Mehr Demokratie wagen?

Nicht, wenn es nach der schwarz-gelben Regierung des Freistaates Sachsen geht, wie es scheint. Wie demokratisch unser schönes Land wirklich ist, das weiß man tatsächlich erst dann, wenn man einmal versucht hat, sich politisch einzubringen und zwar in eine Richtung, die der Position der Entscheidungsträger zuwiderläuft.
Zu Zeiten klammer Kassen ist der Bürgerwille zudem umso lästiger, bedeutet er doch eigentlich zumeist, dass man vom eigenen Kurs abweichen müsste, der im Falle der schwarz-gelben Sachsen-Koalition lautet: Lieber noch ein wenig mehr an Kultur, Sozialem, der Umwelt und dem Bürger sparen, als teure Image-Kampagnen, Leuchtturm-Förderung, Infrastruktur- und Tourismusprojekte einzuschränken oder gar am eigenen Verwaltungsapparat zu kürzen.

Was tut der Freistaat also, wenn er durch unliebsame Bürgerinitiativen Gefahr läuft, in seiner Sparwut etwa in kulturellen Fragen ausgebremst zu werden? Ganz einfach: Man sperrt jene Vereine und Personen, die unbequeme Fragen stellen und Positionen vertreten, die den Plänen des Freistaates im Wege stehen, einfach aus und verhandelt ausschließlich mit jenen darüber, die man auf seiner Seite weiß.

So läuft es derzeit zur Frage, wie zukünftig mit dem russischen Garnisonfriedhof an der Marienallee verfahren werden soll. Als Produkt von Übereinkommen, die mit der Sowjetunion und der DDR zwischen zwei Staaten getroffen wurden, die seit 20 Jahren nicht mehr existieren, befindet sich zumindest der nicht unter Denkmalschutz stehende Zivilteil heute quasi in einem rechtsfreien Raum. Niemand will ihn haben, niemand fühlt sich verantwortlich. Zuständig ist notgedrungen der Sächsische Staatsbetrieb Immobilien- und Baumanagement (SIB), doch macht man dort kein Hehl daraus, dass man den lästigen Kostenproduzenten am liebsten los wäre.
Da man jedoch mit einer kompletten Räumung die russische Seite verprellen würde, sieht der Kompromiss nun so aus, dass der Zivilteil zwar erhalten werden soll, jedoch nur unter Abriss der oberirdischen Grabmale, damit der Rasenmäher zukünftig schneller über die Grünfläche kommt. Stattdessen sollen 2 neue Steine mit den Namen der Toten aufgestellt werden.
Das muss man sich mal vorstellen: Die Gräber sollen bleiben, aber man raubt ihnen ihren Gedenkstein und anonymisiert sie dadurch. Welch ein würdeloser Kuhhandel, den der Freistaat hier mit den russischen Behörden und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. beschlossen hat und der auch in anderen ostdeutschen Bundesländern derzeit – ebenfalls in Verbindung mit dem Volksbund – Schule macht, um Kosten zu sparen.

Dabei sind die Friedhöfe oft die letzten öffentlich zugänglichen Dokumente einer längst vergangenen Zeit, die so viele offene Fragen hinterlassen hat, und deren Spuren gerade von offizieller Seite am liebsten vollumfänglich getilgt würden. Fakt ist, dass gerade die Grabmale in ihrer Anordnung und mit den Lebendaten und Dienstgraden der Verstorbenen darauf viele Informationen hinsichtlich der Lebensumstände der damals hier stationierten Soldaten und Zivilisten geben, dass die Grabmale auch die letzten Spuren einer Existenz darstellen, die nur allzu oft an den Folgen kommunistischer Gewaltherrschaft und Willkür zugrunde ging.

