Neustädter „Russen-Sportplatz“ – eine Odyssee von nunmehr 18 Jahren.

Jeder halbwegs sesshaft gewordene Neustädter wird wissen, was gemeint ist, wenn vom „Russen-Sportplatz“ die Rede ist. Das Westareal des Alaunparks, ca. 4 Hektar groß, diente bis zur Wende als Sportplatz für die in den umliegenden Neustädter Kasernen stationierten Sowjetsoldaten. Die letzten Sowjets zogen 1993 aus Dresden ab, das Gelände wurde vom Kampfmittelräumdienst gesichert, die existierenden Gebäude bis auf einige wenige in ihre Bestandteile zerlegt – diese türmen sich dort noch heute in Form loser Platten und Einzelteile. Seit nunmehr 18 Jahren liegt das Gelände brach, bis heute verrotten dort die Überbleibsel der Vergangenheit, bis heute wuchert das Unkraut; und mit dem Unkraut, so scheint es, möchte die Stadt den Mantel des Vergessens über das Areal legen, die Erinnerung an eine Zeit zudecken, die mancher wohl gern aus seinem Gedächtnis tilgen wollte.

Anders kann man sich die nun fast 2 Jahrzehnte dauernde Tatenlosigkeit der Stadt sowie das zermürbende, letztlich zu nichts führende Hickhack um eine Wiederbelebung des Gebietes seitens Parteien, Verbänden und Bürgerinitiativen nicht erklären. Immer wieder taucht das Thema in den Agenden von Ortsbeirats- und Stadtratssitzungen auf – so zuletzt im Dezember 2009 im Ortsbeirat Neustadt -, wusste im kommunalen Wahlkampf 2009 viel Beachtung in der Bevölkerung zu schüren; immer wieder werden Anträge und Anfragen an die Stadtverwaltung und das Land gestellt, immer wieder, so scheint es, versickert das Thema in den Rinnsälen kommunaler Bürokratie.
Wahrlich eine Schande, weiß man doch, dass die Neustadt eines der kinderreichsten Stadtviertel Deutschlands, dicht bebaut und mit verhältnismäßig wenig Grün- und Freiflächen ausgestattet ist. Schon heute treten sich die Menschen auf dem Alaunplatz mit seiner begrenzten Fläche an schönen Tagen fast tot – darunter leiden nicht nur die Menschen, sondern zu allererst auch die Anlage selbst. Im Spätsommer ist vom erquickenden Rasengrün zumindest stellenweise fast nichts als eine erdbraune, kahlgewalzte Wüste übrig geblieben, dank exzessiver und unkontrollierter Nutzung als Bolz-, Grillplatz und für andere raumgreifende Freizeitaktivitäten. Wo sollen sie auch hin? Bis heute gibt es keinen öffentlichen Grillplatz in der Neustadt, keine öffentliche Freizeitanlage mit Spielfeld. Wenn das so weitergeht, wird der Platz als Erholungsoase bald ausgedient haben.

Woran scheitert es also?
Nach Auskunft der Neustadt-Grünen hakt es an einer allgemeinen Kakophonie innerhalb der Kommunikation zwischen Stadt und Land. Die Stadt (in Person der Oberbürgermeister Helma Orosz) möchte nach eigenen Angaben das im Besitz des Landes Sachsen befindliche Areal gerne vom Land kaufen. Das Land Sachsen jedoch will es nach Aussage der Stadt nicht verkaufen. Offiziell behauptet nun aber wieder das Land Sachsen, es läge ihm seitens der Stadt Dresden gar kein Kaufinteresse vor. Wer flunkert hier?
In einem Antwortschreiben der Frau Oberbürgermeisterin Orosz an die anfragende SPD-Landtagsabgeordnete Sabine Friedel vom November 2008 teilte Erstere mit, dass über den Ankauf des Geländes bereits seit 2007 über das Liegenschaftsamt mit dem Land Sachsen Gespräche geführt würden. Als Grund für den stockenden Fortschritt nannte die Bürgermeisterin einen entscheidenden Dissens zwischen Stadt und Land hinsichtlich der Preisvorstellungen.
Angesichts diverser Großprojekte straßen- und gewerbebaulicher Art, die seither in Dresden verwirklicht wurden, frage ich mich ernsthaft, wie es sein kann, dass bei einem dringend notwendigen Projekt zur Aufwertung des Wohnumfeldes eines der pulsierendsten Stadtteile Dresdens ein solches Gefeilsche um den Kaufpreis ausbricht. Wenn das der Grund sein soll, weshalb es in Sachen Russenbrache seit Jahren nicht vorangeht, dann rufe ich hiermit dazu auf, eine Bürgerinitiative zu gründen und notfalls den zur Debatte stehenden Differenzbetrag aus Spendenmitteln aufzubringen, damit dieses Projekt endlich umgesetzt wird.
Dass der Bedarf groß und die Ideen zur Nutzung des Areals vielfältig sind, zeigen Umfragen der Grünen unter Neustädter BürgerInnen:

