Die Bombardierung deutscher Städte 1945 ein alliiertes Kriegsverbrechen?

An sich ist das Wort „Kriegsverbrechen“ ein viel gebrauchtes. Man könnte sagen, es besteht keine natürliche Scheu seitens der Menschheit, dieses Wort zu benutzen. Doch insbesondere bei historisch aufgrund ihres Ausmaßes an Gewalt und Schauplätzen nicht oder nur teilweise aufgearbeiteten Konflikten führt ein Wort, dessen Bedeutung im Allgemeinen klar umrissen ist, zu Irritationen und Reibung. Das passiert immer dann, wenn mit der Deutung eines bestimmten Ereignisses wirtschaftliche, politische oder emotionale Aspekte verbunden sind. Manchmal sind die Verstrickungen so dicht und kompliziert, dass schon die Frage danach, ob es sich um ein Kriegsverbrechen handelt, scharfe Zurechtweisungen und Sanktionen nach sich zieht. Kein Wunder, denn die Anklage „Kriegsverbrechen“ oder auch „Völkermord“ wiegt schwer. Als Beispiel sei etwa der Genozid der Türken an den Armeniern genannt: Mehr als 100 Jahre sind vergangen, doch in der Türkei ist die Frage des Völkermordes noch immer ein Tabu und absolutes Reizthema. Kein Wunder, hängt doch für die Türken, die sich gerade als erstes islamisches Land in die Rige der europäischen Demokratien voranzukämpfen begriffen sind, unter anderem eine Zukunft in der EU am möglichst tadellosen Image als friedliebende und vorwärtsgewandte Nation – da passen ‚olle Kamellen‘ nicht ins Konzept.

Doch was ist eigentlich unter einem Kriegsverbrechen zu verstehen? Nebenbei bemerkt: Ich versuche mich dem Thema bewusst möglichst neutral und unaufgeregt zu nähern, unter weitestgehender Ausblendung der sonst üblichen Einflussfaktoren.

Zunächst: Das Statut des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses gegen deutsche Nazi-Kriegsverbrecher definierte den Begriff „Kriegsverbrechen“ wie folgt:

Kriegsverbrechen: nämlich Verletzungen der Kriegsrechte oder Gebräuche. Solche Verletzungen umfassen, ohne darauf beschränkt zu sein, Mord, Mißhandlungen oder Verschleppung der entweder aus einem besetzten Gebiet stammenden oder dort befindlichen Zivilbevölkerung zur Zwangsarbeit oder zu irgendeinem anderen Zwecke; Ermordung oder Mißhandlung von Kriegsgefangenen oder Personen auf hoher See; Tötung von Geiseln; Raub öffentlichen oder privaten Eigentums; mutwillige Zerstörung von Städten, Märkten und Dörfern oder jede durch militärische Notwendigkeit nicht gerechtfertigte Verwüstung.

Die Ursprünge des Kriegsvölkerrechtes liegen in den Genfer Konventionen aus dem Jahr 1864 bzw. der im Wesentlichen darauf aufbauenden Haager Landkriegsordnung vom 29. Juli 1899, unter anderem unterzeichnet und ratifiziert vom Deutschen Kaiserreich, dem Kaiserreich Japan, Griechenland, dem osmanischen Reich, dem Königreich Großbritannien und Irland, den Vereinigten Staaten von Amerika und der französischen Republik – also praktisch allen wichtigen Kriegsparteien der nachfolgenden Weltkriege – mit Ausnahme des russischen Zarenreiches. Die Konvention wurde seinerzeit im Lichte der furchtbaren Kriege auf europäischem Boden im Verlaufe des 18. und 19. Jahrhundertes verfasst, um – so steht es geschrieben:

die Leiden des Krieges zu mildern, soweit es die militärischen Interessen gestatten, den Kriegführenden als
allgemeine Richtschnur für ihr Verhalten in den Beziehungen untereinander und mit der Bevölkerung [zu] dienen.

Neben einer Vielzahl an weiteren Artikeln und Absätzen heißt es in der Haager Landkriegsordnung in Artikel 22:

Die Kriegsparteien haben kein unbeschränktes Recht in der Wahl der Mittel zur
Schädigung des Feindes.