Im deutschen Gräbergesetz gibt es einen Passus, der den Gräbern der Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft dauerhaften Erhalt im Sinne eines mahnenden Gedenkens zugesteht. Demnach fallen darunter:

Personen, die aufgrund rechtsstaatswidriger Maßnahmen als Opfer des kommunistischen Regimes ums Leben gekommen oder an den Folgen von aufgrund derartiger Maßnahmen erlittener Gesundheitsschädigungen innerhalb eines Jahres nach Beendigung der Maßnahme verstorben sind

Im sowjetischen Militär kamen nach Erkenntnissen von Historikern allein auf dem Gebiet der ehemaligen DDR alljährlich 3000 bis 4000 Soldaten ums Leben – zu Friedenszeiten. Das entsprach 1% aller dauerhaft in der DDR stationierten Sowjetsoldaten, und das jedes Jahr. Etwa 500 davon sollen allein jährlich Selbstmord begangen haben, weitere starben bei Unfällen, Straftaten oder bei standgerichtlichen Exekutionen nach Desertionsversuchen. Wenn DAS keine Willkürherrschaft ist, der der einfache Soldat als vollkommen rechtlose Person mehr oder weniger hilflos ausgeliefert war, dann frage ich mich, was der deutsche Staat dann darunter begreift.

Kritische Stimmen sind in den sächsischen Amtsstuben aber natürlich nicht gefragt, man hat es nun eilig, die eigenen Pläne durchzupeitschen, denn bald ist Stichtag für die Fördermittelvergabe. Deshalb wurden auch zu dem am kommenden Donnerstag stattfindenden Termin zur Sache im Staatsministerium für Soziales lediglich jene Parteien eingeladen, die nachweislich den freistaatlichen Plänen nicht im Wege stehen: Der SIB, das Finanziministerium, der Volksbund für Kriegsgräberfürsorge und Vertreter der russischen Behörden, denen der kulturelle und historische Wert der Grabstätten aus einer vergangenen, abgeschlossenen Epoche gleichgültiger nicht sein könnten.

Das Deutsch-Russische Kulturinstitut, das im April noch mit am Verhandlungstisch saß und dabei eindringlich seine Bedenken gegenüber den Abrissplänen äußerte, wurde nun erst gar nicht über den Termin informiert. Und das, obwohl man dem Vorsitzenden, Herrn Dr. Schälike, noch im April schriftlich zugesichert hatte, seine Position zur Angelegenheit auch künftig zu berücksichtigen. Dass ich von dem bevorstehenden Termin überhaupt erfahren habe, ist einem glücklichen Zufall geschuldet.
Der Freistaat setzt sich mit diesem Verhalten über die Ansichten vieler Menschen in Dresden und auch in den ehemaligen Sowjetrepubliken hinweg. So gesteht der russisch-orthodoxe Glaube, ähnlich dem jüdischen, Verstorbenen ein ewiges Ruherecht zu, so etwas wie ein Erlöschen des Ruherechts nach 25 Jahren wie es das im zernormten und ach so zivilisierten Deutschland gibt, kennt man dort nicht. Zudem ignoriert der Freistaat den Umstand, dass viele Angehörige vielleicht gerne pflegen kommen würden, dies aber über die Distanz schlicht und ergreifend nicht möglich ist.

Die vonseiten des Deutsch-Russischen Kulturinstitutes ins Gespräch gebrachte Möglichkeit, die künftige Pflege des Zivilteils des Friedhofes zu einem guten Teil durch ehrenamtliches Engagement im Rahmen von Begegnungs- und Bildungsseminaren für russische Jugendgruppen oder aber von integrationsfördernden Maßnahmen für in Dresden lebende Migranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken zu bewerkstelligen, will man gar nicht erst diskutieren, sondern versucht nun, klammheimlich hinter verschlossenen Amtstüren eine Entscheidung herbeizuführen, die dann so leicht nicht mehr gekippt werden kann.
Auf das Ersuchen der erneuten Prüfung der Denkmalschutzwürde des Zivilteils, das ich im September beim Landesamt für Denkmalpflege eingereicht hatte, gibt es bis heute keine Reaktion, und vermutlich drängt man beim Freistaat nun auf eine Entscheidung, weil man den Druck der Bürger spürt, die sich mit diesem Raubbau an Kultur und historisch wertvollen Stätten zugunsten einiger eingesparter Euronen nicht abfinden wollen.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Brandenburg, wo das Land und die Kommunen mit den verschiedenen Vereinen und Initiativen an einem Tisch sitzen und gemeinsam über die Zukunft ihrer Garnisonfriedhöfe verhandeln. In Brandenburg ist wohlgemerkt eine rot-rote Regierung an der Macht. Schwarz-Gelb in Sachsen hingegen bevorzugt die Hau-Drauf-Methode des Durchregierens unter Ausschluss kritischer Stimmen und vor allem unter weitestgehender Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass man im Begriff ist, wertvolle Spuren der Vergangenheit auszulöschen, die schon allein aus diesem Grund wert wären, unter Denkmalschutz gestellt zu werden.