In meiner Erinnerung präsentierte sich das Gelände zu DDR-Zeiten als bewehrte Bastion, umgeben von Steinmauern, teils mit Stacheldrahtaufsatz, und mit einem eisernen Tor samt Ausfahrt zur Südseite hin. Diese fremdelnde Abwehrhaltung zog uns Kinder magisch an, in großer Zahl lungerten wir oft an oder in der Nähe der Mauer herum und suchten Kontakt zu den Soldaten.
Auf dem Gelände selbst, auf welches man entweder von der Nordseite, von der Tannenstraße aus, oder bei Erklimmen der Mauern einen Blick werfen konnte, befanden sich ein ziemlich erbarmungswürdiges Ballsportfeld mit provisorischer Laufbahn ringsherum, ein schmuckloser Plattenbau – wohl Verwaltungsgebäude -, diverse lagerähnliche Anbauten sowie in der nordöstlichen Ecke, unterhalb der Tannenstraße, ein paar Stallungen mit Schweinen und Hühnern. Auf dem restlichen Gelände boten ungeordnete Haufen von Baumaterial, diverse Armeefahrzeuge und Gerätschaften ein reichlich chaotisches Bild.

Fragte man mich, wie ich die Brache nutzen wollen würde, kämen mir einige der im obigen Video bereits vorgeschlagenen Dinge ebenso in den Sinn: Ein Fußball- und ein Beachvolleyball-Feld etwa, ein Schwimmbad oder auch einfach nur eine schön gestaltete Parklandschaft mit Spielplatz und Feuerstelle.
Eines jedoch schwebt mir vor, was noch nie wirklich jemand im Zusammenhang mit der Neugestaltung des Geländes vorschlug: Ich tue mich schwer mit dem Gedanken, die Vergangenheit mit jeder Menge neuer Farbe und modernen Chics zuzudecken und zu übertünchen. Ich fände es spannend und sinnvoll, Erinnerungen, Fundstücke und Informationen über die einstige Präsenz der sowjetischen Besatzungstruppen zusammenzutragen und in einer Art Lehrpfad oder Ausstellung dem kollektiven Gedächtnis zu übergeben.

7 Gedanken zu „Neustädter „Russen-Sportplatz“ – eine Odyssee von nunmehr 18 Jahren.“

    1. Ich weiß. Aber für meine Begriffe kann es, darf es doch nicht ewig so weitergehen. Ich glaube, dass die Stadt das Projekt vor sich herschiebt, weil eine geplante Freizeitanlage eben gemeinnützig wäre und keinen Profit abwirft, mit dem sich das alles wieder refinanzieren lassen würde.

      Trotzdem: Warum baut man auf einem Stück Park, das ohnehin schon Park und für die Freizeitnutzung freigegeben war, eine Kita, statt endlich diesen Schandfleck zu kaufen und die Kita dort hinzubauen? Die Freizeitanlagen nebendran hätte man dann gleich in einem Aufwasch miterledigen können. Ich begreifs nicht.

    1. Naja, für neue Einkaufszentren an Albertplatz und Postgelände scheint das Geld dann ja wieder da zu sein.
      Ich finde es außerdem schade, dass die Neustädter Bevölkerung, die doch sonst mit so viel Idealismus glänzt, sich so wenig engagiert. Wenn ich daran denke, mit wie viel teils krimineller Energie für die Wiederbelebung von leer stehenden Häusern gestritten wird (siehe Hausbesetzungen in der Leipziger Vorstadt oder im Hecht), dann frage ich mich, wieso wird sich nicht mit legalen Mitteln für solche Zwecke engagiert, wo es eben nicht nur um den Erfolg eigener Projekte geht, die man sich in den Kopf gesetzt hat, sondern um eines, das allen Neustädter Bürgern zugutekommen würde?
      Man könnte doch zum Beispiel auf dem Alaunpark am Rande der Brache eine Demo samt Volksfest organisieren, um so viele Leute wie möglich überhaupt erst mal für das Thema zu sensibilisieren – im Video hört man es doch: Die meisten gehen dort täglich vorbei und haben die Brache als gegeben angenommen, machen sich keinerlei Gedanken um das Thema. Mit so wenig Druck aus der Bevölkerung ist es nur konsequent, dass die Politik das Projekt vor sich herschiebt.

  1. Ich würde vorschlagen, das Gelände am 17.06.10 zu besetzen und es zum Staatsgebiet der BRN zu erklären und es dann mit neuen Leben erfüllen.

    1. Wohl nicht gleich besetzen, aber eventuell könnte man beim Land Sachsen eine Genehmigung erwirken, auf einem kleinen Teil des Geländes zur BRN Veranstaltungen abzuhalten, die über die Geschichte des Geländes und mögliche Nutzungskonzepte informieren und das Ganze mit einer gehörigen Portion Spaß und guter Laune anreichern. Da wäre ich sehr dafür.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.