Nationalsarrazinismus – wie rechts ist Thilo Sarrazin?

Deutschland hat einen neuen Helden. Tatsächlich steht unser Land seit September 2009 förmlich Kopf: jenem Zeitpunkt, als der SPD-Politiker (ich sage hier bewusst *nicht* Sozialdemokrat) und Ex-Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin mit seinem Interview im „Lettre International“ den Urknall zündete für eine ganz neue Freiheit, ein neues deutsches Selbstbewusstsein. Türkische und arabische Migranten als „Kopftuchmädchen produzierende Bildungsferne“, die für die deutsche Gesellschaft keinen produktiven Wert hätten und überdies integrationsunwillig und -unfähig seien, so lautete das neue Bekenntnis zum Deutschtum, das Hunderttausenden aus dem Herzen sprechen sollte, die nach einem Schuldigen für die vermeintliche deutsche Misere suchten, für Krise, steigende Arbeitslosigkeit, zunehmende Verrohung und oft auch private Unzufriedenheiten.
Doch diese Äußerungen waren nur der Auftakt zu Größerem, düngten lediglich den Boden für Sarrazins großen Coup – seinem Monumentalwerk „Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“, das ein Jahr später, im August 2010, erschien und mit über 1,2 Millionen verkauften Exemplaren das meistverkaufte Sachbuch 2010 war. In seinem Buch stellt Sarrazin im Kern folgende Thesen auf:
1. In Deutschland sinke die durchschnittliche Intelligenz aufgrund der Überhandnahme des Unterschichtensektors sowie der „unkontrollierten“ Zuwanderung schlecht ausgebildeter Migranten
2. Insbesondere die Zuwanderung von Migranten aus islamischen Ländern förderte diese Phänomen, da Muslime von Natur aus weniger intelligent seien als Menschen, die ethnisch dem christlich-jüdischen Abendland zuzuordnen sind, und sich diese angeborene „Dummheit“ genetisch weitervererbe.
3. Aufgrund der höheren Geburtenrate der Muslime und weil insbesondere die intelligentesten Deutschen die wenigsten Kinder bekämen, schaffe sich Deutschland auf Dauer ab.


Im Prinzip setzt Sarrazin in seinem Buch „Deutsch“ mit „deutschen Blutes“ und „von hoher Intelligenz“ gleich und arbeitet zudem in großem Umfang das Progoramm der Agenda 2010 ab, geht jedoch an vielen Stellen noch viel weiter: Das Wichtigste sei es, Menschen in Arbeit zu bringen – dabei sei es viel weniger wichtig, die gesellschaftlichen Ursachen von Armut zu diskutieren (z.B. Niedriglöhne, ausgreifender Zeitarbeitssektor, Hartz IV usw.) als die persönlichen eines jeden Betroffenen (z.B. mangelnde Arbeitsbereitschaft bzw. Faulheit, Sozialschmarotzertum, geringe Bildung).
Gegen das Phänomen der mangelnden Bildung in weiten Teilen der Bevölkerung schlägt Sarrazin quasi vor, dass der Staat in Gestalt von Rundumversorgungsprogrammen wie Krippen, Kitas, Erziehungsberatung usw. einspringen soll, um das Fehlende zu ersetzen. Dabei wird meines Erachtens nach völlig außer Acht gelassen, dass Erziehungsprobleme und damit fehlende soziale Kompetenzen kein Staat wird wettmachen können, der von derselben Schnellebigkeit und von demselben Geld- und Zeitmangel durchsetzt ist, wie die meisten Familien. Aufgrund des chronischen Geldmangels des kapitalistisch wirtschaftenden Staates mit chronischer Unterbesetzung arbeitende Kitas, Schulen und Heime mit abgearbeiteten, gestressten und oftmals abgestumpften Erziehern sollen die erzieherische Fehlleistung von abgearbeiteten, frustrierten oder sozial schwachen bzw. inkompetenten Eltern auffangen? Wohl kaum.
Insgesamt diskutiert Sarrazin Phänomene und Lösungsvorschläge, die seit Jahren bekannt sind, die seine eigene Partei teilweise noch während der Großen Koalition selbst angeschoben hat, und die das Land bis heute nicht einen Schritt weitergebracht haben. Das weiß natürlich niemand, der sich nicht die Bohne für Realpolitik interessiert, sondern das Ausmaß seiner politischen Auseinandersetzung auf das Pflegen von Vorurteilen, Klischees und Totschlagargumenten am abendlichen Stammtisch beschränkt.