Als geächtete Mittel werden unter anderem aufgeführt:

die Verwendung von Gift oder vergifteten Waffen, die Erklärung, dass kein Pardon gegeben wird, der Gebrauch von Waffen, Geschossen oder Stoffen, die geeignet sind, unnötigerweise Leiden zu verursachen […]

Unter Artikel 25 wird des Weiteren festgelegt:

Es ist verboten, unverteidigte Städte, Dörfer, Wohnungen oder Gebäude anzugreifen
oder zu beschiessen.

Artikel 27:

Bei Belagerungen und Beschiessungen sollen alle erforderlichen Massnahmen getroffen werden, um die dem Gottesdienste, der Kunst, der Wissenschaft und der Wohltätigkeit gewidmeten Gebäude sowie die Krankenhäuser und Sammelplätze für Kranke und Verwundete so viel als möglich zu schonen, vorausgesetzt, dass sie nicht gleichzeitig zu einem militärischen Zwecke Verwendung finden.

So sah das geltende Kriegsrecht am Vorabend des Ersten und auch des Zweiten Weltkrieges aus. Orientierte man sich nun rein an den rechtlichen Rahmenbedingungen des Kriegsvölkerrechtes sowie an den tatsächlichen Geschehnissen während des bewaffneten Konfliktes, muss man zu dem Schluss kommen: Kriegsverbrechen haben bislang noch in jedem Krieg stattgefunden und es gab auch nie eine Kriegspartei, die sich ihrer nicht in der einen oder anderen Weise bediente – die eine mehr, die andere weniger. Seien es der Einsatz von Giftgas im Ersten Weltkrieg, die Vernichtungshöllen der Nazis, in denen Millionen Juden, Oppositionelle und andere missliebige Personengruppen umkamen, die Todeslager Stalins, der Einsatz der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki, das Bombardieren von Zivilisten in Afghanistan oder die systematische Misshandlung und Ermordung irakischer Gefangener in den Folterlagern der US-Army – die Frage danach, ob es sich dabei um Kriegsverbrechen handelte oder nicht, hat sich für gewöhnlich nicht daran bemessen, wie schlimm das jeweilige Vergehen im Vergleich mit anderen war, sondern daran, mit welchen Mitteln welche Zwecke verfolgt wurden und inwieweit dabei international anerkanntes Kriegsrecht verletzt wurde. Die reine Benennung eines Kriegsverbrechens gibt also grundsätzlich zunächst keinerlei Wertung dahingehend ab, wie schwerwiegend die Rechtsverletzungen waren bzw. wo sie im historischen Vergleich einzuordnen sind. Relativierung wäre also erst dann erfüllt, wenn begonnen würde, aufzurechnen, gleichzustellen oder Einordnungen bewusst vorzunehmen.

Derart nüchtern betrachtet, war der Zweite Weltkrieg in erster Linie ein militärischer Konflikt, in dem es um die Vorherrschaft in Europa und der Welt ging. Als die USA 1941 in den Krieg eintraten, taten sie das nicht, weil in Osteuropa Millionen Juden in Vernichtungslagern starben – sonst wäre dort vermutlich nicht bis 1945 gemordet worden. Stattdessen richteten sich die militärischen Aktivitäten zunächst auf strategisch wichtige Einflussgebiete im Pazifik und in Asien. Auch die Briten begannen mit ihren Bombardements erst, als die deutsche Vernichtungsmaschinerie britischen Boden erreichte. Und genau deshalb muss die Frage, von wem wann und wo Kriegsverbrechen in diesem Konflikt begangen wurden, parallel zur Frage der deutschen Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zuge des Holocaust besprochen werden – das aber geschieht heute zumeist noch nicht. Der Holocaust richtete sich als Völkermord zunächst nach innen – ähnlich dem Fall der Armenier in der Türkei oder der Ukrainer in der stalinistischen Sowjetunion. Anschließend wurde er auf die im Zuge des Krieges annektierten Gebiete ausgeweitet. Die eigentlichen Kriegshandlungen aber, zu denen auch die Bombardements britischer und deutscher Städte gehörten, richteten sich jeweils gegen einen politischen und militärischen Feind.