12 Gedanken zu „Mehr Demokratie wagen?“

  1. Interessantes Thema, scheint eines deiner „Steckenpferde“ zu sein, Jane, oder? 😉

    Nun der „Druck der Bürger“ ist ja meist ein Druck einiger Bürger und der hat einerseits den Vorteil, dass sich jemand drum kümmert möchte, sich Gedanken um diese oder jene Sache macht, andererseits kann es natürlich auch dazu führen, dass wenn die Sache dann „bearbeitet“ werden soll, Dinge bei herauskommen, die wie ein „Kuhhandel“ aussehen und es häufig auch sind …
    Dass die Sachsen – insbesondere unter einer primär konservativen und eher autoritär eingestellten Regierung – ein seltsames Völkchen sind, ist auch nichts Neues … auch wenn es immer wieder überraschend ist, wie sich das in der Realität auswirken kann.

    Ich frag mal andersherum – ganz persönlich:
    Wäre es dir lieber, wenn man die Sache erstmal so ließe und auf andere (politische) Zeiten wartet?
    Ich meine, was jetzt umgestaltet werden soll, wird sich nicht wieder rückgängig machen lassen … sieht zumindest so aus.
    Wäre also – für mich – der Schluss naheliegend, dass man es erst einmal dabei belässt. Da kann man zwar der Regierung dann auch nicht „vorwerfen“, dass sie nichts tun wöllte, doch besser nichts tun als Dinge, die keiner richtig will. So pragmatisch sehe ich das mal – als Außenstehender.

    Ich persönlich bin kein Anhänger großer Gräberkultur, da ich da eher von mir ausgehe. Wegen mir kann man meine Asche in alle Winde verstreuen 🙂
    Ich kann jedoch Beweggründe anderer Kulturen bzw. deren Umgang mit den Thema Tod durchaus nachvollziehen.

    Der Vorschlag des DRKI – Deutsch-Russisches Kulturinstitut – die Sache mit Hilfe von ehrenamtlicher Arbeit zu pflegen, scheint mir plausibel … wenn man das personell „stemmen“ kann – wie es so schön heißt. Ich frage mich natürlich auch ein bisschen, ob das Interesse des DRKI am Zivilteil erst jetzt so richtig hervortrat als dieser umgestaltet werden sollte? 😉
    Wäre für mich keineswegs als Vorwurf zu sehen, wenn dem so wäre – ist ja häufig so im Leben. Man kann die jetzige Situation ja nutzen … alles braucht eben seine Zeit.

    Letztlich ist es – aus meiner Sicht – eine Frage, ob es eher eine Trauer-/“Trauer-Pflege“- oder eher eine Gedenkstätte werden soll. Trauerpflege ist etwas Persönliches, sprich der Einzelne sollte erkennbar sein. Gedenken ist wohl eher allgemeiner bzw. symbolischer Natur – Gedenken an Leben und Sterben der Sowjetsoldaten/-bürger in der DDR und geschichtliche Zusammenhänge etc. etc.

    Den Trauer-/Pflegeteil können nur Angehörige übernehmen oder Personen, die sich dafür verantwortlich fühlen, z.B. über das DRKI.
    Den Gedenkteil forciert nun scheinbar die Sächs. Regierung mit den russ. Behörden und der Kriegsgräberfürsorge … da wird logischerweise eine kostengünstige Variante gesucht … obgleich die kostengünstigere wäre, alles erst einmal so zu belassen … ja, auch wenn es noch einige Zeit verwahrlost aussehen mag.

    Etwas spitzfindig könnte man da der Sächs. Regierung bestenfalls mit den höheren finanziellen Aufwändungen kommen, welche der jetzt geplante Umbau kosten würde.

    Zudem könnte man anfragen, ob man die diversen Glaubensrichtungen der Verstorbenen berücksichtigt hätte und wie sich dies evtl. mit dem christlichen Verständnis der Totentrauer (bin da Laie) vereinbaren lässt.