Im Abschnitt über Integration kommt Sarrazin dann recht schnell zur Sache: Muslimische Migranten litten aufgrund jahrhundertelanger Inzuchtstraditionen in islamischen Ländern weit häufiger unter Behinderungen und seien durchschnittlich weniger intelligent – so was schade Deutschland natürlich auf Dauer. Dumme Menschen leisten schließlich keinen Beitrag zur Gesellschaft (außer Gemüse und Döner an wohlstandsverwöhnte Berliner Staatsdiener zu verkaufen), sondern liegen dieser vielmehr auf der Tasche. Hier muss man schon eine Menge anstellen, um den nationalsozialistischen Zeitgeist von der Minderwertigkeit des Undeutschen, des Kranken und Zurückgebliebenen sowie der Notwendigkeit des Überlebens der arischen, pardon, deutschen Art nicht tapsen zu hören. Sarrazin kleidet ihn lediglich in ein technokratisch-nüchtern anmutendes Gewand des vermeintlich „Nicht-von-der-Hand-zu-Weisenden“.

Darüber, dass auch Gemüse- und Dönerverkäufer ein Einkommen haben, somit kein Hartz IV beantragen müssen und Steuern zahlen, schweigt Sarrazin. Davon, wie schwierig es insbesondere für jene Migrantengruppen in Deutschland vor allem seit dem 11. September 2001 ist, gesellschaftlich Fuß zu fassen, eine faire Chance auf Bildung und Beruf zu erhalten, spricht er nicht. Dass zwar nur 8% der Türken, aber dafür über 30% der Migranten mit afghanischen, iranischen oder irakischen Wurzeln (auch mehrheitlich Muslime) das Abitur haben und diese Quoten etwa auf dem Niveau deutscher Schüler liegen, verschweigt Sarrazin ebenso. Wer darüber lesen möchte, muss sich durch die Weiten des Internet oder durch staubige Archive im Statistischen Bundesamt kämpfen, um schließlich zu erfahren, dass muslimische Migranten in 9 von 10 Fällen trotz gleich hohen oder gar besseren Bildungsniveaus gegenüber deutschen Bewerbern das Nachsehen haben, dass ungleich mehr muslimische Bewerber mit akademischem Abschluss unter Arbeitslosigkeit zu leiden haben, als nichtmuslimische. Fakten, die niemand hören möchte, der in einem Thilo Sarrazin den Retter deutscher Zucht und Ordnung erblickt, die aber unfehlbar darauf hinweisen, dass das von Sarrazin diagnostizierte Problem der „Integrationsunwilligkeit“ eines ist, das auf beiden Seiten der innergesellschaftlich gezogenenen Grenze existiert.

Spätestens dann, wenn Sarrazin wahre Weltuntergangsszenarien aufbaut, etwa von der Scharia, die in wenigen Jahren in Deutschland Einzug halten werde, weil in jedem Muslim der Hang zum Extremismus schlummere, die durch nichts aber auch überhaupt gar nichts zu belegen sind und von Experten aller Lager ins Reich des Unsinns und der Mythen verschoben werden, lässt sich erahnen, für wen dieses Buch hauptsächlich geschrieben wurde: Für Menschen, in denen schon seit Längerem, ein diffuser Argwohn gegen alles Muslimische oder Fremde schlummert, den man bislang nicht zu äußern wagte, weil man ihn nicht hätte erklären können, ohne sich auf politisch und vor allem moralisch heikles Terrain zu begeben. Dieses Vakuum hat Sarrazin nun gefüllt – mit einer scheinbar wissenschaftlich untermauerten Schrift aus der vordersten Reihe der deutschen politischen und wirtschaftlichen Elite, die das Diffamieren und das Herabwürdigen einer bestimmten Bevölkerungsgruppe endlich salonfähig machte.