Der Holocaust ist aber das, was die gesamte Diskussion um die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges nach wie vor – und das durchaus nachvollziehbar! – schmerzlich überlagert. Auch deshalb ist es nach wie vor mit dem Stigma des Geschichtsrevisionismus belegt, wenn das Bombardement deutscher Städte, teilweise wenige Wochen vor Kriegsende, und die über eine Million Opfer, die es unter der deutschen Zivilbevölkerung forderte, als das bezeichnet wird, was es rein dem Kriegsrecht zufolge war: alliierte Kriegsverbrechen. Die Debatte ist sowohl durch die verständlichen Emotionen der Holocaust-Opfer und ihrer Angehörigen, den Druck der moralischen Verpflichtung zur Wiedergutmachung einer ganzen Nation als auch von politischen und deutungshoheitlichen Interessen bestimmter Gruppen und Parteien bestimmt. Und sie war es über Jahrzehnte. Eine wirkliche Aufarbeitung alliierter Kriegsverbrechen – nicht nur in Deutschland, wohlgemerkt – fand insbesondere in den USA daher über Jahrzehnte nicht statt. Erst in den letzten Jahren stellte sich insbesondere in Großbritannien, aber auch in den USA ein anderer, offenerer und selbstkritischerer Umgang mit der eigenen Kriegsgeschichte ein.

Die alliierte Operation „Donnerschlag“ an Faschingsdienstag und Valentinstag 1945 in Dresden richtete sich nachweislich gegen die Zivilbevölkerung. Das sagt bereits die Bezeichnung „moral Bombing“, die auf die Moral der Zivilbevölkerung abzielte. Dass bereits dieses Ziel gängigem Kriegsrecht zuwiderlief, blieb inmitten der Kriegswirren konsequenzlos, so wie auch die deutschen Greueltaten erst nach Kriegsende gesühnt wurden. Was Hitler einst in Rotterdam und Coventry begann, perfektionierte insbesondere Winston Churchill ab 1943 zum todsicheren Instrument der Kriegsführung – und machte daraus auch kein großes Hehl. Doch das Vortasten in alliierte Veranwortlichkeiten ist eine Gratwanderung, gerade weil sich diese in der Position des Zurückschlagenden befanden.
Ja, Dresden war ein militärisch relevantes Ziel, wie viele andere deutsche Städte auch. Ja, hier gab es Militäranlagen, KZ-Außenstellen, Rüstungsfabriken und Schienenwege nach Osten. Deshalb darf es nicht die Frage sein, ob Dresden hätte bombardiert werden dürfen. Ja, das hätte es. Die Stadt war zur Festung erklärt worden, obgleich es keinerlei nennenswerte Verteidigung mehr gab. Doch als sich der Dunstschleier am 16. Februar endlich lichtete, waren die Wohnviertel und barocken Wahrzeichen weit über die Grenzen der Innenstadt hinaus verwüstet, während die Bahnhöfe, zahlreiche Industriebetriebe, der Flughafen, die weitläufigen Kasernenanlagen der Albertstadt, die Autobahnen und sogar die KZ-Außenlager – also vom Kriegsvölkerrecht gedeckten Ziele – zu zu Teilen intakt bzw. in bestimmten Fällen sogar fast unversehrt blieben. Stattdessen hatten ungefähr 35.000 Menschen ihr Leben gelassen, darunter auch Juden, alliierte Kriegsgefangene und zahlreiche Kinder. Ob mehr, ob weniger ist bis heute – trotz gelegentlicher Versuche, mittels Ermittlung einer endgültigen Opferzahl einen Schlussstrich unter das unangenehme Thema Dresden 1945 zu ziehen – nicht bekannt.

