Nordflügel mit dem Volksbund und Zeitzeugen der sowjetischen Besatzung

In der vergangenen Woche, am 14. Februar, wurde der Freundeskreis Sowjetischer Garnisonfriedhof ein Jahr alt. Es war ein turbulentes Jahr, in dem seine Mitglieder – zum Großteil unerfahren vor allem in Sachen organisatorischer Vereinsarbeit – einiges erreicht haben, aber auch einiges haben lernen müssen. Unsere Bemühungen um den Erhalt des Nordflügels des Sowjetischen Garnisonfriedhofes einten uns hingegen schon seit Sommer 2010. Seit dem Frühjahr desselben Jahres existieren Pläne seitens des Freistaates, den Nordflügel einzuebnen und in eine pflegeleichte Grünfläche mit kleinem Gedenkbereich umzugestalten. Für mehr als eine Viertelmillion Euro soll wertvolles historisches Dokumentationsmaterial verschwinden, damit der Freistaat im Jahr 4000 Euro Pflegekosten spart.

Der Nordflügel des Sowjetischen Garnisonfriedhofes nach einem Arbeitseinsatz des Freundeskreises
Der Nordflügel des Sowjetischen Garnisonfriedhofes nach einem Arbeitseinsatz des Freundeskreises

Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Russisschen Kulturinstitut

Als der Freundeskreis im Februar 2011 entstand, bestand er aus sechs aktiven Mitgliedern. Vier davon waren parallel auch Mitglied im Deutsch-Russischen Kulturinstitut (DRKI) in Dresden. Im Verlaufe des Jahres sollte ein fünftes zum Freundeskreis hinzustoßen und dessen Mitgliederzahl auf insgesamt sieben erweitern. Alle Mitglieder hatten sich bereits lange zuvor eigenständig um den Garnisonfriedhof bemüht und die Entwicklung seines sich seit Übergabe der Pflege an den Freistaat im Jahr 1996 rapide verschlechternden Zustandes mit Sorge verfolgt.
Der FK bemühte sich im vergangenen Jahr unermüdlich um Kontakt zum zuständigen Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB), zur russischen Regierung, der die Umgestaltungspläne des Freistaates für den Nordflügel zur Genehmigung vorliegen, sowie um Kontakt zu Angehörigen der auf dem Friedhof beigesetzten Soldaten und Zivilisten und ehemals hier stationierten Soldaten und Offizieren. Nicht zuletzt ein Bewusstsein für die Problematik innerhalb der Dresdner Bevölkerung zu schaffen, bildete ein wesentliches Moment unserer Arbeit. Auf unser Bemühen in Zusammenarbeit mit dem DRKI kamen zudem hochrangige Gäste wie die Bürgermeisterin von St. Petersburg, Valentina Matwijenko, oder der Erzpriester der Gemeinde Sologubowka in St. Petersburg, die einen der größten deutschen Soldatenfriedhöfe auf russischem Boden beherbergt.

Ende letzten Jahres traten zunehmend Differenzen über die künftige Organisation des Freundeskreises zwischen dem Vorsitzendes des DRKI, Wolfgang Schälike, sowie einem weiteren DRKI-Mitglied und den übrigen Mitgliedern des FK auf. Der Freundeskreis wollte weiter als unabhängige Arbeitsgruppe arbeiten und gemeinsam gleichberechtigt über das weitere Vorgehen entscheiden, während das DRKI den FK in das Institut integrieren wollte. Auch gab es Bedenken seitens des DRKI, ob ein Drängen auf eine Revision der Abrisspläne gegenüber dem Freistaat in der bis dato praktizierten Form der richtige Weg sei. Im Dezember 2011 schied Wolfgang Schälike daher auf eigenen Wunsch aus dem Freundeskreis aus und nahm zwei enge Vertraute mit. Damit endete die enge Zusammenarbeit mit dem DRKI.

Unter dem Dach des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge

Im Januar 2012 begab sich der Freundeskreis als eigenständige Arbeitsgruppe unter das Dach des Stadtverbandes Dresden des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. – einem über die Staatsgrenzen hinaus renommierten Verein, der weltweit die Gräber in Kriegen gefallener deutscher Soldaten pflegt und an der Aufklärung von Vermisstenfällen arbeitet. Maßgeblich für diese Entscheidung war für uns, dass wir so weiterhin gezielt an der Causa Nordflügel arbeiten konnten, ohne plötzlich nur noch eines von vielen vereinsrelevanten Themen zu sein, wie das bei einer Integration in das DRKI der Fall gewesen wäre. Zudem können wir von der immensen Erfahrung des Volksbundes in Sachen länderübergreifende Zusammenarbeit mit Behörden sowie hinsichtlich Gräberfürsorge und Forschung nur profitieren. Nach wie vor ist der Freundeskreis eigenständig, kein eingetragener Verein, erhält keinerlei Fördermittel und kann somit vollkommen unabhängig gegenüber freistaatlichen und kommunalen Behörden agieren.