Vergangenen Donnerstag gastierte Sarrazin mit seinem Buch im Rahmen seiner Lesereise in Dresden, mehr als 2500 Menschen hingen an seinen Lippen, feierten nahezu jeden Satz frenetisch mit Beifall und verabschiedeten den neuen deutschen Helden schließlich mit Standing Ovations. Wobei man große Zweifel hegen darf, dass die Mehrheit dieser Leute (darunter NPD-Abgeordnete und Islamophobe) die verwirrenden, pseudowissenschaftlichen Thesen und Milchmädchenrechnungen Sarrazins tatsächlich durchstiegen hat, wo doch schon gestandene Akademiker und Wissenschaftler so ihre Probleme damit haben. So stammt ein großer Teil der Anhänger dieses Buches selbst aus der sogenannten Unter- bzw. der erzkonservativen Mittelschicht, verfügt selbst oft über keinen höheren Schulabschluss als Mittlere Reife.
Das kleine Grüppchen von 200 Sarrazin-Kritikern, das vor der Messehalle friedlich gegen dessen Thesen demonstrierte, fiel da kaum ins Gewicht. Zu viele sinnlose, plakative Aktionen wie ausgerollte braune Teppiche oder ein „Vermehrungsverbot für Sarrazin“, durch die einige Anti-Sarrazin-Aktivisten auffielen, ziehen den Widerstand gegen derart menschenverachtendes, technokratisches Gedankengut zudem eher ins Lächerliche, statt konstruktiv zu wirken.

In zahlreichen Foren und in sozialen Netzwerken wie Facebook wird derweil erbitterte Kritik geübt und Besorgnis über den Werdegang der Gesellschaft geäußert – von den Sarrazin-Befürwortern wird dies mit schöner Regelmäßigkeit gedankenlos und reflexartig unter der Rubrik „Einschränkung der Meinungsfreiheit“ abgelegt. Das befreite Räkeln, endlich wieder etwas Feindseliges über Menschen anderer Nation oder Kultur sagen zu dürfen, ohne dafür gesellschaftliche Ächtung fürchten zu müssen, ist unübersehbar. Und immer häufiger sind es auch studierte Leute, die auf den Sarrazin’schen Kurs einschwenken. So schreibt etwa eine Studentin auf Facebook:

aufgrund unserer geschichte dürfen wir heute nichts mehr sagen, was auch nur im ansatz menschen anderer nationen gegenüber feindlich erscheint. tun wir es doch, sind wir gleich rechts. und jetzt sollen menschen, die sich über ein wichtiges öffentliches thema vom urheber der debatte informieren lassen wollen auch noch sofort rechts sein?

Eine studierte Theologin schreibt:

Es nervt mich irgendwie – das wenn man Sarrazin liest oder anhört, dies gleich mit Rechtsextremismus und NPD in Verbindung gebracht wird…die dafür sind werden deutlich härter kritisiert als die gegen Sarrazin sind … meiner MEINUNG nach!

Das Gro der Sarrazin-Anhänger glänzt derweil zumeist mit nichtssagenden Parolen der Marke:

Wer das Buch gelesen hat versteht auch das er vollkommen Recht hat!!!!!

hast du das buch auch gelesen, und wenn, dann auch richtig, u.a. zwischen den zeilen, mit allen zusammenhängen? bedenke, dass die meisten menschen nicht nur oberflächlich lesen, sondern auch denken.
oder hast du deine meinung von medien und nachbarn?

Solange Deutschlands Sozialromantiker, Gutmenschen vom Dienst, Pauschal-Umarmer und Beschwichtigungsapostel weiterhin so tun, als sei das Problem Migration/Integration eine multikulturelle Idylle mit kleinen Schönheitsfehlern, die durch sozialtherapeutische Maßnahmen behoben werden können – so lange hat Thilo Sarrazin recht.

So wird unter anderem auch die nahezu geschlossene Anwesenheit der sächsischen NPD-Fraktion am Donnerstag in der Messe Dresden von Sarrazin-Anhängern entweder ignoriert oder aber ins Reich der „Zufälle“ und „Banalitäten“ abgeschoben. Dabei dürfte klar sein, dass diese Leute nicht zu Sarrazins Lesung erschienen sind, weil man für diesen Abend gerade nichts Besseres organisieren konnte. Assoziationen mit nationalsozialistischen Argumentationsmustern und Menschenbetrachtungen entspringen vielmehr nicht böswilliger Agitation der Gegner Sarrazins, sondern werden durchaus auch von Leuten so empfunden, die eine grundsätzliche Affinität zu solcherlei Gedankengut hegen. Rechts ist man übrigens nicht erst, wenn man das NPD-Parteibuch in der Tasche hat. Vielmehr entscheiden die eigenen Vorstellungen darüber, welchen Wert ich nationalen Positionen wie Traditionen, Volksgedanken, wir-die-Wahrnehmung usw. beimesse bzw. welches Menschenbild ich vertrete. Ein Menschenbild, das Unterschiede in der Wertigkeit eines Menschen nach ethnischen oder genetischen Gesichtspunkten macht, ist per se rechts, da völkisch konnotiert und von einem (oft durchaus latenten) Überlegenheitsgedanken geprägt. Viele sind sich dessen mitnichten bewusst. Und sicherlich ist es auch kein Zufall, dass Sarrazin in Dresden nicht für seine sehr allgemeinen und wenig neuen Ausführungen zum demografischen Wandel und zur wachsenen Unterschicht den meisten Applaus gespendet bekam, sondern für seine Forderung nach Einwanderungsstop für Muslime und Kopftuchverboten an deutschen Schulen. Kaum noch zu halten war die Menge, als Sarrazin in nationalromantisierender Manier konstatierte, dass er es gerne hätte, wenn es auch in 80 bis 90 Jahren in Deutschland noch „deutsche Traditionen“ gebe. So schürt man die Ängste der Unwissenden und die Ablehnung gegen alles, was nicht exakt der Norm entspricht.