Die Frage, ob der Angriff ein Kriegsverbrechen war, lässt sich nur am Verhältnis zwischen Mittel und Zweck beantworten. Fakt ist: Dresden war militärisch relevant, doch die militärischen Ziele wurden nicht ausschließlich angegriffen. Stattdessen richteten sie sich vorrangig gegen die zivile Infrastruktur der Stadt. Die Angriffe retteten etw 100 verbliebenen Dresdner Juden das Leben, die in den letzten Tagen des Krieges deportiert werden sollten, doch wie vielen Unschuldigen er es nahm, wird nie bekannt werden. Was keinesfalls zwangsläufig heißt, dass alle, nicht einmal unbedingt die Mehrheit der Dresdner völlig unschuldig waren. Oder gar die Stadt selbst, wie manche Kritiker der heutigen Gedenkkultur monieren, die hinter der Fassade der Trauer einen mehr oder weniger heimlichen Opferkult wähnen.

Das Ende des Krieges war zu diesem Zeitpunkt bereits absehbar, das geht unter anderem aus Gesprächen zwischen Stalin und Winston Churchill hervor, die bereits die Nachkriegsordnung planten. Die deutsche Wehrmacht war zudem bereits seit Längerem in Auflösungserscheinungen begriffen. Dresden selbst war zwar zur Festung erklärt worden, das aber bereits im Herbst 1944. Im Februar 1945 verfügte es hingegen über keinerlei Luftabwehr mehr und war demzufolge eine unverteidigte Stadt. Das geht unter anderem aus den Protokollen der britischen Bomberpiloten hervor, von denen mehrere im Nachhinein das Bombardement als „Akt der Barbarei“ bezeichneten. Die volle militärische Sinnlosigkeit der Bombardements der letzten Kriegswochen wird vor allem deutlich, wenn man berücksichtigt, dass selbst wenige Tage vor Kriegsende, als der Russe bereits vor den Toren Berlins stand, Städte wie Potsdam in Schutt und Asche gelegt wurden: am 14. April 1945 starben dort 3.500 Menschen im Feuersturm – und hier war der Festungsstatus nicht geklärt. Aggressionen solcher Art werden vom internationalen Kriegsrecht als Kriegsverbrechen eingestuft.

An der deutschen Kriegsschuld und den horrenden Verbrechen, die im Zuge der Nazi-Herrschaft am eigenen und an fremden Völkern begangen wurden, ist nicht zu zweifeln. Wer das tut, tut es zielgerichtet, nicht faktengestützt. Doch die deutschen Greuel dürfen die Sicht auf Verbrechen der anderen Kriegsparteien nicht verstellen – schon im Interesse einer gesunden Selbstwahrnehmung dererselbst. Gefährlich wird es erst, wenn aufgerechnet, deutsche Kriegsschuld und -verbrechen relativiert werden sollen. Auch wenn die Rolle Deutschlands im Zweiten Weltkrieg immer alles andere überschatten wird: Wirkliche Aufarbeitung im Sinne von Wahrheitsforschung darf darf nicht an Dogmen und Tabus scheitern – solange sie nicht zielgerichtet und somit nicht mehr wissenschaftlich vorgeht.
Leider ist die Verlockung groß, mit dem Totschlagargument „Relativierung“ gegen bohrende Fragen vorzugehen, die noch heute schnell zu diplomatischen Krisen und Verstimmungen zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern führen können. Das Beispiel der Debatte um Dresden zeigt das jedes Jahr aufs Neue. Jahrzehntealte Vergehen will heute niemand mehr aufwärmen, und das kann auch nicht das Ziel sein. Zumindest die Forschung hat da aber mittlerweile – im Übrigen durchaus länderübergreifend – ihre Schleichwege gefunden.

Die Frage, ob denn vor dem Hintergrund des unendlichen Leides, das viele Opfer des Nationalsozialismus erleiden mussten und das durch den Sieg der Alliierten über Nazi-Deutschland ein Ende fand, tatsächlich von alliierten Kriegsverbrechen gesprochen werden *muss*, ist eine berechtigte. Gründe der Pietät und des Anstandes sprechen dafür, davon abzusehen. Doch sollte dies immer eine Frage des Taktgefühls und der Abwägung sein, nicht jedoch des politischen Diktats.

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