    Von der Sache her frage ich mich natürlich auch, Jane, wie du es sehen würdest, wenn meinetwegen in Minsk, Kiew oder Kharkow ein Friedhof mit verstorbenen Deutschen aus den Jahren 1941ff wäre, der umgebaut werden soll?
    Wärest du dann auch bereit den persönlichen Trauerteil vom allgemeinen Gedenkteil (primär wahrscheinlich von Nazi-Jung- und Altkadern) zu trennen?

    Praktisch gesehen, würde ich – falls alles andere nichts bringt -, eine Internetseite einrichten, dort eine Gedenkstein-Fotobank (solange sie noch existieren) einrichten und die Informationen dort sozusagen „lebendig“ erhalten. Der physische Teil mag zwar irgendwann dann nicht mehr vorhanden sein, doch der Erinnerungsteil … das würde dann evtl. auch den Angehörigen etwas nützen, die einfach aus räumlichen Gründen die Gräber nicht pflegen können.
    Allerdings – da gebe ich gern zu – wäre natürlich eine Frage der Religion, ob man das möchte usw., wie man das Medium Internet für die Erinnerung benutzen möchte. Das sind dann schon fast religionserweiternde Fragen, vermute ich, denn zu Zeiten der Entstehung der Religionen gab es das Internet freilich noch nicht 😉

    1. Hallo Micha,

      ja, in der Tat kann man sagen, dass das Thema Garnisonfriedhof zum „Steckenpferd“ geworden ist, ich würde eher sagen, die Stätte an der Marienallee ist momentan so etwas wie ein Sorgenkind.
      Ich halte ihn für historisch-dokumentaristisch zu wichtig, alsdass man ihn derart verkommen lassen und nun sogar seiner wissenschaftlich und ethisch wichtigsten Elemente berauben sollte.

      Der Freistaat argumentiert ausschließlich mit dem Kostenfaktor: Ohne Steine wäre die Pflege weniger aufwendig. Allerdings hatte das DRKI angeboten, in genau diese Bresche zu springen und diesen überschüssigen Pflegeaufwand durch Ehrenamt zu kompensieren. Ich habe mir die Ideen des Insituts angehört und finde sie realisierbar, zumal mit Blick auf die integrations- und verständigungsfördernden Nebeneffekte eines solchen Projektes mit Bürgern ehemaliger Sowjetrepubliken, hier lebenden Migranten und vor allem jungen Leuten.

      Wenn die Lösung also heißt, die Steine müssen weg, dann wäre es mir in der Tat lieber, man ließe erst mal alles so wie es ist und baute nur einen stabilen Zaun um die Anlage, wie es schon längst hätte passieren müssen. Die Beseitigung der momentanen Schäden durch Schwarzwild sowie ggf. der Rückschnitt von Gehölzen müssen dann ehrenamtlich bzw. durch Spendenmittel erbracht werden, worum sich das DRKI ohnehin bereits bemüht – und zwar auch in Russland. Gar nichts tun (also auch kein Zaun) wäre auch nicht gut, denn dann wäre die Anlage ja weiterhin dem schleichenden Verfall preisgegeben. Das Mindeste wäre ein Zaun, der Wildschweine zuverlässig fernhält – schon auch im Interesse der Kriegsgräberstätte, die vor Jahren mit über 1 Million Euro Steuergeldern teuer saniert wurde und heute genauso unter den Wildschäden leidet.

      Was das Engagement des DRKI betrifft, so kann man sagen, dass die sich bereits seit Jahren für den Friedhof als Ganzes einsetzen. Sie haben unter anderem seinerzeit die Sanierung der Kriegsgräberstätte wesentlich erwirkt.