Politisch rechts ist auch der Hang zur quasi kultischen Verehrung einer Vorbild- oder Führerfigur einzuordnen. Einen solchen Kult um die Person Sarrazins, ohne wirklich zu hinterfragen, kann man derzeit in weiten Teilen der Bevölkerung beobachten – unglücklicherweise sogar im engsten Kreis meiner eigenen Familie. Hat Deutschland also nicht nur einen neuen „Helden“, sondern auch einen neuen Führer? Tatsache ist, dass Sarrazin in Deutschland zur Galionsfigur des nationalkonservativen (und damit rechten), islamophoben Spektrums avanciert ist und damit zunehmend die Rolle eines deutschen Geert Wilders bekleidet. Der holländische Rechtspopulist ist mit seinen gewagten, antiislamischen Parolen in den vergangenen Jahren zu beispiellosem politischem Erfolg gelangt und übernimmt heute mit seiner „Partei für die Freiheit“ (welch grotesker Antagonismus gemessen an dem, was diese Partei fordert) sogar Regierungsämter. Auch Thilo Sarrazin hat nicht ausgeschlossen, in Zukunft eine eigene politische Partei „rechts von der CDU“ zu gründen. So hat unter anderem der jüngst wegen seiner rechtspopulistischen Attitüden aus der Berliner CDU-Stadtfraktion geflogene Rene Stadtkewitz die Gründung einer solchen Partei angekündigt – mit Sarrazin als Kopf. Das Meinungsforschungsinstitut emnid sieht in einer solchen Partei im Übrigen erstaunlicherweise auch Politiker wie Friedrich Merz (bislang CDU), Wolfgang Clement (bislang SPD wie Sarrazin) und sogar Joachim Gauck, dem der CDU nahe stehenden Wegbereiter der Gauck-Behörde über die Stasi-Akten und 2010 Christian Wulff unterlegenen Bundespräsidentschaftskandidaten.

Mit seinem Buch hat Sarrazin erreicht, was er wollte: Schon vorher nicht gerade arm, kann er sich nun aufs Altenteil zurückziehen und ist weder auf irgendwelche staatlichen Positionen noch auf eine Tätigkeit als Politiker zwingend angewiesen. Wie es ist, sich in einem von einem neuen, lange nicht gekannten Maß der Fremdenfeindlichkeit durchzogenen Deutschland eine faire Chance in einem selektiven Bildungssystem und einem diskriminierenden Arbeitsmarkt zu erkämpfen, wenn man nicht der deutschen Norm entspricht, wird er niemals erfahren.

0 Gedanken zu „Nationalsarrazinismus – wie rechts ist Thilo Sarrazin?“

  1. Grundsätzlich gebe ich Dir Recht, was die gesellschaftlichen Ursachen von Armut betrifft (z.B. Niedriglöhne, ausgreifender Zeitarbeitssektor, Hartz IV usw.). Aber zumindest das Folgende stimmt nicht ganz:

    Im Prinzip setzt Sarrazin in seinem Buch “Deutsch” mit “deutschen Blutes” und “von hoher Intelligenz” gleich