Was wir erreicht haben

Zum ersten Mal jubeln durften wir im April 2011: Durch eine Antwort des Staatsministers des Inneren, Markus Ulbig (CDU), auf eine Anfrage der Linksfraktion im Landtag erfuhren wir, dass unserem im Herbst des Vorjahres beim Landesamt für Denkmalpflege eingereichten Antrag auf Ausweitung der Denkmalschutzwürde von der Hauptanlage des Garnisonfriedhofes auf den Nordflügel bereits im Dezember 2010 stattgegeben wurde. Wermutstropfen: Uns als Antragsteller hatte man damals darüber nicht informiert. Dennoch: Der Nordflügel mit seinen 600 militärischen und zivilen Gräbern trägt seither den Status eines Kulturdenkmals als wichtiges zeithistorisches Dokument der Besatzungszeit.

Mit Schreiben wandten wir uns unter anderem an den russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin, der von 1985 bis 1990 die Dresdner Dependance des KGB leitete. In dem Schreiben klärten wir die russische Regierung über den veränderten Denkmalschutzstatus des Nordflügels auf, was der Freistaat bis heute nicht getan hat, und baten darum, den sächsischen Umgestaltungsplänen nicht zuzustimmen. Gleichzeitig machten wir deutlich, dass es sich hierbei um Gräber sowjetischer Staatsbürger handele, für die die SU-Nachfolgestaaten gemeinsam mit den hiesigen Behörden Sorge tragen sollten. Mithilfe von Wladimir Wassiljew, ehemals als Offizier in Königsbrück stationiert und heute im Verband der Veteranen der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland aktiv, gelang es, festzustellen, dass unser Schreiben von Präsident Putin über das Außen- zum Verteidigungsministerium wanderte und dort anscheinend Sympathie für unser Engagement erkennbar ist.

Aus einer Antwort der Staatsregierung auf eine weitere Anfrage der Linksfraktion im sächsischen Landtag vom Sommer 2011 ging hervor, dass sich die Aufwendungen des Freistaates für Pflege und Instandhaltung sowohl der Kriegsgräberstätte als auch des Nordflügels seit Beginn unseres Engagements im Herbst 2010 vervielfacht haben. Das zeigt: Unser Einsatz hat sich gelohnt. Lagen die Pflegeaufwendungen etwa für den Nordflügel im Jahr 2010 noch bei 400 (!!) Euro jährlich, was man der Anlage durchaus ansah, lagen sie im Jahr 2011 bereits bei über 2200 Euro. Seit wir dafür sorgen, dass Menschen auch außerhalb Deutschlands sich für die Problematik interessieren und den Friedhof besuchen, ist der Freistaat bemüht, auch den Nordflügel in einem ansatzweise präsentablen Zustand zu halten.
In seinen Umgestaltungsplänen hatte der Freistaat den derzeitigen Pflegeaufwand für den Nordflügel wohlgemerkt mit 8000 Euro pro Jahr beziffert. Durch den Abriss der Gräber und der übrigen Friedhofsarchitektur sollte er auf 4000 Euro pro Jahr reduziert werden. Erstens wurden jedoch auch mit Bestehen der Friedhofsarchitektur in den vergangenen Jahren keine 8000 Euro für die Pflege ausgegeben. Zweitens würde der jetzige Pflegezustand bei gleichzeitiger Errichtung eines Wildschutzzaunes vollkommen ausreichen. Der jetzige Zustand (mit Grabmalen und Friedhofsarchitektur!) wird jedoch nachweislich mit 2000 bis 3000 Euro pro Jahr erreicht.

Der Freundeskreis hat es mit seinem Engagement in alle nur denkbaren Richtungen geschafft, die Causa Nordflügel bis zum heutigen Tage offen zu halten, dabei war der Baubeginn ursprünglich für Ende 2010/Anfang 2011 geplant. Bis dato hat die russische Regierung keine Entscheidung getroffen, und das SIB kann den Abriss der Friedhofsarchitektur nicht starten.

Unerwünschtes Bürgerengagement mit Folgen

Für den zuständigen SIB ist der Freundeskreis ein rotes Tuch. Der durch unser Engagement verursachte Aufschub des Umbaus und wiederholte Neuplanungen haben das Unternehmen Nordflügel zu einem teuren Unterfangen werden lassen, das bereits jetzt an die 100.000 Euro verschlungen hat. Dabei hat der Freundeskreis unter anderem eklatante Fehlplanungen des früheren Landesgeschäftsführers des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge Sachsen, Klaus Leroff, aufgedeckt. Leroff hatte auf eigene Faust mit dem Freistaat die Umgstaltung des Nordflügels geplant – und für die angedachten Namensstelen die falschen Gräberlisten herangezogen. Dadurch war er zu dem Schluss gekommen, dass auf dem Nordflügel viel mehr – nämlich fast doppelt so viele – Menschen beerdigt sein müssten als Gräber vorhanden sind. Was Leroff übersah, war der Umstand, dass auf seinen Listen nicht nur auf dem Nordflügel Bestattete vermerkt waren, sondern auch solche von der Kriegsgräberstätte. Auf Leroffs Geheiß war seinerzeit eine Umplanung veranlasst worden, die drei weitere Stelen vorsah, um „alle Namen“ unterzubekommen. Hätten wir den SIB nicht auf den Fehler aufmerksam gemacht, hätte das verheerende und für den Freistaat vor allem peinliche Folgen haben können. Klaus Leroff ist mittlerweile nicht mehr Landesgeschäftsführer des VDK Sachsen.