      Ich glaube übrigens nicht, dass man so klar zwischen Trauer- und Gedenkstätte unterscheiden kann, wenn man weiß, dass nach wie vor Angehörige kommen, um ihre Verstorbenen zu besuchen. Immer wieder findet man auch auf dem Nordflügel Blumen an einzelnen Gräbern. Und auf dem Heidefriedhof funktioniert das doch schließlich auch. Da kommt auch niemand auf die Idee, die Grabsteine der Widerstandskämpfer abzureißen – und zwar, weil der Friedhof als solcher komplett unter Denkmalschutz steht, und nicht nur die Gräber der Kriegstoten.
      Das Beseitigen der aktuellen Verwahrlosungen auf dem Nordflügel wäre eigentlich gar nicht so sehr das Problem, das könnte man wie gesagt ehrenamtlich hinbekommen. Das macht aber natürlich keinen Sinn, wenn kein Zaun da ist, der künftige neue Schäden verhindert.Im Prinzip ist das alles, was erst mal nötig wäre: ein stabiler Zaun.
      Der Freistaat will jetzt „alles oder nichts“ – um in den kommenden Jahrzehnten seine Ruhe zu haben. Und diese Hasardeurstum geht eindeutig zulasten kultureller Güter.
      Das Argument der höheren Kosten liegt auf der Hand, aber der Freistaat denkt in langfristigen Kategorien. Der Umbau wird mehrere Zehntausend Euro kosten, kalkuliert man unerwartete Vorkommnisse mit ein, wie sie fast immer auftreten, kommt man schnell über hunderttausend. Für dieses Geld hätte man über Jahre einen Friedhofswärter antellen können, der auf Stundenbasis nach dem Rechten sieht. Das Problem ist, der Freistaat ist für diese Argumente nicht zugänglich.

      Was die Soldatenfriedhöfe in der ehemaligen SU betrifft, kann ich dir nur das Beispiel Charkow (Ukraine) ans Herz legen. Dort befanden sich zigtausende deutscher Wehrmachtssoldaten in Massengräbern. Mit Unterstützung der Stadt Charkow hat der Volksbund Kriegsgräberfürsorge einen Soldatenfriedhof vor den Toren der Stadt anlegen lassen – Zigtausende Wehrmachtssoldaten wurden dafür exhumiert und neu beerdigt.
      http://www.weltkriegsopfer.de/Information-Anzeige-Charkow_Friedhofdetails_0_8.html

      Die Situation lässt sich schon von daher nicht 1:1 gleichsetzen, da es in den Fällen in Russland verstorbener Wehrmachtssoldaten selten Einzelgräber mit einzelnen Gedenksteinen gibt, sondern die meisten in Massengräbern beigesetzt wurden. Man müsste dann also im Falle von Charkow *nachträglich* 40.000 Einzelgrabsteine aufstellen, das ist, denke ich, kaum zu verlangen.
      Wir haben hier bereits einen Friedhof und einen Grabstein auf jedem Grab. Niemand müsste neu beerdigt werden, nichts zwangsläufig neu errichtet. Das Mindeste ist doch aber, dass man den Toten ihren Grabstein lässt, auch wenn es sich nicht um Kriegstote, sondern um Tote handelt, die während der kommunistischen Diktatur und in vielen Fällen durch direkte Willkürakte ums Leben kamen.
      Gestern habe ich zu diesem Thema mit dem Vorsitzenden des Landesverbandes deutsche Kriegsgräberfürsorge Sachsen, Herrn Leroff, „gestritten“, wie man den oben von mir zitierten Punkt 5 des Absatzes 2, Paragraf 1 des deutschen Gräbergesetzes zu deuten hat. Herr Leroff war der Ansicht, dass auch Punkt 5 nur auf die Zeit bis zum 31.3.1952 zu verstehen ist – wobei ich mich frage, warum man das dann bei Punkt 5 nicht auch eindeutig mit hinschreibt, so wie man das bei den Punkten 1-4 und 6 bis 10 des Absatzes penibel getan hat.

      Wie du das mit dem „Trennen des Trauer- vom Gedenkteil“ meinst, verstehe ich nicht so ganz. Ich will ja gar nichts trenne, sondern plädiere für eine Betrachtung des Sowjetischen Friedhofes als Ganzes, als Zeitzeugnis einer historischen Epoche, die ohne den 2. Weltkrieg nie stattgefunden hätte. Sie verdient meiner Ansicht nach den Schutz als Kultur- und Geschichtsdenkmal insgsesamt, nicht nur die Kriegsgräberstätte.

      Über deinen letzten Vorschlag habe ich selbst bereits intensiv nachgedacht. Und falls der Abriss der Grabsteine unvermeidbar sein sollte, wird dies eine wenn auch wenig adäquate Alternative sein.

      1. Wobei du dann natürlich hoffen und bangen musst, dass dir nicht wieder die Datenbank abrauscht… (Zu dem kotzetreibenden Verhalten der Entscheidungsträger schreibe ich mal lieber nichts weiter.)