    Ich weiß ja, dass Du etwas zum Nachschauen hast: Auf Seite 64 wirst Du sehen, dass Sarrazin zunächst einmal Juden mit hoher Intelligenz gleich setzt. Ich bin nur darauf gestoßen, weil ich wissen wollte, ob S. in seinem Buch überhaupt etwas zu Genetik sagt, was man ihm immer vorwirft. Dort taucht das Wort auf, allerdings in einem für Juden positiven Zusammenhang. Ich bezweifle, dass die NPD-Anhänger diese Stelle kennen. An der Stelle wurde mir übrigens auch klar, wieso S. in dem berühmten (aber anscheinend von den Meisten ungelesenen) Interview die Frage „Gibt es auch eine genetische Identität?“ ausgerechnet mit „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen …“ begann.
    Und auch diese Bemerkung

    Muslimische Migranten litten aufgrund jahrhundertelanger Inzuchtstraditionen in islamischen Ländern weit häufiger unter Behinderungen

    scheint man nicht so lapidar mit „nationalsozialistischem Zeitgeist“ vom Tisch wischen zu können. Mir ist schon lange vor dem S.-Thema folgender Artikel zum Thema Inzest untergekommen. Anscheinend gibt es das Thema durchaus (und es klingt sogar nachvollziehbar). Es hat aus meiner Sicht wenig Sinn, anscheinend vorhandene Fakten zu ignorieren. Ob dadurch nun unser Gesundheitssystem ruiniert wird, wage ich zu bezweifeln. Das wird möglicherweise eher von Ärzten mit doch etwas überzogenen Gehaltsvorstellungen ruiniert oder von Männern, die auf die 50 zugehen und es sportlich plötzlich noch einmal wissen wollen 😉

    Übrigens kritisiert S. nicht ausschließlich Muslime, sondern auch Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien und aus Afrika ungeachtet derer Religion.

    1. Vielleicht mal vorab zur Klarstellung: Ich habe nie gesagt, dass Sarrazin ein Nazi ist und nationalsozialistische Phrasen drischt. Ich bin hingegen sehr wohl der Ansicht, das Sarrazins Thesen politisch sehr weit rechts einzuordnen sind und hier und da ANLEIHEN beim Nationalsozialismus zu nehmen scheinen (und deshalb anscheinend auch Gefallen bei Nazis finden). Die Nazis werden sich aus Sarrazins Darlegungen die Rosinen herauspicken – und es ist schlimm genug, dass dies möglich ist.

      Auch schließt die Behauptung „deutsch = intelligent“ nicht zwangsläufig die Juden aus, wenn man (wie bei Sarrazin offensichtlich der Fall) die Juden vorbehaltlos als „deutsch“ anerkennt, so sie denn die deutsche Staatsbürgerschaft haben (was ich im Übrigen auch tue). Ich erkenne also in deiner obigen Anmerkung keinen Widerspruch zu meiner Aussage.

      Die Aussage: „Muslimische Migranten leiden aufgrund jahrhundertelanger Inzuchttradition verstärkt unter Behinderungen und minderer Intelligenz“ wird a) von Sarrazin nicht belegt und b) als ebenso einseitiger wie unzutreffender Pauschalismus entlarvt, legt man die Tatsache zugrunde, dass bei muslimischen Migranten aus bestimmten Herkunftsländern die Quote der Abiturienten teilweise sogar höher ist als bei Deutschen. Sarrazin vermeidet es, hierzu offen Stellung zu beziehen und die Frage der Intelligenz redlich und sachlich-neutral zu behandeln. Warum, dürfte klar sein, weil sich sonst die Gesamtstoßrichtung des Buches nicht aufrechterhalten ließe.

      Was ich in Sarrazins Buch unter dem Thema „Deutschland schafft sich ab“ gänzlich vermisse: Eine Auseinandersetzung mit deutschem Zeitgeist, mit Ausländerfeindlichkeit und Neonazismus, die diese Zeit so unheimlich prägen und sich abkehren von den freiheitlich-demokratischen Errungenschaften der Nachkriegsjahrzehnte.

      1. Eine Nachfrage: Ist die Aussage “Muslimische Migranten leiden aufgrund jahrhundertelanger Inzuchttradition verstärkt unter Behinderungen und minderer Intelligenz” wirklich so in dem Buch enthalten oder ist das eine Zuspitzung von Dir?

        1. Nein, es handelt sich dabei tatsächlich um eine These aus Sarrazins Buch (nicht wörtlich natürlich, aber sinngemäß). Sarrazin spricht von „geistigen Behinderungen“ infolge von Inzucht.