Dennoch gestaltet sich das Verhältnis zwischen SIB und FK frostig. Im Mai 2011 drohte man uns im persönlichen Gespräch nach unserem Arbeitseinsatz auf dem Nordflügel vom 30. April indirekt mit einer Klage wegen Hausfriedensbruchs, sollte sich das wiederholen. Im letzten September untersagte man uns unter Angabe fadenscheiniger Gründe (Haftungsrisiko zu hoch), auf dem Friedhofsgelände zum Tag des Friedhofes bzw. des offenen Denkmals das Abhalten einer Ausstellung zur Geschichte des Sowjetischen Garnisonfriedhofes, der im selben Jahr 65 Jahre alt wurde. Wir mussten auf den Parkplatz gegenüber dem Friedhof ausweichen. Das SIB schickte eine „Streife“, die unsere Aktion überwachte und im Bild festhielt. Des Weiteren versuchte man uns quasi zu erpressen, indem man uns vor die Wahl stellte: Entweder wir akzeptierten die Umgestaltungspläne des Freistaates, oder es geschehe in der nächsten Zeit bis zur Entscheidung der russischen Seite überhaupt nichts mehr am Friedhof. Auf Anfragen zum neuesten Stand gibt der SIB keine Auskunft.
Bis heute hat der SIB die russische Seite nicht über den Denkmalschutzstatus des Nordflügels informiert. Stattdessen deutete man an, dass man erst grünes Licht für den Umbau haben wolle, den Denkmalschutz würde man danach „fragen“. Derzeit prüft der Freundeskreis die Möglichkeit einer einstweiligen Verfügung für den Fall eines unerwarteten Baustarts auf dem Nordflügel.

Aktivitäten 2012

Die Erforschung von Lebensbedingungen und Todesumständen auf dem Nordflügel beerdigter Soldaten wie Gennadij Malkin (Bild) ist ein wesentliches Ziel des Freundeskreises
Die Erforschung von Lebensbedingungen und Todesumständen auf dem Nordflügel beerdigter Soldaten wie Gennadij Malkin (Bild) ist ein wesentliches Ziel des Freundeskreises
Auch im neuen Jahr war der Freundeskreis bereits rege beschäftigt. Am 23. Februar (Donnerstag) haben wir um 14 Uhr eine kleine Feierstunde auf dem Nordflügel organisiert. Dies geschieht anlässlich des an diesem Datum in Russland begangenen Tages der Verteidiger der Heimat. Zu Sowjetzeiten hieß er Tag der Sowjetarmee. Wir wollen den Tag nutzen, um weiter auf die drohende Vernichtung des Nordflügels aufmerksam zu machen. Und um den Bogen zum russischen Feiertag zu schlagen: 400 dieser damaligen Verteidiger der Heimat fanden auf dem Nordflügel ihre letzte Ruhe. Bis heute weiß man fast nichts über ihre Lebensbedingungen hinter den Kasernenmauern der Dresdner Garnison in den 50er- bis 70er-Jahren. Noch viel weniger weiß man über die Umstände ihres frühen Todes. Wir wollen an ihr Schicksal erinnern und auf die Notwendigkeit einer vollumfänglichen Aufarbeitung der Besatzungszeit in Dresden aufmerksam machen.
Doch so nahe wie heute an der Aufklärung zumindest eines der Schicksale war der Freundeskreis nie zuvor. Es ist uns gelungen, einen Zeitzeugen zu finden (oder besser gesagt: er hat uns gefunden), der in Kontakt zu einer Familie eines hier in den 50er-Jahren stationierten sowjetischen Wehrpflichtigen steht, der im Jahr 1954 ums Leben kam und auf dem Nordflügel beerdigt wurde. Herr Neumerkel wird gemeinsam mit Vertretern des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge Dresden zur Feierstunde erwartet, um über seine Erfahrungen zu sprechen und das Grab des Soldaten zu besuchen.
Jeder, dessen Interesse für unsere Arbeit geweckt wurde, ist ebenfalls herzlich eingeladen, am 23. Februar um 14 Uhr auf den Nordflügel des Sowjetischen Garnisonfriedhofes an der Marienallee zu kommen.

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