        1. Wahrscheinlich können die Unterschriften der „abgerauschten“ Petition gerettet werden – so zumindest die letzte Statusmeldung von Admin Stephan („Umgebungsgedanken“). Und die nächste „Petition“ wird handschriftlich aufgesetzt und vor allem von Vereinen und Gruppierungen untezeichnet. Eine Unterschriftenliste wird eventuell im DRKI deponiert – dort erreicht man glaub ich eine größere Zahl von Leuten.

          Was das – ich nenns mal fragwürdige – Verhalten des Freistaates betrifft, so sieht man das ja mittlerweile sogar ich diversen städtischen Amtsstuben, die das Thema annähernd betrifft, genauso. Unter anderem haben Gespräche mit dem Amt für Kultur und Denkmalschutz sowie mit dem Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft stattgefunden, die die Pläne des Freistaates für ähnlich würdelos und kulturfeindlich halten. Blöderweise sind die Möglichkeiten der städtischen Ämter als untergeordnete Behörden in dieser Sache einigermaßen beschränkt.

      2. Danke für den Link nach Charkow, Jane … bzw. Charkiv 😉 … komme bei den vielen Schreibweisen (ukrainisch, russ., dt.) immer etwas durcheinander.

        Nun mit Trauer und Gedenken meine ich das Persönliche (Trauer, also wenn’s um konkrete Personen geht) und Gedenken ist für mich eher allgemeiner Art, einer Sache wegen … Gedenken an die Opfer von XYZ usw.
        Durch das Entfernen der Grabsteine und Versammeln der Namen auf einer Tafel/Mauer würde die persönliche „Note“, wenn man das mal so sagen kann, mehr oder minder vernichtet/entfernt bzw. sehr stark reduziert werden.

        Tja, ansonsten fällt mir bei dem Umgang (danke für die Infos zum DRKI) nicht viel ein … habe das selbst häufiger erlebt, in anderen Zusammenhängen und anderen Themen. Ich persönlich habe mich da eher auf’s Stellen von Fragen „spezialisiert“. Häufig ist das Interesse der Außenwelt nicht allzu groß, was ich verstehen kann, denn vieles berührt einen nicht unmittelbar. Mich interessiert es auch nur äußerst tangentiell, da ich einen anderen Bezug zum Thema „Tod“ habe, vermute ich. Ich sehe das Problem, sozusagen, doch mehr eben auch nicht.
        Und dadurch – die Individualität der Fälle – ist die Politik in 99% der Fälle im Vorteil, zumal sie am längeren Hebel sitzt … und wenn man nicht will, will man eben nicht. Daher meine „Spezialisierung“ auf’s Hinweisen und Fragenstellen … und die Sache mit einem Augenzwinkern betrachten, auch beim Thema „Trauer/Friedhof“ usw.

        Ansonsten bliebe natürlich auch noch der Weg zu klagen, wenn das überhaupt geht … doch das sollte man sich wohl vorher überlegen, ob man sich auf dieses Feld begibt.

        1. Das Problem der Würde der Toten, des feierlichen persönlichen Gedenkens ist nur ein Aspekt. Den kann man, wenn man nicht direkt selbst betroffen ist, zu seinem eigenen machen oder auch nicht, das sei jedem selbst überlassen.
          Vermutlich habe ich meinen Zugang über meine Forschungen gewonnen: Seit ich um das Schicksal vieler junger Sowjetsoldaten hier in der DDR zu Besatzungszeiten weiß, bzw. seit ich weiß, wie viel ich darüber eigentlich noch nicht weiß, hat sich meine Einordnung des Friedhofes sehr gewandelt.
          Und da wären wir bei einem ganz anderen Aspekt, weshalb es sich lohnt, für den Erhalt oder besser noch die Unter-Schutz-Stellung dieses Friedhofsteils zu streiten: nicht nur aus pietistischen Gründen, sondern auch dem Bewusstsein heraus, dass unter der Duldung von DDR-Staatsapparat und -bürgern an jungen Menschen Verbrechen begangen werden konnten. Vorfälle, die meines Erachtens nach mindestens genauso ungeheuerlich sind wie die Toten an der Mauer oder die Überwachung durch die Stasi, die aber nicht einmal ansatzweise den Stand der Aufklärung erreicht haben wie das bei Letztgenannten heute der Fall ist.