          1. Ah ja, Du meinst wahrscheinlich das Zitat, das hier im Wikipedia-Artikel zum Buch steht. Das ist perfide und gleichzeitig geschickt formuliert, indem er von Inzucht in Clans (die es geben kann) auf »Teile der türkischen Bevölkerung« schließt. Wenn man eine Weile darüber nachdenkt, ist Sarrazins Gedankengang natürlich absurd. Es dürfte sich um ein Randproblem handeln. Von Inzucht generell bei »muslimischen Migranten« habe ich aber nichts gefunden.

            1. Und das Zitat, das in der Wikipedia steht (Link in meinem Kommentar)? Ist das falsch zitiert?

              Was in dem SPIEGEL-Artikel steht, ist natürlich tragisch für die Familien und vor allem für die Kinder. Es dürfte aber nur Randgruppen der türkischen Bevölkerung betreffen. Wenn man das verallgemeinert, ist es infame Propaganda.

              1. Was interessiert mich Wikipedia? Wikipedia wird von Menschen geschrieben, also kann das falsch sein, was diese dahinein geschrieben haben. Ich habe dort auch schon Dinge hineingeschrieben, also haben diese Zeilen keinen Anspruch auf Gültigkeit. Wikipedia ist immer sehr brauchbar, wenn es um ideologisch neutrale Dinge geht (Pilzarten Europas, Ohmsches Gesetz, Discografie Frank Zappa, usw.). Sobald es um den Rest geht (Scientology, Windows, Ökologie, Waldschlösschenbrücke, Sarrazin), schlage ich schon lange nicht mehr in Wp. nach, sondern bemühe mich eher um eigene Gedanken oder suche nach anderen Quellen.
                Wenn man den Wikipedia-Auszug nimmt und nach der entsprechenden Buchstelle sucht, findet man dort:

                Der Familienverband bestimmt auch das Heiratsverhalten. Die türkischen Migranten heiraten zu über 90 Prozent wiederum Türken; rund 60 Prozent der Ehen türkischer Staatsbürger in Deutschland werden mit einem Partner aus der Türkei geschlossen. Diese Importpartner weisen durchweg eine sehr niedrige Bildung auf. In Berlin sind zehn Prozent von ihnen Analphabeten, 28 Prozent haben eine Schule nur bis zum fünften Schuljahr besucht. Durchweg kommen die Importpartner aus dem regionalen Umfeld und häufig auch aus der engen Verwandtschaft der Familie, in die sie einheiraten. Häufig sind es Vettern und Cousinen. Ganze Clans haben eine lange Tradition von Inzucht und entsprechend viele Behinderungen. Es ist bekannt, dass der Anteil der angeborenen Behinderungen unter den türkischen und kurdischen Migranten weit überdurchschnittlich ist. Aber das Thema wird gern totgeschwiegen. Man könnte ja auf die Idee kommen, dass auch Erbfaktoren für das Versagen von Teilen der türkischen Bevölkerung im deutschen Schulsystem verantwortlich sind.

                Das kann ich weder widerlegen noch bestätigen. Aber direkt unnachvollziehbar oder aus den Fingern gesaugt klingt es nicht.
                Meine Güte – jetzt bin ich schon so weit, dass ich anfange, Sarrazin zu verteidigen! Hätte ich vor einigen Monaten noch nicht für möglich gehalten!

                1. Aber jetzt verstehe ich Dich nicht. Du schreibst oben: Sarrazin spricht nirgends von „geistigen Behinderungen“, auch nicht von „Behinderungen“ …

                  In Deinem Zitat aus Sarrazins Buch ist das Wort „Behinderungen“ aber gleich mehrfach enthalten. Auf nichts anderes wollte ich hinweisen.

                1. Du weißt doch aber gar nicht, welche Ausgabe ich habe. Ich habe mir das Buch von meinem Vater ausgeliehen, und der hatte sich seinerzeit – als zu meinem Leidwesen glühender Islamgegner – eines der ersten Exemplare gekauft. Deshalb steht’s in meiner Ausgabe auch noch so drin. Die darauffolgenden Ausgaben wurden schrittweise um die krassesten Passagen entschärft.

    2. @Frank: Jede Art von »genetischem Zusammenhang« zwischen Eigenschaften und Genen eines Menschen ist rassistisch, es gibt auch positiven Rassismus. Ein Grundfehler bei Sarrazin ist, dass er bestimmten Gruppen quasi unveränderliche Merkmale zuschreibt und dass er Probleme mit ethnischen Gruppen assoziiert. In dem „lettre“-Interview sprach er ja sogar sinngemäß vom „türkischen Problem“, um einen Zustand zu beschreiben, der ihm nicht gefiel.