          Apropos Charkow/iv: Ich lese gerade „Der schwere Entschluss“ von Wilhelm Adam, dem Adjutanten der 6. Armee, u. a. unter Generalfeldmarschall Paulus, die 1943 bei Stalingrad eingekesselt wurde. Das Buch, erschienen 1965, stellt in gewisser Weise Adams Memoiren dar. Es erzählt ziemlich schonungslos und daher spannend über die Frontlinien rund um Charkow, Schachty, Donetzk, Poltawa bis nach Stalingrad, über die grauenhaften Verluste, die die Wehrmacht in dieser Zeit aufgrund des Wahnsinnigen in Berlin erlitt – 40.000 davon liegen heute auf eben jenem Friedhof bei Charkow beerdigt.

          1. Ich habe dich schon verstanden, Jane … denke ich 😉

            Im Grunde soll nun aus dem Zivilteil so etwas gemacht werden wie in Charkow mit den Soldaten, so ungefähr würde ich das beschreiben. In Charkow ließ sich das alles nicht rekonstruieren bzw. wurden in der Not sozusagen Massengräber angelegt.
            In Dresden gibt es Einzelgräber – nicht nur von Soldaten, sondern auch Angehörigen usw. Die Gräber bleiben, doch die Grabsteine werden zusammengefasst auf einer Tafel.

            Nun kann die „leichtere Pflege“ einer Wiese mit Gedenktafel ein Vorwand sein, doch mir ist noch nicht klar, was der Nutzen der Umgestaltung sein sollte. Gibt es da noch andere Gründe?
            Ich meine, billiger wird’s durch die Umgestaltung nicht. Eine halbjährliche Pflege durch das DRKI bzw. seinen Mitgliedern wäre kostengünstiger, selbst wenn man gewisse Materialkosten bezahlen würde.

            Um die „andere Seite“ mal verstehen zu können … was wurden denn für Gründe seitens der Stadt, des VBD Kriegsgräberfürsorge etc. für die Umgestaltung angegeben?
            Tut mir leid, Jane, du hast so viel drüber geschrieben, doch mir ist es noch nicht klar geworden 😉 … oder ist es einfach Aktionismus mit dem Grundsatz „So soll’s nicht bleiben und da machen wir eben so etwas.“ ??

            1. Ich hab dir mal ne Mail mit Anfrage ans DRKI weitergeleitet … ab einem gewissen Punkt des Interesses interessiert mich das Thema dann über’s „Lesen von Artikeln darüber“ hinaus 😉

              Kann man denn auch der Sächs. Regierung oder dem DVB Kriegsgräberfürsorge ne e-Mail schreiben, wenn man Fragen zum Verständnis hat? Haben die ne konkrete Ansprechperson? … oder Abteilung?
              Wenn du da näheres weißt, wäre ich dir sehr dankbar, Jane.
              Danke im Voraus …

            2. Der Freistaat gibt als Grund für die Umgestaltung zum einen den schlechten Zustand des Friedhofes an (den er selbst durch seine jahrelange Untätigkeit maßgeblich verursacht hat), zum anderen will man endlich eine verbindliche Lösung für die kommenden Jahrzehnte erlangen. Die geplante Art und Weise der Umgestaltung wird ausschließlich mit Kostengründen erklärt: Man möchte lieber jetzt einmal tiefer in die Tasche greifen und weitreichende Veränderungen vornehmen, damit man dann aber in den kommenden Jahren weniger Aufwand hat.
              Das Argument der ehrenamtlichen Pflege ist dem Freistaat nach Aussage der Kriegsgräberfürsorge zu unsicher – man hat Angst, dass man am Ende doch auf den höheren Pflegekosten sitzen bleibt bzw. macht versicherungsrechtliche Gründe geltend.