      Rein biologisch gesehen scheint es allerdings wirklich ein Gen-Muster zu geben, das nur bei Juden auftritt. Das hat natürlich überhaupt nichts mit individuellen Eigenschaften wie Fleiß oder Intelligenz zu tun und taugt natürlich auch nicht zur Analyse gesellschaftlicher Probleme.

      1. Jede Art von »genetischem Zusammenhang« zwischen Eigenschaften und Genen eines Menschen ist rassistisch (…)

        Kann man nicht so allgemein stehen lassen, denn das geht schon bei der Eigenschaft „Haarfarbe“ los: Die dürfte sicher genetisch veranlagt sein, aber bei der Unterscheidung zwischen blonden und brünetten Sachsen einen Bezug zum Rassismus herzustellen wäre wohl leicht albern.

        1. Der Vergleich entspricht nicht dem, was Stefanolix meiner Ansicht nach sagte. Es geht nicht um die Unterscheidung zwischen blonden und brünetten Sachsen, sondern um Zuschreibungen der Art: Alle Sachsen sind…(blond, brünett etc.), weil man ein gemeinsames sächsisches Gen vermutete, das den Sachsen immer eine bestimmte Eigenschaft (hier die Haarfarbe) zuordnet.
          Das ist es ja, was Sarrazin macht, und das ist auch rassistisch.

  2. OT: Ich habe heute morgen versucht, einen längeren Kommentar abzugeben und es scheiterte mit einer merkwürdigen Fehlermeldung. Hast Du etwas im Spam-Ordner gefunden?

    Es scheint wieder zu funktionieren. Hier ist mein Kommentar.

    Ich habe einige Einwände.

    Das Gut der Meinungsfreiheit ist für mich und viele andere ein universelles Gut. Meinungsfreiheit muss auch für Meinungen gelten, die man selbst ablehnt. Ich habe in meinem eigenen Beitrag den Bogen von Nationalkonservativen wie Sarrazin bis zu den Kommunisten gespannt, also von der Lesung in Dresden bis zu dem Kongress der „jungen welt“ in Berlin. Ich muss jetzt nicht betonen, dass ich zu beiden Seiten Distanz wahre.

    Aber es gibt in Sarrazins Ausführungen einige Punkte, die ich durchaus diskussionswürdig finde. Warum soll ein Autor in diesem Alter nicht den Wunsch äußern dürfen, dass Deutschland auch in einigen Jahrzehnten noch ein prosperierendes Land mit weitergeführter Tradition sein soll? Konservative Ansichten sind nicht notwendigerweise verdammenswert.

    Ich denke, dass man auf Sarrazin andere Antworten finden muss als auf die NPD. Ich sehe auch nach allem, was mir bisher bekannt wurde, keine Nähe Sarrazins zur NPD und ich vermute, dass er sich nicht mit NPD-Leuten auf ein Podium setzen würde. Die Rechtskonservativen werden sich wohl eher gegen die NPD abgrenzen. Wie hätte sich Sarrazin denn gegen die Anwesenheit der NPD-Abgeordneten wehren sollen? Durch ein vorbeugendes Hausverbot? Durch Rauswurf während der Veranstaltung?

    Von wem wurde Joachim Gauck eigentlich für die Bundespräsidentenwahl aufgestellt?

    Ich glaube nicht an die Gründung einer neuen Partei unter Beteiligung prominenter Köpfe. Wenn es einige Politiker aus der bisher dritten oder vierten Reihe versuchen sollten, werden sie keinen dauerhaften Erfolg haben. Das wäre dann so etwas wie ein Dschungel-Camp für Politiker 😉

    1. Ich konnte keinen Kommentar in der Warteschleife oder im Spam-Ordner finden, das Problem ist allerdings seit Längerem bekannt. Andere Nutzer waren auch schon betroffen. Ich habe aber keine Ahnung, woran das liegen könnte.

      In Punkto universelle Meinungsfreiheit sind wir uns einig, ich spreche Sarrazin nicht ab, seine Ansichten äußern zu dürfen, ich bin aber persönlich entsetzt darüber wie auch darüber, dass sie bei so vielen anderen Anklang finden.

      Was die deutschen Traditionen betrifft, würde ich dir normalerweise jederzeit zustimmen. Was immer man darunter begreift, deutsche Brauchtum ist nichts Schändliches. Allerdings lässt die Stoßrichtung von Sarrazins Buch, die Deutschtum nicht als etwas Gegenständliches begreift, sondern als etwas, das an der Ethnie festgemacht ist und vor dem vorgebliche schädlichen Einfluss Nichtdeutscher, insbesondere Muslimen, geschützt werden müsse, kaum etwas anderes zu als Ablehnung, so man denn Deutschtum als den gemeinsamen Wertekanon ALLER Deutschen begreift.

      Nähe mag Sarrazin persönlich zur NPD keine verspüren, inhaltlich ist sie aber durchaus gegeben, und sie lässt sich auch nicht leugnen, sonst würde er mit seinen Thesen in besagter Partei nicht derart für Begeisterung sorgen. Man spürt die Nähe zu Nazi-Parolen etwa auch, wenn Sarrazin-Befürworter in Verteidigung desselben unter anderem vom „Ausländerproblem“ und von der „Lösung der Migrantenfrage“ schwadronieren.
      Gauck wurde von SPD und Grünen zur Bundespräsidentenwahl aufgestellt.
      Die Gründung einer neuen Partei ist Zukunftsmusik. Ich persönlich kann mir nicht wirklich erklären, wie emnid auf Leute wie Merz, Gauck und Clement kommt. Aber für undenkbar halte ich es auch wieder nicht – immerhin ist auch Sarrazin bislang Mitglied der SPD gewesen.

      1. Ehrlich gesagt: kann mir das Zustandekommen des ganzen FOCUS-Artikels gar nicht erklären. Ich weiß schon, warum ich seit dem ersten Tag ein gesundes Misstrauen gegenüber dieser Illustrierten habe. Die wenigen Exemplare, die ich mal im Hotel gelesen habe, konnten mich davon nicht abbringen — oberflächlich zusammengeschriebene Informationshäppchen und Bildchen …

        Wie gesagt: ich bin sehr vorsichtig in Sachen NPD-Parallelen. Man muss meiner Meinung nach sehr genau zwischen Nationalkonservativen und Neonazis differenzieren. Es gibt natürliche Schnittmengen, aber es gibt auch entscheidende Unterschiede.

        1. Da stimme ich dir doch völlig zu – mir geht es um eben jene Schnittmengen, um nichts anderes. Sarrazin ist in meinen Augen kein Neonazi, er nimmt aber dort Anleihen, was für ein entsprechendes Echo aus dieser Ecke sorgt.

  3. Das mit der „quasi kultischen Verehrung“ finde ich treffend. Das ist bei Sarrazin ein ähnliches Phänomen wie bei Guttenberg und J. Gauck. Dazu kommt eine eventisierende Medienlandschaft, die es liebt, Typen als Helden aufzubauen, und zwar, wie bei den genannten (bei Sarrazin ist es nicht so eindeutig), ohne jedes inhaltliche Argument. Andererseits gibt es zunehmend das Bedürfnis nach einem „starken Mann“. Nicht auszudenken, wenn Sarrazin noch flüssig reden könnte und während des Hypes um sein Buch die Gründung einer neuen Partei angekündigt hätte.

    1. Naja, zwischen Sarrazin und Guttenberg/Gauck würde ich in dieser Hinsicht eher weniger Gemeinsamkeiten erblicken. Einfach deshalb, weil Guttenberg und Gauck nicht ansatzweise die Rolle eines Helden zukommt, der Hunderttausenden aus den Herzen spricht. Das Besondere an Sarrazin ist die „Befreier-Rolle“, die ihm zugeschrieben wird: endlich einer, der „sagt, was alle denken und sich bislang aber in diesem repressiven Staat niemand zu sagen traute“.
      Gegen die Macht, die Sarrazin im Moment hat, sind Guttenbergs gegelte Haartolle und Gaucks Weiser-Häuptling-Auftreten absolut harmlos, ja für meine Begriffe völlig unwichtig. Guttenberg ist eine Modefigur, die mit ihrer jugendlichen Ausstrahlung einem vermufften System etwas Glamour verleihen soll.
      Gauck hingegen ist eigentlich nichts anderes als ein Relikt aus den Wendejahren, mit dem sich sowohl Konservsative als auch Liberale gerne schmücken – im Prinzip ein kleiner Hindenburg 😉 (rein auf seine Rolle bezogen natürlich, nicht auf seine politischen Ansichten)

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