              Im Grunde geht es mir da aber wie dir: Ich komme da nicht mit. Es kann doch da maximal um einen fünfstelligen Überschussbetrag im Jahr gehen, den man Pflegemehraufwand hätte, ließe man die Grabmale einfach da, wo sie sind.
              Dafür hat mir bislang weder der Freistaat noch der Volksbund für KRiegsgräberfürsoge eine plausible Erklärung liefern können.
              Stattdessen wir – mit Verlaub – ziemlich „rumgeeiert“. So behauptet der Volksbund etwa, viele der Grabsteine im Nordflügel lägen gar nicht mehr an ihren ursprünglichen Stellen (also auf den zugehörigen Gräbern), sondern wären umgesetzt worden – hallo?? Wer sollte so was denn aus welchen Gründen tun? Außerdem spricht die Anordnung der Gräber, die sich nach wie vor in den für sie ursprünglich vorgesehenen Grabfeldern in gleichmäßiger Platzierung befinden, dagegen.
              Der Volksbund behauptet des Weiteren, „viele“ Grabsteine wären schon zu einem früheren Zeitpunkt abgerissen worden, und führt als „Beleg“ einen Haufen alter Sandsteinplatten an, der auf dem Nordflügel am Rande der Anlage seit Jahrzehnten vor sich hingammelt. Diese Platten stammen jedoch nachweislich von einer Umgestaltungsaktion aus den 70er-Jahren, als man die Grabfeldeinfassungen aus Sandstein, die viele Gräber früher noch als Einrahmung aufwiesen, zugunsten eines geringeren Pflegeaufwandes entfernt hatte. Herr Leroff vom Volksbund behauptete mir gegenüber, es handele sich bei dem Abfallhaufen um alte Grabmale, die abgerissen worden seien – und deshalb könne man jetzt auch getrost den Rest entfernen.
              Gegen diese Behauptung sprechen jedoch auch die Listen über die auf dem Friedhof vorgenommenen Bestattungen – darin entfällt für den Nordflüge beinahe exakt dieselbe Anzahl an Bestattungen, wie sich dort heute noch Grabmale finden.
              Herr Leroff fand für diese Tatsache als Erklärung die neuerliche Behauptung, diese Listen seien vermutlich „gefälscht“ worden.

              Wie du siehst – alles sehr mysteriös. Da ist eine dicke Mauer der Abwehr und der Geheimniskrämerei.

              1. Wow, „gefälschte Akten“, Grabsteine, die verschwinden … der Herr Leroff schient entweder eine ausschweifende Fantasie zu haben oder er hat Fakten, die das belegen können 🙂
                Die könnte man ja mal anfordern?

                Hmm, ansonsten stellt sich mir die Frage, was so ein Verein für Kriegsgräberfürsorge eigentlich für ein Hauptziel hat?
                Gedacht, gegoogelt …
                Und worauf stoße ich da?
                Auf die FaceBook-Seite des Vereins … http://ko-kr.connect.facebook.com/pages/Volksbund-Deutsche-Kriegsgraberfursorge/106023909429188?v=info

                Ist das nicht witzig? 🙂

                Offenbar kümmern die sich jedoch eher um „deutsche Tote“ als um „sowjetische Tote“ 😉 … naja, ich ahne da einiges, will’s jedoch mal eher bei der Ahnung belassen und mich bei den Fakten (sofern vorhanden) aufhalten 😉

                1. Herr Leroff scheint vor allem in seiner Position innerhalb des Volksbundes alles andere als unumstritten zu sein – der Dresdner Stadtverband des Bundes hat nämlich unsere Eingabe ans Innenministerium unterzeichnet, zusammen mit dem Erzpriester der russisch-orthodoxen Gemeinde Dresden und noch einigen weiteren Vereinen. 😉

                  Herr Leroff stammt zudem aus den alten Bundesländern – da dürfte die Bindung an spezifisch ostdeutsche Zeitgeschichte naturgemäß nicht die festeste sein. Und dass der Volkbund primär für die Pflege der deutschen Kriegsgräber bzw. die Klärung von Vermisstenfällen und Identitätsfragen im Ausland zuständig ist, ist ja ein offenes Geheimnis.
                  Auf jeden Fall wird es jetzt spannend. Wir haben da, denke ich, eine ziemlich schlagkräftige Petition erstellt – zudem ist es Herrn Dr. Schälike gelungen, die russische Seite für unsere Vorschläge zu sensibilisieren.

                  Wer übrigens seinen Beitrag zum Erhalt der Grabstätten leisten will, kann dies ab sofort im Deutsch-Russischen Kulturinstitut, Zittauer Straße 29, 01099 Dresden, tun – dort liegen seit gestern Unterschriftenlisten bereit.

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